Waffenbrüder

Von Andy Rogers

Kapitel

 

Teil I

Die Warnanzeige auf dem Display seiner Cutlass verdunkelte sich an den Rändern. Grüne Dreiecke markierten jedes Mitglied von Gavin Rhedds Sicherheitsteam, wurden zu flimmernden und spitzen, horizontalen Ausschlägen.

Er schlug gegen die Seite seines Helms. Es war eine routinierte Bewegung, die sein HUD in der Vergangenheit immer wieder scharf gestellt hatte. Diesmal aber flackerte die Anzeige nur, verblasste und erlosch dann komplett. Ein schwerer Atemzug legte einen dünnen Dunstschleier über das Visier seines Helms und Kondenswasser verdeckte die Sicht auf den schwarzen, leeren Raum vor ihm. Leer wie das tote Head-up-Display. Leer, so wie es schon seit Wochen war. Es gab viele Outlaw-Banden, die die Planeten im Verse plagten und er konnte keine einzige dieser verdammten Banden finden.

Nichts klappte so, wie er es geplant hatte. Auf dem Navsat schwärmten die anderen drei Mitglieder seiner Rhedd Alert Security aus. Sein Bruder Walt hatte seine Position direkt an Backbord eingenommen. Jazza und Boomer befanden sich weit außerhalb ihrer eigentlichen Position. Schlampig. Alle wirkten gelangweilt und wurden langsam nachlässig.

Boomer war diesmal der Erste, der die Funkstille brach:

“He, Leute?”

“Was gibt’s, Boomer?”

Walt war der erste, der antwortete:

“Mir ist kalt.”

“Dann zieh dir einen Pullover an.”

“Hey, Jazz?”

“Ja?”

“Nimm mal deinen Helm für einen Augenblick ab.”

“Warum denn, alter Mann? Willst du einen Kuss?”

“Nö. Ich hoffe, du wirst rausgesaugt und stirbst, wenn ich ein Loch in dein Cockpit schieße.”

Gavin seufzte in seinen Helm.

“Kommt schon Leute. Ich will Funkstille. Die Bergleute auf Oberon haben uns angeheuert, damit wir uns um ihr Piratenproblem kümmern. Und wenn ihr drei auf einem offenen Kanal plappert, hilft uns das nicht gerade, sie schneller zu finden.”

“Ich fange an, dieses System zu hassen”, murmelte Walt.

Sie waren alle müde und ausgelaugt von wochenlangen Überstunden, ohne irgendeine Action. Walt gab ihrer Moral nun den Rest.

*****

Diese ganze Sache – Rhedd Alert Security, das Schmuggeln aufzugeben, um sauber zu werden, die Staatsbürgerschaft zu beantragen – war etwas, was sie gemeinsam tun wollten. Gavin und Walt. Brüder. Legal werden und ein Geschäft eröffnen. Aber manche Dinge ändern sich eben nicht – und Walt war und blieb derselbe alte Walt – nur Gerede und nichts dahinter. Es würde nicht lange dauern und er würde mit einer neuen Ausrede wieder in sein altes Leben zurückkehren.

“Was ist los, Boomer?”

“Mir ist kalt, Gavin. Ich glaube, die Heizung ist aus.”

Wunderbar. Noch etwas zu reparieren.

Jazza bellte ein Lachen,

“Jep. Das klingt ungefähr richtig für dieses Outfit.”

“Jazza, hältst du endlich mal die Klappe? Mit welchem Teil hast du Probleme? Funk oder Stille?” “Ja, Sir, Big Boss Mann.”

“Jesus. Ihr hattet mehr Respekt vor mir, als wir noch Kriminelle waren. Boomer, bei allen Banu-Göttern, warum hast du mir nicht gesagt, dass du Probleme hast, bevor wir den Hangar verlassen haben?”

“Ich…äh…dachte, ich sollte bis nach der Mission schweigen. Bis wir bezahlt werden.”

Das hätte ein schneller Job sein sollen, rein und raus. Aber nach wochenlanger erfolgloser Jagd, selbst wenn sie die Piraten verjagt hätten, wäre dieser Job immer noch ein Verlustgeschäft.

“Hey, Leute?” Jazza fing wirklich an, ihm auf die Nerven zu gehen.

“Sei still ,Gavin. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich da etwas gefunden habe.”

Gavin studierte schnell seine Navsat-Konsole. Die Gegend sah immer noch verlassen und leer aus. Was immer sie gefunden hatte, es war auf keiner seiner Radaranzeigen zu sehen. Er klopfte erneut auf seinen Helm in der stillen Hoffnung, dass sein HUD wieder zum Leben erwachen würde.

