Poker-Game

– Das Jahr 2951 –

Kapitel

1

Die Rettung

Es  hört sich an, als würde jemand in der Ferne nach mir rufen.

„Brubacker…hey…wach auf…“

Ich spüre, wie an mir gerüttelt wird.

Ich öffne leicht die Augen.

„John…“

„Hmmm…?“

„Komm, wir müssen los…wir wissen nicht, wann sie wiederkommen…“

Ich spüre, wie ich wieder wegsacke.

Dann beugt sich jemand über mich.

„Brubacker…hoch mit dir!“

Ich spüre, wie sie mir aufhelfen. Ich öffne die Augen ein wenig mehr.

„Zero….Chhris…was ist passiert?“

„Du bist entführt worden. Wir retten dich.“

„Wo bin ich?“

„Auf Microtech. Drogenlabor Necropolis….komm, wir müssen dringend los.“

„Mir ist schwummerig.“

„Ja…das wird schon wieder…Hauptsache, du kotzt mir nicht ins Schiff.“

„…nur, wenn du Blumenkübel an Bord hast.“

Ich setze mich gerade hin.

„Ist schon wieder ganz der Alte…“

„Die müssen irgendwas in mich reingepumpt haben.“

Dann fällt mir alles wieder ein.

Die Party nach der Messe. Der Schlag auf den Kopf.

„Smith…“, sage ich leise.

*****

Zero und Chhris packen mich rechts und links unter dem Arm, dann verlassen wir das Drogenlabor. Die frische Luft Microtechs weckt meine Geister. Sie holen mich mit einer Mercury Starrunner ab. Es ist Zeros Schiff und während er fliegt, setze ich mit ins Quartier des Captains. Chhris bleibt bei mir. So langsam werde ich wieder klar.

„Nun mal raus mit der Sprache“, sagt Chhris. „Weißt du, wer das war?“

Ich nicke.

„Smith.“

„Wer ist das?“

„Gib mir noch einen Moment. Wo fliegen wir hin?“

„In einen Schutzshelter auf die andere Seite des Planeten.“

Nachdem wir gelandet sind und uns im Shelter gesammelt haben, sortiere ich meine Gedanken, dann erkläre ich alles. Den Unfall auf der Rangin, den Kälteschlaf, die Organisation, die mich angeblich durch die Zeit geschickt hat. Smith – und dass er offenbar von dieser Organisation ist. Chhris und Zero sehen mich an, als würden sie einem Verrückten zuhören.

„So,so, du bist also über 700 Jahre alt…“, sagt Zero schließlich nach einer Pause.

„…und stammst also aus der Vergangenheit.“

Er macht eine Pause, blickt mich durchdringend an.

„Vielleicht sollten wir ihn doch lieber ins Krankenhaus bringen“, sagt Chhris.

„Eher in eine Irrenanstalt. Ein seltsamer Vogel warst du ja schon immer. Aber das…“

„Es ist wahr!“, erwidere ich. „…und ich weiß, wie sich das alles anhört.“

Schließlich atmet Zero tief durch, zieht die Augenbrauen hoch, dann liest er mir den Funkspruch vor, der mir offenbar das Leben gerettet hat:

“Bringen Sie unseren Mann zur Sicherheit nun aus dem System. Keinesfalls darf  bekannt werden, was auf H. abgestürzt ist. Momentan ist er sediert in einem Drogenlabor auf MT.“

Nachdem ich mich auf mehrere Funksprüche nicht gemeldet hatte und es dann noch um einen geheimnisvollen Absturz auf Hurston ging, hat Zero eins und eins zusammengezählt.

„…da wusste ich, das kannst nur du sein.“

 Ich nicke, dann sage ich: „Irgendjemand weiß, dass wir an den Killersatelliten dran sind…“  

Beide nicken wortlos.

„Und jetzt?“, fragt Zero schließlich.

Ich zucke mit den Schultern.

