Project Enos

– Das Jahr 2951 –

Unbekannt: „…dann lassen Sie mal hören.“

Agent: „Nun, wie Sie wissen, ist Spacehub Gundo über dem Mond Daymar bereits vor einiger Zeit zerstört worden. Bisher war die genaue Ursache unbekannt. Die Öffentlichkeit nimmt bis heute an, dass es sich dabei um einen Unfall gehandelt hat. Jetzt jedoch haben wir neue Erkenntnisse. Eine Caterpillar ist in unmittelbarer Nähe bei einem Piratenüberfall explodiert. Offenbar ging es dabei um neuartige Chips von Microtech – waffenfähige Chips, wie wir mittlerweile wissen. Diese waren an Bord des Schiffes. Bei einer offenbar vorgetäuschten Untersuchung der Station sollten die Chips wiederbeschafft werden. Der zuständige Sicherheitschef, ein Mann namens Thane McMarshall, ist damit beauftragt worden. Um die Öffentlichkeit ruhig zu stellen, wurde ausgerechnet “Off the Record” mitgenommen.“

Unbekannt: „…Off the Record?“

Agent: „John Brubacker.“

Unbekannt: „Wie bitte?“

Agent: „Er hat die Redaktion vergangenes Jahr gegründet.“

Unbekannt: „…auch das noch…weiter…”

Agent: „Plötzlich bieten die Piraten, ein Syndikat namens Black Project an, die Chips gegen eine hohe Summe zu tauschen. Offenbar haben sie keine Ahnung, was sie da haben. Doch die Übergabe geht schief. Das Schiff, auf dem sich der Koffer mit den Chips befindet, explodiert. Zumindest ist das die offizielle Version. Der Journalist hat darüber einen detaillierten Bericht geschrieben. Ist im File angehängt.“

Unbekannt: „…weiter…“

Agent: „Aufeinandertreffen mit Zero Sense, Miner und Mitglied eines Aktivistennetzwerkes aus Levski. Die glauben, Shubin würde ihnen durch Marktmanipulationen die Preise verderben. Zusammenhang mit dem Chips-Diebstahl bislang noch nicht ersichtlich.”

 Unbekannt: „Herrje. Wissen wir noch was über ihn?“

Agent: „Er ist nicht gerade UEE-Anhänger.“

Unbekannt: „…fahren Sie fort….“

Agent: „Brubacker hat darüber auch einen Bericht verfasst. Bisher stochert er aber nur im Nebel. Zero Sense übergibt Brubacker Unterlagen, die beweisen sollen, dass Shubin dunkle Geschäfte betreibt. Nach dem Bericht „Heiße Chips“ zieht die Sache  weitere Kreise. Chhris Miller, ehemaliger Entwicklungschef bei Microtech, pingt  Brubacker an. Dieser lässt sich auf ein Treffen ein. Miller hat die Chips für Microtech mitentwickelt. Hat aber wohl aus privaten Gründen mittlerweile gekündigt.”

Unbekannt: „…aha…“

Agent: „Wir wissen nicht wie, aber sie stoßen mit der Nase schließlich auf den abgestürzten Com-Satelliten auf Hurston und finden darin einen MTX1-Chip von Microtech. Nun reimen sie sich etwas zusammen. Nach unseren Erkenntnissen haben sie aber keine Ahnung, wie nah dran sie wirklich sind. Brubacker haben wir trotzdem erstmal kalt gestellt.” 

Unbekannt: „Ihre Einschätzung?“

Agent: „Schwierig. Viele Stränge und Verknüpfungen. Sollten wir es aber tatsächlich mit Killersatelliten zu tun haben, mit denen man ganze Planeten erpressen kann, dann…“

 Unbekannt: „…bleiben Sie dran, Smith.“

Agent: „Ja, Sir.“


New Babbage, Microtech, Stadt der Innovationen….

“Habt Ihr das damals auch gehört? Im Sommer 2947 ist Professor Mobi, Vorreiter der Bio-Bot Technologieoptimierung, samt seiner privaten Forschungsgruppe auf dem Mond Clio bei einem Laborunfall ums Leben gekommen. Der offiziellen Aussage der microTech Protection Force nach, hat es eine unterirdische Explosion gegeben. Mehr als drei dutzend Wissenschaflter verloren ihr Leben. Einzig und allein zwei schwer verletzte Sicherheitskräfte überlebten den Vorfall und meldeten es der Protection Force. Interessanterweise konnte bis heute nicht festgestellt werden, woran genau Professor Mobi dort gearbeitet hat. Es hieß offiziell, er habe einen Weg gefunden seine Bio-Bot Technologie auch im Bergbau anwenden zu können, was meiner Meinung nach aber absurd ist. Der Mann war kein Steineklopper und hat sich immer einen Dreck um die Bergbauindustrie gekümmert. Und dann sind die beiden Sicherheitskräfte auch noch im Krankenhaus verstorben. Die ganze Geschichte wurde unter den Tisch gekehrt. Dass daraufhin weitere befreundete Wissenschaftler von Mobi hier in New Babbage ihren Job aufgaben, das Weite suchten oder bei einem Metroloop-Unfall starben, hat niemanden weiter gestört. Ich verstehe Crio und Lyrian mit ihrer „Dietro le Quinte”-Protestbewegung und ihren Anschuldigungen der Vertuschung der Großkonzerne! Ich sage euch: Schaut Hinter die Kulissen! Lasst euch nicht beirren, was euch die großen Tech-Könige ins Ohr flüstern!”

– Juan Perdez (Moderator der Talk-Show SNOW in Newbbabge|15.Folge 31.12.2950

*****

… New Babbage … eine Stadt der Innovation, hochmoderner Technologien und der reichen Tech-Lobbyisten. Man könnte meinen, der mächtige Großkonzern hat seine Finger überall irgendwo in der UEE im Spiel. Wortwörtlich hat uns Alfonz am Handgelenk, denn das MobiGlas genießt eine Monopolstellung in der Tech-Welt. All der Einfluss und effektive Entwicklung wäre ohne ein stabiles naturwissenschaftliches und technisches Netzwerk jedoch nicht möglich. Die eiskalten Innovationsbarone und Funktionäre von Microtech Corporation besitzen ein breites Feld von hauseigener Forschungsindustrie und akademischer Laborarbeit. 

Unter den ambitioniertesten und eigenwilligsten Wissenschaftlern befand sich auch Professor Mobi, Vorreiter der medizinischen Bio-Bot-Technologie. Aufgrund seiner hochangesehenen Forschungsarbeit, willigte Microtech ein, dass er Investitionen für private Forschungseinrichtungen erhielt. Daraus entstand zum einen die private Wissenschaftsakademie “Eldfjall University”, sowie diverse Forschungsgruppen, die in ganz Stanton verteilt sind.

Nach einem Unfall auf dem Mond Clio kam Professor Mobi und einige seiner wichtigsten Mitarbeiter ums Leben, woraufhin sämtliche Freunde und Forschungskollegen in New Babbage ebenfalls spurlos verschwanden oder bei Unfällen ihr Leben verloren. Die Rede im Untergrund der Stadt ist nun von einer geheimen Gruppierung und einer damit verbundenen privaten Forschung mit tödlichen Folgen. Doch woran hat Mobi geforscht? War sein Tod Sabotage? Und wenn ja, wer steckt hinter diesem Attentat? ​Was wie ein Krimi beginnt, kann schnell in einem umfassenden Schattenkrieg enden…


Kapitel

1

Die Rettung

Es  hört sich an, als würde jemand in der Ferne nach mir rufen.

„Brubacker…hey…wach auf…“

Ich spüre, wie an mir gerüttelt wird.

Ich öffne leicht die Augen.

