Phantomjäger

Auf der Jagd nach einer gesuchten Terroristin gerät eine Kopfgeldjägerin in einen moralischen Zwiespalt
Von Autumn Kalquist

(übersetzt von Moxie)


Kapitel Eins

Zweihundertfünfundsechzig Tage – so lange waren sie bereits auf der Jagd nach dem Phantom. Es schien, als hätten sie tausende winzige, dunkle Kneipen und Tavernen betreten, um Hinweise von zwielichtigen Informanten zu bekommen. Mila lehnte sich gegen die Metallwand und versuchte durch den Mund zu atmen, denn der Geruch von schalem Alkohol und Erbrochenem überwältigten ihre Nase. Rhys stand an der Bar. Er überragte die anderen Gäste. Sie sah nur seinen breiten Rücken, während er dem Besitzer Informationen entlockte, wahrscheinlich mit dem letzten Rest ihres mageren Guthabens. Milas Magen drehte sich um, als sie ihm zusah. Aber diesmal mussten sie nah dran sein, denn wenn sie nicht bald dieses riesige Kopfgeld an Land zögen, würden sie sich nicht mal mehr einen Becher von dem widerlichen Gesöff dieser Spelunke leisten können.

Mila fuhr sich mit der Hand durch ihr glattes braunes Haar, während sie ein zahnloser Gast anstarrte. Er saß auf seinem Hocker an der Bar. Sie verschränkte ihre Arme und warf ihm einen herausfordernden Blick zu, der ihn so verunsicherte, dass er sofort wegschaute und verlegen einen weiteren Schluck trank. Ein jüngerer Mann, unhygienisch und schmuddelig, trug eine zerrissene Jacke aus synthetischer Lederhaut. Er schlich sich an die Bar. Er stellte sich seitlich neben sie und spielte mit dem Silberreifen in seinem Ohr. Typisch. Im Normalfall gab es an einem Ort wie diesem mindestens einen dieser Mistkerle, der synthetisches Fell von fast ausgestorbenen Kreaturen trug. Sie dachten wohl, sie sähen damit knallhart aus, als hätten sie keine Angst vor dem Gesetz, als stünden sie darüber. Milas Nägel gruben sich in ihre Handflächen und sie zwang sich, ihre Fäuste zu lösen. Er wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass seine Jacke eine Fälschung war. Echte Liavold-Haut hatte niemals diesen Grauton. Der Widerling trat näher an Rhys heran, eindeutig um ihn zu belauschen und Mila stieß sich von der Wand ab, um ihn zu verjagen. Aber Rhys beendete das Feilschen bevor sie den Tresen erreichte und er zeigte zum Ausgang. Erleichtert folgte sie ihm nach draußen.

Die gelb-weiße Sonne war bereits untergegangen, während sie und Rhys in der Taverne waren. Eine der jahrhundertealten Lampen nach der anderen, die entlang der Straßen von Tevistal standen, flackerte auf. Gemurmel hallte durch die Nacht. Stimmen der Menschenmenge, die sich ein paar Straßen weiter auf dem Platz versammelt hatte, um das neue Jahr zu feiern. Verdammter Tag des Reisenden. Sicher, die große Menschenmenge bot ihr und Rhys einen einfachen Weg sich unauffällig zu verhalten. Das galt natürlich auch für das Phantom. Wenn sie unauffällig bleiben konnten, dann konnte es das Phantom ebenso und sich wie immer davonschleichen.

Rhys ergriff Milas Arm, als sich die Türen der Taverne hinter ihnen schlossen und sie blickte zu ihm auf: Die scharfen Kanten seines Gesichts, sein zerzaustes braunes Haar, der raue Bart, den er sich hatte wachsen lassen, während sie das Phantom von System zu System gejagt hatten…Rhys’ grüne Augen leuchteten hell und glitzerten im Licht, während er sich nach unten beugte. Mila wurde warm bei dem Blick in seinen Augen. Wenn sie ehrlich war, hatten ihre schlaflosen Nächte in letzter Zeit weniger mit dem Phantom zu tun, als mehr mit …genug davon …

Sie teilten sich nun schon seit fast einem Monat eine Koje.

“Gute Nachrichten”, sagte Rhys. “Vielleicht.”

Das vertraute Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

Sie räusperte sich.

“Ach ja? Was hat er denn gesagt?”

“… dass wir unser Phantom dieses Mal vielleicht tatsächlich fangen.”

Milas Puls beschleunigte sich und ihre Hand wanderte unwillkürlich zu der Laserpistole, die sie versteckt unter ihrer Jacke trug.

“Sie ist hier? Immer noch in Tevistal?”

Rhys’ Grinsen verschwand. Er nahm Mila am Arm und führte sie die Gasse hinunter zur Hauptstraße.

“Ich möchte es glauben”, sagte er leise. “Ich habe dem Mittelsmann sein Honorar bezahlt und …”

“… und was?”, unterbrach sie ihn.

“Er gab mir die Adresse eines Gästehauses. Das RoomTab gibt´s immer noch. Er sagte, er habe das Phantom gestern dort gesehen.”

“… aber?”

Rhys blieb stehen, als sie die Gasse verließen. “Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir diesem Dealer trauen können. Es war alles … zu einfach.”

Der Druck in Milas Brust wuchs, sie atmete aus und betrachtete die Menschenmenge am Ende der beleuchteten Straße. Rhys hatte einen guten Instinkt – einer der vielen Gründe, warum Mila eine Partnerschaft mit dem erfolgreichen Kopfgeldjäger eingegangen war. Mit seinem Gespür und ihren technischen Fähigkeiten waren die beiden ein großartiges Team.

“Also, was willst du tun?”, fragte sie und ein Hauch von Zweifel lag in ihren Tonfall.

“Ich denke, wir sollten uns das ansehen. Wir brauchen einen Erfolg.”

“Ich weiß.”

Sie begegnete seinen Augen.

“Wir haben keine andere Wahl.”

“Man hat immer eine Wahl.”

“Wir sind zu nah dran. Ich sage, wir sollten es überprüfen.”

Rhys rieb sich den Kiefer und nickte schließlich. Er schob den Ärmel seiner Jacke hoch, so dass das MobiGlas an seinem Handgelenk zum Vorschein kam und strich mit dem Finger über den flexiblen, durchsichtigen Bildschirm. Er wollte eine Straßenkarte von Tevistal aufrufen.

Überrascht sagte er: “Die Adresse ist nicht weit von hier. Der Reiseführer sagt, es sei eine Gegend mit hoher Kriminalität.”

Mila schnaubte und schwenkte ihren Arm. “Hier ist es nicht anders als anderswo, oder?”

In den Schlaglöchern hatten sich nach den letzten Regenfällen fette Wasserlachen gebildet und die niedrigen Bauten waren schmutzig und heruntergekommen, ganz anders als die hohen, glitzernden Wolkenkratzer, die mit dem Wachstum der Stadt immer weiter von den Docks entfernt entstanden waren. Wenn Tevistal eine Schwachstelle hatte, dann war es diese. Rhys legte ihr seine starke Hand auf dieSchulter.

“Das macht nichts, denn du gehst zurück zum Schiff. Ich werde das auskundschaften und sehen, ob es stimmt.”

“Einen Dreck werde ich! Niemals.”

Mila schlug seine Hand weg.

“Es ist gefährlich. Du brauchst Verstärkung.”

Das Phantom hatte im letzten Jahr allein sieben pharmazeutische Forschungseinrichtungen von Phan Pharmaceutical angegriffen und es war ihm gelungen, jedem Agenten des Gesetzes zu entkommen. Die UEE suchte den Saboteur – tot oder lebendig – wegen Terrorismus, Mord und bewaffnetem Raubüberfall. Gefährlich war eine starke Untertreibung.

“Lass mich das auskundschaften”, wiederholte Rhys mit rauer Stimme.

“Wir gehen zusammen”, antwortete Mila mit zusammengebissenen Zähnen.

Rhys stieß ein leises Knurren aus, aber als klar war, dass Mila nicht nachgeben würde, schüttelte er nur den Kopf und begann zu gehen. Mila schnaubte und holte ihn schnell ein. Rhys hätte früher nie vorgeschlagen, allein zu gehen. Er wurde vorsichtiger, beschützender seit sie die Dinge auf die nächste Stufe gebracht hatten. Kontrollierend, sogar. Das musste aufhören, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um das anzusprechen.

Die Karte führte sie weg von den Menschenmassen und tiefer in die Slums am Hafen. Eine enge Gasse führte in die nächste und der Geruch von verbranntem Müll waberte ihnen entgegen. Sie kamen an Obdachlosen vorbei, die Feuer vor ihren ärmlichen Verschlägen machten. Drohnen flogen über ihnen hinweg und erhellten die dunkle Nacht mit ihren Lichtern. Das beruhigende Brummen ihrer Motoren erinnerte Mila an ein anderes, besseres Leben. Aber dieses alte Leben auf Terra war längst vorbei. Das hier – die Verfolgung, die Jagd, das Fangen von Kriminellen mit Rhys an ihrer Seite – das war jetzt ihr Leben. Sie bedauerte nichts.

Als Rhys’ MobiGlas piepte, um ihnen mitzuteilen, dass sie ihr Ziel erreicht hatten, deaktivierte er es und schaltete seine Taschenlampe ein.

“Diese Gasse runter. Gebäude zwei. Apartment Neun.”

Mila bereitete ihre eigene Pistole vor und folgte ihm in die dunkle Gasse. Die Herbergen, die es hier gab, gehörten Investoren, die höchstwahrscheinlich noch niemals einen Fuß hergesetzt hatten. So genannte Selbstbedienungs-Herbergen waren ein guter Boden für alle Art von zwielichtigen Geschäften. Adrenalin durchflutete Milas Körper und ließ ihren Puls schneller pochen. Eine flackernde gesprungene Glühbirne über den niedrigen Gebäuden beleuchtete kaum die Wände und deren eingravierte Buchstaben. Mila aktivierte das Nachtlicht ihrer Pistole, aber es half nicht viel. Von irgendwoher ertönte ein langsames Tröpfeln und das einzige andere Geräusch waren die Schritte ihrer Stiefel auf dem Pflaster. Mila richtete ihr Licht auf das nächstgelegene Gebäude und entdeckte die Nummer, die in die Seite geätzt war.

“Eins”, sagte sie leise.

Ein leises Rascheln ertönte dort, wohin ihr Lichtkegel zeigte und sie und Rhys verkrampften sich. Metall schlug auf Metall und Mila schwang ihre Waffe dagegen. Ein Skap riss plötzlich aus der Dunkelheit aus und huschte über ihren Weg. Es folgte eine weitere dunkle Gestalt, ein Wirrwarr aus Krallen und Fell rannte hinter der rattenähnlichen Kreatur her. Als das Raubtier und die Beute wieder in der Finsternis verschwanden, stieß der Skap einen kurzen, Schrei aus. Mila atmete mit einem zittrigen Lachen aus. Vielleicht war es ein Omen. Vielleicht würde dies die Nacht sein, in der sie und Rhys endlich ihre Beute fangen würden.

“Gebäude zwei”, sagte Rhys und leuchtete auf das Gebäude, in das die Tiere geflüchtet waren. Mila hielt die Luft an, als Rhys die äußere Metalltür aufstieß. Sie schwang auf rostigen Scharnieren und knarrte in der Stille. Dämmrige Glühbirnen erhellten den Raum und gaben den Blick auf einen schmalen Korridor frei, der mit Abfall übersät war und nach Urin stank. Mila warf einen Blick auf Rhys. Seine Augen waren verengt und diese Andeutung genügte Mila, um zu wissen, dass er besorgt war.

“Es ist zu ruhig”, murmelte Rhys.

“Vielleicht ist es die Nacht der Taschendiebe”, erwiderte Mila, aber ihr Sarkasmus lockerte die Spannung kaum. Rhys hatte Recht. Diese Fertighäuser hatten hauchdünne Wände, doch es war totenstill. Kein gutes Zeichen. Sie gingen noch ein paar Schritte weiter und Rhys richtete seine Waffe auf eine Tür auf der rechten Seite.

“Neun. Gib mir Deckung. Ich gehe zuerst rein.”

Als er den Knauf drehte, spannte sich jeder Muskel in Milas Körper an. Die Tür schwang auf, wurde entriegelt und das helle Licht im Inneren erhellte den schummrigen Korridor. Rhys trat durch die Tür und Milas Overall fühlte sich plötzlich eng und unbequem an. Schweiß rann ihr den Rücken hinunter, während sie die anderen Türen abtastete. Sie behielt die Tür im Auge, durch die sie gekommen waren.

Rhys kehrte zurück, nachdem er den kleinen Raum durchsucht hatte. Sein Gesicht war fahl.

“Leer”, sagte er.

“Der Zahlungs-Scanner ist gehackt worden.”

Mila wurde heiß. Sie war wütend und schob sich an ihm vorbei, in den Raum. So nah. Sie waren so nah dran. Ihre Kehle schnürte sich zu. Am liebsten hätte sie ein Loch durch eine der dünnen Wände geschlagen. Im Raum befanden sich eine dünne Matratze, ein Stuhl und ein Klapptisch aus Metall. Hinter einer Trennwand waren das Waschbecken und die Toilette, aber ansonsten war der Raum leer. Mila wirbelte herum und sah sich den gehackten Zahlungsabrechnungs-Scanner genauer an. Die Drähte waren herausgerissen und neu zu einem Knoten wieder verbunden worden, so dass das RoomTab-System das Wasser laufen und das Licht brennen ließ, ohne Rechnung.

“Durchsuchen wir denn Raum”, sagte Mila mit harter Stimme.

“Und wenn du auch nur ein Haar findest, dann hebst du es auf.”

Rhys warf ihr einen ungläubigen Blick zu.

“Ich werde den Scanner überprüfen.”

Mila presste die Zähne zusammen, als sie ihre Ärmel hochkrempelte. Sie aktivierte ihr MobiGlas und griff auf den Zahlungsscanner zu. Zuerst rief sie das Programm auf, das sie geschrieben hatte, um grundlegende Systeme zu hacken. Es war illegal ein solches Programm zu benutzen, aber sie hatte es schließlich geschrieben, um Kriminelle zur Rechenschaft zu ziehen …

“Das Gerät wurde vor weniger als vierundzwanzig Stunden manipuliert. Wir haben sie verpasst.”

Mila trennte die Verbindung zu ihrem MobiGlas und stützte sich mit einer Hand an der dünne Metallwand des Raumes ab. Das ganze Ding erbebte förmlich, so instabil war es gebaut worden.

“Wir müssen …”

“Mila.”

Rhys’ scharfer Ton warnte sie und sie drehte sich zu ihm um. Die Wut wich aus ihr, als sie sah, was er in seinen Händen hielt. Er hatte den Klapptisch umgedreht und ein Teil davon lag auf seinen Knien. Ein kleines Päckchen klebte an der Unterseite. Es gab einen leisen Piepton von sich, dann einen weiteren … Sprengstoff!

Milas Puls schoss in die Höhe, pochte in ihren Ohren. Ihre Augen fixierten Rhys´ Gesicht, auf die erkennbare Angst in seinen Augen und sie wich zögernd zurück. Sie hätte auf Rhys’ Bauchgefühl hören sollen. Vor der nächsten Tür hielt sie einen Moment inne, unschlüssig, aber dann drehte sie sich um und rannte den Korridor entlang. Als sie die Außentür erreichte, riss sie sie auf und blickte zurück, um zu sehen, wo Rhys war. Er stürzte ihr hinterher. Sie rannten gemeinsam in die Gasse, als eine ohrenbetäubende Explosion das instabile Bauwerk erschütterte und die Schockwelle beide in die Knie zwang. Hitze strömte über sie hinweg und raubte ihnen den Atem. Mila starrte auf den Bürgersteig, ihre Ohren klingelten, dann klang der Schock langsam ab. Rhys kam zuerst wieder zu sich, keuchte und zog die zitternde Mila auf die Beine. Er hielt sie fest und sah sie intensiv an.

“Geht es dir gut?”

Mila brauchte eine Sekunde, um ihre Stimme wiederzufinden.

“Ja. Und dir?”

“Auch gut.”

Rhys blickte zurück in Richtung des Gebäudes.

“Denkst du, dass noch jemand da drin war?”

“Du weißt, dass es leer war. Wir müssen von hier verschwinden. Wenn wir hier angehalten werden, werden wir für einen Tag oder länger verhört.”

Rhys nickte matt. Sie joggten durch die Gasse zur Straße zurück. Die Explosion hatte eine kleine Gruppe Neugieriger angezogen und sie starrten Mila und Rhys verblüfft an, als sie vorbeiliefen. Milas Ärger vermischte sich mit einer sehr alten Wut, einem dunklen Schmerz. Sie musste das Phantom vor Gericht bringen. Sie musste es einfach. Es war ihr ein Bedürfnis, das über ihre Logik herrschte, ein Bedürfnis, dem sie nicht entkam. Wahrscheinlich hätte Mila das Phantom auch gejagt, wenn es kein Kopfgeld gegeben hätte. Es war alles wegen Casey, auch wenn Mila es leugnete und versuchte, so zu tun, als wäre es nicht so. Casey Phan, entführt und ermordet, als sie sechzehn waren.

Die unfähige Polizei hatte den Mörder einfach davonkommen lassen. Zusehen zu müssen, wie dieses Verbrechen ungesühnt blieb, war der Grund, warum Mila beschloss, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen. Der Grund, warum sie ihre Familie verlassen hatte, um Kopfgeldjägerin zu werden. Caseys Vater besaß Phan Pharmaceuticals und er musste zusehen, wie das Phantom Mitarbeiter von Phan Pharm tötete, die Einrichtungen in die Luft jagte und Forschungsergebnisse stahl… all das rief die alten Erinnerungen in Mila wach. Sie würde es dem Phantom gleichtun, es so ausschalten, wie es ihre Freundin Casey getötet hatte.

Als Mila und Rhys fast den überfüllten Platz erreicht hatten, blieb sie stehen und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Sie atmete immer noch schwer. Sie war gefährlich nahe daran, die Nerven zu verlieren und das sie wollte sie nicht vor all den feiernden Leuten auf dem Platz. Rhys blieb stehen.

“Was ist los?”

“Das war ein abgekartetes Spiel”, sagte Mila und ihre Stimme brach. “Dieser Kerl wusste, dass er uns in den Tod schickt. Jeder muss es gewusst haben. Jemand hatte den Rest der Mieter gewarnt.”

