Kernschmelze

Microtech wird gehackt, Milliarden Daten sind bedroht. Nur der neue Mitarbeiter kann es richten.

Von Will Weissbaum

(übersetzt von Brubacker)

“Auf Marid! Willkommen im Team”, sagte Tami und hob ihr Glas.

Der Rest des vollbesetzten Tisches tat es ihr gleich.

“Auf Marid!”

Marid erstarrte für einen Moment und fühlte sich unwohl, als die volle Aufmerksamkeit seiner neuen Kollegen auf ihn gerichtet war. Er rang sich ein Lächeln ab.

Unter lautem Jubel stießen alle auf ihn an. Tami, die ihre Rolle als Teamleiterin ernst nahm, leerte ihren Cocktail vollständig aus. Mit Schwung knallte sie das leere Glas auf den Tisch und streckte stolz ihre leuchtende, neonfarbene Zunge heraus – ein Nebeneffekt des Spezialgetränks der Bar, des so genannten „Wallbangers.“ Je mehr man trank, desto heller leuchtete die Zunge. Tami schoss das Licht praktisch schon fast aus den Ohren.

Marid schaute auf sein eigenes Getränk hinunter und fragte sich, wie es wohl um seine Zunge stand. Sie hatten bereits vier Runden getrunken, und er war auf dem besten Weg, von angenehm beschwipst zu volltrunken. Es war schwer zu glauben, dass die Gesellschaft, die ihn umgab, dieselbe war, die erst bei der morgendlichen Versammlung heiß darüber debattiert hatte, wie man das Problem der Systemhierarchie lösen könnte.

Er war erst seit weniger als 48 Stunden in New Babbage und es schien, dass alle Warnungen, die er über diesen Ort gehört hatte, zu einhundert Prozent berechtigt waren. In dieser Stadt wurde gern gefeiert. Allein schon wegen des Lohns hätte er wahrscheinlich eines der anderen Jobangebote annehmen sollen, die er erhalten hatte. Saga Datasystems etwa hatte ihm viel mehr Geld und ein geradezu lächerliches Startpaket mit vielen Vergünstigungen angeboten. Die Nutzung einer 300i des Unternehmens hatte ihn fast umgestimmt. Und obwohl Fiskers ihm nicht so viel zahlte wie Saga, hätte er, wenn er ihr Angebot angenommen hätte, sein eigenes Team geleitet.  Sie waren gerade dabei, ein großes neues Projekt zu starten, und suchten jemanden mit seiner  Expertise, um ihre Speicherinfrastruktur komplett neu aufzusetzen.

Aber dann war da eben noch das Angebot von Microtech – die Chance, an dem größten Informationspool zu arbeiten, der je geschaffen wurde. An einem einzigen Tag flossen  mehr Daten durch die Mobiglas-Netze als bei allen Übertragungen des letzten Jahrhunderts zusammen. Im Grunde war es sein Traumjob.

Und so saß er nun hier, ein brandneuer Microtech-Dateningenieur, der sich zum dritten Mal in seinem Leben betrank. Die Frau, die neben Marid saß, klopfte ihm auf die Schulter und fragte ihn, was er als Nächstes trinken wolle. An diesem Nachmittag hatte sie ihm das neue benutzerdefinierte Entwickler-Interface gezeigt, mit der er programmieren würde, sowie ihre Rory-Nova-Figurensammlung, die ihren Schreibtisch bevölkerte. Er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern. Connie? Katherine? Sein Kopf dröhnte und ihm war plötzlich zu warm. Er brauchte etwas Luft.

