Waffenbrüder

Rhedd Alert Security: Es ist alles andere als leicht, legal zu werden und sein Geld zu verdienen
Von Andy Rogers

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Kapitel 01

Die Warnanzeige auf dem Display der Cutlass verdunkelte sich an den Rändern. Grüne Dreiecke markierten jedes Mitglied von Gavin Rhedds Sicherheitsteam, wurden zu flimmernden und spitzen, horizontalen Ausschlägen.

Er schlug gegen die Seite seines Helms. Es war eine routinierte Bewegung, die sein HUD in der Vergangenheit immer wieder scharf gestellt hatte. Diesmal aber flackerte die Anzeige nur, verblasste und erlosch dann komplett. Ein schwerer Atemzug legte einen dünnen Dunstschleier über das Visier seines Helms und Kondenswasser verdeckte die Sicht auf den schwarzen, leeren Raum vor ihm. Leer wie das tote Head-up-Display. Leer, so wie es schon seit Wochen war. Es gab viele Outlaw-Banden, die die Planeten im Verse plagten und er konnte keine einzige dieser verdammten Banden finden.

Nichts klappte so, wie er es geplant hatte. Auf dem Navsat schwärmten die anderen drei Mitglieder seiner Rhedd Alert Security aus. Sein Bruder Walt hatte seine Position direkt an Backbord eingenommen. Jazza und Boomer befanden sich weit außerhalb ihrer eigentlichen Position. Schlampig. Alle wirkten gelangweilt und wurden langsam nachlässig.

Boomer war diesmal der Erste, der die Funkstille brach:

“Hey, Leute?”

“Was gibt’s, Boomer?”

Walt war der erste, der antwortete:

“Mir ist kalt.”

“Dann zieh dir einen Pullover an.”

“Hey, Jazz?”

“Ja?”

“Nimm mal deinen Helm für einen Augenblick ab.”

“Warum denn, alter Mann? Willst du einen Kuss?”

“Nö. Ich hoffe, du wirst rausgesaugt und stirbst, wenn ich ein Loch in dein Cockpit schieße.”

Gavin seufzte in seinen Helm.

“Kommt schon Leute. Ich will Funkstille. Die Bergleute auf Oberon haben uns angeheuert, damit wir uns um ihr Piratenproblem kümmern. Und wenn ihr drei auf einem offenen Kanal plappert, hilft uns das nicht gerade, sie schneller zu finden.”

“Ich fange an, dieses System zu hassen”, murmelte Walt.

Sie waren alle müde und ausgelaugt von wochenlangen Überstunden, ohne irgendeine Action. Walt gab ihrer Moral nun den Rest.

*****

Diese ganze Sache – Rhedd Alert Security, das Schmuggeln aufzugeben, um sauber zu werden, die Staatsbürgerschaft zu beantragen – war etwas, was sie gemeinsam tun wollten. Gavin und Walt. Brüder. Legal werden und ein Geschäft eröffnen. Aber manche Dinge ändern sich eben nicht – und Walt war und blieb derselbe alte Walt – nur Gerede und nichts dahinter. Es würde nicht lange dauern und er würde mit einer neuen Ausrede wieder in sein altes Leben zurückkehren.

“Was ist los, Boomer?”

“Mir ist kalt, Gavin. Ich glaube, die Heizung ist aus.”

Wunderbar. Noch etwas zu reparieren.

Jazza bellte ein Lachen,

“Jep. Das klingt ungefähr richtig für dieses Outfit.”

“Jazza, hältst du endlich mal die Klappe? Mit welchem Teil hast du Probleme? Funk oder Stille?”

“Ja, Sir, Big Boss Mann.”

“Jesus. Ihr hattet mehr Respekt vor mir, als wir noch Kriminelle waren. Boomer, bei allen Banu-Göttern, warum hast du mir nicht gesagt, dass du Probleme hast, bevor wir den Hangar verlassen haben?”

“Ich…äh…dachte, ich sollte bis nach der Mission schweigen. Bis wir bezahlt werden.”

Das hätte ein schneller Job sein sollen. Rein und raus. Aber nach wochenlanger erfolgloser Jagd, selbst wenn sie die Piraten verjagt hätten, wäre dieser Job immer noch ein Verlustgeschäft.

“Hey, Leute?” Jazza fing wirklich an, ihm auf die Nerven zu gehen.

“Sei still ,Gavin. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich da etwas gefunden habe.”

Gavin studierte schnell seine Navsat-Konsole. Die Gegend sah immer noch verlassen und leer aus. Was immer sie gefunden hatte, es war auf keiner seiner Radaranzeigen zu sehen. Er klopfte erneut auf seinen Helm in der stillen Hoffnung, dass sein HUD wieder zum Leben erwachen würde.

“Es ist ein Wrack”, sagte Jazza. “Ein Großes. Sieht aus wie eine zerstörte Idris. Scheint aber tot zu sein.”

“Ich sehe dich nicht … “, sagte Walt. “Ah, da bist du ja. Wie bist du denn so weit von unserem Kurs abgekommen?”

“Ganz ruhig, Leute”, sagte Gavin.

“Boomer, du richtest Dich zu Jazza aus. Walt und ich halten die Position.”

“Verstanden.”

Eine Idris war ein riesiger Brocken als Bergungsgut. Seltsam, dass bisher niemand sie beansprucht hatte. Sie waren in Oberon, um Piraten zu verjagen, aber ein kleiner Schrottjob nebenbei war ein durchaus willkommener Bonus.

“Jazz”, sagte Gavin, “ich habe nichts in deiner Nähe auf den Sensoren. Glaubst du, es ist nur irgendein treibender Schrott?”

“Ich glaube schon” sagte sie langsam, unschlüssig. “Ich dachte erst, ich hätte eine Wärmespur gesehen, aber jetzt sehe ich sie nicht mehr. Ich gehe näher ran – Jesus..!”

“Jazz…”

Boomers flüsterte fast. Der alte Mann war nun ganz bei der Sache. “Zieh nach rechts, ich locke den hier von euch weg und lotse sie zu den Jungs zurück.”

“Ich kann ihn nicht abschütteln.”

Das Navsat zeigte plötzlich drei neue Schiffe an. Eine Origin 325a näherte sich Jazz rasend schnell. Walt raste vorbei und beschleunigte, dem Gefecht entgegen, Gavin drehte um und folgte.

“Hart hochziehen”, sagte Boomer.

“Bring ihn wieder zu uns zurück … oh, verdammt…”

“Sprich mit uns, Boomer”, sagte Walt.

“Jazz hat einen Treffer gelandet. Aber die Jungs haben alle eine Tarantula … und zwar die richtig fette.”

“Halt durch”, sagte Gavin.

“Wir sind fast da. Walt, mein HUD ist ausgefallen. Ich brauche Sichtkontakt für den Kampf, kannst du mir helfen?”

“Bin dran.”

“Halt durch, Boomer. Wir sind gleich da.”

Walt war nur noch ein glühender Streifen vor ihm. Seine Umgebung schien trügerisch leer, ohne die Visualisierungen seiner HUD-Instrumente. Nur Oberon IV, bedrohlich nahe unter ihnen, gab ihm ein Gefühl für den Raum.

Walts Stimme knisterte in der bedrückenden Stille.

“Boomer. Ich komme tief rein, auf drei Uhr.”

“Verstanden.”

“Ich werde mit den Repeatern feuern, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.“

„Du gibst der 325er eine Breitseite und dann bekommt sie von mir eine Rakete dahin, wo die Sonne nicht scheint.”

“Beeil dich, Walt. Ich bin zu alt für Drei-gegen-Einen.”

“Bin gleich da.“

Vor den dreien schnitten rasiermesserscharfe, rote Strahlen durch den Raum. Die Laser fächerten sich abrupt auf, als Walt ein Piratenschiff umrundete.

“Boomer…”

Walts Worte überschlugen sich fast.

“…ich kann keine Rakete abschießen, wenn du zwischen uns stehst.”

“Ich kann ihn nicht abschütteln.”

“Diese Tarantula wird dich treffen, wenn du nicht schneller bist.”

Eine Rakete raste auf eines der Piratenschiffe zu. Gavin sah eine Serie kleiner Blitze im Cockpit, dann flammte die 325a plötzlich auf, wie ein lodernder Ball und erlosch. Gavin mischte sich unter die anderen Schiffe und fügte sein eigenes Laserfeuer hinzu, geradewegs auf die Schilde eines der Piratenschiffe.

“Das war’s”, sagte Walt, “sie werden fliehen.”

Er hatte recht. Als sie merkten, dass sie in der Unterzahl waren, sammelten sich die verbliebenen Piraten und beschleunigten direkt an Jazz’ treibendem Schiff vorbei. Gleichzeitig mit ihnen verschwand jede Hoffnung auf einen profitablen Job.

“Umzingelt sie Jungs.”

“Vergiss es”, rief Walt und ließ sich zurückfallen.

“Lasst sie laufen. Sie werden hier nichts mehr machen, nachdem wir ihr Versteck entdeckt haben. Wir haben gewonnen, Gav.”

“Dieser Job deckt nicht mal unsere Treibstoffkosten, Walt. Wir brauchen diese Schiffe.”

“Ich habe sie.”

Boomer wendete und zwang die fliehenden Schiffe zwischen sich und seine Kollegen.

“Boomer”, rief Walt, “tu’s nicht!”