Sie drehte sich um, suchte etwas, irgendetwas, an dem sie ihre Wut auslassen konnte. Sie knallte mit der Spitze ihres Stiefels gegen ein Stück Altmetall und schoss es davon. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihren Fuß, aber sie biss die Zähne zusammen und versuchte es zu ignorieren. Sie fluchte und drehte sich zu Rhys um, ihre Hände zu Fäusten geballt.

“Wir müssen diesen Mistkerl so lange verprügeln, bis er uns die uns die Wahrheit sagt.”

Rhys packte Mila an den Schultern und beugte sich hinunter, so dass sie direkt in seine Augen sah.

“Ruhig. Komm runter.”

“Nein!”

Mila stieß ihn mit beiden Händen weg, aber er hielt sie fest und ließ sie nicht los. Sie blinzelte gegen das anhaltende Brennen in ihren Augen.

“Wir brauchen dieses Kopfgeld.”

Rhys schüttelte den Kopf.

“Wenn dieser Mistkerl uns wissentlich in eine Falle geschickt hat, dann werde ich nicht groß darüber reden, dass wir sie überlebt haben. Das hier ist sein Revier. Wir sind hier im Nachteil. Das solltest du wissen.”

“Wir waren so nah dran”, antwortete Mila mit zittriger Stimme.

Rhys lockerte seinen Griff.

“Ich höre auf, Mi. Das ist es nicht wert – in die Luft gesprengt zu werden. Es gibt genug andere Kopfgelder, die man verfolgen kann.”

Aber keins wie dieses. Heiße Wut entfachte ein Feuer in Milas Brust und sie stieß Rhys weg.

“Feigling.”

Überraschung blitzte in seinem Gesicht auf und fror dann schlagartig ein.

“Sei kein Idiot. Hier geht es nicht um Mut, sondern ums Überleben. Du wolltest das Phantom jagen, also habe ich zugestimmt. Für dich. Es war immer eine riskante Sache. Wir werden mit weniger überleben, bis etwas anderes auftaucht. Wir sind hier fertig.”

“Nein.

Mila schubste Rhys erneut und er stolperte einen Schritt zurück.

“Wir finden das Phantom. Und wenn du mir nicht helfen willst, suche ich eben allein weiter.”

“Was ist an diesem Fall, was du mir nicht erzählst? Du warst noch nie so hartnäckig an einem Fall wie diesem. Es ist, als ob du nicht klar denken könntest.”

Mila schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und schob sich an ihm vorbei, damit er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Irgendwann würde sie Rhys von ihrer Vergangenheit erzählen müssen … wenn sie dazu bereit war. Aber heute war nicht der Tag dafür.

“Mila.”

Rhys war wieder an ihrer Seite.

“Sag mir, was hier los ist.”

Sie atmete tief durch, als sie sich ihm zuwandte und kämpfte darum, ihre aufgewühlten Emotionen unter Kontrolle zu bringen. Er dachte offenbar wirklich, dass wäre die richtige Entscheidung. Aber er irrte sich.

“Vierundzwanzig Stunden, Rhys. Vierundzwanzig! Das Phantom war vor einem Tag in diesem Raum. Wir können jetzt nicht aufhören. Wir brauchen Essen. Devana braucht Wartung und Upgrades. Und vielleicht … vielleicht können wir danach eine Pause machen, oder? Wir fliegen zusammen zu einem Vergnügungsplaneten, vielleicht Cassel ….”

Ihre Wangen erröteten über das was sie sagte, aber Rhys’ Augen wurden dunkel und er nahm ihr Gesicht in seine schwielige Hand und neigte ihren Kopf, bis sich ihre Augen trafen.

“Einmal noch. Wir werden versuchen, eine weitere Spur zu finden”, sagte Rhys. Seine Stimme klang rau.

“Aber wenn wir es nicht schaffen … können wir es uns nicht leisten, für dieses Kopfgeld andere Arbeiten weiter zu ignorieren. Wenn also die nächste Spur nicht funktioniert, versprich mir, dass du diese Jagd aufgibst.”

Mila schob seine Hand weg.

“Es tut mir leid. Aber nein. Das kann ich dir nicht versprechen.”

Das leise Brummen einer sich nähernden Drohne erregte ihre Aufmerksamkeit, und beide sahen hoch. Blaulicht. Die örtliche Polizei.

“Lass uns in der Menge verschwinden”, sagte Rhys. “Aber dieses Gespräch ist noch nicht zu Ende.”

Mila schob ihre Verärgerung beiseite und folgte ihm. Sie würde ihn überzeugen. Denn sie waren keine Drückeberger. Sie hielten ein zügiges Tempo, bis sie den Hauptplatz erreicht hatten, wo sich die Menschenmenge vor einer Halle versammelt hatte. Es war ein interessantes Spektakel – eine Mischung aus normal aussehenden Zivilisten und Leuten die für diesen Anlass passend gekleidet waren. Einige dieser Reisenden ahmten offenbar gern alte Bräuche der Erde nach, mehr noch als die auf Terra. Eine Gruppe in der Nähe Milas und Rhyss trug seidene Umhänge und seltsam aussehende Masken, die mit Federn geschmückt waren. Ein weiteres Dutzend wiederum hatte auf die Kostüme verzichtet, aber ihre Gehstöcke waren kunstvoll geschnitzt und mit Edelsteinen besetzt. Ein weiteres Paar trug goldene Gewänder mit Masken, die ebenfalls geschnitzt waren und sahen Raubtieren gleich. Rhys drängte sich durch die Menge und bahnte sich einen Weg zum äußersten Rand des Platzes. Hier hatten Händler so viele Stände mit allen Sorten von Waren und Schmuckstücken aufgebaut, die sich eine Pilgerschar am Tag des Reisenden nur wünschen konnte.

Der Duft von gebratenem Fleisch ließ Mila das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ihr Magen knurrte und sie erinnerte sich daran, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Rhys schien der gleichen Meinung zu sein, denn er führte sie zu dem nächstgelegenen Verkäufer, der einen Grill aufgestellt hatte.

“Was für ein Fleisch?”

Rhys spöttelte.

Die Frau mittleren Alters zwinkerte und winkte Rhys mit dem Spieß zu.

“Spezial. Ist ein Geheimnis.”

“Ah, richtig. Könnte das ein spezielles Skap-Fleisch vom Hafen sein?”

Das Gesicht der Frau wurde sauer.

“Verleumdungen! Ich verkaufe kein Skap-Fleisch.”

Mila schlenderte zum Nebentisch hinüber und achtete nicht auf Rhys’ Feilscherei. Er war so knauserig mit Credits! Wie konnte es sein, dass er nicht sah, wie wichtig die Ergreifung des Phantoms für sie beide und ihre Finanzen war? Der Tisch, an dem sich Mila wiederfand, war mit Schmuckstücken übersät. Weihrauchfässer, christliche Kreuze, Wicca-Pentagramme, buddhistische Statuen und eine breite Palette von anderen Schmuckstücken waren fein säuberlich ausgelegt. Ein bronzefarbener Anhänger an einer langen Kette stach Mila ins Auge. Sie hob ihn auf ohne nachzudenken und drehte ihn in ihrer Hand. Er ähnelte der Form eines Unendlichkeitssymbols und an seinem Ende baumelten kleine Perlensteine in allen möglichen Formen und Größen.

“Dieses Stück ist fast so schön wie du.”

Mila erschrak, als sie spürte, wie sich ihre Wangen röteten, als sie dem Blick der Verkäuferin begegnete. Die bunt gekleidete Frau schien Anfang dreißig zu sein, sie hatte eine blasse Haut und die gleichen eisblauen Augen wie Mila, aber das waren auch schon alle Gemeinsamkeiten. Das rabenschwarze Haar der Frau war zu Dutzenden schmaler Zöpfe geflochten und sie trug einen Nasenring, der unter den funkelnden Lichtern der Metallmarkise glitzerte.

“Ähm … danke”, sagte Mila. “Es ist ein schönes Stück.”

“Besser als schön, Mädchen. Es ist das ideale Geschenk, um die neue Sonne zu feiern. Das heißt, wenn du Glück haben willst. Dieser Anhänger ist von Cassa gesegnet worden.”

Mila blickte wieder auf den Anhänger hinunter, auf die Art und Weise, wie die glitzernden Lichter die Farben auf den einzelnen Steinen wie winzige Regenbögen erscheinen ließen. Sie war nicht abergläubisch oder religiös, aber der Anhänger erinnerte sie an einen Ring, den sie als Kind besessen hatte. Zu gern hätte sie die Kette anprobiert, die Perlen näher an das Licht gehalten um zu sehen, wie es sich veränderte, aber sie widerstand.

“Was sind das für Steine?” fragte Mila.

“Diese Steine wurden am Nullpunkt zwischen zwei Doppelsternen gesammelt. Nur Reisende mit viel Glück und Ausdauer finden dieses Nadelöhr, um diesen Punkt zu erreichen.”

Ein leises Lachen ertönte hinter Mila, sie wirbelte herum und sah Rhys dort stehen, zwei Fleischspieße in der Hand.

“Gesammelte Steine, gefunden bei gepaarten Sternen, was?”

Die ernste Miene der Frau änderte sich nicht.

“Das ist genau das, was sie sind.”

Rhys schüttelte den Kopf.

“Vielleicht solltest du mal von deinem hohen Ross herunterkommen. Nichts hängt zwischen zwei Sternen; entweder der eine oder der andere zieht alles an.”

Die Frau lehnte sich über den Tisch und ein langsames Lächeln breitete sich auf ihren blutroten Lippen aus.

“Die Reise kann uns viel lehren, mein Freund. Aber baue ein Leben auf falschem Glauben auf und du wirst bald feststellen, dass dein Schiff in ein Minenfeld getrieben ist.”

“Bist du hier fertig, Mi?”

Rhys’ Frage kam forsch wie ein Befehl und er sah aus, als würde er sich bemühen, nicht auf die Frau zu reagieren. Er hatte nicht viel Geduld mit religiösen Zeitgenossen. Die Händlerin ignorierte Rhys und sah Mila erwartungsvoll an.

“Die Farben in diesem Stück stehen dir wirklich gut.”

“Es ist wunderschön. Aber vielleicht ein anderes Mal.”

Mila seufzte und ließ die Kette widerwillig in die Handfläche der Frau fallen. Mila schnappte sich einen Fleischspieß von Rhys, ohne ihm in die Augen zu sehen und schritt auf die Mitte des Platzes zu. Warum musste er immer so ein verdammter Spielverderber sein? Sie blieb am Rande der Menge stehen und beobachtete, wie sich in der Mitte des Platzes ein ihr unbekanntes Ritual abspielte. Sie knabberte an dem strähnigen Fleisch. Skap-Fleisch hin oder her, es war tausendmal besser als die faden Nahrungsriegel auf ihrem Schiff.

Sie aß auf, warf den Spieß weg und sah sich in der Menge nach Rhys um. Es war an der Zeit, ihn davon zu überzeugen, ihre Suche nach dem Phantom fortzusetzen. Sie fand ihn nur ein paar Schritte entfernt, er beobachtete sie aufmerksam und trotz ihrer vorherigen Verärgerung keimte ein Lächeln auf ihren Lippen. Er wusste, wann er ihr Raum geben musste und er wusste, wann sie ihn wirklich brauchte. Seine ständige Anwesenheit in ihrem Leben war das Beste an den letzten Monaten gewesen.

Ein grauer Blitz aus dem Augenwinkel lenkte ihren Blick unbewusst auf einen Mann, der einen silbernen Ohrring trug und die falsche Jacke aus Liavold-Haut. Es war der Widerling aus der Taverne. Milas Puls beschleunigte sich und sie drängte sich durch die Menschenmenge, um ihm näher zu kommen.

Der Typ starrte Rhys an, aber als er Mila bemerkte, bekam er große Augen und er machte sich aus dem Staub. Er verschwand in der Menge. Mila schrie und sprintete ihm hinterher, schob die Leute aus dem Weg und ignorierte die Obszönitäten, die sie ihr hinterher riefen. Sie war sich vage bewusst, dass Rhys hinter ihr rannte. Dieser widerliche Kerl, den sie da verfolgte, wusste etwas, da war sie sich ganz sicher. Er konnte sogar ein Spion des Dealers sein. Sie konnte ihn nicht entkommen lassen. Seine wütenden Rufe, zeigten ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war. Als sie schließlich den Hauptteil der Menge hinter sich gelassen hatte, sah sie die graue Jacke um die Ecke verschwinden. Sie rannte schneller, ihr Seitenstechen wurde schlimmer, als sie schließlich aufholte. Der Mann wurde langsamer, weil er in eine Sackgasse eingebogen war. Mila stürzte sich auf ihn und stieß ihn gegen die Wand. Die beiden schlugen hart auf und schlitterten auf dem schmutzigen Bürgersteig entlang. Rhys war einen Augenblick später zur Stelle, er zerrte Mila aus dem Weg und fixierte die Arme des Widerlings hinter seinem Rücken, damit er keine Waffe ziehen konnte. Die blutunterlaufenen Augen des Mannes wechselten wild zwischen Mila und Rhys hin und her. Rhys hob eine Augenbraue.

“Kannst du das erklären?”

Mila schniefte und wischte sich den Staub von ihrer Hose.

“Was? Hast du ihn nicht bemerkt in der Taverne? Diese Schlange hat dich belauscht. Ich wette, er arbeitet mit dem Dealer zusammen. Und er hat dich definitiv beobachtet.”

“Ist das so?”

Rhys zog seine Pistole. Dann drückte den Mann gegen die Wand, um ihn zu filzen. Er zog ein am Gürtel des Mannes verstecktes Messer heraus, dann fand er eine kleine schwarze Schachtel in seiner Jacke. Mila war noch immer außer Atem. Rhys warf ihr das Etui zu. Sie öffnete es. Es befanden sich eine Spritze und ein Fläschchen mit einer schwarzen, zähflüssigen Flüssigkeit darin.

“Zeig  uns deinen Arm”, forderte ihn Mila auf.

Der Mann zitterte, als er seinen Ärmel hochschob und ein Geflecht von Adern zum Vorschein kam, schwarz gefärbt von seiner Sucht. Rhys pfiff.

“Da haben wir ja einen WiDoWer, was?”

Er richtete seine Taschenlampe so aus, dass sie das Licht das Gesicht des Mannes beleuchtete.

“Und warum bist Du uns gefolgt?”

Der Adamsapfel des Mannes wippte auf und ab, als er schluckte und er hielt seine offenen Handflächen hoch, während ihm Schweißtropfen von der Stirn in die Augen liefen.

“Ich bin euch gefolgt, weil ich Informationen habe. Ich tausche sie ein.”

“Was für Informationen?”, fragte Rhys hart und fixierte ihn mit seinem Blick.

“Die letzte Information, die wir bekamen, war nicht viel wert.”

“Harris – er hat dich reingelegt. Aber ich kenne die Wahrheit.”

“Kein Handel.”

Mila kam näher an den Süchtigen heran, packte ihn am Hals und drückte ihm die Kehle zu.

“Wenn du von der von der Falle wusstest, hättest du es uns vorher sagen müssen. Wir hätten sterben können.”

“Mila.”

Rhys’ leise Warnung schürte Milas Wut nur noch an.

“Kein Handel”, wiederholte Mila und drückte fester zu. Der Mann schnappte nach Luft.

“Mila.”

Diesmal drang Rhys’ Stimme durch, Milas Hand fiel von der Kehle des Mannes und sie trat einen Schritt zurück.

Rhys warf ihr einen strengen Blick zu, dann wandte er sich wieder dem Süchtigen zu.

“Was willst Du für Deine Informationen?”

“Credits”, sagte der Mann und keuchte. “Neunzig Credits.”

“Für Drogen.”

Mila öffnete das Etui und hielt das Fläschchen hoch, damit der Süchtige es sehen konnte.

“Wie wäre es damit? Du erzählst uns alles, was du weißt oder ich kippe das hier auf den Bürgersteig.”

“Nein, nein!”

Der Mann schwitzte jetzt noch mehr und die Verzweiflung in seiner Stimme ließ Mila vor plötzlichem Ekel erschaudern. Aber sie würde nicht klein beigeben. Sie war fertig mit dem Feilschen. Mit all den Geschäften. Fertig mit all den Lügen und toten Spuren. Sie stellte das Fläschchen auf den Boden und stellte ihren Stiefel darüber.

“Du hast eine Sekunde, um dich zu entscheiden.”

“Ich werde es dir sagen. Ich werde es Euch sagen! Aber tu es nicht. Es ist meine letzte Ampulle … das Phantom war hier. Sie nannte sich Elaine. Ich habe ein Foto von ihr und Harris auf meinem Mobiglas.”

“Zeig es uns”, forderte Rhys hart.

Der Mann holte sein MobiGlas unter seinem Ärmel hervor. Mila wischte mit ihrem Arm über den Bildschirm und ihr MobiGlas erfasste die Dateien. Dann stülpte sie ihren Stiefel wieder über das Fläschchen mit WiDoW. Der Widerling schien im schwachen Licht beinahe grün zu werden.

“Wohin wollte Elaine als Nächstes gehen?”, fragte Rhys.

“Septa – sie hat offenbar einen Weg in den Xi’an Raum gefunden. Jemand Mächtiges hilft ihr. Er muss Harris gut bezahlt haben, denn ich habe noch nie gesehen, dass er einen Kopfgeldjäger so hereinlegt, wie er es bei euch beiden getan hat.”

Milas Gedanken überschlugen sich, als sie über die Auswirkungen dessen nachdachte, was dieser Spitzel sagte. Wenn das Phantom wirklich einen Weg in den Xi’an-Raum gefunden hatte, würden sie sie nie wieder sehen. Sie würde Rihlah erreichen und die Xi’an würden nichts unternehmen, geschweige denn ihnen helfen, eine Terroristin zu fangen. Sie würden nur so tun, als ob, diplomatisch handeln, während das Phantom sein Leben leben würde, während der Rat und der Rest der UEE darauf warten könnte, dass sie wieder freiwillig in den von Menschen kontrollierten Raum kommt.

“Wer sagt mir, dass Du nicht lügst”, sagte Mila.

“Beschreibe diese Elaine.”

