Killersatelliten

– Das Jahr 2951 –

Kapitel

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Vorspann

Unbekannt: „…dann lassen Sie mal hören.“

Agent: „Nun, wie Sie wissen, ist Spacehub Gundo über dem Mond Daymar bereits vor einiger Zeit zerstört worden. Bisher war die genaue Ursache unbekannt. Die Öffentlichkeit nimmt bis heute an, dass es sich dabei um einen Unfall gehandelt hat. Jetzt jedoch haben wir neue Erkenntnisse. Eine Caterpillar ist in unmittelbarer Nähe bei einem Piratenüberfall explodiert. Offenbar ging es dabei um neuartige Chips von Microtech – waffenfähige Chips, wie wir mittlerweile wissen. Diese waren an Bord des Schiffes. Bei einer offenbar vorgetäuschten Untersuchung der Station sollten die Chips wiederbeschafft werden. Der zuständige Sicherheitschef, ein Mann namens Thane McMarshall, ist damit beauftragt worden. Um die Öffentlichkeit ruhig zu stellen, wurde ausgerechnet “Off the Record” mitgenommen.“

Unbekannt: „…Off the Record?“

Agent: „John Brubacker.“

Unbekannt: „Wie bitte?“

Agent: „Er hat die Redaktion vergangenes Jahr gegründet.“

Unbekannt: „…auch das noch…weiter…”

Agent: „Plötzlich bieten die Piraten, ein Syndikat namens Black Project an, die Chips gegen eine hohe Summe zu tauschen. Offenbar haben sie keine Ahnung, was sie da haben. Doch die Übergabe geht schief. Das Schiff, auf dem sich der Koffer mit den Chips befindet, explodiert. Zumindest ist das die offizielle Version. Der Journalist hat darüber einen detaillierten Bericht geschrieben. Ist im File angehängt.“

Unbekannt: „…weiter…“

Agent: „Aufeinandertreffen mit Zero Sense, Miner und Mitglied eines Aktivistennetzwerkes aus Levski. Die glauben, Shubin würde ihnen durch Marktmanipulationen die Preise verderben. Zusammenhang mit dem Chips-Diebstahl bislang noch nicht ersichtlich.”

 Unbekannt: „Herrje. Wissen wir noch was über ihn?“

Agent: „Er ist nicht gerade UEE-Anhänger.“

Unbekannt: „…fahren Sie fort….“

Agent: „Brubacker hat darüber auch einen Bericht verfasst. Bisher stochert er aber nur im Nebel. Zero Sense übergibt Brubacker Unterlagen, die beweisen sollen, dass Shubin dunkle Geschäfte betreibt. Nach dem Bericht „Heiße Chips“ zieht die Sache  weitere Kreise. Chhris Miller, ehemaliger Entwicklungschef bei Microtech, pingt  Brubacker an. Dieser lässt sich auf ein Treffen ein. Miller hat die Chips für Microtech mitentwickelt. Hat aber wohl aus privaten Gründen mittlerweile gekündigt.”

Unbekannt: „…aha…“

Agent: „Wir wissen nicht wie, aber sie stoßen mit der Nase schließlich auf den abgestürzten Com-Satelliten auf Hurston und finden darin einen MTX1-Chip von Microtech. Nun reimen sie sich etwas zusammen. Nach unseren Erkenntnissen haben sie aber keine Ahnung, wie nah dran sie wirklich sind. Brubacker haben wir trotzdem erstmal kalt gestellt.” 

Unbekannt: „Ihre Einschätzung?“

Agent: „Schwierig. Viele Stränge und Verknüpfungen. Sollten wir es aber tatsächlich mit Killersatelliten zu tun haben, mit denen man ganze Planeten erpressen kann, dann…“

 Unbekannt: „…bleiben Sie dran, Smith.“

Agent: „Ja, Sir.“


New Babbage, Microtech, Stadt der Innovationen….

“Habt Ihr das damals auch gehört? Im Sommer 2947 ist Professor Mobi, Vorreiter der Bio-Bot Technologieoptimierung, samt seiner privaten Forschungsgruppe auf dem Mond Clio bei einem Laborunfall ums Leben gekommen. Der offiziellen Aussage der microTech Protection Force nach, hat es eine unterirdische Explosion gegeben. Mehr als drei dutzend Wissenschaflter verloren ihr Leben. Einzig und allein zwei schwer verletzte Sicherheitskräfte überlebten den Vorfall und meldeten es der Protection Force. Interessanterweise konnte bis heute nicht festgestellt werden, woran genau Professor Mobi dort gearbeitet hat. Es hieß offiziell, er habe einen Weg gefunden seine Bio-Bot Technologie auch im Bergbau anwenden zu können, was meiner Meinung nach aber absurd ist. Der Mann war kein Steineklopper und hat sich immer einen Dreck um die Bergbauindustrie gekümmert. Und dann sind die beiden Sicherheitskräfte auch noch im Krankenhaus verstorben. Die ganze Geschichte wurde unter den Tisch gekehrt. Dass daraufhin weitere befreundete Wissenschaftler von Mobi hier in New Babbage ihren Job aufgaben, das Weite suchten oder bei einem Metroloop-Unfall starben, hat niemanden weiter gestört. Ich verstehe Crio und Lyrian mit ihrer „Dietro le Quinte”-Protestbewegung und ihren Anschuldigungen der Vertuschung der Großkonzerne! Ich sage euch: Schaut Hinter die Kulissen! Lasst euch nicht beirren, was euch die großen Tech-Könige ins Ohr flüstern!”

– Juan Perdez (Moderator der Talk-Show SNOW in Newbbabge|15.Folge 31.12.2950

*****

… New Babbage … eine Stadt der Innovation, hochmoderner Technologien und der reichen Tech-Lobbyisten. Man könnte meinen, der mächtige Großkonzern hat seine Finger überall irgendwo in der UEE im Spiel. Wortwörtlich hat uns Alfonz am Handgelenk, denn das MobiGlas genießt eine Monopolstellung in der Tech-Welt. All der Einfluss und effektive Entwicklung wäre ohne ein stabiles naturwissenschaftliches und technisches Netzwerk jedoch nicht möglich. Die eiskalten Innovationsbarone und Funktionäre von Microtech Corporation besitzen ein breites Feld von hauseigener Forschungsindustrie und akademischer Laborarbeit. 

Unter den ambitioniertesten und eigenwilligsten Wissenschaftlern befand sich auch Professor Mobi, Vorreiter der medizinischen Bio-Bot-Technologie. Aufgrund seiner hochangesehenen Forschungsarbeit, willigte Microtech ein, dass er Investitionen für private Forschungseinrichtungen erhielt. Daraus entstand zum einen die private Wissenschaftsakademie “Eldfjall University”, sowie diverse Forschungsgruppen, die in ganz Stanton verteilt sind.

Nach einem Unfall auf dem Mond Clio kam Professor Mobi und einige seiner wichtigsten Mitarbeiter ums Leben, woraufhin sämtliche Freunde und Forschungskollegen in New Babbage ebenfalls spurlos verschwanden oder bei Unfällen ihr Leben verloren. Die Rede im Untergrund der Stadt ist nun von einer geheimen Gruppierung und einer damit verbundenen privaten Forschung mit tödlichen Folgen. Doch woran hat Mobi geforscht? War sein Tod Sabotage? Und wenn ja, wer steckt hinter diesem Attentat? ​Was wie ein Krimi beginnt, kann schnell in einem umfassenden Schattenkrieg enden…


1

Die Rettung

Es  hört sich an, als würde jemand in der Ferne nach mir rufen.

„Brubacker…hey…wach auf…“

Ich spüre, wie an mir gerüttelt wird.

Ich öffne leicht die Augen.

„John…“

„Hmmm…?“

„Komm, wir müssen los…wir wissen nicht, wann sie wiederkommen…“

Ich spüre, wie ich wieder wegsacke.

Dann beugt sich jemand über mich.

„Brubacker…hoch mit dir!“

Ich spüre, wie sie mir aufhelfen. Ich öffne die Augen ein wenig mehr.

„Zero….Chhris…was ist passiert?“

„Du bist entführt worden. Wir retten dich.“

„Wo bin ich?“

„Auf Microtech. Drogenlabor Necropolis….komm, wir müssen dringend los.“

„Mir ist schwummerig.“

„Ja…das wird schon wieder…Hauptsache, du kotzt mir nicht ins Schiff.“

„…nur, wenn du Blumenkübel an Bord hast.“

Ich setze mich gerade hin.

„Ist schon wieder ganz der Alte…“

„Die müssen irgendwas in mich reingepumpt haben.“

Dann fällt mir alles wieder ein.

Die Party nach der Messe. Der Schlag auf den Kopf.

„Smith…“, sage ich leise.

*****

Zero und Chhris packen mich rechts und links unter dem Arm, dann verlassen wir das Drogenlabor. Die frische Luft Microtechs weckt meine Geister. Sie holen mich mit einer Mercury Starrunner ab. Es ist Zeros Schiff und während er fliegt, setze ich mit ins Quartier des Captains. Chhris bleibt bei mir. So langsam werde ich wieder klar.

„Nun mal raus mit der Sprache“, sagt Chhris. „Weißt du, wer das war?“

Ich nicke.

„Smith.“

„Wer ist das?“

„Gib mir noch einen Moment. Wo fliegen wir hin?“

„In einen Schutzshelter auf die andere Seite des Planeten.“

Nachdem wir gelandet sind und uns im Shelter gesammelt haben, sortiere ich meine Gedanken, dann erkläre ich alles. Den Unfall auf der Rangin, den Kälteschlaf, die Organisation, die mich angeblich durch die Zeit geschickt hat. Smith – und dass er offenbar von dieser Organisation ist. Chhris und Zero sehen mich an, als würden sie einem Verrückten zuhören.

„So,so, du bist also über 700 Jahre alt…“, sagt Zero schließlich nach einer Pause.

„…und stammst also aus der Vergangenheit.“

Er macht eine Pause, blickt mich durchdringend an.

„Vielleicht sollten wir ihn doch lieber ins Krankenhaus bringen“, sagt Chhris.

„Eher in eine Irrenanstalt. Ein seltsamer Vogel warst du ja schon immer. Aber das…“

„Es ist wahr!“, erwidere ich. „…und ich weiß, wie sich das alles anhört.“

Schließlich atmet Zero tief durch, zieht die Augenbrauen hoch, dann liest er mir den Funkspruch vor, der mir offenbar das Leben gerettet hat:

“Bringen Sie unseren Mann zur Sicherheit nun aus dem System. Keinesfalls darf  bekannt werden, was auf H. abgestürzt ist. Momentan ist er sediert in einem Drogenlabor auf MT.“

Nachdem ich mich auf mehrere Funksprüche nicht gemeldet hatte und es dann noch um einen geheimnisvollen Absturz auf Hurston ging, hat Zero eins und eins zusammengezählt.

„…da wusste ich, das kannst nur du sein.“

 Ich nicke, dann sage ich: „Irgendjemand weiß, dass wir an den Killersatelliten dran sind…“  

Beide nicken wortlos.

„Und jetzt?“, fragt Zero schließlich.

Ich zucke mit den Schultern.

„Ich habe nicht den geringsten Plan.“

„Vielleicht solltest du erstmal ein wenig die Füße still halten“, sagt Chhris.

Schließlich laufen wir zum Schiff zurück. Zero will noch irgendwelche Drogen verkaufen, die er in einem anderen Labor erstanden hat. Ich bleibe hingegen auf Port Tresslar und blicke gedankenverloren hinunter auf Microtech. 

Journaleintrag 24 / 01 / 2951

Zwei Monate war ich sediert. Mittlerweile ist viel geschehen. Zero hat auf eigene Faust weiter recherchiert, um die Wahrheit über das Komplott im Stanton System ans Licht zu bringen. Unter anderem hat er einen Kommunikationssatelliten über Hurston angezapft, um herauszufinden, welche Rolle Constantin Hurston in dem ganzen Schlamassel spielt – ein glücklicher Umstand. So fing Zero den entscheidenden Funkspruch auf. Auch scheint sich zu bestätigen, was wir schon die ganze Zeit vermuten – Shubin Interstellar will offenbar illegale Handelsbeschränkungen für Miner durchsetzen. Hochwertige Metalle können seit kurzem nur noch in den Handelszentren der Haupt-Landezonen auf den Planeten verkauft werden. Kurzum: Die Sache nimmt Fahrt auf.

*****

2

Die Bedrohung

Wir stehen im Atrium der Commons auf New Babbage, als plötzlich alle die Köpfe heben und entsetzt auf einen riesigen Bildschirm über uns blicken – darauf zu sehen: ein Pirat. Seine Worte lassen uns sofort das Blut in den Adern gefrieren:

„Achtung, Bewohner von Stanton. Wir sind ab sofort diejenigen, die die Kontrolle über das System haben. Wir sind die Xeno Threat“.

Nachdem die Botschaft geendet hat, ertönt auf allen Mobiglases zeitgleich auch schon der Ton für eine Dringlichkeitsnachricht. Sie stammt von der „Civilian Defense Force Initiative“. Laut Nachricht haben Piraten der Gruppe „Xeno Threat“ Konvoi-Schiffe auf ihrer Route zur Jericho-Station im Stanton-System überfallen, wie sie wohl auch für eine Menge anderer Verbrechen im System die Verantwortung tragen. Kurzum: Es handelt sich um eine feindliche Invasion, offenbar aus dem benachbarten Pyro-System. Nun ruft die Navy alle Bewohner Stantons dazu auf, aus den Wracks wichtige Güter zu bergen und zur Station  zu bringen. Gleichzeitig müsse ein Javelin-Kreuzer, der an der Station angedockt hat und für den Einsatz kampfbereit gemacht werden soll, unter allen Umständen verteidigt werden.

Chhris und ich blicken uns fassungslos an. Eben erst hatte ich beschlossen, mich nicht weiter in Panik versetzen zu lassen. Motto: So viel Normalität wie möglich. Ich weiß, wer hinter meiner Entführung gesteckt hat. Und ich bin unbeschadet wieder auf freiem Fuß – dank meiner Freunde. Wenn ich auf mich aufpasse, passiert mir das kein zweites Mal – und jetzt dies.

„Was machen wir?“, frage ich Chhris, nach Worten ringend.

„Na, mithelfen, diese Invasion abzuwehren“, antwortet er ohne Umschweife.

Ich nicke.

„Dann mal los.“

Wir rennen zur Bahn, steigen in Chhris Superhornet, und fliegen gemeinsam zu einer Station, die Jericho am nächsten liegt. Unterwegs melden wir uns bei Rowena Dulli, Advocacy Attaché der CDF, die den Einsatz koordiniert. Uns wird mitgeteilt, dass wir mit feindlichen Kräften zu rechnen haben, die sich bisher zwar noch an der Peripherie des Systems befinden, aber ebenfalls auf dem Weg zu den Wracks sind.

„Vielleicht sollten wir lieber mit zwei Hornets fliegen?“, frage ich Chhris.

Ich sehe, wie er vor mir kurz nickt.

„…und Fabi Bescheid geben. Ein junger, verdammt guter Pilot mit Nerven aus Stahl“, ergänzt er.

„Gut.“

Minuten später landen wir auch schon auf der Station, wo uns Fabi bereits erwartet.

Die Begrüßung ist kurz, der Hektik geschuldet.

So schnell es geht, starten wir wieder.

An den Wracks haben sich bereits andere Bürger Stantons eingefunden. Verschiedene Materialien gilt es nun zu bergen, manches sehr explosiv, anderes instabil. Alle vor Ort begreifen schnell: Die Aufgabe kann nur gemeinsam gemeistert werden. Erst recht, als plötzlich die ersten Wellen der Piraten eintreffen. Gemeinsam stürzen wir uns in die Schlacht. Ich gerate in einen regelrechten Kampfrausch, keine Ahnung, ob das schon immer in mir gesteckt hat, und schieße Schiff um Schiff ab. Mal halten wir uns gegenseitig den Rücken frei, dann bergen Chhris und Fabi aus dem Innern der Wracks Materialen, während ich draußen Patrouille fliege. Bald habe ich zehn Piraten auf meiner Uhr.

„Wow, ich wusste gar nicht…“, staunt Chhris, von dem ich ja weiß, dass er ein Flieger-Ass ist.

„Kannst mich Killer-Opa nennen“, erwidere ich lächelnd.

Dass ich unlängst neue gelenkgelagerte Waffen auf die Hornet montieren ließ, erklärt meine neue Trefferquote, aber: egal. Es macht jedenfalls einen Heidenspaß, den Piraten Saures zu geben. Immer wieder geht es zwischen den Wracks und der Station Jericho hin und her. Sogar mittelgroße Schlachtschiffe der Idris-Klasse werfen die Piraten in die Schlacht. Auch sie feuern aus allen Rohren. Gemeinsam wehren wir Welle um Welle ab – schließlich, nach mehreren Stunden, ist es geschafft: Die Piraten sind bis auf Weiteres zurückgeschlagen.

Ich blicke auf mein Konto – und kann es nicht fassen. Die UEE hat sich für diesen Einsatz nicht lumpen lassen – und mir sage und schreibe rund 300.000 Credits überwiesen. Während wir zurückfliegen, sinniere ich: Die Feder ist mächtiger als das Schwert? Daran glaube ich zwar immer noch. Mehr Credits und Merits sind aber auch nicht schlecht.

*****

3

Brotkrumen

Was für ein Stress! Kaum haben wir die Piraten-Bedrohung mit vereinten Kräften zurückgedrängt, geht es Schlag auf Schlag weiter. Chhris meldet sich am nächsten Tag übers Mobiglas – ob ich ihn auf Microtech zu einem Treffen begleiten könne. Er sei mit Thane McMarshall verabredet, der von ihm ein paar Infos über da Silva haben wolle. Ich sage zu, schließlich lässt man einen Freund nicht hängen. Außerdem: Vielleicht erfahren wir so selbst auch ein paar neue Infos.  Chhris holt mich am Spaceport ab, gemeinsam fliegen wir hinüber zum Dach des Aspire Grand, wo ich McMarshall auch damals zum ersten Mal getroffen hatte.

„Irgendeine Ahnung, worum es geht?“

„Nope.“

McMarshall sieht wie immer geschniegelt aus und auch an seiner unverbindlichen Art, viel zu reden, aber nur wenig zu sagen, hat sich nichts geändert. Er wirkt nur kurz überrascht mich zu sehen, dann verschwinden alle Emotionen wieder hinter seiner Manager-Fassade. Es zeigt sich: Die beiden kannten sich von Microtech zwar vom Sehen, wirklich viel zu tun hatte Chhris mit ihm aber nicht. Da Silva, ich erinnere mich an das, was Chhris mir erzählt hatte, war derjenige, der mit den kampffähigen Chips offenbar illegalen Geschäften nachgegangen und sie an Piraten verscherbelt hatte. Plötzlich fällt von McMarshall ein mir unbekannter Name: Xedan Thormento…irgendwas klingelt da…schließlich fällt es mir wieder ein: Thormento war derjenige, mit dem ich mich für den Spacehub Gundo-Auftrag ursprünglich hatte treffen sollen, der dann aber in Vertretung McMarshall geschickt hatte. Offenbar ein Überflieger aus reicher Familie, den man aus welchen Gründen auch immer gleich bis in die Konzernspitze berufen hatte und der jetzt verschwunden ist. Ich verstehe nur Bahnhof – was hat das mit uns zu tun? Plötzlich senkt sich McMarshalls Stimme.