„Ich habe nicht den geringsten Plan.“

„Vielleicht solltest du erstmal ein wenig die Füße still halten“, sagt Chhris.

Schließlich laufen wir zum Schiff zurück. Zero will noch irgendwelche Drogen verkaufen, die er in einem anderen Labor erstanden hat. Ich bleibe hingegen auf Port Tresslar und blicke gedankenverloren hinunter auf Microtech. 

Journaleintrag 24 / 01 / 2951

Zwei Monate war ich sediert. Mittlerweile ist viel geschehen. Zero hat auf eigene Faust weiter recherchiert, um die Wahrheit über das Komplott im Stanton System ans Licht zu bringen. Unter anderem hat er einen Kommunikationssatelliten über Hurston angezapft, um herauszufinden, welche Rolle Constantin Hurston in dem ganzen Schlamassel spielt – ein glücklicher Umstand. So fing Zero den entscheidenden Funkspruch auf. Auch scheint sich zu bestätigen, was wir schon die ganze Zeit vermuten – Shubin Interstellar will offenbar illegale Handelsbeschränkungen für Miner durchsetzen. Hochwertige Metalle können seit kurzem nur noch in den Handelszentren der Haupt-Landezonen auf den Planeten verkauft werden. Kurzum: Die Sache nimmt Fahrt auf.

*****

2

Die Bedrohung

Wir stehen im Atrium der Commons auf New Babbage, als plötzlich alle die Köpfe heben und entsetzt auf einen riesigen Bildschirm über uns blicken – darauf zu sehen: ein Pirat. Seine Worte lassen uns sofort das Blut in den Adern gefrieren:

„Achtung, Bewohner von Stanton. Wir sind ab sofort diejenigen, die die Kontrolle über das System haben. Wir sind die Xeno Threat“.

Nachdem die Botschaft geendet hat, ertönt auf allen Mobiglases zeitgleich auch schon der Ton für eine Dringlichkeitsnachricht. Sie stammt von der „Civilian Defense Force Initiative“. Laut Nachricht haben Piraten der Gruppe „Xeno Threat“ Konvoi-Schiffe auf ihrer Route zur Jericho-Station im Stanton-System überfallen, wie sie wohl auch für eine Menge anderer Verbrechen im System die Verantwortung tragen. Kurzum: Es handelt sich um eine feindliche Invasion, offenbar aus dem benachbarten Pyro-System. Nun ruft die Navy alle Bewohner Stantons dazu auf, aus den Wracks wichtige Güter zu bergen und zur Station  zu bringen. Gleichzeitig müsse ein Javelin-Kreuzer, der an der Station angedockt hat und für den Einsatz kampfbereit gemacht werden soll, unter allen Umständen verteidigt werden.

Chhris und ich blicken uns fassungslos an. Eben erst hatte ich beschlossen, mich nicht weiter in Panik versetzen zu lassen. Motto: So viel Normalität wie möglich. Ich weiß, wer hinter meiner Entführung gesteckt hat. Und ich bin unbeschadet wieder auf freiem Fuß – dank meiner Freunde. Wenn ich auf mich aufpasse, passiert mir das kein zweites Mal – und jetzt dies.

„Was machen wir?“, frage ich Chhris, nach Worten ringend.

„Na, mithelfen, diese Invasion abzuwehren“, antwortet er ohne Umschweife.

Ich nicke.

„Dann mal los.“

Wir rennen zur Bahn, steigen in Chhris Superhornet, und fliegen gemeinsam zu einer Station, die Jericho am nächsten liegt. Unterwegs melden wir uns bei Rowena Dulli, Advocacy Attaché der CDF, die den Einsatz koordiniert. Uns wird mitgeteilt, dass wir mit feindlichen Kräften zu rechnen haben, die sich bisher zwar noch an der Peripherie des Systems befinden, aber ebenfalls auf dem Weg zu den Wracks sind.

„Vielleicht sollten wir lieber mit zwei Hornets fliegen?“, frage ich Chhris.