*****

Die Piraten gingen sofort auf Kollisionskurs. Ihre Mündungsfeuer blitzten zweimal auf und Boomers Avenger explodierte noch im selben Moment. Der größte Teil des Steuerbordflügels driftete davon, hell brennend vom austretenden Sauerstoff. Die Piraten flogen direkt durch das treibende Wrack und rasten dann mit voller Beschleunigung davon. Gavin stieß einen Fluch aus und wurde langsamer. Ohne sein HUD verschwanden die fliehenden Piraten schnell aus seinem Blickfeld.

“Boomer? Sprich mit mir, Kumpel.”

Boomers Avenger driftete langsam in der Dunkelheit. Dann wurde das Kabinendach abgesprengt, Luft entwich und Boomers Überlebensanzug wurde ins All geschleudert. Ein neues Signal, rot blinkend, reflektierte auf Gavins Cockpithaube. Er brauchte nicht auf die Anzeige zu schauen, um zu wissen, dass es Boomers Peilsender war. Er ließ seine Hände fallen, schloss die Augen und ließ den Kopf nach hinten fallen. Sein Helm krachte laut gegen die Kopfstütze. Bunte Lichter tanzten kurz vor seinen geschlossenen Augen. Dafür reaktivierte der Schlag das HUD wieder.

“Was zum Teufel war das?” Walts Worte hatten eine bissige Schärfe.

“Tarantula GT-870 Mk3”, sagte Gavin.

“Ich weiß von den verdammten Kanonen, Gavin. Ich meine, Boomer hinterherzuschicken. Wir hatten bereits gewonnen. Wir hatten sie in die Flucht geschlagen.”

“Diese Schiffe reparieren sich nicht von selbst, Walt. Vielleicht hast du nicht nachgerechnet, aber wir sind pleite. Wir brauchen den Bergungslohn.”

“Bergung ist schön und gut, aber Dell wird dich umbringen, wenn Boomer wieder verletzt ist.”

“Ich kümmere mich um Dell.”

Gavin griff zu den Kontrollen seines Schiffes.

“Ruft Oberon. Lasst sie wissen, dass wir uns um ihr Ungezieferproblem gekümmert haben und dass wir ihre kleine Basis abschleppen werden, auf der sich die Piraten versteckt hatten.

“Verstanden”, Walts Stimme klang nachdenklich. “Geld zuerst. Gute Arbeit. Prioritäten richtig setzen.”

“Verdammt, Walt. Würdest du für zwei Minuten die Klappe halten, damit wir zusammenpacken und alle nach Hause fliegen können.”

“Gut.”

“Ich hole Boomer. Kannst du bitte nachsehen, ob du Jazz wieder zum Laufen bringen kannst?”

“Du bist der Boss, kleiner Bruder.”

Gavin schob seine Familiensorgen für einen Moment in den Hintergrund und dachte nach: Kümmere dich um die Crew. Bring Boomer nach Hause. Repariere die Schiffe. Zahle ein paar Schulden ab. Er ratterte eine ellenlange Liste kritischer nächster Schritte herunter. Aber ein Gedanke behielt die Oberhand. Sie brauchten wirklich ganz schnell einen neuen Job.

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Kapitel 02

Walt war schneller beim Hangar als die anderen. Er passte sein Schiff der Rotation an, driftete an der Längsseite entlang, bis er den Hangar von Rhedd Alert erreichte. Walt verlangsamte sein Tempo und kam vor einer der drei breiten Doppel-Hangar-Tore zum Stehen. Jedes dieser Hangartore war in einem alarmierenden Rotton gestrichen. Davor schwebten Warnblinkleuchten, die von kleinen Schubdüsen auf Position gehalten wurden. Ein Arbeitsteam frischte mit Hochdruckfarbgeräten graue Farbe und unter Zuhilfenahme von Schablonen, soeben das „Rhedd-Alert“-Logo auf.

Walt nahm einen tiefen Atemzug, seine Brust hob sich und drückte gegen seinen Raumanzug. Es sah cool aus, den eigenen Namen in großen Buchstaben auf der Seite des Hangars zu erblicken. Andererseits: Der Hangar, das Personal – es war allesamt unnützer Ballast. Die Malercrew und das Logo als Teil des Pachtvertrags mit der Station mahnten als Erinnerung eher an eine dauerhafte Verbindlichkeit. Walt knabberte an seiner Unterlippe angesichts der Last dieser Bürde. Er versuchte seine Schuldgefühle beiseite zu schieben, aber sie saßen zu tief und das wiederum schürte seine Wut auf Gavin.  Sein Bruder hatte diese Firma unbedingt gewollt. Dell ebenso.

Erfolg – rechtschaffener Erfolg – bedeutete eben alte Routinen hinter sich zu lassen. Kein Verstecken mehr. Kein Wechsel des Labels alle paar Wochen, um der Advocacy zu entgehen. Eine Firma zu gründen, auf die Staatsbürgerschaft hinzuarbeiten, das war eine große Sache – aber zu welchem Preis? Leute zu beschäftigen und die Staatsbürgerschaft zu beantragen war gut, aber das Ganze verlor schnell an Glanz, wenn Erfolg eben auch bedeutete, dass sie bei ihren Aufträgen in Zukunft über Leichen gehen müssten. Walt wollte sicherstellen, dass Gavin das erkannte. Sie waren alle müde, aber das war zu wichtig, um zu warten.

“Dell”, sagte Walt. “Mach auf.”

D’lilah‘s Stimme kam sofort über die Sprechanlage. Sie hatte bereits gewartet. “Hangar 3, Walt. Und achte auf die Malercrew.”

“Ich sehe sie. Bin froh, zu Hause zu sein, Dell.”

*****

Gavin landete als Letzter. Walt wartete am Fuß der Leiter seines Schiffee, als sein Bruder auf die Plattform hinunterglitt.

“Fang gar nicht erst an”, waren die ersten Worte aus Gavins Mund.

“Hör mal”, sagte Walt, “vielleicht war es unangebracht, dich während eines Kampfes in Frage zu stellen, aber wir müssen darüber reden, was da draußen eben passiert ist.”

“Wir haben gewonnen, okay? Im Moment muss ich Boomer zu den Sanitätern bringen und dann Barry wegen eines anderen Jobs kontaktieren.”

“Barry hat uns diesen Job besorgt, Gav. Ich weiß nicht, ob du es bemerkt hast, aber es ist nicht wirklich sonderlich gut ausgegangen.”

“Wir wurden von ein paar Schlägern vermöbelt. Das passiert eben, wenn man schlampig wird.”

Zwei ihrer Schiffe waren beschossen worden, Boomer wurde verwundet und Gavin murrte über zu enge Flugformationen. Walt streckte seine Finger aus. Sein Bruder klemmte seinen Helm unter einen Arm, trat zur Seite und umkreiste Walt.

“Verdammt, Gavin.”

Walt packte Gav‘s Schulter und drückte ihn gegen die Leiter.

“Würdest du mal für zwei Sekunden herunterkommen?”

Er hatte Gavin zwar überrumpelt. Doch Gavin schlug ihm mit einer schnellen Bewegung die Hand von der Schulter, warf seinen Helm auf das Hangardeck und verpasste Walt einen beidhändigen Hieb gegen die Brust.

“Was ist dein Problem, Walt?”

Im Hangar wurde es still. Ein kurzer Blick in beide Richtungen, zeigte den beiden, dass das übrige Personal intensiv nach einer Beschäftigung suchte, so weit entfernt von den Brüdern wie möglich.

Walt beugte sich vor und zischte ihn an: “Ich versuche zu verhindern, dass du jemanden verletzt. Was macht Rhedd Alert für einen Sinn, wenn wir für einen beschissenen Job töten müssen?”

“Ein beschissener …?”

Gavins Augen waren so weit aufgerissen, dass man das Weiß seiner Augäpfel sah.

“Du musst aufwachen, Walt. Das war unser einziger Job. Die Hälfte der Schiffe im Kader wurden beschädigt. Boomer, fror sich den Hintern ab, weil er nichts weiter trug als seinen Raumanzug. Wir können nicht mehr von System zu System springen und das nächstbeste Schiff kapern, das vorbeikommt. Dafür haben wir unterschrieben, Mann.”

Walt wurde wieder zornig. Er wusste, er wäre besser gegangen, aber Gavin verstand immer noch nicht, worauf er hinauswollte.

“Ich weiß, wofür ich unterschrieben habe.”

Er wusste, dass sie ihre Aufträge gut erfüllen mussten, aber warum gleich sterben, bei dem Unterfangen ihre Schulden zu begleichen?

“Und ich weiß auch noch, warum ich mich gemeldet habe.”

Gavin trat an ihn heran.

“Ach ja? Und warum ist das so?”

“Deinetwegen, Gavin.”

“Also ist alles meine Schuld? Weil ich dich dazu gebracht habe, mitzumachen.”

“Das meine ich nicht.”

“Ich weiß, dass ich das Gebot für diesen Job hätte höher ansetzen sollen. Aber weißt du was? Ich habe es nicht getan. Und der Job war eben alles, was wir hatten.”

Walt senkte seine Stimme und sah Gavin in die Augen.

“Das habe ich nicht gemeint und das weißt du. Ich bin hier, weil du das willst.”

Er stieß einen steifen Finger in Gavins Brust.

