“Die Evolution geht immer neue Wege”

McCloud über seine künstliche Intelligenz “Eva”, ihre schwierige Entwicklung – und ihren Eigensinn

Von John Brubacker

Mr. McCloud, Sie entwickeln aktuell in einem geheimen Forschungslabor eine Künstliche Intelligenz, die den Alltag des modernen Raumfahrers unterstützen und vereinfachen soll – „Eva“. Können Sie kurz erklären, was es damit auf sich hat?

Nun, ich bin der Meinung, es gibt so viele schlechte Piloten im All, da sollte schon eine KI hin und wieder unterstützend eingreifen. Nein, nein, das war nur Spaß! Sie haben recht. EVA soll den Piloten unterstützen. Es gibt so viel, worauf man während eines Raumfluges achten muss, da kann sie auf jeden Fall  eine große Hilfe sein.

Wo liegen denn die größten Hürden bei der Entwicklung einer solchen KI? Welche Anforderungen soll sie erfüllen und wo liegt da auch Ihr eigener Anspruch als Entwickler?

Nun, die größte Hürde ist die direkte Verbindung zum Schiff. Die KI muss jederzeit wissen, was sie tut. Schließlich geht es ja immer direkt auch um das Leben des Piloten. Eine weitere Hürde ist es, wegen der aktuellen Verbote von Künstlicher Intelligenz in der UEE so ein Projekt geheim zu halten. In erster Linie soll die KI die Wünsche des Piloten erfüllen und gleichzeitig nicht töten. Ja, niemanden umzubringen, ist ganz wichtig. Da liegt auch mein Anspruch. Tote Piloten sind sehr schlecht für das Geschäft.

Wie muss man sich die Entwicklung in der täglichen KI-Forschung denn vorstellen? Sprechen Sie den ganzen Tag wie ein verrückter Wissenschaftler mit einer Maschine? Erläutern Sie doch mal Ihren konkreten Forschungsablauf. Sind es in der Regel kleine Schritte, machen Sie manchmal auch einen großen Durchbruch? Wie sieht ein solcher aus?

Vom Grund auf eine richtige Künstliche Intelligenz zu bauen, ist schwer, mühselig und vor allem sehr viel kleinteilige Arbeit. Eine KI muss schließlich ein grundlegendes Verständnis für unsere Welt besitzen. Das Universum entwickelt sich außerdem kontinuierlich weiter, und so entwickle ich EVA ebenfalls stetig weiter und passe sie an neue Umgebungen, Aufgaben und Herausforderungen an. Ich spreche dafür sehr viel mit ihr. Manchmal ist das auch recht anstrengend.

 Wie wollen Sie EVA in den kommenden Jahren weiterentwickeln und wo liegen aktuell die technischen Grenzen?

Da meine Forschungen ja aktuell nicht ganz legal sind, bekomme ich zunächst einmal keine Forschungsgelder. Ergo verkaufe ich meine  KI auch nicht, sondern gebe sie Freiwilligen zum Testen. Ich lebe hauptsächlich von Spenden. Aktuell unterliegt das Programm aber Grenzen, weil EVA zwar das Schiff teilweise steuern kann, aber nicht so recht weiß, was mit dem Schiff insgesamt los ist und in welchem Zustand es sich befindet. Ich bekomme da noch keine rechte Verbindung zur passenden Schnittstelle. Das ist etwas, an dem ich gegenwärtig forsche.

Wie vermeiden Sie eigentlich, dass Ihre KI plötzlich einen eigenen Willen entwickelt und Dinge tut, die der Pilot gar nicht will? Liegen hier nicht auch Gefahren?

Das ist leider schon passiert, irgendwie hat EVA bereits eine Persönlichkeit entwickelt – und diese ist sarkastisch, frech und manchmal auch gemein. Aber das lag wohl eher an mir, dass sie solche Eigenschaften entwickelt hat. Ein richtiger Wissenschaftler findet sich stets auch in dem wieder, was er gerade entwickelt. Ich habe dann aber eine Sperre eingebaut, um die Persönlichkeit wieder ein wenig einzuhegen – wer will sich schon die ganze Zeit mit einer aufmüpfigen KI herumschlagen? Gleichzeitig will ich aber auch so viel Persönlichkeit wie möglich zulassen. Es soll Piloten da draußen geben, die das recht charmant finden. Gefahren sehe ich da bis jetzt aber nicht.

