Free Riders

– Das Jahr 2952 –

Kapitel

Rausch

Vom Recht auf Rausch

 …und seinen Konsequenzen. Warum Jumptown mehr ist als nur Ort. Er sagt uns, wer wir sein wollen.

Von John Brubacker

Drogen sind Selbstmord auf Raten. Wann hätte dieser Spruch je besser gepasst als auf Jumptown?  Auf jene Orte im Stanton-System, die Verheißung und Verdammnis zugleich sind. Unscheinbare Outposts im Nirgendwo, schäbig und runtergerockt, scheinbar verlassen. Und doch: Jeder Schuss – er ist hier ein Treffer. Vielleicht nicht  gleich in die eigenen Venen, aber doch ins Herz des Empires. Andererseits: Wer fliegt schon vorbei, wenn das schnelle Geld winkt bei kalkulierbarem Risiko? Ist es verwerflich oder nicht doch verständlich, wenn man auch mal etwas vom großen Kuchen abhaben will? Jumptown: Das sind die Orte, an dem man das Glück nur vom Boden aufheben muss – oder?

Ich liege versteckt auf dem Bauch hinter einem Felsen und beobachte aus sicherer Entfernung das Treiben auf Lyria, einem felsigen, teils vereisten Mond ArcCorps. Eine mächtige Hammerhead beharkt in einer Senke soeben kleinere Fighter vom Typ Sabre und Arrow. Seit die Hammerhead eingetroffen ist, hat sie die Lufthoheit. Zwei schwere Gunships vom Typ Redeemer sichern die Korvette nach den Seiten hin ab. Ab sofort, so die unmissverständliche Botschaft, werden aus Jumptown keine Drogen mehr herausgeschafft.

Vor ihrem Eintreffen jedoch waren, fleißigen Bienen gleich, immer wieder mit Widow voll beladene Schiffe vom Typ Cutlass gestartet. Widow, das ist eine Designer-Droge, die aktuell das System überschwemmt – wieder einmal. Das als schwarze, tintenähnliche Flüssigkeit injizierte Opiat färbt auf Dauer die Venen schwarz und es entstehen netzartige subkutane Muster quer durch den gesamten Körper. Entspannt die Droge zunächst, bringt einen richtig runter, so sehen die Menschen nach exzessiver Einnahme irgendwann aus wie  Zombies.

Die „Helldiver“-Einheit, die das verhindern will, ist in Stanton bekannt für derlei Einsätze. Nachdem durchgesickert war, dass an diesem Abend auf Lyria eine größere Verladeaktion von Widow stattfinden soll, hatten die „Helldiver“ ihren Hut in den Ring geworfen. Die in Stanton stationierte UEE Navy hatte um Unterstützung von freien Söldner-Gruppen gebeten, weil sie der Lage allein nicht Herr wurde. Gab es einst nur ein einziges Drogenlabor auf Yela, einem unwirtlichen kalten Mond, der um den Gasriesen Crusader seine Kreise zieht, das aber vor gut einem Jahr durch Intervention von Crusader Industries geschlossen worden war, so existieren nun gleich drei an der Zahl – auf den Monden Lyria, Yela und Caliope. Keine Frage: Die Schattenwirtschaft findet immer neue Wege. Lockt der schnell verdiente Credit, wird der Markt immer und überall sehr schnell sehr kreativ.

Rauschmittel – sie ziehen Menschen seit Jahrtausenden magisch an. Der Gebrauch von psychoaktiven Substanzen hat sich bereits für die Jungsteinzeit der Menschheit auf der Erde nachweisen lassen. Schon damals wurden sie in schamanischen und religiösen Zusammenhängen genutzt. Im Kern geht es seither immer um eine wahrnehmungsverändernde Wirkung, die Abkopplung mentaler Prozesse vom Bewusstsein. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, sich die verschiedensten Substanzen in die Venen zu spritzen, sie zu rauchen, zu schnüffeln. Heroin, Kokain, Speed, LSD, Crystal Meth, Crack vor bereits tausend Jahren, Maze, Widow oder Neon heutzutage – die Beweggründe, zu Drogen zu greifen, haben sich nicht geändert: Das Streben nach Glück und die damit einhergehende eigene innere Unzufriedenheit bedingen einander.

Es ist ein Teufelskreis, den man durchbrechen möchte – und der einen doch gefangen hält. Drogen versprechen den Ausweg. Sie sind Fluchthelfer, vermeintlicher Heilsbringer. Man verlässt die Enge der eigenen Unzulänglichkeit, findet für eine Zeit inneren Frieden. Die Kehrseite: Abhängigkeit, körperlicher Verfall – und Gewalt in all ihren Auswüchsen. Bei Maze etwa kommt es regelmäßig zu Todesfällen, man findet nicht mehr den Ausgang aus dem eigenen Trip. Schließlich zerfällt das Gehirn. All dies ist bekannt – allein: Dieser Umstand ist nicht Abschreckung genug. Auch Maze wird aktuell auf illegalen Wegen gehandelt, als handele es sich dabei um pures Gold.

Es war im Jahr 2949, als die Bürger Stantons ein lukratives Widow-Drogenlabor auf der Oberfläche des Crusader-Mondes Yela entdeckten. Bald schon strömten zehntausende bis dahin unbescholtene Bewohner des Systems zu dem Außenposten mit unterschiedlichen Motiven. Piraten und andere Gesetzlose sowie ganze Organisationen mit wenig Skrupeln schickten sich an, diese neu entdeckte illegale Fundgrube möglichst schnell auszubeuten oder unter die eigene Kontrolle zu bringen. Andere, gesetzestreue Truppen wiederum wollten die Station abriegeln, um kriminelle Aktivitäten zu verhindern. Freizeit- und Berufsschmuggler keilten sich um jedes Drogenpäcken wie Hunde um einen Knochen.

Nur wenige wussten zunächst über Jumptown Bescheid – und niemand ahnte, dass sich daraus schon bald ein ausgewachsener Drogenkrieg entwickeln würde. Doch schnell wuchsen die Kämpfe über Jumptown hinaus, entwickelten ein Eigenleben und griffen, einem Krebsgeschwür gleich, im ganzen System um sich. Wo zuvor noch ein einigermaßen friedliches Miteinander geherrscht hatte, regierten alsbald Gier, Chaos und Anarchie. Harmlose Handelsschiffe, die zuvor Güter des täglichen Bedarfs durchs Verse transportiert hatten, wurden über Nacht Drogenkuriere, die wiederum von anderen aufgebracht wurden. Streckenweise wurde das gesamte Drogenlabor besetzt, ja sogar Eintritt verlangt. Ruchlose Söldnertruppen beschützten Drogenschmuggler, bildeten regelrechte Kartelle. Jeglicher Anstand starb – und mit ihm tausende Bürger. Kurzum: Für den schnellen Profit brachten sich die Menschen gegenseitig um – mehr als in jedem anderen Konflikt, den es zuvor in Stanton gegeben hatte. Schließlich konnte man hier bei einem Run mehr verdienen als bei einem legalen Cargo-Run in einem ganzen Jahr.

Jumptown – diese Bezeichnung trägt seitdem die Ungewissheit daher schon im Namen. Man springt ins Unbekannte. Was werden die Drogen mit einem machen? Selbst wenn man sie nicht selbst konsumiert: Drogen verändern den Menschen. Immer. Sei es, weil man Drogen, die man in der Cargo-Bay des eigenen Schiffes hat, weiter unter die Citizens bringt. Sei es, weil man die UEE-Gesetze ehren und eben dies verhindern will. Kurzum: Illegale Stimulanzien erzeugen einen Kreislauf, aus dem es so schnell kein Entrinnen mehr gibt. In Jumptown fokussiert sich daher wie unter einem Brennglas, was gut und was schlecht läuft im Empire, ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel, das niemanden unberührt lässt.

So auch diesmal bei „Paradise Cove“, so der Name des Jumptown-Outposts auf Lyria. Verzweifelt versucht die Gegenfraktion zurückzuschlagen, kein Wunder: Mit jedem Päckchen lassen sich rund 15.000 Credits verdienen. Die Gier schaltet Verstand und Herz aus. Bald schon liegen mehrere brennende Wracks am Boden – Sinnbild auch dafür, was geschieht, wenn sich ein komplettes Sternensystem der UEE-Jurisdiktion entzieht. Mit dem Verkauf der einzelnen Planeten an private Unternehmen entstand ein rechtsfreier Raum, ein Vakuum, das Piraterie und Schmuggel aber auch schreckliche Misssverständnisse und Misstrauen geradezu förderte. So wird sich im Nachhinein herausstellen, dass mit der “Yellowhand Security“ ein zweite private Söldnertruppe versuchte, Schmuggel zu unterbinden. Wer aber glaubt dem anderen noch, ist das Grundvertrauen erst einmal nachhaltig erschüttert? Die aufgegebene einstige Bergbaustation Grimhex im Asteroidengürtel rund um Yela und ihre Besetzung durch die Piratengruppe der Nine Tails tat ein Übriges – für sie lag das erste Jumptown ja vor der Haustür. Wer eins und eins zusammenzählen konnte, wusste, was bald geschehen, wie jedes Vertrauen und jeder Gemeinsinn erodieren würde.

Was man bei Jumptown beobachten kann, ist daher das ewige Kräftemessen zwischen Gut und Böse – wo auch immer ein neues Drogenlabor entsteht. Jumptown zeigt das Ringen des Menschen mit sich selbst, ein Kampf mit den eigenen inneren Dämonen. Gibt es ein Recht auf Rausch, ein Recht auf Glück im Leben? Jumptown – das ist mehr als ein Ort. Es ist der Inbegriff für den schmalen Grat auf dem wir alle wandern. Jumptown – das ist der Ort, an dem sich immer wieder neu entscheidet, wer wir sind, wer wir sein wollen, was wir bereit sind, dafür zu tun. Es ist der Ort, der unsere Seele berührt. Letztlich stellt Jumptown uns die Frage, was echtes Glück im Leben bedeutet. Und die muss jeder für sich ganz allein beantworten.