“Du willst es für Dell. Weil du Angst hast, dass sie dich verlässt, wenn du es nicht durchziehst.”

Sie gingen hart zu Boden und Walts Kopf knallte gegen das Deck. Dann war Gavin direkt über ihm. Er war kompakt und gebaut wie ein Sataball-Verteidiger, aber Walt war größer und hebelte ihn aus.

Es war etwas, das sie schon hundertmal ausgefochten hatten, seit sie kleine Jungs waren, mit nahezu jedes Mal dem gleichen Ergebnis. Aber Gavin wusste einfach nicht, wann er aufgeben sollte. Es war ein kurzes und hartes Gerangel. Innerhalb von Sekunden klemmte Walt seinen Unterarm in den Nacken seines jüngeren Bruders und stützte sich mit dem anderen vom Deck ab. Gavins Gesicht wurde auf den kalten Stahl des Hangar Bodens gepresst. Dann trat plötzlich die abgewetzte Schuhspitze eines schwarzen Arbeitsstiefels schmerzhaft auf Walts Finger. Sein Würgegriff lockerte sich und Gavin begann sich zu befreien. Dann fiel ein schwerer Schraubenschlüssel auf Gavins Schulter und rückte ihn wieder mit dem Gesicht nach unten.

“Aber, aber, Jungs”, sagte Dell. “Was werden bloß die Nachbarn denken?”

Walt zuckte und biss die Zähne zusammen, als sie den Stiefeldruck auf seine Finger verstärkte. Er verdrehte sich seinen Hals und sah sie an. D’lilah´s Stiefel waren mit rosafarbenen Schnürsenkeln gebunden, auf denen ein weißes Totenkopfmuster aufgenäht war. Sie trug einen abgenutzten Overall, der sich an ihre kräftigen Beine schmiegte und dessen Taschen mit Werkzeugen und Ersatzteilen gefüllt waren.

Ihr dunkles Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der über ihre Schulter hing, wobei die Spitzen in leuchtendem Blau gefärbt waren. Das war neu, seit sie nach Oberon aufgebrochen waren. Dieser verspielte Akzent, spiegelte sich aber nicht in dem wütenden Blau ihrer Augen wider.

“Oh. Hey, Dell.” Walt bemühte sich, sich nicht durch einen schmerzverzerren Tonfall in seiner Stimme zu verraten.

“Hallo zurück. Und wenn mir die nächsten Worte aus deinem Mund nicht verraten, wo mein Dad ist, wirst du künftig nur noch mit links arbeiten können.”

Gavin antwortete ihr. “Beruhige dich, Dell.”

“Wer hat ihn?”

“Ich.”

Gavin nickte hinüber zu seinem Schiff.

“Na dann.”

Sie hob ihren Fuß und Walt zog seine Hand heraus, um sich die schmerzenden Knöchel zu reiben. Er blickte sie so entrüstet an, wie es ihm möglich war, während er noch auf dem Deck kniete. Ihr Lächeln täuschte eine Samtheit vor, die allerdings die eisige Wut in ihren Augen nicht zu vertreiben vermochte.

“Ich werde den Buggy holen, sobald ihr beide mit dem Kuscheln fertig seid. Klingt so, als hätte mein Vater eine Verabredung mit den Technikern im medizinischen Zentrum.” Dell schwang den Schraubenschlüssel über ihre Schulter, machte kehrt und schritt davon.

Gavin rollte sich stöhnend auf den Rücken.

“Diese Frau wird uns eines Tages noch umbringen.”

“Glaubst du, wir könnten ihr entkommen?”, fragte Walt.

“Du, vielleicht, sagte Gavin. Es gibt im gesamten Universum kein einziges dunkles Loch, in dem ich mich verstecken könnte!”

“Nun ja”. Walt rappelte sich ächzend auf die Beine und ergänzte lachend, “das ist deine eigene verdammte Schuld. Du hast sie geheiratet.”

*****

Einige Systeme entfernt, auf einer Station, die viel größer und besser ausgestattet war als Vista Landing, blickte Morgan Brock finster auf eine Reihe von Zahlen auf ihrem MobiGlas. Sie hob ihren Blick über den oberen Bildschirmrand und starrte Riebeld an. Der Verkäufer lümmelte lässig in dem, wie Brock wusste, sehr unbequemen Stuhl auf der anderen Seite ihres Schreibtisches herum. Sie sorgte dafür, dass er unbequem war, niemand sollte sich sicher fühlen, wenn er ihr gegenübersaß. Dennoch schaffte es Riebeld irgendwie. Es war diese Goßspurigkeit, die ihn zu einem guten Mitarbeiter für ihre Firma machte. Anstrengend, ja – aber gut fürs Geschäft. Sie schaltete ihr MobiGlas aus.

“Die Nettogewinne dieser Schätzung basieren auf einer zwölfprozentigen Provision.”

“Jawohl.”

“Ich denke, wir wissen beide, dass Ihre vereinbarte Provision nur zehn Prozent beträgt, Riebeld.”

“Und ich denke, wir wissen auch beide, dass dieser Job die Größe der Firma innerhalb von zwei Jahren verdoppeln könnte.” Dann lehnte er sich nach vorne an ihren Schreibtisch. “Ich will zwölf Prozent, wenn ich den Auftrag klar mache.”

“Und du denkst, ich werde sie dir einfach geben?”

“Ich weiß, dass Sie es tun werden.”

Jetzt lehnte sie sich nach vorne, Riebeld sehr nahe, sodass er hätte zurückweichen sollen. Er tat es jedoch nicht und verharrte in seiner Position.

“Und warum”, fragte sie, “ist das so?”

“Weil ich weiß, dass für Sie Gewinn grundsätzlich Vorrang vor Prinzipien hat.”

Sein breites Grinsen war so strahlend, es hätte Laserstrahlen reflektiert. Sie war das verdorbene Lächeln von Männern gewohnt, aber bei Typen wie Riebeld bedeutete es nur, dass um Geld ging. Sein MobiGlas surrte neben ihnen. Riebeld ignorierte den eingehenden Anruf. Nachdem der Alarm aufgehört hatte, sagte sie: “Du bekommst die zwölf Prozent. Aber jeder Helfer, wird von Deinem Anteil bezahlt, nicht von meinem. Und ich will drei Optionen für jährliche Verlängerungen, statt nur einer. Nur dann unterschreibe ich.”

“Erledigt.”

 “Gut. Und jetzt raus.”

Das tat er und Brock lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

Sie würde mehr Schiffe brauchen. Entweder bekommt Riebeld die Verlängerungen oder nicht. Sie gaben ihm eine Aufgabe, ohne Herausforderung würde er nachlässig werden. Gute Verkäufer waren wie Rennpferde, pflegeintensiv und temperamentvoll. Überwiegend nervtötend, aber am Tag des Rennens will jeder eines im Stall haben.

Plötzlich klopfte es an ihrer Tür. Riebeld wartete nicht auf eine Antwort und streckte seinen Kopf herein.

“Ich werde nicht auf die Optionen eingehen, Riebeld. Ich will drei oder es gibt keinen Deal.”

“Nein”, sagte er. “Das ist es nicht. Navy SysCom hat gerade unseren Tyrol-Vertrag zur Neuausschreibung gebracht.”

“Was?”

“Ja. Wir dürfen wieder mitbieten, aber sie schreiben ihn jetzt im offenen Wettbewerb aus.”

“Warum zum Teufel sollten sie das tun?”

Die UEE-Wissenschaftler zu den Forschungseinrichtungen auf Tyrol zu eskortieren, war nicht ihre größte Aufgabe gewesen, aber sie hatte sich viel Mühe damit gegeben. Sie hatten Jahre damit verbracht, die Schifffahrtswege im Charon-System zu säubern – lukrative Jahre, zugegebenermaßen. Jetzt waren die Missionen reiner Profit und versprachen künftiges Wachstum.

“Ich kenne noch nicht die ganze Geschichte, aber offenbar versuchen sie, risikoarme Auftragsarbeiten an einheimische Firmen auszulagern. Irgendein Schlaumeier aus dem Rechnungswesen hat die Tyrol-Transporte ausgewählt und – bumm – hat Major Greely den Vertrag herausgeholt.”

“Sehen Sie zu, was Sie herausfinden können”, sagte sie zu Riebeld. “Und machen Sie sich an die Arbeit für die Neuausschreibung.”

“Habe ich schon erledigt.”

“Und Riebeld?”

“Ja?”

“Finden Sie den Namen des Sachbearbeiters heraus.”

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3

Kapitel 03

Es war schon spät, als Gavin die Station verließ. Als Zeichen des guten Willens lud er Walt ein, ihn auf dem kurzen Flug nach Cassel zu begleiten, wo er mit Barry Lidst verabredet war.

Ob Walt als eine Art Versöhnung mitkam oder einfach nur, um einer weiteren Auseinandersetzung mit Dell aus dem Weg zu gehen, blieb unbeantwortet. Wie dem auch sei, er schien nicht über den Streit sprechen zu wollen und Gavin sah auch keinen Grund das Thema nochmals zur Sprache zu bringen.

Barry, Navy SysCom-Rechnungsprüfer von Beruf und freiberuflicher Geschäftsmann aus Leidenschaft, war zusammen mit den Brüdern aufgewachsen. Er hatte Goss verlassen, um der Navy beizutreten. Offiziell war Barry für das Aushandeln von Verträgen zwischen der UEE Navy und privaten Anbietern zuständig, ausserdem schaffte er es nebenbei auch noch ein paar inoffizielle Aufträge zu organisieren.