Ich sehe, wie er vor mir kurz nickt.

„…und Fabi Bescheid geben. Ein junger, verdammt guter Pilot mit Nerven aus Stahl“, ergänzt er.

„Gut.“

Minuten später landen wir auch schon auf der Station, wo uns Fabi bereits erwartet.

Die Begrüßung ist kurz, der Hektik geschuldet.

So schnell es geht, starten wir wieder.

An den Wracks haben sich bereits andere Bürger Stantons eingefunden. Verschiedene Materialien gilt es nun zu bergen, manches sehr explosiv, anderes instabil. Alle vor Ort begreifen schnell: Die Aufgabe kann nur gemeinsam gemeistert werden. Erst recht, als plötzlich die ersten Wellen der Piraten eintreffen. Gemeinsam stürzen wir uns in die Schlacht. Ich gerate in einen regelrechten Kampfrausch, keine Ahnung, ob das schon immer in mir gesteckt hat, und schieße Schiff um Schiff ab. Mal halten wir uns gegenseitig den Rücken frei, dann bergen Chhris und Fabi aus dem Innern der Wracks Materialen, während ich draußen Patrouille fliege. Bald habe ich zehn Piraten auf meiner Uhr.

„Wow, ich wusste gar nicht…“, staunt Chhris, von dem ich ja weiß, dass er ein Flieger-Ass ist.

„Kannst mich Killer-Opa nennen“, erwidere ich lächelnd.

Dass ich unlängst neue gelenkgelagerte Waffen auf die Hornet montieren ließ, erklärt meine neue Trefferquote, aber: egal. Es macht jedenfalls einen Heidenspaß, den Piraten Saures zu geben. Immer wieder geht es zwischen den Wracks und der Station Jericho hin und her. Sogar mittelgroße Schlachtschiffe der Idris-Klasse werfen die Piraten in die Schlacht. Auch sie feuern aus allen Rohren. Gemeinsam wehren wir Welle um Welle ab – schließlich, nach mehreren Stunden, ist es geschafft: Die Piraten sind bis auf Weiteres zurückgeschlagen.

Ich blicke auf mein Konto – und kann es nicht fassen. Die UEE hat sich für diesen Einsatz nicht lumpen lassen – und mir sage und schreibe rund 300.000 Credits überwiesen. Während wir zurückfliegen, sinniere ich: Die Feder ist mächtiger als das Schwert? Daran glaube ich zwar immer noch. Mehr Credits und Merits sind aber auch nicht schlecht.

*****

3

Brotkrumen

Was für ein Stress! Kaum haben wir die Piraten-Bedrohung mit vereinten Kräften zurückgedrängt, geht es Schlag auf Schlag weiter. Chhris meldet sich am nächsten Tag übers Mobiglas – ob ich ihn auf Microtech zu einem Treffen begleiten könne. Er sei mit Thane McMarshall verabredet, der von ihm ein paar Infos über da Silva haben wolle. Ich sage zu, schließlich lässt man einen Freund nicht hängen. Außerdem: Vielleicht erfahren wir so selbst auch ein paar neue Infos.  Chhris holt mich am Spaceport ab, gemeinsam fliegen wir hinüber zum Dach des Aspire Grand, wo ich McMarshall auch damals zum ersten Mal getroffen hatte.