Der Bericht basiert auf eigenen Gedanken, nutzt aber auch die Zusammenfassung “Jumptown Wars – Totalis Bellum” von Paul Shelly,  „Astro Pub“

*****

Journal-Eintrag 17 / 01 / 2952

Ich stehe auf und schüttele mir den Staub Lyrias aus dem Undersuit. Vor mir die brennenden Wracks der Schmuggler im Dreck. Ich bin zurück aus der selbst verschriebenen Pause – und wie könnte es anders sein: Nichts hat sich geändert. Drogen. Kämpfe. Geheimnisse. Jumptown – das war bisher an mir vorbeigegangen. Vor einem Jahr hatten mich Chhris und Zero aus einem Outpost retten müssen. Wenigstens das war diesmal nicht nötig. Ich bin gespannt, was dieses Jahr bringt, vor allem was es mit „Project Enos“ auf sich hat. Und vielleicht schaffe ich es dieses Jahr ja endlich mal aus diesem System raus. Es wäre höchste Zeit, mal den Horizont zu erweitern. Ich fliege zurück in die Redaktion und schreibe obigen Bericht. Unterwegs kommt mir mein damals unfreiwilliger Maze-Trip in Erinnerung – und die Teufelsfratze, die ich zum Schluss gesehen hatte. Ich schüttele den Kopf, um die Erinnerungen daran zu verscheuchen. No drugs! Back to duty.

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riders

Free Riders of Stanton

Ich fresse den Staub der anderen. Sehen kann ich auch nicht viel. Kaum kommt ein Kaktus auf mich zu, ist er im nächsten Moment auch schon wieder vorbei. Die Landschaft verwischt zu einem undeutlichen Etwas. Sicher, auf dem Planeten Hurston gibt es auch sonst nicht sonderlich viel zu entdecken. Doch nun ist da nur noch eine teigfarbene, bräunliche Masse, in der alles untergeht.

Ich bin eingeladen worden zu einem Rennen rund um die Hauptstadt Lorville. Ich hatte zuvor extra geübt und dachte, ich hätte eine Chance – doch nun bin ich nur noch froh, nicht am nächsten Felsen zu zerschellen. Irgendwann nehme ich das Gas meiner Nox weg. Zu gewinnen ist das Rennen nicht mehr, und ich genieße die Einsamkeit der Landschaft um mich herum, versuche, sie in mich aufzunehmen, mich darauf einzulassen. Irgendwann tauchen in mir längst vergessene Bilder auf…

Einst war ich auf einem Motorrad auf der Erde einmal quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika gereist – über 13.000 Kilometer, vom Atlantik bis zum Pazifik, eine ungeheure Strecke. Es war die größtmögliche Freiheit… ich lächle, doch dann fällt mein Blick auf das riesige Hauptquartier der Hurston-Familie – eine pure Machtdemonstration. In seiner martialischen Ästhetik brüllt es: Niemand kann uns etwas! Wir sind unangreifbar! Wir nehmen uns, was wir wollen. Die Architektur des riesigen, monolithischen Gebäudes ist wie ein brutaler Keil in den Boden getrieben worden.

Der Rest des Planeten: geschändet von so viel Größenwahn, kaputt. Von unzähligen Tests des Waffenherstellers für immer ruiniert. Niemanden scheint es zu kümmern. Die Freiheit des Menschen ist hier längst gestorben, wie das Gefühl der Fürsorge für den Planeten. In den Wohnsilos hausen die Bewohner der Stadt unter schrecklichen Umständen – so bezahlt, dass es gerade zum Überleben reicht, aber dass sie den Planeten nicht verlassen können. Hinter den gewaltigen Mauern der Stadt herrschen Hoffnungslosigkeit und Apathie.

Ich reite auf der Nox meine Runde zu Ende, komme wieder am Startpunkt an und stelle sie ab. Der abschätzige Blick des Wächters, der das Tor und den Zugang zur Stadt bewacht, lässt keinen Zweifel aufkommen, wer das Sagen hat. Selbst arme, geschundene Hunde, die tagein, tagaus die Tore kontrollieren müssen, sind auch sie Gefangene ihres eigenen Daseins. Längst hat man ihnen ausgetrieben zu träumen, den Blick zum Himmel zu heben. Längst haben sie sich angepasst in ihren Einheitsrüstungen, jeglicher Individualität beraubt.

Ich laufe an ihnen vorbei, als mir eine alte Ausgabe der „New United“ ins Auge fällt, eine der wenigen heutzutage unabhängigen Publikationen im Empire. Ich weiß nicht, wer sie hier liegen ließ oder wie sie hierher kam. Hurston Dynamics sieht zu, dass solche Medien hier nicht frei verkäuflich sind. Ich ziehe mich in eine dunkle Ecke zurück und blättere sie durch. Schnell fällt mein Blick auf einen Artikel:

Anführer der „Free Riders of Stanton”, Yao Kirov, im Teasa Spaceport unter fadenscheinigen Gründen von der Hurston Security festgenommen. Anklage auf Drogengeschäfte“.

Offenbar gab es zwischen den Bikern und der Hurston Securiy ein paar heftige Zusammenstöße. Ich sinniere – „Free Riders of Stanton“… nie gehört. Ich öffne mein Mobiglas, gehe ins Spectrum und recherchiere ein wenig: F.R.O.S. – eine Bikergruppe, bestehend aus ehemaligen Hinterhofschraubern. Freiheitsliebend. Nicht mit großer politischer Agenda, aber durchaus mit eigener Meinung. Sie prangerten etwa immer wieder die Vertreibung der ursprünglichen Siedler des Planetens durch die Hurston-Familie an.

Ich schließe das Mobiglas wieder. Was kann man gegen so viel Macht einer einzelnen Familie schon unternehmen? Natürlich, als Reporter bin ich der Aufklärung der Wahrheit verpflichtet – aber auch der Sache selbst?

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“

Heißt es nicht so?  Ist das nicht die Maxime eines guten Reporters?

*****

Nur ein paar Tage später rase ich erneut über Hurstons Einöde mit meiner Nox. Hinter mir fährt Valentin Benz, ein Kerl, der mir schon ein, zwei Mal über den Weg gelaufen war. Wir reiten mitten in der Nacht zu einem stillgelegten Bergbau, auf der Rückseite des gewaltigen Hurston-Gebäudes außerhalb der Stadt. Wenige Stunden zuvor hatte ich eine Nachricht von einem unbekannten Absender erhalten – die „Free Riders“ sollten mit der Verhaftung Kirovs nicht sterben, hatte es darin geheißen. Die Zerschlagung solle verhindert werden. Ich weiß nicht wieso, aber ich musste nicht lang überlegen. Hatte ich nicht schon genug Beweise gesehen, dass zu viel Machtfülle zur Katastrophe führt? War mir Freiheit der Gedanken, des Formulierens und Schreibens nicht schon seit jeher ein inneres Bedürfnis?

Ein Sandsturm kommt auf. Ich sehe kaum über den Scheinwerferkegel meiner Maschine hinaus, während ich zum Treffpunkt rase. Es scheint fast so, als wollte sich der Planet und was ihm angetan wurde, vor mir verstecken. Als würde er sich verschleiern. Je mehr ich mich nähere, umso mehr bin ich mir sicher, das Richtige zu tun.

Am Treffpunkt angekommen, der Sandsturm wütet nun auf voller Stärke, erkenne ich ein Gesicht, dass ich zuvor nur aus den Medien und aus dem Archiv des Spectrums kannte: Gabriel Winters, Enkel von Friedrich, Gewinner des Vorlaufs zum Murray Cup.

„Das ist ja ein Ding, Sie hier zu treffen“, brülle ich gegen den Sandsturm an. Ich zähle eins und eins zusammen: Friedrich muss meinen Kontakt an seinen Enkel weitergegeben haben. „Gabriel“, stellt sich der junge Mann vor, „aber die meisten sagen Husky.“

„Brubacker – aber die meisten sagen Bru.“

„Von dir ist die Einladung?“

Husky nickt.

„Warum so geheimnisvoll?“ Noch während ich die Frage stelle, wird mir klar, wie dumm sie ist.

„…schon gut.“

Ich blicke mich um – neben Winters sind zwei weitere Personen zugegen: Ein gewisser Ray Keaton und Valentin Benz. Keaton  kenne ich nicht, von Benz weiß ich nur, dass er auf Grimhex lebt, ein etwas undurchsichtiger Zeitgenosse.

„Und nun?“

Der Sturm legt sich so schnell, wie er gekommen war.

„Nun, vielleicht kläre ich euch auf….“

Husky berichtet im Folgenden von Kirovs Verhaftung, den brutalen Methoden der Hurston Security – und dass die „Free Riders“ nun an einem Scheideweg stünden: Untergang oder Neugründung, die Fahne hochhalten, ein Zeichen setzen. Schnell zeigt sich: Jeder von uns Vieren hat unterschiedliche Motive, hier zu sein: Keatons Eltern etwa lebten einst auf Hurston, wurden aber vertrieben, Benz ist sogar hier geboren. Schnell wird uns klar: Das unbändige Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung ist etwas, das uns eint. Alle stehen wir Megacorps mehr als kritisch gegenüber. Ich lächle still in mich hinein: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – wie Friedrich gegen Großkonzerne und ihre Verkäufe von Militärschiffen auf dem zivilen Markt wettert, so sehr schlägt auch Husky in eine ähnliche Kerbe.

„Ich bin kein Attentäter und kein Verschwörer, ich bin Journalist“, sage ich schließlich. Kleine Aktionen ja, Nadelstiche, Missionen für eine gute Sache – aber kein aktivistischer Untergrund. Ich komme mir fast feige vor, als ich das sage. Während ich darauf warte, was die anderen dazu sagen, frage ich mich, was ich dann überhaupt hier will. Zu meiner Überraschung sehen die anderen das aber ähnlich: Wachsamkeit ja, Freiheit verteidigen – keiner aber will etwa das Hurston-Gebäude noch in der gleichen Nacht in die Luft sprengen.

„Es wird sich entwickeln“, sagt Gabriel schließlich.

Und in der Tat: Ist  nicht das Biken selbst schon ein Statement? Wann und wo, wenn nicht im Ledersitz einer Maschine, ist der Weg das Ziel?

Während wir reden und philosophieren, hören wir über Funk, dass Hurston an den Perimeter-Ausgängen die Ausgabe weiterer Bikes gesperrt hat. Als hätte es das gebraucht, um uns zu überzeugen. Wie aufs Stichwort landet schließlich direkt neben uns eine Avenger – ein Kerl namens Hermioth mit ordentlich Bier im Gepäck. Ich erinnere mich: Mit ihm war ich unterwegs, als wir die Killersatelliten-Story aufklärten.

„Sieh an, immer wieder die gleichen Gesichter.“

„Bier gefällig?“

„Was für eine Frage, ich hab schon eine Staublunge.“

Später kommt ein weiterer Nachzügler hinzu, der mir bisher unbekannt ist, ein Mann mit Namen Leon Adama, ein ehemaliger UEE-Soldat. Ich staune nicht schlecht, als Winters schließlich eine vorbereitete „Proklamation zur Neugründung der Free Riders“ aus der Tasche zieht und vorliest. Respekt, klingt gut, denke ich. Kann ich unterschreiben, auch wenn es sicherlich noch manches Mal ordentlich rauchen wird in unserer kleinen Gemeinschaft. Schließlich stoßen wir mit Smolz an. Stilechter geht es kaum.