Er war ein absoluter Opportunist und Gavin vertraute ihm wie einer der zwielichtigen Gestalten, mit denen sie in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatten. Nämlich: gar nicht.  Und die Tatsache, dass Barry mit Dell zu tun hatte bevor er zur Navy ging, spielte nach Gavins Meinung keine Rolle. Nicht im Geringsten.

Trotzdem hatte Barry ihnen den ersten seriösen Job an Land gezogen. Mit etwas Glück war es auch nicht der Letzte. Gavin hatte einen dicken Kloß im Hals in Anbetracht dessen, dass sie dringend Arbeit brauchten. Walt schwieg.

Während Cassel massiv wuchs, blau und einladend, zog Gavin seine Augenbrauen zu einem grimmigen Blick zusammen. Die Brüder landeten und machten sich auf den Weg zu einem Club, in dem das lokale Publikum der Resort-Welt verkehrte. Obwohl viel los war, ergatterte Barry nach einer kurzen Wartezeit einen freien Tisch. Seine Marineuniform war aus einem speziellen glänzenden Material geschneidert und sah daher stets frisch gebügelt aus. Sie schien ziemlich unbequem zu sein, dafür kaschierte sie seinen runden Bauch sehr vorteilhaft.

“Oberon hat etwas mehr Zeit in Anspruch genommen, als wir dachten.”

Gavin zwang sich zu einem Lächeln, “aber wir haben es geschafft.”

“Ist alles gut gegangen?”

“Auf jeden Fall.”

In seinen Worten klang Zuversicht und er hoffte, dass das auch so rüber kam. Walt schaute ihn scharf an, aber Gavin ignorierte ihn. Sie mussten fähig erscheinen, sonst würden bessere Jobs Mangelware.

“Piraten sind kein Problem für uns.”

Barry forderte sie auf, sich zu setzen, und seine Stimme nahm einen düsteren Ton an.

“Es heißt, dass Dells Vater verhaftet wurde. Ist er okay?”

“Mein Gott, Barry”, sagte Walt. “Wie hast du überhaupt davon erfahren?”

“Ich bin Teil dieser Regierung. Wir haben unsere Augen und Ohren überall.”

Gavin starrte ihn an und hob abwartend eine Augenbraue.

 “Na gut.” Barry zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck von seinem Drink, “diese Bergleute auf Oberon haben vielleicht etwas erwähnt.”

“Boomer geht es gut. Unsere Schiffe haben mehr abgekriegt als er.“ Gavin wollte davon ablenken, dass sein Team bei dem Job aufgemischt worden war.

“Ich war überrascht zu hören, dass Sie im Goss-System sind.”

“Meine Mutter hat sich hier auf Cassel zur Ruhe gesetzt”. Barry warf einen säuerlichen Blick durch den Raum, als er das sagte. “Ich bin nur zu Besuch hier. Ich halte es hier nicht aus mit dem ganzen Tourismus, aber sie liebt die Shows und Ausstellungen. Jedenfalls bin ich froh, dass ihr in Oberon aushelfen konntet.”

“Gern geschehen.”

“So etwas kommt von Zeit zu Zeit vor”, sagte Barry. “Es ist nicht so, dass wir uns nicht selbst darum kümmern wollen oder so. Wir tun das, aber die Navy kann ihre Truppen nicht hinter jedem Ganoven herschicken. Besonders, wenn sie in einem unbewohnten System kampieren. Also, ja. Keiner hat was dagegen, wenn wir diese Jobs an Einheimische wie euch vergeben.”

“Nun”, sagte Gavin, “wir haben im Moment wenig Arbeit. Haben Sie etwas Neues für uns?”

 “Ich habe vielleicht etwas – kein UEE-Auftrag, aber trotzdem einen anständigen Job. Und ich weiß, dass der Kunde mit Euren Preisen zufrieden sein wird.”

Gavins Herzschlag verlangsamte sich ein wenig, aber vielleicht konnten sie ihren Preis etwas erhöhen, ohne Barry zu vertreiben. Gavin ermutigte Barry weiter zu reden.

“Der Job ist ganz in der Nähe, nur ein paar Sprünge entfernt. Es ist harte Arbeit, aber ich kann euch den Job besorgen, wenn ihr Interesse habt.”

“Was ist das für ein Job?” fragte Walt.

“Hast du schon mal von Molybdän gehört?”

Gavins Gesicht war genauso ausdruckslos wie das von Walt.

“Nein? Ein seltenes Metall, das in Elektronik und vielem mehr Verwendung findet. Es kommt in der Nähe von Kupfervorkommen vor. Ein Freund von mir kennt Jemanden, der gerade die Schürfrechte für einen Mond in die Hände bekommen hat.”

“Bergbau”, murmelte Walt. “Warum ist es immer Bergbau?”

“Ich schätze, der ganze Mond ist mit Stollen und Gängen durchzogen. Anscheinend gab es dort früher große Kupfervorkommen, aber leider ist das ganze Zeug jetzt weg. Das Einzige, was übrig ist, ist das Molybdän. Dieser Typ hat drei Wochen Zeit, um mit der Produktion zu beginnen, oder er verliert seine Pacht an den nächstbesten Schürfer.”

“Barry”, sagte Gavin, “wenn du nach einem Team suchst, das Schutzhelme trägt und Spitzhacken schwingt, sind wir die falschen Leute.”

“Nein, so ist es nicht. Die Vorkommen sind jetzt ausgeschöpft aber jemand nutzt die Höhlen aktuell als Stützpunkt. Wir vermuten Schmuggler. Die haben automatische Geschütztürme installiert. Mein Mann sagte mir, dass sie überall sind. In jedem Winkel. Wie auch immer, das ist alles Banu-Technologie. Einige sind von Bacchus rüber gesprungen.”

“Also, wie lautet der Auftrag?”

“Sie brauchen jemanden, der das Ganze durchforstet und die Geschütztürme außer Gefecht setzt. Sie können keine Bergbauausrüstung und Arbeiter da reinschicken, bevor nicht alles gesichert ist. Diese Banu haben keine Abwehrschilde.”

“Das war’s?” fragte Gavin.

“Jep. Das war’s.”

Walt beobachtete Barry, der gegenübersaß, wie sich eine seiner Augenbrauen verschmitzt hob.

“Das ist der langweiligste Job, von dem ich je gehört habe.”

“Hey”, sagte Barry, “wenn du lieber etwas suchst, wo das Risiko auf einen Kampf etwas höher ist, habe ich auch einen UEE-Begleit-Service-Vertrag zu vergeben. Wir wurden von einem Auftragnehmer finanziell betrogen. Ich habe den Major schließlich davon überzeugt, den Job neu auszuschreiben.”

Das hörte sich schon eher nach dem Job an, den Rhedd Alert brauchte.

“Erzähl uns mehr davon”, sagte Gavin. “Über den Begleit-Service, meine ich.”

“Ich, äh, hört mal “, sagte Barry. “Das war nicht wirklich ernst gemeint. Nichts für ungut, aber das ist ein bewaffneter Begleit-Service durch ein paar ziemlich raue Systeme.”

“Unsere Jungs schaffen das “, sagte Gavin.

„Ich weiß nicht einmal, ob ihr genug Schiffe habt, um die Anforderungen des Vertrags zu erfüllen.”

“Gib uns eine Chance. Wenn wir erfolgreich sind, werde ich die zusätzlichen Schiffe und Piloten schon auftreiben.”

“Die Truppen, die sich für solche Aufträge verpflichten, sind in der Regel vom Militär. Bestens ausgebildet. Viele Kontakte im Navy SysCom. Die meisten Auftragnehmer, die wir einsetzen, sitzen direkt neben der Navy im Kilian-System. Das war ein Scherz, Leute. Vergesst einfach, dass ich es überhaupt erwähnt habe.”

“Nein ernsthaft, wir können das. Wie groß ist der Auftrag? Wie viel -“

“Gav”, unterbrach Walt, “wir reden hier von Marineflugverbänden und Taktiken. Überlegenen Waffensystemen. Vielleicht sollten wir mehr Infos über das Waffensystem in der Mulberry Mine einholen.”

“Molybdän.”

“Wie auch immer.”

“Komm schon, Walt. Das klingt perfekt für uns. Und ich würde dich oder Jazza sofort gegen einen Ex-Navy-Piloten antreten lassen. In jedem System, zu jeder Zeit.”

“Leute … hey, hört zu”, sagte Barry. “Die UEE versucht, lokale Aufträge an lokale Unternehmen zu vergeben. Wenn ihr Lust habt, euch in die Höhle des Löwen zu begeben, schicke ich euch die Ausschreibung. Ist das gut genug? In der Zwischenzeit … sprechen wir über meinen Kumpel mit der Mondmine?”

Gavin verfolgte nur noch halbherzig, Walt und Barrys Diskussion über den Geschützturm-Job. In seinen Gedanken begleiteten sie bereits UEE-Schiffe durch feindlichen Raum. Walt holte ihn aus seiner Träumerei, als er einen überraschten Barry verstummen ließ.

“Warte”, sagte Walt, “geh mal einen Moment zurück. Diese Waffensysteme der Banu. Hast du gesagt, das Zeug kommt aus Bacchus?”