„John…“

„Hmmm…?“

„Komm, wir müssen los…wir wissen nicht, wann sie wiederkommen…“

Ich spüre, wie ich wieder wegsacke.

Dann beugt sich jemand über mich.

„Brubacker…hoch mit dir!“

Ich spüre, wie sie mir aufhelfen. Ich öffne die Augen ein wenig mehr.

„Zero….Chhris…was ist passiert?“

„Du bist entführt worden. Wir retten dich.“

„Wo bin ich?“

„Auf Microtech. Drogenlabor Necropolis….komm, wir müssen dringend los.“

„Mir ist schwummerig.“

„Ja…das wird schon wieder…Hauptsache, du kotzt mir nicht ins Schiff.“

„…nur, wenn du Blumenkübel an Bord hast.“

Ich setze mich gerade hin.

„Ist schon wieder ganz der Alte…“

„Die müssen irgendwas in mich reingepumpt haben.“

Dann fällt mir alles wieder ein.

Die Party nach der Messe. Der Schlag auf den Kopf.

„Smith…“, sage ich leise.

*****

Zero und Chhris packen mich rechts und links unter dem Arm, dann verlassen wir das Drogenlabor. Die frische Luft Microtechs weckt meine Geister. Sie holen mich mit einer Mercury Starrunner ab. Es ist Zeros Schiff und während er fliegt, setze ich mit ins Quartier des Captains. Chhris bleibt bei mir. So langsam werde ich wieder klar.

„Nun mal raus mit der Sprache“, sagt Chhris. „Weißt du, wer das war?“

Ich nicke.

„Smith.“

„Wer ist das?“

„Gib mir noch einen Moment. Wo fliegen wir hin?“

„In einen Schutzshelter auf die andere Seite des Planeten.“

Nachdem wir gelandet sind und uns im Shelter gesammelt haben, sortiere ich meine Gedanken, dann erkläre ich alles. Den Unfall auf der Rangin, den Kälteschlaf, die Organisation, die mich angeblich durch die Zeit geschickt hat. Smith – und dass er offenbar von dieser Organisation ist. Chhris und Zero sehen mich an, als würden sie einem Verrückten zuhören.

„So,so, du bist also über 700 Jahre alt…“, sagt Zero schließlich nach einer Pause.

„…und stammst also aus der Vergangenheit.“

Er macht eine Pause, blickt mich durchdringend an.

„Vielleicht sollten wir ihn doch lieber ins Krankenhaus bringen“, sagt Chhris.

„Eher in eine Irrenanstalt. Ein seltsamer Vogel warst du ja schon immer. Aber das…“

„Es ist wahr!“, erwidere ich. „…und ich weiß, wie sich das alles anhört.“

Schließlich atmet Zero tief durch, zieht die Augenbrauen hoch, dann liest er mir den Funkspruch vor, der mir offenbar das Leben gerettet hat:

“Bringen Sie unseren Mann zur Sicherheit nun aus dem System. Keinesfalls darf  bekannt werden, was auf H. abgestürzt ist. Momentan ist er sediert in einem Drogenlabor auf MT.“

Nachdem ich mich auf mehrere Funksprüche nicht gemeldet hatte und es dann noch um einen geheimnisvollen Absturz auf Hurston ging, hat Zero eins und eins zusammengezählt.

„…da wusste ich, das kannst nur du sein.“

 Ich nicke, dann sage ich: „Irgendjemand weiß, dass wir an den Killersatelliten dran sind…“  

Beide nicken wortlos.

„Und jetzt?“, fragt Zero schließlich.

Ich zucke mit den Schultern.

„Ich habe nicht den geringsten Plan.“

„Vielleicht solltest du erstmal ein wenig die Füße still halten“, sagt Chhris.

Schließlich laufen wir zum Schiff zurück. Zero will noch irgendwelche Drogen verkaufen, die er in einem anderen Labor erstanden hat. Ich bleibe hingegen auf Port Tresslar und blicke gedankenverloren hinunter auf Microtech. 

Journaleintrag 24 / 01 / 2951

Zwei Monate war ich sediert. Mittlerweile ist viel geschehen. Zero hat auf eigene Faust weiter recherchiert, um die Wahrheit über das Komplott im Stanton System ans Licht zu bringen. Unter anderem hat er einen Kommunikationssatelliten über Hurston angezapft, um herauszufinden, welche Rolle Constantin Hurston in dem ganzen Schlamassel spielt – ein glücklicher Umstand. So fing Zero den entscheidenden Funkspruch auf. Auch scheint sich zu bestätigen, was wir schon die ganze Zeit vermuten – Shubin Interstellar will offenbar illegale Handelsbeschränkungen für Miner durchsetzen. Hochwertige Metalle können seit kurzem nur noch in den Handelszentren der Haupt-Landezonen auf den Planeten verkauft werden. Kurzum: Die Sache nimmt Fahrt auf.

*****

2

Die Bedrohung

Wir stehen im Atrium der Commons auf New Babbage, als plötzlich alle die Köpfe heben und entsetzt auf einen riesigen Bildschirm über uns blicken – darauf zu sehen: ein Pirat. Seine Worte lassen uns sofort das Blut in den Adern gefrieren:

„Achtung, Bewohner von Stanton. Wir sind ab sofort diejenigen, die die Kontrolle über das System haben. Wir sind die Xeno Threat“.

Nachdem die Botschaft geendet hat, ertönt auf allen Mobiglases zeitgleich auch schon der Ton für eine Dringlichkeitsnachricht. Sie stammt von der „Civilian Defense Force Initiative“. Laut Nachricht haben Piraten der Gruppe „Xeno Threat“ Konvoi-Schiffe auf ihrer Route zur Jericho-Station im Stanton-System überfallen, wie sie wohl auch für eine Menge anderer Verbrechen im System die Verantwortung tragen. Kurzum: Es handelt sich um eine feindliche Invasion, offenbar aus dem benachbarten Pyro-System. Nun ruft die Navy alle Bewohner Stantons dazu auf, aus den Wracks wichtige Güter zu bergen und zur Station  zu bringen. Gleichzeitig müsse ein Javelin-Kreuzer, der an der Station angedockt hat und für den Einsatz kampfbereit gemacht werden soll, unter allen Umständen verteidigt werden.

Chhris und ich blicken uns fassungslos an. Eben erst hatte ich beschlossen, mich nicht weiter in Panik versetzen zu lassen. Motto: So viel Normalität wie möglich. Ich weiß, wer hinter meiner Entführung gesteckt hat. Und ich bin unbeschadet wieder auf freiem Fuß – dank meiner Freunde. Wenn ich auf mich aufpasse, passiert mir das kein zweites Mal – und jetzt dies.

„Was machen wir?“, frage ich Chhris, nach Worten ringend.

„Na, mithelfen, diese Invasion abzuwehren“, antwortet er ohne Umschweife.

Ich nicke.

„Dann mal los.“

Wir rennen zur Bahn, steigen in Chhris Superhornet, und fliegen gemeinsam zu einer Station, die Jericho am nächsten liegt. Unterwegs melden wir uns bei Rowena Dulli, Advocacy Attaché der CDF, die den Einsatz koordiniert. Uns wird mitgeteilt, dass wir mit feindlichen Kräften zu rechnen haben, die sich bisher zwar noch an der Peripherie des Systems befinden, aber ebenfalls auf dem Weg zu den Wracks sind.

„Vielleicht sollten wir lieber mit zwei Hornets fliegen?“, frage ich Chhris.

Ich sehe, wie er vor mir kurz nickt.

„…und Fabi Bescheid geben. Ein junger, verdammt guter Pilot mit Nerven aus Stahl“, ergänzt er.

„Gut.“

Minuten später landen wir auch schon auf der Station, wo uns Fabi bereits erwartet.

Die Begrüßung ist kurz, der Hektik geschuldet.