“Wisst ihr was, die nächste Runde geht auf mich”, sagte Marid und stand vom Tisch auf. Es gab Proteste, aber er brachte sie zum Schweigen mit: “Hey, ihr habt gesagt, dass ich zum Team gehöre, oder?” Damit war das Thema erledigt, und sie riefen ihm schnell ihre Bestellungen zu, die er sich nach Kräften zu merken versuchte. Bevor er sich jedoch auf den Weg zur Bar machte, ging er zum Fenster, das auf die gefrorene Einöde des Planeten MicroTech hinausblickte. Als er seine Hand auf die kühle Oberfläche legte, fühlte er sich sofort besser. Draußen leuchteten helle Lichter aus der Stadt in den Schneesturm hinein und erzeugten einen schillernden Effekt vor dem schwarzen Nachthimmel.

Es war eine seltsame Erfahrung – die dichte, schwitzende Masse der Menschheit auf der einen Seite und die reine Einsamkeit der Tundra auf der anderen Seite. Es erinnerte ihn an die Arbeit an einem Projekt. Sein Verstand konzentrierte sich ganz auf die Zahlen und den Code, aber ein Teil von ihm war sich immer noch des Chaos bewusst, das um ihn herum herrschte. Offenbar werde ich poetisch, wenn ich betrunken bin, dachte er und lächelte. Der Barkeeper begrüßte Marid mit einem riesigen Lächeln.

“Sie sind neu in Wally’s Bar, nicht wahr? An ein so hübsches Gesicht wie das Ihre würde ich mich erinnern.”

Marid errötete, überrumpelt von dem Kompliment. Bevor er etwas erwidern konnte, fuhr der Barkeeper fort: “Ich gebe Ihnen zur Feier des Tages einen Drink aus. Was darf ich Ihnen anbieten? Wie ich sehe, haben Sie den Wallbanger schon probiert”, sagte er und deutete auf Marids Mund.

“Wissen Sie was`? Ich habe da etwas ganz Besonderes.”

Er lehnte sich über die Bar.

“Ganz ruhig, Eddie…”, sagte eine Stimme aus der Nähe.

Marid blickte zur Seite und sah einen Schopf hellvioletten Haares gepaart mit ebenso violetten Augen. Der Neuankömmling nahm soeben den Platz neben ihm an der Bar ein. Das Verhalten des Barkeepers änderte sich augenblicklich. Er richtete sich auf und zuckte mit den Schultern: “Natürlich. Keine Angst. Ich habe nur herumgealbert.” Er ging davon, um einen anderen Kunden zu bedienen.

Es dauerte einen Moment, bis Marids verlangsamte Gedanken die Situation erfassten.

“Warte! Ich muss meinen Freunden etwas zu trinken holen.”

Aber der Barkeeper war bereits außer Hörweite.

“Nun, sieht so aus, als wäre bereits für sie gesorgt.”

Der Fremde deutete über Marids Schulter, wo sich seine Mitarbeiter eifrig gegenseitig Schnäpse aus einer Flasche Soles einschenkten.

“Hm, da hat wohl noch jemand was bestellt…”

“Ja, das ist Teil der Magie von Wally’s. Alkohol passiert einfach so. Übrigens, ich bin Mac.”

“Marid.”

“Lass mich raten, wenn du mit diesen Leuten abhängst, musst du für Microtech arbeiten.”

“Ja, heute war mein erster Tag.”

Ein breites Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Fremden aus.

“Wow! Gratuliere! Das ist aufregend.”

Marid lächelte zurück. Er war nervös gewesen, seine Kollegen zu beeindrucken und einen guten ersten Eindruck zu mache.

“Marid, ich würde dich gerne auf einen Drink einladen, um deinen neuen Job zu feiern. Wenn du ja sagst, bist du natürlich nicht verpflichtet, zu bleiben und mit mir zu plaudern.”

Mac lächelte wieder.

“Obwohl ich mich sehr freuen würde, wenn du das tätest.”

Marid blickte zurück zu seinen Mitarbeitern. Allein der Gedanke, wieder zur Party zurückzukehren, war anstrengend. Eigentlich sollte er einfach in seine Wohnung gehen und sich vor der morgigen Arbeit etwas ausruhen. Ein weiterer Gast drängte sich an die Bar neben ihm, was Marid veranlasste, näher an Mac heranzurücken. Oder er konnte bleiben und noch einen Drink nehmen.