“Wahrscheinlich. Warum?” “Dieser Mond … Barry, wo ist er?”

“Oberon VI, warum?”

Gavins Herz blieb stehen. Sein Blick war auf Walt gerichtet. Das Lächeln seines Bruders schien geradezu verkniffen.

“Ach, komm schon”, sagte Barry. “Ihr habt schon gute Jobs für diese Typen geleistet.”

“Sie werden uns umbringen”, sagte Walt.

“Nein”, winkte Barry ab, “sie lieben Rhedd Alert.”

“Nein”, sagte Walt, “nicht die Bergleute.”

“Wer..?” Barry blickte verwundert. “…wer denn?”

Gavin antwortete.

“Unsere Mannschaft wird uns umbringen, wenn wir sie zurück nach Oberon schleppen.”

“Hey”, beruhigte Barry, “es ist ein kleines Universum. Sie werden früher oder später dort ohnehin mal wieder vorbeikommen. Man kann sich genauso gut dafür bezahlen lassen. Habe ich recht?”

“Ja”, sagte Walt, “aber Oberon?”

“Ich habe doch erwähnt, dass es sich lohnt, oder nicht?”

Barry tippte etwas in sein MobiGlas. Er drehte es so, dass die beiden die Anzeige lesen konnten. Am unteren Rand stand eine Zahl. Eine nicht unbedeutende Zahl. Gavin starrte auf seine Hände, während Walt die Zahlen auf sich wirken ließ. Dann schlug Walts Kopf hörbar auf den Tisch. Er stöhnte etwas gedämpft: “Ich kann nicht glauben, dass wir zurück kehren nach Oberon.”

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Kapitel 04

Gavin verließ Walt auf Cassel. In seinen Single-Tagen, war es vorgekommen, dass ein verlängerter Aufenthalt in einem Ferienressort eine ideale Fortsetzung für einen miesen Job war. Jetzt jedoch hatte er ein viel besseres Angebot, das zu Hause auf ihn wartete und zwei Flaschen gekühlten Kōen Chōchū begleiteten ihn dabei. Das bessere Angebot war natürlich Dell.

Dem Chōchū galt seine große Hoffnung, seine Rückkehr nach Oberon doch noch etwas abzugewinnen. Es war nicht gerade sein bester Auftritt gewesen und er spürte, wie seine Wangen nach und nach warm wurden. Er war froh, allein zu sein. Mit einem Seufzer kniff er seine Augen zu und ließ den Kopf in den Sitz zurücksinken. Als sein Helm gegen den Cockpitrahmen stieß, sah er gerade noch wie sein HUD erlosch. Er drehte den Kopf und betrachtete die Flaschen Reiswein. Vielleicht brauchte er den Alkohol ja mehr als Dell.

Der Hangar von Rhedd Alert war ruhig. Die Lichter waren auf ein mattes, saphirblaues Leuchten heruntergeregelt. Gavin legte seinen Raumanzug ab und schnappte sich dann Helm und Reiswein. Der Helm landete kurzerhand auf einer Werkbank. Den Reiswein nahm er mit in Dell´s Abteil.

Drinnen war es dunkel – er kam zu spät. Dell schlief bereits. Er lehnte sich gegen die Tür, während sich seine Augen dem gedämmten Licht im Schlafzimmer anpassten. Dell lag auf der Seite mit dem Rücken zu ihm. Ihr Haar war ein dunkler Fächer auf dem farblosen Kissen und Laken ausgebreitet. Die verspielten blau gefärbten Haarspitzen waren im schwachen Licht nicht zu erkennen. Er blickte auf die Kurve ihrer Hüfte und die lange Linie ihrer bedeckten Beine. Leise stellte den Reiswein auf einem Tisch ab, er wollte nicht riskieren Dell mit dem Licht des Kühlschranks zu wecken.

Während er sein Hemd abstreifte, sah er auf dem Weg zum Kleiderschrank wie ihre Kleiderstapel bizarre Schatten im schwachen Licht an die Wand warfen. Sie hatte die Schranktür offengelassen. Alles roch nach ihr. Er hatte ganz vergessen, wie sehr er das liebte. Dann beugte er sich nach vorn und tauchte mit seinem Kopf zwischen ihre hängenden Hemden und Jacken.

Die beiden hatten nicht viel, aber das war eben ihr Zuhause. Sie waren sesshaft geworden und hatten keine Lust mehr auf ein Leben zwischen Cockpits und schmutzigen Laderäumen. Aber wenn er das hier nicht hinbekam, würden sie genau dort wieder landen. Gavin bückte sich und hob das weggeworfene Hemd auf. Es gab Arbeit zu tun. Dinge zu reparieren. Er schloss die Tür so leise, er konnte, als er ging.

*****

Er saß an einer Werkbank im Hangar, als hinter ihm das leichte Patschen von Dells nackten Füßen auf dem kalten Hangardeck zu hören war.

“Hey, Schläger.”

Ihre Stimme klang verspielt und neckte ihn wegen des Streits mit Walt. Der versöhnliche Ton war in gewisser Weise eine gute Nachricht. Es bedeutete, dass sie nicht mehr ganz so wütend war. Trotzdem war ihm der Streit immer noch peinlich und er ging nicht darauf ein.

“Ich dachte du schläfst”, sagte er stattdessen.

Sie strich mit der Hand über seine Schultern, schubste ihn leicht mit der Hüfte, er rutschte zur Seite und sie setzte sich neben ihn auf die Bank.

 “Ich habe geschlafen, aber es hörte sich an, als ob eine Herde Schoone durch die Gegend getrampelt wäre.”

 Er fühlte sich besser, als er das Lächeln in ihrer Stimme hörte.

“Huh … ich schätze, ich bin froh, dass ich das verpasst habe.”

“Woran arbeitest du?”, fragte sie ihn.

Gavin begann in Gedanken, seine Liste durchzugehen, und fragte sich, wo er anfangen sollte. Dann antwortete er einfach: “An allem.”

“Wurden wir bezahlt?”

Er nickte und ihr Ausdruck von Erleichterung war ernüchternd. Von Dells Ex-Freund finanziell abhängig zu sein, war nicht gerade das, was er sich für seine Rolle als Geschäftsinhaber vorgestellt hatte.

“Wie geht’s Boomer?”, fragte Gav.

“Er kann so nicht weitermachen. Sie haben ihn wieder zusammengeflickt, aber er hatte einfach schon zu viel eingesteckt.

Es stimmte. Dells Vater war öfter wieder zusammengeflickt worden als jeder andere Pilot, den Gavin je getroffen hatte. Vielleicht gab es ein paar Militärpiloten, die mehr Regenerationsbehandlungen erhalten hatten, aber deren medizinische Möglichkeiten waren viel besser, als jene wozu Zivilisten wie Boomer Zugang hatten.

“Du musst ihn dazu bringen, sich zu schonen, Gav. Lass ihn mehr als Unterstützung in der Freelancer fliegen oder so.”

“Ihn als Unterstützung fliegen lassen? Wir reden hier von deinem Vater. Er ist mindestens halb so stur wie du. Und du weißt, wie er fliegt. Im Nahkampf ist er super cool, aber er fliegt wie ein verrückter …”

“…willst du es wenigstens versuchen?”

Gavin stimmte zu. Es machte keinen Sinn mit Dell darüber zu streiten. Das Thema hatten sie schon oft besprochen. Schon sehr oft. Er hantierte am Kabelkanal seines Helms herum.

“Ist das Headset wieder kaputt?”, fragte sie. Er nickte.

“Komm, lass mich das machen.”

Sie zog das passende Werkzeug zu sich heran und machte sich an die Arbeit.

“Also … Walt ist geblieben, um seinen Gehaltsscheck mit Barry zu versaufen?”

“Walt arbeitete genauso hart wie jeder andere in Oberon. Eigentlich härter als die meisten. Er kann mit seinem Anteil machen, was er will.”

“Während wir unseren ganzen Anteil in Reparaturen und Vorräte stecken?”

“Ich habe dir etwas Reiswein mitgebracht”, lenkte er ab.

“Das habe ich gesehen.” Sie kuschelte sich an seine Seite und schob ihren Arm um seine Taille.

“Mmmmm … danke.” Sie gab ihm ein Küsschen auf seine Wange. “Ich habe ihn schon in den Kühlschrank gestellt.”

Sie löste sich von ihm und machte sich wieder an die Arbeit an seinem Helm.

“Vielleicht ist es besser, wenn wir uns das für eine Nacht aufheben, wenn ich nicht so müde bin.”

Das machte die Stimmung kaputt.

Gavin schob die Werkzeuge auf der Werkbank hin und her. Dell muss seinen Stimmungswandel gespürt haben. Sie setzte sich aufrecht hin, ihr Ton wurde ernster.

“Ich habe etwas nachgerechnet”, sagte sie.

“Wie schlimm ist es?” fragte er.

“Gar nicht gut,” antwortete Dell.

Gavin hoffte, dass seine Miene sie versöhnlich stimmte. Wahrscheinlich aber nicht.

“Der Gewinn der Bergungsgüter wird uns für ein paar Monate aus den roten Zahlen bringen”, sagte sie.

“Übrigens, gute Arbeit. Ich weiß nicht, wie es mit der Idris aussieht, aber die 325a ist eigentlich ganz gut zu verkaufen. Es sei denn, du willst sie behalten.”