So schnell es geht, starten wir wieder.

An den Wracks haben sich bereits andere Bürger Stantons eingefunden. Verschiedene Materialien gilt es nun zu bergen, manches sehr explosiv, anderes instabil. Alle vor Ort begreifen schnell: Die Aufgabe kann nur gemeinsam gemeistert werden. Erst recht, als plötzlich die ersten Wellen der Piraten eintreffen. Gemeinsam stürzen wir uns in die Schlacht. Ich gerate in einen regelrechten Kampfrausch, keine Ahnung, ob das schon immer in mir gesteckt hat, und schieße Schiff um Schiff ab. Mal halten wir uns gegenseitig den Rücken frei, dann bergen Chhris und Fabi aus dem Innern der Wracks Materialen, während ich draußen Patrouille fliege. Bald habe ich zehn Piraten auf meiner Uhr.

„Wow, ich wusste gar nicht…“, staunt Chhris, von dem ich ja weiß, dass er ein Flieger-Ass ist.

„Kannst mich Killer-Opa nennen“, erwidere ich lächelnd.

Dass ich unlängst neue gelenkgelagerte Waffen auf die Hornet montieren ließ, erklärt meine neue Trefferquote, aber: egal. Es macht jedenfalls einen Heidenspaß, den Piraten Saures zu geben. Immer wieder geht es zwischen den Wracks und der Station Jericho hin und her. Sogar mittelgroße Schlachtschiffe der Idris-Klasse werfen die Piraten in die Schlacht. Auch sie feuern aus allen Rohren. Gemeinsam wehren wir Welle um Welle ab – schließlich, nach mehreren Stunden, ist es geschafft: Die Piraten sind bis auf Weiteres zurückgeschlagen.

Ich blicke auf mein Konto – und kann es nicht fassen. Die UEE hat sich für diesen Einsatz nicht lumpen lassen – und mir sage und schreibe rund 300.000 Credits überwiesen. Während wir zurückfliegen, sinniere ich: Die Feder ist mächtiger als das Schwert? Daran glaube ich zwar immer noch. Mehr Credits und Merits sind aber auch nicht schlecht.

*****

3

Brotkrumen

Was für ein Stress! Kaum haben wir die Piraten-Bedrohung mit vereinten Kräften zurückgedrängt, geht es Schlag auf Schlag weiter. Chhris meldet sich am nächsten Tag übers Mobiglas – ob ich ihn auf Microtech zu einem Treffen begleiten könne. Er sei mit Thane McMarshall verabredet, der von ihm ein paar Infos über da Silva haben wolle. Ich sage zu, schließlich lässt man einen Freund nicht hängen. Außerdem: Vielleicht erfahren wir so selbst auch ein paar neue Infos.  Chhris holt mich am Spaceport ab, gemeinsam fliegen wir hinüber zum Dach des Aspire Grand, wo ich McMarshall auch damals zum ersten Mal getroffen hatte.

„Irgendeine Ahnung, worum es geht?“

„Nope.“

McMarshall sieht wie immer geschniegelt aus und auch an seiner unverbindlichen Art, viel zu reden, aber nur wenig zu sagen, hat sich nichts geändert. Er wirkt nur kurz überrascht mich zu sehen, dann verschwinden alle Emotionen wieder hinter seiner Manager-Fassade. Es zeigt sich: Die beiden kannten sich von Microtech zwar vom Sehen, wirklich viel zu tun hatte Chhris mit ihm aber nicht. Da Silva, ich erinnere mich an das, was Chhris mir erzählt hatte, war derjenige, der mit den kampffähigen Chips offenbar illegalen Geschäften nachgegangen und sie an Piraten verscherbelt hatte. Plötzlich fällt von McMarshall ein mir unbekannter Name: Xedan Thormento…irgendwas klingelt da…schließlich fällt es mir wieder ein: Thormento war derjenige, mit dem ich mich für den Spacehub Gundo-Auftrag ursprünglich hatte treffen sollen, der dann aber in Vertretung McMarshall geschickt hatte. Offenbar ein Überflieger aus reicher Familie, den man aus welchen Gründen auch immer gleich bis in die Konzernspitze berufen hatte und der jetzt verschwunden ist. Ich verstehe nur Bahnhof – was hat das mit uns zu tun? Plötzlich senkt sich McMarshalls Stimme.

„Lassen Sie uns zum Mond nach Euterpe fliegen – und dort alles Weitere besprechen. Hier ist es nicht sicher…“

Ich bin diesmal nur die Begleitung, lasse Chhris alles entscheiden. Komisch kommt es mir allerdings schon vor. Fragend blickt er mich an. Ich zucke mit den Schultern. Täuscht der Eindruck oder ist McMarshall nervös?

„Okay.“ Chhris willigt ein.

Wir fliegen mit einer Constellation Phoenix, dem Luxusliner der Schiffsklasse. Hinten drin: Bar, Whirlpool, noble Einrichtung.

„Ich hätte gedacht, in Ihrer Position lässt man fliegen?“

„Leider nein. Ist auch nicht mein Schiff“, erwidert McMarshall lächelnd.

„Es stammt aus dem Fuhrpark Microtechs – oh, wir sind gleich da.“

McMarshall geht in der Nähe eines Outposts mit dem viel sagenden Namen Buds Growery runter. Chhris blickt grinsend durch die Frontschreibe.

„Hier kann man jede Menge Agricium schürfen“, sagt er. Smalltalk.

Ich nicke geistesabwesend. Mining – das wird nie mein Ding.

Dafür haben offenbar die beiden ein Thema gefunden. Während des Landeanflugs fachsimpeln sie über Erze, Mineralien, Refining-Prozesse, dann sind wir endlich unten.

„Bisschen einsam hier“, werfe ich ein.

Im Außenposten scannt McMarshall zunächst nach Abhörgeräten. Dann wendet er sich Chhris zu, mit der Frage, was er ihm über da Silva erzählen könnte. Chhris beschreibt seinen Ex-Chef als fähigen Technikspezialisten, aber auch als eher durchschnittliche Führungskraft. McMarshall hört anscheinend interessiert zu, kommt mir aber fahrig vor. Schließlich meint er, er müsse noch einmal zum Schiff zurück und wir sollten kurz auf ihn warten.

Wir nicken und bleiben mit tausend Fragen zurück.

Die Zeit vergeht – und McMarshall kommt nicht wieder.

Ich gehe zur Tür. Sie ist blockiert.

„Das gibt’s doch nicht…der Mistkerl hat uns eingeschlossen. Ist einfach abgehauen…“

Plötzlich  piepen fast gleichzeitig unsere Mobiglas – und wir erhalten kryptische Dokumente. Chhris liest mir vor, was bei ihm steht, dann zeige ihm meines.

„Was zur Hölle hat das nun wieder zu bedeuten?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung.“

*****

*****

Die Minuten vergehen, während wir uns den Kopf zerbrechen. Plötzlich wird die Tür aufgebrochen – doch statt McMarshall richten drei Kerle ihre schwerkalibrigen Waffen auf uns und bezichtigen uns, eine Entführung begangen zu haben.

„Wo ist unser Kommandant?“

„Wer?“

„Kjeld Stormarnson.“

Ich komme mir vor, wie in einem schlechten Film.

„Wer zur Hölle ist das?“

„Wir stellen die Fragen. Mitkommen!“

Wir wissen nicht, ob wir lachen oder weinen sollen angesichts der Absurdität der Situation – und doch folgen wir. Wir werden zu einer nah stehenden Mercury Star Runner gescheucht. Wieder und wieder betonen wir, mit einer Entführung nichts zu tun zu haben. Es fliegen ein paar heftige Worte hin und her, dann beruhigt sich die Situation. Unsere Entführer stellen sich Mitglieder von Tyr Security vor. Aha.