„Lassen Sie uns zum Mond nach Euterpe fliegen – und dort alles Weitere besprechen. Hier ist es nicht sicher…“

Ich bin diesmal nur die Begleitung, lasse Chhris alles entscheiden. Komisch kommt es mir allerdings schon vor. Fragend blickt er mich an. Ich zucke mit den Schultern. Täuscht der Eindruck oder ist McMarshall nervös?

„Okay.“ Chhris willigt ein.

Wir fliegen mit einer Constellation Phoenix, dem Luxusliner der Schiffsklasse. Hinten drin: Bar, Whirlpool, noble Einrichtung.

„Ich hätte gedacht, in Ihrer Position lässt man fliegen?“

„Leider nein. Ist auch nicht mein Schiff“, erwidert McMarshall lächelnd.

„Es stammt aus dem Fuhrpark Microtechs – oh, wir sind gleich da.“

McMarshall geht in der Nähe eines Outposts mit dem viel sagenden Namen Buds Growery runter. Chhris blickt grinsend durch die Frontschreibe.

„Hier kann man jede Menge Agricium schürfen“, sagt er. Smalltalk.

Ich nicke geistesabwesend. Mining – das wird nie mein Ding.

Dafür haben offenbar die beiden ein Thema gefunden. Während des Landeanflugs fachsimpeln sie über Erze, Mineralien, Refining-Prozesse, dann sind wir endlich unten.

„Bisschen einsam hier“, werfe ich ein.

Im Außenposten scannt McMarshall zunächst nach Abhörgeräten. Dann wendet er sich Chhris zu, mit der Frage, was er ihm über da Silva erzählen könnte. Chhris beschreibt seinen Ex-Chef als fähigen Technikspezialisten, aber auch als eher durchschnittliche Führungskraft. McMarshall hört anscheinend interessiert zu, kommt mir aber fahrig vor. Schließlich meint er, er müsse noch einmal zum Schiff zurück und wir sollten kurz auf ihn warten.

Wir nicken und bleiben mit tausend Fragen zurück.

Die Zeit vergeht – und McMarshall kommt nicht wieder.

Ich gehe zur Tür. Sie ist blockiert.

„Das gibt’s doch nicht…der Mistkerl hat uns eingeschlossen. Ist einfach abgehauen…“

Plötzlich  piepen fast gleichzeitig unsere Mobiglas – und wir erhalten kryptische Dokumente. Chhris liest mir vor, was bei ihm steht, dann zeige ihm meines.

„Was zur Hölle hat das nun wieder zu bedeuten?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung.“

*****

*****

Die Minuten vergehen, während wir uns den Kopf zerbrechen. Plötzlich wird die Tür aufgebrochen – doch statt McMarshall richten drei Kerle ihre schwerkalibrigen Waffen auf uns und bezichtigen uns, eine Entführung begangen zu haben.

„Wo ist unser Kommandant?“

„Wer?“

„Kjeld Stormarnson.“

Ich komme mir vor, wie in einem schlechten Film.

„Wer zur Hölle ist das?“

„Wir stellen die Fragen. Mitkommen!“

Wir wissen nicht, ob wir lachen oder weinen sollen angesichts der Absurdität der Situation – und doch folgen wir. Wir werden zu einer nah stehenden Mercury Star Runner gescheucht. Wieder und wieder betonen wir, mit einer Entführung nichts zu tun zu haben. Es fliegen ein paar heftige Worte hin und her, dann beruhigt sich die Situation. Unsere Entführer stellen sich Mitglieder von Tyr Security vor. Aha.

Wir sind gespannt, was als Nächstes passiert.

*****

Plötzlich klettert aus dem oberen Deck der Star Runner jemand herab, den wir ums Verrecken nicht vermutet hätten – Zero Sense.

„Zero…was zum Teufel hast du mit diesen Kidnappern zu schaffen?“

Er atmet tief durch, dann klärt er uns auf: Er sei quasi „unter Druck“ angeheuert worden.

Wir verstehen nur noch Bahnhof. Zero rollt mit den Augen.

„…ich habe ein paar Drogen rund um Microtech geschmuggelt. Die Herren haben als Söldner für Microtech mein Schiff aufgebracht. Aber statt mich in den Knast zu stecken, boten sie mir einen Deal an.“

„Und zwar?“

„Ich sollte einen Menschen schmuggeln…wir sollten ihn hier treffen.“

Wir blicken uns ratlos an.

„Wir sind eingesperrt worden und nun haben uns deine neuen Freunde gefangen genommen und werfen uns vor, ihren Chef entführt zu haben.“

Zero blickt uns ebenso verwirrt an, wie wir ihn.

Wir erzählen von den kryptischen Botschaften. Der Sicherheitsmann fordert uns auf, ihm alles auszuhändigen, was wir widerstrebend wegen vorgehaltener Waffe tun – doch auch er kann damit nichts anfangen.

„Ähem…“

Plötzlich heißt es vom Anführer, wir müssten nach Yela – keine Ahnung wieso. Mittlerweile ist es mir aber auch egal. Um dort unbemerkt landen zu können, schlägt Zero vor, den Comm Array über dem Mond zu deaktivieren. Gesagt, getan. Chhris und ich werden weiterhin bewacht, während Zero innerhalb des Satelliten seinen Job erledigt. Als Zero zurückkehrt, ist er kreidebleich.

„Schau mal, was ich bei dem Hack noch für eine Botschaft aus dem Speicher gezogen habe…“

Er zeigte mir schnell und heimlich die Nachricht.

„Was soll das nun schon wieder?“

„Keinen Schimmer.“

Zero, der offenbar Vertrauen zu einem der Entführer gefasst hat, zeigt ihm die Botschaft ebenfalls.

„…wahrscheinlich stammt die Nachricht von den Leuten, die hinter unserer Zielperson her sind. Die sehen uns als Bedrohung an, weil wir eben die Zielperson schützen”, antwortete der Security-Mann  seelenruhig. Mir bringt diese Info wenig, Zero scheint sie indes zu beruhigen. Dann zeigt er ein weiteres kryptisches Dokument.

Oh Mann.

Minuten später landen wir auf Yela. Durch das offene Intercom eines Tyr-Mannes höre ich, dass irgendwo gekämpft wird. Plötzlich springt der Kommandant des Schiffes, ein Mann namens Amöbe auf, und sagt, dass Stormarnson – den wir angeblich entführt haben sollen – auf Port Olisar sei. Augenblicklich fliegen wir los – und treffen auf der alten Station über Crusader eine Menge verwirrter Leute, die offenbar alle an der Nase herumgeführt worden waren.

Auch McMarshall ist darunter.

„Was war das denn? Wohin sind Sie plötzlich?“

„Ich bin ebenfalls entführt worden. Aber nur kurzzeitig…“

„Wie bitte?“

„Mr Brubacker, später. Offenbar wird mit uns allen ein undurchsichtiges Marionettenspiel betrieben.“

Erneut lasse ich mich von McMarshall abspeisen. Vielleicht bin ich aber nur zu müde, um mein Gehirn anzustrengen. Jedenfalls: Irgendetwas verdammt Großes ist hier im Gange. Der Komplott im Stanton-System scheint noch viel umfangreicher zu sein als wir bisher vermutet haben. Die waffenfähigen Chips von Microtech scheinen nur die Spitze des Eisbergs zu sein. In den Informationen die wir nun haben, ist plötzlich die Rede von einer Biowaffe. Als würden Killersatelliten nicht schon genügen. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Und auch Chhris ist sprachlos. Ich blicke zu ihm, er starrt wütend McMarshall an. Chhris scheint innerlich zu kochen, die Faust in der Tasche geballt. In was sind wir da nur hineingeraten?

*****

4

Ein wenig Licht im Dunkel

Ich blicke Chhris entgeistert an. Hat er über Nacht Kreide gefressen? Tagelang lag er mir in den Ohren, wie hart er mit McMarshall umspringen wolle – nun lädt er ihn plötzlich auf einen Plausch unter Freunden in eine  Bar ein. Mir hingegen platzt daher fast der Metallkragen meines Raumanzugs.

„…ich will wissen: Treiben Sie doppeltes Spiel und haben Sie eine geheime Agenda? Oder arbeiten Sie offen und ehrlich mit uns zusammen?“, fauche ich McMarshall an.

McMarshall, Sicherheitschef von Microtech, scheint tatsächlich verdattert. So unsicher habe ich ihn noch nie gesehen.

„Letzteres natürlich.“

Wenige Tage zuvor hatte er uns angeschrieben, ob er und Kjeld Stormarnson sich noch einmal mit uns treffen könnten, um zu klären, was zum Henker auf dem Mond Euterpe geschehen war und warum er uns eingesperrt in einem Outpost mitten im Nirgendwo zurückgelassen hatte.

Wir erfahren: In der Constellation versteckt war bereits erwähnter Xedan Thormento mitgeflogen. Wir waren ein Vorwand, um ihn heimlich von New Babbage wegzubringen, weil er offenbar um sein Leben fürchtete. Kurz eingesperrt sollten wir nur sein, damit McMarshall ihn unbemerkt auf ein anderes Schiff bringen konnte. Danach wollte er zu uns zurückkehren und wir hätten unser  Gespräch fortgesetzt. Dummerweise wurden McMarshall und Thormento plötzlich selbst gekidnappt.

Während wir uns McMarshalls Version der Story anhören, pfeift uns der Wind um die Ohren. Chhris hatte als Einschüchterungstaktik einen Schrottplatz auf Daymar als Treffen ausgewählt. Über uns kreisen zu unserer Absicherung die „Helldiver“.

Zero Sense, ebenfalls bei dem Treffen mit dabei, erweist sich unterdessen immer mehr als ausgefuchste Spürnase. In den Tagen zuvor hatte er alle Brotkrumen zusammengetragen, Links hergestellt, versucht ein Bild zusammenzusetzen. Demnach ist Xedan Thormento, den Chhris und McMarshall zwar aus der Zusammenarbeit bei Microtech, aber nicht persönlich näher kennen, tief in den Skandal um die verschwundenen MTX-1-Microchips verwickelt. Also wohl auch in das, was damit offenbar angestellt werden soll.

Wie es aussieht, wollte er sein eigenes Süppchen kochen, um nicht nur seine Karriere, sondern eine Vision voranzutreiben: Während seines steilen Aufstiegs bei Microtech hatte er offenbar immer wieder von einem „Sternenkonzern“ phantasiert, der die Megacorps Stantons unter einem Dach vereinigen sollte – eine Macht, der niemand mehr etwas entgegenzusetzen gehabt hätte.

Wir lassen die Informationen, die uns allesamt neu sind, sacken, dann verdeutliche ich McMarshall  noch mal nachdrücklich meine Position, von der ich hoffe, dass sie die anderen teilen: „Nehmen wir das einmal so hin. Aber eines müssen Sie verstehen: Was Sie hier von uns heute bekommen, ist eine zweite Chance. Keine Lügen mehr.“

Aus McMarshalls Gesicht, soviel kann ich hinter seinem Helm erkennen, ist die Hochmütigkeit verschwunden. Er weiß: Irgendwo bei Microtech hat es eine riesige Sicherheitslücke gegeben und falls er diese nicht schleunigst schließt, so rollt auch sein Kopf.

Nach einer Pause sagt er: „Das ist mir bewusst, Mr. Brubacker.“

Ich atme tief durch.

Zero stellt ein paar Fragen, die er vorher notiert hatte. Ich beobachte McMarshall genau, als er spricht. Immer deutlicher wird: Die Killersatelliten scheinen nur die Spitze des Eisbergs zu sein, wir sind an einer riesigen Verschwörung dran, die alle Grenzen des Vorstellbaren sprengt.

Chhris neben mir streckt sich.

„Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich könnte jetzt einen Schluck gebrauchen.“

Wir steigen in Zero Sense’ Star Runner und beschließen, nach ArcCorp zu fliegen – soweit weg von Microtech, wie möglich. Chhris, McMarshall und ich halten uns während des Fluges im Captainsquartier auf.

„Spielen Sie eigentlich Schach?“

Er nickt – und so lange der Flug nach ArcCorp dauert, starren wir konzentriert auf das Brett. Es scheint, als verlagerten wir unseren Konflikt auf die Spielfiguren. Wir nehmen uns gegenseitig ein paar, dann meldet Zero, dass wir im Landeanflug seien.

„Das führen wir ein andermal fort“, sagt McMarshall.

„Gern“, erwidere ich und bin froh, dass wir landen. Es sah nicht gut für mich aus.

Wir fahren in die Innenstadt und wollen in der „G-Loc“-Bar mal ein wenig unsere Gedanken sortieren. Zuvor zeige ich McMarshall jedoch, wo „Off the Record“ seinen Sitz hat.

„Gemütlich“, sagt er mit Blick in die Hinterhofgasse.

„…jeder hat mal klein angefangen. Vielleicht werde ich ja eines Tages noch ein richtiger Medien-Mogul?“

„Zuzutrauen wäre es Ihnen.“

„Lass Sie uns zu den anderen gehen.“

Minuten später sitzen wir am großen Panoramafenster der Bar. Nachdem alle anderen ihre Getränke haben, werfen wir alle Puzzleteile zusammen.

So sieht es aktuell aus: Offenbar wurde von einem gewissen Professor Mobi auf Microtech an einem gefährlichen Erreger für eine Biowaffe namens „Enos“ im Kampf gegen die Vanduul gearbeitet. Dann aber starb Mobi bei einem Unfall in seinem Labor. So lautet zumindest die offizielle Version. An seinen Forschungsergebnissen waren anschließend jedoch weiterhin verschiedene geheime Mächte interessiert. Doch dann drohte das Projekt öffentlich zu werden. Crusader Security nahm Ermittlungen auf, nachdem mehrere Personen auf dem Mond Cellin durch einen unbekannten Erreger erkrankten. Diese Personen waren alle kurz zuvor im Planetensystem Microtech – vermutlich handelte es sich hier um eben diesen „Enos“-Erreger.

Soweit, so schlecht. Ich blicke aus dem Fenster und sinniere. War unser vermeintlicher Killersatellit vielleicht der Prototyp für eine Biowaffe? Aber geht es nur um die Vanduul? Oder steckt vielleicht noch mehr dahinter? Was, wenn man mit dieser Waffe auf ganzen Planeten das Leben auslöschen könnte, um so etwa den „Fair Chance Act“ zu umgehen? Um Raum für die Expansion des Menschen ins All zu schaffen? Klingt zu irre? Vielleicht. Genauso irre, wie künstlich einen ganzen Planeten zu bauen wie die „Synthworld“? Was, wenn das Projekt nicht realisierbar ist und die Konzerne nun eine “Alternative” suchen? 

Die anderen debattieren sich die Köpfe heiß. Argumente werden gewogen und gewichtet. Nun, zumindest in einem haben wir uns schon mal komplett geirrt: in Xeno Threat. Wir hatten vermutet, dass Port Olisar zerstört werden sollte. Das ist nicht eingetreten. Ja, die Piraten waren eine handfeste Bedrohung für das Stanton-System. Und ja, man kann auf der Station auch keine Mineralien mehr verkaufen – etwas, das wohl Shubin sehr gelegen kommt. Aber sonst? Zumindest in diesem Punkt gilt: Offenbar viel Wind um nichts. Ich habe die dunkle Ahnung, dass das nicht so bleiben wird.

*****

Journaleintrag 23 / 02 / 2951

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage werden wir angemorst – und zum zweiten Mal tappern wir brav hin. Diesmal möchte uns Kjeld Stormarnson seine Sicht der Dinge erläutern, was vor wenigen Tagen geschehen war und was sich hier vor unseren Augen entfaltet. Wir sitzen auf der Piratenstation Grimhex wie auf einer Hühnerstange nebeneinander, darunter auch Vertreter von Gruppen namens GBC und Yellohands, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte. Auch sie scheinen irgendwie in die Verschwörung verwickelt zu sein, haben ebenfalls offenbar sonderbare Puzzleteile bekommen. Dann fallen lauter mir völlig unbekannte Namen – und relativ flott schalte ich ab. Plötzlich aber fällt ein Name, der mich aufhorchen lässt: Xedan Thormento. Er ist offenbar wieder aufgetaucht und liegt auf einer Krankenstation.  Chhris will wissen, wann wir ihn befragen können, mir scheint: Stormarnson windet sich, will darauf nicht konkret antworten.  Auch erfahren wir, dass McMarshalls Eltern für Microtech ebenfalls an Bio- bzw. Nanotechnolgie gearbeitet haben.  Vielleicht wissentlich oder unwissentlich auch an „Enos“? Sie waren bei einem Metroloop-Unfall auf Microtech ums Leben gekommen, etwa zur gleichen Zeit, als sich auch der Unfall in Mobis Labor ereignete. Zufall – oder Mord? Kaum fügen sich in diesem Puzzle zwei Teile, passt es an anderer Stelle wieder nicht.  

*****

Journal-Eintrag 28 / 02 / 2951

Genau ein Jahr ist es her, dass „Off the Record“ seine Türen geöffnet hat. Ich erinnere mich noch genau an die erste Geschichte über einen Wächter auf Lorville, der durchbrannte und das Verse kennenlernte – und wie ich damals in der Redaktion über dieser Story brütete. Einsam, unsicher und doch voller Hoffnung. Danach folgten schnell viele weitere tolle Geschichten.

Nein, nie hätte ich damals mit dem großen Erfolg gerechnet, den die Redaktion innerhalb kürzester Zeit haben würde – welche Chance sollte ein kleiner Krauter schon gegen die großen NewsOrgs des Verse haben? Nun aber bin ich an der größten Story und Verschwörung dran, die das Universum vielleicht bisher jemals gesehen hat…

Ich laufe durch die Menschenmassen und begrüße jeden Gast einzeln – Chhris ist natürlich gekommen, auch Zero, Commander Mando, Thane McMarshall und viele andere. Hawk kümmert sich um die Technik im Hintergrund. Auch ist es schön, Jabea mal wieder zu sehen. Die Musik aus den Boxen wummert, die Getränke fließen in „Wallys Bar“ auf Microtech und  der von mir eigens engagierte Moderator, ein Mann namens Junah Radegast, dem ich bei der Sendung zur Imperator-Wahl schon einmal begegnet war, lockert die Stimmung auf und führt Kurz-Interviews. Kurzum: Die Party zum einjährigen Bestehen von „Off the Record“ könnte nicht schöner sein. Schließlich vergesse ich für ein paar Stunden sogar den ganzen Schlamassel in dem wir mittlerweile bis über die Ohren drinstecken.

*****

5

Auf Drogen

Der Call kommt kurz nach dem Aufwachen. Die Klimaanlage surrt so laut, dass ich den Anruf fast überhört hätte. Kalt ist es in dem kleinen Hub auch. Höchste Zeit, dass sich das mal ein Techniker anschaut. Ich friere und bin geneigt, mich noch mal umzudrehen. Schließlich aber rapple ich mich hoch, reibe mir die Augen – und blicke auf mein Mobi. Zero.

„Was gibt’s denn so dringend?“

„Auf mich ist ein Anschlag verübt worden!“

Sofort bin ich hellwach.