“Ah … rotes Haar. Ich glaube, es war eine Perücke. Ich bin ihr zu dieser Herberge gefolgt und sah sie mit schwarzen Haaren wieder heraus kommen. Dunkle Haut. Ende zwanzig. Hielt ihr Gesicht verdeckt. Konnte aber kein gutes Video machen.”

Der Süchtige tippte wieder auf sein MobiGlas und zeigte das Bild einer Frau, die genau so aussah, wie er es beschrieben hatte. Alles, was Mila und Rhys je gesehen hatten, waren verschwommene Bilder dieser Frau, nicht besser als das, was dieser Mann ihnen nun zeigte. Aber sie hatten nichts Besseres um weiterzumachen. Mila tauschte einen Blick mit Rhys und er nickte ihr langsam zu. Mila hob die Ampulle auf und schob sie zurück in das Etui. Am liebsten hätte sie die Drogen zerstört und diesen Abschaum zum Entzug gezwungen. Andererseits konnte schlagartiger Entzug tödlich sein. Mila war keine Mörderin und würde es auch nie sein. Sie gab ihm das Etui zurück und strich mit dem Finger über seine Jacke. Er zuckte bei der Berührung zusammen.

“Wenn Du Credits brauchst, solltest Du zuerst eine Rückerstattung von demjenigen verlangen, der Dir dieses Imitat verkauft hat.”

Seine Augenbrauen hoben sich vor Überraschung und er blickte auf seine Jacke hinunter, dann wieder zu Rhys, der immer noch seine Waffe hielt.

“Kann ich meine Klinge zurückbekommen?”

“Raus hier”, bellte Rhys.

Der Mann zuckte noch einmal zusammen, dann steckte er seine Drogen ein und rannte davon.

“Was zum Teufel war das?”

Rhys’ Gesicht war rot, seine Stimme leise. Mila wusste, Rhys war stinksauer.

“Das ist nicht unsere Abmachung. Ich bin für das Feilschen zuständig. Ich kümmere mich um die Kontakte. Nicht Du. Das ist unsere Vereinbarung.”

Mila stemmte die Hände in die Hüften.

“Nun, es hat doch funktioniert, oder etwa nicht? Komm, wr müssen zurück zu unserem Schiff und nach Septa, bevor unser Phantom für immer verschwindet.”

Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging davon, ohne auf seine Antwort zu warten.

Rhys sprach kein Wort, als sie sich auf den Weg zu den Docks machten und sein Missmut hing schwer über der Stille zwischen ihnen und ruinierte den Moment, der eigentlich eine Feier hätte sein sollen. Er überließ sie ihren eigenen Gedanken. Als sie schließlich den gut beleuchteten Eingang erreichten, der zu ihrer Freelancer führte, drehte sich Mila zu Rhys um. Er hatte wieder sein Pokerface auf und zeigte nichts von dem, was er vielleicht dachte oder fühlte. Manchmal war er so verdammt schwer zu durchschauen. Sie drückte ihre Hand auf seine Brust und ihre Berührung vertrieb die Härte aus seinen Augen.

“Es tut mir leid. Du hast Recht. Ich habe unsere Vereinbarung gebrochen. Ich verspreche, dass ich mich von nun an zusammenreißen werde -“

“Tu das nicht. Du hast bekommen, was wir brauchten. Aber was, wenn sich diese Spur nicht bezahlt macht?”

“Gut. Wenn es nicht klappt … dann ist die Suche vorbei”, antwortete Mila.

Es spielte keine Rolle. Denn wenn das Phantom wirklich in Richtung Xi’an-Raum unterwegs war und sie sie ein weiteres Mal verfehlten, war es sowieso so gut wie vorbei. Ein Ausdruck der Erleichterung ging über Rhys’ Gesicht.

“Gut. Dann sind wir uns einig. Wir werden dieser Spur folgen, aber wenn wir sie verlieren, gehen wir zu etwas anderem über.”

Er zögerte, dann griff er in seine Tasche und holte einen kleinen Samtbeutel heraus. Milas Augen weiteten sich als er eine lange Kette herauszog, an der der Cassa-Anhänger hing, dessen prächtige Perlen und Steine im Licht der Hafenbeleuchtung schimmerten. Rhys legte den Glücksanhänger um Milas Hals.

“Aber unser Guthaben …”

Mila bekam eine Gänsehaut bei seiner leichten Berührung.

“Wir hatten nicht genug, um es dafür auszugeben.”

Er zuckte mit den Schultern.

“Könnte sein, dass die Händlerin mit dieser Sache doch recht hatte. Alles, was wir brauchten, war ein bisschen Glück. Und wie es scheint, haben wir das jetzt.”

Seine Stimme klang heiser und Mila stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Er erwiderte ihren Kuss, zog sie an sich und presste ihren Körper an seinen. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und verlor sich in ihm.

Als er sich zurückzog, waren seine Augen dunkel.

“Zuerst der Flugplan. Aber während wir auf die Freigabe warten … “

Mila schenkte ihm ein kleines Lächeln.

“… triffst du mich in der Koje?”

Er schmunzelte und zog sie für einen weiteren Kuss zu sich.

“Aber danach … werden wir unser Gespenst jagen.”

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zwei

Kapitel zwei

Die „Devana“ erhob sich gen Himmel und die glitzernden Türme von Tevistal verschwanden hinter dem Wolkenschleier. Die Freelancer in unendliche Höhen zu manövrieren, den Rücken in den abgenutzten Pilotensitz gepresst und die ganze berauschende Kraft des Schiffes unter ihrem Kommando zu haben, durchströmte Mila mit Hochgenuss. Dies war der einzige Ort, an dem sie sich immer frei fühlte, als könnte sie jeder sein und alles tun. Aber der offene Raum war ein zweischneidiges Messer, gefüllt mit dem Versprechen von endlosen Möglichkeiten – aber auch Gefahren. Und heute war es die Herausforderung auf die sie und Rhys nun zusteuerten: ihre letzte Chance, das Phantom zu fangen. Die Terroristin zu stellen, die sich selbst Elaine nannte.

“Habe ich dir jemals gesagt, dass ich es liebe, dein Gesicht zu sehen, wenn du fliegst?”

Rhys grinste sie vom Co-Pilotensitz aus an.

Mila liebte diesen Ausdruck in seinen Augen.

“Ich denke, du liebst es mich zu beobachten, wenn ich … viele Dinge tue.”

Rhys grinste sie weiter an und Mila wusste, dass sie sich beide an den Spaß erinnerten, den sie gerade in der Koje hatten, während sie auf die Freigabe gewartet hatten. Trotzdem hatte sie nicht vor, diese Beziehung allzu tief werden zu lassen. Aber das geschäftliche mit dem angenehmen zu verbinden, wie beispielsweise Stressabbau, hatte sicherlich gewisse Vorteile. Als sie schließlich die Leere des Weltraums erreichten, rief Rhys die Systemkarte auf und nannte Mila den Kurs, dem sie folgen sollte. Sie änderte ihn etwas ab, um die Flugbahn zur Orbitalplattform am Rande des Systems zu erreichen.

“Wenn dieser Spitzel die Wahrheit gesagt hat”, sagte Mila, “ist das Phantom auf dem Weg zur Orbitalplattform. Sie will dort ihren Kontaktmann treffen … was wissen wir über diese Plattform?”

Rhys rief die Systemkarte auf und suchte nach verfügbaren Daten.

“Septa gehört einer Firma namens McGloclin. Aber es sieht so aus, als wären die schon eine Weile nicht mehr aktiv. Ich weiß nicht, was wir auf der Plattform finden werden. Eventuell Arbeiter der Firma, oder vielleicht Landstreicher. Es gibt dort keine Advocacy-Agenten oder andere Gesetzeshüter. Allerdings gibt es ein ziemlich großes Trümmerfeld, ein paar Klicks von der Plattform entfernt.”

“Großartig”, erwiderte Mila. ” Gib mir die Daten, damit wir es scannen können.”

Mila schob ihren Ärmel hoch und Rhys hielt sein MobiGlas an das ihre, um die Tag-Daten, die sie von dem WiDoW-Süchtigen erhalten hatten, zu übertragen. Nach der Übertragung portierten sie sie ins Devanas Schiffs-System.

“Ich aktiviere den Langstrecken-Scanner.”

Beide waren gespannt, als der Scanner seine erste Suche abschloss. Keine Treffer. Man konnte Milas Enttäuschung erkennen, aber das tat ihrer Aufregung keinen Abbruch.

“Nun, wir sind immer noch zu weit von der Plattform entfernt, falls sie dort ist. Ich bin sicher, dass der Scanner bald etwas aufspüren wird…”

Mila und Rhys flogen schweigend weiter, es war ein gelassenes Schweigen, das im Einklang der vergangenen Monate gemeinsamen Fliegens nach und nach gewachsen war. Als sie sich der Plattform näherten, erinnerte sich Mila daran, wie sich Rhys damals auf Tevistal verhalten hatte. Wie sie selbst sich aufgeführt hatte. Er versuchte sie zu kontrollieren, um sie aus der Gefahrenzone zu halten. Und sie, sie hatte hitzköpfig gegen ihre Vereinbarung verstoßen. Mila war für die Technik zuständig und Rhys für die Kontakte.

Und jetzt? Das war es wohl. Sollten sie das Phantom nicht fangen – also, wenn Elaine entkam – mussten sie ein neues Kopfgeld-Projekt suchen. Kopfgelder zu finden kostete Zeit und mehr noch – Geld. Geld das sie nicht hatten. Sie mussten einen klaren Kopf bewahren, wenn sie heute ihre Chance nutzen wollten.

“Hey”, sagte sie leise. “Diesmal halten wir uns an die Regeln, ja? Ich kümmere mich

um die Technik. Du feilschst und besorgst Infos. Wir arbeiten zusammen, sobald wir in der Nähe der Plattform sind.”

“Einverstanden.”

“Nur eine Sache noch …”

Mila schluckte und sah ihm in die Augen.

“Du musst mir erlauben, meinen Job zu machen. Wenn Gefahr besteht, regeln wir die Dinge so, wie wir es immer getan haben. Diese … diese Sache, die wir da laufen haben, darf uns nicht in die Quere kommen.”

Rhys’ Kiefer spannte sich an und als er antwortete meinte er: “Ich möchte dich doch nur beschützen.”

“Wir beschützen uns gegenseitig.”

Rhys rutschte in seinem Sitz hin und her und blickte in das Nichts vor ihnen.

“Ich habe schon Menschen verloren … die mir wichtig waren.”

Das habe ich auch, dachte Mila. Aber sie sagte es nicht.

“Wir dürfen nicht zulassen, dass irgendetwas unser Urteilsvermögen trübt. Die Mission steht an erster Stelle.”

Er nickte steif.

“Die Mission steht an erster Stelle.”

Mila biss sich auf die Lippe. Seine Zustimmung war das Ergebnis, das sie in diesem Gespräch erreichen wollte. Warum zum Teufel war sie dann so enttäuscht? Weil du dich schwer in ihn verliebt hast, dumme Gans, gab sie tief in ihrem Inneren zu. Ihre Wangen wurden heiß. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken. Sie blickte starr geradeaus, aus Angst, ihr Blick könnte sie verraten.

“Ich bin froh, dass wir uns einig sind.”

Der Scanner piepte und Milas Puls beschleunigte, als sie sah was er gefunden hatte. Sie hatten das Schiff des Phantoms geortet. Vorläufige ID: eine Cutlass.

“Sie bewegt sich”, sagte Rhys eindringlich. “Wir könnten sie auf dem Scanner zwischen all den Trümmern verlieren.”

“Berechne eine neue Flugbahn. Vielleicht können wir ihr den Weg abschneiden, bevor sie die Plattform erreicht.”

Mila gab mehr Energie auf die Triebwerke. Sie war nervös, als sie dem neuen Kurs folgte. Wenige Minuten später erreichten sie das Gewirr treibenden Schrottes. Verbogene Metallteile tauchten vor ihnen auf und tote Schiffe in der Ferne. Alles fügte sich zu einem Chaos, das schwer zu navigieren sein würde. Gerade als sie den Rand des Trümmerfeldes erreichten, verschwand das Schiff des Phantoms von ihrem Scanner.

“Kak.”

Rhys fummelte am Scanner herum und versuchte, das Schiff manuell wiederzufinden.

“Wir müssen da reinfliegen. Es wird nicht einfach sein durch diese Trümmer zu manövrieren -“

“Wir schaffen das schon.”

Mila suchte vor ihnen nach den Anzeichen für ein Schiff, genau dort, wo das Phantom von ihrem Scanner verschwunden war.

“Da! Das Einzige, was sich bewegt!”

Mila deutete auf einen metallischen Schimmer in der Ferne, der sich durch die Trümmer schlängelte.

“Ich bringe uns rein.”

“Lass mich nachsehen, wohin sie unterwegs sein könnte.”

Rhys zoomte seine Karte heran. Mila biss die Zähne zusammen und steuerte die Freelancer in das Trümmerfeld und wich einem halb zerstörten Frachter aus.

“Meinst du, sie weiß, dass wir hier sind?”

“Ich glaub’ nicht. Sie hat ihr Tempo nicht verändert.”

Mila steuerte „Devana“ um einen verbeulten Metallbrocken herum und versuchte, den Schimmer in der Ferne im Auge zu behalten.

“Wir sollten dieses Chaos unter uns lassen. Da ist es sicherer.”

“Nein”, erwiderte Mila. “Wir riskieren, entdeckt zu werden und dann verlieren wir sie, wenn sie tiefer in dieses Chaos hineinfliegt. Wir müssen tiefer hineinfliegen und sie flankieren … sie überraschen.”

Mila beschleunigte und flog um kleine Schrottteile herum. Mit Schweißperlen auf der Stirn versuchte sie nicht nur das Trümmerfeld im Auge zu behalten, sondern auch das Glitzern des Phantomschiffs. Sie flogen direkt auf die Mitte des Trümmerfeldes zu.

“Ich schalte unnötige Systeme ab, um die Abschirmung zu erhöhen”, sagte Rhys.

“Elaine wird sich nicht kampflos ergeben.”

“Ich weiß.”

Mila schaltete die Haupttriebwerke ab und verließ sich auf die Manövriertriebwerke.

“Halt dich fest.”

Als „Devana“ durch den Schutt glitt, schwankte sie von einer Seite zur anderen und wich den meisten Schrottteilen und ausrangierten Schiffen aus. Rhys brummte vor sich hin und schüttelte den Kopf, während kleine Rohre und Bolzen an der Hülle des Schiffes abprallten. Milas Puls pochte, in ihren Ohren dröhnte der Nervenkitzel der Verfolgungsjagd. Plötzlich machte das Schiff von Elaine einen scharfen Schwenk nach rechts und verschwand zwischen zwei massiven Hälften eines Frachters.

“Hat sie uns entdeckt?”

Mila holte alles aus „Devana“, um aufzuholen.

“Vielleicht. Sie könnte auf der anderen Seite der Frachter auf uns warten.”

Kurz bevor sie eine Hull-C erreichten, in der das Phantom verschwunden war, drehte Mila die Freelancer nach Steuerbord und wurde langsamer. Das massive Skelett der Hull-C versperrte ihnen die Sicht. Sie konnten das Schiff des Phantoms nicht mehr sehen. Andererseits könnte es auf der anderen Seite lauern. Sie tippte auf die Schubdüsen und rollte „Devana“ unter dem Frachtschiff hindurch. Mila hielt den Atem an, als sie die andere Seite des toten Schiffsrumpfes erreichten.

“Ich habe sie auf dem Scanner. Sie hängt direkt über uns”, sagte Rhys. “Eine Cutlass. Waffen sind scharf. Sie weiß, dass wir hier sind.”

Milas Herz klopfte, als sie auftauchten. Sie drehte ihr Schiff mit einer geschickten Bewegung und fand sich der Cutlass gegenüber. „Devana“ war für einen Moment zwischen der Hull-C und einem anderen Frachter eingeklemmt – ein schrecklicher Ort für ein Feuergefecht. Die Cutlass schoss, verfehlte aber und beschädigte stattdessen die Hull-C über ihnen. Es war ein Volltreffer. Hatte das Phantom absichtlich danebengeschossen?

“Ich muss uns sofort hier rausholen.”

Mila ließ das Schiff tiefer sinken, um aus dem Engpass zu entkommen.

“Benutz’ den Frachter als Deckung!”

Das Phantom feuerte erneut, diesmal eine gleichmäßige Salve, die „Devana“ abermals verfehlte. Stattdessen traf es den Schiffsrumpf, auf den „Devana“ nunmehr zuglitt.

“Mila, warte!” schrie Rhys, gerade als das Sperrfeuer der Cutlass eine Explosion in der Hull-C auslöste. Der alte Rumpf zerbarst in einer Welle von Schrapnellen die „Devana“ zur Seite schleuderte. Mila hielt sich fest, als die Freelancer mit einem harten Ruck auf das andere Frachtschiff krachte. Die Schilde hielten, aber nur knapp. Alarme heulten auf, als Reaktion auf den drohenden Schildverlust.

“Manövriertriebwerk?”, fragte Mila und kämpfte darum, das Gleichgewicht wiederzufinden.

“Verdammt. Ja. Wir haben eines verloren.”

Von oben schoss die Cutlass auf den geschwächten Schild ihres Schiffes.

“Schilde auf Viertel Kraft”, brüllte Rhys.

In der Nähe des zweiten Frachters ereignete sich eine weitere Explosion und eine neue Welle von Trümmern raste auf sie zu. Mila sah entsetzt, wie eine gezackte Metallplatte Kurs direkt auf Devanas Bug  nahm. Rhys drückte den Abzug und schoss. Die Hälfte der Platte flog in die entgegengesetzte Richtung davon, aber der Rest blieb auf Kurs und krachte direkt in „Devana“ hinein. Milas Kopf knallte nach hinten in ihren Sitz. Alle Alarme schrillten. Das Schiff rotierte wild. Mila packte den Steuerknüppel und versuchte ihr Schiff zu stabilisieren. Ein dünner Riss breitete sich quer über das Cockpit aus. Die Temperatur sank augenblicklich.

“Kak.”

Mila und Rhys sagten es wie aus einem Mund.

“Wir müssen es flicken. Sofort.”

Rhys bewegte sich, schnappte sich die beiden Helme aus der Ablage und übernahm die Steuerknüppel, während Mila ihren Helm aufsetzte. Sie nahm die Steuerung zurück und Rhys setzte seinen Helm auf. Rhys stolperte aus seinem Sitz.