“Ja, ich hätte gerne einen Drink.”

“Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest.”

Schneller als er es für möglich gehalten hatte, standen zwei Drinks vor ihnen. Mac hob ein Glas.

“Auf deinen neuen Job.”

*****

Marid wusste nicht, dass er etwas so sehr hassen konnte, wie in diesem Moment das Zwitschern der Vögel. Er öffnete langsam die Augen und blinzelte in das Sonnenlicht. Als er das Zimmer genauer betrachtete, flog ein ganzer Schwarm Vögel über sein Bett und sang fröhlich.

“Alarm, Schlummern.”

“Negativ. Snooze-Limit erreicht”, antwortete der Wecker fröhlich.

Verdammt. Marid rollte sich aus dem Bett und stolperte zum Knopf zum Ausschalten des Alarms. Sobald er ihn gedrückt hatte, schaltete sich die Vogelprojektion gnädigerweise aus und die Beleuchtung ging auf ein normales Niveau zurück. Auch wenn der Lärm aus war, so schmerzte sein Kopf immer noch. Eigentlich schmerzte sein ganzer Körper. Außerdem schmeckte sein Mund wie ein in Abwasser getränkter Wattebausch. Genau, deshalb trinke ich sonst nicht, dachte er. Er warf einen Blick auf die Uhr und zog eine Grimasse. So viel dazu, an seinem zweiten Arbeitstag einen guten Eindruck zu hinterlassen. Nach einer kurzen, intensiven inneren Debatte darüber, ob er einfach wieder ins Bett gehen sollte oder nicht, und einer schnellen Dusche kramte Marid seine Sonnenbrille aus einer ausgepackten Umzugskiste hervor und machte sich auf den Weg zu dem Café, das ein paar Blocks von seinem Haus entfernt lag.

Das Café war voll mit Leuten, und es schien, als wäre er nicht der Einzige, der einen harten Morgen hatte. Während er in der langen Schlange wartete, um einen extragroßen, stimulierenden Kaffee zu bekommen, öffnete er sein Mobi. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie er gestern Abend nach Hause gekommen war, und war neugierig, wie seine Werte aussahen. In den letzten Jahren hatte er sich angewöhnt, eine ganze Reihe persönlicher Daten zu erfassen. Einige davon wurden vom Mobi-Betriebssystem standardmäßig aufgezeichnet, wie die zurückgelegte tägliche Strecke und die Herzfrequenz, andere hatte er selbst programmiert: Pupillenerweiterung, Umgebungsgeräusche, wie oft er sein Mobi überprüft hatte und anderes mehr.

Er scrollte durch die vergangenen Stunden und sah, wie die Zahlen schwankten, als sein Körper auf verschiedene Reize reagierte. Das war merkwürdig. Den Daten zufolge hatte er gestern Abend eine Stunde lang genau dasselbe getan wie in der Stunde zuvor. Keine erkennbare Veränderung, welcher Art auch immer. Das sollte nicht möglich sein. Selbst Stillstand führte zu quantifizierbaren Veränderungen in den Daten. Irgendetwas musste schief gelaufen sein. Er griff auf die Dev-Kontrollen zu und begann zu suchen, was den Fehler verursacht haben könnte. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alle Sensoren normal funktionierten, begann er, die schlimmste aller Möglichkeiten zu erkennen…

“Sir? Sie wünschen?”

Marid bemerkte, dass er sich in der Schlange ganz vorn stand.

“Tut mir leid.”