„Was…?“

„Auf Grimhex. Jemand hat mein Hub in die Luft gesprengt. Keine Ahnung, ob das nur eine Warnung sein sollte – oder ob ich einfach Glück hatte. Und dann war da noch so ein Hüne, der mich gewarnt hat, dass ich meine Nase nicht zu tief in Dinge stecken soll, die mich nichts angehen…“

„Wo bist du?“

„In einem Asteroidenfeld nahe Crusader versteckt.“

„Ich komme.“

Ich ziehe mir meine Klamotten an und mache mich auf den Weg. Auch am frühen Morgen ist es auf ArcCorp so geschäftig wie eh und je. Ich laufe am IO North Tower vorbei, dem größten Gebäude von Area 18. Gerade letztens erst hatte ich in einem Werbeprospekt gelesen, dass darin nur „glückliche Menschen leben und arbeiten“. Ich hetze weiter zur Bahn. Nach der Party auf Microtech hatte ich in der Redaktion mal wieder nach dem Rechten geschaut und war dann gleich auf ArcCorp geblieben.

Während die Bahn zum Riker Memorial schwebt, blicke ich aus dem Fenster auf die vorbei ziehende Silhouette der unendlichen Stadt und denke an meine Freunde – Hawk macht sich aktuell etwas rar, hat wohl anderweitig den Kopf voll, wie auch Jabea und Skorpi. Chhris ist ebenfalls stark eingespannt – und Zero steckt in der Klemme.

Am Spaceport lasse ich mir die „Clarke II“ in den Hangar stellen, renne fast zum Schiff. Normalerweise lasse ich mir Zeit. Mag der Rest des Verse sein Leben auch im Eiltempo durchleben – für mich hat nach 700 Jahren alles immer noch den Reiz des Neuen und Unbekannten. Drehe ich normalerweise sonst über der Stadt immer noch eine kleine Runde, so ziehe ich die „Clarke II“ nun geradewegs in den Himmel. Nur Minuten später bin ich im Weltraum und im Quantumjump zu Zero.

Ich sinniere. Jetzt also ein Anschlag. Oder zumindest eine extrem deutliche Warnung. Gefährlich, klar – einerseits. Andererseits heißt das aber auch: Wir sind auf der richtigen Spur. Irgendjemand hat Panik. Schließlich erreiche ich das Asteroidenfeld. Ich scanne die Gegend. Zero kommt über den Call.

„Bist du das, der da wie ein Irrer die Gegend scannt?“

„Yup, ich suche dich.“

„Auffälliger geht’s wohl nicht?“

„Okay, okay.“

Es dauert ein paar Momente, dann schält sich aus dem Nichts Zeros Schiff heraus, eine Prospector – clever, der Mann. Wesentlich unauffälliger als seine Star Runner. Alle Schiffskomponenten, die infrarote oder elektromagnetische Signaturen aussenden könnten, hat er auf das Minimum reduziert. Ich sehe, wie er sein Schiff verlässt und zu mir herüberschwebt, schließlich öffne ich ihm die Heckklappe.

Schon unter seinem Helm sehe ich sofort: Er sieht kreidebleich aus.

Zero steuert direkt sofort das Captainsquarter an.

„Hast du was zu trinken da? Vielleicht einen Whisky?“

„Glaube nicht“, antworte ich und grinse. Ich habe mittlerweile ja ein schönes Image.

Zero kippt einen Saft aus der Bordküche runter und ich sehe, wie er sich langsam entspannt.

„Nun mal der Reihe nach“, sage ich.

Zero nickt kurz, scheint seine Gedanken zu sammeln, dann bringt er mich auf den Stand der Dinge. Wie immer hat er auf eigene Faust in der Enos-Geschichte weiter recherchiert. Eine  weitere Spur hatte zu eventuellen Hintermännern nach Grimhex geführt. Zero hatte Hinweise gefunden, dass die mir bis dato unbekannte „Asteroid Mining Corporation of Yela“ und die Nine-Tails ebenfalls hinter Project Enos her sind. Die Nine Tails sind im Stanton-System eine bekannte Piraten-Splittergruppe,  mit denen ich auch schon das Vergnügen hatte. Im Admin Office von Grimhex erfuhr Zero zudem, dass die A.M.C.Y. mittlerweile zwar nicht mehr existiert. Ihr Gründer Daston Rim und sein Berater Ignotus verschwanden aber wie Xedan Thormento  von einem Moment auf den anderen spurlos. Soweit kann ich folgen, wobei die Zahl der Akteure, die in diese Story verwickelt sind, mittlerweile weit über meinen Verstand hinausgeht.

“Aha“, sage ich, „und wie hilft uns das jetzt?“

„Na, das hilft uns so weiter, dass wir wissen, dass hinter Enos noch viel mehr Gruppierungen her sind“, erwidert Zero. Und offenbar gebe es zwei Seiten:  Die eine will unbedingt die ultimative Waffe der Macht in den Händen halten, die andere will Unheil verhindern und im Zuge dessen streut sie für uns Brotkrumen und Hinweise, will aber selbst unerkannt bleiben. So habe mittlerweile auch Thane McMarshall eine Botschaft erhalten: „Löse mein Rätsel und rette das Leben aller”, habe darauf gestanden

Ich schnaufe tief durch.  

Dann erzählt Zero, dass sich Unbekannte auch an seiner„White Rabbit“, so der Name seiner Star Runner, zu schaffen gemach hätten: „Alle meine Spezial-Komponenten sind geklaut worden. Alles, was ich eingebaut hatte, um unter dem Radar zu bleiben. Meine Spezialkühler, mein schneller Quantumdrive – alles weg.“

„Schöner Mist“, erwidere ich schließlich, „und jetzt?“

„Du könntest mir einen Gefallen tun. Ich müsste noch mal nach Grimhex.“

„Was? Wieso? Ich dachte, du bist von dort eben erst geflohen…“

„…ja, aber ich habe mit Wallace Kim aktuell einen Deal zu laufen und ich will ihn nicht enttäuschen. Also, ich müsste eine Lieferung machen…“

Ich weiß, dass Kim der örtliche Drogendealer auf Grimhex ist.

„Ich soll mein Schiff zum Drogenschiff machen?”

„Nur dieses eine Mal. Deine Schiffskennung ist auf Grimhex nicht registriert. Wir fliegen zu einem alten geheimen Eingang. Man wird überhaupt nicht merken, dass wir da waren.“

Ich schüttele den Kopf, sage dann aber: „Okay – kannst du mir vorher mal die Schmugglerverstecke auf meinem Schiff zeigen?“

Zero blickt mich konsterniert an.

„Wie..?“

„Ich war bisher noch nie da unten. Brauchte ich bisher ja nicht.“

Zero steht murmelnd auf.

„Hat das geilste Schiff im Verse, aber keine Ahnung …“

Zero nimmt auf meinem Schachspiel die weiße Dame und stellt sie auf der Anrichte der Küche auf eine kleine Platte, die aussieht wie ein gewöhnlicher Untersetzer – plötzlich schwenkt der kleine Tisch im Captains Quartier zur Seite und gibt einen geheimen Eingang in den Bauch des Schiffes frei.

„Ich bitte, mir zu folgen.“

Es ist in der Tat das erste Mal, dass ich durch die Eingeweide meiner Star Runner laufe – gebückt und darauf bedacht, mich nicht sofort zu verirren.

„Und du warst wirklich noch nie hier unten?“

„Nope.“

„Das gibt’s doch gar nicht.“

Schnell weiß ich auch warum – es ist das reinste Labyrinth mit verschiedenen Ein- und Ausgängen. Nach einer Sekunde habe ich Zero aus dem Blick verloren. Mir wird klar, warum die Mercury Star Runner das perfekte Schmugglerschiff ist. Auf keinem anderen Schiff kann man die Advocacy so gut narren. Rechts lang, links lang, rauf, runter – schmuggeln bedeutet eben mehr als nur etwas zu verstecken. Es ist das gekonnte Verwirrspiel mit Erwartungen. Schmuggler müssen Zauberkünstler sein – und die Mercury ist dafür der perfekte Zauberkasten. Mal kommen wir im Scannerraum raus, dann auf dem Frachtdeck. Sogar das Crew-Quartier hat einen versteckten Zugang. Bald habe ich jedoch genug gesehen.

„Ab nach Grimhex“, sage ich. Zero nickt und Minuten später sind wir unterwegs.

Angekommen, lotst mich Zero zu einem alten Eingang. Ich bugsiere das Schiff so nahe wie möglich zwischen die Asteroiden, dann verlässt Zero das Schiff und schwebt hinüber zu der alten Bergbaustation. Ich warte draußen. Über Funk höre ich, wie er sich durch die Station schleicht, offenbar unbemerkt zu Wallace Kim vordringt. Ich höre leise, wie die beiden miteinander verhandeln, dann kommt er auch schon wieder zurück.

„Alles klar, mich hat niemand bemerkt. Alles ruhig sonst auf Grimhex.“

Ich fahre leise die Triebwerke hoch und schwebe aus dem Schatten des Asteroiden. Ich denke mir nichts dabei, als es an der einen Stelle so komisch silbrig glänzt. Vielleicht eine ungewöhnliche Reflektion des Sonnenlichts.

„Wohin jetzt?“

„Daymar, Yela, Microtech. In der Reihenfolge.“

„Alles klar.“

 Was man für Freunde nicht alles tut. Vom Chefredakteur zum Drogenkurier.

Auf Daymar holt Zero das Drogenpäckchen ab, während ich erneut im Schiff warte.

Schließlich fängt es an.

Zunächst halte ich es nur für eine kleine Sehstörung. Blitze zucken vor meinen Augen und mein Schiff scheint sich irgendwie … zu verändern.

„Was zum…?“

Zero kommt zurück an Bord.

„Jetzt nach Yela, Drogenlabor.“

Ich reibe mir die Augen und starte. Doch das seltsame Zucken geht nicht weg – im Gegenteil.

„Siehst du das auch?“, frage ich.

„Was sehe ich auch?“

„Irgendwas stimmt mit mir nicht.“

„Was ist jetzt schon wieder?“

„Nichts, nichts.“

Kaum auf Yela gelandet, geht Zero erneut seinen halbseidenen Geschäften nach. Ich beschließe, mir ein wenig die Füße zu vertreten – und als ich aus dem Pilotensitz aufstehe und mich umdrehe, trifft mich fast der Schlag: Die gesamte „Clarke II“ hat sich im Innern in ein Horrorschiff verwandelt. Ein Virus hat es befallen. Oder irgendwas stimmt ganz gewaltig nicht mit meinen Sehnerven, schließlich aber dämmert es mir: Ich bin auf Drogen. Und wie!

„Zero…“

„Ja…“

„Ich glaub, ich hab’ mir was eingefangen, während ich vor Grimhex auf dich gewartet habe…“

„Bru, nicht jetzt….“

„Im Ernst, mir geht es ganz und gar seltsam.“

Ich laufe durch mein Schiff – und sehe Farben, Formen und seltsame Muster, die noch nie zuvor gesehen habe. Als könnte ich plötzlich durch das Schiff halb hindurch sehen, als wäre ich irgendwie in einer Art „Matrix“ gefangen. 

„Fuck, Zero, ich bin auf irgendwas drauf. Keine Ahnung, was das ist.“

„Ich fliege“, sagt er ungerührt. Nächster Stopp Yela, Drogenlabor.

Kaum gelandet, verlasse ich das Schiff. Die Halluzinationen werden immer schlimmer, nehmen schließlich ganz überhand.

„Zero, ich habe eine Vision. Ich knie vor dir und spreche dich als Master an.“

„Alter…“

Ich taumle aus dem Schiff und als ich mich umdrehe, sehe ich, wie mein ganzes Schiff von innen leuchtet, als wäre es der Eingang ins Jenseits.

Ich laufe zum Drogenlabor. Innen genau das Gleiche – nur noch schlimmer. Zeros Gestalt wird zum spukhaften Wesen, der gesamte Innenraum wirkt wie einem Geisterfilm entsprungen. Zu den Blitzen kommen jetzt Lichtflüsse, ganze Kanonaden und Lichtdome hinzu. Flashbacks durchfluten mich. Mir ist als müsste ich lachen und weinen in einem Atemzug.

„Wow. Das ist… wunder…wunderschön.“

 Als ich schließlich zum Schiff zurücklaufe, sehe ich Zero in der Heckklappe, wie er bereits nach mir winkt.

„Zero, bist du das?“

„Wer sonst?“

„Na ja…ich dachte eben…“

Während Zero kurz darauf das Schiff nach Microtech fliegt, um sein Päckchen abzugeben, gebe ich mich ganz meinem Trip hin. Schließlich höre ich, wie er zu mir sagt: „Vielleicht solltest du auf Microtech doch erstmal einen Arzt aufsuchen. Wir steuern jetzt New Babbage an.“

Zero landet die „Clarke II“ und halb bewusstlos schleppe ich mich aus dem Schiff.

Die Visionen lassen immer noch nicht nach. Im Gegenteil: Mittlerweile sieht es aus, als wäre der ganze Hangar befallen, auch wenn mir mein Restverstand sagt, dass natürlich nur ich “befallen” bin. Ich folge Zero, der indes immer mehr mit der Umgebung zu verschmelzen scheint.

„Das wird wahrscheinlich die geilste Bahnfahrt ever“, sage ich, während ich mich schließlich in der Metroloop-Bahn ganz nach vorn stelle und festhalte. Und in der Tat: Ganze Kaskaden von Blitzen, Lichtnebeln unterschiedlicher Couleur und Fraktale, in denen sich das eine aus dem anderen schält und wieder zerlegt, bombardieren mein Hirn. Unfähig, dem irgendetwas entgegen zu setzen, lasse ich mich davontragen in einem Rausch aus Wellen und Formen. Ein Tunnel, gebaut aus Licht und Gefühlen, eine Fahrt ins Nirvana.

Schließlich holt mich Zeros Stimme zurück.

“Endstation. Wir sind da.”

Immerhin meine Beine gehorchen noch meinem Unterbewusstsein und ich stolpere fast besinnungslos Zero hinterher. Ich laufe die Treppe hoch, vorbei an hirnverbrannten Dauerjoggern, die an die ewige Jugend glauben – dann bleibt mir mein Herz wirklich fast stehen. Der Eingang zu Wallys Bar sieht aus eine Teufelsfratze – so wahr ich das hier schreibe. Ja, so hat man das schon oft gehört von Drogen: Erst ist alles wunderschön, makellos – dann folgt der Absturz, die nackte Angst, die Paranoia.

„Zero…ich…ich…“, stottere ich noch.

Dann breche ich zusammen.

*****

Journal-Eintrag 28/03/2951

Maze. Eine volle Überdosis. Ein Arzt im Krankenhaus von New Babbage hat mich darüber aufgeklärt, worauf ich drauf war. Wie oft ich das nehmen würde, hat er gefragt, ob ich ein Junkie sei – und ich ob ich wüsste, wie gefährlich das sei. Nachdem ich alles verneint hatte, verließ er mein Zimmer kopfschüttelnd. Wahrscheinlich sind es immer wieder die gleichen Antworten, die er zu hören bekommt. Egal, die Blitze sind verschwunden, die Welt ist wieder klar. Maze also – eine der schlimmsten Drogen, die es im Verse überhaupt illegal zu kaufen gibt. Eine Handvoll Religionen wurden nach der Einnahme von Maze gegründet. Ich muss ein lautes Lachen unterdrücken – das erklärt meine Vision von Zero: „Zero Sense – Herrscher und Gebieter aus Levski.“ Wie heißt es in der offiziellen Galactapedia? Ich öffne mein Mobi: „Im Innern ist es eine wilde Reise.“ Ja, das kann man sagen. Und weiter: „Allerdings besteht die Gefahr, dass man nicht mehr davon runterkommt. Man bleibt im eigenen Kopf eingeschlossen, bis das Gehirn schließlich zerfällt.“ Es scheint, als hätte ich noch mal Glück gehabt. Jetzt ist mir auch klar, wie und wo ich überhaupt so vergiftet wurde:  Die silbrig glitzernde Masse, die offenbar aus Lüftungsschächten von Grimhix ins All verdampfte, war Maze. Offenbar sollte es auf der Station eine Razzia geben – und in Panik haben die Dealer ihre Ware lieber über Bord gekippt, als bei so einem Fund für immer im Klescher-Knast Steine zu kloppen. Und ich bin genau durch so eine Schwade durchgeflogen, während ich auf Zero gewartet habe. Ein bisschen länger an Ort und Stelle und es wäre um mich geschehen gewesen.

*****

6

Freier Mitarbeiter

Das Angebot klingt verlockend, nur habe ich leider überhaupt keine Zeit und auch nicht wirklich Lust. Außerdem hängt mir auch noch meine Drogenerfahrung in den Knochen. Ich lese die Einladung ein zweites Mal…

– uff, nee…aber warte mal…Junah Radegast. Ich sinniere kurz. Er hatte die erste Geschichte überhaupt für „Off the Record“ geschrieben, über den ausgebüchsten Wächter Lorvilles – „Steves Wandlung“. Und es war ihm auch ziemlich gut gelungen, ihn zu knacken. Ob er sich traut, es diesmal gleich mit einer ganzen Mannschaft aufzunehmen? Nach zweimaligem Summen ist die Verbindung über das Mobiglas hergestellt.

„Hi Junah, John Brubacker hier von „Off the Record“….wie läufts?“

„Gut – und bei dir?“

„Du, ich habe da vielleicht was dich. Wir hatten ja letztens mal kurz gequatscht, dass du für mich ja mal aktiv werden könntest… ja, also pass auf…ich habe hier eine Einladung bekommen von Drake Interplanetary, dem Schiffshersteller – kennst du, oder?

„Klar…“

Ich lese ihm die Einladung vor.

„…okay, das ist natürlich alles Marketing-Blabla. Die wollen, dass wir schreiben, wie super ihr Schiff ist. Eigentlich sage ich so was ja auch immer ab. Aber ich finde, in dem Fall sollten wir uns die Gelegenheit vielleicht nicht entgehen lassen. Und schreiben eine Super-Story, nur halt ganz anders, als die sich das so denken.“

Ich merke, wie Junah am anderen Ende ganz Ohr ist. Ich weiß genau, welche Story ich für „Off the Record“ gern hätte – also lege ich los: Was sind das da für Typen an Bord? Ist der Captain ein alter Brummbär und warum? Was ist der Lademeister für ein Kerl? Ist der Koch ungewaschen? Kriegt der Ingenieur die Zähne auseinander? Kurzum: Wie managen die so einen Flug?

Ich lobe Junah noch ein wenig, gehe ihm um den Bart, dann sage ich:  „…und bevor du was sagst: Ich brauche jetzt echt ne schnelle Antwort. Der Captain wartet in der Bar auf Lorville und nimmt dort gerade einen Schluck…“

Junah druckst ein wenig herum, fragt ernsthaft als freier Mitarbeiter bei seinem ersten Job nach einer guten Bezahlung; ob er sich da auch die Finger schmutzig machen muss  – dann sagt er jedoch zu.  Ich lege auf und grinse mir eins. „Off the Record“ hat seinen ersten Reporter im Feld.

Zwei Stunden später ruft Junah zurück.

„Sag mal, wo hast du mich denn da hingeschickt? Kennst du die eigentlich?“

Ich verneine. „Nee, der Vorschlag kam ja von Drake direkt. Was ist denn los?“

„Na, der Captain hat, sagen wir mal so…eine gewisse Attitüde…“

Ich lächle still in mich hinein.

