Stumme Zeugen

Jedes Wrack erzählt eine einzigartige Geschichte – und ist Mahnmal für uns alle.

Von John Brubacker

Das ferne Licht Crusaders fällt gespenstisch durch die gewaltige Öffnung im Rumpf –  so, als wollte es darauf hindeuten, dass hier etwas Wichtiges, etwas Entscheidendes fehlt. Langsam klettert der Gasriese über dem Horizont Daymars empor, verändert Schattenlinien und -würfe. Für einen Moment scheint es, als wäre wieder Leben im Schiff – allein: Es täuscht. Still ruht der gewaltige Stahlkörper im Sand, zum Teil darin versunken, einem Leichentuch gleich an vielen Stellen zugeweht.

Wie lang das Wrack der Javelin hier schon so liegt – niemand weiß es. Es wirkt so, als sei es hier schon immer gewesen – was natürlich nicht stimmt. Einst hat das Schiff stolz und mächtig zwischen den Sternen seine Bahnen gezogen, seine Kämpfe gefochten, seine Mannschaft behütet. Nun liegt es einsam und verlassen auf dem Mond, in einer endlosen Sand- und Steinwüste. Einen Namen hat das Schiff nicht mehr – vor Ewigkeiten schon hat ihn der ewige kratzende, feinkörnige Wind aus der Geschichte geschmirgelt. Es ist ein namenloses Wrack, eines das natürlich dennoch eine Geschichte hat. Wieso liegt es gerade hier? Was ist passiert? Welche Schlacht hat es geschlagen und verloren?

Es sind Fragen, die einem unweigerlich durch den Kopf gehen, wenn man die riesige Wrackstelle erkundet. In mehrere Teile ist das Schiff zerbrochen, das Cockpit liegt von Hauptrumpf und Hangar getrennt. Die Zerrissenheit von Werden und Vergehen – sie wird bedrückend greifbar. Die riesigen Triebwerke sind halb im Sand begraben – wann haben sie zum letzten Mal mit voller Kraft gefeuert, um das Unglück vielleicht doch noch abzuwenden? Wo genau stand in diesem Moment der Captain auf der Brücke, um seine letzten Befehle zu geben, das Ende vor Augen? Man streicht mit den Fingern über die Piloten-Konsolen, die noch immer vorhanden sind, die scheinbar auf neue Eingaben warten – der Schubhebel steht auf Maximum-Schub. Man steht im Cockpit, schließt die Augen und erwartet den Aufprall. Wie ein entferntes Echo meint man ihn beinahe hören zu können. Hier und dort lassen sich noch Schalter umlegen. Es klickt kurz, dann ergreift wieder Stille den Raum. Doch das Schiff ist tot, hat längst jegliche Lebensenergie verloren.

Man läuft langsam hinüber zum Hangar. Piloten, Mechaniker, an- und abfliegende Schiffe, Befehle, Startkommandos – alles nur noch eine schwache Erinnerung. Nur noch ein Gerippe ist übrig. Das Schiff ist bis ins Mark ausgeschlachtet worden. Glücksritter, Plünderer, Händler von Schrottteilen – wie Aasfresser haben sie sich am Schiff gütlich getan, sind im Lauf der Jahre über den einst stolzen Schlachtkreuzer hergefallen wie über eine wehrlose Beute. Verkleidungen sind brutal ab- und weggerissen. Entkleidet, roh und ausgeweidet liegt das Schiff da. Man möchte liebevollere Worte wählen, um ihm seine Würde zurückzugeben. Schließlich wird einem klar, was das Javelin-Wrack auch ist: ein Friedhof. Ein Friedhof der Hoffnungen. Freundschaften, Kameradschaft und Gemeinschaft – alles dies liegt hier mit im Sand begraben. 

Es gibt unzählige solcher Wracks im Verse – jedes mit eigener Geschichte und vielen Geschichten, die an Bord geschrieben wurden. Es sind Schiffe, deren Schicksale sich von einem Moment auf den nächsten änderten. Es sind stumme Zeugen, Orte des Innehaltens in einem ruhelosen Empire. Besitzen Raumschiffe eine Seele? Natürlich sind sie zunächst Objekte, die die Menschen zu den Sternen bringen, auf denen Leben gelebt, Kämpfe gefochten werden – und doch sind sie auch mehr als das: Sie sind unsere Anker im Sternenmeer, unsere Heimstatt, unsere Verbündeten. Warum geben wir ihnen sonst Namen? Warum sollten wir sie sonst taufen? Warum trugen die Segelschiffe auf der Erde sonst über Jahrhunderte Galionsfiguren am Bug, um böse Geister fern zu halten und Unglück abzuwehren?

Und dann endet ihre Geschichte. Manchmal ruhmlos, im Nichts. Oder im Dreck wie die Javelin. Erbarmungswürdig. Und so wird eines immer klarer, wenn man das Javelin-Wrack im spukhaften Licht Crusaders auf sich wirken lässt: Es ist mehr als nur ein Wrack – es ist ein Sinnbild für das, was uns als Menschen ausmacht: Erkundung, Entdeckung, die Bewahrung von Werten.  Und ja, vielleicht auch ein wenig Hybris. Kurzum: Es ist ein Mahnmal.

Die Lichter der funkelnden Constellation Phoenix, mit der wir das Schiff aufgesucht haben, streichen ein letztes Mal über den gewaltigen Rumpf, dann versinkt das Schiff in der Dunkelheit des Sandmeeres als würde es auf dem Grund eines Ozeans liegen. Wir aber steigen wieder hinauf zu den Sternen, wo auch einst die Javelin ihre Bahn zog, gedenken ihrer – und wenden uns wieder dem Leben zu. Denn wenn uns der Besuch eines gelehrt hat, dann dies: Es gibt immer etwas, wofür es einzustehen lohnt. Und sei es in den letzten Sekunden.

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Nachtrag: Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, handelt es sich bei dem Javelin-Wrack um  die UEES Flyssa, die einst unter dem Kommando der ehrgeizigen Pavlina Marlin stand. In unmittelbarer Nähe zur Flyssa explodierte ein Bergbauschiff mit hochinstabilen, illegal geschürften Erzen, das die Flyssa aufbringen wollte. Die Druckwelle traf das Schlachtschiff unvermittelt, so dass es schließlich auf Daymar abstürzte. Alle 65 Besatzungsmitglieder kamen bei dem Unglück ums Leben.

 

 

 

 

 

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