Er ging aus dem Weg, ohne sich einen Kaffee zu holen. Der Nebel in seinem Kopf hatte sich gelichtet, als ihm schließlich klar wurde, dass er gehackt worden war. Es war clever gemacht. Das war nicht zu leugnen. Selbst ein Gelegenheitsnutzer würde bemerken, wenn Zeit fehlte oder gelöscht wurde, aber durch die Schleifenbildung der Daten der letzten Stunde fügte sich der Verlust fast perfekt ein. Wäre Marid nicht so besessen von den Daten gewesen, hätte er es vielleicht selbst nicht bemerkt.

Er tauchte tiefer in sein System ein und öffnete ein Bild des Speichers seines Mobi. Glücklicherweise war seine Vermutung richtig gewesen. Was auch immer für ein bösartiges Programm verwendet worden war, es funktionierte durch aktives Überschreiben von Daten, nicht durch Veränderung der zugrunde liegenden Daten selbst. Er konnte sehen, auf welche Speichereinheiten in der fehlenden Stunde zugegriffen worden war.

Marid wusste sofort, worauf der Hacker es abgesehen hatte – seinen Mitarbeiter-Schlüsselcode. Es war eine eindeutige Kennung, die ihm Zugang zu den Büros von Microtech und insbesondere zu seiner Entwicklungsumgebung verschaffte. Aus Sorge vor Unternehmensspionage hatte Microtech seine Entwicklungsumgebungen in isolierten Zellen eingerichtet. Die Mitarbeiter konnten nur auf ihre eigenen Sektoren zugreifen, es sei denn, sie erhielten eine aktive Genehmigung der Sicherheitsabteilung.

Wenn also jemand auf die Dateien des Datentechnik-Teams zugreifen wollte, brauchte er einen dieser speziellen Schlüsselcodes. Und nicht nur das – die Schlüsselcodes waren fest im Mobi der jeweiligen Person verschlüsselt. Gestern erst hatte Marid im Sicherheitsbüro von Microtech gesessen und ließ den Schlüssel über ein Verbindungskabel auf sein Gerät übertragen. Um einen solchen Schlüssel zu stehlen, musste sich jemand physisch Zugang zum Mobi verschaffen. Die Drinks. Das Flirten. Die beiläufigen Erkundigungen nach Madrids neuem Job. Macs Interesse an ihm machte plötzlich viel mehr Sinn.

Sein erster Instinkt war, zurück zu Wally’s Bar zu laufen und zu versuchen, Mac ausfindig zu machen, aber der logische Teil seines Gehirns, der neben seiner Panik und Wut noch funktionierte, wies darauf hin, dass die Bar erst in fünf Stunden wieder geöffnet sein würde. Verdammt, Mac hatte wahrscheinlich nicht einmal mehr lila Haare und Augen. Der Hacker hatte die grelle Färbung wahrscheinlich eher zur Ablenkung gewählt als aus modischen Gründen. Nein, das Richtige wäre es, den Einbruch bei der Microtech-Sicherheit zu melden.

Er änderte seine Route und steuerte auf das glänzende Hauptgebäude der Megacorps zu, dessen geschwungene Linien sich mit der geschwungenen Kuppel über ihm zu einer beeindruckenden Darstellung moderner Architektur vereinigten. Kaum zu glauben, dass seine größte Sorge beim Aufwachen gewesen war, zu spät zur Arbeit zu kommen. Stattdessen war er nun im Begriff, die Verantwortung für einen großen Sicherheitsverstoß übernehmen zu müssen. Er würde sofort zu Tami gehen und sie über alles informieren, und dann konnten sie eine Quarantäne einrichten, um alle Schwachstellen zu schließen. Bei der Menge an Zugriffsmöglichkeiten, die Marid auf sein System hatte, würde es eine umfangreiche Operation werden. Außerdem müssten sie höchstwahrscheinlich an die Öffentlichkeit gehen, da direkte Verbraucherdaten betroffen waren.