In der Ferne, hinter einem Staubschleier, thront wie ein Fremdkörper, der Parasit des Planeten bedrohlich und doch fern genug – das Hurston-Hauptquartier.

Wir sind die „Free Riders of Stanton”! Hell ya!

*****

Journal-Eintrag 02 / 01 / 2952

Ich habe Nick Cartago durch Zufall auf ArcCorp getroffen. Er hat gerade einen kleinen Transportauftrag am Wickel – ich beschließe spontan, ihn zu begleiten. Wir fliegen mit einer Cutless Red, einem Rettungsschiff. Ich bin immer wieder darüber erstaunt, wie viele unterschiedliche Schiffe der Mann besitzt. Na, wahrscheinlich muss man als Frachterpilot so breit aufgestellt sein. Es geht nach Lyria und dort hinab zu einem Wrack, einer abgestürzten Caterpillar. In der Missionsbeschreibung heißt es, es sei gegebenenfalls mit Feindkontakt zu rechnen. Wir rüsten uns also entsprechend aus mit Rüstung, Waffen und Medipens. Der Anflug ist in seiner Einsamkeit spektakulär. Das Wrack liegt auf einem Hochplateau und ist in mehrere Teile zerbrochen. So lange kann der Absturz noch nicht her sein – es lodert sogar noch Feuer. Im Innern sind manche Stellen durch Laser geschützt – doch uns fehlt das Equipment, um die Laser, die bei Berührung wohl eine Explosion auslösen, zu deaktivieren. Egal, wir schnappen uns die Transportkisten und machen uns auf nach Wala, den anderen Mond ArcCorps. Dort müssen wir die Kisten auf einem Schrottplatz entsorgen. Ich bin immer wieder erstaunt – und entsetzt – darüber, wie rücksichtslos der Mensch seine Hinterlassenschaften überall entsorgt. Warum kümmert sich die UEE eigentlich nicht um so etwas? Wollen wir so dem Verse unsere Fußabdruck aufdrücken? Zu guter Letzt werden wir noch beschossen. Wer zum Henker beschießt ein Rettungsschiff? Wir können gerade so unsere Haut retten.

Bin von Zero angeschrieben worden. Hat wohl auch ziemich Stress mit Hurston Dynamics. Hat von F.R.O.S. gehört. Will sich mt Husky und mir treffen. Genau unsere Kragenweite, passt perfekt zu uns. Mal schauen, wo ihn der Schuh drückt…

*****

weide

Die Eingeweide von Lorville

“Hi Bru. Ich wurde von einer Wache in Lorville blöd angemacht. Die Wache fragte, ob ich ein Freiheitskämpfer  von F.R.O.S. sei. Hast Du von F.R.O.S. schon gehört? Gibt es jemanden in Stanton, der für die Freiheit kämpft? Haben die was mit den freien Völkern zu tun? Ich hab von denen noch nie gehört. Gruß, Zero”

 (…)

 “Ja, habe ich – aber ich kann darüber nicht über die offenen Kanäle reden. Treffpunkt Sonntag, 2100 SHT (Standard Hurston Time). Dann alle weiteren Infos. Weg-Beschreibung ist angehängt. Bleib sauber. Bru-“

 (…)

 “Die Wegbeschreibung irritiert mich. Muss ich mit einem Bodenfahrzeug kommen? Raumschiff unerwünscht bei F.R.O.S.? Zero”

 (…)

“Natürlich nicht. Du kannst gern mit der Rabbit kommen, dann können wir die Bikes einladen, um vielleicht irgendwo hinzufliegen, wo es ein wenig netter ist. Ein Bike sollte ein F.R.O.S.-Biker generell natürlich schon haben, wir sind ja nicht die FWOS – Free Walkers of Space. Bin fest davon ausgegangen, dass Du ohnehin eines im Stall hast. Bru-“

 *****

Ich muss an diese kleine Kommunikation mit Zero denken, während wir zu dritt über Hurston rasen. Wieder ist es Nacht, wieder einmal sehe ich kaum was. Hauptsache, wir werden nicht irgendwann noch Night-Rider. Ich grinse unter meinem Helm. Zero ist mit an Bord. Wusste ich gleich – die „Free Riders“ passen zu ihm wie die Faust aufs Auge.

Er ist wie ich jetzt zwar nicht der größte Held unter den Sternen, sein freier Geist und sein großes Herz für Unterdrückte und Schwache hatten ihn mir aber gleich von Beginn an sympathisch gemacht. Auch Husky, den ich nach unserem kleinen Austausch angeschrieben hatte, ist mit dabei. Beide scheinen  auf einer Wellenlänge zu sein. Wir hatten uns am „Stim Theater“ getroffen, so haben wir unseren Treffpunkt hinter dem riesigen Hurston Dynamics-Gebäude mittlerweile getauft, weil in den Gruben ungezählte gerauchte Stims liegen, gequalmt in den kurzen Pausen, die den Bergarbeitern früher gegönnt wurden, bevor sie sich für Hurston Dynamics wieder in den Dreck werfen durften.

Mir geht allerlei durch den Kopf.

Die Wächter Lorvilles sind nach der Auflösung der F.R.O.S.-Gruppe unter Yao Kirov offenbar angehalten, jeden auf einem Bike näher unter die Lupe zu nehmen. Die Wege in die Stadt hinein werden jedenfalls deutlich strenger bewacht – in letzter Zeit ist Hurston vermehrt und härter gegen Schmuggler vorgegangen.

Selbst lebenswichtige Dinge, wie widerstandsfähige Kleidung gegen den scharfen Wind auf dem Planeten, gibt es in der Stadt aktuell nur gegen viel Geld oder unter der Hand. Das hatte Zero berichtet, nachdem wir uns getroffen hatten. Auch vor Mord schreckt man offenbar nicht zurück. So sei unlängst ein junger Mann umgebracht worden, nachdem ihm die Droge Widow untergeschoben worden war – Anlass genug, um die Tore und Zugänge in die Stadt noch stärker als bisher zu kontrollieren. Unklar ist indes, ob Hurston Dynamics bereits von unserer F.R.O.S.-Neugründung weiß. Sicher scheint nur, dass man Angst hat, dass sich subversive Propaganda in der Stadt ausbreitet. So etwas nennt man wohl Paranoia. Na ja, passt zu ihnen.

Schließlich halten wir an und stehen auf dem Gipfel eines kleinen Berges.

„Ich wusste gar nicht, dass es auf Hurston noch so schöne Ecken gibt. Ich dachte, der gesamte Planet sei mehr oder weniger kaputt“, staune ich.

„Nee, es gibt durchaus noch richtig schöne Fleckchen. Man muss sie nur finden“, erwidert Zero. „Dahin ziehe ich mich manchmal zurück.“

„Verstehe.“

Doch Zero ist gedanklich schon weiter.

„…wir brauchen neue Zugänge in die Stadt“, erklärt er. Auch ihm war in der Zwischenzeit auf unseren Bikes offenbar einiges durch den Kopf gegangen. Er erklärt, dass er vorhat, verstärkt ins Schmugglergeschäft einzusteigen.

„Findest du das nicht ein wenig lebensgefährlich – ausgerechnet jetzt? Und ausgerechnet gegen Hurston Dynamics?“, frage ich ihn.

„Nach unserer Killer-Satelliten-Nummer? Ich glaube nicht, dass wir da noch einen Ruf zu verlieren haben. Außerdem: Was sollte ich sonst bei F.R.O.S.?“

„Auch wieder wahr.“

„Was ist eigentlich mit den Killer-Satelliten?“

„Bisher nichts gehört – die Advocacy scheint aber dran zu sein. Wahrscheinlich brennt bei denen die Hütte.“

„…jedenfalls brauchen wir neue, geheime Wege in die Stadt.“

Ich nicke und bin ratlos.

„Ich habe da vielleicht eine Idee“, schaltet sich Husky ein.

„Ich bin früher öfter mal mit einer kleinen M50 direkt vor deren Nase, aber unter dem Radar, über die Containerdocks, Landebuchten und sogar bis zum Showroom gecruist. Auch unter die Stadt kann man, wenn man weiß, wie…“

Wir trauen unseren Ohren nicht.

„Echt? Ich dachte, die Anflugkontrolle schaltet sofort den Autopiloten auf, wenn man auch nur ein bisschen vom vorgegebenen Weg abweicht.“

„Tut sie auch. Aber nicht, wenn man sie ablenkt.“

„…ablenkt?“

„Man parkt ein Schiff in ein anderes, und während der große Pott brav dem Landepfad folgt, die Anflugkontrolle nichts ahnt und gelangweilt auf ihre Monitore starrt, stiehlt sich das kleine Schiff im Radar-Windschatten davon – und schon ist man mittendrin in den Eingeweiden der Stadt.“

„Und das funktioniert?“

„Yep, wenn man es zeitlich gut koordiniert.“

„Verrückt.“

„Ich habe aktuell eine riesige Hercules C2, da könnten wir eine kleine Aurora reinpacken.“

„Unauffälliger geht’s wohl nicht“, sage ich.

„Frech kommt weiter. Jedenfalls wirft die Hercules den größtmöglichen Radar-Schatten.“

„Worauf warten wir dann noch?“

*****

Wir fliegen mit Zeros „White Rabbit“ hinauf zur Orbitalstation „Everus Harbor“, lassen uns dort die Aurora und die C2 in den Hangar stellen. Wenn wir von außerhalb kommen, sieht es aus, wie ein regulärer Frachtflug. Husky und ich steigen in die Aurora, sie passt geradeso in den Hangar. Husky mach das perfekt – geschultes Rennflieger-Auge eben. Zero fliegt den Riesenflieger hinab in die Atmosphäre.

„Wo haste den Vogel eigentlich wieder her?“, frage ich.

„Kontakte.“

Ich sollte mir dringend abgewöhnen, ihm solche Fragen zu stellen.

„Alles klar.“

Bald haben wir Landeerlaubnis – und während der Riesenvogel noch langsam absinkt,  geht es auch schon los. Zero öffnet die Heckklappe und wir gleiten wie bei einer Elefanten-Geburt hinaus. Husky übernimmt sofort die Steuerung und bringt uns in Bodennähe, ich halte mich hinter ihm fest. Es scheint tatsächlich zu klappen. Zero landet seinen Flieger unterdessen in der zugewiesenen Parkbucht.