„Irgendeine Ahnung, worum es geht?“

„Nope.“

McMarshall sieht wie immer geschniegelt aus und auch an seiner unverbindlichen Art, viel zu reden, aber nur wenig zu sagen, hat sich nichts geändert. Er wirkt nur kurz überrascht mich zu sehen, dann verschwinden alle Emotionen wieder hinter seiner Manager-Fassade. Es zeigt sich: Die beiden kannten sich von Microtech zwar vom Sehen, wirklich viel zu tun hatte Chhris mit ihm aber nicht. Da Silva, ich erinnere mich an das, was Chhris mir erzählt hatte, war derjenige, der mit den kampffähigen Chips offenbar illegalen Geschäften nachgegangen und sie an Piraten verscherbelt hatte. Plötzlich fällt von McMarshall ein mir unbekannter Name: Xedan Thormento…irgendwas klingelt da…schließlich fällt es mir wieder ein: Thormento war derjenige, mit dem ich mich für den Spacehub Gundo-Auftrag ursprünglich hatte treffen sollen, der dann aber in Vertretung McMarshall geschickt hatte. Offenbar ein Überflieger aus reicher Familie, den man aus welchen Gründen auch immer gleich bis in die Konzernspitze berufen hatte und der jetzt verschwunden ist. Ich verstehe nur Bahnhof – was hat das mit uns zu tun? Plötzlich senkt sich McMarshalls Stimme.

„Lassen Sie uns zum Mond nach Euterpe fliegen – und dort alles Weitere besprechen. Hier ist es nicht sicher…“

Ich bin diesmal nur die Begleitung, lasse Chhris alles entscheiden. Komisch kommt es mir allerdings schon vor. Fragend blickt er mich an. Ich zucke mit den Schultern. Täuscht der Eindruck oder ist McMarshall nervös?

„Okay.“ Chhris willigt ein.

Wir fliegen mit einer Constellation Phoenix, dem Luxusliner der Schiffsklasse. Hinten drin: Bar, Whirlpool, noble Einrichtung.

„Ich hätte gedacht, in Ihrer Position lässt man fliegen?“

„Leider nein. Ist auch nicht mein Schiff“, erwidert McMarshall lächelnd.

„Es stammt aus dem Fuhrpark Microtechs – oh, wir sind gleich da.“

McMarshall geht in der Nähe eines Outposts mit dem viel sagenden Namen Buds Growery runter. Chhris blickt grinsend durch die Frontschreibe.

„Hier kann man jede Menge Agricium schürfen“, sagt er. Smalltalk.

Ich nicke geistesabwesend. Mining – das wird nie mein Ding.

Dafür haben offenbar die beiden ein Thema gefunden. Während des Landeanflugs fachsimpeln sie über Erze, Mineralien, Refining-Prozesse, dann sind wir endlich unten.

„Bisschen einsam hier“, werfe ich ein.

Im Außenposten scannt McMarshall zunächst nach Abhörgeräten. Dann wendet er sich Chhris zu, mit der Frage, was er ihm über da Silva erzählen könnte. Chhris beschreibt seinen Ex-Chef als fähigen Technikspezialisten, aber auch als eher durchschnittliche Führungskraft. McMarshall hört anscheinend interessiert zu, kommt mir aber fahrig vor. Schließlich meint er, er müsse noch einmal zum Schiff zurück und wir sollten kurz auf ihn warten.

Wir nicken und bleiben mit tausend Fragen zurück.

Die Zeit vergeht – und McMarshall kommt nicht wieder.

Ich gehe zur Tür. Sie ist blockiert.

„Das gibt’s doch nicht…der Mistkerl hat uns eingeschlossen. Ist einfach abgehauen…“

Plötzlich  piepen fast gleichzeitig unsere Mobiglas – und wir erhalten kryptische Dokumente. Chhris liest mir vor, was bei ihm steht, dann zeige ihm meines.

„Was zur Hölle hat das nun wieder zu bedeuten?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung.“

*****

*****

Die Minuten vergehen, während wir uns den Kopf zerbrechen. Plötzlich wird die Tür aufgebrochen – doch statt McMarshall richten drei Kerle ihre schwerkalibrigen Waffen auf uns und bezichtigen uns, eine Entführung begangen zu haben.

„Wo ist unser Kommandant?“

„Wer?“

„Kjeld Stormarnson.“

Ich komme mir vor, wie in einem schlechten Film.