Selbst mit den vorhandenen Verschlüsselungsprotokollen enthielten die auf den Microtech-Servern gespeicherten Rohdaten Milliarden von Transaktionen und Kommunikationen, die für schändliche Credit-Zwecke verwendet werden konnten. Die Leute benutzten ihr Mobiglas schließlich für fast alles. Es wäre ein Albtraum für die Öffentlichkeit.

*****

“Hallo und willkommen bei Microtech, wo wir daran arbeiten, jeden Tag besser zu machen”, zwitscherte der muntere holografische Microtech-Vertreter, als er in die Halle der Konzernzentrale eintrat. Marid hatte den weitläufigen Hightech-Ausstellungsraum gleich außerhalb der Hauptbüros erreicht. Hier stellte Microtech seine neuesten und besten Angebote aus – von High-End-MobiGlas-Modellen bis hin zu massiven Spitzen-Simpods.

“Kann ich Ihnen bei irgendetwas helfen?”

Als er weiterging, schwebte der Vertreter neben ihm her, bereit, jederzeit zu helfen, wenn er etwas brauchte. Der Gedanke, das alles hinter sich zu lassen, war schmerzhaft. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass eine Entlassung nach einer Woche in seinem neuen Job seinen Ruf so schädigen würde, dass andere Unternehmen ihn nicht mehr einstellen würden. Es  schmerzte ihn, dass er nie mit all den großen Projekten beginnen konnte, die er geplant hatte.

“Wir haben eine neue Reihe von Holoprojektoren, die man einfach sehen muss, um es zu glauben.”

Marid wollte den nervtötenden Vertreter gerade abschalten, als ihm ein Gedanke kam – er hatte noch keine konkreten Beweise dafür, dass wirklich in Microtech eingebrochen worden war. Wenn er jetzt etwas sagte, würde er nur eine Panik auslösen. Er kam schnell zu der Überzeugung, dass es das Vernünftigste wäre, zunächst das System zu überprüfen, um festzustellen, ob es tatsächlich einen Grund für einen Alarm gab. Es hatte keinen Sinn, “Feuer” zu rufen, wenn es keine Flammen gab, oder?

Nach stundenlanger Suche fand er schließlich eine Unstimmigkeit, aber nur, weil er wusste, dass es etwas gab, wonach er suchen musste. Genau wie das Eindringen in sein Mobi, war auch dies sehr gut versteckt. Mac entpuppte sich weiterhin als ein guter Hacker. Es war eine gewisse Genugtuung zu wissen, dass er zumindest von jemandem mit beträchtlichen Fähigkeiten hereingelegt worden war.

Sein System war mit einem klassischen Rasenmähervirus infiziert worden, der immer nur ein wenig von der Spitze abschnitt. Insgesamt sahen die abgeschöpften Daten wie Unsinn aus, aber auf der anderen Seite gab es ein Begleitprogramm, das alles wieder in seine ursprüngliche Form zurückkompilieren konnte. Diese Version war besonders gut gemacht, denn sie lief nicht in einer geraden, nachvollziehbaren Linie, sondern sprang wahllos durch die Datenstruktur. Beeindruckend. Und hilfreich für Marid. Diese Anpassung bedeutete, dass das Virus viel langsamer arbeitete als üblich. Außerdem versteckte er seine Datenübertragungen, indem er winzige Pakete in den normalen Datenverkehr einfügte.

Dieser Virus war darauf ausgelegt, monatelang, wenn nicht sogar jahrelang zu arbeiten und alles zu sammeln, was er konnte. Wenn er ihn jetzt ausschalten würde, wären kaum Daten von den Servern gesammelt worden. Marid begann, eine Firewall zu programmieren, mit dem er den Virus unter Quarantäne stellen konnte. Doch kurz bevor er ihn implementieren konnte, klopfte es an seiner Tür.

Marid blickte auf und sah Tami am Eingang stehen, die aus einer Tasse nippte. Lächelnd sagte er: “Morgen, Tami”, während seine Finger heimlich die Hotkeys drückten, um die Dateien auf seinem Bildschirm zu minimieren.