„Und? Cool, oder?“

Husky dreht ein paar Runden über den Docks, ich blicke fasziniert zum Seitenfenster der kleinen Aurora hinaus. Ich sehe nun aus unmittelbarer Nähe riesige Rohre, Kräne und Container bis zum Horizont. Ich versuche alles in mich aufzunehmen. Einmal mehr wird mir bewusst, dass Lorville eine reine Industriestadt ist, in der der Mensch nicht viel zählt. Der Planet ist nur Mittel zum Zweck, um die Familie Hurston unfassbar reich zu machen.

„Ich lande mal.“

„Was…?“

„Keine Bange.“

Husky geht tiefer runter, ich steige aus, dann sehe ich plötzlich hinauf zum Balkon der L19-Residence. Wie oft hatte ich von dort schon hinab geschaut, nun dreht sich die Perspektive um.

„Krass, oder?“

„Absolut. Und uns kann keiner sehen?“

„Nicht bei unserer Größe. Man müsste schon direkt nach uns suchen. Entspann dich.“

Ich weiß, dass wir Verbotenes tun und es kribbelt in mir. Allein dieser Blick in die Eingeweide des Molochs Lorville ist bereits ein ordentlicher Tritt in den Hintern von Hurston Dynamics.

„Lass uns noch ein wenig umher cruisen. Und das musst du unbedingt auch alles Zero zeigen.“

„Klar.“

Ich übernehme das Steuer und fliege wie es mir gefällt über die Landebuchten, vorbei am riesigen „Teasa Spaceport“, vorbei an unzähligen grauen Fenstern, blicke in Abgründe, die wie Narben den Boden aufgerissen haben.

„Komm ich, will dir noch etwas zeigen.“

Husky übernimmt wieder das Steuer und lenkt die kleine Aurora tief in die Fundamente der Stadt.

Wir steigen aus, ich blicke mich um.

„Das Herz der Finsternis. Perfekt zum Schmuggeln geeignet.“

„Unfassbar“, sage ich leise und höre doch, wie die Wände mein Echo zurückwerfen.  

Draußen geht schließlich die Sonne unter. Wir drehen in der Illegalität noch ein paar beschwingte Runden, dann kehren wir zurück in den Orbit. Es gibt immer geheime Pfade. Man muss sie eben nur finden. Zwischen unzähligen Containern, Kränen und Rohrleitungen haben die F.R.O.S. eine neue Spielwiese gefunden. Das nächste Mal kommen wir mit den Bikes.  Rock ’n’ Roll.   

*****

Journal-Eintrag 18 / 02 / 2952

Ich drehe den Zettel in der Hand hin und her. Keine Ahnung, wie er in die kleine Tasche meiner Jacke gekommen ist. Dubios. Hat es etwas mit den Killer-Satelliten zu tun?

Warum keine Nachricht übers Mobiglas? Zu unsicher?

Und überhaupt: Wer hat ihn geschrieben?

Wer ist „Ein Freund“?

Ich laufe den langen Andocktunnel zur „Nordlicht I“. Es ist der zweite „Scenic Cruise“ zu dem Friedrich Winters auf seine Origin 890 Jump eingeladen hat. Ich hatte die Tour bei der Premiere schon einmal mitgemacht, jetzt will sie Friedrich im System etablieren – ich möchte ihm gern dabei helfen.

Das Schiff ist bis auf die letzte Kabine komplett ausgebucht, die „Helldiver“, die im Stanton-System bekannte Söldner-Truppe, übernimmt wie bei der ersten Tour wieder den Schutz. Es scheint, dass Friedrich eine echte Marktlücke gefunden hat. Routiniert spult er an Bord sein Programm ab, Nick Cartago erzählt etwas über den Planeten Microtech und die Station Port Tressler. Mir geht unterdessen im Kopf herum, was mich bei unserem ersten Stopp, dem Calhoun Pass auf dem Planeten, erwarten wird. Ein Dutzend Personen sind an Bord, noch dazu schwer gepanzerte Söldner – eine sichere Umgebung, wie mir scheint, sollte es sich doch um eine Falle handeln. Mir ist meine Entführung unter gefälschter Einladung  noch gut in Erinnerung. Ein harmloser Touristenausflug ist daher ein guter Ort für eine erste Kontaktaufnahme.

Am Shelter angekommen, an dem Winters die dramatische Überlebensgeschichte von Rick Targoli referieren wird, warten die „Helldiver“ schon – sie haben schweres Geschütz aufgefahren, sind gar mit einer Valkyrie vor Ort. Ich blicke mich um. Soll ich nach der Kontaktperson suchen, sucht sie mich? Der Ort scheint bis auf die Ausflügler und die Söldnertruppe verlassen. Im Shelter nimmt die Führung noch ihren normalen Verlauf, dann aber fallen Schüsse.

Plötzlich heißt es: Alle zurück aufs Schiff. Ich renne mit, von Panik ergriffen. Doch eine Falle? Gottlob ist die „Nordlicht I“ gut gepanzert – Winters spricht sich über einen gesonderten Funkkanal mit den „Helldivern“ ab – dann wird entschieden: Die Tour geht weiter. Sie haben die Situation unter Kontrolle. Wie beim ersten Mal besuchen wir die Höhle des Bergkönigs, dann geht es zurück nach New Babbage. Ich versuche zu verdrängen, was am Shelter passiert ist. Noch bin ich nicht bereit, mich wieder um das Thema zu kümmern. Klar ist mir natürlich die ganze Zeit gewesen, dass es noch nicht erledigt ist. Nur weil an einer Front mal Ruhe einkehrt, heißt das nicht, dass überall Frieden herrscht.

Nach der Landung an den so genannten Commens, dem inneren Zirkel von New Babbage, suche ich mir ein Zimmer. Am nächsten Morgen ploppt eine Nachricht auf meinem Mobiglas auf.

Ich lese sie zweimal, dreimal. Ghosting. Ich schlage es im Mobiglas nach: Der Begriff wird verwendet, wenn der IVS-Wert einer Person so niedrig ist, dass sie nicht mehr regeneriert werden kann. Der Begriff stammt aus dem Zusammenhang mit einer Prägung, die dauerhaft aus einer Ibrahim-Sphäre gelöscht wurde. Geächtete bezeichnen das „Auslöschen” einer Person manchmal als Tötung auf eine Art und Weise, die sie daran hindert, sich zu regenerieren.

Mir läuft ein Schauer den Rücken hinunter. Der endgültige Tod. Habe ich mich zu weit vorgewagt?

Dann aber reisse ich mich zusammen, bedanke mich für die Sorge um mein Wohlergehen, frage nach, ob es sich um die „Killer-Satelliten“-Story dreht und antworte selbstbewusst, dass ich es gewohnt sei, unter Druck zu arbeiten und es mit mächtigen Gegnern zu tun zu haben. Ich trage vielleicht ein wenig zu dick auf, aber das ist mir egal – auch ein Journalist, der für eine gute Sache draufgeht, ist immer noch eines: ein toter Journalist. Und auf keinen Fall habe ich Lust „geghostet“, also dauerhaft getötet oder noch einmal fast gefoltert zu werden. Ich schlage Area 18 als Treffpunkt vor, das kommt mir am sichersten vor, und schalte das Mobiglas wieder ab. War ja irgendwie klar, dass die Sache noch nicht vorbei ist.

Dann schalte ich das Mobiglas wieder ein und schicke Zero, was ich habe. Er macht es echt besser als ich: Immer wieder mal in Deckung gehen. Kluger Junge.

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Journal-Eintrag 24 / 02 / 2952

Kurz vor unserem Treffen vor der G-Loc-Bar erhalte ich noch eine kurze Nachricht: Der Unbekannte trägt ein weißes T-Shirt und wartet auf der Terrasse. Darauf soll ich achten. Ich entdecke die Person sofort. Sein helles Shirt leuchtet in der schummrigen Umgebung der kleinen Seitengasse, in der sich der Eingang zur G-Loc-Bar befindet, wie ein eine Reklame.

„Sind wir verabredet? Sind Sie der Unbekannte…?“

„Nein, aber ich bringe Sie zu ihm.“

„Und Sie sind…?“

„Mein Name ist Peter, aber das tut nichts zur Sache.“

Okay, sie kommen also zu zweit. Eventuell eine Sicherheitsmaßnahme. Aber wovor haben sie Angst? Etwa vor mir?

Wir machen ein bisschen Smalltalk, ich schaue mich um. Nichts deutet darauf hin, dass ich mich in unmittelbarer Gefahr befinde.

„Wollen wir?“

„Jederzeit.“

Wir laufen zur Brücke, die direkt zum Eingang der „Off the Record“-Redaktion führt. Am anderen Ende wartet eine weitere Person in einem weißen T-Shirt.

„…Sie sind…?“

„Ich bin derjenige, der Ihnen die Nachrichten geschrieben hat.“

„Haben Sie auch einen Namen?“

„Mr. Hide.“

Vielleicht ein Deckname.

„Hm. Also – worum geht es?“

„Nun, ich hatte den Auftrag, Sie zu töten. Zu ghosten. Stattdessen will ich Sie warnen.“

Ich halte erstmal meine Klappe und lasse ihn reden.

„Sie stehen auf bei den Großkonzernen auf der Abschussliste. Sagt Ihnen die Firma Skyways Solutions etwas?“

„Nein, was ist das?“

„Das ist ein illegaler Zahlungsdienstleister, über den solche Aufträge abgewickelt werden.“

„Hm. Und warum warnen Sie mich jetzt? Haben Sie als Auftragskiller Ihr Herz entdeckt?“

„Wissen Sie, ich mache oft illegale Geschäfte – aber Ghosting, das geht dann selbst mir zu weit.“

„Haben Sie eine Ahnung, wer dahinter steckt?“

„Nun, über Skyways werden auch dunkle Geschäfte von Hurston oder Shubin abgewickelt. Mehr kann ich leider nicht sagen.“

Das Gespräch plänkelt noch ein wenig hin und her, ich versuche Mr. Hide noch ein paar Informationen aus der Nase ziehen, aber offenbar scheint er wirklich nicht mehr zu wissen.

„Hatten Sie schon einmal Probleme mit Ihrem Imprint…?“, fragt er.

„Nun, ich…“

Mir kommt in den Kopf, dass es von mir nicht eine offizielle Information in der Ark gibt. Ich sinniere kurz, plötzlich schreit sein Kompagnon fast panisch auf: „Sie haben uns gefunden!“

Beide springen sofort über die Brüstung der Brücke auf das Dach einer Schwebebahn und sind von einem Moment auf den anderen davon.

Ich bleibe verwirrt und geschockt zurück.

*****

Schnüffler

Privater Schnüffler

Ich sitze in der Redaktion, als mein Mobiglas pingt.

Ich stöhne innerlich auf. Ein öder Versicherungsauftrag.