„Stell dich nicht so an, so ist das Reporterleben nun mal.“

Junah schickt den ersten Teil seines Videologs rüber. Ich klicke mich schnell mal durch: Fünf Leute sind außer Junah an Bord: Neben dem Captain Jim Connor, ein Ingenieur, dazu ein Koch, ein Lademaster und der Pilot. Standardbesatzung für einen Frachter dieser Größe. Der Koch und der Lademeister scheinen nicht die hellsten Kerzen auf der Torte zu sein. Der Koch quatscht ständig von Zwiebeln, der Lademeister – Kurtchen – scheint eher einfacherer Natur zu sein und ist bemüht, es allen recht zu machen. Und in der Tat: Dem Captain ist es offenbar von Anfang an zu viel, dass ihm Drake diesen Auftrag aufs Auge gedrückt hatte. Für ihn ist Junah nur Ballast. Mir huscht ein Lächeln nach dem anderen übers Gesicht – das kommt mir in der Tat alles sehr bekannt vor aus meinem früheren beruflichen Leben…

Generell macht Junah das jedoch gut, fühlt ihnen auf den Zahn, lässt sie schön zu Wort kommen, schmeichelt sich ein wenig ein. Es scheint: Die Crew ist auf die Cat zwangsverpflichtet worden – jedenfalls muss sie sich ebenfalls erst zurecht finden. Bald aber zeigt sich: Der ursprüngliche Frachtauftrag kann nicht wie geplant durchgeführt werden. Der Pilot, ein Mann namens Tony Limoni, erhält wegen zu vieler Strafzettel plötzlich keine Starterlaubnis, sodass der Captain selbst fliegen muss. Wie aus dem wahren Leben gegriffen. Kurzum: Es geht zurück nach Hurston.

Unterwegs erzählt der Koch Gordon Wayshum ein wenig von seiner täglichen Arbeit an den Kochplatten und dass er das meiste mit Salz geregelt kriegt, auch „Kurti“ – so nennen alle den Lademeister – erzählt einen Schwank aus seinem Leben und wie in einem Sonnensturm einmal eine riesige Ladung Katzenfutter derart überhitzte, dass alle Dosen platzten und das ganze Schiff innen komplett versauten. Einen Monat habe es im Schiff gestunken, als wäre darin jemand verwest. Der Ingenieur, ein Mann namens Taran Solari macht indes im Hintergrund einen soliden Job, gibt ab und zu Statusmeldungen durch. 

*****

Junah und ich sprechen noch kurz. Schließlich beenden wir unser Gespräch. Ich schreibe Drake anschließend, dass die Geschichte leider nicht so wurde, wie gedacht – aber dann ist auch gut. Sollen sie es halt besser organisieren. Im Nachhinein höre ich, dass Junah noch eine zeitlang mit den Jungs unterwegs war, sie „auf Pilzen“ irgendwo in einer Höhle fast versackten. Herrgott Junah, als Reporter verbrüdert man sich doch nicht gleich …  

*****

7

Radio Infinity

Der Anruf kommt so unverhofft wie unvermittelt.

„John Brubacker von Off the Record?“

“Ja?”

“Paul Mason hier von Radio Infinity. Sie kennen uns?”

„Habe ich schon mal gehört“, antworte ich.  „Ein kleiner Radiosender auf ArcCorp. Gute Laune und so.“

„Genau. Haben Sie Lust für uns zu arbeiten?“

„Entschuldigen Sie, aber ich habe schon eine Redaktion.“

„Natürlich. Ich dachte auch eher an eine kleine Kooperation.“

„Ich bin ganz Ohr.“

Ich komme mir recht geistreich vor bei dieser Antwort, doch Mason, Chefredakteur von „Radio Infinity“, geht nicht darauf ein. Mit schnellen Worten erklärt er, warum er anruft. Ich soll Interviews mit Bürgern des Empires machen. Bewohnern wie Du und ich. Da hinhören, wo sonst keine von den großen Newsorgs mehr so recht hinhört.

„…also, was sagen Sie?“

„Bin dabei“, sage ich kurzentschlossen. Es kann nicht schaden, seine Fühler ein wenig auszustrecken – und auf diese Weise vielleicht auch „Off the Record“ etwas bekannter zu machen.

„Die Sendung heißt Standpunkt, einen Jingle gibt es schon. Wir würden dann einfach noch Ihren Namen hinten dranhängen.“

„Okay.“

Ich fühle mich zwar ein bisschen überrumpelt, aber manche Gelegenheiten sollte man nicht einfach so verstreichen lassen.

„Die erste Sendung soll am 1. Mai starten. Das ist in zwei Wochen. Schaffen Sie das und haben Sie da vielleicht auch schon jemanden, der etwas zu sagen hat?“

Ich sinniere kurz – Zero Sense.

„Ja, ich hätte da…“

„…müssen Sie mir gar nicht erklären. Ist ja Ihre Sendung. Sie wissen ja, wie wir hier beim Radio ticken: Bisschen aufgekratzt, mit Dampf unter der Haube. Aber auch informativ.“

„Alles klar.“

Mason legt auf. So schnell, wie das Gespräch begonnen hatte, ist es auch schon wieder vorbei. Jetzt bin ich plötzlich Radio-Moderator.

*****

Zwei Tage später. Zero Sense und ich sitzen uns im Studio von „Radio Infinity“ auf ArcCorp gegenüber, das Mikrofon zwischen uns. Ich musste ihn ein wenig bequatschen mitzumachen, nun ist er aber voll auf Touren. Ich hatte ihm meine Fragen vorher zu lesen gegeben.

„Stell Dich auf was ein…“, sagt er noch.

„Pscht, denk dran, wir sind gleich per Sie…“

Dann leuchtet die rote  Lampe auf, die signalisiert, dass wir ab sofort live sind.

„Herzlichen Willkommen zu Standpunkt…“, lege ich los.

In der folgenden Viertelstunde zieht Zero Sense richtig vom Leder. Er redet sich regelrecht in Rage – darüber, dass sich die UEE einen Dreck für die Bewohner in den äußeren Systemen interessiere, wie der Staatsapparat umgebaut werden müssen, dass die Imperatorwahl  für die meisten Menschen nichts zum Besseren verändern werde und, und, und. Mit meinen teils recht zugespitzt formulierten Fragen liefere ich ihm dafür die entsprechende Vorlage.

Schließlich erlischt das Aufnahmelicht und wir lassen uns in unsere Stühle zurückfallen.

*****

Mason stürmt zur Tür herein.

„Das war super – unser neuer Interview-Star…“

„Na ja…“

„Nee, wirklich, das war richtig fetzig. Auf Krawall gebürstet. Nicht so lammfrom. Das Verse ein wenig aufmischen…das ist genau Ihr Format. Sagen Sie mal, wollen Sie eigentlich auch die News für uns schreiben? Unser bisheriger Nachrichtenredakteur ist gerade in Rente gegangen.“

„Ich….“

„Klar, kein Problem für Sie…weiß ich doch…alles klar…also dann… weiter so….“

Dann ist er wieder zur Tür raus.

Diese Radiotypen gehen mir jetzt schon auf den Wecker.

*****

Zero guckt mich schelmisch an.

„Läuft gut für dich, oder? Medienstar und so?“

“Klar, willste ‘nen Autogramm?”

Zero legt den Kopf schief.

„Hey, Zero, ich bin’s, Bru. Relax! Lass uns lieber an der Killersatelliten-Story weiter recherchieren.“

Ein Lächeln huscht ihm übers Gesicht.

„Genau, ich hab da auch schon was…“

*****

8

Ein erster Beweis

 “Wie siehst du denn aus?!“

„Bin auf der Sonnenbank eingepennt“, erwidere ich lakonisch. „Ich dachte, ich gönn’ mir mal was nach dem ganzen Stress.“

Zero kommt aus dem Lachen nicht mehr raus.

„Du bist beim Radio, nicht beim Fernsehen. Du musst da nicht gut aussehen.“

„…davon ist Bru auch weit entfernt.“ Chhris hält mir seinen Zeigerfinger ins Gesicht, als hätte ich da einen übergroßen Pickel.

„Ja, stimmt. Fett ist er auch.“

„Und wie kommt das nun wieder?“

„Aufgedunsen“, erwidere ich. „Eine Nachwirkung des Maze-Trips. Kann vorkommen, hat der Arzt gesagt.“

„Herrje, geht das wieder weg?“

„Ich hoffe es.“

Nach dem Aufstehen hatte mich fast der Schlag getroffen. Ich sehe in der Tat aus wie eine gebräunte Qualle. Wir haben uns auf Everus Harbor getroffen. Zero hatte mit seiner „White Rabbit“ eine Nachricht abgefangen, die uns aufhorchen lässt:

„Information bezüglich Satelliten-Prototyp E. Die fehlende Komponente für die nächste Stufe der Waffe wurde geliefert. Transport-Schiff hatte nach Verlassen der Höhle einen Crash. Sicherungskräfte sind vor Ort. Koordinaten im Anhang.“

„Satelliten-Prototyp E?“, wiederhole ich. „Klingt nach Enos.“

Die anderen beiden nicken.

„Das Wrack sollten wir uns mal ansehen“, sagt Chhris.

„Deshalb sind wir hier“, erwidert Zero.

Zum Begleitschutz – und weil wir schlicht nicht wissen, was uns dort erwartet – hat Zero die „Yellow Hands“ für den Einsatz rekrutiert, eine im Stanton-System bekannte Söldnertruppe. Gemeinsam gehen wir schnellen Schrittes zu den Schiffen – schließlich wissen wir nicht, wie viel Zeit uns bleibt, bevor Plünderer das Schiff entdecken. Ich renne den anderen hinterher, so schnell ich kann. Es zwickt, während mir der Undersuit immer tiefer zwischen die Pobacken rutscht.

„Bru, kommste?“

„Ja, geht heut’ nicht so schnell. Der Raumanzug spannt etwas.“

Minuten später sind wir an Bord von Zeros Mercury. Ich lasse mich auf den Co-Piloten-Sitz plumpsen.

„Nicht, dass wir deinetwegen noch Schlagseite kriegen.“

„Is’ gut jetzt!“

 *****

 Das Wrack hat es bei seinem Aufschlag in zwei Hälfen zerrissen. Es ist eine Starfarer von Musashi Industries – oder vielmehr das, was noch davon übrig ist. Die Starfarer ist ein Tanker für Quantumfuel. Offenbar ist dieser beim Aufprall explodiert.

Ich kämpfe mich von unserer Landestelle mühsam gegen einen Sandsturm zum Wrack vor, während die Yellow Hands das Gelände sichern. Zero und Chhris sind vorgeeilt, über Headset höre ich, wie sie das Wrack untersuchen. Gerade als ich es auch erreiche, hat Chhris in dem Wrackteil, was mal das Cockpit war, das Logbuch des Captains gefunden.  Dessen letzter Eintrag lautet so:

„Ein Crewmitglied ist an einer seltsamen Krankheit erkrankt. Ich weiß nicht, ob das mit unserer Ladung zu tun hat. Aber er war der einzige mit direktem Kontakt zur Fracht. Befürchte sehr hohe Ansteckungsgefahr. Keine Zeit für einen Umweg, um ihn medizinisch zu versorgen. Termingerechte und direkte Lieferung hat allerhöchste Priorität. Sehe keinen anderen Weg, als ihn in einer Höhle auf dem Mond Aberdeen auszusetzen. Sollen ihn andere retten, falls er überlebt.“

Drunter sind die Koordinaten der Höhle eingetragen.

„Toller Captain“, keuche ich hervor, „wirft seine Leute einfach aus seinem Schiff, wenn einer krank wird.“

„Wir müssen in diese Höhle“, sagt Zero nüchtern.

„Was? Bist du verrückt? Wenn es sich um Enos handelt, stecken wir uns damit vielleicht auch noch an.“

Chhris ergreift das Wort.

„Zero hat recht. Wollen wir dieser Verschwörung auf den Grund gehen, müssen wir in diese Höhle. Wer weiß, was wir da noch finden.“

Ich schüttele den Kopf.

„Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, warum das Schiff hier überhaupt runtergekommen ist? Vielleicht hatte Enos auch die anderen befallen…wer weiß, was Enos mit den Leuten macht.“

Die anderen sagen nichts.

„Und überhaupt: Haben wir hier Leichen gefunden? Nein! Wo zum Henker ist die Besatzung des Schiffes? Ich sag’s euch: Weggeschafft worden.“

„Das  Logbuch des Captains haben sie jedenfalls übersehen“, erwidert Chhris. „Das ist unsere Chance.“

Ich muss zugeben, dass das etwas für sich hat.

„Hmm…also dann, auf nach Aberdeen.“

*****

Die Yellow Hands sichern auch diesen Einsatz ab – auch hat unser Trio plötzlich Zuwachs bekommen – kurz vor dem Aufbruch waren wir an dem Wrack über Fabian, Chhris jugendlichen Freund, gestolpert. Er hatte an dem Wrack nach möglichen Kostbarkeiten gesucht. Er war durch Zufall beim Überflug über Hurstons Einöde darauf gestoßen. Ein weiterer guter Pilot an unserer Seite kann jedenfalls nicht schaden.

Vor Ort geht es schnell immer tiefer in die Höhle hinein – die sich zu unserem Erstaunen alles andere als leer erweist. Im Gegenteil: Plötzlich wird auf uns geschossen und wir sind froh, dass die „Yellow Hands“ ein ums andere Mal die Situation klären.

Eine Frage manifestiert sich alsbald in unseren Köpfen: Was bewachen die in der Höhle? Ihre Uniformen geben darüber keinen Aufschluss. Dafür entdecken wir Halterungen, die geeignet gewesen ein könnten, um einen biologischen Kampfstoff zu fixieren und zu transportieren.

Wir finden einen toten Miner, der offenbar den Ausgang nicht mehr gefunden hat, den Kranken der Starfarer jedoch nicht. In einer weitläufigen Höhle ruft uns Zero schließlich zu sich herüber.

„Lest hier“, sagt er fast atemlos.

Ich leuchte mit meiner Lampe auf ein Schild an einer großen Kiste, die mehrfach gesichert und eingeschweißt ist. Darauf steht:

„Vorsicht. Dekontaminierung.“

Wir alle drei wissen sofort, was damit in Wirklichkeit gemeint ist: Enos.

Wie reimen uns zusammen, was passiert ist: Die Starfarer sollte Bio-Komponenten für den Killersatelliten liefern und diese in der Höhle auf Aberdeen zwischenlagern. Während des Fluges erkrankte das Besatzungsmitglied und wurde mit dem Material zurückgelassen. Unbemerkt hatte es aber bereits die gesamte Besatzung angesteckt, was zum Absturz auf Hurston führte. Und wir sind in der Höhle schließlich mitten in die Aufräumaktion geplatzt. Leiche und Biowaffen waren schon fortgeschafft.

Die Spur wird heißer.

*****

Journal-Eintrag 27 / 04 / 2951

Ich gehe auf ArcCorp ein wenig spazieren. Zeit, mal ein wenig den Kopf durchzulüften – als ich plötzlich ein mir bekanntes Gesicht sehe, das ich aber nicht sofort einordnen kann. Ich könnte schwören, ich habe dieses Gesicht schon einmal gesehen – dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: der Koch an Bord des Frachters, über den Junah Radegast eine Video-Reportage gedreht hat.  Der Mann beobachtet gerade einen vermeintlichen Zirkustrick von zwei Personen auf einer Parkbank.

„Schön, Sie zu treffen…“, sage ich.

“Wie bitte?“

„Sie sind doch der Koch von dem Frachter…ich bin John Brubacker, Chefredakteur von Off the Record…ich habe den Auftrag vergeben, bei dem…“

„Sie müssen mich verwechseln.“

Ich blicke der Person direkt ins Gesicht. In der Tat klingt seine Stimme völlig anders. Und doch sieht die Person aus, als wäre sie dem etwas einfältigen Koch wie aus dem Gesicht geschnitten.

„Ich…tut mir leid. Sind Sie sicher, dass Sie keinen Zwillingsbruder haben?“

„Absolut. Von welcher Zeitung sind Sie?“

„Off the Record. Ist noch eine sehr junge Redaktion.“

„Verstehe – hier auf Arc Corp?“

Wir kommen immer weiter ins Gespräch – schließlich laufen wir an der Redaktion vorbei und landen in der „G-Loc-Bar“. Ein guter Ort, um jemanden kennenzulernen.

Ich erfahre, der Mann heißt „Daos“, ist ein klassischer Freelancer – nimmt jeden Auftrag an, der sich ihm bietet.  Ich plaudere ein wenig aus dem journalistischen Nähkästchen, es zeigt sich: Wir hatten beide mal eine Carrack – Daos hat seine immer noch – wir tragen ähnliche Klamotten und scheinen auch sonst eine ziemlich ähnliche Sicht auf die Dinge im Verse zu haben. Schließlich tauschen wir die Nummern unserer Mobiglas aus.  Wir beschließen in Kontakt zu bleiben.

*****

9

Einer geht, einer kommt.

Türen knallen, nebenan wird sich lautstark unterhalten, draußen auf dem Gang ist ständig jemand unterwegs. Die kommende Messe – sie geht mir jetzt schon auf die Nerven. Das halbe Verse, so scheint es, ist ins Stanton-System angereist, richtet sich auf Microtech behaglich ein. Keine Frage: Die Invictus Launch Week ist für das UEE-Militär eben verseweit der wichtigste Tag im Jahr. Die frischen Rekruten treten ihren Dienst an. Es ist ein Tag der Selbstvergewisserung, des Stolzes, der Stärke. Und: Die Hersteller nutzen den Tag, um auf einer angeschlossenen Messe modernstes Kriegsgerät vorzustellen, das sie wahrscheinlich zu Mondpreisen an das UEE verkaufen. Kurz: Es ist allerhand los im Stanton-System.

Ich raffe mich auf, ziehe mich an. Zeit, mich ins Getümmel zu stürzen. Noch sind es zwar ein paar Tage Zeit bis zur Eröffnung der Messe, eine kleine Vorrecherche kann aber nie schaden. „Radio Infinity“ hatte mich angefragt, ob ich für sie vielleicht eine Radio-Reportage anfertigen könne. Warum nur kann ich auch meine Klappe nicht halten? Im Gespräch mit dem Chefredakteur hatte ich getönt, dass ich der perfekte Reportage-Schreiber sei – das habe ich nun davon. „Dann kannst du das bestimmt auch für uns“, hatte er geantwortet und schon war er zur Tür hinaus.

Ich verlasse das Hub des Grand Aspire und habe mich nicht getäuscht. Unzählige Menschen auf den Fluren und ich mittendrin. Unerkannt, allein. Wie heißt es so schön? Neues Jahr, neue Freundschaften. Es ist erst ein Jahr her, dass ich mit Jabea, Skorpi und Hawk gemeinsam auf der Invictus Launch Week auf ArcCorp gemeinsam unterwegs war. Nun haben sich unsere Wege schon wieder weitestgehend getrennt. Ich bedauere das, aber Hawk wollte einfach nicht mehr warten, um sich auf die Suche nach seinen Eltern im Vega-System zu begeben. Ich kann ihn ja sogar verstehen. Es lebt sich schrecklich mit Ungewissheit. Seit er als Chefingenieur der „Clarke I“ abgemustert und ich das Schiff verkauft hatte, war unsere Verbindung ohnehin schon lockerer geworden. Da über ihn auch die Bande zu Jabea und Skorpi geknüpft waren, haben sich nun auch diese Freundschaften gelöst. Aber: So ist eben das Leben, Menschen kommen, Menschen gehen, die wenigsten bleiben. In all den Jahrhunderten hat sich das nie geändert. Es ist wohl etwas, das dem Menschen innewohnt. Vertrautheit suchend, gleichzeitig auch immer im Aufbruch.