“Ich hole den Reparaturschaum.”

Seine Stimme knisterte über das Helm-Mikrophon. Er eilte in Richtung Frachtraum, während „Devana“ durch eine zerbrochenen Starfarer schlingerte. Kurz darauf entdeckte Mila die Cutlass wieder. Mila richtete die Triebwerke aus und flog eine enge Kurve, um der Cutlass erneut zu folgen. Rhys stolperte zurück ins Cockpit und trug den Schaum auf den Riss auf, um ihn provisorisch abzudichten.

“Das wird halten, bis wir zu einem Reparaturdock kommen”, keuchte er.

“…aber nicht, wenn wir uns einen weiteren Volltreffer einfangen.”

Mila schaltete die Kanonen auf, ihr Atem beschlug an der Innenscheibe ihres Helms, während das Phantom vor ihr auf und ab tanzte.

“Es hätte weitaus schlimmer kommen können.”

Rhys schmunzelte über ihren Tonfall und legte wieder den Sicherheitsgurt an.

“Na schön. Ich werde es sagen. Du hattest recht mit der zusätzlichen Panzerung.”

“Das hört sich gut an.”

Während Rhys wieder zu den Waffen griff, verringerte Mila weiter den Abstand zur Cutlass.

“Schalte sie aus, Rhys.”

Mila konzentrierte sich darauf, die Freelancer ruhig zu halten, während Rhys auf die Triebwerke der Cutlass zielte. Devanas Doppelkanonen eröffneten das Feuer. Die Cutlass ruckte zur Seite, kam vom Kurs ab und ein kleiner, heller Blitz verriet ihnen, dass sie einen Treffer gelandet hatten. Mila warf einen flüchtigen Blick auf den Scan. Er wurde aktualisiert und zeigte, dass das linke Triebwerk der Cutlass beschädigt worden war.

“Wir zielen auf den Sprungantrieb”, sagte Rhys.

Als das Phantom die Kontrolle über sein Schiff wiedererlangte, feuerte Rhys eine Reihe von Schnellschüssen ab, die auf den gepanzerten Antrieb der Cutlass zielten. Die Cutlass taumelte, schwankte von einer Seite zur anderen, diesmal mit Kurs auf eine halb verschrottete Orion in der Nähe. Sie verschwand auf der anderen Seite des Schiffes. Mila änderte den Kurs, um der Cutlass zu folgen.

“Wir geben ihr keine Chance, eine weitere Mine zu legen”, sagte Mila.

“Ich glaube, wir haben sie”, antwortete Rhys leise. “Hier kommt sie nicht mehr raus.”

Mila unterdrückte ein Lächeln und versuchte, das schwindelerregende Gefühl in ihrem Magen zu ignorieren.

“Guter Schuss. Aber wir müssen sie trotzdem fangen.”

Die Lichter der Freelancer beleuchteten das auseinandergerissene Schiff, hinter dem das Phantom verschwunden war. Es entblößte seine Eingeweide – mit einem Gewirr aus Rohren und Dutzendem von Lagerebenen, teilweise sichtbar und teilweise nicht. Das Schiff war geradezu ein Labyrinth aus Korridoren. Mila wurde langsamer, als ihre Lichter die Cutlass entdeckten. Sie war nahe der Vorderseite des Schiffes, dicht an den Rumpf geschmiegt. Mila suchte entlang des Rumpfes, während Rhys das Funkgerät aktivierte und die Cutlass rief.

Keine Reaktion.

Er überprüfte den Scan erneut.

“Ich glaube, ihre Systeme versagen. Wir haben ein paar gute Treffer gelandet.”

Ein weißer Raumanzug schwebte zwischen der Heckklappe der Cutlass und dem Rumpf des Frachters. Das Phantom schlug um sich, als es in den Frachter stürzte und verschwand. Mila zog die Freelancer näher an die Cutlass heran und sah Rhys an.

“Wir müssen ihr hinterher.”

“Sie stellt uns eine Falle.”

“Sie flüchtet”.

“Sie kann nirgendwo hin.”

“Wir haben sie.”

“Sie hätte um Hilfe rufen können. Was ist, wenn Verstärkung auftaucht? Was ist, wenn sie auf der Plattform jemanden getroffen und ihn um Hilfe angerufen hat? Dieser Frachter ist eine Todesfalle.”

Mila steuerte das Schiff näher an die Stelle, an der das Phantom verschwunden war und löste ihr Gurtzeug.

“Ich gehe rein.”

Rhys hielt sie am Arm fest.

“Tu es nicht. Sie kann nicht ewig da drin bleiben. Wir können abwarten, bis sie raus kommt. Das ist es, was sie will.”

Mila handelte unprofessionell – und sie wusste es. Aber ihr Adrenalinspiegel war zu hoch. Sie zog ihren Arm weg und ging, um sich umzuziehen. Rhys folgte ihr und beobachtete, wie sie ihren gepanzerten Anzug anzog und ihre Pistole an ihre Hüfte schnallte.

“Sie schafft es immer, zu entwischen”, sagte Mila.

Sie schlug frustriert mit der Faust gegen den Spind. Zu wissen, dass das Phantom so nah war – direkt neben ihnen in diesem Schiff…das machte es schwer, klar zu denken. Aber Mila war sich ihrer Sache sicher. Sie würde ihr nachgehen.

“Diesmal sind wir so nah dran”, fuhr Mila fort und versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten. “Zu nah, um zu riskieren, sie zu verlieren und du weißt, dass dies unsere einzige Chance ist. Ich werde reingehen. Du kannst mitkommen, wenn du willst.”

Rhys legte eine Hand um Milas Arm und drehte sie so, dass sie ihn ansah. Sie schaute zögernd zu ihm auf.

“Ich sollte derjenige sein, der ihr nachgeht”, sagte er unwirsch. “Du bewachst das Schiff. Wenn sie wieder herauskommt oder jemand auftaucht, kannst du mich rufen.”

“Nein.”

Rhys musterte sie mit seinen grünen Augen, die eindeutig besorgt waren. Mila atmete schwer.

“Wir sollten zusammen reingehen.”

“Mila, jemand muss bei Devana bleiben und du bist der bessere Pilot. Lass mich versuchen, sie zu jagen. Die Mission hat Vorrang.”

Milas Magen krampfte sich bei dem Gedanken zusammen, dass Rhys dort allein reingehen würde, aber er hatte Recht. Jemand musste bleiben. Und die Mission musste an erster Stelle stehen. Rhys deutete ihr Schweigen als Zustimmung, zog sich schnell um und steckte seine Lampe ein. Sie behielt ihren Raumanzug an – nur für den Fall, dass sie ihm doch helfen musste. Ihre Kehle schnürte sich zu, als sie zu ihrem Sitz zurückkehrte und die Freelancer näher an die Stelle manövrierte, wo das Phantom verschwunden war. Rhys kam zurück ins Cockpit und drückte leicht ihren Arm.

“Halte den Sprechkanal offen und bleib auf der Hut.”

Mila nickte und holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Das konnte leicht schief gehen. Sie ließ den Druck im Frachtraum ab und senkte die Rampe. Er stieß sich ab und ließ sich in den dunklen Körper des Frachters treiben. Fast hätte sie ihm gesagt, er solle zurückkommen, sie könnten warten bis das Phantom aufgab, aber sie zögerte. Ihre Gefühle für Rhys kämpften mit ihrem Bedürfnis, die Terroristin zu fangen. Ihr Bedürfnis gewann die Oberhand. Dies war ihre letzte Chance, das Phantom zur Strecke zu bringen.

Rhys würde es gut gehen. Er war ein guter Schütze. Einige Momente vergingen und Mila zwang sich, die Scanner erneut zu überprüfen. Keine Anzeichen für andere sich bewegende Schiffe in der Nähe. Ein dumpfer Schlag ertönte von irgendwoher auf dem Rumpf ihrer Freelancer. Milas Herzschlag beschleunigte sich. Sie zog ihre Waffe aus dem Halfter. Sie behielt die Frachtraumtür im Blick und sah ein Licht aufblitzen. Der Alarm ertönte – eine Warnung, dass die Tür von der anderen Seite geöffnet worden war. Der Laderaum war noch drucklos. Mila wandte sich wieder der Konsole zu und versuchte, die Tür zu verriegeln, aber es gelang ihr nicht. Es war zu spät, die Rampe anzuheben, zu spät, den Druck im Laderaum wieder herzustellen. Mila stand auf, ihre Pistole fest im Griff, ihr Blick auf die Tür zum Frachtraum gerichtet. In diesem Moment ertönte Rhys’ Stimme über das Funkgerät.

“Es gibt zu viele Orte zum Verstecken.”

Seine Stimme erhob sich.

“Mila, schließ die Rampe! Ich habe gerade einen leeren Raumanzug gefunden. Sie war es nicht.”

“Ich weiß, erwiderte Mila. Sie ist hier, Rhys. Ich wiederhole, sie ist auf dem Schiff.”

Die Tür zum Frachtraum öffnete sich und Milas Körper hob vom Boden ab, als die künstliche Schwerkraft deaktiviert wurde. Sie griff mit einer Hand nach der Sitzlehne, mit dem anderen holte sie weit aus. Das Phantom schwebte durch die Tür und gab einen Schuss ab. Er zerriss Milas Anzug, sie schrie auf. Ein schrecklich brennender Schmerz durchzuckte Milas Schulter und der Sauerstoff ihres Anzugs begann zu entweichen. Sie schoss verzweifelt zurück, aber das Phantom stieß sich von der Decke ab in Richtung Boden und entwich mit einem gut geübten schwerelosen Ausweichmanöver. Milas Schuss verfehlte das Phantom und durchschlug stattdessen ein Stück der Hülle ihrer Freelancer.  Adrenalin durchflutete sie. Sie hatten das Phantom in die Enge getrieben und nun würde sie bis zum äußersten gehen, um „Devana“ zu übernehmen.

Mila würde das nicht zulassen. Sie gab einen weiteren Schuss ab, verfehlte aber erneut, als sich das Phantom geschickt vom Boden abstieß. Es stürzte nach vorne und schlug gegen Milas verletzten Arm. Mila schrie auf und sah sich selbst in dem, reflektierenden dunklen Glas von Elaines Helm. Sie sah die blutige Schulter, ihres gerissenen Anzugs. Elaine rammte ihre Pistole direkt in Milas Helm und riss ihr dann die Waffe aus der Hand. Mila erholte sich, rang mit dem Phantom und schaffte es, ihr eine Faust in den Arm zu schlagen, wodurch sie den Griff um ihre eigene Waffe verlor. Beide Pistolen schwebten davon. Mila versuchte, sich in Richtung der Pistolen abzustoßen, aber Elaine packte sie in einem engen Würgegriff.

“Bin gleich da.”

Rhys Stimme klang panisch und Mila hatte nicht den Atem, um zu antworten.

“Beeil dich”, stieß sie hervor.

Sie kämpfte gegen Elaine und versuchte, sie abzuschütteln, aber die beiden drehten sich schwerelos im Kreis und prallten immer wieder an den Wänden ab. Schließlich stieß sich Mila mit ihren Füßen an einer der Wände ab und drückte kräftig zu, so dass sie und Elaine mit dem Rücken gegen eine Sitzlehne im Cockpit prallten. Schweiß tropfte in Milas Augen, es war extrem anstrengend und langsam wurde ihr schwarz vor Augen, denn immer mehr Sauerstoff entwich aus ihrem Anzug. Der Frachtraum war weit offen, der ganze Sauerstoff weg. Bald würde Milas Anzug genauso leer sein. Elaine stieß sich vom Sitz ab und schleuderte sie beide den Gang hinunter. Sie flogen auf die schwebenden Pistolen zu. Mila befand sich immer noch in einem engen Würgegriff, als sie nach der nächstgelegenen Pistole griff, aber die Pistole drehte sich weg und verschwand aus ihrer Reichweite. Das Phantom schlug Mila hart in die Rippen und drückte auf die blutende Wunde in ihrer Schulter.

Mila wurde fast ohnmächtig. Ohne Vorwarnung setzte die Schwerkraft wieder ein und schleuderte Mila und Elaine auf den Boden. Die Pistolen klapperten, als sie mit ihnen zu Boden fielen. Mila krabbelte von Elaine weg und schloss ihre Faust um die nächstgelegene Pistole. Sie drehte sich auf den Rücken und richtete die Pistole auf das Phantom, gerade als dieses sie angreifen wollte. Das Phantom erstarrte und hob langsam die Hände, Handflächen nach außen, in einer Geste der Kapitulation. Milas bleiches Gesicht spiegelte sich in Elaines dunklem Visier. Rhys rannte mit gezogener Pistole durch die Tür.

“Leg ihr die Handschellen an. Schmeiß sie in die Kapsel. Ich brauche Sauerstoff”, keuchte Mila.

Die Pistole schwankte in ihrem Griff, während sie darum kämpfte, konzentriert zu bleiben. Sie drohte zu ersticken. Rhys schleuderte das Phantom gegen die Wand und zerrte sie dann in eine Gondel. Nach wenigen Augenblicken war er zurück und stellte den Sauerstoffgehalt im Cockpit wieder her. Dann nahm er Mila den Helm vom Kopf und die dunklen Flecken, die ihre Sicht trübten, verblassten. Sie konnte wieder atmen. Sie versuchte, Rhys ein Lächeln zu schenken, aber der stechende Schmerz in ihrer Schulter ließ es zu einer Grimasse werden.

“Wir haben sie.”

Rhys nahm seinen Helm ab und berührte sanft ihre Wange, seine Stirn war gekräuselt vor Sorge.

“Ja, wir haben sie erwischt. Aber es sieht so aus, als hätte sie dich fast erwischt.”

“Mir geht’s gut.”

“Nein, geht es dir nicht.”

Rhys schnappte sich einen MedPen und stieß ihn in ihren Arm. Die Medizin wirkte schnell und linderte Milas Schmerzen.

Dann beugte sich Rhys hinunter und drückte seine warmen Lippen sanft auf die ihren. Als sie sich küssten, spürten sie, wie sich Erleichterung in ihnen breit machte. Sie hatte sich nicht erlaubt zuzugeben, wie besorgt sie war, welche Sorgen sie sich um ihn gemacht hatte, als er auf den Frachter war. Sie hob eine Hand und streichelte die rauen Stoppeln seiner Wange, während Rhys seine Hand über die ihre legte.

“Du hattest recht”, sagte er. “Ich glaube, mein professionelles Urteilsvermögen ist getrübt worden … durch das hier. Durch uns. Ich hätte diesem Plan nie zustimmen sollen. Wir hätten abwarten sollen. Aber ich habe diesen sturen Blick in deinem Gesicht gesehen, und …”

Mila schüttelte den Kopf.

“Wenn Dein Urteilsvermögen getrübt ist, ist es auch meines.”

Sie gab ihm einen weiteren Kuss.

“Das kriegen wir schon wieder hin. Das Wichtigste ist, dass wir beide es geschafft haben, dass wir es beide gut überstanden haben. Wir haben die Mission erfüllt.”

Rhys lächelte endlich und half Mila auf die Beine. “Wir haben es geschafft. Bist du bereit, unser Phantom zu enttarnen?”

“Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so bereit wie jetzt.”

Rhys tippte den Code der Kapsel ein, die Tür öffnete sich und enthüllte das Phantom an der inneren Stange gefesselt. Dies war die Frau, die sie seit Monaten gejagt hatten, die Frau, die sie mehr als einmal fast getötet hätte. Und sie hatten nicht einmal gewusst, wie sie wirklich aussah. Rhys hob eine Augenbraue zu Mila.

“Willst du dir die Ehre geben, oder soll ich..?”

Mila hob ebenfalls eine Augenbraue und er wich zurück. Sie zuckte zusammen, als sie beide Hände benutzte, um den Helm des Phantoms zu entriegeln. Mit einer raschen Bewegung nahm Mila den Helm des Phantoms ab und trat einen Schritt zurück. Sie und das Phantom begegneten sich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht. Mila blieb fast das Herz stehen. Sie hob zitternd eine Hand und legte sie auf ihren Mund. Rhys warf ihr einen verwirrten Blick zu.

“Evony Salinas”, sagte das Phantom. “Wer hätte gedacht, dass eine Salinas jemals Kopfgeldjäger werden würde?”

Rhys’ Augen weiteten sich.

“Wer? Was ist hier los, Mila?”

Das Phantom starrte Mila eindringlich an.

“Benutzt du jetzt deinen zweiten Vornamen?”

“Du kennst das Phantom?”

Rhys’ Stimme war tief und klang ungläubig.

Mila ließ die Hand von ihrem Mund fallen und fand ihre Stimme endlich wieder. Sie trat noch einen Schritt zurück.

“Ihr Name ist Casey Phan.”

“Phan? Wie in Phan Pharmaceuticals?”

Mila nickte.

“Genau so. Aber … Casey Phan wurde vor zehn Jahren ermordet.”

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drei

Kapitel drei

Mila und Rhys hatten das Phantom monatelang gejagt, sie hatten ihre ganze Hoffnung darauf gesetzt, sie, Elaine, zu finden und das Kopfgeld zu kassieren. Nun stand das Phantom endlich vor ihnen, gefesselt in ihrer Gefangenenkapsel.

Eigentlich hätte Mila sich freuen sollen, aber der Schock saß zu tief. Evony Salinas. Mila hatte vor einem Jahrzehnt aufgehört, sich Evony zu nennen, doch das Phantom kannte ihren richtigen Namen. Und das Gesicht des Phantoms sah genauso aus wie das ihrer Freundin Casey Phan – dem Mädchen, das vor zehn Jahren ermordet aufgefunden worden war.

Das konnte nicht sein. Nein, unmöglich! Aber es war so. Der Terrorist, der all die Phan-Labore überfallen hatte, war die Tochter des Gründers von Phan Pharmaceuticals. Und seit zehn Jahre ließ sie die Menschen im Glauben, sie sei tot.

Aber sie war am Leben.

Mila behielt Casey im Auge. Ihr war schwindelig. Der Boden schwankte unter ihren Füßen. Rhys griff nach ihrem Arm, um sie zu stützen.

“Du solltest eigentlich tot sein”, flüsterte Mila.

Casey schluckte, wandte den Blick ab und starrte auf die Wand hinter ihnen.