Gavin dachte kurz darüber nach.

“Verkauf sie “, sagte er schließlich.

 “Wir können es uns nicht leisten, auch nur einen unserer Leute neu auszurüsten und ich stelle keine weiteren Piloten ein, bis wir einen festen Auftrag an Land ziehen.”

“Apropos, hat Barry etwas Neues für uns oder ist er nur ins Goss-System gekommen, um mit deinem Bruder zu zechen?”

Gav erzählte ihr von dem Geschützturm-Auftrag und sie strahlte.

“Das ist gut, Gav. Meinst du daraus könnte sich eine ständige Auftrags-Arbeit entwickeln?”

“Vielleicht, aber wir haben ein Team von Kampfpiloten, Babe. Die werden nicht für diese Art von Arbeit hierbleiben.”

“Dann vergiß sie. Lass sie gehen und ich fliege mit dir.”

“Du fliegst schlechter als dein Vater. Außerdem wolltest du doch hier sein, um den Laden zu führen.”

“Ich bin hier, weil ich will, dass es funktioniert.”

Sie legte ihr Werkzeug weg und verschränkte ihre Finger mit seinen.

“Glaube mir, ich würde viel lieber mit dir und Dad fliegen.”

“Schon klar”, gab Gav zu, ich will aber nicht, dass du da draußen bist. Boomer wieder ins Geschehen zurück zu bringen ist eine Sache, aber du …”

Sie zog ihre Finger aus den seinen, tätschelte seine Hand und zog sich zurück.

“Das ist eine Möglichkeit, an die du dich gewöhnen musst. Dad wird die alte Avenger nicht ewig fliegen. Irgendwann wird sie mir gehören. Aber jetzt”, sie beugte sich vor und gab ihm einen kurzen Kuss, “gehe ich ins Bett.”

Dell stand auf, drückte das Drahtgehäuse des Helms mit einem Klicken an seinen Platz und ging. Gavin hob den Helm auf und spähte hinein. Das Glühen der Fadenkreuzanzeige leuchtete. Dell hatte es wieder zum Laufen gebracht. Es war eine gute Sache, die er und Dell am Laufen hatten. Aber die chronisch nagenden Finanzprobleme könnten das eventuell eines Tages ruinieren.

Er brauchte einfach gut bezahlte Arbeit, hinter der auch seine Piloten standen. Arbeit, die Walt davon abhielt, Glänzendem, Interessantem und Neuem hinterher zu jagen. Was er brauchte, war dieser Tyrol-Escort-Job. Gavin schob den Helm und das Werkzeug auf der Werkbank beiseite. Er startete die Konsole und rief Barrys über sein MobiGlas an. Barry nahm den Anruf entgegen.

“Sprich mit mir, Schätzchen,” sagte Barry.

“Barry. Oh gut, du bist noch im System?”, antwortete Gavin.

“Ich bin gerade dabei, Cassel zu verlassen, warum?”

“Wie müsste ein Angebot aussehen, damit jemand für den Auftrag in Tyrol in Frage kommt?”, fragte Gav.

“Gavin,” Barrys Stimme wurde ernst. “Du bist neu in dieser Materie, aber du musst wissen, dass ich diese Art von Informationen nicht herausgeben kann.”

Gavins MobiGlas vibrierte an seinem Handgelenk mit einer eingehenden Nachricht.

“Es tut mir leid, Barry. Ich wollte keinen Stress machen…”

Barry unterbrach ihn.

“Was ich tun kann, ist dich auf die richtigen Registrierungs- und Anmeldeformulare hinzuweisen. Wie du die Preisgestaltung handhabst, ist deine Sache. Verstehst Du?”

Auf Gavins MobiGlas war doch eben eine Nachricht von einem unbekannten Kontakt eingegangen. Die Nachricht war einfach und enthielt nur ein Kreditzeichen und eine Zahl. Eine sehr große Zahl!

“Danke, Barry. Ich weiß es zu schätzen und ich verstehe vollkommen.”

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Kapitel 05

Walt schaltete den Ersten Turm am Eingang zur Höhle innerhalb von Sekunden nach seiner Ankunft mit einem gezielten und präzisen Schuß aus. Den zweiten Geschützturm pulverisierte Jazzas Cutlass. Dafür musste sie aber auch kräfig einstecken, kehrte nach Hause zurück und fehlte für den Einsatz.  Als dem restlichen Team am vierten Tag sowohl die Geduld, die Munition und die Flüche ausgingen, fanden sie endlich eine Lösung. Nicht schön – und sehr gefährlich. Aber als sie immer tiefer in den Mond vordrangen, erwies es sich als die einzige Lösung, die funktionierte.

“Boomer”, sagte Gavin, “halte dich hinter dem Felsvorsprung.”

Boomers Avenger stoppte neben ihm. Tief im Innern der Höhle war die Rotation des Mondes gerade noch stark genug, um ihnen das gewisse Gefühl für Oben und unten zu geben. Trotzdem war es nicht einfach eine stabile Position zu halten. Die Manövertriebwerke korrigierten kontinuierlich in kurzen, unregelmäßigen Stößen. Gavin überprüfte seine Orientierung und den Abstand zu den Wänden.

Das Deckungs-Manöver, das sie sich ausgedacht hatten, hatte bisher ziemlich gut funktioniert. Während ein Schiff das Feuer des Geschützturms auf sich zog, wurde dieser von einem zweiten außer Gefecht gesetzt. Es war eine schweißtreibende und halsbrecherische Aufgabe, aber schließlich war der Mond fast vollständig gesäubert. Bald war nur noch eine Handvoll Abwehrsysteme intakt.

“Okay.”

Gavin positionierte seine Hände auf der Steuerung.

“Auf mein Zeichen.”

Er ließ das Mikrofon offen und löste einen Timer aus. Dann beobachtete er, wie sich Boomers Schiff langsam in die Schusslinie des Geschützturms manövrierte. Genau im richtigen Moment zündete Gavin seine Triebwerke und stürzte in die Höhle, gerade als die erste Explosion des Geschützturms Boomers Schilde traf. Gavin zog nach links und neigte die Nase seines Schiffes bis er sowohl den Geschützturm als auch Boomers Schiff sehen konnte. Die Avenger des alten Mannes wand sich unter dem Dauerfeuer. Die Schilde hielten, aber die Druckwelle schob die Avenger zurück noch bevor Gavin einen Schuss abgeben konnte. Gavin feuerte während die Zwillingsläufe des Geschützturms blitzschnell herumschwenkten.

“Oh, Sch…”, schrie Gav. Die Läufe explodierten förmlich in einer Salve aus purpurnem Licht. Gavin feuerte erneut und hatte keine Ahnung, ob er auch nur annähernd das Ziel traf. Dann sah er es: Der Geschützturm war unversehrt. Er spürte eine beklemmende Spannung als die Kabine den Druck verlor und sich sein Anzug um Gliedmaßen und Brust zusammenzog.

Eine erneute Salve hämmerte auf ihn ein und er spürte wie seine Cutlass mit dem Heck rücklings gegen eine Höhlenwand krachte. Das Schiff schlingerte. Gavin raste durch den schwarzen leeren Raum und hoffte, dass er in der Schmugglerhöhle nicht in den Tod flog. Im nächsten Moment sah er Boomers Avenger unter ihm vorbeiflitzen. Entsetzt stellte er fest, dass ihm die Wände des engen Stollens die gesamte Sicht raubten. Er umklammerte seine Steuerung. Plötzlich schlug er hart auf und die Kollision schleuderte ihn tiefer hinab in die Höhle. Er überschlug sich wieder und wieder, dabei betete er, dass sein Schiff dem Sturz standhielt. Als er sich schließlich dazu zwang, die Flugsteuerung loszulassen, richtete sich das Schiff von selbst auf.

“Heilige Scheiße”, sagte Boomer. “Gav? Lebst du noch, Kumpel?”

Seine Brust pochte, als ob er gerannt wäre.

“Ich glaube mich zu erinnern, dass irgendein Idiot gelästert hat, dass dieser Job langweilig ist.”

Walt, der an einem anderen Teil des Mondes einen Stollen erkundete, grummelte: “Das klingt, als wäre ich gemeint. Geht es euch beiden gut?”

“Nein, ich bin nicht okay. Ich wurde gerade in die Luft gejagt!”

“Beruhige dich, Sohn”, sagte Boomer. “Ich bin schon oft in die Luft gejagt worden. Das war noch gar nichts. Aber ich… äh … ich glaube allerdings nicht, dass du noch einmal auf einen Geschützturm schießen solltest, bevor wir dein Schiff repariert haben.”

“Oh, wirklich? Meinst du?” Gavins Kommunikator blinkte auf – ein eingehender Anruf. “Bleibt dran, Leute. Ein Anruf kommt rein.”

Boomer lachte: “Man hat uns wahrscheinlich auf der Oberfläche gehört und möchte, dass wir leiser sind.”

“Sehr witzig. Es ist Dell. Und jetzt haltet die Klappe.”

Gavin nahm den Anruf entgegen.

“Gav?”

Er konnte nicht sagen, ob Dell verängstigt oder wütend klang, vielleicht beides.

“Wir haben ein Problem, Babe. Jazza ist abgehauen. Sie sagt, sie nimmt ein Schiff, es sei denn, sie bekommt ihren Anteil an dem Geschützturm-Job bevor sie geht.”