Wir sind gespannt, was als Nächstes passiert.

*****

Plötzlich klettert aus dem oberen Deck der Star Runner jemand herab, den wir ums Verrecken nicht vermutet hätten – Zero Sense.

„Zero…was zum Teufel hast du mit diesen Kidnappern zu schaffen?“

Er atmet tief durch, dann klärt er uns auf: Er sei quasi „unter Druck“ angeheuert worden.

Wir verstehen nur noch Bahnhof. Zero rollt mit den Augen.

„…ich habe ein paar Drogen rund um Microtech geschmuggelt. Die Herren haben als Söldner für Microtech mein Schiff aufgebracht. Aber statt mich in den Knast zu stecken, boten sie mir einen Deal an.“

„Und zwar?“

„Ich sollte einen Menschen schmuggeln…wir sollten ihn hier treffen.“

Wir blicken uns ratlos an.

„Wir sind eingesperrt worden und nun haben uns deine neuen Freunde gefangen genommen und werfen uns vor, ihren Chef entführt zu haben.“

Zero blickt uns ebenso verwirrt an, wie wir ihn.

Wir erzählen von den kryptischen Botschaften. Der Sicherheitsmann fordert uns auf, ihm alles auszuhändigen, was wir widerstrebend wegen vorgehaltener Waffe tun – doch auch er kann damit nichts anfangen.

„Ähem…“

Plötzlich heißt es vom Anführer, wir müssten nach Yela – keine Ahnung wieso. Mittlerweile ist es mir aber auch egal. Um dort unbemerkt landen zu können, schlägt Zero vor, den Comm Array über dem Mond zu deaktivieren. Gesagt, getan. Chhris und ich werden weiterhin bewacht, während Zero innerhalb des Satelliten seinen Job erledigt. Als Zero zurückkehrt, ist er kreidebleich.

„Schau mal, was ich bei dem Hack noch für eine Botschaft aus dem Speicher gezogen habe…“

Er zeigte mir schnell und heimlich die Nachricht.

„Was soll das nun schon wieder?“

„Keinen Schimmer.“

Zero, der offenbar Vertrauen zu einem der Entführer gefasst hat, zeigt ihm die Botschaft ebenfalls.

„…wahrscheinlich stammt die Nachricht von den Leuten, die hinter unserer Zielperson her sind. Die sehen uns als Bedrohung an, weil wir eben die Zielperson schützen”, antwortete der Security-Mann  seelenruhig. Mir bringt diese Info wenig, Zero scheint sie indes zu beruhigen. Dann zeigt er ein weiteres kryptisches Dokument.

Oh Mann.

Minuten später landen wir auf Yela. Durch das offene Intercom eines Tyr-Mannes höre ich, dass irgendwo gekämpft wird. Plötzlich springt der Kommandant des Schiffes, ein Mann namens Amöbe auf, und sagt, dass Stormarnson – den wir angeblich entführt haben sollen – auf Port Olisar sei. Augenblicklich fliegen wir los – und treffen auf der alten Station über Crusader eine Menge verwirrter Leute, die offenbar alle an der Nase herumgeführt worden waren.

Auch McMarshall ist darunter.

„Was war das denn? Wohin sind Sie plötzlich?“

„Ich bin ebenfalls entführt worden. Aber nur kurzzeitig…“

„Wie bitte?“

„Mr Brubacker, später. Offenbar wird mit uns allen ein undurchsichtiges Marionettenspiel betrieben.“

Erneut lasse ich mich von McMarshall abspeisen. Vielleicht bin ich aber nur zu müde, um mein Gehirn anzustrengen. Jedenfalls: Irgendetwas verdammt Großes ist hier im Gange. Der Komplott im Stanton-System scheint noch viel umfangreicher zu sein als wir bisher vermutet haben. Die waffenfähigen Chips von Microtech scheinen nur die Spitze des Eisbergs zu sein. In den Informationen die wir nun haben, ist plötzlich die Rede von einer Biowaffe. Als würden Killersatelliten nicht schon genügen. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Und auch Chhris ist sprachlos. Ich blicke zu ihm, er starrt wütend McMarshall an. Chhris scheint innerlich zu kochen, die Faust in der Tasche geballt. In was sind wir da nur hineingeraten?

*****

4

Ein wenig Licht im Dunkel

Ich blicke Chhris entgeistert an. Hat er über Nacht Kreide gefressen? Tagelang lag er mir in den Ohren, wie hart er mit McMarshall umspringen wolle – nun lädt er ihn plötzlich auf einen Plausch unter Freunden in eine  Bar ein. Mir hingegen platzt daher fast der Metallkragen meines Raumanzugs.

„…ich will wissen: Treiben Sie doppeltes Spiel und haben Sie eine geheime Agenda? Oder arbeiten Sie offen und ehrlich mit uns zusammen?“, fauche ich McMarshall an.

McMarshall, Sicherheitschef von Microtech, scheint tatsächlich verdattert. So unsicher habe ich ihn noch nie gesehen.

„Letzteres natürlich.“

Wenige Tage zuvor hatte er uns angeschrieben, ob er und Kjeld Stormarnson sich noch einmal mit uns treffen könnten, um zu klären, was zum Henker auf dem Mond Euterpe geschehen war und warum er uns eingesperrt in einem Outpost mitten im Nirgendwo zurückgelassen hatte.

Wir erfahren: In der Constellation versteckt war bereits erwähnter Xedan Thormento mitgeflogen. Wir waren ein Vorwand, um ihn heimlich von New Babbage wegzubringen, weil er offenbar um sein Leben fürchtete. Kurz eingesperrt sollten wir nur sein, damit McMarshall ihn unbemerkt auf ein anderes Schiff bringen konnte. Danach wollte er zu uns zurückkehren und wir hätten unser  Gespräch fortgesetzt. Dummerweise wurden McMarshall und Thormento plötzlich selbst gekidnappt.

Während wir uns McMarshalls Version der Story anhören, pfeift uns der Wind um die Ohren. Chhris hatte als Einschüchterungstaktik einen Schrottplatz auf Daymar als Treffen ausgewählt. Über uns kreisen zu unserer Absicherung die „Helldiver“.

Zero Sense, ebenfalls bei dem Treffen mit dabei, erweist sich unterdessen immer mehr als ausgefuchste Spürnase. In den Tagen zuvor hatte er alle Brotkrumen zusammengetragen, Links hergestellt, versucht ein Bild zusammenzusetzen. Demnach ist Xedan Thormento, den Chhris und McMarshall zwar aus der Zusammenarbeit bei Microtech, aber nicht persönlich näher kennen, tief in den Skandal um die verschwundenen MTX-1-Microchips verwickelt. Also wohl auch in das, was damit offenbar angestellt werden soll.

Wie es aussieht, wollte er sein eigenes Süppchen kochen, um nicht nur seine Karriere, sondern eine Vision voranzutreiben: Während seines steilen Aufstiegs bei Microtech hatte er offenbar immer wieder von einem „Sternenkonzern“ phantasiert, der die Megacorps Stantons unter einem Dach vereinigen sollte – eine Macht, der niemand mehr etwas entgegenzusetzen gehabt hätte.

Wir lassen die Informationen, die uns allesamt neu sind, sacken, dann verdeutliche ich McMarshall  noch mal nachdrücklich meine Position, von der ich hoffe, dass sie die anderen teilen: „Nehmen wir das einmal so hin. Aber eines müssen Sie verstehen: Was Sie hier von uns heute bekommen, ist eine zweite Chance. Keine Lügen mehr.“

Aus McMarshalls Gesicht, soviel kann ich hinter seinem Helm erkennen, ist die Hochmütigkeit verschwunden. Er weiß: Irgendwo bei Microtech hat es eine riesige Sicherheitslücke gegeben und falls er diese nicht schleunigst schließt, so rollt auch sein Kopf.