“Es ist ein Wrack”, sagte Jazza. “Ein Großes. Sieht aus wie eine zerstörte Idris. Scheint aber tot zu sein.”

“Ich sehe dich nicht … “, sagte Walt. “Ah, da bist du ja. Wie bist du denn so weit von unserem Kurs abgekommen?”

“Ganz ruhig, Leute”, sagte Gavin.

“Boomer? Du richtest Dich zu Jazza aus. Walt und ich halten die Position.”

“Verstanden.”

Eine Idris war ein riesiger Brocken als Bergungsgut. Seltsam, dass bisher niemand sie beansprucht hatte. Sie waren in Oberon, um Piraten zu verjagen, aber ein kleiner Schrottjob nebenbei war ein willkommener Bonus.

“Jazz”, sagte Gavin, “ich habe nichts in deiner Nähe auf den Sensoren. Glaubst du, es ist nur irgendein treibender Schrott?”

“Ich glaube schon” sagte sie langsam, unschlüssig. “Ich dachte erst, ich hätte eine Wärmespur gesehen, aber jetzt sehe ich sie nicht mehr. Ich gehe näher ran – Jesus..!”

“Jazz…”

Boomers flüsterte fast. Der alte Mann war nun ganz bei der Sache. “Zieh nach rechts, ich locke den hier von euch weg und lotse sie zu den Jungs zurück.”

“Ich kann ihn nicht abschütteln.”

Das Navsat zeigte plötzlich drei neue Schiffe an. Eine Origin 325a näherte sich Jazz rasend schnell. Walt raste vorbei und beschleunigte, dem Gefecht entgegen, Gavin drehte um und folgte.

“Hart hochziehen”, sagte Boomer.

“Bring ihn wieder zu uns zurück – oh, verdammt.”

“Sprich mit uns, Boomer”, sagte Walt.

“Jazz hat einen großen Treffer gelandet. Aber die Jungs haben alle eine Tarantula … und zwar die richtig fette.”

“Halt durch”, sagte Gavin.

“Wir sind fast da. Walt, mein HUD ist ausgefallen. Ich brauche Sichtkontakt für den Kampf, kannst du mir helfen?”

“Bin dran.”

“Halt durch, Boomer. Wir sind gleich da.”

Walt war nur noch ein glühender Streifen vor ihm. Seine Umgebung schien trügerisch leer, ohne die Visualisierungen seiner HUD-Instrumente. Nur Oberon IV, bedrohlich nahe unter ihnen, gab ihm ein Gefühl für den Raum.

Walts Stimme knisterte in der bedrückenden Stille.

“Boomer. Ich komme tief rein, auf drei Uhr.”

“Verstanden.”

“Ich werde mit den Repeatern feuern, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.“

„Du gibst der 325er eine Breitseite und dann bekommt sie von mir eine Rakete dahin, wo die Sonne nicht scheint.”

“Beeil dich, Walt. Ich bin zu alt für Drei-gegen-Einen.”

“Bin gleich da.“

Vor den dreien schnitten rasiermesserscharfe, rote Strahlen durch den Raum. Die Laser fächerten sich abrupt auf, als Walt ein Piratenschiff umrundete.

“Boomer…”

Walts Worte überschlugen sich fast.

“…ich kann keine Rakete abschießen, wenn du zwischen uns stehst.”

“Ich kann ihn nicht abschütteln.”

“Diese Tarantula wird dich treffen, wenn du nicht schneller bist.”

Eine Rakete raste auf eines der Piratenschiffe zu. Gavin sah eine Serie kleiner Blitze im Cockpit, dann flammte die 325a plötzlich auf, wie ein lodernder Ball und erlosch. Gavin mischte sich unter die anderen Schiffe und fügte sein eigenes Laserfeuer hinzu, geradewegs auf die Schilde eines der Piratenschiffe.

“Das war’s”, sagte Walt, “sie werden fliehen.”

Er hatte recht. Als sie merkten, dass sie in der Unterzahl waren, sammelten sich die verbliebenen Piraten und beschleunigten direkt an Jazz’ treibendem Schiff vorbei. Gleichzeitig mit ihnen verschwand jede Hoffnung auf einen profitablen Job.

“Umzingelt sie Jungs.”

“Vergiss es”, rief Walt und ließ sich zurückfallen.

“Lasst sie laufen. Sie werden hier nichts mehr machen, nachdem wir ihr Versteck entdeckt haben. Wir haben gewonnen, Gav.”