“Hey, Marid. Ich wollte nur sagen, dass ich die Logs von heute Morgen gesehen habe.”

Marids ganzer Körper spannte sich an. Er hätte auf der Stelle alles gesagt, wenn er nicht kurzzeitig von Angst gelähmt gewesen wäre.

“Ich kann nicht glauben, dass du heute Morgen so früh ins Büro gekommen bist. Besonders nicht nach der Nacht, die wir hatten. Schön zu wissen, dass du dich das nächste Mal, wenn wir in der Stadt sind, behaupten kannst.”

Marid atmete erleichtert auf. Er würde heute nicht gefeuert werden. Marid schätzte die Ironie, dass Mac, der seinen Schlüsselcode benutzt hatte, um sich heute früh Zugang zum Gebäude zu verschaffen, ihm vielleicht sogar ein paar Punkte bei seinem Chef einbrachte. Trotzdem war es seltsam zu wissen, dass der Hacker noch vor ein paar Stunden auf diesem Platz gesessen hatte.

“Du weißt ja, was man sagt, hart arbeiten, hart spielen.”

Tami nickte.

“Das ist so ziemlich das inoffizielle Motto von Microtech. Wenn du eine freie Minute hast, würde ich dir gern die Umstrukturierungsmaßnahmen erläutern, die du diese Woche in Angriff nehmen sollst.”

Dass sie irgendetwas an seinem Arbeitsplatz tat, war das Letzte, was er im Moment wollte. Er suchte nach einer Ausrede. “Wäre es möglich, dass wir das morgen machen? Ich hätte gern noch einen Tag, um mich richtig einzuleben, bevor ich mich voll in ein Projekt stürze.”

“In Ordnung, aber ich erwarte, dass du morgen bereit bist, ins kalte Wasser zu springen. Außerdem möchte ich jetzt unbedingt schwimmen gehen. Warst du schon mal im Club Olympus? Die haben eine Außenterrasse mit Whirlpools. Die Kälte mischt sich mit der Wärme. So toll. Das musst du probieren.”

“Klingt unglaublich. Sag mir Bescheid, wenn du das nächste Mal hinfährst”, erwiderte Marid so höflich wie er konnte.

Als Tami weg war, öffnete er schnell wieder das Quarantäneprotokoll und überprüfte seine Arbeit ein weiteres Mal, bevor er sie umsetzte. Alles sah gut aus. Sobald er es aktivierte, würde das Virus vollständig abgeschaltet werden und dann … und dann? Würde er dann dem Sicherheitsdienst sagen, was passiert war? Er würde noch mehr Ärger bekommen, wenn sie herausfänden, dass er gewartet hatte. Außerdem würde Mac wissen, dass etwas passiert war, sobald der Datenfluss unterbrochen war. Wer wusste schon, was der Hacker dann als nächstes tun würde. Marid könnte gefälschte Datenpakete aussenden, aber das würde das Unvermeidliche nur hinauszögern. So wie er es sah, hatte er drei Möglichkeiten.

Erstens: Er könnte zu seinem ursprünglichen Plan zurückkehren und Microtech mitteilen, was passiert war. Zweitens, er konnte herausfinden, wohin die Daten gesendet wurden, und versuchen, die Sicherheitslücke an der Quelle zu schließen. Drittens: Er könnte so tun, als hätte er nichts gewusst, und den Rasenmäher weiterlaufen lassen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die erste Option zu seiner Entlassung führen würde, war sehr groß. Die zweite Option war wesentlich gefährlicher, da er nicht wusste, auf wen oder was er stoßen würde, aber die Chancen, seinen Job zu behalten, waren wesentlich höher. Bei der dritten Option würde er seinen Job mit ziemlicher Sicherheit behalten, zumindest für eine Weile, aber jetzt, wo die Büchse der Pandora geöffnet war, war er nicht der Typ Mensch, der einfach zulassen konnte, dass die ihm anvertrauten Daten weiterhin gestohlen wurden.