Nach einer Pause sagt er: „Das ist mir bewusst, Mr. Brubacker.“

Ich atme tief durch.

Zero stellt ein paar Fragen, die er vorher notiert hatte. Ich beobachte McMarshall genau, als er spricht. Immer deutlicher wird: Die Killersatelliten scheinen nur die Spitze des Eisbergs zu sein, wir sind an einer riesigen Verschwörung dran, die alle Grenzen des Vorstellbaren sprengt.

Chhris neben mir streckt sich.

„Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich könnte jetzt einen Schluck gebrauchen.“

Wir steigen in Zero Sense’ Star Runner und beschließen, nach ArcCorp zu fliegen – soweit weg von Microtech, wie möglich. Chhris, McMarshall und ich halten uns während des Fluges im Captainsquartier auf.

„Spielen Sie eigentlich Schach?“

Er nickt – und so lange der Flug nach ArcCorp dauert, starren wir konzentriert auf das Brett. Es scheint, als verlagerten wir unseren Konflikt auf die Spielfiguren. Wir nehmen uns gegenseitig ein paar, dann meldet Zero, dass wir im Landeanflug seien.

„Das führen wir ein andermal fort“, sagt McMarshall.

„Gern“, erwidere ich und bin froh, dass wir landen. Es sah nicht gut für mich aus.

Wir fahren in die Innenstadt und wollen in der „G-Loc“-Bar mal ein wenig unsere Gedanken sortieren. Zuvor zeige ich McMarshall jedoch, wo „Off the Record“ seinen Sitz hat.

„Gemütlich“, sagt er mit Blick in die Hinterhofgasse.

„…jeder hat mal klein angefangen. Vielleicht werde ich ja eines Tages noch ein richtiger Medien-Mogul?“

„Zuzutrauen wäre es Ihnen.“

„Lass Sie uns zu den anderen gehen.“

Minuten später sitzen wir am großen Panoramafenster der Bar. Nachdem alle anderen ihre Getränke haben, werfen wir alle Puzzleteile zusammen.

So sieht es aktuell aus: Offenbar wurde von einem gewissen Professor Mobi auf Microtech an einem gefährlichen Erreger für eine Biowaffe namens „Enos“ im Kampf gegen die Vanduul gearbeitet. Dann aber starb Mobi bei einem Unfall in seinem Labor. So lautet zumindest die offizielle Version. An seinen Forschungsergebnissen waren anschließend jedoch weiterhin verschiedene geheime Mächte interessiert. Doch dann drohte das Projekt öffentlich zu werden. Crusader Security nahm Ermittlungen auf, nachdem mehrere Personen auf dem Mond Celin durch einen unbekannten Erreger erkrankten. Diese Personen waren alle kurz zuvor im Planetensystem Microtech – vermutlich handelte es sich hier um eben diesen „Enos“-Erreger.

Soweit, so schlecht. Ich blicke aus dem Fenster und sinniere. War unser vermeintlicher Killersatellit vielleicht der Prototyp für eine Biowaffe? Aber geht es nur um die Vanduul? Oder steckt vielleicht noch mehr dahinter? Was, wenn man mit dieser Waffe auf ganzen Planeten das Leben auslöschen könnte, um so etwa den „Fair Chance Act“ zu umgehen? Um Raum für die Expansion des Menschen ins All zu schaffen? Klingt zu irre? Vielleicht. Genauso irre, wie künstlich einen ganzen Planeten zu bauen wie die „Synthworld“? Was, wenn das Projekt nicht realisierbar ist und die Konzerne nun eine “Alternative” suchen? 

Die anderen debattieren sich die Köpfe heiß. Argumente werden gewogen und gewichtet. Nun, zumindest in einem haben wir uns schon mal komplett geirrt: in Xeno Threat. Wir hatten vermutet, dass Port Olisar zerstört werden sollte. Das ist nicht eingetreten. Ja, die Piraten waren eine handfeste Bedrohung für das Stanton-System. Und ja, man kann auf der Station auch keine Mineralien mehr verkaufen – etwas, das wohl Shubin sehr gelegen kommt. Aber sonst? Zumindest in diesem Punkt gilt: Offenbar viel Wind um nichts. Ich habe die dunkle Ahnung, dass das nicht so bleiben wird.

*****

Journaleintrag 23 / 02 / 2951

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage werden wir angemorst – und zum zweiten Mal tappern wir brav hin. Diesmal möchte uns Kjeld Stormarnson seine Sicht der Dinge erläutern, was vor wenigen Tagen geschehen war und was sich hier vor unseren Augen entfaltet. Wir sitzen auf der Piratenstation Grimhex wie auf einer Hühnerstange nebeneinander, darunter auch Vertreter von Gruppen namens GBC und Yellohands, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte. Auch sie scheinen irgendwie in die Verschwörung verwickelt zu sein, haben ebenfalls offenbar sonderbare Puzzleteile bekommen. Dann fallen lauter mir völlig unbekannte Namen – und relativ flott schalte ich ab. Plötzlich aber fällt ein Name, der mich aufhorchen lässt: Xedan Thormento. Er ist offenbar wieder aufgetaucht und liegt auf einer Krankenstation.  Chhris will wissen, wann wir ihn befragen können, mir scheint: Stormarnson windet sich, will darauf nicht konkret antworten.  Auch erfahren wir, dass McMarshalls Eltern für Microtech ebenfalls an Bio- bzw. Nanotechnolgie gearbeitet haben.  Vielleicht wissentlich oder unwissentlich auch an „Enos“? Sie waren bei einem Metroloop-Unfall auf Microtech ums Leben gekommen, etwa zur gleichen Zeit, als sich auch der Unfall in Mobis Labor ereignete. Zufall – oder Mord? Kaum fügen sich in diesem Puzzle zwei Teile, passt es an anderer Stelle wieder nicht.  

*****

Journal-Eintrag 28 / 02 / 2951

Genau ein Jahr ist es her, dass „Off the Record“ seine Türen geöffnet hat. Ich erinnere mich noch genau an die erste Geschichte über einen Wächter auf Lorville, der durchbrannte und das Verse kennenlernte – und wie ich damals in der Redaktion über dieser Story brütete. Einsam, unsicher und doch voller Hoffnung. Danach folgten schnell viele weitere tolle Geschichten.

Nein, nie hätte ich damals mit dem großen Erfolg gerechnet, den die Redaktion innerhalb kürzester Zeit haben würde – welche Chance sollte ein kleiner Krauter schon gegen die großen NewsOrgs des Verse haben? Nun aber bin ich an der größten Story und Verschwörung dran, die das Universum vielleicht bisher jemals gesehen hat…

Ich laufe durch die Menschenmassen und begrüße jeden Gast einzeln – Chhris ist natürlich gekommen, auch Zero, Commander Mando, Thane McMarshall und viele andere. Hawk kümmert sich um die Technik im Hintergrund. Auch ist es schön, Jabea mal wieder zu sehen. Die Musik aus den Boxen wummert, die Getränke fließen in „Wallys Bar“ auf Microtech und  der von mir eigens engagierte Moderator, ein Mann namens Junah Radegast, dem ich bei der Sendung zur Imperator-Wahl schon einmal begegnet war, lockert die Stimmung auf und führt Kurz-Interviews. Kurzum: Die Party zum einjährigen Bestehen von „Off the Record“ könnte nicht schöner sein. Schließlich vergesse ich für ein paar Stunden sogar den ganzen Schlamassel in dem wir mittlerweile bis über die Ohren drinstecken.