„Wer zur Hölle ist das?“

„Wir stellen die Fragen. Mitkommen!“

Wir wissen nicht, ob wir lachen oder weinen sollen angesichts der Absurdität der Situation – und doch folgen wir. Wir werden zu einer nah stehenden Mercury Star Runner gescheucht. Wieder und wieder betonen wir, mit einer Entführung nichts zu tun zu haben. Es fliegen ein paar heftige Worte hin und her, dann beruhigt sich die Situation. Unsere Entführer stellen sich Mitglieder von Tyr Security vor. Aha.

Wir sind gespannt, was als Nächstes passiert.

*****

Plötzlich klettert aus dem oberen Deck der Star Runner jemand herab, den wir ums Verrecken nicht vermutet hätten – Zero Sense.

„Zero…was zum Teufel hast du mit diesen Kidnappern zu schaffen?“

Er atmet tief durch, dann klärt er uns auf: Er sei quasi „unter Druck“ angeheuert worden.

Wir verstehen nur noch Bahnhof. Zero rollt mit den Augen.

„…ich habe ein paar Drogen rund um Microtech geschmuggelt. Die Herren haben als Söldner für Microtech mein Schiff aufgebracht. Aber statt mich in den Knast zu stecken, boten sie mir einen Deal an.“

„Und zwar?“

„Ich sollte einen Menschen schmuggeln…wir sollten ihn hier treffen.“

Wir blicken uns ratlos an.

„Wir sind eingesperrt worden und nun haben uns deine neuen Freunde gefangen genommen und werfen uns vor, ihren Chef entführt zu haben.“

Zero blickt uns ebenso verwirrt an, wie wir ihn.

Wir erzählen von den kryptischen Botschaften. Der Sicherheitsmann fordert uns auf, ihm alles auszuhändigen, was wir widerstrebend wegen vorgehaltener Waffe tun – doch auch er kann damit nichts anfangen.

„Ähem…“

Plötzlich heißt es vom Anführer, wir müssten nach Yela – keine Ahnung wieso. Mittlerweile ist es mir aber auch egal. Um dort unbemerkt landen zu können, schlägt Zero vor, den Comm Array über dem Mond zu deaktivieren. Gesagt, getan. Chhris und ich werden weiterhin bewacht, während Zero innerhalb des Satelliten seinen Job erledigt. Als Zero zurückkehrt, ist er kreidebleich.

„Schau mal, was ich bei dem Hack noch für eine Botschaft aus dem Speicher gezogen habe…“

Er zeigte mir schnell und heimlich die Nachricht.

„Was soll das nun schon wieder?“

„Keinen Schimmer.“

Zero, der offenbar Vertrauen zu einem der Entführer gefasst hat, zeigt ihm die Botschaft ebenfalls.

„…wahrscheinlich stammt die Nachricht von den Leuten, die hinter unserer Zielperson her sind. Die sehen uns als Bedrohung an, weil wir eben die Zielperson schützen”, antwortete der Security-Mann  seelenruhig. Mir bringt diese Info wenig, Zero scheint sie indes zu beruhigen. Dann zeigt er ein weiteres kryptisches Dokument.

Oh Mann.

Minuten später landen wir auf Yela. Durch das offene Intercom eines Tyr-Mannes höre ich, dass irgendwo gekämpft wird. Plötzlich springt der Kommandant des Schiffes, ein Mann namens Amöbe auf, und sagt, dass Stormarnson – den wir angeblich entführt haben sollen – auf Port Olisar sei. Augenblicklich fliegen wir los – und treffen auf der alten Station über Crusader eine Menge verwirrter Leute, die offenbar alle an der Nase herumgeführt worden waren.

Auch McMarshall ist darunter.