Ich schüttele den Kopf und denke an Zero Sense – das wäre eher etwas für ihn, die alte Spürnase. Nur ist er wieder einmal wie vom Erdboden verschluckt. Außerdem ist die Bezahlung mit gerade einmal 8000 Credits sehr niedrig.

Dann aber lese ich die Nachricht noch einmal: Spacehub Gundo. Die Station, auf der die ganze vermaledeite Killersatelliten-Story ihren Anfang genommen hatte – ein Zufall? Ohne weiter zu überlegen, schreibe ich Mrs. Ward zurück, dass ich den Auftrag übernehme, nur um es ein paar Minuten später zu bereuen. Will ich wirklich eine verlassene Geisterstation nach Hinweisen durchsuchen – ohne Absicherung? Mich für die paar Credits unnötig in Gefahr begeben? Vielleicht ist es auch eine Falle…mir kommt Mr. Hide in den Sinn…

Husky! Er könnte mir beistehen. Ich schreibe ihn an…nachdem wir letztens unsere kleine illegale Tour in den Eingeweiden von Lorville unternommen hatten, wäre er genau der Richtige für die Aktion. Es wäre auch eine gute Gelegenheit, uns noch besser kennen zu lernen. Zu meiner Überraschung sagt er zu.

Zwei Tage später treffen wir uns auf der „Dream“-Rest&Relax-Station, die um Crusader kreist. Wir fliegen beide weiter mit meiner Superhornet und erreichen nach wenigen Flugminuten Gundo.

Die Station über Daymar sieht immer noch genauso aus, wie bei meinem letzten Besuch – vielleicht wirkt sie noch ein wenig verlassener. Wir schweben hinein. Nun war ich schon mehrfach auf Gundo – doch noch nie waren mir die kleinen blinkenden Lichter aufgefallen, die anzeigen, dass auf manchen Monitoren noch Nachrichten auf ihren Abruf warten. Nun ja, wenn man nicht weiß, wonach man suchen soll, findet man natürlich auch nichts. Wir schweben von Terminal zu Terminal.

Die erste Nachricht ist von einer gewissen Racine Chodary. Sie hatte Ward angeschrieben, weil offenbar irgendeine Stromverteilung auf der Station nicht funktionierte. 

Die zweite Nachricht ist eine Aufzeichnung, auf der mehrere Personen zu hören sind. Sie ist von einem Scott Hammell, der eine Flasche exquisiten Esquire von einer weiblichen Person mit Namen Mel Ososky erhalten hat. Die Flasche wird geöffnet und Darnell Ward ein Schluck angeboten, der ihn auch annimmt. Offenbar eine Geburtstagsfeier.

Wir schweben durch die Station, kommen vorbei an diversen Hubs, manche davon versiegelt, an einer Tür heißt es, dass dies ein Ort des Verbrechens sei. Es scheint, wir sind auf der richtigen Spur.

Ich bin froh, dass Husky mit dabei ist – nicht nur gibt er mir die gewünschte Rückendeckung, er ist mindestens eine ebenso gute Spürnase wie Zero, wie sich nun zeigt. Oft entdeckt er Terminals schneller als ich. Ich muss mich immer wieder neu orientieren – wo ist oben, wo unten? Große Covalex-Schriftzüge machen es ein wenig erträglicher durch die Station zu schweben, durch das ständige Drehen wird mir nach und nach aber auch immer schwindeliger.

Die nächste Info klärt schließlich auf, worum es geht: Schmuggel! Laut der Botschaft, die auf dem Datapad von Mel Ososky abgespeichert ist, nimmt dieser aktuell immer mehr zu und Covalex wird aufgefordert, durch verstärktes Scannen von Paketen mitzuhelfen, ihn zu unterbinden – auch auf Spacehub Gundo, die ein Umschlagplatz für Waren aus dem ganzen System ist.

Die nächste Nachricht betrifft Mel Ososky direkt: eine speziell umgebaute Freelancer sei bei Astro Armada abholbereit – womöglich ein speziell umgebautes Schmugglerschiff?

Während wir durch die Station schweben, setzen wir Puzzleteil für Puzzleteil zusammen – und auch das nächste passt dazu: Offenbar hat Ososky unautorisiert den Türcode zur ihrer Schlafkoje geändert.  Auf dem nächsten PC ist eine Liste mit Türcodes gespeichert. Dann folgt eine Nachricht von Darnell selbst, der auf der Feier offenbar ein wenig mehr getrunken hatte, als es gut für ihn war – und der nun einen Stresstest der Station durchführen will, um so den Grund für den Energieverlust herauszufinden.  

Das Server-Log hat aufgezeichnet, was dabei alles schief ging.

Die Folgen: Dekompression der gesamten Station sowie elektronische Systemüberlastung! Noch dazu hatte Darnell die Monitore abgeschaltet, um so herauszufinden, ob sie vielleicht der Grund für das Energieleck waren – so aber entging ihm aber die Überlastung.

Ich atme tief durch. Hatten wir nicht immer angenommen, die Explosion einer Caterpillar mit Microtechs Spezial-Chips in unmittelbarer Nähe habe die Station zerstört? Oder war dies ein zweites, davon unabhängiges Ereignis? Lauter Fragen – wir schweben weiter, dringen in die Frachtabteilung vor. Eine weitere wieder hergestellte Datei zeigt, dass sich Darnell an seine Frau wandte und sich wortreich für sein Versagen entschuldigte. Die Nachrichten bricht mitten im Satz ab.

Wir suchen weiter – und haben dann die zündende Idee: Mit den neu gefundenen Codes können wir Ososkys Hub öffnen und finden des Rätsels Lösung: Sie hatte erst mit dem Alkohol Darnell außer Gefecht gesetzt, dann die Überwachung der Stations-Energieversorgung manipuliert, um so die Schmuggelware an den Scannern vorbeischleusen zu können.

Darnell ist unschuldig!

Husky und ich lesen uns die gesammelten Informationen noch einmal komplett durch – es besteht kein Zweifel. Ich schicke die Daten an Elaine Ward, sie meldet sich prompt, bedankt sich überschwänglich und überweist das Geld.

Husky und ich fliegen unterdessen zurück zur Dream-Station. Wir gehen in die örtliche Bar und genehmigen uns ein Bier. Manchmal kann es so einfach sein, einen Menschen glücklich zu machen. Nur eine Frage treibt mich um: War das vielleicht der eigentliche Unfall, der Spacehub Gundo heimgesucht hat? Es scheint fast so. Was aber bedeutete dann das Märchen mit den verdammten Chips? Wie immer: Dieses Universum gibt seine Geheimnisse nur langsam und Schicht für Schicht preis.

*****

Journal-Eintrag 08 / 03 / 2952

Es dämmert. Erst ist es noch nur eine Ahnung, dann wird es Gewissheit – und am Horizont schält sich die Sonne Stantons aus einem fernen Gebirge. Ein neuer Tag bricht an. Voller Hoffnung und Möglichkeiten. Wir sitzen zu fünft auf einem Hügel und blicken hinab auf die riesige Ebene unter uns. So viel Raum zur persönlichen Entfaltung für Lebensglück unter Sternen. Und doch: Nur ein Wunschtraum. Die „Ninetails“, gefürchtete Piraten des Systems, beheimatet auf der ehemaligen Bergbaustation Grimhex – sie waren einst die Bewohner des Planeten, bevor sie von der Familie Hurston vertrieben wurden. Nun fristen sie ihr Dasein zwischen Felsbrocken im All, sind gezwungen, sich auf illegale Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Erst vor wenigen Tagen haben sie wieder Raumstationen blockiert. Die menschliche Zivilisation: Sie ist mit Unterbrechungen doch nur eine ständige Abfolge von Unterwerfung, Eroberung und Vertreibung. Will jemand etwas, auf dem du sitzt und er ist mächtiger – dann Gnade dir Gott.

Wir reden leise über dies und jenes, lassen die Szene auf uns wirken und wissen instinktiv: Nichts geht über Freiheit. Nichts geht über das Gefühl, unabhängig und selbstbestimmt zu sein. Mit steigender Sonne steigen auch wir schließlich wieder auf unsere Bikes und reiten über die große einsame Ebene zurück zu unseren Schiffen. Manchmal braucht es nur einen unverstellten Blick, um zu wissen, worum es geht im Leben.  

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Journal-Eintrag 15 / 03 / 2952

 „Stella Fortuna – das ist ein kulturelles Fest des Menschen, das mit vielerlei Wünschen für Glück und Erfolg bei neuen Unternehmungen verbunden ist. Es stellt Glück, Kühnheit und neue Geschäfte in den Mittelpunkt. Das Fest wurde ursprünglich als Erinnerung an die erfolgreiche Kolonisation des Mars im Jahr 2200 ins Leben gerufen. Feuerwerke und Festivals sind Markenzeichen der Feierlichkeiten, ebenso wie die Farben Gold und Grün. Das Fest wird jedes Jahr am 15. März in der gesamten UEE gefeiert.“

*****

Ich muss an diese Kurzbeschreibung aus der Galacapedia denken, als ich hinaus in die Ferne schaue.

Glück und Erfolg bei neuen Unternehmungen….ich sinniere.

Nun, die vergangenen Jahre waren anstrengend – aber auch aufregend.

Ich habe viel geschafft – und doch liegt noch so viel mehr vor mir.

Eine Hand schlägt mir auf die Schulter.

„…und was hast du vor in diesem Jahr?“

„Nun, ich…. aktuell mache ich ein interessantes Interview mit einem Wissenschaftler. Derzeit bin ich insgesamt ziemlich bei „Off the Record“ und „Radio Infinity“ eingespannt. Den Gedanken an Enos und was es damit nun im Kern auf sich hat, schiebe ich ganz bewusst weit weg.

Ich drehe mich um.

„Redaktionsalltag eben. Neues lernen.“

Hermioth nickt, geht weiter und fragt andere Gäste nach ihren Plänen.

Wir stehen gemeinsam auf der Hangarplatte der 890 Jump von Friedrich Winters. Hermioth hat das Schiff anlässlich von „Stella Fortuna“ gechartert. Mit mir sind noch gut zehn andere Personen an Bord. Friedrich hatte sein Flaggschiff gekonnt pünktlich zum Sonnenaufgang auf Microtech gelandet. Hier oben, fast am Pol des Planeten, dauert dieser allerdings recht lang. So starren wir hinaus in die Kälte und frieren, während wir uns an unseren Biergläsern festhalten.

„Noch ein Bier?“

„Ja, bitte.“

Mr. Hide reicht mir eines.