*****

5

Auf Drogen

Der Call kommt kurz nach dem Aufwachen. Die Klimaanlage surrt so laut, dass ich den Anruf fast überhört hätte. Kalt ist es in dem kleinen Hub auch. Höchste Zeit, dass sich das mal ein Techniker anschaut. Ich friere und bin geneigt, mich noch mal umzudrehen. Schließlich aber rapple ich mich hoch, reibe mir die Augen – und blicke auf mein Mobi. Zero.

„Was gibt’s denn so dringend?“

„Auf mich ist ein Anschlag verübt worden!“

Sofort bin ich hellwach.

„Was…?“

„Auf Grimhex. Jemand hat mein Hub in die Luft gesprengt. Keine Ahnung, ob das nur eine Warnung sein sollte – oder ob ich einfach Glück hatte. Und dann war da noch so ein Hüne, der mich gewarnt hat, dass ich meine Nase nicht zu tief in Dinge stecken soll, die mich nichts angehen…“

„Wo bist du?“

„In einem Asteroidenfeld nahe Crusader versteckt.“

„Ich komme.“

Ich ziehe mir meine Klamotten an und mache mich auf den Weg. Auch am frühen Morgen ist es auf ArcCorp so geschäftig wie eh und je. Ich laufe am IO North Tower vorbei, dem größten Gebäude von Area 18. Gerade letztens erst hatte ich in einem Werbeprospekt gelesen, dass darin nur „glückliche Menschen leben und arbeiten“. Ich hetze weiter zur Bahn. Nach der Party auf Microtech hatte ich in der Redaktion mal wieder nach dem Rechten geschaut und war dann gleich auf ArcCorp geblieben.

Während die Bahn zum Riker Memorial schwebt, blicke ich aus dem Fenster auf die vorbei ziehende Silhouette der unendlichen Stadt und denke an meine Freunde – Hawk macht sich aktuell etwas rar, hat wohl anderweitig den Kopf voll, wie auch Jabea und Skorpi. Chhris ist ebenfalls stark eingespannt – und Zero steckt in der Klemme.

Am Spaceport lasse ich mir die „Clarke II“ in den Hangar stellen, renne fast zum Schiff. Normalerweise lasse ich mir Zeit. Mag der Rest des Verse sein Leben auch im Eiltempo durchleben – für mich hat nach 700 Jahren alles immer noch den Reiz des Neuen und Unbekannten. Drehe ich normalerweise sonst über der Stadt immer noch eine kleine Runde, so ziehe ich die „Clarke II“ nun geradewegs in den Himmel. Nur Minuten später bin ich im Weltraum und im Quantumjump zu Zero.

Ich sinniere. Jetzt also ein Anschlag. Oder zumindest eine extrem deutliche Warnung. Gefährlich, klar – einerseits. Andererseits heißt das aber auch: Wir sind auf der richtigen Spur. Irgendjemand hat Panik. Schließlich erreiche ich das Asteroidenfeld. Ich scanne die Gegend. Zero kommt über den Call.

„Bist du das, der da wie ein Irrer die Gegend scannt?“

„Yup, ich suche dich.“

„Auffälliger geht’s wohl nicht?“

„Okay, okay.“

Es dauert ein paar Momente, dann schält sich aus dem Nichts Zeros Schiff heraus, eine Prospector – clever, der Mann. Wesentlich unauffälliger als seine Star Runner. Alle Schiffskomponenten, die infrarote oder elektromagnetische Signaturen aussenden könnten, hat er auf das Minimum reduziert. Ich sehe, wie er sein Schiff verlässt und zu mir herüberschwebt, schließlich öffne ich ihm die Heckklappe.

Schon unter seinem Helm sehe ich sofort: Er sieht kreidebleich aus.

Zero steuert direkt sofort das Captainsquarter an.

„Hast du was zu trinken da? Vielleicht einen Whisky?“

„Glaube nicht“, antworte ich und grinse. Ich habe mittlerweile ja ein schönes Image.

Zero kippt einen Saft aus der Bordküche runter und ich sehe, wie er sich langsam entspannt.

„Nun mal der Reihe nach“, sage ich.

Zero nickt kurz, scheint seine Gedanken zu sammeln, dann bringt er mich auf den Stand der Dinge. Wie immer hat er auf eigene Faust in der Enos-Geschichte weiter recherchiert. Eine  weitere Spur hatte zu eventuellen Hintermännern nach Grimhex geführt. Zero hatte Hinweise gefunden, dass die mir bis dato unbekannte „Asteroid Mining Corporation of Yela“ und die Nine-Tails ebenfalls hinter Project Enos her sind. Die Nine Tails sind im Stanton-System eine bekannte Piraten-Splittergruppe,  mit denen ich auch schon das Vergnügen hatte. Im Admin Office von Grimhex erfuhr Zero zudem, dass die A.M.C.Y. mittlerweile zwar nicht mehr existiert. Ihr Gründer Daston Rim und sein Berater Ignotus verschwanden aber wie Xedan Thormento  von einem Moment auf den anderen spurlos. Soweit kann ich folgen, wobei die Zahl der Akteure, die in diese Story verwickelt sind, mittlerweile weit über meinen Verstand hinausgeht.

“Aha“, sage ich, „und wie hilft uns das jetzt?“

„Na, das hilft uns so weiter, dass wir wissen, dass hinter Enos noch viel mehr Gruppierungen her sind“, erwidert Zero. Und offenbar gebe es zwei Seiten:  Die eine will unbedingt die ultimative Waffe der Macht in den Händen halten, die andere will Unheil verhindern und im Zuge dessen streut sie für uns Brotkrumen und Hinweise, will aber selbst unerkannt bleiben. So habe mittlerweile auch Thane McMarshall eine Botschaft erhalten: „Löse mein Rätsel und rette das Leben aller”, habe darauf gestanden

Ich schnaufe tief durch.  

Dann erzählt Zero, dass sich Unbekannte auch an seiner„White Rabbit“, so der Name seiner Star Runner, zu schaffen gemach hätten: „Alle meine Spezial-Komponenten sind geklaut worden. Alles, was ich eingebaut hatte, um unter dem Radar zu bleiben. Meine Spezialkühler, mein schneller Quantumdrive – alles weg.“

„Schöner Mist“, erwidere ich schließlich, „und jetzt?“

„Du könntest mir einen Gefallen tun. Ich müsste noch mal nach Grimhex.“

„Was? Wieso? Ich dachte, du bist von dort eben erst geflohen…“

„…ja, aber ich habe mit Wallace Kim aktuell einen Deal zu laufen und ich will ihn nicht enttäuschen. Also, ich müsste eine Lieferung machen…“

Ich weiß, dass Kim der örtliche Drogendealer auf Grimhex ist.

„Ich soll mein Schiff zum Drogenschiff machen?”

„Nur dieses eine Mal. Deine Schiffskennung ist auf Grimhex nicht registriert. Wir fliegen zu einem alten geheimen Eingang. Man wird überhaupt nicht merken, dass wir da waren.“

Ich schüttele den Kopf, sage dann aber: „Okay – kannst du mir vorher mal die Schmugglerverstecke auf meinem Schiff zeigen?“

Zero blickt mich konsterniert an.

„Wie..?“

„Ich war bisher noch nie da unten. Brauchte ich bisher ja nicht.“

Zero steht murmelnd auf.

„Hat das geilste Schiff im Verse, aber keine Ahnung …“

Zero nimmt auf meinem Schachspiel die weiße Dame und stellt sie auf der Anrichte der Küche auf eine kleine Platte, die aussieht wie ein gewöhnlicher Untersetzer – plötzlich schwenkt der kleine Tisch im Captains Quartier zur Seite und gibt einen geheimen Eingang in den Bauch des Schiffes frei.

„Ich bitte, mir zu folgen.“

Es ist in der Tat das erste Mal, dass ich durch die Eingeweide meiner Star Runner laufe – gebückt und darauf bedacht, mich nicht sofort zu verirren.