“Dieser Job deckt nicht mal unsere Treibstoffkosten, Walt. Wir brauchen diese Schiffe.”

“Ich habe sie.”

Boomer wendete und zwang die fliehenden Schiffe zwischen sich und seine Kollegen.

“Boomer”, rief Walt, “tu’s nicht!”

*****

Die Piraten gingen sofort auf Kollisionskurs. Ihre Mündungsfeuer blitzten zweimal auf und Boomers Avenger explodierte noch im selben Moment. Der größte Teil des Steuerbordflügels driftete davon, hell brennend vom austretenden Sauerstoff. Die Piraten flogen direkt durch das treibende Wrack und rasten dann mit voller Beschleunigung davon. Gavin stieß einen Fluch aus und wurde langsamer. Ohne sein HUD verschwanden die fliehenden Piraten schnell aus seinem Blickfeld.

“Boomer? Sprich mit mir, Kumpel.”

Boomers Avenger driftete langsam in der Dunkelheit. Dann wurde das Kabinendach abgesprengt, Luft entwich und Boomers Überlebensanzug wurde ins All geschleudert. Ein neues Signal, rot blinkend, reflektierte auf Gavins Cockpithaube. Er brauchte nicht auf die Anzeige zu schauen, um zu wissen, dass es Boomers Peilsender war. Er ließ seine Hände fallen, schloss die Augen und ließ den Kopf nach hinten fallen. Sein Helm krachte laut gegen die Kopfstütze. Bunte Lichter tanzten kurz vor seinen geschlossenen Augen. Dafür reaktivierte der Schlag das HUD wieder.

“Was zum Teufel war das?” Walts Worte hatten eine bissige Schärfe.

“Tarantula GT-870 Mk3”, sagte Gavin.

“Ich weiß von den verdammten Kanonen, Gavin. Ich meine, Boomer hinterherzuschicken. Wir hatten bereits gewonnen. Wir hatten sie in die Flucht geschlagen.”

“Diese Schiffe reparieren sich nicht von selbst, Walt. Vielleicht hast du nicht nachgerechnet, aber wir sind pleite. Wir brauchen den Bergungslohn.”

“Bergung ist schön und gut, aber Dell wird dich umbringen, wenn Boomer wieder verletzt ist.”

“Ich kümmere mich um Dell.”

Gavin griff zu den Kontrollen seines Schiffes.

“Ruft Oberon. Lasst sie wissen, dass wir uns um ihr Ungezieferproblem gekümmert haben und dass wir ihre kleine Basis abschleppen werden, auf der sich die Piraten versteckt hatten.

“Verstanden”, Walts Stimme klang nachdenklich. “Geld zuerst. Gute Arbeit. Prioritäten richtig setzen.”

“Verdammt, Walt. Würdest du für zwei Minuten die Klappe halten, damit wir zusammenpacken und alle nach Hause fliegen können.”

“Gut.”

“Ich hole Boomer. Kannst du bitte nachsehen, ob du Jazz wieder zum Laufen bringen kannst?”

“Du bist der Boss, kleiner Bruder.”

Gavin schob seine Familiensorgen für einen Moment in den Hintergrund und dachte nach: Kümmere dich um die Crew. Bring Boomer nach Hause. Repariere die Schiffe. Zahle ein paar Schulden ab. Er ratterte eine ellenlange Liste kritischer nächster Schritte herunter. Aber ein Gedanke behielt die Oberhand. Sie brauchten wirklich ganz schnell einen neuen Job.

_________________________________________________________________

Teil II

Walt war schneller beim Hangar als die anderen. Er passte sein Schiff der Rotation an, driftete an der Längsseite entlang, bis er den Hangar von Rhedd Alert erreichte. Walt verlangsamte sein Tempo und kam vor einer der drei breiten Doppel-Hangar-Tore zum Stehen. Jedes dieser Hangartore war in einem alarmierenden Rotton gestrichen. Davor schwebten Warnblinkleuchten, die von kleinen Schubdüsen auf Position gehalten wurden. Ein Arbeitsteam frischte mit Hochdruckfarbgeräten graue Farbe und unter Zuhilfenahme von Schablonen, soeben das „Rhedd-Alert“-Logo auf.

Walt nahm einen tiefen Atemzug, seine Brust hob sich und drückte gegen seinen Raumanzug. Es sah cool aus, den eigenen Namen in großen Buchstaben auf der Seite des Hangars zu erblicken. Andererseits: Der Hangar, das Personal – es war allesamt unnützer Ballast. Die Malercrew und das Logo als Teil des Pachtvertrags mit der Station mahnten als Erinnerung eher an eine dauerhafte Verbindlichkeit. Walt knabberte an seiner Unterlippe angesichts der Last dieser Bürde. Er versuchte seine Schuldgefühle beiseite zu schieben, aber sie saßen zu tief und das wiederum schürte seine Wut auf Gavin.  Sein Bruder hatte diese Firma unbedingt gewollt. Dell ebenso.