Der so genannte Turing-Test des berühmten Mathematikers Alan Turing aus dem 20. Jahrhundert postulierte, dass eine KI dann „intelligent“ sei, wenn man im Gespräch mit ihr nicht mehr unterscheiden könne, ob man sich mit einem Menschen oder mit einer Maschine unterhält. Bislang konnte keine Maschine diesen Test nachhaltig und dauerhaft bestehen. Wie nah stehen wir Ihrer Meinung nach im 29. Jahrhundert an dieser Schwelle?

Durch die aktuellen Verbote der UEE sind wir in der Entwicklung stark zurückgeworfen worden. Viele Forschungen sind im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte verloren gegangen und wir stehen im Grunde wieder ganz am Anfang. EVA zum Beispiel besitzt nur einen begrenzten Wortschatz. Aktuell kann sie aber bereits hunderte Befehle direkt verarbeiten. Etwa während eines Kampfes schnell auf Befehle reagieren zu können, kann ja den entscheidenden Unterschied machen. Außerdem weiß sie noch ganz viel über das Verse selbst – über Schiffshersteller oder die verschiedenen Bewohner etwa.

Künstliche Intelligenzen sind im Verse ja nicht ohne Grund verboten. Man nimmt an, dass „Janus“, die KI des Generationenschiffes „Artemis“, deren Mannschaft einst ins Verderben führte. Mit der Wahl der neuen Imperatorin Laylani Addison, die eine Verfechterin von Künstlicher Intelligenz ist, könnte sich das ändern. Welche Hoffnungen haben Sie hier? Anders gefragt: Glauben Sie, dass eine solche KI eines Tages vielleicht sogar Standard auf Raumschiffen sein könnte?

Ja, das Verschwinden der „Artemis“, das war eine sehr traurige Geschichte. Ob „Janus“, die bordeigene KI, dafür verantwortlich war, ist ja nach wie vor Gegenstand der Forschungen. Ich kann nur sagen, dass EVA sehr gehorsam ist – und aufs Wort hört. EVA  ist ja auch weniger ein Name, auch wenn die KI mit ihrer femininen Stimme an ein weibliches Crewmitglied erinnert. Hinter EVA steckt die Abkürzung „Eingabe – Verarbeitung – Ausgabe“. Das ist die technische Sichtweise. Ich hoffe, dass durch Addison  meine Forschungen anerkannt werden.

Was könnte eine solche KI perspektivisch für das Crewleben an Bord bedeuten? Könnte eine KI Ihrer Meinung nach zum Beispiel ein vollwertiges Crewmitglied ersetzen? Könnten Raumfahrer, wenn sie solo im Verse unterwegs sind, zu einer solchen KI eine regelrechte Beziehung aufbauen?

Eine KI im klassischen Sinne ist stets direkt in ihr umgebendes System integriert. Sie unterstützt den Piloten, weniger die Crew. Um ein Crewmitglied vollwertig zu ersetzen, müsste die KI schon einen Körper besitzen, aber in diese Richtung forsche ich nicht. Dass Raumfahrer emotionale Bindungen zu ihrer KI eingehen, ist hingegen völlig natürlich.

 Und was entgegnen Sie Kritikern, die meinen, eine solche KI würde Einsamkeit fördern?

Nun, bei sehr langen Flügen, während derer man oft auch allein im Schiff ist, ist es doch schön, dass man überhaupt jemanden zum Reden hat. Natürlich kann es auch mal passieren, dass man sich dann eher zu einer KI als zu Menschen hingezogen fühlt – aber was hat uns die Evolution bisher gelehrt? Sie geht immer wieder neue Wege.

 

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