„Und du warst wirklich noch nie hier unten?“

„Nope.“

„Das gibt’s doch gar nicht.“

Schnell weiß ich auch warum – es ist das reinste Labyrinth mit verschiedenen Ein- und Ausgängen. Nach einer Sekunde habe ich Zero aus dem Blick verloren. Mir wird klar, warum die Mercury Star Runner das perfekte Schmugglerschiff ist. Auf keinem anderen Schiff kann man die Advocacy so gut narren. Rechts lang, links lang, rauf, runter – schmuggeln bedeutet eben mehr als nur etwas zu verstecken. Es ist das gekonnte Verwirrspiel mit Erwartungen. Schmuggler müssen Zauberkünstler sein – und die Mercury ist dafür der perfekte Zauberkasten. Mal kommen wir im Scannerraum raus, dann auf dem Frachtdeck. Sogar das Crew-Quartier hat einen versteckten Zugang. Bald habe ich jedoch genug gesehen.

„Ab nach Grimhex“, sage ich. Zero nickt und Minuten später sind wir unterwegs.

Angekommen, lotst mich Zero zu einem alten Eingang. Ich bugsiere das Schiff so nahe wie möglich zwischen die Asteroiden, dann verlässt Zero das Schiff und schwebt hinüber zu der alten Bergbaustation. Ich warte draußen. Über Funk höre ich, wie er sich durch die Station schleicht, offenbar unbemerkt zu Wallace Kim vordringt. Ich höre leise, wie die beiden miteinander verhandeln, dann kommt er auch schon wieder zurück.

„Alles klar, mich hat niemand bemerkt. Alles ruhig sonst auf Grimhex.“

Ich fahre leise die Triebwerke hoch und schwebe aus dem Schatten des Asteroiden. Ich denke mir nichts dabei, als es an der einen Stelle so komisch silbrig glänzt. Vielleicht eine ungewöhnliche Reflektion des Sonnenlichts.

„Wohin jetzt?“

„Daymar, Yela, Microtech. In der Reihenfolge.“

„Alles klar.“

 Was man für Freunde nicht alles tut. Vom Chefredakteur zum Drogenkurier.

Auf Daymar holt Zero das Drogenpäckchen ab, während ich erneut im Schiff warte.

Schließlich fängt es an.

Zunächst halte ich es nur für eine kleine Sehstörung. Blitze zucken vor meinen Augen und mein Schiff scheint sich irgendwie … zu verändern.

„Was zum…?“

Zero kommt zurück an Bord.

„Jetzt nach Yela, Drogenlabor.“

Ich reibe mir die Augen und starte. Doch das seltsame Zucken geht nicht weg – im Gegenteil.

„Siehst du das auch?“, frage ich.

„Was sehe ich auch?“

„Irgendwas stimmt mir nicht.“

„Was ist jetzt schon wieder?“

„Nichts, nichts.“

Kaum auf Yela gelandet, geht Zero erneut seinen halbseidenen Geschäften nach. Ich beschließe, mir ein wenig die Füße zu vertreten – und als ich aus dem Pilotensitz aufstehe und mich umdrehe, trifft mich fast der Schlag: Die gesamte „Clarke II“ hat sich im Innern in ein Horrorschiff verwandelt. Ein Virus hat es befallen. Oder irgendwas stimmt ganz gewaltig nicht mit meinen Sehnerven, schließlich aber dämmert es mir: Ich bin auf Drogen. Und wie!

„Zero…“

„Ja…“

„Ich glaub, ich hab’ mir was eingefangen, während ich vor Grimhex auf dich gewartet habe…“

„Bru, nicht jetzt….“

„Im Ernst, mir geht es ganz und gar seltsam.“

Ich laufe durch mein Schiff – und sehe Farben, Formen und seltsame Muster, die noch nie zuvor gesehen habe. Als könnte ich plötzlich durch das Schiff halb hindurch sehen, als wäre ich irgendwie in einer Art „Matrix“ gefangen. 

„Fuck, Zero, ich bin auf irgendwas drauf. Keine Ahnung, was das ist.“

„Ich fliege“, sagt er ungerührt. Nächster Stopp Yela, Drogenlabor.

Kaum gelandet, verlasse ich das Schiff. Die Halluzinationen werden immer schlimmer, nehmen schließlich ganz überhand.

„Zero, ich habe eine Vision. Ich knie vor dir und spreche dich als Master an.“

„Alter…“

Ich taumle aus dem Schiff und als ich mich umdrehe, sehe ich, wie mein ganzes Schiff von innen leuchtet, als wäre es der Eingang ins Jenseits.

Ich laufe zum Drogenlabor. Innen genau das Gleiche – nur noch schlimmer. Zeros Gestalt wird zum spukhaften Wesen, der gesamte Innenraum wirkt wie einem Geisterfilm entsprungen. Zu den Blitzen kommen jetzt Lichtflüsse, ganze Kanonaden und Lichtdome hinzu. Flashbacks durchfluten mich. Mir ist als müsste ich lachen und weinen in einem Atemzug.

„Wow. Das ist… wunder…wunderschön.“

 Als ich schließlich zum Schiff zurücklaufe, sehe ich Zero in der Heckklappe, wie er bereits nach mir winkt.

„Zero, bist du das?“

„Wer sonst?“

„Na ja…ich dachte eben…“

Während Zero kurz darauf das Schiff nach Microtech fliegt, um sein Päckchen abzugeben, gebe ich mich ganz meinem Trip hin. Schließlich höre ich, wie er mir sagt: „Vielleicht solltest du auf Microtech doch erstmal einen Arzt aufsuchen. Wir steuern jetzt New Babbage an.“

Zero landet die „Clarke II“ und halb bewusstlos schleppe ich mich aus dem Schiff.

Die Visionen lassen immer noch nicht nach. Im Gegenteil: Mittlerweile sieht es aus, als wäre der ganze Hangar befallen, auch wenn mir mein Restverstand sagt, dass natürlich nur ich “befallen” bin. Ich folge Zero, der indes immer mehr mit der Umgebung zu verschmelzen scheint.

„Das wird wahrscheinlich die geilste Bahnfahrt ever“, sage ich, während ich mich schließlich in der Metroloop-Bahn ganz nach vorn stelle und festhalte. Und in der Tat: Ganze Kaskaden von Blitzen, Lichtnebeln unterschiedlicher Couleur und Fraktale, in denen sich das eine aus dem anderen schält und wieder zerlegt, bombardieren mein Hirn. Unfähig, dem irgendetwas entgegen zu setzen, lasse ich mich davontragen in einem Rausch aus Wellen und Formen. Ein Tunnel, gebaut aus Licht und Gefühlen, eine Fahrt ins Nirvana.

Schließlich holt mich Zero Stimme zurück.

“Endstation. Wir sind da.”

Immerhin meine Beine gehorchen noch meinem Unterbewusstsein und ich stolpere fast besinnungslos Zero hinterher. Ich laufe die Treppe hoch, vorbei an hirnverbrannten Dauerjoggern, die an die ewige Jugend glauben – dann bleibt mir mein Herz  wirklich fast stehen. Der Eingang zu Wallys Bar sieht aus eine Teufelsfratze – so wahr ich das hier schreibe. Ja, so hat man das schon oft gehört von Drogen: Erst ist alles wunderschön, makellos – dann folgt der Absturz, die nackte Angst, die Paranoia.

„Zero…ich…ich…“, stottere ich noch.

Dann breche ich zusammen.