Ich nehme den Fahrstuhl hinunter in die Lobby. Auch dort vibriert schon alles im Zeichen der Invictus Launch Week. Selbst für einen reichen Planeten wie Microtech dürfte das eine Einnahmequelle sein, die er nicht alle Tage hat. Plakate zur Messe hängen an den Wänden, hochrangige Militärs kreuzen ebenso meinen Weg wie auch einfache Besucher. Es sind Eltern, Freunde, Bekannte der Rekruten, denen ihre Dienstzeit bevorsteht. Schüchtern stehen sie oft mittendrin, als wenn es auf Klassenfahrt ginge. In wenigen Tagen werde ich mit einigen von ihnen Interviews führen, werde versuchen, ihre Gefühle zu beschreiben.

Noch aber laufe einfach durch sie hindurch, lasse alles auf mich wirken. Radio-Reporter für „Radio Infinity“ und Chefredakteur von „Off the Record“, inkognito. Schließlich wird es mir zu viel – bald wird mir der Trubel noch zur Genüge bis unter den Kragen meines Raumanzugs stehen. So mache ich mich schließlich mit der Bahn auf zum Raumhafen, um Microtech wenigstens für ein paar ruhige Stunden den Rücken zu kehren. Weit weg will ich jedoch nicht – ich fliege nur hinauf nach Port Tresslar, mal ein wenig Abstand gewinnen. Ich trage meine Rust-Society-Rüstung, einfach weil sie bequem und nicht allzu schwer ist. Kaum angekommen, werde ich an einem Kaffeeautomaten angesprochen, der sich beharrlich weigert, seinen Dienst zu tun.

„Hallo Bruder!“

„Bruder..?“

„Na, deine Rüstung. Du bist doch ein Rusty – oder etwa nicht? Ich bin einer.“

„Ich…ähm…nein“, erwidere ich verdattert.  

Ich stottere ein wenig herum, weil ich mich in diesem Moment nicht mehr daran erinnern kann, wo ich die Rüstung eigentlich her hatte. Schließlich sage ich, dass mir der Grundgedanke, der mit der Rüstung verbunden ist, aber durchaus gefällt – der einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt und hilft. Ich ernte anerkennendes Kopfnicken, dann werde ich auch schon auf einen Kaffee eingeladen.

„Diese Automaten funktionieren nirgendwo im Verse“, sagt der Fremde und stellt sich schließlich als Nick Cartago vor.

„Stimmt“, antworte ich, „das tun sie wirklich nicht.“

Wir beschließen, in ein nahe gelegenes Café zu gehen. Ich erfahre, dass Cartago ein Frachterpilot mit eigener Caterpillar ist, eingeschworener „Rusty“ noch dazu, ich erzähle ihm was mich nach Microtech verschlagen hat. Es scheint, dass wir uns ganz sympathisch sind. Schließlich entscheiden wir uns für einen kleinen Rundgang über die Station – eine gute Idee, die letzten Wochen habe ich eh viel zu viel Zeit am Schreibtisch verbracht.

Wie immer, wenn man sich ein wenig Zeit nimmt, kann man Neues entdecken, das einem zuvor noch nicht aufgefallen war – so auch diesmal auf einer vermeintlich öden Raumstation, wie es tausende im Verse gibt. Im oberen Stockwerk trauen wir unseren Augen nicht. In einer Ecke, die ebenfalls mit dem verräterischen Namen „Coffeeshop“ bezeichnet ist – an dem es aber interessanterweise keinen Kaffee zu kaufen gibt – ist Rasen auf dem Boden verlegt. Waschechter Rasen! Ich muss mich einmal kneifen, um es glauben zu können. Ich hocke mich hin und streiche mit den Fingern hindurch.

„Yo“, sage ich, „warum auch nicht?“

„Jepp“, ergänzt Cartgo, der so etwas offenbar auch zum ersten Mal sieht.

„Komisch ist es aber schon.“

„Absolut.“

Ich blicke mich um. Gleich gegenüber unter Birken, die hier seltsamerweise auch wachsen, geht der Rasen weiter. Darüber prangt ein riesiges Schild: „Rest & Relax“. Coffeeshop steht über dem Laden – und der Verkäufer macht einen recht – nun ja – tiefenentspannten Eindruck.

„Ich glaube…“

„..das ist Gras“, vollendet Cartago den Satz.

Ich ziehe meine Schuhe aus und laufe barfuß darüber. Bald fühle ich mich ganz leicht und entspannt. Das Gras – es dünstet aus. Stoned werden, ohne etwas zu rauchen. Ganz was Neues. Es ist nicht wie beim Maze-Drogentrip, eher entspannt und leicht. Schließlich lasse ich mich hinein fallen. Die bevorstehende, hektische Flottenwoche, der Verlust guter Freunde, das bescheuerte Gute-Laune-Radio, das ich mir da aufgehalst habe – alles ist plötzlich weit weg.

Cartago schaut mich entgeistert an.

„Solltest du auch mal probieren“, sage ich.

„Bist du sicher, dass du Reporter bist?“

„Klar, ein Spitzen-Reporter“, erwidere ich.  „Einer, der eben Dinge ausprobiert.“

Ich schnüffle am Gras und blicke hinüber zum weißen Mülleimer, der plötzlich wie eine riesengroße Tüte aussieht.

„Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund“, murmele ich.

Dann drängt sich mir eine Frage auf, die schon lange in mir schlummert: Warum nur beginnen meine neuen Bekanntschaften immer nur auf so absurde Weise? Einer geht, einer kommt. Ja, ja. So ist das Leben…ich wische den Gedanken mit letzter Kraft beiseite wie eine lästige Fliege, dann penne ich an Ort und Stelle ein.

*****

10

Radio-Reporter

 Ich habe für „Radio Infinity“ meine erste Radio-Reportage gesprochen. Es war ein komisches Gefühl, so vor dem Mikrofon zu sprechen. Fast kam ich mir ein wenig vor wie ein Theaterschauspieler. Andererseits: Warum nicht mal etwas Neues ausprobieren? Hier jedenfalls das Transkript, eigentlich ganz gelungen, wie ich finde. Ich bin jedenfalls gespannt auf die Reaktionen der Zuhörer. Außerdem hat die Arbeit daran tief in mir eine Saite zu Klingen gebracht. Wie eine Erinnerung an…ach, ich weiß nicht…

*****

 … und hier ist die wöchentliche Radio-Reportage bei Radio Infinity. Mein Name ist John Brubacker. Herzlich Willkommen! Ich berichte heute live von Bord der Javelin „War Hammer“, einem Schlachtschiff der UEE. Während ich mit Ihnen spreche, hat dieses an der orbitalen Raumstation Port Tresslar angedockt, direkt über dem Planeten Microtech im Stanton-System. Unter uns, in der Hauptstadt New Babbage, feiert das Militär des Empires die „Invictus Launch Week 2951“. Es ist eine Woche, die wie kaum eine andere für Zusammenhalt und Kameradschaft steht. Zum ersten Mal seit Jahren hat die Navy ein wenig ihre Tore geöffnet. Sie lässt nicht nur die Rekruten der kommenden Dienstzeit an Bord ihrer Schiffe, sondern auch Zivilisten, Besucher, Interessierte und Medien.

Um mich herum herrscht dichtes Gedränge. Jeder will einmal einen genauen Blick in eines der größten Schiffe der Navy werfen. Unter den Besuchern sind die jungen Rekruten, aber auch ihre Eltern, Freunde und Verwandte. Es ist eine Mischung aus Unsicherheit und Vorfreude, die den jungen Menschen ins Gesicht geschrieben ist. Mit wem wird man sich an Bord gut verstehen? Wer wird eines Tages derjenige sein, der einem den Rücaken deckt, wenn es hart auf hart geht da draußen und wer wird derjenige sein, mit dem keiner Dienst schieben will? Was wird ihnen bevorstehen? Welche Abenteuer werden sie erleben, welche Freundschaften schließen, welche Verluste erleiden? Es sind Fragen, die unausgesprochen im Raum stehen – und doch schweben sie über allem.

Das Schiff selbst, es glänzt und strahlt an allen Ecken anlässlich der „Invictus Launch Week“ – fast so, als könnte ihm nichts im Verse etwas anhaben. Als sei die „War Hammer“ immun gegen jegliche Gefahren, die auf sie lauern mögen. Ein entsprechendes Sicherheitsgefühl vermitteln auch die Guides, die an Bord darüber aufklären, wie es in der Messe zugeht, in den Crewquartieren oder an einem der riesigen Turrets, an denen eine junge Offizierin zunächst eine kurze Einweisung gibt. Sie ermahnt, dass die „War Hammer“ ein im Dienst befindliches Kriegsschiff ist, dann erteilt sie mir die Erlaubnis, einmal selbst an den Feuerknöpfen der riesigen Waffe zu sitzen. Natürlich ist der Feuermodus deaktiviert, die Kraft, die man in den Fingern zu spüren glaubt, ist aber echt, wenn sich das gewaltige Geschütz mit einer kurzen Nachlaufzeit neu ausrichtet. Wer an Bord wird eines Tages ein Meisterschütze sein – und wer wird ein Kingship der Vanduul nicht einmal dann treffen, wenn es einen Triebswerksschaden hat? Die Spreu wird sich an Bord recht schnell vom Weizen trennen, so viel ist klar und das weiß an Bord auch jeder. Ich verlasse das Turret wieder, ernte ein freundliches und doch reserviertes Nicken, dann laufe ich weiter durch das Schiff.

Der Skipper der „War Hammer“ hat nur gewisse Bereiche zur Besichtigung freigegeben – kein Wunder, viele sind extrem sicherheitssensibel, die Brücke ist zum Beispiel komplett gesperrt. Ich laufe ein paar Treppen auf und ab, die jedoch alle in Sackgassen enden – wo auch die Freundlichkeit der Navy ein Ende findet. Unmissverständlich werde ich von Posten an den Türen zurückgewiesen. Nicht einmal ein kurzer Blick durch kleine Sehschlitze in den Türen ist erlaubt. Nun denn, es gibt auch so genug zu sehen. Mir fallen viele Kleinigkeiten ins Auge. Das Schiff ist im Innern zwar spartanisch, vermittelt aber dennoch Geborgenheit. Schilder zeigen auf allen Decks, wo man sich befindet und wie man am schnellsten zum Ziel kommt. Sicherlich eine gute Sache für die neuen Rekruten. Und natürlich dürfen auch die obligatorischen Spielautomaten nicht fehlen – wie die Besucher lernen, ein heiß umkämpfter Kampfplatz um virtuelle Plätze und Punkte an Bord.

Nach einem guten 20-minüten Rundgang verlasse ich die „War Hammer“ wieder und laufe zurück durch die Gangway nach Port Tresslar. Wenige Minuten später ist das Schiff auch schon wieder unterwegs und dreht zwischen den Planeten ArcCorp, Microtech und Hurston seine Runden. Jeder in Stanton soll während der „Invictus Launch Week“ die Gelegenheit haben, an Bord gehen zu können. Geradezu friedlich schwebt es dahin, ist sich seiner Kraft bewusst. Ich bin mir sicher: Sollten Piraten aus Pyro auf Ärger aus sein, oder gar die Vanduul plötzlich in Stanton einfallen – es wäre binnen Sekunden kampfbereit.

*****

Journal-Eintrag 26 / 05 / 2951

Ich habe mich mit Zero Sense noch einmal auf der Invictus Launch Week getroffen. Er hat mir atemlos erzählt, dass ihm die Advocacy seine geliebte „White Rabbit“ unterm Hintern weggenommen hat – mit millionenschwerer Ladung an Bord. Zero war ganz aufgelöst. So kenne ich ihn gar nicht. Schmuggelware sei nicht der Grund gewesen, erzählt er. Zero vermutet stattdessen böse Mächte dahinter – erst wurde sein Hub auf Grimhex in die Luft gesprengt, jetzt sein Schiff konfisziert. Er glaubt, dass wir den Hintermännern von Enos vielleicht näher sind, als wir glauben. Ich habe vorgeschlagen, dass wir uns zunächst die Messe anschauen, um ein wenig herunterzukommen, dann könne ich ihn dort hinbringen, wo er möchte. Auf der Messe selbst dann ausgestellt ist der riesige Transport Hercules Starlifter von Crusader Industries. Ich muss an das Interview denken, das ich anlässlich der Messe mit dem Geschäftsführer von Nordlicht Aviation, Friedrich Winters, geführt habe. Er hat völlig recht:  Was hat ein derartiger Bomber in zivilen Händen zu suchen? Zero und ich untersuchen das Schiff. Schließlich mietet er es sich für zwei Tage. Ein leichtes Lächeln huscht ihm über das Gesicht. Später treffen wir sogar noch Nordlicht-Aviation-CEO Friedrich Winters höchstpersönlich auf der Messe, eine schöne Überraschung. Auch wenn er an seiner Meinung selbstredend festhält, so findet er auch er das Schiff selbst beeindruckend. Es wird an diesem Abend nur ein kurzer Rundgang. Dieses ständige Menschengewusel alle paar Monate wird mir langsam zuviel.

*****

10x

Nick Cartago

Ich sitze in der Redaktion und brüte über den letzten Zeilen eines Interviews, als mein Mobiglas piept.

Es ist Nick Cartago, der Frachterpilot, den ich letztens auf Port Tresslar kennen gelernt habe. Er ist wegen eines Auftrags soeben auf ArcCorp gelandet und fragt mich, ob er mich in meiner Redaktion besuchen könne. Ich stimme sofort zu. Es war ein interessanter Kontakt gewesen. Er hatte mir von seinen Reisen ein paar Soundlogs geschickt und ich hatte sie auf Verdacht ans Radio weitergeleitet. Darin geht es unter anderem um eine alte Caterpillar, von der er sich nur schwer trennen kann, seine an Bord eingebaute künstliche Intelligenz „Eva“ oder seine Neuerwerbung, eine Hercules M2 von Crusader Industries. Beim Radio haben sie aus dem Material dann auch gleich eine Sendung gestrickt – den „Cargo Man“. Mittlerweile sind schon ein paar Folgen davon gelaufen. Gut eine Stunde später steht er in meiner Redaktion und ich sehe ihm seine Konsterniertheit an, in welches Loch ich ihn gelotst habe.

„Das ist also…“

„…meine Redaktion“, falle ich ihm ins Wort.

„Aber lass dich davon nicht schocken. Wir müssen eh gleich rüber zu Radio Infinity. Habe gleich ein Interview.“

Cartago nickt wortlos. Er scheint froh zu sein, hier wieder raus zu kommen.

Ein paar Minuten später fahren wir mit dem Fahrstuhl an der nahe gelegenen ArCorp-Plaza  einen der Wolkenkratzer hinauf – ich habe gleich einen Termin mit McMarshall, Sicherheitsberater von Microtech. Er  will Stanton über das Radio Rede und Antwort stehen, wie denn die Invictus Week sicherheitstechnisch so gelaufen ist.

Nick Cartago folgt mir, blickt sich um, während ich ein paar Hände schüttelte und ein paar Worte mit Intendant Mason spreche. Cartago schnuppert das erste Mal Redaktionsluft und scheint davon fasziniert zu sein. Ich verfrachte ihn zum nächsten Kaffeeautomaten und mache mein Interview. Kaum bin ich fertig, hole ich ihn in die Runde. Ich schwärme Mason von Cartago vor, dass er ein waschechter Rusty sei und irre Geschichten auf Lager habe. Ich spüre, wie Cartago unsicher wird, weiß  aber, dass man bei diesen Radiotypen keine Unsicherheit zeigen darf. Also labere ich einfach weiter – Labern, das ist eben das A & O im Radiobusiness. Kaum habe ich geendet, ergreift Mason das Wort in seiner Art, die keinen Widerspruch duldet.

„ich habe da gerade noch eine Idee. Wie wäre es, wenn Sie von unterwegs noch ein wenig über die Wirtschaft berichten würden? So nah dran am Verse, das fällt Ihnen da draußen doch automatisch in den Schoss.“

„Ich…“

„…klar, kein Problem für Nick“, falle ich ihm ins Wort.

„Okay“, sagt Mason knapp und ist zur Tür raus.

Wir laufen zum Fahrstuhl.

„Jetzt moderierst du wöchentlich die Wirtschaftsnachrichten. Kannst du auch von unterwegs machen. Hey, das wird ganz easy. Ich scanne dir hier kurz die Notizen der Rechercheabteilung für Wirtschaftskrimskrams und schicke dir  eine Zusammenfassung rüber. Du schaust dir das dann an und machst eine Zusammenfassung als Sprachmemo. Der Titel der Sendung ist Unitrader.“

Ich grinste mir eins und sehe Cartagos ungläubigen Blick.

„Ich denke, du bist knapp bei Kasse, auch wegen deiner neuen M2. Komm, wir schnappen erstmal frische Luft. Unitrader – jetzt musst du halt mal etwas Seriöses machen. Nachrichtensprecher werden doppelt so gut bezahlt. Insider betiteln es auch als Schmerzensgeld.“

Cartago lacht laut auf. Der Knoten ist geplatzt. Als wir in die kühle Abendluft ArcCorps hinaustreten, muntere ich ihn weiter auf. Mir ist durchaus bewusst, dass ich ihn ziemlich überfahren habe.

„Hättest du nicht gedacht, dass du so schnell ein fester Bestandteil des Senders wirst…“

Cartago schüttelt wortlos den Kopf.

Dann sagte er: „Danke, John.“

Ich blicke in den Himmel des Stadtplaneten und sage: „Zwei Stimmen, von denen das Empire noch einiges hören wird.“

Unser Weg führt ins nächste G-Loc, wo Cartago schließlich von seinem halbseidenen Frachtauftrag erzählt, den er an Land gezogen hat und wegen dem er überhaupt auf ArcCorp ist. Während er berichtet, wird mir klar: Cartago ist genau der richtige Mann für derlei Stories und Informationen – er ist bereit, sich auch mal die Hände schmutzig zu machen, wenn es einer guten Geschichte dient. Aber diesen Gedanken schlucke ich mit Bier lieber hinunter.

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11

Stumme Zeugen

Die Idee spukte mir schon lange im Kopf herum – einmal eine Reportage über die Wracks im Verse schreiben. Es muss Millionen geben, schließlich findet irgendwo immer gerade ein Kampf zwischen den Sternen statt – und wenn ein Schiff nicht in tausend Teile explodiert, muss es Überreste geben. Ein Wunder im Grunde, dass nach rund 1000 Jahren Raumfahrt des Menschen nicht an jeder Planetenecke ein herrenloses, halb zerstörtes Raumschiff durchs Nichts schwebt. Wie dem auch sei: Nachdem Zero, Chhris und ich letztens an dem zerstörten Starfarer-Wrack waren, war mein Interesse geweckt. Dann erzählte mir Chhris von einem Javelin-Wrack auf dem Mond Daymar – und ich ließ nicht mehr locker. Das musste ich unbedingt sehen…wann bekommt man schon einmal einen waschechten Schlachtenkreuzer zu sehen, der frei begehbar ist? Nachdem ich auf der Invictus Launch Week eine im Dienst befindliche Javelin betreten hatte, wollte ich so bald wie möglich los – doch was mich erwarten würde, darauf war ich nicht gefasst…hier das Transkript für meinen Bericht in „Off the Record“…

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Das ferne Licht Crusaders fällt gespenstisch durch die gewaltige Öffnung im Rumpf –  so, als wollte es darauf hindeuten, dass hier etwas Wichtiges, etwas Entscheidendes fehlt. Langsam klettert der  Gasriese über dem Horizont Daymars empor, verändert Schattenlinien und -würfe. Für einen Moment scheint es, als wäre wieder Leben im Schiff – allein: Es täuscht. Still ruht der gewaltige Stahlkörper im Sand, zum Teil darin versunken, einem Leichentuch gleich an vielen Stellen zugeweht.