“… und du solltest auf Terra sein.”

“Du … du hast mich fast umgebracht.”

Emotionen, die Mila nicht erwartet hatte, stiegen offenbar in Caseys hoch. Ihre Mimik verriet Besorgnis und Reue.

“Ich schwöre, ich wusste nicht, dass du es warst. Du hättest mir nicht folgen sollen.”

Rhys stellte sich vor Mila, versperrte ihr die Sicht auf Casey.

“Stopp”, befahl Mila.

Rhys erwiderte scharf: “Sie ist eine Terroristin, Mila.”

“Ich muss mit ihr reden.”

Rhys hielt inne, trat einen Schritt zurück und man konnte sehen wie seine Kiefer arbeiteten.

“Wir können hier nicht bleiben. Wir sind leichte Beute.”

Er sah das Phantom an.

“Hast du jemanden kontaktiert, um uns zu treffen?”

Casey presste ihre Lippen aufeinander. Sie blieb stumm. Mila ballte ihre Fäuste.

“Alle denken, du bist tot. Wie konntest du … und du greifst die Labore deines Vaters an … du tötest Menschen?”

Caseys Nasenlöcher blähten sich.

“So einfach ist es nicht. Ich werde es dir erklären. Aber nicht vor ihm.”

Sie deutete auf Rhys.

“Ich kenne ihn nicht.”

Rhys stieß ein schroffes Lachen aus.

“Du hast heute dreimal versucht uns zu töten. Sollte das eine Art Rekord sein? Jetzt willst du Mila eine rührselige Geschichte erzählen und hoffst, dass sie dich frei lässt? Das wird nicht passieren!”

Casey verkrampfte, als Rhys anfing, ihren Raumanzug zu durchsuchen. In Milas Innern kämpften Wut und Erleichterung miteinander. Wie zum Teufel konnte Casey noch am Leben sein? Mila hatte die Berichte über ihre Ermordung gelesen, sie hatte der Beerdigung beigewohnt. Eine staatliche Zeremonie, bei der viele hochrangige terranische Beamte anwesend gewesen waren. Mila trug damals ein solides schwarzes, bodenlanges Kleid und einen breitkrempigen terranischen Hut. Sie bedeckte ihr Gesicht, denn sie weinte die ganze Zeit, währen Caseys Vater die Trauerrede hielt.

Milas Mutter unterstützte sie täglich, um über die Trauer hinweg zu kommen. Ihre Mutter hatte sie immer unterstützt, bis zu jenem Tag … dem Tag, an dem sie sich von ihrer Familie abwandte, um Kopfgeldjägerin zu werden. Alles hatte nur mit Caseys Tod zu tun.

Casey Phan sollte TOT sein.

Mila sah in Caseys Augen. Diese … diese Person vor ihr konnte nicht ihre Freundin sein. War das eine Art Trick?

Rhys beendete die Durchsuchung. Er fand nichts und schlug mit der Faust auf den Knopf an der Gefangenenkapsel. Die Tür schwang zu und schloss Casey wieder ein. Als die Tür piepte und bestätigte, dass sie gesichert war, wandte sich Rhys an Mila. Er fuhr sich mit der Hand durch sein braunes Haar und versuchte sich einen Reim auf die Situation zu machen. Er schüttelte den Kopf.

“Schau. Wir müssen hier raus und zurück nach Tevistal, um sie den Advocacy zu übergeben. Wir sind im Moment zu ungeschützt und wir wissen nicht, ob sie nach Verstärkung gerufen hat.”

Mila nickte. Sie blickte zurück zur Kapsel und sah Caseys Kopf durch die Glasscheibe, die ihren Kopf so tief hängen ließ, dass Mila den Ausdruck ihres Gesichts nicht zu erkennen vermochte. Wie konnte das nur möglich sein? Milas war ganz flau im Magen, als sie Rhys ins Cockpit folgte.

“Bitte. Du fliegst. Ich bin im Moment nicht in der Lage.”

Rhys setzte sich auf den Pilotensitz und startete die Triebwerke. Er lenkte das Schiff Caseys verlassener Cutlass vorbei, durch den treibenden Schrott. Mila scannte unterdessen nach Anzeichen für weitere Schiffe, aber sie fand keine. Entweder waren die Scans durch die Trümmer blockiert oder sie waren allein hier draußen. Sie und Rhys hüllte ein angespanntes Schweigen ein, bis sie endlich den Rand des Trümmerfeldes erreichten. Ein paar Schiffe tauchten auf ihrem Scanner auf, aber alle waren an der nahegelegenen Plattform Septa angedockt. Keines von ihnen war in ihrer Richtung unterwegs.

“Die Advocacy wird ihr Schiff durchsuchen wollen.”

“Ich habe die Koordinaten gespeichert”, sagte Mila.

Sie flogen in den offenen Raum und die Erkenntnisse der letzten Minuten hingen wie ein Damokles- Schwert über ihnen. Mila nahm einen tiefen Atemzug.

“Du hast mich auf Tevistal gefragt … du hast gefragt, warum ich dieses Kopfgeld nicht aussetzen konnte.”

Rhys nickte stumm.

Mila seufzte und lehnte sich in ihrem Sitz zurück, wobei sie versuchte, nicht zu sehr an Casey zu denken, die hinter ihnen in einer Kapsel eingeschlossen war.

“Casey und ich standen uns sehr nahe. Wir sind zusammen aufgewachsen. Meinem Vater gehörte eine Herstellerfirma von Bauteilen und ihr Vater besaß eine Biotech-Firma. Beide haben zusammen Geschäfte gemacht. Unsere Familien verbrachten viel Zeit miteinander. Ich dachte, ich kenne sie.”

Milas Stimme drohte in Tränen zu ersticken, aber sie zwang sich weiter zu sprechen.

“Als ich sechzehn war, ist Casey verschwunden. Schließlich fand man ihre Leiche außerhalb unserer Welt – sie war ermordet worden. Ihr Vater setzte alles daran ihren Mörder zu finden, aber sie haben ihn nie gestellt. Ich dachte, sie wurde gekidnappt oder vom Planeten gelockt. Ich konnte nicht glauben, dass sie einfach einen Transport von Terra nehmen würde, ohne mir ein Wort zu sagen.”

“Also glaubten alle, sie sei tot”, ergänzte Rhys.

“Ja. Das taten sie. Ich auch.”

Mila sah Rhys an und umklammerte fest die Armlehne ihres Sitzes.

“Caseys Tod vor zehn Jahren war der Grund, warum ich Kopfgeldjägerin geworden bin. Casey Tod konnte ich nicht rächen, aber für andere war ich in der Lage Gerechtigkeit zu erlangen. Meine Familie verleugnete mich mit dem Tag, als ich ging. Als ein Terrorist vor ein paar Monaten einen Anschlag auf Phan Pharmaceuticals durchführte, kamen all diese alten Gefühle in mir wieder hoch.”

Milas Augen brannten und sie versuchte vergebens ihre Tränen zu unterdrücken.

“Caseys Mörder war entkommen, aber jetzt hatte jemand anderes die Familie Phan angegriffen und diesmal konnte ich tatsächlich etwas dagegen tun.”

Rhys hielt das Schiff an und ließ es treiben. Er nahm seinen Gurt ab und lehnte sich zu ihr. Zärtlich wischte er ihr die Tränen von den Wangen.

“Danke, dass du mir das alles erzählt hast.”

Mila schnallte sich ab und stand auf. Rhys umarmte sie fest, in dieser Umarmung, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Sie gab nach und ließ sich von ihm ein paar einige Augenblicke halten. Dann wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und löste sich von ihm. Sie atmete tief ein und aus.

“Ich muss mit ihr reden. Ich kann sie nicht ausliefern, ohne die Wahrheit zu kennen. Ich muss wissen, was wirklich passiert ist.”

Rhys Augen verengten sich.

“Ich traue ihr nicht. Sie ist gefährlich. Ich möchte, dass du in ihr nicht die Freundin von früher siehst, mit der du aufgewachsen bist. Sie könnte alles sagen, um deine Sympathie zu gewinnen.”

“Ich weiß. Ich weiß. Ich will nur …”

“Ich werde hier oben bleiben. Ich kann mithören, wenn du willst.”

“Nein. Sie sagte, sie will mit mir allein sprechen. Vertraust du mir?”

Rhys berührte ihr Gesicht und wischte ihr die letzten Tränen weg.

“Du weißt, dass ich das tue.”

Mila schenkte ihm ein kleines Lächeln und ging zum Waschbecken, um sich zu vergewissern

dass sie nicht unordentlich aussah. Sie konnte Casey nicht zeigen, wie sehr sie sie beeinflusst hatte. Rhys hatte Recht. Casey war jetzt eine Terroristin. Sie hatte ihren eigenen Tod vorgetäuscht. Das waren die Taten einer Soziopathin. Aber sie musste trotzdem hören, was Casey zu sagen hatte.

* * *

Mila tippte den Code der Kapsel ein und trat zurück, als die Tür aufschwang. Casey blinzelte sie verschlafen an und straffte dann die Schultern.

“Ich will reden”, sagte Mila.

Casey kniff die Augen zusammen.

“Wo ist der andere Kerl? Ich will einen Beweis, dass er nicht mithört.”

“Das tut er nicht. Nimm mich beim Wort oder ich schließe diese Kammer wieder. Du bekommst keine zweite Chance zu Reden.”

Die Spannung, die in der Luft lag, war zum Schneiden und ein Rinnsal Schweiß lief über Milas Rücken. Schließlich lenkte Casey ein und nickte. Mila atmete auf.

“Warum hast du deinen eigenen Tod vorgetäuscht?”

Caseys Augen wurden weicher, als sie in Milas Gesicht sah. Das brachte Mila wieder aus dem Gleichgewicht. Konnte eine Soziopathin Empathie zeigen? Oder täuschte sie die auch nur vor?

“So ist es nicht gewesen”, sagte Casey. “Glaub mir … es hat an mir gezehrt, dass die Menschen, die ich liebte, dachten, ich sei tot. Aber es war besser so … sicherer für alle Beteiligten.”

“Das musst Du mir erklären.”

“Bringst du mich jetzt zur Advocacy? Wie weit sind wir?”

Mila trat vor und stieß Casey einen Finger in die Brust. Casey wich zurück.

“Nein. Ich stelle die Fragen. Und du beantwortest sie. Was ist mit dir?”

Casey befeuchtete ihre Lippen.

“Kurz bevor ich … bevor ich verschwunden bin … habe ich einige Dinge entdeckt. Zum Beispiel, was die Firma meines Vaters gemacht hat. Illegale Biotests an menschlichen Versuchspersonen. Je mehr ich grub, desto schlimmer wurde es. Er hat Biowaffen hergestellt, Evony.”

“Mila. Mein Name ist Mila. Und du lügst. Wenn dein Vater mit so etwas zu tun gehabt hätte, dann hätte die UEE seine Firma schon vor Jahren geschlossen.”

Casey stieß ein Lachen hervor.

“Es gibt so viel, was unter der Oberfläche vor sich geht.

Die Leute werden bestochen, um die Dinge zu verbergen. Gesetzestreue Bürger haben genauso viel Dreck am Stecken wie die Leute, die du jagst. Aber ich schätze, du würdest das nicht so sehen. Ich meine, Du bist jetzt Kopfgeldjägerin. Wie konnte das passieren?”

Wut kochte in Mila hoch. Ich habe das für dich getan. Sie konnte es plötzlich nicht mehr ertragen, Casey anzusehen. Sie hob ihre Hand, um die Kapsel zu schließen.

“Warte”, sagte Casey. “Okay. Du musst mir nicht glauben, aber ich werde dir alles erzählen. Alles.”

Mila ließ ihre Hand wieder sinken.

“Gut. Dann rede.”

“Ich habe meinen Vater über eine private Kommunikation abgehört. Er sagte etwas über Experimente, wie man die Beweise los wird. Das hat mir Angst gemacht. Also schnüffelte ich in seinem MobiGlas herum und fand leider, was ich hoffte, nicht zu finden – schreckliche Berichte. Dann hatte ich Beweise. Aber ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte.”

“Du hättest mit mir reden können. Wir waren uns so nahe.”

Milas Worte waren wie eine Anklage.

“Warum hast du mir nichts gesagt?”

“Ich hatte Angst, du würdest zu deinen Eltern gehen. Weißt du, wie viele Aktien sie an Phan Pharmaceuticals haben? Sie hätten es vertuschen wollen, genau wie mein Vater es getan hat. Als er mich beim Herumschnüffeln erwischte, wurde er so wütend, dass ich sofort wusste, er war schuldig. Ich musste einen Weg finden, ihn aufzuhalten … aber wie konnte ich meinen eigenen Vater an die UEE verraten?”

“Es macht dir offenbar nichts aus, seine Einrichtungen und Angestellten in die Luft zu jagen.”

“Das habe ich nicht …”

Casey schüttelte den Kopf und sah frustriert aus.

“Hör einfach zu. Ich war bei ein paar dieser Anti-Pharma-Treffen. Ich traf einen Kerl, der sich Desh nannte. Er sagte, er und einige andere arbeiteten im Geheimen daran, die Pharmakonzerne zu stoppen, die illegale Arbeit leisteten. Ich gestand, ich hätte Informationen über ein Unternehmen – und er versprach mir, wenn ich ihm Beweise liefere, könnten er und seine Freunde dafür sorgen, dass das aufhört. Sie versprachen mir, dass sonst niemandem etwas passieren würde.”

“Ernsthaft? Du erwartest, dass ich das glaube? Warst du wirklich so naiv?”

Caseys Gesicht verzog sich vor Gram.

“Ich war sechzehn.”

“Und was ist bei diesen Treffen passiert? Was ist mit Desh passiert?”

“Er bat mich, den Beweis mitzubringen, wenn wir die anderen Mitglieder treffen. Er und ich gingen getrennt an Bord verschiedener Transporter. Aber von da an lief alles aus dem Ruder. Er brachte mich zu einem Schiff, das am Rande des Systems wartete und dort fand ich heraus, dass er zu PF gehörte.”

“People First. Ja, die kenne ich. Ein Haufen verrückter Verschwörungstheoretiker. „Sie wurden nirgendwo in deinem Kopfgeld erwähnt. Sie waren seit Jahren nicht mehr aktiv.”

“Du irrst dich. Sie sind besser darin geworden ihre Spuren zu verwischen.”

“Was ist also passiert? Du hast einfach … deinen eigenen Tod vorgetäuscht und bist der PF beigetreten?”

Casey schüttelte traurig den Kopf.

“Nicht ganz. Zwei Agenten der Advocacy infiltrierten uns. Desh hat sie beide ausgeschaltet, aber nicht bevor sie ein Bild von uns zurück nach Terra übermittelt hatten. Wir sind da rausgekommen, aber ich konnte nicht mehr zurück nach Terra.”

Das musste eine ausgeklügelte Lüge sein, wie sollte sie erklären, dass ihr toter Freund als Teenager von Terra verschwunden war und zehn Jahre später als wieder Terroristin auftauchte?

“PF hat mich mitgenommen”, fuhr Casey fort. “Sie halfen mir zu verschwinden. Sie hatten Leute, die noch auf Terra waren und mir sagten, dass mein Vater alles vertuscht habe. Er hat es so aussehen lassen, als wäre ich nur ein unschuldiger Zuschauer, der während einer Schießerei starb. Er hat dafür gesorgt, dass mein Name nicht mit PF in Verbindung gebracht wurde. Er hat es mit der Hilfe deiner Mutter vertuscht, Ev.”

Milas Herz schlug bis zum Hals und sie schüttelte den Kopf.

“Nein. Nein, meine Mutter würde das nicht tun.”

“Hat sie aber.”

Caseys Stimme bekam einen bitteren Klang.

“Erinnere dich, mein Vater kandidierte in jenem Jahr für den terranischen Senat. Er konnte es nicht zulassen, dass herauskommt, dass ich mit Terroristen gesehen wurde.”

Mila presste die Lippen zusammen und stütze sich mit einer Hand an der Wand ab, um nicht den Halt zu verlieren. Ihre eigene Mutter. Eine Vertuschung. Ihr wurde plötzlich schwindlig und schlecht. Ihre Mutter hatte hochrangige Verbindungen als Vorsitzende des Haushaltsausschusses des Gouverneursrats. Wenn sie Teil einer Vertuschungsaktion war…

“PF hat mich beschützt”, sagte Casey erneut und unterbrach Milas Gedanken.

“Sie gaben mir eine neue Identität. Ich erfuhr bald, dass sie Einrichtungen zerstörten, in denen illegale Experimente stattfinden. Sie haben alle Versuchspersonen befreit, die gerettet werden konnten. Wir haben Wohltäter innerhalb und außerhalb des UEE-Raums, die uns bei der Finanzierung unserer Missionen helfen. PF schien das Richtige zu tun.”

“Du klingst stolz auf dich.”

Milas Stimme erhob sich.

“Stolz darauf, eine Terroristin zu sein.Wie viele Menschen hast du getötet?”

“Habe ich nicht.”

Casey zerrte an ihren Fesseln, als wolle sie ihre Hände bewegen, Mila anflehen, ihr zu glauben. Ein verzweifelter Ausdruck lag in ihren Augen.

“Was auch immer sie über mich sagen, ist nicht wahr. Ich gehe rein, hole die Ware, zerstöre die Labore und verschwinde. Ich bin keine Mörderin.”

“Du hättest uns fast umgebracht. Du hast eine Bombe in einem Wohnheim platziert.”

Ein reumütiges Lächeln durchbrach Caseys Verzweiflung.

“Aber war es leer, als du aufgetaucht bist?”

Mila kniff die Augen zusammen und antwortete nicht.

Casey nickte.

“Es hätte leer sein müssen. Ich habe jemanden bezahlt, um alle zu warnen. Es war nicht meine Schuld, dass sie geblieben sind.”

“So kannst also nachts schlafen. Du lügst dir selbst etwas vor. Erklärst dir alles Schlechte, das du tust.”

Casey wurde still und wandte ihren Blick ab.

“Nein. Ich tue, was ich tun muss. Tut das nicht jeder?”

“Warum erzählst du mir das alles überhaupt?”

“Du wolltest es doch wissen.”

“Wenn du denkst, dass ich dich dadurch befreien kann – ist das falsch. Die Advocacy wird dich für deine Verbrechen verurteilen. Du musst für deine Entscheidungen bezahlen.”