Mittlerweile habe ich verdaut, dass ich ausgerechnet ihm an Bord des Schiffes wiederbegegnet bin – in der Uniform eines Kellners. Letztens erzählte er noch, dass er ein Auftragsmörder sei, der mich vor dem Ghosting bewahren will, nun bewirtet er Gäste auf einem Luxusdampfer. Aber, wie es scheint: Offenbar alles nur Tarnung. Wie hatte er gesagt? „Er schlüpft in verschiedene Rollen, um seine Gegner und Umgebungen auszukundschaften.“

Ich nehme das erst einmal so hin, wie auch die Geschichte seiner plötzlichen abenteuerlichen Flucht bei unserer ersten Begegnung vor meinem Redaktionsbüro auf ArcCorp. Offenbar waren er und sein Kollege von Hurston-Dynamics-Agenten verfolgt worden, erst in Pyro konnten sie sie abschütteln. Zu meiner Überraschung weiß Mr. Hide vom abgestürzten Killer-Satellliten auf Hurston. Was für eine vermaledeite Geschichte. Sie wird mich wohl noch eine Weile verfolgen…

Nachdem die Sonne aufgegangen ist, wir erneut abgehoben haben und auf dem Rückweg nach Port Tressler sind, werde ich schließlich noch ganz konspirativ in eine der Bordkabinen gebeten. Irgendeine Cecilie Abendroth sei von der so genannten „Blutroten Front“ entführt worden – der Name sagt mir sogar etwas…doch Herrgott, was habe ich damit zu tun? Ich werde gebeten, die Augen offen zu halten. Na klar, versichere ich, kein Problem – und denke mir meinen Teil. Ich habe schon genug Probleme am Hals. Wir werden sehen, was das Jahr weiterhin bringen wird.

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Journal-Eintrag 24 / 03 / 2952

„Guten Tag Herr Brubacker. Sie haben doch sicher den Beitrag „Civil Defense Farce“ von Parker Terrell gelesen. Ich weiß, viele halten ihn für einen Spinner, aber ich habe da ein paar interessante Dokumente, die zu seiner Geschichte passen und die Sie interessieren dürften. Wenn Sie wollen, treffen wir uns in 15 min in der Bar hier auf Port Tressler. Ich werde eine Jumping Lime in der Hand halten. Ein Unterstützer“

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Herrgott, immer diese Heimlichtuerei! Von wem ist das nun wieder? Keine Ahnung, warum jeder im Stanton-System glaubt, sich hinter einer Fassade verstecken zu müssen. Gottlob bin ich schon auf Port Tressler. Ich schäle mich aus meinem Hub, ziehe mir nur Hose und Short rüber und bin auf dem Weg zur Bar. Dort treffe ich auf eine Person, die neben Vollmontur-Rüstung auch ihren Helm trägt. Darunter ist ihre Stimme kaum zu erkennen.

„Kommen Sie, wir gehen hinten in eine Ecke, wo uns niemand belauschen kann…“

„Okay.“

„Kaum sind wir ein paar Schritte gegangen, Geräusche von Spielautomaten übertönen nun unsere Stimmen, nimmt die Person ihren Helm ab.

Darunter: Friedrich Winters.

„Friedrich…was soll die Maskerade?“

„Zur Sicherheit. Auf den Stationen haben die Wände Ohren.“

Ich blicke ihn verständnislos an.

„Aha…nun, worum geht’s denn?“

Dann klärt er mich auf: Er werde von einem Unbekannten erpresst, soll mit seiner „Nordlicht Eins“ demnächst einen Drogenkurierauftrag übernehmen. Der geplante Anschlag während seines zweiten „Scenic Cruise“ in Stanton sei quasi eine Warnung gewesen und sollte an mir ein Exempel statuieren. Ich erinnere mich an die verschlüsselte Nachricht, die mir Friedrich unlängst geschrieben hatte: So war im Vorfeld des Cruise an Bord der „Nordlicht Eins“ ein Weapon-Rack gehackt worden. Dabei wurde ein zusätzlicher Account angelegt, über den der Waffenschrank geöffnet und während des Cruises von Personen mit diesen Zugangsdaten Waffen hätten entnommen werden können. Bis jetzt weiß Friedrich noch nicht genau, worum es tatsächlich geht.

Ich erzähle ihm meinerseits, dass auf der „Stella Fortuna“-Tour ebenjener Attentäter als Bedienung getarnt an Bord gewesen sei und mit mir mittlerweile Kontakt aufgenommen habe. Friedrich fällt daraufhin aus allen Wolken.

„Er war an Bord? Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?“

„Na, weil ich dachte, dass Ihr euch mittlerweile kennt…“

„Nein, wieso sollten wir? Ich weiß nur, dass er auf dem Scenic Cruise von den Helldivern erschossen worden ist.“

Ich berichte alles, was ich über Mr. Hide inzwischen weiß, dass wir ihm zunächst nicht über den Weg trauen und gemeinsam schauen, wie es sich weiterentwickelt. Dann sprechen wir noch ein wenig über seinen Enkelsohn Husky, dass ich von ihm beeindruckt bin und glaube, dass er sein Herz am rechten Fleck hat. Schließlich trennen wir uns wieder. Stanton ist eben ein heißes Pflaster. Jeder versucht hier, seinen Hintern an die Wand und etwas vom großen Kuchen abzubekommen.

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Journal-Eintrag 09 / 04 / 2952

Friedrich etabliert sich langsam mit seinem Unternehmen Nordlicht Aviation. Mich freut das sehr, dass er so gut Fuß fasst. Diesmal wird die „Nordlicht Eins“ von „Gate Catering“ gebucht, offenbar eine noch junge Firma, die im Stanton-System Handel aller Art betreiben will. Für ein fliegendes „Come together“  lädt Gate nun zu einem exklusiven Sightseeing-Trip über die Monde von Crusader ein – und auch ich erhalte eine Einladung. Ich weiß nicht, wie man auf mich, beziehungsweise „Off the Record“ aufmerksam geworden ist, vielleicht hatte auch Friedrich seine Finger im Spiel – egal. Neue Kontakte sind immer gut. Nur wer sein Ohr am Zeitgeschehen hat, bleibt auf dem Laufenden.

Wir treffen uns auf der Piratenstation Grimhex. Nicht der schönste Ort, um eine Exklusiv-Rundreise zu beginnen. Vor Ort laufe ich Zero in die Arme – auch er hat eine Einladung erhalten. Wir freuen uns, dass wir uns nach einiger Zeit endlich wieder sehen. Im Gegensatz zur mir hat er aber die Hose voll. Ihm sitzt sein Erlebnis auf der „Renaissance“ noch in den Knochen. Ich erzähle ihm lieber nicht vom Beinahe-Anschlag auf der „Nordlicht Eins“ beim letzten Scenic Cruise.

„Wird schon gut gehen. Ein bisschen Abenteuer darf schon sein“, sage ich.

Ich checke ihn mit den Augen ab. Zero ist unter seiner Rüstung mit Waffe und Messer bis an die Zähne bewaffnet. Ich schüttele den Kopf – er ist ein smarter Junge, aber manchmal echt ein Angsthase. Erst nachdem wir mit Kjeld Stormarnson gesprochen haben, der mit seiner Tyr-Truppe die Sicherung der Tour übernimmt, wirkt Zero ruhiger. Später wird sich noch rausstellen, dass ihn sein Gefühl nicht trügen sollte.

Wir sollen mit kleinen Transportschiffen zur „Nordlicht Eins“ gebracht werden – warum auch immer der Veranstalter das für eine gute Idee hält. Noch dazu sind sie an der letzten Abbruchecke der alten Bergbaustation geparkt. Wir müssen dorthin schweben. Die Schiffe sind nicht nur extrem klein und ungemütlich, man kommt im freien Schwebeflug auch kaum in sie hinein. Ich breche mir jedenfalls fast das Genick dabei.

„Das ist kein Shuttle, das ist ein Gefangenentransport“, entfährt es Zero. Irgendwann bin ich endlich drin in der Sardinenbüchse. Der Pilot hebt ab und fliegt zur „Nordlicht eins“, die offenbar zwischen den Asteroiden geparkt hat. Wir wissen nicht, ob und was der Pilot genommen hat. Jedenfalls dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis er den riesigen Hangar der 890 Jump getroffen hat.

„Wenn das so weiter geht, wird es noch lustig“, sagt Zero.

Ich wage nicht zu widersprechen. Kaum an Bord, erfahren wir, dass der Veranstalter, Gate, gar nicht vor Ort ist. Zero blickt mich vielsagend an. Wir sollen uns umziehen – aber in den zur Verfügung gestellten Klamotten sehen wir so bescheuert aus, dass wir beschließen, lieber unsere Raumanzüge zu tragen. Wer weiß, wofür es noch gut sein wird.

„Irgendwas stinkt hier ganz gewaltig.“

Ich nicke. Dann laufen wir auf das große Panoramadeck. Mit uns sind lauter mir unbekannte Personen an Bord – dann aber entdecke ich eine Berühmtheit aus dem Spektrum: Oliver Zark, Journalist wie ich, Medienmacher mit eigener Show zu allen aktuellen Themen im Stanton-System, ein echter Star.

Während an dem Schiff große Asteroiden vorbeiziehen, fasse ich mir ein Herz und spreche ihn an. Ich erfahre, dass er immer gleich mehrere Reporter im Feld habe, dass sein Unternehmen auch noch im Aufbau sei, aber schon große Aufmerksamkeit genieße. Klar, News-Shows sind immer noch etwas anderes als Zeitungen. Mich freut, dass wir in einem entscheidenden Punkt übereinstimmen: Die Macht der großen News-Orgs ist viel zu groß. Sie berichten einfach nicht mehr unabhängig. Es brauche mehr kleine, freie Redaktionen wie uns. Ich erzähle von unserem Scoop über die „Killersatelliten“. Er will sich der Sache vielleicht auch annehmen – dann machen wir noch ein wenig Smalltalk. Ich bin froh, einem waschechten, anderen Journalisten über den Weg gelaufen zu sein.

Zero ist mittlerweile abgetaucht – im Wortsinn. Wie ich später erfahre, hat er sich aus der illustren Runde verkrümelt und in ein Spa im Bauch des Schiffes zurückgezogen. Er ist eben keiner für die erste Reihe. Kurzum: Alles scheint seinen geregelten Gang zu gehen, wenn auch mit kleinen Hindernissen, als es plötzlich Tumult gibt – einer der Gäste zieht seine Waffe und auch Zark ist plötzlich mittendrin. Aus dem Mündungslauf seiner Waffe steigt Rauch auf. Friedrich eilt herbei. Wie sich herausstellt, will sich Zark lediglich verteidigen. Dummerweise wird er von einer Security ausgeknockt. Der Angreifer wird unter Arrest gestellt. Mir kommt unterdessen eine alte Weisheit in den Sinn: „Niemals den Journalisten schlagen.“

Das gibt nur schlechte Presse.