Wie lang das Wrack der Javelin hier schon so liegt – niemand weiß es. Es wirkt so, als sei es hier schon immer gewesen – was natürlich nicht stimmt. Einst hat das Schiff stolz und mächtig zwischen den Sternen seine Bahnen gezogen, seine Kämpfe gefochten, seine Mannschaft behütet. Nun liegt es einsam und verlassen auf dem Mond, in einer endlosen Sand- und Steinwüste. Einen Namen hat das Schiff nicht mehr – vor Ewigkeiten schon hat ihn der ewige kratzende, feinkörnige Wind aus der Geschichte geschmirgelt. Es ist ein namenloses Wrack, eines das natürlich dennoch eine Geschichte hat. Wieso liegt es gerade hier? Was ist passiert? Welche Schlacht hat es geschlagen und verloren?

Es sind Fragen, die einem unweigerlich durch den Kopf gehen, wenn man die riesige Wrackstelle erkundet. In mehrere Teile ist das Schiff zerbrochen, das Cockpit liegt von Hauptrumpf und Hangar getrennt. Die Zerrissenheit von Werden und Vergehen – sie wird bedrückend greifbar. Die riesigen Triebwerke sind halb im Sand begraben – wann haben sie zum letzten Mal mit voller Kraft gefeuert, um das Unglück vielleicht doch noch abzuwenden? Wo genau stand in diesem Moment der Captain auf der Brücke, um seine letzten Befehle zu geben, das Ende vor Augen? Man streicht mit den Fingern über die Piloten-Konsolen, die noch immer vorhanden sind, die scheinbar auf neue Eingaben warten – der Schubhebel steht auf Maximum-Schub. Man steht im Cockpit, schließt die Augen und erwartet den Aufprall. Wie ein entferntes Echo meint man ihn beinahe hören zu können. Hier und dort lassen sich noch Schalter umlegen. Es klickt kurz, dann ergreift wieder Stille den Raum. Doch das Schiff ist tot, hat längst jegliche Lebensenergie verloren.

Man läuft langsam hinüber zum Hangar. Piloten, Mechaniker, an- und abfliegende Schiffe, Befehle, Startkommandos – alles nur noch eine schwache Erinnerung. Nur noch ein Gerippe ist übrig. Das Schiff ist bis ins Mark ausgeschlachtet worden. Glücksritter, Plünderer, Händler von Schrottteilen – wie Aasfresser haben sie sich am Schiff gütlich getan, sind im Lauf der Jahre über den einst stolzen Schlachtkreuzer hergefallen wie über eine wehrlose Beute. Verkleidungen sind brutal ab- und weggerissen. Entkleidet, roh und ausgeweidet liegt das Schiff da. Man möchte liebevollere Worte wählen, um ihm seine Würde zurückzugeben. Schließlich wird einem klar, was das Javelin-Wrack auch ist: ein Friedhof. Ein Friedhof der Hoffnungen. Freundschaften, Kameradschaft und Gemeinschaft – alles dies liegt hier mit im Sand begraben. 

Es gibt unzählige solcher Wracks im Verse – jedes mit eigener Geschichte und vielen Geschichten, die an Bord geschrieben wurden. Es sind Schiffe, deren Schicksale sich von einem Moment auf den nächsten änderten. Es sind stumme Zeugen, Orte des Innenhaltens in einem ruhelosen Empire. Besitzen Raumschiffe eine Seele? Natürlich sind sie zunächst Objekte, die die Menschen zu den Sternen bringen, auf denen Leben gelebt, Kämpfe gefochten werden – und doch sind sie eben immer auch mehr als das: Sie sind unsere Anker im Sternenmeer, unsere Heimstatt, unsere Verbündeten. Warum geben wir ihnen sonst Namen? Warum sollten wir sie sonst taufen? Warum trugen die Segelschiffe auf der Erde sonst über Jahrhunderte Galionsfiguren am Bug, um böse Geister fern zu halten und Unglück abzuwehren?

Und dann endet ihre Geschichte schließlich. Manchmal Dreck wie die Javelin. Erbarmungswürdig. Und so wird eines immer klarer, wenn man das Javelin-Wrack im spukhaften Licht Crusaders auf sich wirken lässt: Es ist mehr als nur ein Wrack – es ist ein Sinnbild für das, was uns als Menschen ausmacht: Erkundung, Entdeckung, die Bewahrung von Werten.  Und ja, vielleicht auch ein wenig Hybris. Kurzum: Es ist ein Mahnmal.

Die Lichter der funkelnden Constellation Phoenix, mit der wir das Schiff aufgesucht haben, streichen ein letztes Mal über den gewaltigen Rumpf, dann versinkt das Schiff in der Dunkelheit des Sandmeeres als würde es auf dem Grund eines Ozeans liegen. Wir aber steigen wieder hinauf zu den Sternen, wo auch einst die Javelin ihre Bahn zog, gedenken ihrer – und wenden uns wieder dem Leben zu. Denn wenn uns der Besuch eines gelehrt hat, dann dies: Es gibt immer etwas, wofür es einzustehen lohnt. Und sei es in den letzten Sekunden.

*****

Nachtrag: Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, handelt es sich bei dem Javelin-Wrack um  die UEES Flyssa, die einst unter dem Kommando der ehrgeizigen Pavlina Marlin stand. In unmittelbarer Nähe zur Flyssa explodierte ein Bergbauschiff mit hochinstabilen, illegal geschürften Erzen, das die Flyssa aufbringen wollte. Die Druckwelle traf das Schlachtschiff unvermittelt, so dass es schließlich auf Daymar abstürzte. Alle 65 Besatzungsmitglieder kamen bei dem Unglück ums Leben.

Journal-Eintrag 05 / 06 / 2951

Es hat mich tief bewegt, das muss ich schon sagen. Chhris war schon zuvor bei dem Javelin-Wrack gewesen, er wusste, was ihn erwartet. Doch mich hat es ganz schön aus den Socken gehauen. Vor allem, als wir dann noch ein zweites Wrack anflogen, das erst seit kurzem auf Yela bekannt ist – eine Constellation war dort aus bisher unbekannten Gründen heruntergekommen. Auch dieses Schiff ist auseinander gebrochen – doch das Blut in den Adern lässt mir der Umstand gefrieren, dass die Besatzung noch vor Ort ist. Schockgefroren, verkrümmt, von einem Moment auf den anderen aus dem Leben gerissen. Den Piloten – oder Kommandanten – hat es im Augeblick des Aufpralls vorn durch die Frontscheibe geschleudert, zerbrochenes Glas liegt nach wie vor im Cockpit. Im hinteren Teil des Schiffes hängen lose Kabel aus der Decke. Auch hier hat es die Verschalung von den Wänden gerissen. Kurzum: Es ist ein entsetzlicher Anblick. Ich signalisiere Chhris, dass ich völlig fertig bin und nicht mehr kann, dann rufen wir die Advocacy, sodass zumindest die Leichen abtransportiert werden und wir fliegen zurück nach Port Olisar. Ich kann jetzt einen sehr kräftigen Schluck vertragen.

*****

Journal-Eintrag 19 / 06 / 2951

Bin von Lift Industries, einem Industrie-Unternehmen, zu einem Rennen auf dem Mond Daymar eingeladen worden. Lift Industries ist eine Ausgründung aus Phoenix Interstallar. Habe daher ein paar alte Bekannte wiedergetroffen. Acht Fahrer gingen an den Start. Hab’s etwas langsamer angehen lassen als die Konkurrenzen, habe nicht jeden Stein mitgenommen – und bin schließlich auf den dritten Platz gekommen, weil das Rennen nach der Hälfte der Strecke wegen zu vieler Ausfälle abgebrochen werden musste. Als einer der Überlebenden habe ich 100.000 Credits dafür bekommen – schnell verdientes Geld. Wusste gar nicht, dass ein Tumbril Cyclone so viel aushält.

*****

12

Enos

Zero hat sich auf der Station Everus Harbour in der hintersten Ecke versteckt. Er sieht mitgenommen aus und nachdem Chhris und ich Platz genommen haben, legt er auch schon los. Wir hatten uns ein paar Tage nicht  gesehen – und wie immer hat er auf eigene Faust weiter recherchiert, was Enos und die Killersatelliten angeht.

„Alles klar?“, frage ich.

„Nope.“

Dann fasst er die Geschehnisse zusammen: Anschlag auf sein Hub, persönliche Bedrohung, Diebstahl seiner „White Rabbit“, krytpische Nachrichten auf seinem Mobiglas. Schließlich findet er auf dem Mond Clio seine Starrunner unter Mithilfe von Kjeld Stormarnson wieder – und muss feststellen, dass die Datenspeicher seines Schiffes durchsucht wurden. Im Captain’s Quarter findet er eine Tasse der „Thiago“-Lobby, die ebenfalls in diesem Schlamassel mit drin zu hängen scheint.

„So blöd ist niemand. Die lassen doch keine Visitenkarte zurück“, werfe ich ein.

„…vielleicht waren sie noch nicht fertig?“, mutmaßt Chhris.

„Genau. Und außerdem: Hatte Professor Mobi nicht sein geheimes Forschungslabor auf Clio?“, fragt Zero. Wir nicken. Es scheint, es fügen sich wieder ein paar Puzzleteile zusammen. Klar ist auf jeden Fall: Zero steht im Fadenkreuz. Plötzlich summt sein Mobiglas.

Seine Aktivistenfreunde. Wir sehen, wie Zero fassungslos die Nachricht liest, dann sagt er: „Eine zweite abgestürzte Starfarer auf Hurston. Sie glauben, da könnte noch Enos an Bord sein.“

„Was?“, werfe ich ein.

“…aber wir müssen schnell sein. Sehr schnell.“

Nur Minuten später sind wir bereits an Bord seiner „White Rabbit“ mit Kurs auf die Absturzstelle. Bald schon sehen wir das Wrack – tatsächlich, es ist eine weitere Starfarer.

„Es waren zwei Schiffe, die mit Enos beladen waren“, sage ich, „und beide sind abgestürzt. Das gibt’s doch nicht.“

Zero landet das Schiff in unmittelbarer Nähe, die Sonne geht soeben unter, nur Augenblicke später erkunden wir Schritt für Schritt das Wrack. Schnell merken wir, dass wir nicht allein sind. Als auf uns das Feuer eröffnet wird, machen Chhris und Zero mit den Bewachern kurzen Prozess. 

„Seht mal, die trugen die gleichen Anzüge wie die in der Höhle.“

Wir schleichen durch das dunkle Gängelabyrinth der Starfarer – dann entdecken wir es: Behälter, in denen eine grüne, zähflüssige Masse gelagert ist.

„Fuck, ist das Enos?“, frage ich flüsternd. Nachdem wir jetzt schon so oft drüber gegrübelt hatten, ist es fast unwirklich, es nun offenbar mit eigenen Augen zu sehen.

„Möglich ist es“, erwidert Zero.

„Und jetzt?“

„Meine Aktivistenfreunde können das in einem Labor untersuchen. Sie haben dazu ein geheimes Depot auf einem Schrottplatz in der Nähe eingerichtet. Da müssen wir die Kisten hinbringen.“

Ich nicke, auch wenn mir alles andere als wohl dabei ist.

„Wenn du meinst.“

„Leute, da ist ein Timer dran. 13 Minuten, nachdem man sie bewegt hat, fliegen sie offenbar in die Luft“, wirft Chhris ein.

Ich blicke die Kisten an, als könnten sie zu mir sprechen. Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Die haben an den Kisten rumgefummelt, den Timer ausgelöst. Dann sind sie ihnen um die Ohren geflogen, die Schiffe sind abgestürzt und vergiftet hat sie das Zeug auch noch.

13 Minuten zwischen Leben und Tod. Zeit kann ein unerbittlicher Gegner sein.

Kaum haben wir die Kisten aufgenommen, fängt der Timer an rückwärts zu laufen.

„Das sind Hochsicherheitsbehälter. Die haben ein Schutzfeld das dafür sorgt, dass der Inhalt nicht entweichen kann. Wenn wir den Behälter aus dem Gestell nehmen trennen wir ihn von der Energiequelle. Das Schutzfeld bricht zusammen sobald der Energiepuffer leer ist. Zur Sicherheit explodiert dann der Behälter und zerstört den Inhalt“, erklärt Zero.

Ich überlege: Vielleicht wollten sie an Bord die Ladung noch mal umsortieren, wussten das aber nicht  – schon war ihr Schicksal besiegelt. Wir sehen zu, dass wir die Starfarer verlassen und rennen mit den Kisten zur „White Rabbit“.

„Lass das Scheiß-Zeug bloß nicht fallen“, rufe ich Zero zu und achte peinlich genau darauf, dass das Zeug in meiner Kiste nicht allzu stark hin- und herschwappt.

Chhris bugsiert seine Kiste per Traktorstrahl in die den Frachtraum – und knallt sie mir dabei fast an den Kopf.

„Ey, vorsichtig…“

Kaum sind wir alle an Bord, jagt Zero die „White Rabbit“ über den Planeten zum Schrottplatz. Chhris und ich untersuchen derweil die Kisten.

„Ich wette, dass das Zeug Enos ist – was sollte es sonst sein?“

Zero landet direkt vor dem geheimen Depot und quasi auf den letzten Drücker schieben wir die Kisten durch die kleine luftdichte Schleuse, wodurch auch der Timer deaktiviert wird.

Uns allen steht der Schweiß auf der Stirn. Zero ist mit dem Nerven runter. Er hat seine „White Rabbit“ geradezu durch die Atmosphäre geprügelt, damit wir das schaffen.

„Zurück nach Everus“, sagt Zero.

Kaum sind wir gelandet, entführt er uns in ein geheimes Versteck der Aktivisten hinter Containern im Frachtterminal. Es ist eine schummrige, aber gemütliche Ecke, prädestiniert für Geschäfte unter der Hand.

„Hier treibst du dich also rum, wenn du mal wieder nicht aufzufinden bist.“

„Manchmal“, erwidert Zero.

„Ein gutes Versteck kannst Du jetzt auch gebrauchen. Irgendjemandem wird gar nicht gefallen, dass wir den Kampfstoff gestohlen haben. Und wahrscheinlich werden sie wieder Dich hinter der Aktion vermuten“, sagt Chhris. 

Jetzt gilt es abzuwarten, was das Labor der Aktivisten herausfindet und woraus der grünliche Schleim besteht.  Wir haben da ein ganz mieses Gefühl.

*****

13

Unsichtbarer Satellit

Port Olisar. Ich hänge, nachdem ich auf Spectrum ein irres Canyon-Rennen auf Daymar verfolgt habe, bei dem sich die Teilnehmer in Rovern gegenseitig den Garaus gemacht haben, ein wenig in der Luft. Was als Nächstes? Ich atme tief durch und blicke aus dem Fenster der alten Raumstation. Bald schon, so gehen die Gerüchte, könnte die Station weggeschleppt werden…Zeit, sich vielleicht bald zu verabschieden…ich sinniere…hier begann alles…

Plötzlich erspähe ich in der fast menschenleeren und verwaisten Terminal-Halle ein bekanntes Gesicht – Friedrich Winters von der „Nordlicht Aviation.“ Ich gehe hinüber.

„Das ist ja eine schöne Überraschung“, sage ich und bin froh, dass ich die trüben Gedanken beiseite schieben kann. Mir war unser Treffen auf der Invictus Launch Week sowie unser Interview für „Radio Infinity“ noch in guter Erinnerung.

Winters dreht sich zu mir um.

„Brubacker…“

Ich stutze kurz, bin mir nicht mehr sicher, ob wir uns noch gesiezt hatten oder schon per du waren…

„Mr. Winters….Friedrich…“

Er weiß es offenbar auch nicht mehr. Wir beschließen, einfach zum Du überzugehen.

„Was…machst…äh…du hier?“

„Meine Knochen fit halten. Kleine Aufträge zwischendurch bringen den Körper in Schwung.“

Ich lächle. Winters ist ein Mann im fortgeschrittenen Alter, Geschäftsführer eines Touristik-Unternehmens.

„…und das machst du wie?“

„Ich klemme mich ab und zu selbst hinter das Steuer eines Raumschiffs…habe gerade einen Auftrag angenommen, im Asteroidenfeld von Yela einen Satelliten auszusetzen. Lust mitzukommen…oder hast du was anderes vor…?“

„Ich… nein“, antworte ich wahrheitsgemäß.

„Na dann los.“

Zu meiner Überraschung hat Winters eine Cutlass Black in seinem Bestand, Minuten später sind wir auch schon unterwegs – Zeit für ein wenig Smalltalk.

„…und?“, frage ich, „schon in Stanton eingelebt?“

„Ja, aber es ist nicht leicht. Wir mussten bei unserem Umzug aus dem Ellis-System hierher eine Menge zurücklassen. Viele Mitarbeiter wollten nicht mit. Wir müssen daher unser Unternehmen in Stanton komplett neu aufbauen.“

Ich erinnere mich: Nordlicht Aviation, so hatte Winters im „Radio Infinity“-Interview erzählt, war vor der touristischen Billigkonkurrenz aus dem Ellis-System geflohen, die die Preise so sehr drückte, dass sein Unternehmen damit nicht mehr konkurrieren konnte.

„Gibt’s eigentlich was Interessantes in Stanton? Schöne Ausflugsziele? Orte, die es zu besuchen lohnt?“

Ich denke kurz nach, antworte dann: „Na ja, Microtech ist sehr schön mit seinen schneebedeckten Bergen und tundra-ähnlichen Tälern. Der Stadtplanet ArcCorp ist immer eine Reise wert, selbst Hurston hat so seine schönen Ecken, auch wenn der ganze Planet im  Grunde zerstört ist.“

Ich merke, wie Winters aufmerksam zuhört, schließlich fragt er:

„Bist du von hier?“

Ich überlege kurz, was ich ihm antworten soll. Je länger mein Kryoschlaf und meine Wiedererweckung zurückliegen, umso weniger kann ich sie selbst glauben.

„Ich….“

Ich beschließe, einfach von der Leber weg zu erzählen. Es macht wenig Sinn, auf Dauer aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Ich erzähle vom Start der Artemis, meinem unvorhergesehen Kälteschlaf, erkläre, dass ich mich mittlerweile aber gut im 29. Jahrhundert eingelebt habe, dass ich versuche wieder den roten Faden meines früheren Lebens aufzunehmen, eben wieder als Journalist arbeite und so weiter…

Nach einer Weile sagt Winters: „Okay, warum solltest du mir einen Bären aufbinden. Hast ja nichts davon.“ Damit scheint die Sache für ihn erledigt zu sein. Was er sich wirklich denkt, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht hält er mich auch für verrückt. Ich muss daran denken, wie Zero reagiert hat, als ich ihm meine Lebensgeschichte erzählt hatte.