„Was war das denn? Wohin sind Sie plötzlich?“

„Ich bin ebenfalls entführt worden. Aber nur kurzzeitig…“

„Wie bitte?“

„Mr Brubacker, später. Offenbar wird mit uns allen ein undurchsichtiges Marionettenspiel betrieben.“

Erneut lasse ich mich von McMarshall abspeisen. Vielleicht bin ich aber nur zu müde, um mein Gehirn anzustrengen. Jedenfalls: Irgendetwas verdammt Großes ist hier im Gange. Der Komplott im Stanton-System scheint noch viel umfangreicher zu sein als wir bisher vermutet haben. Die waffenfähigen Chips von Microtech scheinen nur die Spitze des Eisbergs zu sein. In den Informationen die wir nun haben, ist plötzlich die Rede von einer Biowaffe. Als würden Killersatelliten nicht schon genügen. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Und auch Chhris ist sprachlos. Ich blicke zu ihm, er starrt wütend McMarshall an. Chhris scheint innerlich zu kochen, die Faust in der Tasche geballt. In was sind wir da nur hineingeraten?

*****

4

Ein wenig Licht im Dunkel

Ich blicke Chhris entgeistert an. Hat er über Nacht Kreide gefressen? Tagelang lag er mir in den Ohren, wie hart er mit McMarshall umspringen wolle – nun lädt er ihn plötzlich auf einen Plausch unter Freunden in eine  Bar ein. Mir hingegen platzt daher fast der Metallkragen meines Raumanzugs.

„…ich will wissen: Treiben Sie doppeltes Spiel und haben Sie eine geheime Agenda? Oder arbeiten Sie offen und ehrlich mit uns zusammen?“, fauche ich McMarshall an.

McMarshall, Sicherheitschef von Microtech, scheint tatsächlich verdattert. So unsicher habe ich ihn noch nie gesehen.

„Letzteres natürlich.“

Wenige Tage zuvor hatte er uns angeschrieben, ob er und Kjeld Stormarnson sich noch einmal mit uns treffen könnten, um zu klären, was zum Henker auf dem Mond Euterpe geschehen war und warum er uns eingesperrt in einem Outpost mitten im Nirgendwo zurückgelassen hatte.

Wir erfahren: In der Constellation versteckt war bereits erwähnter Xedan Thormento mitgeflogen. Wir waren ein Vorwand, um ihn heimlich von New Babbage wegzubringen, weil er offenbar um sein Leben fürchtete. Kurz eingesperrt sollten wir nur sein, damit McMarshall ihn unbemerkt auf ein anderes Schiff bringen konnte. Danach wollte er zu uns zurückkehren und wir hätten unser  Gespräch fortgesetzt. Dummerweise wurden McMarshall und Thormento plötzlich selbst gekidnappt.

Während wir uns McMarshalls Version der Story anhören, pfeift uns der Wind um die Ohren. Chhris hatte als Einschüchterungstaktik einen Schrottplatz auf Daymar als Treffen ausgewählt. Über uns kreisen zu unserer Absicherung die „Helldiver“.

Zero Sense, ebenfalls bei dem Treffen mit dabei, erweist sich unterdessen immer mehr als ausgefuchste Spürnase. In den Tagen zuvor hatte er alle Brotkrumen zusammengetragen, Links hergestellt, versucht ein Bild zusammenzusetzen. Demnach ist Xedan Thormento, den Chhris und McMarshall zwar aus der Zusammenarbeit bei Microtech, aber nicht persönlich näher kennen, tief in den Skandal um die verschwundenen MTX-1-Microchips verwickelt. Also wohl auch in das, was damit offenbar angestellt werden soll.

Wie es aussieht, wollte er sein eigenes Süppchen kochen, um nicht nur seine Karriere, sondern eine Vision voranzutreiben: Während seines steilen Aufstiegs bei Microtech hatte er offenbar immer wieder von einem „Sternenkonzern“ phantasiert, der die Megacorps Stantons unter einem Dach vereinigen sollte – eine Macht, der niemand mehr etwas entgegenzusetzen gehabt hätte.

