Trugbilder

Einem Traum entsprungen – und doch real: Orison, Sehnsuchtsort in den Wolken Crusaders.

Von John Brubacker

Mit dem Sonnenuntergang ändert sich die Stimmung auf dramatische Weise – und mit ihr das  eigene Empfinden. Wo noch vor wenigen Minuten beinahe zärtlich Wolken die schwebenden Plattformen umschmeichelten, herrscht plötzlich eine intensive, fast brutale Atmosphäre. Tiefrote Strahlen, von der Sonne Stantons geschickt, durchbrechen die obersten Wolkenschichten Crusaders, schneiden wie Messer in das eben noch so friedliche Bild. Sie bringen Konturen hervor, schälen Markantes heraus, lenken den Blick auf Details. Die natürliche Farbgebung wird um ein Vielfaches verstärkt. Kaum ist die Sonne untergegangen, wähnt man sich an einem anderen Ort.

Solch’ ungewöhnliche Eindrücke und Wechselbäder sind wohl nur deshalb möglich, weil der Ort selbst ungewöhnlich ist. Er befindet sich mitten in den Wolken eines Gasriesen. Der zweite Planet Stantons – er ist prädestiniert für ein Naturschauspiel, das im ganzen Empire seinesgleichen sucht. Tagsüber, so heißt es, zeigt eine Stadt ihre Körperlichkeit, nachts hingegen offenbart sie ihre Seele. Kaum irgendwo sonst wird das deutlicher als auf und an den schwebenden Plattformen von Crusader Industries, hoch oben in den äußersten Schichten des Gasriesen. Es ist ein Ort des Staunens.

Bis zum Horizont und darüber hinaus erstrecken sich die schwebenden Plattformen von Orison. Moderne Wohntürme wechseln mit Stahlskeletten ab, in denen tausende Frachtcontainer auf ihre Verladung warten. Schiffswerften mit riesigen Andockklammern ruhen am Firmament als sei es das Natürlichste der Welt. Sie dominieren den Himmel, machen ihn sich zu eigen. Immer wieder glaubt man den eigenen Augen nicht zu trauen – wie nur können diese riesigen Plattformen so ruhig in der Luft stehen? Wir wissen natürlich, dass es feuerspeiende Aggregate an ihrer Unterseite sind, die sie an Position halten. Und doch strafen die Augen den Verstand immer wieder lügen. Es sind Trugbilder, die über Crusader schweben, gleichsam einem Traum entsprungen. Und doch: Was eben noch unerreichbar schien, wächst plötzlich empor, verdichtet und manifestiert sich. Nähert man sich einer Plattform, dann wird es wieder bewusst: Es ist menschengemacht, was dort im Nichts schwebt.

Ist es Genie oder Wahnsinn, eine komplette Stadt mitten in die Wolken zu bauen? Kühn und visionär ist es in jedem Falle. Während man läuft und staunt, immer wieder inne hält und versucht, irgendwo in der Ferne einen Fixpunkt zu finden, kreisen über der Stadt die Versorgungsschiffe Orisons. Stoisch, fast unbeteiligt, ziehen sie ihre Bahn und scheinen dabei wie Riesen mit den Wolken Schach zu spielen. Auf den Plattformen selbst geht das Leben unterdessen seinen Gang. Shuttles bringen die Bewohner und die Besucher von Plattform zu Plattform, in Discotheken hämmert der Beat, Shops machen gute Geschäfte mit Souvenirs. Natürlich, alles ist irgendwann eine Frage der Gewöhnung und des Alltags. Und doch gibt es keinen Augenblick, an dem es den Blick nicht doch wieder hinaus zieht, zu den Plattformen, die wie Sehnsuchtsorte losgelöst von allem Irdischen zur Stippvisite einladen – einem Ölgemälde gleich, in das man hineinlaufen und in dem man sich verlieren möchte. Hingehaucht und doch real.

Keine Frage: Von den vier Megacorps, die sich Stanton geteilt haben, hat Crusader das Glückslos gezogen. Während Microtech nach einem Terraforming-Unfall zu großem Teil mit Eis bedeckt ist, ArcCorp als Stadtplanet keine Ruhepausen mehr kennt und Hurston nach unzähligen Waffentests nur noch Schatten seiner selbst ist – hier auf Orison liegt all das in weiter Ferne. Man schwebt mit den Plattformen über den Dingen. Es ist im Wortsinne fantastisch. Wie sehr sich Crusader Industries dessen bewusst ist, zeigt es an jeder Ecke – mit Fahnen, Videoleinwänden, Stelltafeln und Inschriften. Nichts ist hier dem Zufall überlassen, alles ist sorgsam inszeniert.

Und doch kratzt all dies nur an der Oberfläche. Denn die wahren Wunder liegen unter der fliegenden Stadt – verborgen in den unteren Schichten des Gasplaneten. Die Skulptur des schwebenden Wals von Crusader, in Bronze gegossen, legt auf der Hauptplaza davon Zeugnis ab. Man braucht Glück, um einen Blick auf ein lebendiges Exemplar zu erhaschen. Eine Garantie gibt es bei den angebotenen Discovery-Touren, die hinab in die Tiefe des Planeten führen, nicht. Manchmal aber ertönt sein Walgesang herauf, leise nur, aber doch deutlich vernehmbar. Dann gibt er uns mit einem paar Tönen zu verstehen: Es ist seine Welt. Wir sind hier nur Besucher, kurzzeitige Sinnestäuschungen. Orison – das ist nur ein Trugbild. Zu schön, um wahr zu sein.