Caseys Augen weiteten sich.

“Schau – die Dinge, die ich getan habe, haben wahrscheinlich Millionen, vielleicht Milliarden von Leben gerettet. Weißt Du, was in dem letzten Labor los war, das ich in die Luft gejagt habe? Dort arbeitete man an einer Biowaffe, die ganze Welten hätte auslöschen können. Komplette Welten, Ev. Mein Vater hat jahrelang mit dem Feuer gespielt und wir hatten endlich die Mittel und Informationen, die wir brauchten, um seine Laboratorien zu zerstören. Wenn ich diese Jobs nicht machen würde, hätte es ein anderer PF-Agent getan. Und die hätten vielleicht weniger Überlebende hinterlassen. Er ist mein Vater. Seine Verbrechen waren meine Verantwortung. Aber – dieser Job war der letzte Job, den ich je für sie machen wollte. Das musst du mir glauben.”

“Das tue ich nicht. Natürlich würdest du sagen, dass es dein letzter Job war.”

“Ich wollte das alles aufgeben. PF lässt niemanden einfach so aus der Organisation wieder aussteigen … wenn man einmal drin ist, ist man für immer drin. Ich war auf dem Weg, jemanden zu treffen, der mich in das Gebiet der Xi’an schmuggeln wollte. Wenn Du mich jetzt gehen lässt, wirst Du nie wieder von mir hören. Aber ich muss irgendwohin gehen, wo man mich nicht finden kann.”

Mila schwieg sehr lange. Als sie Casey dann endlich in die Augen sah, meinte sie traurig:

“Du warst meine beste Freundin. Ich hätte alles getan, um dir zu helfen.”

“Du kannst mir jetzt helfen.”

“Nein. Du bist jetzt das Problem der Advocacy.”

Echte Angst machte sich auf Caseys Gesicht breit.

“Die Advocacy kann mich nicht beschützen. Sobald ich in deren Gewahrsam bin, bin ich eine Belastung für die PF. Ein Problem, um das man sich kümmern muss. Es gibt schon einen Grund, warum niemand etwas über PF weiß. Und wenn sie mich nicht kriegen, dann wird mein Vater das erledigen.”

Milas Brust zog sich zusammen und sie ertappte sich dabei, wie sie die Worte wiederholte, die Rhys auf Tevistal zu ihr gesagt hatte.

“Du hast immer eine Wahl. Immer. Und Du hast die falsche getroffen. Ich werde dafür sorgen, dass du in eine sichere Einrichtung gebracht wirst.”

“Dann muss ich Dich warnen. Wenn ich es bis zur Verhandlung schaffe … werde ich alle nötigen Schritte unternehmen, meinen Vater zu entlarven. Deine Mutter hat meinen Tod verschleiert, also kann ich nicht versprechen, dass sie kein Problem sein wird. Danach – wenn mein Vater mich bis dahin nicht getötet hat, wird PF es tun. Wenn du mich auslieferst, wirst du für all das verantwortlich sein. Für all das.”

Milas Wut kochte wieder hoch.

“Ist das eine Drohung? Das fragst Du Dich jetzt sicher.  Nein. Du bist für all das verantwortlich”, schloss Casey.

Mila schlug mit der Faust auf den Kammerknopf und die Tür schwang auf Casey zu und piepte, als sie sich verschloss. Mila kehrte zum Cockpit zurück. Das Herz war ihr schwer. Rhys hob die Brauen und wartete darauf, dass sie anfing zu reden.

“Du hattest recht. Sie ist eine Lügnerin. Jedes Wort aus ihrem Mund war eine Lüge und sie will nur, dass ich sie befreie.”

Rhys beobachtete Mila genau, suchte Milas Mimik ab und machte sich Sorgen um sie. Er streichelte mit einer Hand ihren Arm.

“Geht es dir gut?”

“Mir geht es gut”, sagte Mila und versuchte, den riesigen Kloß in ihrem Hals loszuwerden.

“Du musst nur immer daran denken, dass das da drin nicht deine Freundin ist. Es ist eine Fremde.”

“Ich weiß. Bringen wir sie einfach zurück nach Tevistal.”

* * *

Mila und Rhys legten die Gurte wieder an und Mila ließ den Scanner laufen, während sie ihren Kurs zurück zum Planeten verfolgten, den sie zuvor verlassen hatten.

“Ich bin erschöpft.”

Mila lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Sie hatten seit fast zwanzig Stunden nicht geschlafen.

“Sobald wir sie übergeben haben, dürfen wir schlafen.”

Mila murmelte etwas vor sich hin.

“Willst du schlafen, während ich fliege? Du siehst aus, als könntest du es gebrauchen.”

“Oh, danke. Nein. Ich glaube nicht, dass ich das könnte, selbst wenn ich es wollte.”

“Geht es dir wirklich gut?”

Mila löste ihr langes braunes Haar aus dem Knoten und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare.

“Ehrlich gesagt? Nein.”

“Ich bin bereit zu hören, was sie gesagt hat, wann immer du bereit bist, es zu erzählen.”

“Genau das, was du gesagt hast. Sie behauptete, sie sei keine schlechte Terroristin, was auch immer das heißen mag. Sie sagt, ihr Vater sei in illegale Tests verwickelt. Sie sagt, sie arbeitet mit PF  – den People First-Verrückten.”

Mila presste die Lippen zusammen. Sie brachte es nicht über sich, die Dinge zu sagen, die ihre eigene Mutter belasten könnten. Rhys klappte der Kiefer herunter.

“Also ist Casey eine Fassade für etwas Größeres und ihr Vater ist genauso schlimm wie sie, aber niemand in der gesamten UEE hat es in mehr als einem Jahrzehnt herausgefunden?”

Er schüttelte den Kopf.

“Nun, die Advocacy wird wissen was mit ihr zu tun ist. Das ist nicht unsere Aufgabe.”

“Ja, ich weiß.”

Mila dachte an das junge Mädchen, mit dem sie befreundet gewesen war. Dünn und zierlich, lange schwarze Haare, die ihr immer in den Augen hingen. Sie war so intelligent.

“Ich versteh’s nicht.”

“Menschen verändern sich.”

“Aber wir waren Kinder… wir waren zwölf, da war dieses Mädchen in der Schule, Lia. Sie war sehr wohlhabend und veranstaltete diese lächerlichen Partys in ihrer Villa. Sie brachten Spiele mit, teure Preise, die Art von Spielen, wie man sie auf Jahrmärkten findet. Es war verrückt. Wir waren alle mit ihr befreundet … bis ich sie eines Tages in der Akademie aus Versehen beleidigt habe. Also war ich die einzige, die mehr zu diesen Partys eingeladen wurde. Und was tat Casey? Sie verkündete vor allen, dass sie mit Lia fertig wäre und blieb dann in der Nacht der Party zu Hause, um mit mir alte Videos in unserem Kino-Raum anzuschauen. Sie hat immer solche Sachen für die Leute gemacht, um die sie sich sorgte. Immer so … loyal. Das passt alles nicht zusammen.”

“Es gibt nie einen ausreichenden Grund, um das zu tun, was sie getan hat.”

Ein langes Schweigen begleitete Mila und Rhys. Milas Verstand und Gefühl kämpften um die Casey, die sie kannte und Casey, die Terroristin, die in der Kapsel auf der „Devana“ eingesperrt war. Die Geschichte, die Casey erzählt hatte … über das Auffinden der illegalen Forschung, über den Entschluss, es selbst in Ordnung zu bringen … das entsprach der alten Casey. Es ließ Mila an allem zweifeln. Und die Tatsache, dass sie Zweifel empfand, machte ihr Angst. Aber es gab bei diesem Job keinen Platz für Zweifel.

“Was, wenn Casey die Wahrheit sagt?”, platzte sie heraus.

Rhys saß aufrecht in seinem Sitz.

“Das lassen wir die Advcacy entscheiden”, sagte er vorsichtig. Er blickte zu ihr und studierte ihr Gesicht.

“Wir halten uns an den Auftrag. Das Richtige ist, sie auszuliefern. Wenn sie feststellen, dass sie die Wahrheit sagt, können sich die zuständigen Behörden darum kümmern. Du und ich werden von all dem wegkommen … und eine lange Auszeit nehmen. Das war doch der Plan, oder?”

“Richtig”, antwortete Mila schnell.

Nach ein paar unangenehmen Minuten räusperte sich Rhys.

“Weißt du, das war das meiste, was du mir je über deine Vergangenheit erzählt hast.”

“Du bist ein Kopfgeldjäger”, antwortete Mila und war froh, das Thema Casey abgehakt zu haben.

“Hast du nicht über mich recherchiert, bevor wir zusammen ins Geschäft kamen?”

Rhys grinste, aber es steckte keine wirkliche Heiterkeit dahinter.

“Ja. Du hast gute Arbeit geleistet dich selbst von der Landkarte zu streichen, Evony, hm?”

Mila zuckte zusammen.

“Ja. Meine Familie hat mich sozusagen verleugnet, als ich der Gilde beigetreten bin. Das war nicht das Leben, das sie für ihr einziges Kind geplant hatten. Ich beschloss, neu anzufangen und meinen zweiten Vornamen zu benutzen.”

“Wir alle haben eine Vergangenheit … und viele von uns wählen die Kopfgeldjagd, um unsere Vergangenheit hinter uns zu lassen. Bei dir bin ich meinem Bauchgefühl gefolgt.”

Rhys sah ihr in die Augen und sie konnte das offene Vertrauen sehen, das darin lag.

“Und ich weiß, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.”

Mila lächelte und für den Rest des Fluges zurück nach Tevistal schwiegen beide.

Rhys vertraute ihr.

Aber konnte sie sich selbst vertrauen?

*****

Das flaue Gefühl in Milas Magen wurde immer größer, als Rhys wieder an den Docks von Tevistal landete. Er meldete sich bei der Wartung und verbrauchte das letzte Guthaben, um den vorderen Schild zu flicken zu lassen und eine Manövrierdüse zu ersetzen.

“Ich habe gerade genug, um ein Schwebefahrzeug zu mieten”, sagte er zu Mila, als er die Adresse des Advocacy-Büros aufrief und eine Liste der Agenten, die dort arbeiteten.

“Wir können nicht riskieren, den Aufenthaltsort des Phantoms zu verraten. Ich kenne diesen Advocacy Agenten”, sagte er und zeigte auf einen Namen. “Ich habe schon mit ihm gearbeitet und vertraue ihm. Ich werde mit ihm persönlich Kontakt aufnehmen, damit wir Casey ausliefern können. Dann werden wir bezahlt und danach verschwinden wir.”

Mila nickte und Rhys machte sich auf den Weg zurück in sein Quartier, um sich umzuziehen und seine Ausrüstung zu holen. Mila drückte ihre Hände fest in den Schoß und sah zu, wie die Arbeiter begannen, das Cockpit zu flicken. Ich schaffe das. Ich kann Casey umdrehen. Mila stand auf, als Rhys wieder auf sie zukam. Sie ließ die vordere Rampe für ihn herunter und sah zu ihm auf, zu der Sorge in seinem Gesicht und fragte sich, wie ihr eigenes Gesicht wohl aussehen mochte. Seine Augen funkelten und er beugte sich hinunter, um seine Lippen auf die ihren zu drücken. Sie küsste ihn zurück, genoss seine Wärme und wünschte sich, dass Rhys und seine Loyalität und sein Vertrauen ihre Zweifel an Casey auslöschen würden. Er hüllte sie in eine feste Umarmung. Sie hörte das Klopfen seines Herzens in seiner Brust und ein neues Gefühl der Furcht blühte in ihr auf. Sie wollte ihn nicht loslassen, aber schließlich löste er die Umarmung.

“Ich sollte bald mit Agenten zurück sein. Lass niemanden in dieses Schiff.”

“Das werde ich nicht.”

“Alles wird gut.”

Rhys küsste sie noch einmal sanft und dann beobachtete sie, wie  er die Rampe zu den Docks hinunterfuhr. Mila fuhr die Rampe ein und ging zurück zum Sitz des Co-Piloten, ohne einen Blick auf die Kapsel zu werfen, in der Casey verschlossen war. Es war ihr noch nie so schwer gefallen, einen Verbrecher zu stellen. Andererseits hatte sie vorher noch nie einen Kriminellen persönlich gekannt. Es war gut, dass Rhys es handhabte. Sie konnte es nicht. Er hatte Vertrauen in sie und das bedeutete alles. Dies war jetzt ihr Leben. Und sie musste ihren Job machen.

Aber…

Mila aktivierte ihr MobiGlas und griff auf das lokale Netzwerk zu. Sie suchte ein Jahrzehnt zurück und suchte nach alten Nachrichten über Owen Phan und Casey Phans Tod. Das erste Bild, das sie aufrief, war von Owen Phan während seiner gescheiterten Kandidatur. Owen und Caseys Mutter Lynn standen zusammen bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Neben ihnen: Milas Eltern. Milas Herz schlug schneller. Ihre Mutter stand zwischen ihrem Vater und Owen. Sie rief ein weiteres Dutzend Bilder auf und mehr als die Hälfte davon zeigten ihre Eltern mit den Phans. Wenn Casey die Wahrheit sagte, dann würde Caseys Prozess ihre beiden Familien zerstören. Und wenn es die Wahrheit war, bedeutete es, dass ihre eigene Mutter sie belogen hatte, sie trauern ließ obwohl Casey nicht einmal tot war.

Mila holte tief Luft und verdrängte ihre Wut über diesen Gedanken. Sie suchte nach Artikeln über Caseys Tod.

„Phan Pharmaceutical-Erbe ermordet im Ausland aufgefunden.“

 

Mila hatte diese Meldung schon Dutzende Male gelesen. Casey hatte eine Reise auf eigene Faust gemacht, ganz allein. Jemand hatte sie umgebracht. Falscher Ort, falsche Zeit. Der Mörder wurde nie gefunden. Familie am Boden zerstört. Keine neuen Spuren. Fall abgeschlossen.

Mila führte eine neue Abfrage durch. Phan Pharmaceutical, illegale Biowaffen. Mehr als tausend Ergebnisse erschienen. Mila blätterte sie durch. Die meisten waren PR-Mitteilungen von Phan Pharmaceutical selbst, die die harte Arbeit betonten, die sie geleistet hatten, um die Herstellung von Biowaffen zu verhindern. Das Spektrum brachte sie nicht weiter. Sie musste tiefer in die Recherche eintauchen. Sie begann, nach potentiellen Bedrohungen zu suchen. Innerhalb von Sekunden erschienen die Nachrichten. Illegale Testobjekte. Beweise für die Entwicklung von Biowaffen. Verdächtige Einrichtungen.

Mit klopfendem Herzen überprüfte Mila die Dokumente, die jemand namens “DarkStar” hochgeladen hatte. Die Liste enthielt alle Einrichtungen, die das Phantom in den letzten Monaten angegriffen haben soll. Warum hatte Mila nicht daran gedacht, diese Informationen zu recherchieren? Sie war so darauf konzentriert gewesen, das Phantom aufzuspüren, dass sie die Möglichkeit ignoriert hatte, dass Phan Pharmaceuticals etwas getan haben könnte, was die Angriffe rechtfertigte.

Aber es gab keinen guten Grund für Terrorismus. Den gab es einfach nicht. Ein anderer Nutzer hatte Dokumente gepostet, in denen behauptet wurde, dass Phans Forschungseinrichtung bis zum Hals in psychoaktiven Waffen steckte. Es war die dritte Einrichtung, die das Phantom angegriffen hatte. Mila rief die Dokumente auf. Es waren interne Memos mit dem Logo von Phan Pharmaceuticals. Schwärzungen von Aussagen. Verweise auf ein gewisses ILIOS-Projekt. Mila überflog sie, ihr Herz pochte.

Einhundertprozentige Sterberate. Schnelle Ausbreitung durch Körperkontakt. Quarantäne. Käufer aus vier Welten. Das war kein Beweis. Vielleicht arbeiteten sie an einem Heilmittel für etwas, nicht für eine Krankheit. Aber welche Krankheit gab es noch, die eine hundertprozentige Sterberate hatte? Etwas, wofür die Leute ein Heilmittel kaufen wollten? Mila beendete ihre Suche und stand auf. Ihre Hände zitterten, als sie sich auf den Weg zurück zu Caseys Kapsel machte und den Code eintippte. Der Code piepte und blinkte rot. Sie versuchte es erneut. Er verweigerte ihr den Zugang. Schon wieder. Rhys hatte den Code geändert. Er hatte ihr nicht vertraut. Diese Erkenntnis war ein Schlag in die Magengrube.

Sie hatte wirklich gedacht, dass er ihr vertraute. Aber sie hatte ihr ganzes Leben auf Lügen aufgebaut. Und jetzt fiel alles, was sie für die Wahrheit gehalten hatte, um sie herum in sich zusammen. Mila schluckte und hielt ihr MobiGlas an die Tafel. Sie aktivierte das Hackprogramm, das sie in der Herberge benutzt hatte und die Tür schwang auf.

Casey blinzelte sie an.

“Ist die Advocacy hier?”

“Woher soll ich wissen, dass du die Wahrheit über die Biowaffen gesagt hast? Hast du Beweise?”

Caseys Augen weiteten sich.

“Nein. Ich zerstöre alles, wenn ich reingehe. Das ist der Punkt.”

“Ich kann nicht -“

“Evony. Ich kannte dich. Du kanntest mich. Lüge ich dich an?”

Ihre Augen waren weit, flehend. Mila schüttelte den Kopf.

“Ich weiß es nicht … Ich . . .”

Sie sah Casey in die Augen und versuchte, das Mädchen zu sehen, das sie einmal gekannt hatte. Mila konnte nicht für den Mord an ihrer Jugendfreundin verantwortlich sein. Nicht nachdem sie schon einmal um sie getrauert hatte. Und sie konnte nicht riskieren, dass Casey die ganze Familie Salinas mit in den Abgrund riss. Denn etwas in ihrem Bauchgefühl sagte ihr, dass ihre Mutter vielleicht alles getan hätte, um der Familie Phan zum Erfolg zu verhelfen. Ja, ihre Mutter war durchaus in der Lage, die Realität so zu manipulieren, sie ihren Zielen anzupassen. Mila stöhnte auf.

“Wenn ich dich gehen lasse, gehst du dann? Du gehst weg und kommst nie zurück?”