Erfolg – rechtschaffener Erfolg – bedeutete eben alte Routinen hinter sich zu lassen. Kein Verstecken mehr. Kein Wechsel des Labels alle paar Wochen, um der Advocacy zu entgehen. Eine Firma zu gründen, auf die Staatsbürgerschaft hinzuarbeiten, das war eine große Sache – aber zu welchem Preis? Leute zu beschäftigen und die Staatsbürgerschaft zu beantragen war gut, aber das Ganze verlor schnell an Glanz, wenn Erfolg eben auch bedeutete, dass sie bei ihren Aufträgen in Zukunft über Leichen gehen müssten. Walt wollte sicherstellen, dass Gavin das erkannte. Sie waren alle müde, aber das war zu wichtig, um zu warten.

“Dell”, sagte Walt. “Mach auf.”

D’lilah‘s Stimme kam sofort über die Sprechanlage. Sie hatte bereits gewartet. “Hangar 3, Walt. Und achte auf die Malercrew.”

“Ich sehe sie. Bin froh, zu Hause zu sein, Dell.”

*****

Gavin landete als Letzter. Walt wartete am Fuß der Leiter seines Schiffee, als sein Bruder auf die Plattform hinunterglitt.

“Fang gar nicht erst an”, waren die ersten Worte aus Gavins Mund.

“Hör mal”, sagte Walt, “vielleicht war es unangebracht, dich während eines Kampfes in Frage zu stellen, aber wir müssen darüber reden, was da draußen eben passiert ist.”

“Wir haben gewonnen, okay? Im Moment muss ich Boomer zu den Sanitätern bringen und dann Barry wegen eines anderen Jobs kontaktieren.”

“Barry hat uns diesen Job besorgt, Gav. Ich weiß nicht, ob du es bemerkt hast, aber es ist nicht wirklich sonderlich gut ausgegangen.”

“Wir wurden von ein paar Schlägern vermöbelt. Das passiert eben, wenn man schlampig wird.”

Zwei ihrer Schiffe waren beschossen worden, Boomer wurde verwundet und Gavin murrte über zu enge Flugformationen. Walt streckte seine Finger aus. Sein Bruder klemmte seinen Helm unter einen Arm, trat zur Seite und umkreiste Walt.

“Verdammt, Gavin.”

Walt packte Gav‘s Schulter und drückte ihn gegen die Leiter.

“Würdest du mal für zwei Sekunden herunterkommen?”

Er hatte Gavin zwar überrumpelt. Doch Gavin schlug ihm mit einer schnellen Bewegung die Hand von der Schulter, warf seinen Helm auf das Hangardeck und verpasste Walt einen beidhändigen Hieb gegen die Brust.

“Was ist dein Problem, Walt?”

Im Hangar wurde es still. Ein kurzer Blick in beide Richtungen, zeigte den beiden, dass das übrige Personal intensiv nach einer Beschäftigung suchte, so weit entfernt von den Brüdern wie möglich.

Walt beugte sich vor und zischte ihn an: “Ich versuche zu verhindern, dass du jemanden verletzt. Was macht Rhedd Alert für einen Sinn, wenn wir für einen beschissenen Job töten müssen?”

“Ein beschissener …?”

Gavins Augen waren so weit aufgerissen, dass man das Weiß seiner Augäpfel sah.

“Du musst aufwachen, Walt. Das war unser einziger Job. Die Hälfte der Schiffe im Kader wurden beschädigt. Boomer, fror sich den Hintern ab, weil er nichts weiter trug als seinen Raumanzug. Wir können nicht mehr von System zu System springen und das nächstbeste Schiff kapern, das vorbeikommt. Dafür haben wir unterschrieben, Mann.”

Walt wurde wieder zornig. Er wusste, er wäre besser gegangen, aber Gavin verstand immer noch nicht, worauf er hinauswollte.

“Ich weiß, wofür ich unterschrieben habe.”

Er wusste, dass sie ihre Aufträge gut erfüllen mussten, aber warum gleich sterben, bei dem Unterfangen ihre Schulden zu begleichen?

“Und ich weiß auch noch, warum ich mich gemeldet habe.”

Gavin trat an ihn heran.

“Ach ja? Und warum ist das so?”