*****

Journal-Eintrag 28/03/2951

Maze. Eine volle Überdosis. Ein Arzt im Krankenhaus von New Babbage hat mich darüber aufgeklärt, worauf ich drauf war. Wie oft ich das nehmen würde, hat er gefragt, ob ich ein Junkie sei – und ich ob ich wüsste, wie gefährlich das sei. Nachdem ich alles verneint hatte, verließ er mein Zimmer kopfschüttelnd. Wahrscheinlich sind es immer wieder die gleichen Antworten, die er zu hören bekommt. Egal, die Blitze sind verschwunden, die Welt ist wieder klar. Maze also – eine der schlimmsten Drogen, die es im Verse überhaupt illegal zu kaufen gibt. Eine Handvoll Religionen wurden nach der Einnahme von Maze gegründet. Ich muss ein lautes Lachen unterdrücken – das erklärt meine Vision von Zero: „Zero Sense – Herrscher und Gebieter aus Levski.“ Wie heißt es in der offiziellen Galactapedia? Ich öffne mein Mobi: „Im Innern ist es eine wilde Reise.“ Ja, das kann man sagen. Und weiter: „Allerdings besteht die Gefahr, dass man nicht mehr davon runterkommt. Man bleibt im eigenen Kopf eingeschlossen, bis das Gehirn schließlich zerfällt.“ Es scheint, als hätte ich noch mal Glück gehabt. Jetzt ist mir auch klar, wie und wo ich überhaupt so vergiftet wurde:  Die silbrig glitzernde Masse, die offenbar aus Lüftungsschächten von Grimhix ins All verdampfte, war Maze. Offenbar sollte es auf der Station eine Razzia geben – und in Panik haben die Dealer ihre Ware lieber über Bord gekippt, als bei so einem Fund für immer im Klescher-Knast Steine zu kloppen. Und ich bin genau durch so eine Schwade durchgeflogen, während ich auf Zero gewartet habe. Ein bisschen länger an Ort und Stelle und es wäre um mich geschehen gewesen.

*****

6

Freier Mitarbeiter

Das Angebot klingt verlockend, nur habe ich leider überhaupt keine Zeit und auch nicht wirklich Lust. Außerdem hängt mir auch noch meine Drogenerfahrung in den Knochen. Ich lese die Einladung ein zweites Mal…

– uff, nee…aber warte mal…Junah Radegast. Ich sinniere kurz. Er hatte die erste Geschichte überhaupt für „Off the Record“ geschrieben, über den ausgebüchsten Wächter Lorvilles – „Steves Wandlung“. Und es war ihm auch ziemlich gut gelungen, ihn zu knacken. Ob er sich traut, es diesmal gleich mit einer ganzen Mannschaft aufzunehmen? Nach zweimaligem Summen ist die Verbindung über das Mobiglas hergestellt.

„Hi Junah, John Brubacker hier von „Off the Record“….wie läufts?“

„Gut – und bei dir?“

„Du, ich habe da vielleicht was dich. Wir hatten ja letztens mal kurz gequatscht, dass du für mich ja mal aktiv werden könntest… ja, also pass auf…ich habe hier eine Einladung bekommen von Drake Interplanetary, dem Schiffshersteller – kennst du, oder?

„Klar…“

Ich lese ihm die Einladung vor.

„…okay, das ist natürlich alles Marketing-Blabla. Die wollen, dass wir schreiben, wie super ihr Schiff ist. Eigentlich sage ich so was ja auch immer ab. Aber ich finde, in dem Fall sollten wir uns die Gelegenheit vielleicht nicht entgehen lassen. Und schreiben eine Super-Story, nur halt ganz anders, als die sich das so denken.“

Ich merke, wie Junah am anderen Ende ganz Ohr ist. Ich weiß genau, welche Story ich für „Off the Record“ gern hätte – also lege ich los: Was sind das da für Typen an Bord? Ist der Captain ein alter Brummbär und warum? Was ist der Lademeister für ein Kerl? Ist der Koch ungewaschen? Kriegt der Ingenieur die Zähne auseinander? Kurzum: Wie managen die so einen Flug?

Ich lobe Junah noch ein wenig, gehe ihm um den Bart, dann sage ich:  „…und bevor du was sagst: Ich brauche jetzt echt ne schnelle Antwort. Der Captain wartet in der Bar auf Lorville und nimmt dort gerade einen Schluck…“

Junah druckst ein wenig herum, fragt ernsthaft als freier Mitarbeiter bei seinem ersten Job nach einer guten Bezahlung; ob er sich da auch die Finger schmutzig machen muss  – dann sagt er jedoch zu.  Ich lege auf und grinse mir eins. „Off the Record“ hat seinen ersten Reporter im Feld.

Zwei Stunden später ruft Junah zurück.

„Sag mal, wo hast du mich denn da hingeschickt? Kennst du die eigentlich?“

Ich verneine. „Nee, der Vorschlag kam ja von Drake direkt. Was ist denn los?“

„Na, der Captain hat, sagen wir mal so…eine gewisse Attitüde…“

Ich lächle still in mich hinein.

„Stell dich nicht so an, so ist das Reporterleben nun mal.“

Junah schickt den ersten Teil seines Videologs rüber. Ich klicke mich schnell mal durch: Fünf Leute sind außer Junah an Bord: Neben dem Captain Jim Connor, ein Ingenieur, dazu ein Koch, ein Lademaster und der Pilot. Standardbesatzung für einen Frachter dieser Größe. Der Koch und der Lademeister scheinen nicht die hellsten Kerzen auf der Torte zu sein. Der Koch quatscht ständig von Zwiebeln, der Lademeister – Kurtchen – scheint eher einfacherer Natur zu sein und ist bemüht, es allen recht zu machen. Und in der Tat: Dem Captain ist es offenbar von Anfang an zu viel, dass ihm Drake diesen Auftrag aufs Auge gedrückt hatte. Für ihn ist Junah nur Ballast. Mir huscht ein Lächeln nach dem anderen übers Gesicht – das kommt mir in der Tat alles sehr bekannt vor aus meinem früheren beruflichen Leben…

Generell macht Junah das jedoch gut, fühlt ihnen auf den Zahn, lässt sie schön zu Wort kommen, schmeichelt sich ein wenig ein. Es scheint: Die Crew ist auf die Cat zwangsverpflichtet worden – jedenfalls muss sie sich ebenfalls erst zurecht finden. Bald aber zeigt sich: Der ursprüngliche Frachtauftrag kann nicht wie geplant durchgeführt werden. Der Pilot, ein Mann namens Tony Limoni, erhält wegen zu vieler Strafzettel plötzlich keine Starterlaubnis, sodass der Captain selbst fliegen muss. Wie aus dem wahren Leben gegriffen. Kurzum: Es geht zurück nach Hurston.

Unterwegs erzählt der Koch Gordon Wayshum ein wenig von seiner täglichen Arbeit an den Kochplatten und dass er das meiste mit Salz geregelt kriegt, auch „Kurti“ – so nennen alle den Lademeister – erzählt einen Schwank aus seinem Leben und wie in einem Sonnensturm einmal eine riesige Ladung Katzenfutter derart überhitzte, dass alle Dosen platzten und das ganze Schiff innen komplett versauten. Einen Monat habe es im Schiff gestunken, als wäre darin jemand verwest. Der Ingenieur, ein Mann namens Taran Solari macht indes im Hintergrund einen soliden Job, gibt ab und zu Statusmeldungen durch. 

*****

Junah und ich sprechen noch kurz. Schließlich beenden wir unser Gespräch. Ich schreibe Drake anschließend, dass die Geschichte leider nicht so wurde, wie gedacht – aber dann ist auch gut. Sollen sie es halt besser organisieren. Im Nachhinein höre ich, dass Junah noch eine zeitlang mit den Jungs unterwegs war, sie „auf Pilzen“ irgendwo in einer Höhle fast versackten. Herrgott Junah, als Reporter verbrüdert man sich doch nicht gleich …  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

You cannot copy content of this page