Friedrich handelt die Situation jedoch souverän, klärt die Situation und stellt Zark gleichzeitig zur Rede, warum er überhaupt eine Waffe mit an Bord gebracht habe. Dann beruhigt sich jedoch alles wieder. Wir nehmen in der Bar ein paar Drinks, als die „Nordlicht Eins“ plötzlich von außen angegriffen wird – von einem schweren Eclipse-Trankappen-Bomber. Es ist offenbar der Kompagnon des unbekannten Angreifers. Die Tour muss abgebrochen werden, auch wenn niemand zu Schaden kommt. Ich versuche in Zarks Gesicht zu lesen, was er von alldem hält … auf den Bericht bin ich jedenfalls gespannt.

Es war jetzt das zweite Mal innerhalb  kürzester Zeit, dass auf die „Nordlicht Eins“ ein Anschlag verübt wurde – einmal als ich an Bord war, einmal mit Zark an Bord. Sollen wir kleinen Medien etwa mundtot gemacht werden? Oder steckt noch mehr dahinter? Zero hat jedenfalls ziemlich die Nase voll – und sobald wir gelandet sind, machen wir uns vom Acker. Ich habe aber das dumpfe Gefühl, dass ich von diesem Gate noch öfter hören werde.

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Journal-Eintrag 23 / 04 / 2952

Zero ist nun unter die Hehler gegangen…ich habe vor ein paar Tagen eine Einladung von ihm bekommen, ein paar exklusive Rüstungen von ihm kaufen zu können. Ich lach mich echt schlapp – eine Modenschau mit Helm. Gut, warum eigentlich nicht?

Also habe ich zugesagt und nachdem Zero uns am Spaceport von Lorville zunächst in eine bildhübsche Cutlass eingeladen und diese dann in einer versteckten Senke auf Hurston gelandet hat – seinem so genannten „Rabbit Hole“ – geht es auch schon los: Wer will eine Piratenrüstung der Ninetails? Eine Rüstung von Hurston Dynamics? Einen goldenen Helm mit Verzierungen? Mit mir sind noch ein paar andere potentielle Käufer mit dabei. Zero schwört, dass er für die Rüstungen niemanden umgebracht hat, sondern ihm alles zugeflogen sei, was immer das auch heißen mag. Bei der Hurston-Rüstung werde ich fast schwach, mit ihr könnte man sich vielleicht unerkannt Zugang in gesperrte Bereiche verschaffen – andererseits: Fliegt man damit auf, steht man endgültig auf einer schwarzen Liste bei Hurston-Dynamics.

Die anderen Mitbieter überbieten sich in ihren Geboten. Es geht teils bis auf 15.000 Credits hoch und Zero macht einen ordentlichen Reibach. Nun, gut für ihn – mir wird dieses Geschäftsgebaren immer ein wenig verschlossen bleiben.  Auch habe ich keine Lust für eine Firma Werbung zu laufen. Oberstes Gebot für einen Reporter ist schließlich so viel Neutralität wie möglich.  Irgendwann hat Zero schließlich seinen Bauchladen geleert und wir fliegen zurück. Ich nehme mir ein EZ Hub, haue mich eine Runde hin. Zero muss noch was erledigen. Er ist einfach ein extrem umtriebiger Kerl. Etwas geht bei ihm immer.

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Journal-Eintrag 01 / 05 / 2952

Ich erinnere mich an die Meldung in „Radio Infinity“ während ich vor dem Fluss stehe:

Schmelzwasser, eine unbekannte Bodenquelle oder wochenlanger Regenfall: Wissenschaftler rätseln aktuell über einen neuen, reißenden Fluss, der sich auf dem Planeten Microtech gebildet hat. Er zieht sich durch die Tundra und wurde erst kürzlich entdeckt. Die Frage, die sich die Wissenschaftsgemeinde stellt, lautet nun: Nimmt das gescheiterte Terraforming-Experiment Microtechs doch noch ein glückliches Ende? Der Planet ist schließlich viel kälter und unwirtlicher geworden, als ursprünglich geplant. Ist dies daher vielleicht sogar der Anfang einer Gesamt-Transformation des Planeten? Oder doch eher eine Ausnahme? Fest steht, dass der Fluss mittlerweile zahlreiche Glücksritter anzieht – sie vermuten, dass das Gewässer Bodenschätze aus der Erde ausspült, zum Beispiel Gold. Branchenbeobachter glauben, dass sogar ein regelrechter Goldrausch auf Microtech bevorstehen könnte.

Wie grundsätzlich unterschiedlich die Planeten doch sind – vor wenigen Tagen erst habe ich Gabriel „Husky“ Winters aus der Luft ein wenig Geleitschutz über einem Bunker auf Hurston gegeben, um eine Mission für einen gewissen Clovus Darneely abzuschließen, der wohl in Lorville eine große Nummer ist. Eine Platine musste in dem Bunker gesichert werden. Um den Bunker herum: nur verbrannte Erde, ein paar Kakteen, die sich im Boden festkrallen. Jetzt das: eine Landschaft, wie sie ein Impressionist nicht schöner malen könnte, ein leise vor sich hinplätschernder Fluss, Friedfertigkeit wohin man schaut. Es ist immer wieder schwer diese beiden Antipoden unter einen Hut zu bekommen… 

Und: „Radio Infinity“ ist heute ein Jahr alt geworden.  Seit einem Jahr bin ich mit diesem Sender zugange – und habe allerhand gelernt. Radio, das ist etwas völlig anderes als Zeitung. Beides erfordert redaktionelles Denken und Können – aber Radio ist einfach immer am Puls der Zeit. Kurzum: stressiger, schneller, unmittelbarer. Es war interessant und aufregend zu sehen, wie der Sender entstanden ist, Teil davon zu sein, auch habe ich hierüber Nick Cartago kennengelernt. Ich bin gespannt wohin sich der Sender noch entwickelt…der Himmel weit, die Gedanken frei. Es steht uns ein ganzes Universum offen.

Wie schrieb Chefredakteur Paul Mason doch gleich in seiner kurzen Radioinfo?

„In eigener Sache. Radio Infinity wird am ersten Mai 2952 ein Jahr alt. Chefredakteur Paul Mason bedankt sich bei allen Zuhörern und freien Mitarbeitern die geholfen haben, den Sender aus der Taufe zu heben. Der Sender hat sich bereits im ersten Jahr seines Bestehens als eine der wichtigsten Informationsquellen im gesamten Empire etabliert. Rund 15.000 Hörerstunden sprechen eine eindeutige Sprache. Die gespielte Musik ist so abwechslungsreich wie das Verse und seine Bewohner. Ein breit aufgestelltes Showprogramm rundet das Senderangebot ab. Für das kommende Jahr sind viele neue Shows in der Pipeline und auch der Mitarbeiterstamm soll weiter aufgestockt werden. Radio Infinity hat seinen Sitz auf dem Planeten ArcCorp im Stanton-System. Er ist politisch unabhängig und neutral.“

Wohin wird uns unser Weg führen?

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bauch

Im Bauch des Verse

In einer Raffinerie entsteht der Wohlstand von morgen – unter großer Hitze und entsetzlichem Lärm

Von John Brubacker

Im Bauch des Verse rumort es. Es brodelt und blubbert, es gurgelt und gluckst. Und es ist heiß. So heiß, dass man sich am liebsten alle Klamotten vom Leib reißen möchte. Der Schweiß fließt am Körper den Rücken hinunter, er tropft von der Stirn in die Augen, der Mund ist trocken und ausgedörrt. Es wirkt, als hätte sich das Innerste nach Außen verkehrt – Rohre, wohin man blickt. Sie verlaufen horizontal, vertikal, kreuzen sich, laufen zusammen und auseinander oder verlieren sich in der riesigen Halle im Hitzedunst in der Ferne. Außerdem ist es entsetzlich laut. Nein, dies kein Ort, an dem man länger als unbedingt nötig bleiben möchte.

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Statt auf Hochglanz polierter Showrooms der großen Waffenhersteller des Stanton-Systems mit geschniegelten, wohlwollend lächelnden Herrn hinter ordentlich aufgeräumten Tresen, ist hier alles roh, brutal, gewalttätig. Eine Erz-Raffinerie ist alles andere als ein Ort für Feingeister. Das Leben selbst ist hier am Werk. Sicher: Vieles ist längst automatisiert. Die Zeiten, in denen Menschen wie auf der Erde selbst an Hochöfen stehen mussten, um aus geschmolzenem Metall Stahlträger zu ziehen, sind längst vorbei – und doch: Ohne auf Effizienz getrimmte Produktionslinien, ein choreographiertes Ballett aus riesigen Stahlkesseln, Verdampfern, Verdichtern, Schiebern, kleinen wie großen Tanks wäre das Verse, wie wir es heute kennen, nicht denkbar – anfangen vom Mobiglas bis hin zum Großkampfraumschiff.

Alles naselang stolpert man über Warnschilder, die auf dies und jenes hinweisen, während man seinen Weg durch das Labyrinth sucht, das die Raffinerie im Innersten aufspannt und es gleichzeitig zusammenhält. Es geht Leitern hinauf und hinab, vorbei an vermummten Mitarbeitern unter hitzebeständigen Schutzanzügen, dann schnurgerade lange Gänge entlang, bis man plötzlich vor einem der riesigen Kessel steht, in den wie aus heiterem Himmel plötzlich in einem Feuerstrahl geschmolzenes Erz spritzt. Es ist gleichzeitig ein letzter und erster Akt. Ein letzter Akt, weil nach all der Mühsal da draußen, einsam mit einer Prospector auf einem Mond beim Mining, hier das gewonnene Erz nun seiner Bestimmung zugeführt wird: etwas zu werden, sich zu transformieren und neue Gestalt anzunehmen. Ein erster Akt, weil sich das geschmolzene Rohmetall nun durch dicke wie dünne Rohre quetschen und winden muss, um zu Legierungen weiter veredelt zu werden. Auf gewisse Weise ist es auch ein Geburtsprozess.

Fünf solcher Raffinerien gibt es im Stanton-System – jede hat ihre Stärken und Schwächen. Manche raffinieren schneller, dafür aber mit geringem Output, andere setzen auf das gegenteilige Konzept. Allen gemeinsam ist jedoch das zugrunde liegende Verfahren – schmelzen, reinigen, veredeln. Kurzum: Mehrwert schaffen. Überall finden sich Schemata, wie der Prozess genau abläuft, gleichwohl ist dieser nur von Fachleuten der Raffinerie zu verstehen. Klar aber ist: Der Prozess ist aufwändig, langatmig – und energieintensiv. Und: An jedem Punkt der Wertschöpfungskette steht eines über allem: Gewinnmaximierung. Hier, in einer Raffinerie wird manifest wie nirgendwo sonst: Beim Empire des Jahres 2952 handelt es sich um ein ultra-kapitalistisches System.