“Was? Was meinst du mit ‘abgehauen’?”

“Sie verlässt uns”, sagte Dell. “…verlässt die Firma, meine ich.”

Walt meldete sich auf dem Gruppenkanal.

“Hey Gav, ich bin hier drin fertig. Soll ich mir das mal ansehen?”

Gavin jonglierte mit den Kanälen.

“Warte mal, Walt.”

Er kniff die Augen zusammen, sauer, frustriert und irritiert.

“Dell. Wo geht Jazz hin? Du meinst, sie kündigt?”

„Das klingt, als würde Gav was zu hören kriegen, Walt. Ich bin froh, dass Dell nicht mich angerufen hat.”

“Sag ihr, Gavin ist gerade in die Luft geflogen.”

“Das würde ihren Tag erheblich versüßen,” erwiderte Boomer. Sie lachten beide.

Gavin rollte mit den Augen, hob die Hände in die Luft und zuckte mit den Achseln.

“Würdet ihr bitte die Klappe halten?”

Sie folgten dem Befehl. Im Gegensatz zu Dell. Sie plapperte weiter.

“Was hast du gerade zu mir gesagt?!”

“Nicht du, Babe. Walt und …… ach, vergiss es. Sag mir einfach noch mal, was mit Jazz los ist.”

Sein MobiGlas vibrierte. Gavin seufzte leise und ballte die Fäuste. In seinem Raumanzug war es schwierig,

das MobiGlas zu aktivieren. Es gelang ihm dennoch, während Dell ihn über Jazzas Fahnenflucht aufklärte. Sie wollte sich Arbeit bei einer der Schmugglerbanden suchen, die im Olympus-Pool zu finden waren. Bezahlte Arbeit. Blah. Blah. 

Gavin schaltete schließlich sein MobiGlas-Display ein. Es war eine Nachricht von einem unbekannten Kontakt, aber Gavin wusste genau, von wem sie war.

“Dell,” sagte Gav.

“Ich habe versucht, es ihr auszureden, Gav”, Dell schien den Tränen nahe. “Das habe ich wirklich.”

“Dell, hör mir zu,” beruhigte er sie.

“Was?” entgegnete Dell verzweifelt.

“Hol Jazza zurück. Tu alles, was nötig ist.”

“Ich werde es versuchen, Gav, aber…”

“Was auch immer nötig ist, okay? Wir brauchen sie. Wir werden jeden brauchen und einiges mehr.”

“Was ist los, Gavin?”

Er schaltete sein Mikrofon ein und sendete auf beiden Kanälen: “Alle mal herhören. Sie haben nur zwei Angebote für den Navy-Vertrag vorliegen. Wir sind das niedrigste Angebot.”

 

“Ist niedrig schlecht?” fragte Boomer.

“Dell”, sagte Gavin, “Jazza soll zu uns nach Oberon kommen. Wir arbeiten rund um die Uhr, bis wir die letzten Geschütztürme beseitigt haben.”

Gavin saß mit einem breiten Grinsen in seiner beschädigten Cutlass.

“Leute”, sagte er, “wir haben soeben den Navy-Job erhalten!”

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Kapitel 06

“Gehen Sie hinein, Miss Brock.”

Ein Leutnant hielt ihr die Tür auf.

“Major Greely und sein Gast sind bereits da.”

Morgan Brock glättete ihren Faltenrock und rauschte in Greelys Konferenzraum hinein. Der Major und sein “Gast” standen am Kopfende des Tisches. Greely sah in seinen Hemdsärmeln mehr nach Marine als nach Navy aus. Der Mann hatte Arme, so muskulös, wie die Beine der meisten Männer.

“Mrs. Brock, schön, dass Sie persönlich gekommen sind. Darf ich Ihnen Gavin Rhedd vorstellen, einen der Miteigentümer von Rhedd Alert Security.”

Rhedd war jünger, als sie vermutet hatte, ein gutaussehender Mann von stattlicher Statur. Er hatte die merkwürdige Entscheidung getroffen, zu diesem Treffen einen verwitterten, zivilen Fliegeranzug zu tragen. Es schien, als müsse er alle davon überzeugen, dass er tatsächlich Pilot war. Trotzdem stand ihm der Anzug gut. Rhedd machte einen unbehaglichen, aber durchaus selbstbewussten Eindruck, während er neben Major Greely stand.

“Erfreut, Sie kennenzulernen, Miss Brock.”

Sie ignorierte seine ausgestreckte Hand und beendete diese Farce.

“Sie sind also das Schätzchen, das meinen Vertrag unterboten hat.”

Sie machte ihm unmissverständlich klar, dass es sich hier eindeutig um keine Frage handelte.

“Lassen Sie mich klar festhalten, dass die Vertragsklausel vorsieht, dass ich an einem solchen Gespräch teilnehmen muss und lassen Sie uns nicht so tun, als ob ich darüber erfreut wäre.”

“Also gut”, sagte Greely. “Ich nehme an, das genügt für die Vorstellungsrunde. Lassen Sie uns anfangen, ja?”

Er nahm am Kopfende des Tisches Platz und gab jedem der Anwesenden ein Zeichen sich zu setzen.

“Nun, die Vergabe- und Einspruchsfrist ist vorbei.”

“Es wird trotzdem einen Einspruch meinerseits geben “, sagte sie.

“Das bezweifle ich nicht, Morgan. Aber mein Büro und das Navy SysCom haben allen Grund zu der Annahme, dass der Zuschlag aufrechterhalten bleibt.”

“Ich habe zwei Jahre investiert, den Weg nach Min und Nexus aufzuräumen, um eine sichere Passage zu gewährleisten”, schnaute sie. “Und wir beide wissen, dass die Arbeitsbelastung dramatisch zunehmen wird. Ich werde das nicht kampflos aufgeben…”

Sie hielt inne, als Greely die Hand hob.

“…die UEE will, dass wir Wege finden, die Unabhängigen in diesen Systemen zu unterstützen. Wenn Sie darüber streiten wollen, dann tun Sie das mit den Politikern. Aber im Moment brauche ich ein Missionsbriefing, und ich denke, wir alle würden es begrüßen, wenn dieses Treffen hier schnell voranschreitet.“

Brock überließ dem Major den Vortritt. Es hatte keinen Sinn, sich mit Greely anzulegen. Es gab bessere Ziele für ihren Zorn. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Gavin Rhedd zu.

“Ja, nun…”

Der junge Mann räusperte sich. Seine Stirn glänzte wo sie auf sein kurzgeschorenes Haar traf.

“Ich habe mir die…ähm…die Einsatzberichte durchgelesen.”

Rhedd wischte durch mehrere Anzeigen auf seinem uralten MobiGlas.

“Alle zehn Tage eskortieren wir eine neue Wechselschicht zur Haven Forschungseinrichtung auf Tyrol V. Was können Sie mir also über die Sicherheitsanforderungen für den Personaltransfer zwischen den Transportschiffen und Haven sagen?”

Brock musterte ihn. Der Typ konnte seinen Hintern nicht von einem Loch im Boden unterscheiden, so viel war klar. Vielleicht war ihr Tyrol-Vertrag doch nicht so ein hoffnungsloser Fall, wie Major Greely ihn darstellte. Brocks Lächeln war aufrichtig, als sie begann, den Transferprozess vom Schiff zur Siedlung zu beschreiben. Dieser Job würde die Rhedd Alert Security bei lebendigem Leib auffressen.

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7

Kapitel 07

Das Min-System war sehr dunkel. In Goss füllten sich die Sprungpunkte mit schimmernden Farbkaskaden. Die Bänder des Olympus-Pools tauchten sie in Gold, Bernstein und Blutorange, ein schillerndes Schauspiel himmlischer Schönheit. Min hingegen war ganz anders und Gavin fragte sich, wie viele Schiffe und Leben Mins Sprungtore schon gefordert hatten, bevor das System erfolgreich kartografiert wurde.

Der Anflug war jetzt gut markiert. Navigationsbaken beleuchteten einen zehn Kilometer langen Eintrits-Kanal, der sechs Rhedd-Alert-Eskorten, deren Ladung, wie auch eine Constellation Aquila mit UEE-Kennzeichnung zum Sprungtor führte. Die automatischen Baken sendeten einen ständigen Strom von Navsat- und Transportstatusinformationen und beleuchteten zusätzlich den visuellen Zugang. Das Tor selbst war riesig. Es war eine leere unsichtbare Scheibe, wenn nicht das schwache Licht der Baken gewesen wäre. Dieses Licht krümmte und verformte sich zu einem Schlund des Raumes, der zwischen beiden Sprungpunkten lag. Wenn man dieses Tor richtig betrat, beförderte es einen in das Nexus-System.

Über einen unbekannten Sprungpunkt zu stolpern, musste eine furchtbare Erfahrung sein. Gavin hatte Bilder von dunklen Toren gesehen, wenn die Baken offline waren. Selbst wenn er wusste, wonach er auf diesen Bildern suchen musste, war es schwierig den dezenten hellen Fleck zu erkennen, der ein Portal durch Zeit und Raum darstellte.

“Gate Authority Min, hier ist Rhedd Alert Security, in Übereinstimmung mit den Vorschriften des Naval Systems Command zur Unterstützung des UEE-Forschungsschiffs Cassiopeia”, ratterte er sein Sprüchlein runter. „Erbitte Freigabe für Transit von Min zu Nexus und Bestätigung des Landeanflugs.”