Wir lassen die Informationen, die uns allesamt neu sind, sacken, dann verdeutliche ich McMarshall  noch mal nachdrücklich meine Position, von der ich hoffe, dass sie die anderen teilen: „Nehmen wir das einmal so hin. Aber eines müssen Sie verstehen: Was Sie hier von uns heute bekommen, ist eine zweite Chance. Keine Lügen mehr.“

Aus McMarshalls Gesicht, soviel kann ich hinter seinem Helm erkennen, ist die Hochmütigkeit verschwunden. Er weiß: Irgendwo bei Microtech hat es eine riesige Sicherheitslücke gegeben und falls er diese nicht schleunigst schließt, so rollt auch sein Kopf.

Nach einer Pause sagt er: „Das ist mir bewusst, Mr. Brubacker.“

Ich atme tief durch.

Zero stellt ein paar Fragen, die er vorher notiert hatte. Ich beobachte McMarshall genau, als er spricht. Immer deutlicher wird: Die Killersatelliten scheinen nur die Spitze des Eisbergs zu sein, wir sind an einer riesigen Verschwörung dran, die alle Grenzen des Vorstellbaren sprengt.

Chhris neben mir streckt sich.

„Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich könnte jetzt einen Schluck gebrauchen.“

Wir steigen in Zero Sense’ Star Runner und beschließen, nach ArcCorp zu fliegen – soweit weg von Microtech, wie möglich. Chhris, McMarshall und ich halten uns während des Fluges im Captainsquartier auf.

„Spielen Sie eigentlich Schach?“

Er nickt – und so lange der Flug nach ArcCorp dauert, starren wir konzentriert auf das Brett. Es scheint, als verlagerten wir unseren Konflikt auf die Spielfiguren. Wir nehmen uns gegenseitig ein paar, dann meldet Zero, dass wir im Landeanflug seien.

„Das führen wir ein andermal fort“, sagt McMarshall.

„Gern“, erwidere ich und bin froh, dass wir landen. Es sah nicht gut für mich aus.

Wir fahren in die Innenstadt und wollen in der „G-Loc“-Bar mal ein wenig unsere Gedanken sortieren. Zuvor zeige ich McMarshall jedoch, wo „Off the Record“ seinen Sitz hat.

„Gemütlich“, sagt er mit Blick in die Hinterhofgasse.

„…jeder hat mal klein angefangen. Vielleicht werde ich ja eines Tages noch ein richtiger Medien-Mogul?“

„Zuzutrauen wäre es Ihnen.“

„Lass Sie uns zu den anderen gehen.“

Minuten später sitzen wir am großen Panoramafenster der Bar. Nachdem alle anderen ihre Getränke haben, werfen wir alle Puzzleteile zusammen.

So sieht es aktuell aus: Offenbar wurde von einem gewissen Professor Mobi auf Microtech an einem gefährlichen Erreger für eine Biowaffe namens „Enos“ im Kampf gegen die Vanduul gearbeitet. Dann aber starb Mobi bei einem Unfall in seinem Labor. So lautet zumindest die offizielle Version. An seinen Forschungsergebnissen waren anschließend jedoch weiterhin verschiedene geheime Mächte interessiert. Doch dann drohte das Projekt öffentlich zu werden. Crusader Security nahm Ermittlungen auf, nachdem mehrere Personen auf dem Mond Celin durch einen unbekannten Erreger erkrankten. Diese Personen waren alle kurz zuvor im Planetensystem Microtech – vermutlich handelte es sich hier um eben diesen „Enos“-Erreger.

Soweit, so schlecht. Ich blicke aus dem Fenster und sinniere. War unser vermeintlicher Killersatellit vielleicht der Prototyp für eine Biowaffe? Aber geht es nur um die Vanduul? Oder steckt vielleicht noch mehr dahinter? Was, wenn man mit dieser Waffe auf ganzen Planeten das Leben auslöschen könnte, um so etwa den „Fair Chance Act“ zu umgehen? Um Raum für die Expansion des Menschen ins All zu schaffen? Klingt zu irre? Vielleicht. Genauso irre, wie künstlich einen ganzen Planeten zu bauen wie die „Synthworld“? Was, wenn das Projekt nicht realisierbar ist und die Konzerne nun eine “Alternative” suchen? 