Wie immer und überall im Verse gilt es, eine gescheite und wohl kalkulierte Kosten-Nutzen-Rechnung zu machen – auch in den hinteren Verkaufsräumen der Raffinerie, in denen man sich fürs Mining ausrüsten oder seine gewonnenen Erze und Mineralien zur Weiterverarbeitung ins System speisen kann. Wer sich durch die Terminals mit ihren Zahlenkolonnen und Berechnungsformeln ackert, merkt schnell:  Es ist ein kompliziertes Geschäft. Man braucht viel Erfahrung, die sowohl diesseits als auch jenseits des an die Station angeflanschten Industrie-Komplexes sowie auch beim Prozessvorgang selbst erst nach und nach gewonnen werden muss – mit kleinen seismischen Bomben etwa, händisch platziert, die fast schon automatisch die Felsbrocken im All in die Luft jagen. Mit besonders starken Lasern, die sich innerhalb von Sekunden bis ins Herz eines Felsens fressen. Mit Handmining-Geräten, um auch noch das letzte bisschen Profit aus einem Stück Stein zu extrahieren.

So läuft man beeindruckt und bewusst der um einen wallenden Kräfte durch die riesigen Hallen, fast ehrfürchtig – und doch geerdet: Nichts im Verse fällt vom Himmel, alles ist menschengemacht, dem Verse oft unter widrigsten Bedingungen abgetrotzt: Kristalle, Mineralien, Erze. Dazu zählt etwa  Quantanium, ein instabiles Mineral, das auf Asteroiden abgebaut und zu Quantentreibstoff veredelt werden kann. Einmal abgebaut, zerfällt Quantanium mit der Zeit. Mechanische Belastung, zum Beispiel durch heftige Stöße, beschleunigt den Abbau. Die Zerfallsprodukte können ab einer bestimmten Konzentration sogar Explosionen verursachen. Solche kritischen Material-Eigenschaften müssen bei der Weiterverarbeitung natürlich bedacht und beachtet werden – schon ein geringes Leck in einer Leitung, verursacht durch ein kleine, unbemerkte Verpuffung, kann katastrophale Folgen haben.

Andere Bodenschätze der verschiedenen Planeten und Monde sind hingegen handzahmer und ungefährlicher – wie Laranit, ein leicht radioaktives, kristallines Mineral. Wegen seiner schwarzen Färbung mit dunkelroten Schlieren findet es sogar Verwendung als Schmuckstück. In großen Mengen kann es jedoch wiederum auch zu Verstrahlung führen: „Vorsicht radioaktiv“-Warnzeichen deuten innerhalb der Raffinerie jedenfalls darauf hin. Gold indes hat im 30. Jahrhundert nichts von seiner Faszination eingebüßt, die es seit jeher schon auf den Menschen ausübt. Dennoch muss sich das Metall seinen begehrten Status mit dem Aufbruch des Menschen ins All mit anderen Bodenschätzen teilen.

Man könnte den Reigen der im Verse abbaubaren Stoffe samt ihrer Eigenschaften noch lang und breit erörtern. Ihre klangvollen Namen Dolivin, Agricium, Bexalit,  Hephaestanite oder Korundium verraten aber selbst schon viel über die Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit des Universums und seiner Schätze. Wichtiger ist indes: Letztlich kommen all diese Grundbaustoffe des Wohlstandes hier zusammen, feiern quasi ein kurzes Stelldichein, wo auch immer sie herstammen, gleichzeitig jedoch reduziert auf ihre molekularen wie spezifischen Eigenschaften und ein paar Zahlenwerte – nur um dann wieder auseinanderdividiert und auf jeweils eigenem Wege weiterverarbeitet zu werden. Die Raffinerie ist der Ort, an dem man gewahr wird: Ohne sie geht nichts im modernen Universum. Sie schaffen den Wohlstand von morgen. Mehr noch: Sie sind die Ursuppe, aus der das gesamte Leben gestrickt ist – eine Ursuppe, die gluckst und gluckert im Bauch des  Verse. Der Rest da draußen ist Gestein, Helium, Wasserstoff, ein paar Edelgase und der Willen, sich das Universum untertan zu machen.

Journal-Eintrag 14 / 05 / 2952

Ich war von der Raffinerie eingeladen worden, sie mir auf eigene Faust einmal in Ruhe anzuschauen. War echt interessant muss man sagen – Mining, wird aber nie mein Ding werden. Viel zu kompliziert, dafür muss an echt geboren sein. Zero hat mich begleitet – er hat mir guten Input für die Geschichte gegeben, Naja, er ist auch ein versierter Steineklopfer.  Habe übrigens neue Nachricht von Mr. Hide – Husky weiß wohl alles über die ominöse Ghosting-Drohung gegen meine Person. Werde ihn jetzt mal anhauen, was es damit auf sich hat.  Zeit, hier mal ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

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Journal-Eintrag 19 / 05 / 2952

Säuberung eines Drogenlabors auf Microtech. Friedrich Winters hat mich angepingt, ob ich da vielleicht dabei sein möchte. Warum nicht? Ein wenig Action geht immer. Wir treffen uns auf Port Tressler – gemeinsam mit lauter mit unbekannten Personen. Wir fliegen mit der „Frost“, einer Carrack und zweites Flaggschiff der „Nordlicht Aviation“. Wie immer bin ich viel zu schlecht ausgerüstet. Eine Person hilft mir aus – mit einem Anzug der so dick ist, dass ich mir darin gleich doppelt so breit vorkomme. Nach kurzem Briefing geht es hinab auf den Planeten. Die Geschütztürme werden besetzt, aus der Luft nach und nach die Flakgeschütze ausgeschaltet. Danach wird gelandet und ich will mit hinaus – doch mir fehlt ein Helm. Herrje, wenn man nicht an alles denkt! Also bleibe ich an Bord und höre über Funk mit, wie der Bunker von den Spießgesellen befreit wird. Irgendwie bin ich aber auch froh, dass ich nicht mit runter muss. Draußen herrschen Minus 70 Grad Celsius und es ist stockdunkel. Man kann es auch übertreiben mit der Einatzfreude. Ich belasse es diesmal dabei, genieße die wunderschöne Winterlandschaft. Die nächste Action kommt bestimmt.

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Journal-Eintrag 22 / 05 / 2952

Es ist wieder Invictus Launch Week – Flottenwoche der Navy. Diesmal findet die Messe auf Orison über dem Gasriesen Crusader statt – eine gute Gelegenheit, dort man wieder vorbeizuschauen. Ich war jetzt schon lange nicht mehr auf der Wolkenstadt zu Besuch. Der Anflug ist einfach extrem langwierig. Mich würde mal interessieren, was die Navy Crusader Industries dafür gezahlt hat, damit sie  ihre Rekrutierungsshow auf einer der schwebenden Plattformen abhalten kann.

Während de Anflugs denke ich an Friedrich Winters, der sich darüber sehr echauffieren kann, dass vermeintlich zivile Schiffshersteller wie Crusader Industries Orbitalbomber wie die C2 Hercules auf den Markt bringen und damit ein Heidengeld verdienen. Nun ja, Credits regieren eben die Welt, das war schon immer so. Und das wird wohl auch immer so bleiben, egal wie groß das Universum ist. Die Flottenwoche ist ein Beispiel dafür, schließlich geht es im Kern neben der Rekrutierung von jungen Soldaten auch hier darum, Kriegsanleihen zu finden.

Ich blicke während des Anflugs aus meiner „A.C. Clarke II“, die Wolkenstadt ist einfach beeindruckend, an mir ziehen die riesigen Plattformen vorbei – doch der Anflug hat es nach wie vor in sich. Es ist ein echtes Suchspiel den August-Dunlow-Spaceport zu finden. Schließlich, nach reichlich Geduldsspiel, finde ich ihn aber und sitze bald nach der Landung im Hovercraft, das mich zur Messe bringt. Diese liegt ziemlich ab vom Schuss und ich frage mich, ob sich die Navy damit einen Gefallen getan hat. Ich erinnere mich noch, wie ich im vergangenen Jahr die kleine Besichtigungstour auf der Javelin „Warhammer“ unternommen habe. Auch dieses Jahr lässt sich die Navy wieder hinter die Kulissen blicken. So patroulliert auch der Bengal Carrier, eines der größten Schiffe der Navy überhaupt, wieder im System. Beim letzten Mal habe ich das riesige Schiff verpasst, diesmal will ich es unbedingt einmal aus der Nähe sehen.

Ich bin froh, dass ich diesmal keinen Bericht schreiben muss, auch „Radio Infinity“ hat nicht angefragt. So lasse ich mich einfach treiben, tauche in der Masse unter. Viele Raumschiffe habe ich aber auch schon auf den zurückliegenden beiden Messen gesehen, so dass ich das Gelände bald wieder verlasse. Fast schon als Pflichtprogramm laufe ich noch einmal über die angedockte Javelin, dann schnappe ich mir eine Reliant Mako, die uns „Radio Infinity“-Chefredakteur Paul Mason zur Verfügung gestellt hat und cruise ein wenig über dem Messegelände. Schließlich verlasse ich Orison wieder und steuere Port Olisar über dem Gasplaneten an – und traue meinen Augen nicht. Dort kreist der der Bengal Carrier, majestätisch und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Begleitet von zwei Corvetten der Idris-Klasse.

Ich fliege so nah es geht, an das Schiff heran – was für ein riesiges Ungetüm, ein echter Sternensystem-Dominator. Selbst aus gebührendem Abstand füllt seine Größe meine gesamte Cockpitschreibe aus. Ich drehe diverse Runden, dann fliege ich selig nach Port Olisar. Irgendwie hat der Anblick der idris in mir eine Saite zu klingen gebracht – aber ich weiß nicht wieso.  Irgendetwas schlummert da… wenn ich nur wüsste…

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Journal-Eintrag 27 / 05 / 2952

Nick Cartago und ich gemeinsam unterwegs in einer Reliant Mako von „Radio Infinity“ – wir besuchen gemeinsam noch einmal die Flotte der Invictus Launch Week, cruisen über Hurston, erfreuen uns an unserer guten Zusammenarbeit. Radio verbindet eben, nicht nur musikalisch. Wenige Tage noch, dann wird Nick zu einer großen Reise aufbrechen, irgendein geheimer Frachtauftrag, wie er andeutet.  Er scheint aufgeregt und auch ein wenig nervös zu sein. Er wird mir schon noch erzählen worum es geht. Zunächst aber genießen wir den wunderschönen Sonnenaufgang über Hurston.  Zeit, ein wenig abzuschalten.

 

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