In Caseys Augen leuchtete etwas auf.

“Wenn du mir hilfst, zu dem Treffen mit meiner Gönnerin zu kommen, wird sie mich in das Gebiet der Xi’an bringen. Du wirst nie wieder etwas von mir hören. Ich schwöre es.”

“Ich will nicht, dass Rhys in diese Sache verwickelt wird. Ich werde sagen, dass du mich überwältigt und das Schiff gestohlen hast. Sie können mich später finden.”

“Ja. Wir werden ihn da raushalten. Ich verspreche es.”

“Ich hoffe, ich werde das nicht bereuen.”

Mila benutzte ihr MobiGlas, um die Handschellen von der Innenstange zu lösen. Mila biss ihre Zähne fest zusammen, als sie Caseys Handschellen löste. Wenn sie sich irrte könnte Casey jetzt versuchen, sie zu überwältigen und zu fliehen. Aber die Schläge kamen nicht. Stattdessen warf Casey ihre Arme um Mila und überraschte sie mit einer festen Umarmung.

“Du wirst es nicht bereuen.”

Sie trat einen Schritt zurück und massierte ihre roten Handgelenke.

“Und jetzt sag mir, was ich tun muss.”

“Ich werde uns hier rausfliegen”, sagte Mila.

“Du navigierst uns zu deinem Treffpunkt.”

Sie eilten zum Cockpit. Mila hielt die Luft an, immer noch in Erwartung eines Verrats. Sie wartete darauf, einen Fehler gemacht zu haben. Aber Casey wandte sich nicht gegen sie. Jedenfalls noch nicht. Gleich nachdem sie sich in ihren Sitzen angeschnallt hatten, knisterte das Funkgerät.

“Mila”, meldete sich Rhys’ Stimme.

Mila tippte mit einem Finger auf das Funkgerät.

“Verstanden. Alles ist … gut.”

“Bis bald”, sagte Rhys.

Die Angst drohte Mila zu übermannen, aber sie versuchte, das Gefühl zu ignorieren, als sie

das Schiff startete Auf dem Sitz neben ihr rief Casey die Kommunikation auf undforderte eine Notfallfreigabe für den Start an. Wenn sie es aus der Welt schafften, würde Rhys ihr nie und nimmer verzeihen. Aber es war zu spät. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen und nun saß Casey Phan, das Phantom, neben ihr, bereit, den UEE-Raum ein für alle Mal zu verlassen. Die Freigabe wurde erteilt und Mila startete die Triebwerke.

“Ich danke dir, Ev. Ich meine es ernst. Ich habe dein Vertrauen nicht verdient, nachdem …”

Mila schüttelte nur den Kopf.

“Nein. Das hast du nicht.”

“Mila.”

Rhys’ panische Stimme kam über das Funkgerät.

“Mila, ich sehe Dich. Warum sind die Triebwerke an? Was ist los?”

Mila aktivierte den Funk und zuckte gegen den stechenden Schmerz in ihrer Schulter an. Das betäubende Mittel ließ nach, das Brennen ihrer Pistolenwunde kehrte zurück. Casey hatte auf sie geschossen und jetzt wollte sie sie befreien. Mila starrte auf das Funkgerät und versuchte sich zu überlegen, was sie Rhys sagen könnte. Aber es gab nichts zu sagen.

Sie würde ihn anlügen müssen, wenn sie hier lebend herauskommen wollte. Was auch immer sie zusammen gehabt hatten. Jetzt war es vorbei, verbrannt durch ihren Entschluss, Casey zu helfen. Und je weniger er wusste, desto besser würde es ihm gehen. Es tut mir so leid, Rhys. Ohne ein Wort zu sagen, entfernte sie ihren Finger vom Funkgerät und hob die „Devana“ in den Himmel.

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vier

Kapitel vier

Mila war eine Verräterin.

Sie hatte ihre Karriere als Kopfgeldjägerin aufs Spiel gesetzt … und ihren Partner, Rhys, verraten, um Casey zu befreien. War es das alles wert? Hatte Casey die Wahrheit über die Entwicklung von Biowaffen durch ihren Vater gesagt? Mila warf Casey einen kurzen Blick zu, als sie zum Co-Piloten-Sitz zurückkehrte. Die dunkelhaarige Frau schenkte ihr ein kleines Lächeln, dann setzte sich Mila.

Milas Jugendfreundin. Eine Terroristin.

Die unendliche Weite des Weltraums tauchte vor ihnen auf, nichts als Dunkelheit hinter Devanas Frontscheibe. Mila umklammerte die Steuerung so fest, dass ihre Knöchel weiß anliefen.

“Ich habe es geschafft, unser Signal zu tarnen”, sagte Casey, “aber das ist nur eine vorübergehende Lösung. Wir haben eine halbe Stunde Zeit. Mehr nicht.”

“Wie?”

Casey erklärte ihre Methode und Mila schüttelte bewundernd den Kopf, teils in Ehrfurcht vor den dafür erforderlichen Hacking-Fähigkeiten, aber auch in Anbetracht der Länge der Gefängnisstrafe, falls sie dabei erwischt wurden.

“Den Trick hätte ich auch schon ein oder zwei Mal brauchen können”, murmelte Mila.

“Nicht, wenn du auf der richtigen Seite des Gesetzes bleiben willst,” räusperte sich Casey. “Natürlich erst wenn das hier vorbei ist.”

Casey fuhr aufgeregt fort: “Ich habe gerade ein Signal auf dem Scanner aufgefangen. Das muss mein Kontakt sein. Das Schiff wartet ein paar Klicks vom Sprungpunkt entfernt.”

Mila umklammerte die Steuerelemente noch fester als Ihr Blick auf den Scanner fiel. Normalerweise versprach der Weltraum sowohl endlose Möglichkeiten als auch endlose Gefahren – heute barg er nur Gefahren.

“Irgendein Zeichen von der Advocacy?”, fragte Mila angespannt.

“Noch nicht. Aber sie werden uns verfolgen, das tun sie immer. Bring mich zu meinem Kontakt, dann werden wir unseren Plan ausführen.”

Mila versuchte ruhig zu atmen, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.

Es schien doch ganz einfach: Mila würde neben dem Kontaktschiff andocken, Casey würde sie betäuben und auf das andere Schiff wechseln. Wenn Rhys und die Advocacy Mila finden, würde sie behaupten, Casey habe ihr Schiff genommen und sei damit abgehauen. Dann wäre wieder alles wie vorher. Naja – fast.  Würde Rhys ihr diese Lüge abkaufen? Konnte sie ihn überhaupt anlügen? Sie war dumm. So dumm. Sie hatte überstürzt gehandelt. Sie konnte keinesfalls gut genug lügen, um die Advocacy und Rhys davon zu überzeugen, dass Casey irgendwie aus der Kapsel entkommen war, sie überwältigt und dann eingesperrt habe. Aber eine andere Lösung hatte Mila nicht mehr.

“Geradeaus.”

Casey zeichnete neue Koordinaten auf und Mila folgte ihnen. Eine lange, schnittige Yacht kam in Sicht. Eine schmale Lichterlinie glitzerte entlang des ganzen Rumpfes. Es war eine 890 Jump. Der Besitzer dieses Schiffes hatte Geld – Caseys Kontakt war ein echter Geschäftsmann.

“Freelancer”, meldete sich eine Stimme über das Funkgerät. “Nennen Sie Ihr Anliegen.”

Casey antwortete: “Flüsternder Wind nähert sich.”

“Um welche Sonne kreist der schönste Planet?”

“Ilios.”

Milas Herz setzte einen Schlag aus und sie verdeckte das Mikrophon mit einer Hand.

“Ilios”, zischte sie. “Wie das Projekt?”

Caseys hob für einen kurzen Moment ihre Augenbrauen und antwortete mit zufriedener Miene:

“Genau das.”

“Ich dachte, du hättest all diese Daten zerstört!”

“Freigabe zum Andocken”, unterbrach das Kommando, “aber wir müssen Sie aus der Nähe scannen.”

Casey schob Milas Hand beiseite und drückte auf die Taste.

“Verstanden.”

“Sag mir, was hier los ist”, zischte Mila. “Was soll das mit Ilios?”

Casey seufzte. “Ich kann dir nichts über S. oder Ilios sagen. Wenn ich das täte, müsste ich dich töten.”

Mila erstarrte in ihrem Sitz. Caseys Stimme klang ernst, keine Spur von Humor. Nichts. Es war ihr wirklich ernst.

“Ich habe alles für dich riskiert!”

“Hör mal … ich kann dir nur sagen, dass die Organisation People First Freunde in einflussreichen Positionen hat. Sie unterstützen diese Sache. Aber nicht alle Freunde sind gleich. Viele tun Dinge aus egoistischen Gründen. Sie können nur zu Hilfe überredet werden, wenn man ihnen die richtigen Bedingungen anbietet.”

Mila zog ihre Freelancer dicht an die viel längere 890 Jump heran.

“Dieser Kontakt steht mit Peoples First in Zusammenhang? Und was hat man ihnen geboten, um dich hier rauszuholen und sie zu verraten?”

Bevor Casey antworten konnte meldete sich die 890 Jump.

“Wir erkennen zwei Lebenszeichen in der Freelancer. S. sagte, du solltest allein kommen.”

“Ich brauchte Hilfe, um hierher zu kommen”, antwortete Casey knapp.

“S. sagt, dann müsst ihr beide an Bord kommen, oder wir verschwinden.”

Casey sah Mila an: “Es tut mir leid, dass ich dich da mit reinziehe. Aber wir müssen beide an Bord gehen.”

“Nein.”

Panik durchfuhr Mila und sie hielt sich an ihren Steuerelementen fest.

“Auf keinen Fall. So war das nicht abgemacht. Du gehst rüber. Ich bleibe hier. Oder ich verschwinde.”

“Evony …”

“Nenn mich nicht so”, sagte Mila mit zusammengebissenen Zähnen. “Mein Name ist Mila.”

“Mila”, Caseys tief Stimme sollte beruhigend auf Mila wirken. “Was glaubst du, wie es aussehen wird, wenn wir jetzt wegfliegen? Sie werden uns eliminieren und springen davon, ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen. Du musst mit rüber gehen. Ich sorge dafür, dass S. dich hierher zurückschickt.”

“Wie willst du dafür sorgen?”

“Ich mach das schon. Jetzt zieh dich an. Wir vergeuden zu viel Zeit. S. wird bestimmt nicht glücklich sein, wenn die Advocacy auftaucht. Und ich bin mir ziemlich sicher, du weißt was ich meine.”

Casey verließ ihren Platz und ging in die Umkleidekabine. Mila starrte hinüber zur Yacht und versuchte sich vorzustellen, ob sie die 890 Jump ausmanövrieren und entkommen konnte. Aber was dann? Sie musste Casey loswerden, sie konnte sie nicht an Bord behalten. Mila stieß einen frustrierten Seufzer aus, schnallte sich ab und lief zu ihrer Ausrüstung. Sie ignorierte Casey, wich ihren Blicken aus. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihre verletzte Schulter, als sie ihren Anzug anzog. Sie versorgte die Wunde mit einem neuen, schmerzbetäubenden Pflaster. Als sie den Anzug schloss, berührte ihre Hand ihre Halskette. Milas Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie sich das bronzene Schmuckstück über den Kopf zog. Sie starrte auf das Unendlichkeitssymbol, die speziellen schillernden Glückssteine, die daran baumelten und es durchzog sie abermals eine Welle des Bedauerns. Rhys hatte einen Teil ihres letzten Geldes dafür ausgegeben, um sie glücklich zu machen. Mila verstaute die Halskette in einer Lücke zwischen Bett und Wand. Sie hatte diese Kette nicht verdient. Und sie hatte ihr auch kein Glück gebracht, oder? Als Mila zurück in den Frachtraum kam, war Casey angezogen, den Helm unter einem Arm.

“Bereit?”

“Ja”, murmelte Mila.

Sie setzten ihre Helme auf, Mila ließ den Druck aus dem Frachtraum entweichen und öffnete die hintere Rampe. Sie stießen sich von der Rampe ab und schwebten in Richtung des hinteren Lifts der 890 Jump. Dann hob sich der Aufzug unter ihnen und die künstliche Schwerkraft setzte sanft ein. Als sie grünes Licht hatten, nahmen sie ihre Helme ab. Die Doppeltür vor ihnen öffnete sich und gab den Blick auf einen breitschultrigen Mann in einem dunkelgrauen Fluganzug preis.

“S. wird Sie jetzt empfangen.”

Die Wache betrat den Fahrstuhl, hielt eine Pistole in der einen Hand und bedeutete damit Mila und Casey, weiter zu gehen. Mila straffte ihre Schultern und begegnete dem harten Blick des Mannes mit einem ebenso festen Blick. Sie würde keine Angst vor diesen Schlägern haben. Sie hatte schon gegen Dutzende von gesuchten Verbrechern obsiegt, denen sie gegenübergestand. Im nächsten Korridor, der breiter war, kamen ihnen zwei weitere Wachen entgegen. Einer von ihnen tastete Casey und Mila ab und nahm ihnen ihre MobiGläser weg. Der andere hielt seine Waffe auf die beiden gerichtet. Anschließend führten sie sie in einen schönen Aufenthaltsraum. Milas Augen huschten umher. Die Lounge erstreckte sich über zwei Decks. Sie entdeckte weitere Wachen, die hinter der Reling des oberen Decks auf sie herabschauten. Nach dem Geschmack zu urteilen, war Caseys Kontaktmann ein gutsituierter Geschäftsmann.

Das Schiff hätte aber auch Milas Eltern gehören können oder einem ihrer reichen Freunde auf Terra – es gab Seidenpaneele aus Rihlah, berühmten terranischen Brokat auf den Bänken, einen zarten Tisch aus Glas und Metall und in der Mitte hing ein sehr pompöser Glasleuchter von der Decke. Schillernde Steine zierten den Kronleuchter und Milas Hand wanderte zu der Stelle an ihrem Hals, an der vorher ihre Glückskette hing. Die Steine sahen genauso aus wie die Steine auf dem Leuchter. Zwei weitere Wachen traten ein, womit sich die Gesamtzahl der Wachen auf dem Hauptdeck auf fünf erhöhte. Hinter ihnen rat, eine Frau ein, offenbar die geheimnisvolle ‘S’.

Es war die selbe Frau von dem Marktstand, an dem Rhys ihre Halskette gekauft hatte. Mila verdrehte die Augen. Nein … es gab Unterschiede. Diese S. war zierlich, hatte rabenschwarzes Haar und hellblaue Augen, genau wie die Frau an dem Marktstand. Aber die Frau vor ihr trug einen gut geschnittenen Anzug und kein Gewand und keine weiten Röcke. Ihr Haar war nicht zu einem Zopf geflochten und sie trug keinen Nasenring. Sie sah … gut aus – ihre Haut war glatt, ein Produkt von Auffrischungsbehandlungen. Das war nicht dieselbe Frau … aber Mila würde wetten, dass sie irgendwie miteinander verwandt waren. Die Frau kam lächelnd auf sie zu und tauschte mit Casey einen Kuss auf die Wange.

“Hast du eine Freundin mitgebracht?”

Sie sah fragend zu Mila.

“Wie ich schon sagte. Ich brauchte eine Mitfahrgelegenheit.”

“Und wer ist das?”

Mila antwortete nicht, sondern versuchte, ihre Miene ausdruckslos zu halten. Sie konnte nicht zulassen, dass diese Frau etwas über sie wusste.

“Sie ist nur eine alte Freundin von mir”, sagte Casey mit leichter Stimme.

Die Augen der Frau verfinsterten sich, ihr höfliches Auftreten verschwand. Sie gestikulierte einem ihrer Wachmänner.

“Komm mit mir, Elaine. Lass uns hier drüben reden.”

Casey folgte ihr zu einem Hocker in der Mitte des Raumes, während die Wache Milas Arm packte und sie außer Hörweite zog. Wusste die geheimnisvolle S., wer Casey ursprünglich war? Sie hatte sie Elaine genannt, den Namen, den sie auf Tevistal benutzt hatte. Die beiden unterhielten sich ein paar Minuten lang intensiv und leise. Dann hob Casey den Ärmel ihres Anzugs und schälte ein Stück ihrer Haut ab. Falsche Haut. Mila lief es bei diesem Anblick kalt den Rücken hinunter. Casey hatte nichts von versteckten Daten erwähnt, oder Einzelheiten zum Preis für ihre Passage. Casey kratzte einen Chip von ihrerr Haut und reichte ihn weiter.

Casey verkaufte Daten, wahrscheinlich Daten aus der Pharmazie von Phan. Hatte sie über alles gelogen? Hatte sie nur Daten gestohlen, um sie an Konkurrenten zu verkaufen? Wut begann sich in Milas Brust breit zu machen und sie kämpfte damit, ihren Mund zu halten. Alles was jetzt zählte, war, dass sie lebend und unversehrt aus dieser Sache wieder herauskam. Casey beendete ihre Transaktion und kehrte zu Mila zurück.

“Was war das?”, zischte Mila.

Caseys Gesichtsausdruck war angespannt.

“Sie wird dich zu deinem Schiff zurückkehren lassen, sobald sie meine Zahlung überprüft hat.”

Eine neue Wache kam durch die Tür gesprungen.

“Madame. Die Advocacy wurde von unserem Späher entdeckt. Wir müssen springen. Sofort.”

“Warten Sie – nein.”

Mila blickte zur Tür, durch die sie gekommen waren.

“Schickt mich zurück. Schickt mich sofort zurück.”

S. warf ihr einen finsteren Blick zu und gestikulierte zu der Wache hinter Mila.

“Bringt jeden von ihnen in ein Zimmer, bis die Sprünge vorbei sind.”

Sprünge. Die Sache wurde langsam etwas kompliziert.

“Lasst mich zurück auf mein Schiff!”

Milas Stimme bebte.

Casey grub ihre Nägel in Milas Hand, lehnte sich dicht an sie und flüsterte.

“Sie werden dich jetzt nicht lassen. Reiß dich zusammen, wenn du das hier überleben willst.”

Mila wich zur Seite und versuchte verzweifelt, zu ihrem Schiff zurückzulaufen. Die Wachen holten sie ein, packten ihre Arme und zogen sie in die entgegengesetzte Richtung. Sie gab nach und wehrte sich nicht mehr, als ihr klar wurde, was passierte. Die Wachen brachten Mila eine weitere Treppe hinauf und öffneten die erste Tür, die sie erreichten. Dort drängten sie sie hinein.