Die anderen debattieren sich die Köpfe heiß. Argumente werden gewogen und gewichtet. Nun, zumindest in einem haben wir uns schon mal komplett geirrt: in Xeno Threat. Wir hatten vermutet, dass Port Olisar zerstört werden sollte. Das ist nicht eingetreten. Ja, die Piraten waren eine handfeste Bedrohung für das Stanton-System. Und ja, man kann auf der Station auch keine Mineralien mehr verkaufen – etwas, das wohl Shubin sehr gelegen kommt. Aber sonst? Zumindest in diesem Punkt gilt: Offenbar viel Wind um nichts. Ich habe die dunkle Ahnung, dass das nicht so bleiben wird.

*****

Journaleintrag 23 / 02 / 2951

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage werden wir angemorst – und zum zweiten Mal tappern wir brav hin. Diesmal möchte uns Kjeld Stormarnson seine Sicht der Dinge erläutern, was vor wenigen Tagen geschehen war und was sich hier vor unseren Augen entfaltet. Wir sitzen auf der Piratenstation Grimhex wie auf einer Hühnerstange nebeneinander, darunter auch Vertreter von Gruppen namens GBC und Yellohands, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte. Auch sie scheinen irgendwie in die Verschwörung verwickelt zu sein, haben ebenfalls offenbar sonderbare Puzzleteile bekommen. Dann fallen lauter mir völlig unbekannte Namen – und relativ flott schalte ich ab. Ich muss nicht das ganze Verse retten geschweige denn kennenlernen. Stormarnson redet und redet. Plötzlich fällt ein Name, der mich aufhorchen lässt: Xedan Thormento. Er ist offenbar wieder aufgetaucht und liegt auf einer Krankenstation.  Chhris will wissen, wann wir ihn befragen können, mir scheint: Stormarnson windet sich, will darauf nicht konkret antworten.  Auch erfahren wir, dass McMarshalls Eltern für Microtech ebenfalls an Bio- bzw. Nanotechnolgie gearbeitet haben.  Vielleicht wissentlich oder unwissentlich auch an „Enos“? Sie waren bei einem Metroloop-Unfall auf Microtech ums Leben gekommen, etwa zur gleichen Zeit, als sich auch der Unfall in Mobis Labor ereignete. Zufall – oder Mord? Kaum fügen sich in diesem Puzzle zwei Teile, passt es an anderer Stelle wieder nicht.  

*****

Journal-Eintrag 28 / 02 / 2951

Genau ein Jahr ist es her, dass „Off the Record“ seine Türen geöffnet hat. Ich erinnere mich noch genau an die erste Geschichte über einen Wächter auf Lorville, der durchbrannte und das Verse kennenlernte – und wie ich damals in der Redaktion über dieser Story brütete. Einsam, unsicher und doch voller Hoffnung. Danach folgten schnell viele weitere tolle Geschichten.

Nein, nie hätte ich damals mit dem großen Erfolg gerechnet, den die Redaktion innerhalb kürzester Zeit haben würde – welche Chance sollte ein kleiner Krauter schon gegen die großen NewsOrgs des Verse haben? Nun aber bin ich an der größten Story und Verschwörung dran, die das Universum vielleicht bisher jemals gesehen hat…

Ich laufe durch die Menschenmassen und begrüße jeden Gast einzeln – Chhris ist natürlich gekommen, auch Zero, Commander Mando, Thane McMarshall und viele andere. Hawk kümmert sich um die Technik im Hintergrund. Auch ist es schön, Jabea mal wieder zu sehen. Die Musik aus den Boxen wummert, die Getränke fließen in „Wallys Bar“ auf Microtech und  der von mir eigens engagierte Moderator, ein Mann namens Junah Radegast, dem ich bei der Sendung zur Imperator-Wahl schon einmal begegnet war, lockert die Stimmung auf und führt Kurz-Interviews. Kurzum: Die Party zum einjährigen Bestehen von „Off the Record“ könnte nicht schöner sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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