Schließlich erreichen wir den Asteroidengürtel von Yela.

Winters fragt mich, ob ich den Satelliten aussetzen wolle. Ich bejahe – warum nicht. Immer mal was Neues.

Der Satellit sieht aus wie eine herkömmliche Transportkiste und ist nicht sonderlich groß. Man kann ihn zwischen den Händen halten, ein Satellit im Westentaschenformat. Ich drücke im All den Knopf, der die kleinen Solarpaneele entfaltet – und im nächsten Moment löst sich der Satellit vor meinen Augen in Luft auf. Vor Schreck verschlucke ich mich fast.

„Äh…Friedrich…“

„…ja, ich hab’s auch gesehen. Muss eine Tarnvorrichtung haben oder so.“

Er checkt auf seinem Mobiglas den Auftrag.

„Eine normale ICC-Probe. Hier steht nichts von einem Spezialsatelliten…“

Ich versuche im All dahin zu greifen, wo sich der Satellit eben noch befand – nichts.

Weg. Einfach verschwunden. Killersatelliten, Satelliten, die sich im Nichts auflösen – Herrgott.

„Und jetzt?“ Ich drehe mich in der Schwerelosigkeit zur Friedrich.

„Die Bezahlung ist regulär eingegangen. Besser wir verschwinden. Wer viel fragt, kriegt viel Antwort.“

Ich nicke – das kommt mir als Journalist bekannt vor. Von Projekt Enos und allem anderen erzähle ich lieber noch nichts.

„Kann ich dich irgendwo hinbringen?“

„Microtech“, sage ich spontan. „Ich muss da noch etwas erledigen.“

Winters nickt.

“Das trifft sich gut. Ich muss ohnehin zurück zu unserer Zentrale und auch noch im Dock vorbeischauen, wie die Instandsetzung unserer 890 Jump läuft. Wir hatten da einen kleinen Schaden durch eine Fehlfunktion der neuen Dockingtunnel.”

Ich bin nun gespannt, was Zero und Chhris zu Satelliten sagen, die eine Tarnvorrichtung haben. Wer weiß, wie viele dieser Dinger um die Planeten herumschwirren? Wer weiß, was die im Geheimen machen, welche seltsamen Dinge hier noch ablaufen…?

Ich schüttelte den Kopf. Verdammt, wo stecken die beiden bloß?

Dann kommt auch schon Microtech in Sicht. Ich muss mich erst einmal um ein paar Alltagsgeschäfte kümmern.

*****

14

Trugbilder

Mit dem Sonnenuntergang ändert sich die Stimmung auf dramatische Weise – und mit ihr das  eigene Empfinden. Wo noch vor wenigen Minuten beinahe zärtlich Wolken die schwebenden Plattformen umschmeichelten, herrscht plötzlich eine intensive, fast brutale Atmosphäre. Tiefrote Strahlen, von der Sonne Stantons geschickt, durchbrechen die obersten Wolkenschichten Crusaders, schneiden wie Messer in das eben noch so friedliche Bild. Sie bringen Konturen hervor, schälen Markantes heraus, lenken den Blick auf Details. Die natürliche Farbgebung wird um ein Vielfaches verstärkt. Kaum ist die Sonne untergegangen, wähnt man sich an einem anderen Ort.

Solch’ ungewöhnliche Eindrücke und Wechselbäder sind wohl nur deshalb möglich, weil der Ort selbst ungewöhnlich ist. Er befindet sich mitten in den Wolken eines Gasriesen. Der zweite Planet Stantons – er ist prädestiniert für ein Naturschauspiel, das im ganzen Empire seinesgleichen sucht. Tagsüber, so heißt es, zeigt eine Stadt ihre Körperlichkeit, nachts hingegen offenbart sie ihre Seele. Kaum irgendwo sonst wird das deutlicher als auf und an den schwebenden Plattformen von Crusader Industries, hoch oben in den äußersten Schichten des Gasriesen. Es ist ein Ort des Staunens.

Bis zum Horizont und darüber hinaus erstrecken sich die schwebenden Plattformen von Orison. Moderne Wohntürme wechseln mit Stahlskeletten ab, in denen tausende Frachtcontainer auf ihre Verladung warten. Schiffswerften mit riesigen Andockklammern ruhen am Firmament als sei es das Natürlichste der Welt. Sie dominieren den Himmel, machen ihn sich zu eigen. Immer wieder glaubt man den eigenen Augen nicht zu trauen – wie nur können diese riesigen Plattformen so ruhig in der Luft stehen? Wir wissen natürlich, dass es feuerspeiende Aggregate an ihrer Unterseite sind, die sie an Position halten. Und doch strafen die Augen den Verstand immer wieder lügen. Es sind Trugbilder, die über Crusader schweben, gleichsam einem Traum entsprungen. Und doch: Was eben noch unerreichbar schien, wächst plötzlich empor, verdichtet und manifestiert sich. Nähert man sich einer Plattform, dann wird es wieder bewusst: Es ist menschengemacht, was dort im Nichts schwebt.

Ist es Genie oder Wahnsinn, eine komplette Stadt mitten in die Wolken zu bauen? Kühn und visionär ist es in jedem Falle. Während man läuft und staunt, immer wieder inne hält und versucht, irgendwo in der Ferne einen Fixpunkt zu finden, kreisen über der Stadt die Versorgungsschiffe Orisons. Stoisch, fast unbeteiligt, ziehen sie ihre Bahn und scheinen dabei wie Riesen mit den Wolken Schach zu spielen. Auf den Plattformen selbst geht das Leben unterdessen seinen Gang. Shuttles bringen die Bewohner und die Besucher von Plattform zu Plattform, in Discotheken hämmert der Beat, Shops machen pralle Geschäfte mit Souvenirs. Natürlich, alles ist irgendwann eine Frage der Gewöhnung und des Alltags. Und doch gibt es keinen Augenblick, an dem es den Blick nicht doch wieder hinaus zieht, zu den Plattformen, die wie Sehnsuchtsorte losgelöst von allem Irdischen zur Stippvisite einladen – einem Ölgemälde gleich, in das man hineinlaufen und in dem man sich verlieren möchte. Hingehaucht und doch real.

Keine Frage: Von den vier Megacorps, die sich Stanton geteilt haben, hat Crusader das Glückslos gezogen. Während Microtech nach einem Terraforming-Unfall zu großem Teil mit Eis bedeckt ist, ArcCorp als Stadtplanet keine Ruhepausen mehr kennt und Hurston nach unzähligen Waffentests nur noch Schatten seiner selbst ist – hier auf Orison liegt all das in weiter Ferne. Man schwebt mit den Plattformen über den Dingen. Es ist im Wortsinne fantastisch. Wie sehr sich Crusader Industries dessen bewusst ist, zeigt es an jeder Ecke – mit Fahnen, Videoleinwänden, Stelltafeln und Inschriften. Nichts ist hier dem Zufall überlassen, alles ist sorgsam inszeniert.

Und doch kratzt all dies nur an der Oberfläche. Denn die wahren Wunder liegen unter der fliegenden Stadt – verborgen in den unteren Schichten des Gasplaneten. Die Skulptur des schwebenden Wals von Crusader, in Bronze gegossen, legt auf der Hauptplaza davon Zeugnis ab. Man braucht Glück, um einen Blick auf ein lebendiges Exemplar zu erhaschen. Eine Garantie gibt es bei den angebotenen Discovery-Touren, die hinab in die Tiefe des Planeten führen, nicht. Manchmal aber ertönt sein Walgesang herauf, leise nur, aber doch deutlich vernehmbar. Dann gibt er uns mit einem paar Tönen zu verstehen: Es ist seine Welt.  Wir sind hier nur Besucher, kurzzeitige Sinnestäuschungen. Orison – das ist nur ein Trugbild. Zu schön, um wahr zu sein.

Journal-Eintrag 11 / 08 / 2951

Manchmal fließen einem Texte nur so aus den Fingern – so wie der obige zur Wolkenstadt Orison über dem Gasriesen Crusader. Nachdem Crusader Industries die Tore geöffnet hatte, ließ ich nichts anbrennen und machte mich auf den Weg. Es hat mich tatsächlich umgehauen. Raumstationen – klar.  Menschengemachte Gebilde im Nichts – auch klar. Aber das hier…das hier ist im Abendhimmel eher wie Poesie.

*****

Journal-Eintrag 17 / 09 / 2951

Ich liege in meinem Hub auf Orison und durchforste auf meinem Mobiglas die Datenbank der „Arche“, dem Hort des Wissens des Empires. Es ist komisch, dass ich erst jetzt auf die Idee gekommen bin – ich gebe meinen Namen in das Suchfeld ein, dazu mein Geburtsdatum und lasse die Suche starten. Es dauert nur ein paar Mikrosekunden – dann ist alles da. Einträge über meinen Lebenslauf, Eltern, Berufliches, ein paar Zeitungsartikel aus Kanada. Verschwunden am 28 / 03 / 2232  an Bord der„Rangin“ zur Verabschiedung des Generationenraumschiffes „Artemis“ am Rande des Sonnensystems. Es scheint: Ich bin ich, keine Verwechslung möglich. Ich zoome ein wenig in das Bild hinein, auf dem mein Konterfei zu sehen ist…dann stutze ich unvermittelt….blicke genauer hin und entdecke den charakteristischen Schatten eines Gravitationsringes einer Raumstation – einer Raumstation, die mir nur zu bekannt ist. Ich zoome ein weiteres Stück hinein und lese die Endung eines Wortes im Schatten, kaum zu sehen, wenn man nicht gezielt danach sucht, aber doch lesbar: „…lisar“. Ich stutze einen Moment: „Port Olisar.“ Kein Zweifel.

Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Wie zum Henker kommt mein Bild auf einer Raumstation aus dem 29. Jahrhundert neben die Beschreibung meiner Person aus dem 22. Jahrhundert? Sicher, seit ich vor etwas mehr als drei Jahren aus der Kryokapsel gefischt wurde, hätte es tausend Gelegenheiten gegeben, mich auf Port Olisar heimlich zu fotografieren. Doch warum ist in dem Register kein altes Bild zu sehen? Eines aus dem 22. Jahrhundert. Davon musste es doch ebenfalls Unzählige geben…ich durchsuche die Datenbank: nichts. Kein einziges weiteres Bild. Nur dieses eine. Und warum zum Teufel hatte der Datenbankeintrag von den Archivaren bisher kein Update erhalten? Seit meiner Wiederauferstehung hinterlasse ich jeden Tag allein über das Mobiglas tausende Beweise, dass ich existiere. Und doch: Der Datenbank-Eintrag weist mich nach wie vor als verschollen aus. Als würde es mich seit 700 Jahren nicht mehr geben. Ich kneife mich einmal. Ich existiere, soviel steht fest.  Ansonsten dreht sich alles um mich herum.

*****

15

Toursuche

Ich cruise gerade ein wenig über ArcCorp, um mich abzulenken, als über Mobiglas ein Anruf reinschneit.

„Mr. Brubacker, wo sind Sie? Lust darauf, mich bei einer kleinen Tour zu begleiten?“

Es ist Friedrich Winters von „Nordlicht Aviation.“

„Friedrich…ähm…Mr. Winters…hm, ja, warum nicht? Ich hab’ grad nichts Besonderes zu tun.“

Ich sinniere – hat er schon wieder vergessen, dass wir bereits beim Du waren? Etwas vergesslich, der Mann, so scheint es.

„…wo soll es denn hingehen?“

„Nun, ein wenig über Microtech. Ich arbeite gerade an meiner ersten Ausflugstour in Stanton, um hier mit Nordlicht Aviation Fuß zu fassen.“

Ich nicke.

„Klingt interessant. Wo sind Sie?“

„Port Tresslar über Microtech. Dort können wir uns treffen.“

Ich nicke abermals und ziehe die Aquila an den Himmel. Nur Minuten später bin ich im Quantumjump nach Microtech. Nachdem ich gelandet bin, beordert mich Winters zum Deck II, an dem seine „Nordlicht 1“, eine 890 Jump von Origin, festgemacht hat. Ich laufe den dunklen Gang entlang, in dem es offenbar eine Sicherung rausgehauen hat. Augenblicke später laufe ich durch die Luftschleuse und Winters und ich geben uns die Hand.

„John, schön dich wiederzusehen und dass du Zeit hast.“

Ich nicke, jetzt sind wir also wieder per Du. 

„Wir legen gleich ab.“

Winters, der allein an Bord des riesigen Schiffes ist, steuert das Oberdeck an, während ich beobachte, wie wir ablegen und der lange Andocktunnel langsam zurückfährt. Dann steige ich ein paar Stiegen hinauf, geselle mich zu ihm und blicke auf die blau glitzernde Kugel Microtech unter uns hinab.

„Wunderschön, nicht wahr?“

„In der Tat“, antworte ich.

Dann ergreift Winters wieder das Wort.

„Sag mal…der Radiosender…Radio Infinity…bei dem wir auch das Interview geführt haben, meinst du, der könnte ein wenig Werbung für mich machen? Wir haben da ja dieses Interview geführt. Was ist das eigentlich für ein Laden?“

Ich sinniere kurz, muss an Mason denken.

„Nun, das ist halt so ein Gute-Laune-Sender. Viel Musik. Paar Formate. Ich schätze, die sind da alle ein wenig überdreht. Radiotypen eben.“

Ich sehe, wie Winters nickt.

„…und, was denkst du?“

„Ich kann ja mal fragen.“

Winters nickt erneut, nimmt dann Kurs hinab auf den Planeten.

„Ich arbeite an meiner ersten Tour. Es geht darum, künftigen Gästen von Nordlicht Aviation das Stanton-System mal aus einem anderen Blickwinkel vorzustellen.“

„Aha…“

„Stell dir vor: Ich habe letztens von einem Mann gehört, der hatte sich in den Bergen von Microtech verlaufen und kampierte über Wochen in einer Höhle. Darin entdeckte er einen alten Altar und eine Stele, die sehr alt zu sein scheint.“

„…ach…“

„…alles ist so belassen, wie es war, als der Mann doch noch gerettet werden konnte. Jedenfalls werden wir uns das jetzt mal ansehen.“

Winters steuert das riesige Schiff in Bodennähe über den Planeten, immer wieder nimmt er Kurskorrekturen vor. Er steuert einen örtlichen Schutzshelter an, von dem es bis zur Höhle nicht mehr weit sein soll.

„Man muss sich halt immer wieder was Besonderes ausdenken, will man Gäste bekommen und gegen die Konkurrenz bestehen.“

Wir legen einen kurzen Zwischenstopp bei dem Schutzshelter ein, der in üppig bewachsener Steppe liegt. Dann plötzlich, nur wenige Flugminuten entfernt, schlägt das Wetter um und wir befinden uns in einem ausgewachsenen Schneesturm. Durch die Cockpitscheibe sehen wir den Eingang zur Höhle, es handelt sich um ein so genanntes „Sinkhole“. Aus der Höhe sieht es aus, als hätte sich die Erde aufgetan.

Winters kämpft mit starken Seitenwinden und hat Mühe, das Schiff über der Höhle zu halten. Eigentlich hatte er vor, mit einem kleinen Begleitschiff in die Höhle hinein zu fliegen. Daraus, so wird schnell klar, wird nichts.

„Ich denke, das müssen wir abbrechen. Wir kommen wieder.“

„Klar“, erwidere ich. „Ist auf jeden Fall eine schöne Idee.“

Nachdem wir wieder auf Port Tresslar sind, verabschieden wir uns.

„Ich werde die bei Radio Infinity anmorsen“, verspreche ich. „Mal schauen, was ich tun kann.“

Dann gehen wir beide wieder unserer Wege.  

*****

Journal-Eintrag 22 / 08 / 2951

Ich schreibe „Radio Infinity“ an und erzähle von „Nordlicht Aviation“ – und dass dieses Reiseunternehmen eine recht interessante Geschichte und einen besonderen Ansatz bei seinen touristischen Unternehmungen hat. Nur einen Tag später bekomme ich Nachricht von Winters: „Vielen Dank, John. Habe mich mit Mason getroffen. Wir werden jetzt von Radio Infinity gesponsert. Die machen sogar Werbung für uns. Ist das nicht großartig?“

*****

Journal-Eintrag 26 / 08 / 2951

Panzer fahren – zu dieser netten, kleinen „Spielerei“ bin ich auf den Mond Daymar eingeladen worden. Kurzum: Zwei Teams, eine große Fläche und jede Menge Kawumm! Fest steht: Die „Tonks“, wie einige sie nennen, können einiges ab. Ein paar Mal bekommen wir in unserem Panzer eine volle Breitseite ab. Ich persönlich kann es hingegen weniger verknusen: Habe mir im engen Sitz des Schützen gleich mehrfach richtig den Kopf angeschlagen, als das Metallungetüm über Steine gebrettert ist, auch hat mir das ständige Vor- und Zurück und das ewige Geschaukel auf den Magen geschlagen. Für manche mag da ein richtiger Kindheitsraum in Erfüllung gehen – meins wird es nicht, so viel steht nach der kleinen „Schlacht unter Freunden“ fest. Mir ist jetzt noch schlecht.  

*****

Journal-Eintrag 29 / 08 / 2951

Sie sind zurück, die Piraten aus dem Pyro-System. Erneut überfallen die Xeno-Threat Transporter – und erneut ruft die Civilian Defense Force zur Verteidigung des Stanton-Sytems auf. Ich bin auf Port Tresslar, als uns der Hilferuf ereilt. Nur Minuten später bin ich an Bord einer Aegis Hammerhead und besetze eines der Turrets. Wir sind zu fünft unterwegs. So wollen wir den Piraten Saures geben und gleichzeitig die kleinen Schiffe der Bürgerwehr beschützen.

Es ist eng in dem kleinen Turret, die Sicht ist extrem eingeschränkt. Bald schon befinden wir  uns mitten im Getümmel. Ich halte auf die Feinde drauf, treffe aber kaum etwas. Sie sind einfach zu schnell vorbei. Kaum bewegt oder dreht sich das Schiff, wird es noch einmal schwieriger. Mit dem Gyro-Mode geht es schließlich besser. Er entkoppelt das Turret von den Eigenbewegungen des Schiffes und ich lande den einen oder anderen Treffer. Auch im Großkampf mit einer  Idris, die von Piraten gekapert wurde, halten wir uns ganz gut. Ihre Explosion ist schließlich ein riesiges Feuerwerk. Der stundenlange Einsatz macht sich schließlich bezahlt und die Advocacy lässt sich nicht lumpen. Rund 150.000 Credits fließen zur Belohnung auf mein Konto.  

*****

16

Abhören

 Zeros Nachricht kommt wie aus dem Nichts.

„Traust du eigentlich McMarshall über den Weg?“

Ich blicke die Nachricht erstmal gut 30 Sekunden an. Dann schreibe ich zurück: „Eigentlich schon. Nachdem er bei unserem Treffen auf Daymar versichert hatte, keine bösen Dinge im Schilde zu führen, ist mir noch nichts Gegenteiliges aufgefallen. Warum fragst du?“

Ich lächle in mich hinein. Ich hatte McMarshall damals ziemlich auf den Zahn gefühlt.

Ich schicke die Nachricht ab, sinniere kurz, dann schicke ich hinterher: „Wo zur Hölle steckst du?“

Es dauert ein paar Minuten. Dann antwortet Zero wieder.