Sie brauchten die Anfrage und die Bestätigung nicht, um den Sprung zum Nexus durchzuführen, aber ihr Vertrag verlangte die Aufzeichnung bestimmter Kommunikationen an allen Sprungtoren. Nur die Götter wussten, wie oft er und Walt zuvor bereits unangemeldet in die Systeme gesprungen waren. Wenn man darüber nachdenkt, hätte es sich wahrscheinlich seltsam anfühlen müssen, ein Sprungtor mit legalen Markierungen zu betreten, ohne dass ihnen das Gesetz im Nacken saß. Aber die Zeiten änderten sich und wenn es nach Gavin ging, änderten sie sich zum Besseren.

Er erhielt die erwartete Aufforderung und antwortete mit Schiffs-IDs, die mit den Markierungen für jedes Schiff des Konvois übereinstimmten. Sie erhielten ihre Freigabe und Gavin gab den Befehl das Sprungtor zu durchfliegen. Er übernahm mit Jazza die Führung. Jeder von ihnen flankierte sich an einer Seite der Aquila. Sie glitten in das Tor mit einem vertrauten Gefühl des Fallens. Das Cockpit schien sich zu dehnen, in einem Meer von Geräuschen und Farben, schien sich von ihm zu entfernen. Es fühlte sich an, als hätte jemand einen Haken in seine Eingeweide gebohrt und zöge daran, sodass sich sein Bauch immer mehr und mehr dehnte. Dann knackte es plötzlich und er befand sich wieder inmitten zunehmend vertrauter Sternkonstellationen des Nexus-Raums.

“Gate Authority Nexus”, sagte er, “hier ist Rhedd Alert”

“Gavin!” Jazzas Stimme war klar und deutlich. Er überprüfte bereits seine Navsat-Anzeigen, als sie fortfuhr: “Drei Schiffe nähern sich uns. Dreihundert Kilometer. Oh…mach zweihundertfünfzig daraus…Du liebe Güte, die bewegen sich aber schnell.”

“Jazz, nimm Mei und Rahul mit um zu sehen was unsere neuen Freunde wollen. Walt, du und Boomer spielen Torwart. Wenn die Typen auf die Cassiopeia losgehen, sollten sie sich das besser zweimal überlegen.”

“Verstanden” war über die Kommunikation zu hören. Gavin wechselte den Kanal, um sich an die UEE-Crew an Bord des Transporters zu wenden.

“Cassiopeia, hier ist Red One. Beschleunigen Sie auf mein Zeichen und weichen Sie nicht vom Kurs ab.”

“Kontakt.“

Jazza klang ruhig, nüchtern. “Es sind drei Hornets in verschiedenen Konfigurationen. Sie sind ziemlich ramponiert, aber sie kommen schnell näher.”

“Haben sie irgendwelche Markierungen oder Kennzeichen?”

“Nichts, was ich durch das Chaos von Waffen und Schrottteilen erkennen kann”, antwortete Jazz.

“Achtung, sie feuern!”, sagte Mei. “Heiliger Strohsack, diese Typen sind schnell.”

“Gav”, fragte Walt, “sollen wir abhauen?”

Einem neuen Piraten-Team zu erlauben an einem ihrer wichtigsten Sprungpunkte Fuß zu fassen, schien keine sehr gute Idee zu sein.

“Wir kämpfen”, antwortetee Gav. “Wir können es uns nicht leisten jetzt Angst zu haben und diesen Boden alle zwei Wochen neu erobern zu müssen.”

“Was auch immer du vorhast, mach es schnell”, sagte Jazza. “Hier drüben scheint es als würden diese Typen gerne mit ihrem Leben spielen.”

 “Walt, Platz halten”, befahl Gavin. Sollten die noch Freunde haben, so will ich nicht in eine Falle gelockt werden.”

“Verstanden.”

“Alles klar, Jazz. Ich bin auf dem Weg zu dir.”

Gavin zog steil hoch, wendete über der Cassiopeia und beschleunigte geradewegs auf den Pulk von fremden Jägern zu. Gavin hatte Dutzende von Kämpfen überlebt und zwar immer als Sieger, bevor er Rhedd Alert gegründet hatte. In der Defensive zu sein, war etwas Neues für ihn. Es war merkwürdig, dass diese verrückten Mistkerle auf sechs bewaffnete Eskorten losgingen.

Jazza war ein paar hundert Kilometer entfernt und hatte einen guten Blick auf das Gedränge.

“Jazz, ich komme jetzt unter dir hoch. Es wird Zeit, das Ganze zu einem unfairen Kampf zu machen.”

“Pass auf! Diese Typen sind gut, Gavin.”

Ihre Cutlass rollte hinter einen der Jäger. Sie feuerte und die Schilde des Gegners flammten auf. Sie drehte ihr Schiff, um über Jazzas Schiff zu gelangen. Die beiden anderen Jäger schwenkten auf beiden Seiten in Position und alle drei stürzten wie eine einzige Messerklinge auf Gavin. Er rollte sich auf seine Backbordseite und versuchte so um die Jäger herum zu beschleunigen. Wenigstens konnten die Jäger so nicht alle gleichzeitig auf ihn schießen. Rahul flog über ihn hinweg und feuerte auf eine der Hornets, aber die Jäger hielten ihre Formation.

“Jazza, formiere dich mit mir”, sagte Rahul. “Lass uns diese Bastarde aufsplitten.”

“Verstanden.”

Gemeinsam stürzten sie sich auf das Trio der Hornets. Die Jäger erreichten Mei bevor er und Jazza in Schussweite waren.

“Ah, verdammt …”

Ein Sperrfeuer präziser Salven aus den an den Flügeln montierten Laserkanonen riss Meis Schiff in Stücke. Entweichender Sauerstoff brannte in einem lodernden Feuerball.

“Verdammt noch mal!”

Gavin konnte nicht erkennen, ob Mei herausgekommen war. Er und Jazza kämpften sich weiter durch die Formation der Feinde. Die Hornets stoben auseinander und formierten sich hinter ihnen neu.

“Wir haben einen Mann weniger. Walt, wir könnten hier deine Hilfe gebrauchen.”

 “Das hat man davon, wenn man bleibt um zu kämpfen. Gav, wir hätten abhauen sollen”, erwiderte Walt.

“Darüber können wir später reden”, sagte Gavin. “Komm her und … nein, warte. Sichere uns ab.”

“Sie fliehen”, rief Jazza plötzlich verdutzt. “Es fühlte sich an, als hätten sie uns in ihren Klauen, aber jetzt hauen sie einfach  ab.”

Gavin beobachtete die Triebwerksstrahlen der sich zurückziehenden Schiffe. Innerhalb weniger Augenblicke waren sie aus dem Nexus-Raum verschwunden.

“Cassiopeia ist sicher”, sagte Walt.

“Seid ihr alle in Ordnung?”, fragte Gavin.

Jazza antwortete ihm nicht gleich.

“Sag mal! Was glaubst du, was das alles sollte?”

Gavin entdeckte erleichtert Meis Peilsender. Alle waren am Leben und sie schienen allein auf der Nexus-Seite des Tores zu sein. Walt und die Cassiopeia näherten sich dem äußersten Bereich seines Displays.

“Walt, bleib wo du bist. Bleib wachsam und schau nach vorne. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, warum die uns zu dritt angegriffen haben.”

“Vielleicht”, sagte Jazza, “wussten sie, dass sie uns in den Hintern treten können.”

“Oder vielleicht war das nur eine Übung”, überlegte Gavin laut.

“Lassen wir uns nicht noch einmal mit heruntergelassenen Hosen erwischen, falls noch mehr von denen hier draußen sind. Jazz, du und Rahul haltet mir den Rücken frei, während ich Mei hole. Wir feuern als erste, falls sie wieder auftauchen.”

Seine Ansage stieß auf allgemeine Zustimmung. Davon abgesehen, dass Walt jeden seiner Schritte hinterfragte, war Gavin stolz auf sein Team.

“Ich frage mich, ob die auf der anderen Seite warten?” fragte Jazza.

Walt antwortete schnell. “Wir werden nicht durch das Tor gehen, um nachzusehen.”

“Entspann dich, Walt”, sagte Gavin. “Ein Sieg ist ein Sieg. Und gut geflogen, ist gut geflogen.”

“Glücklicher Sieg, meinst du? In einem Kampf, den wir nicht zu führen brauchten?”

Gavin ignorierte ihn.

Obwohl sie bewusstlos war, meldeten die biometrischen Daten in Meis Anzug nur geringe Verletzungen. Ihr Schiff hingegen war eine ganz andere Geschichte. Gavin rechnete im Kopf die Kosten für Ersatzteile, Arbeit und medizinische Betreuung durch. Das Ergebnis war entsetzlich.

Diese Attacke würde aus dieser Mission einen finanziellen Verlust machen – andererseits war der Vertrag immer noch der Trumpf, den Rhedd Alert für sein Geschäft verbuchen konnte. Außerdem war der Angriff wahrscheinlich eine Ausnahme, überlegte Gavin, denn er erinnerte sich daran, dass Brocks Einsatzberichte einen stetigen Rückgang der Feindseligkeiten während der letzten Jahre verzeichneten.

Leider sollten sie bald herausfinden, wie bedeutungslos diese Berichte waren.

– Fortsetzung folgt –

 

 

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