“Schnallt euch an. Wir werden bald springen”, sagte eine der Wachen.

Die Tür schloss sich und sie hörte, wie die Verriegelung einrastete. Mila warf einen panischen Blick in den kleinen Raum und ließ sich dann in den nächsten Sitz sinken. Tränen standen ihr in den Augen, als sie sich anschnallte. Sie hatte es vermasselt. Bisher hatte sie sich immer aus der Patsche ziehen können. Aber dieses Mal nicht. Sie sank einfach immer tiefer in eine Grube, die keinen Boden zu haben schien. Das Schiff brummte leise, als es hochgefahren wurde und schon nach wenigen Minuten spürte sie das schwindelerregende Gefühl des ersten Sprungs. Bald folgte ein weiterer und Milas Hoffnung starb, als sie sich immer weiter von ihrem Schiff entfernten. Wenn die Advocacy die leere „Devana“ finden würde, dann würden sie es wissen. Sie würden wissen, dass sie Casey zur Flucht verholfen hatte. Sie würden denken, dass sie mit ihr zusammenarbeitete. Und so war es ja auch.

*****

Das mulmige Gefühl des dritten Sprungs ließ Mila wissen, dass ihr altes Leben für immer vorbei war. Jetzt war sie eine Kriminelle … auf der Flucht. Sie könnte versuchen zu sagen, Casey hätte sie entführt, aber warum sollte sie das tun? Es gab keinen guten Ausweg. Und Rhys kannte die Wahrheit. Er wusste von ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Wenn ihn einer der Advocacy unter Druck setzte…

Würde Mila dieses Schiff überhaupt lebend verlassen?

Nach dem letzten Sprung, legte Mila den Gurt ab und schritt durch den kleinen Raum. Stunden vergingen und eine Wache brachte Mila Essen und Wasser. Das zubereitete Essen schmeckte wie eine Henkersmahlzeit. Sie konnte kaum fassen, was sie getan hatte – wie sehr sich ihr Leben in nur wenigen Stunden verändert hatte. Dann lösten sich die Schlösser an ihrer Tür und sie drehte sich um, als sich die Tür öffnete. Casey schlüpfte hindurch und schloss sie schnell wieder.

“Die Wachen sind beschäftigt … wenigstens im Moment. Das könnte unsere einzige Chance sein, zu reden.”

“Du hast mich angelogen. Du hast es gewusst.”

“Nein, das habe ich nicht. Ich hatte wirklich gehofft, dich zurück zum Schiff zu bringen.”

“Ich kann jetzt nicht mehr zurück, Casey. Niemals.”

“Pst. Ich bin hier Elaine.”

Casey sah völlig ruhig aus, unbeeindruckt von der Tatsache, dass Milas ganzes Leben auf dem Spiel stand. Mila stürzte sich auf Casey und drückte sie gegen die Metallwand.

“Sie lassen mich hier nicht einfach so raus, oder? Ich hätte nie hier sein sollen.”

Casey zuckte vor Schmerz und ihre Stirn legte sich in Falten vor Sorge.

“S. – Sybil – wird sich vergewissern, wer du bist, bevor sie dich jetzt gehen lässt. Und wenn sie herausfindet, dass du eine Kopfgeldjägerin bist …”

“Nun, ich glaube, ich weiß etwas über sie. Da war diese Frau, die auf dem Markt Schmuck verkaufte…. eine jüngere Schwester.”

“Du sagst kein Wort darüber, dass du etwas weißt oder glaubst, verstanden? Sie wird dich umbringen, wenn sie herausfindet, dass du etwas über sie weißt. Sie arbeitet mit der Illusion, dass wir nichts wissen.”

Mila wich von Casey zurück, ihr wurde schwindelig.

“Du hast mich angelogen. Du verkaufst Daten…”

“… aber keine Biowaffen! Wenn wir Jobs machen, sammeln wir harmlose, oder sogar nützliche Forschung und verkaufen sie, um unsere Sache zu finanzieren. Aber dieses Mal finanziere ich meine Flucht.”

“Was war das? Was hast du gerade verkauft?”

Milas Stimme erhob sich, als sie sprach und sie versuchte, sich zu beruhigen, aber ihre Gedanken rasten.

“Die Formel für eine medizinische Behandlung, die noch nicht patentiert ist.”

“Wie kann ich das glauben?”

“Hör zu, wir haben keine Zeit für so etwas.”

Casey legte ihre Hände auf Milas Schultern und zwang sie, ihr in die Augen zu sehen.

“Du weißt über ihre Familie Bescheid – und sie wird das mit dir herausfinden. Sie wird auf keinen Fall zulassen, dass du einfach wieder in dein normales Leben zurückkehren kannst. Du hast nur eine Wahl.”

Mila wischte Caseys Hände weg.

“…was?”

“Du kommst mit mir. Ich werde versuchen, sie zu überreden, uns zusammen verschwinden zu lassen.”

“Nein!”

Mila begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.

“Ich kann das einfach nicht….”

“Wenn du bleibst … du hast mich gerade befreit und dein Schiff neben einem Sprungpunkt zurückgelassen. Sie werden wissen, dass du mir geholfen hast. Du hast keine andere Wahl.”

“Denkst du, ich weiß nicht, wie das aussieht? Du musst mir helfen, von hier wegzukommen. Sie sollen mich irgendwo absetzen, damit ich es irgendwie … richten kann.”

“Du weißt zu viel! Über mich … über die Peoples Front … über Sybil.”

Mila brauchte alle Kraft, die ihr zur Verfügung stand, um ihre Hände nicht um Caseys Hals zu legen und zuzudrücken.

“Ich habe dir geholfen. Du wärst tot, wenn ich nicht gewesen wäre. Du musst mir helfen, das in Ordnung zu bringen. Hilf mir hier rauszukommen.”

Casey verschränkte die Arme vor der Brust und blickte zurück zur Tür.

“Ich kann nicht.”

“Doch, das wirst du.”

“Sie werden dich erwischen…”

“Kann dir doch egal sein. Du wirst lange weg sein, versteckt im Xi’an Gebiet.”

Casey sah Mila in die Augen und seufzte.

“Na schön. Lass dich umbringen, wenn es das ist, was du willst.”

Sie griff in ihre Anzugtasche und holte eine durchsichtige Magnetkarte heraus.

“Die habe ich einem Wachmann gestohlen.”

Casey lächelte reumütig.

“Damit solltest Du in den Korridor am Ende dieses Ganges kommen.

Dort steht eine 85X. Ich weiß, wir werden bald auf einem Planeten Halt machen. Dort gibt es viele Verstecke. Ich werde die Wachen ablenken. Wenn ich zweimal an deine Tür klopfe, warte fünf Minuten, dann ist es Zeit für dich zu gehen.”

Mila starrte auf die Karte in ihrer Hand.

“Nochmals danke, dass du mir geholfen hast. Ich verdanke dir mein Leben.”

Casey umarmte sie, es war eine kurze Umarmung, die Mila nicht erwiderte.

“Es tut mir wirklich leid. Pass auf dich auf.”

Casey schenkte ihr ein letztes trauriges Lächeln.

“Wenn du deine Meinung änderst …”

“Nein”, sagte Mila, und ihre Stimme brach.

“Ich werde das in Ordnung bringen.”

*****

Es klopfte. Mila hatte schon beinahe aufgegeben.  Es klopfte ein zweites Mal. Mila schnappte sich ihren Helm vom Boden und drückte ihn an ihre Brust. Ihr Puls raste. Sie wartete fünf nicht enden wollende Minuten. Dann zog sie die Karte durch, die Casey ihr gegeben hatte. Die Tür glitt auf um einen leeren Korridor frei zu geben. Sie atmete ganz flach, als sie vorsichtig in den Korridor trat und in beide Richtungen schaute. Sie wandte sich nach rechts, wie Casey sie angewiesen hatte und eilte auf das Ende zu. Der Gang bog nach rechts ab und führte sie zu einer neuen Tür. Sie sprach ein kurzes Gebet zum Banu-Gott des Glücks, dass der Raum dahinter auch leer sein möge. Dann scannte sie die Karte. Die Tür zum Hangar öffnete sich. Die 85X stand in der Mitte. Ein Alarm ertönte und rote Lichter begannen in der Halle zu blinken. Mila begann zu schwitzen, als sie ihren Helm aufsetzte.

“Hey!”

Jemand griff sie von hinten an und drückte sie auf den Boden. Sie wehrte sich und drehte sich im Griff des Mannes, bis sie ihn von Angesicht zu Angesicht sah. Es war der Wächter, der Sybil vor der Ankunft der Advocacy gewarnt hatte. Mila schlug ihre Faust in sein ungeschütztes Gesicht und er stolperte rückwärts. Sie kletterte verzweifelt nach vorne und versuchte, in das Cockpit der 85X zu gelangen, aber die Wache verfolgte sie.

Druckentlastung des Hangars.“

Drei kleine Worte blitzten in der Ecke des Cockpit-Interfaces auf. Als die Wache Milas Bein packte, drückte sie die entsprechende Taste und eine ganz Reihe neuer Alarme gesellte sich zu dem bereits anhaltenden Lärm. Die Wache bekam Panik, seine Augen wurden groß und er kroch weg von ihr, Richtung Hangar-Tor. Er scannte seine Schlüsselkarte und versuchte, den Hangar zu öffnen, aber die Tür blieb verschlossen. Er würde sterben, wenn sie nicht etwas unternahm. Mila stoppte die Druckentlastung und stürzte aus dem Schiff. Sie krachte mit dem Mann zusammen und suchte nach der Pistole, die er in seiner Hand hielt. Sie rammte ihm einen Ellbogen in seinen Magen und er ließ die Waffe fallen. Sie hob sie auf und richtete sie auf ihn.

“Letzte Chance zu entkommen”, schrie sie.

Er starrte sie mit weit geöffneten Augen an und überprüfte seine Karte erneut. Diesmal öffnete sich die Tür. Mehrere Wachen warteten dahinter, aber er rief ihnen etwas zu und sie versuchten nicht, einzudringen. Die Tür schloss sich wieder und Mila kletterte zurück ins Schiff. Sie warf die Pistole auf den Sitz neben sich. Sie rief die Sternenkarte auf, ihre Hände zitterten und sie hoffte, dass sie mehr als nur eine leere Anzeige bekam … dem Himmel sei Dank. Sie befanden sich in der Umlaufbahn direkt über einer besiedelten Welt! Sie wählte einen Landeplatz westlich der nächstgelegenen Stadt aus. Dort würde sie das Schiff verlassen, sich in den bewaldeten Hügeln verstecken und abwarten, bis sie sicher war, dass Sybil und ihre Wachen ihre Suche aufgegeben hatten. Sie wählte ihr Ziel, der Countdown begann. Sie gurtete sich an, der Hangar öffnete sich, sie hob ab, beschleunigte und entfloh der 890 Jump in die Weiten des schwarzen Alls.

Mila steuerte direkt auf den Planeten zu und schenkte dem Geschehen in ihrem Rücken wenig Aufmerksamkeit. Sie eilte zu ihrem Landeplatz. Sie stellte sich Rhys vor. Sein hübsches Gesicht, seine beruhigenden Worte, die Art, wie er sie gehalten hatte. Dieses Lächeln, das sie wahrscheinlich nie wieder sehen würde, es sei denn, sie wurde erwischt werden oder sie fand einen Weg, diese unmögliche Situation zu lösen. Als sie in die Atmosphäre des Planeten eintrat, weinte sie ein paar bittere Tränen. Vor ein paar Tagen noch hatte sie das Phantom gejagt. Jetzt war sie dabei, selbst eines zu werden.

Fünf Monate später

Mila schlängelte sich durch die dunklen Gassen, den Kopf gesenkt, eine Kapuze verdeckte ihr Gesicht. Eine Strähne ihres geschnittenen blonden Haares hing ihr in die Augen und sie blinzelte. Die grün gefärbten Kontaktlinsen, die sie trug, fühlten sich trocken und kratzig an. Wenigstens würde man sie nicht von weitem erkennen. Sie warf einen Blick zurück auf eine Ansammlung von Durchreisenden, die sich um einen rostigen Ofen versammelt hatten und bog in die nächste Gasse ein. Sie hatte den Sektor erreicht, in dem es die Herbergen gab. Es war gefährlich, so kurz nach dem Vorfall wieder in Tevistal zu sein, aber ihr waren die Möglichkeiten und die Zeit ausgegangen. Ein Dutzend kleinerer Jobs hatten ihre Existenz bis hierhin finanziert, aber jetzt waren noch mehr Kopfgelder auf ihren Kopf ausgeschrieben worden. Seit Monaten wurde sie gejagt, war beinahe gefasst worden, aber sie hatte Glück. Bisher war sie immer entkommen. Und dies war der einzige Ort, an dem sie niemand vermuten würde.

Mila biss die Zähne zusammen und ging die dunkle Gasse zwischen zwei Herbergen entlang. Eine  Glühbirne flackerte auf und wies ihr spärlich den Weg zu einer bestimmten Herberge. Sie stieß die Tür auf. Der Geruch von Urin waberte ihr entgegen. Sie registrierte es kaum. Dieser Ort war nur halb so schmutzig wie die meisten anderen Orte, an denen sie in den letzten Monaten geschlafen hatte. Stimmen schallten durch die dünnen Wände aus Metall. Streitereien. Das Stöhnen von zwei Menschen und die Geräusche eines alten Videos. Mila fand einen unbewohnten Raum und ging hinein. Gedämpftes Sensorlicht zeigt die Bleibe. Es war der pure Dreck, den sie erblickte, aber es musste reichen. Sie schloss die Tür hinter sich und aktivierte das gebrauchte MobiGlas an ihrem Handgelenk. Ihr Hacking-Programm aktivierte das RoomTab in Windeseile. Licht und Strom gingen an. Sie würden eingeschaltet bleiben, bis sie ihr Programm erneut startete. Keine Berechtigungsnachweise erforderlich. Das war gut, denn sie hatte nicht mehr viele. Ein Blick in den nun gut beleuchteten Raum brachte eine Flut von Erinnerungen zurück. Der Schmerz kam mit ihnen. Sie sank auf die schmutzige Matratze. Sie und Rhys hatten das Phantom einmal in einem Raum wie diesem beinahe aufgespürt. Mila tat etwas, was sie seit Wochen nicht mehr getan hatte. Sie rief die Nachrichten auf, die sie auf ihrem MobiGlas gespeichert hatte, um zu sehen, ob sich etwas geändert hatte, seit sie das letzte Mal nachgesehen hatte.

ERMITTLUNGEN GEGEN DEN GESCHÄFTSFÜHRER VON PHAN PHARMACEUTICALS

Sie sah sich das Video von der Verhaftung von Caseys Vater noch einmal an, wobei der Ton ausgeschaltet war. Owen Phans Gesicht war das gleiche königliche Antlitz, an das sie sich erinnerte, als sie aufwuchs. Als Mila zum ersten Mal gehört hatte, dass die Wahrheit über die biologischen Waffen durchgesickert war, war es eine Erleichterung gewesen zu erfahren, dass Casey zumindest darüber die Wahrheit gesagt hatte. Und was noch viel wichtiger war, Milas Mutter war aus dem Skandal herausgehalten worden. Die Gewissheit, dass Phan keine Waffen mehr herstellen würde, war der einzige Lichtschimmer in diesen dunklen Tagen.

Fast ohne nachzudenken, rief Mila eine weitere archivierte Nachricht auf. Ein Bild von ihr selbst blitzte auf, oder zumindest eines wie Mila früher einmal ausgesehen hatte. Es war das Foto, das die Staatsanwaltschaft für ihr Kopfgeld verwendet hatte.

EVONY SALINAS ANGEKLAGT WEGEN BEGLEITUNG UND UNTERSTÜTZUNG Des “PHANTOMS”

Der Artikel spekulierte über diese Art des Terrorismus, über die Beziehung zwischen Milas Eltern und Phan Pharmaceuticals, sowie über Milas Beweggründe. Selbst die Enthüllung der biologischen Waffen hatte nichts an der Tatsache geändert, dass das Phantom monatelang Verwüstungen angerichtet hatte. Casey und jetzt auch Mila, galten immer noch als Kriminelle. Der Artikel hatte auch ein kleines Foto von Rhys gezeigt. Er war zur Befragung festgehalten worden. Da man ihm kein Fehlverhalten nachweisen konnte, war er schließlich freigelassen worden. Mila las die letzte Zeile noch einmal.

„Evony Mila Salinas ist immer noch auf freiem Fuß, auf sie sind mehrere Kopfgelder ausgesetzt für Verbrechen, die von Bagatelldiebstahl bis hin zu Terrorismus reichen.“

Sie blickte wieder nach oben, um Rhys’ Gesicht noch einmal zu sehen, aber es war wie ein Messer, das ihr durch ihr Herz stach. Sie schaltete das MobiGlas aus. Sie musste schnell in das Gebiet der Xi’an kommen und es gab nur eine Frau die sie dorthin bringen konnte. Sybil.

Leider war sie nicht in der Lage gewesen, etwas Nützliches über die Frau herauszufinden. Alles, was sie wusste war, dass Sybil tatsächlich mit der Händlerin verwandt war, die am Pilgertag auf dem Marktplatz von Tevistal Waren verkauft hatte. Sybil könnte ihre Wachen veranlassen, Mila bei Sichtkontakt zu erschießen, nach dem, was sie getan hatte … aber Sybil hatte Casey geholfen – für einen bestimmten Preis. Und Mila war verzweifelt genug, so ziemlich jeden Preis zu zahlen, den Sybil verlangen würde. Nach ein paar Wochen hatte sie erfahren, dass Rhys sie jagte und versuchte, sie zu verhaften. Ihr lief die Zeit davon.

Vielleicht … ja vielleicht … wenn er sie im Xi’an-Gebiet wiederfände, frei vom Einfluss der Advocacy, vielleicht könnte sie ihm alles erklären, wieso das alles passiert war. Wie es zu all dem kam. Sie könnte auf seine Gnade hoffen, vielleicht könnte er ihr verzeihen, wenn auch nicht mehr.

Aber bis dahin würde sie nun das Phantom sein. Sie würde tun, was sie tun musste – um frei zu bleiben.

– ENDE –

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