„Bin auf Microtech. Hab mich versteckt. Komm vorbei, hol mich ab, dann erkläre ich alles.“

Herrgott, warum immer diese Geheimnistuerei?

„Schick mir die Koordinaten.“

Es pingt einmal, dann ploppen die Koordinaten auf.

„Bin unterwegs.“

RSI hatte mir zur Probe unlängst mal wieder eine Constellation Aquila zur Verfügung gestellt. Sie hatten gefragt, ob ich nicht doch wieder umsteigen wolle – habe zugegriffen. Ein wenig Abwechslung kann nie schaden.

Ich hatte auf einer Raumstation nahe des Einsatzgebietes gegen die Xeno-Threat übernachtet. Mir steckt der Kampf immer noch in den Knochen. Ich strecke mich und lasse mir die Aquila in den Hangar stellen. Minuten später bin ich unterwegs und steuere die beschriebenen Koordinaten an. Bald sehe ich mitten in der Wildnis eine einsame Mercury Star Runner – die „White Rabbit“.

Ich suche einen passenden Landeplatz, dann knackt es im Headset.

„Ey, du kommst auf einem Hang runter. Mann, landen wirst du nie lernen!“

„Ist ja gut.“

Zero steht auf einem Hügel.

„Soll ich da jetzt hochlatschen?“

„Bisschen Sport wird dir mal ganz gut tun.“

Sinnlos, mit Zero zu diskutieren, also stapfe ich den Hügel rauf.

Nachdem ich komplett außer Atem oben angekommen bin, blickt mich Zero spöttisch an und schüttelt mit dem Kopf.

„Schreibtischtäter… Mann, du musst dich mehr bewegen!“

„Raus mit der Sprache“, erwidere ich, „was ist los?“

Dann klärt mich Zero auf.

Das grünliche Zeug, das seine Aktivisten-Kumpel analysiert haben, scheint tatsächlich „Enos“ zu sein.  Auf jeden Fall ist es irgendetwas Hochgiftiges, Lebensgefährliches. Zero erklärt mir, dass er in der Zwischenzeit bei Shubin Interstellar einen Informanten ausgemacht habe, der über die geheimen Machenschaften des Konzerns auspacken will. Zeros Meinung nach sitzt der Konzern wie eine Spinne im Netz, um die sich alles dreht. Er erwähnt noch diverse andere Namen, von denen mir aber bisher keiner etwas sagt: Blutrote Front oder das Microtech Bureau of organized Crime. Sie alle hängen hier irgendwie mit drin.

„Uff. Wenn nicht einmal wir das verstehen, wie wollen wir es dann irgendwann der Öffentlichkeit erklären?“

Zero zuckt mit den Achseln.

„Ich weiß nur eines. Wir kommen der Sache immer näher.“

„…und was kann ich jetzt tun?“

Zero blickt zur Aquila hinüber.

„Um Shubin abzuhören, hat mit mein Informant eine Wanze gegeben. Deren Reichweite ist jedoch nur begrenzt. Ich möchte hier auf Microtech auf dem Dach in der Nähe des Shubin-Gebäudes einen Transmitter installieren, sodass ich die Gespräche auch außerhalb des Planeten mithören kann.“

„Und warum erledigst du das nicht selbst?“

„Weil meine White Rabbit eventuell immer noch unter Beobachtung ist. Wir fliegen mit deiner Aquila rüber, ich docke mit dem kleinen Begleitschiff ab, fliege zu dem Dach, baue das Gerät ein – und bin schwupps wieder zurück.“

„…aber sonst geht’s noch?! Das ist höchst illegal….“

Zero legt den Kopf schief. Ich weiß, wie komisch das klingt angesichts der Situation, in der wir es uns ohnehin befinden.

„Dann los.“

Wir jetten rüber nach New Babbage und ich fliege die Stadt seitlich im Tiefflug an. Zero macht unterdessen die kleine Merlin im Heck des Schiffes startklar, dann legt er ab. Er dreht ein paar Spaßrunden um die Aquila, dann taucht er hinab ins Stadtgewimmel zwischen die Wolkenkratzer von New Babbage. Bald habe ich ihn aus dem Blick verloren. Über Funk höre ich mit, wie ihm sein Coup offenbar gelingt. Er landet auf dem benachbarten Dach neben einer Shubin-Dependance und klinkt seinen kleinen Transmitter ins Netzwerk ein.

„Fertig, ich komme wieder hoch.“

Dann: Stille.

„Bru, das Schiff startet nicht mehr.“

„Was? Hast du es kaputt gemacht?“

„Nein, ich…“

„Du musstest ja vorher unbedingt noch ein paar Loopings fliegen…“

„…kannst du mich jetzt endlich abholen?“

„Komme ja…“

Ich atme tief durch und fliege hinab. Bald sehe ich Zero auf dem Dach stehen. Ich lande und nehme ihn an Bord.

„Und jetzt?“

„Zurück zur White-Rabbit.“

Kaum gelandet, steigt Zero um und gemeinsam verlassen wir mit beiden Schiffen den Orbit von Microtech. Sofort lädt Zero die ersten Gespräche auf die Server seiner Star Runner herunter.

„Wir können noch etwas trinken gehen. Dann kann ich gleich erzählen, was auf den Bändern drauf ist.“

„Nee, danke. Höre das erstmal selber in Ruhe ab. Dann erkläre mir das Wichtigste“, erwidere ich nur.

Ich starre unterdessen konsterniert auf mein Mobiglas.

Darauf nur eine kurze Nachricht:

„Ich bin raus. Macht’s gut – Chhris.“

Keine weitere Erklärung.

*****

Journal-Eintrag 05 / 11 / 2951

Während ich vor mich hincruise und über dies uns jenes nachdenke, höre ich im Hintergrund ein wenig Radio Infinity. Plötzlich ein Werbespot über Big-Bennys-Nudeln – mit Zeros Stimme.

„Ich sitze hier irgendwo einsam im Nichts…blablabla…Big Bennys, mach sie dir noch mal warm.“

Ich schreibe Zero an.

„Alter, was ist das denn? Machste jetzt Nudel-Werbung?“

Er schreibt kurz zurück: „Yo. Denen gefiel wohl meine Stimme.“

Ein fettes Grinsen huscht mir übers Gesicht.

„Haben Sie dich wenigstens gut bezahlt?“

„Nee, keinen Cent.“

Radio-Arschgeigen.

*****

Journal-Eintrag 16 / 09 /2951

Ich bin auf ArcCorp – und ein wenig einsam. Dabei ist heute mein Geburtstag. Am 16. September 2203 wurde ich auf der Erde in Vancouver in Kanada geboren. Jetzt lebe ich fast 750 Jahre später in einem mir nach wie vor unbekannten Universum. Ich bin jetzt 48 Jahre alt und habe doch das Gefühl, eben erst auf die Welt gekommen zu sein. Mittlerweile habe ich viel gesehen, neue Freunde gefunden und auch wieder verloren, ich bin soweit meinen Weg gegangen, bin aktuell einer großen Verschwörung auf der Spur – und fühle mich doch seltsam leer. So, als würde ein Teil von mir fehlen…als wäre da ein Loch in mir…ein anderes Ich….

Mein Mobiglas piept.

„John? Friedrich hier. Friedrich Winters.“

„Ah…was kann ich für dich tun?“

Er druckst ein wenig herum, dann rückt er mit der Sprache heraus. Er ist mitten im All mit einer kleinen Origin 85x gestrandet, hatte sich offenbar darauf verlassen, dass es auf seiner Route nach ArcCorp eine weitere Raumstation zum Auftanken geben würde.

„Soll ich dich abholen?“

„Das wäre prima.“

Ich laufe zur „Clarke II“ und bin kurz darauf unterwegs. Ich habe unlängst in das Schiff einen neuen schnelleren Quantumdrive einbauen lassen. Auch probiere ich mal eine dunklere Lackierung aus. Im Eiltempo rast die „Clarke II“ durch den Quantumtunnel. Bald schon sehe ich Winters in seinem kleinen Schiff und wenige Minuten später ist er an Bord meiner Mercury.

„Soll ich dich nach ArcCorp bringen?“

Er schüttelt den Kopf.

„Nein danke, mein Geschäftstermin ist ohnehin geplatzt.“

Er erzählt, dass es mit seinen touristischen Unternehmungen im Stanton-System gut vorangehe, ich sage, dass ich heute Geburtstag hätte, woraufhin sich seine Miene aufhellt.

„Herzlichen Glückwunsch! Drink gefällig?“

Ich nicke.  

Wir fliegen gemeinsam nach Orison. Ich finde relativ flott den „August Dunlow“-Spaceport und lande. Ich hatte gehört, dass sich manche hier so lange einen Wolf suchen, bis ihr Tank fast alle ist. Friedrich und ich landen aber problemlos und steuern die nächste Bar an – nachdem wir auf einem der Hochhäuser zunächst einen fantastischen Blick über die Wolkenstadt genossen haben. Die Barkeeper sind auf Orison so störrisch wie überall sonst im Verse, fast scheint es so, als würde dahinter Methode stecken. Irgendwann halte ich aber meinen Geburtstagsdrink, ein kräftigen Whisky-Cola, in den Händen. Ich spüle mit ein paar großen Schlucken manchen Ärger und manche Enttäuschung der vergangenen Monate hinunter – dann schaue ich zu Winters und sehe nicht recht: In seinen Händen hält er eine undefinierbare, grüne Flasche.

„Was ist das denn – Abflussreiniger?“

„Grüner Smoothie“, erwidert Friedrich trocken.

„Und damit willst du mit mir anstoßen?“

Friedrich grinst mich an.

„Na klar, in meinem Alter muss man sich fit halten.“

Ich schüttele entgeistert den Kopf.

„Pfui Deibel.“

Aber es hilft nichts. Geburtstag ist Geburtstag. Hauptsache, ich muss den grünen Schleim nicht selber runterwürgen. Da nehme ich ja lieber einen Schluck Enos. Also stoßen wir an.

Es kann alles nur besser werden.

Was für ein Irrtum!

*****

17

Waffe an der Schläfe

Ich stapfe mitten im Nirgendwo durch die Tundra und Taiga Microtechs. Der keifende Wind zerrt an meinen Klamotten. Ich blicke mich um. Der Ort ist perfekt für Menschen, die Einsamkeit  suchen. Oder für Depressive. Ich erklimme einen Hügel, dann erspähe ich die Constellation Phoenix. Wie ein Fremdkörper, der einen am liebsten von hier wegbringen möchte,  wirkt das wundschöne weiße Schiff in dieser Einöde. Ich krame die Einladung aus meiner Tasche und werfe einen schnellen Blick drauf. Es kommt mir vollkommen absurd vor, was ich hier soll – aber was soll’s. Ich erzähle denen von „Snowflake Spirit“ am besten was sie hören wollen. Dann bin ich hier schnell wieder weg.

 

 

Wer kann dazu schon nein sagen, wenn einem so viel Honig um den Mund geschmiert wird?

Zwei Personen erwarten mich am Lift der Phoenix.

„Mr. Brubacker?“

Ich blicke den grobschlächtigen Mann an. Nicht der Hellste, wie es scheint.

Fast hätte ich geantwortet: „Sehen Sie noch jemanden in dieser Einöde?“

Stattdessen nicke ich kurz und steige auf den Fahrstuhl.

„Schön, Sie zu sehen. Seien Sie doch so freundlich und nehmen Sie Ihren Helm ab, ebenso bitte Ihre Waffe. Aus Sicherheitsgründen.“

„Natürlich“, erwidere ich und folge den Anweisungen.

„Schönes Schiff“, sage ich und versuche ein wenig Smalltalk zu beginnen.

„Hier entlang. Mrs. Smith wartet bereits auf Sie.“

„Wie Sie meinen.“

Momente später stehe ich im Konferenzabteil des Schiffes. An einem langen Tisch sitzt eine weibliche Person, versteckt unter einem Helm.

„Mr. Brubacker, schön, dass Sie sich zu uns gesellen…hatten Sie eine gute Anreise?“

„Ja, danke, ich…“

„..und halten Sie die Gegend auf den erste Blick dafür geeignet, um hier ein Urlaubs-Resort zu errichten?“

„Nun, meiner Meinung nach…“

Ich komme nicht dazu, den Satz zu vollenden.

„…was wissen Sie eigentlich über eine gewisse Krankheit, die in Stanton derzeit kursiert?“

Ihre Stimme nimmt von einem Moment auf den anderen einen gefährlichen Unterton an.

Ich bin überrumpelt, fast geschockt. Eine Falle!

„Mr. Brubacker…“

Die nunmehr eiskalte, wenn auch schmeichelnde Stimme duldet keinen Widerspruch.

Ich blicke mich hektisch um. Der grobschlächtige Kerl versperrt den Ausgang,

Ich reiße mich zusammen, atme tief durch, versuche mich zu beruhigen.

„Hatten Sie in letzter Zeit schon einmal Kontakt zu einem gefährlichen Kampfstoff?“

„…ich, nun, da sind Gerüchte im Umlauf…also…ich dachte, ich soll beurteilen, ob diese Gegend geeignet ist für… wer zum Teufel sind Sie?“

„Sie sind nicht in der Position, hier Fragen zu stellen…“

„Moment mal, so läuft das nicht. Ich will jetzt sofort hier raus.“

Ich spüre wie meine Verdatterung in Wut umschlägt.

„Vergessen Sie es.“

Ich drehe mich um und will zum Ausgang – als mir der Schläger eine verpasst.

Ich taumele ein paar Schritte zurück zum Konferenztisch.

„Nehmen Sie Platz. Bitte. Machen Sie es sich nicht so schwer.“

Ich versuche die Oberhand über meine aufkeimende Panik zu bekommen. Meine Gedanken rasen…dreh die Situation…die wollen etwas von dir…du bist nur in einer schwächeren Position, wenn sie das spüren… wenn sie haben, was sie wollen, dann …

Ich stelle direkten Blickkontakt her.

„Wie wäre es, wenn Sie auch Ihren Helm abnehmen?“

„…und Sie sind auch nicht in der Position, hier Bedingungen zu stellen.“

„Dann sage ich Ihnen gar nichts.“

„Ich rate Ihnen zu kooperieren.“

Auf mich prasseln plötzlich lauter Fragen ein. Ob ich Kjeld Stormanson von der Tyr Security oder Thane McMarshall, Sicherheitschef von Microtech kennen würde, einen gewissen Xedan Thormento schon mal getroffen hätte, wissen würde, was auf Security Post Kareah vorgefallen ist…gib ihnen etwas, denke ich fieberhaft, etwas, das eh keine Rolle spielt. Lass sie kleine Erfolge haben.

„Sagt Ihnen der Name Xedan Thormenato etwas?“ – „Ja. Ich habe ihn aber nie persönlich getroffen.“

 „Wissen Sie, was auf Kareah vorgefallen ist?“ – „Ja. Ich war aber nicht persönlich vor Ort.“

 „Kennen Sie die Reichen und Schönen von Stanton?“ – „Ja, den einen oder anderen.“

Ich werde innerlich ruhiger und gewinne die Initiative zurück. Noch haben sie mich nicht erschossen.  Das bedeutet: Sie haben noch nicht, was sie wollen. Und das wiederum bedeutet: Auch sie stehen unter Druck. Die Vernehmerin probiert es mit einer neuen Masche.

„Erzählen Sie doch einmal etwas über Ihren Beruf als Journalist.“

Ich traue meinen Ohren nicht. Ich habe keine Lust auf ein Pro-Seminar.

„Nun, der Beruf dient der Wahrheitsfindung“, sage ich knapp.

Ich kann mir fast vorstellen, wie mich meine Entführerin unter ihrem Helm spöttisch ansieht.

„Der Wahrheitsfindung…?“

„Ja, aber nicht für einzelne Personengruppen. Und schon gar nicht auf diese Weise.“

Ich spreche über Quellenschutz, über das Redaktionsgeheimnis, versuche das Gespräch noch einmal auf das Urlaubs-Resort zu bringen, wissend, dass wir nicht deshalb hier sind. Ich versuche Zeit zu gewinnen – plötzlich ergreift der Schläger das Wort.

„Das hier führt zu nichts…“

Die Vernehmerin steht auf.

„Mr. Brubacker, tut mir leid, aber Sie sind für uns unbrauchbar.“

Mir läuft es eiskalt den Rücken runter – offenbar habe ich mein Blatt überreizt.

„Hören Sie…“

Es folgt ein kurzer Tumult. Schüsse fliegen durch das Schiff, mir schießt das Adrenalin bis in die Haarspitzen, instinktiv gehe ich in die Hocke. Der Schläger liegt plötzlich tot in der Ecke – und die Entführerin springt wie von der Hornisse gestochen auf und rennt zum Heck des Schiffs. Offenbar will sie fliehen. Als ich aufblicke, erkenne ich hinter dem Helm das Gesicht von McMarshall. Er atmet schnell, schaut sich kontrolliert im Schiff um. Dann wendet er sich an mich.

„Das war knapp. Die wollten schon ihre Werkzeuge auspacken…“

„Werkzeuge? Was zum Teufel ist hier los? Wer war das?“

Während McMarshall in jede Ecke späht und sichergeht, dass die Situation an Bord geklärt ist, beruhige ich mich langsam.

„Die waren vom MBOC. Meine Agenten hatten die fingierte Einladung abgefangen. Deshalb war ich so schnell hier.“

Den Namen hatte ich schon mal gehört – das „Microtech Bureau of Organzied Crime“, eine Microtech-interne Abteilung, die versucht, auch mit unlauteren, um nicht zu sagen brutalen Methoden organisierter Kriminalität das Handwerk zu legen; eine im Konzern hoch umstrittene Sektion.

„Und was wollten die von mir?“

McMarshall setzt mich ins Bild.

„Sie versuchen herauszufinden, was Ihre Redaktion weiß. Im Grunde stochern aber auch sie nur im Nebel. Stormansons Schiff haben sie auch schon durchsucht. Aber wenn sie zu solchen Mitteln greifen, dann müssen sie wirklich verzweifelt sein. Ich glaube aber nicht, dass sie Sie wirklich umbringen wollten. Das können sie sich auch gar nicht leisten.“

McMarshall empfiehlt mir dennoch bis auf weiteres auf ArcCorp zu bleiben und Microtech zu meiden. Ich sage, dass sie mal die Datenträger des Schiffes durchsuchen sollten. Ein Scan auf Fingerabdrücke könnte auch weiterhelfen. Gleichzeitig verfluche ich mich für meine Dummheit und blicke aus dem Fenster, wo die Dämmerung einsetzt.

„Ein Resort mitten im Nirgendwo. Auf felsigem Untergrund. Hier kriegt man nicht mal ein Loch in die Erde, um jemanden zu verscharren“, murmele ich leise. Ich schimpfe noch eine Weile vor mich hin,  dann atme ich tief durch.

Ist gerade noch mal gut gegangen.

McMarshall will Jeff Alfonz, CEO von Microtech, persönlich einschalten.

Wir verlassen die Constellation und fliegen mit McMarshalls Shuttle zurück nach Port Tresslar. Seine Männer werden sich um das Schiff kümmern. Der Anschlag auf Zeros Hub, meine Entführung – klar ist: Wir haben es mit Gegnern zu tun, die vor nichts zurückschrecken – nicht einmal vor Folter und kaltblütigem Mord. Höchste Zeit, Zero zu treffen und die nächsten Schritte abzusprechen.

Ich habe die dunkle Ahnung, dass uns das bald alles um die Ohren fliegen wird.