“Deinetwegen, Gavin.”

“Also ist alles meine Schuld? Weil ich dich dazu gebracht habe, mitzumachen.”

“Das meine ich nicht.”

“Ich weiß, dass ich das Gebot für diesen Job hätte höher ansetzen sollen. Aber weißt du was? Ich habe es nicht getan. Und der Job war eben alles, was wir hatten.”

Walt senkte seine Stimme und sah Gavin in die Augen.

“Das habe ich nicht gemeint und das weißt du. Ich bin hier, weil du das willst.”

Er stieß einen steifen Finger in Gavins Brust.

“Du willst es für Dell. Weil du Angst hast, dass sie dich verlässt, wenn du es nicht durchziehst.”

Sie gingen hart zu Boden und Walts Kopf knallte gegen das Deck. Dann war Gavin direkt über ihm. Er war kompakt und gebaut wie ein Sataball-Verteidiger, aber Walt war größer und hebelte ihn aus.

Es war etwas, das sie schon hundertmal ausgefochten hatten, seit sie kleine Jungs waren, mit nahezu jedes Mal dem gleichen Ergebnis. Aber Gavin wusste einfach nicht, wann er aufgeben sollte. Es war ein kurzes und hartes Gerangel. Innerhalb von Sekunden klemmte Walt seinen Unterarm in den Nacken seines jüngeren Bruders und stützte sich mit dem anderen vom Deck ab. Gavins Gesicht wurde auf den kalten Stahl des Hangar Bodens gepresst. Dann trat plötzlich die abgewetzte Schuhspitze eines schwarzen Arbeitsstiefels schmerzhaft auf Walts Finger. Sein Würgegriff lockerte sich und Gavin begann sich zu befreien. Dann fiel ein schwerer Schraubenschlüssel auf Gavins Schulter und rückte ihn wieder mit dem Gesicht nach unten.

“Aber, aber, Jungs”, sagte Dell. “Was werden bloß die Nachbarn denken?”

Walt zuckte und biss die Zähne zusammen, als sie den Stiefeldruck auf seine Finger verstärkte. Er verdrehte sich seinen Hals und sah sie an. D’lilah´s Stiefel waren mit rosafarbenen Schnürsenkeln gebunden, auf denen ein weißes Totenkopfmuster aufgenäht war. Sie trug einen abgenutzten Overall, der sich an ihre kräftigen Beine schmiegte und dessen Taschen mit Werkzeugen und Ersatzteilen gefüllt waren.

Ihr dunkles Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der über ihre Schulter hing, wobei die Spitzen in leuchtendem Blau gefärbt waren. Das war neu, seit sie nach Oberon aufgebrochen waren. Dieser verspielte Akzent, spiegelte sich aber nicht in dem wütenden Blau ihrer Augen wider.

“Oh. Hey, Dell.” Walt bemühte sich, sich nicht durch einen schmerzverzerren Tonfall in seiner Stimme zu verraten.

“Hallo zurück. Und wenn mir die nächsten Worte aus deinem Mund nicht verraten, wo mein Dad ist, wirst du künftig nur noch mit links arbeiten können.”

Gavin antwortete ihr. “Beruhige dich, Dell.”

“Wer hat ihn?”

“Ich.”

Gavin nickte hinüber zu seinem Schiff.

“Na dann.”

Sie hob ihren Fuß und Walt zog seine Hand heraus, um sich die schmerzenden Knöchel zu reiben. Er blickte sie so entrüstet an, wie es ihm möglich war, während er noch auf dem Deck kniete. Ihr Lächeln täuschte eine Samtheit vor, die allerdings die eisige Wut in ihren Augen nicht zu vertreiben vermochte.

“Ich werde den Buggy holen, sobald ihr beide mit dem Kuscheln fertig seid. Klingt so, als hätte mein Vater eine Verabredung mit den Technikern im medizinischen Zentrum.” Dell schwang den Schraubenschlüssel über ihre Schulter, machte kehrt und schritt davon.

Gavin rollte sich stöhnend auf den Rücken.

“Diese Frau wird uns eines Tages noch umbringen.”

“Glaubst du, wir könnten ihr entkommen?”, fragte Walt.

“Du, vielleicht, sagte Gavin. Es gibt im gesamten Universum kein einziges dunkles Loch, in dem ich mich verstecken könnte!”

“Nun ja”. Walt rappelte sich ächzend auf die Beine und ergänzte lachend, “das ist deine eigene verdammte Schuld. Du hast sie geheiratet.”

– Fortsetzung folgt –

 

 

You cannot copy content of this page