Marid schloss die Quarantäne und öffnete ein neues Fenster, um zu verfolgen, wohin die Datenpakete gesendet wurden. Als sein Transportshuttle zwei Tage zuvor über die Tundra geflogen war, hatte es Marid in keiner Weise darauf vorbereitet, wie kalt es tatsächlich sein würde, wenn er außerhalb der schützenden Kuppel von New Babbage stand.

*****

Obwohl sein Anzug für extreme Temperaturen ausgelegt war, spürte er beim Verlassen des schützenden Innenraums des kleinen Eisskiffs, das er gemietet hatte, die beißende Kälte direkt in seinem Inneren. Der Wind machte es noch schlimmer. Wären nicht die winzigen Haken an seinen Stiefelsohlen gewesen, die den festen Schnee festhielten, wäre er weggeblasen worden.

Es hatte ihn den ganzen Nachmittag gekostet, die Quelle zu finden. Mac hatte die Spuren der Daten gut verwischt, indem er die Pakete zwischen Dutzenden von Knotenpunkten hin und her schickte. Beinahe hätte Marid den Pfad verloren, als die Daten durch eine Sim-Arcade geleitet wurden, aber er konnte die Spur wieder aufnehmen, als die Daten durch ein privates Kommunikationsrelais flossen,   das von der Kuppel weg sendete. Für die letzte Etappe der Reise musste Marid einen Schmalfeldscanner verwenden, um das Signal physisch weiter verfolgen zu können. Erschwerend kam hinzu, dass die Übertragungen nur selten und in kurzen Abständen erfolgten. Er konnte das Signal nur für wenige Millisekunden auffangen, bevor es wieder verschwand.

Schließlich hatte ihn das Signal in ein abgelegenes Stück eisiges Nichts geführt. Der Schnee peitschte um ihn herum, setzte seine Maske zu und machte es ihm schwer, weiter als ein oder zwei Meter zu sehen. Er versuchte, eine Taschenlampe zu benutzen, aber der Schnee reflektierte das Licht und blendete ihn. Marid wischte mit dem Scanner hin und her und peilte das Signal an. Jetzt, wo er hier draußen stand, verstand er, warum der Skiff-Verleiher so viele Warnungen ausgesprochen und ihn vor dem Verlassen der Kuppel mehrere Freigaben unterschreiben ließ.

Ein Teil ihrer Vorsicht hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass die meisten ihrer Vermietungen an Wochenend-Krieger gingen, die auf der Suche nach extremen Eissportarten waren – und es war nicht zu leugnen, dass Microtech eine sehr unwirtliche Umgebung war. Von dort, wo er stand, sah der nahezu strukturlose Horizont auf allen Seiten gleich aus. Sollte das Skiff aus irgendeinem Grund den Strom verlieren, würde er hier draußen hoffnungslos festsitzen.

Plötzlich sprang der Scanner fast aus seinem Griff und vibrierte von einem unsichtbaren Schlag. Als er sich umschaute, erkannte er, dass sich vor ihm eine weiße Kommunikationsschüssel befand, die fast nahtlos mit der Tundra verschmolzen war. Selbst jetzt, wo er wusste, wo sie sich befand, war sie nur schwer zu erkennen. Er bückte sich und fand den Sockel der Schüssel. Dort, unter dem Schnee begraben, führte ein dickes Bündel von Kabeln weg. Er folgte ihm so gut er konnte, aber das Wegkratzen des Schnees mit seinen behandschuhten Händen erwies sich schnell als schmerzhaft, da sich die Kälte durch seine Schutzschichten fraß. Er war fast gezwungen, aufzugeben, als seine Hände taub zu werden begannen, aber zum Glück fand er die Stelle, an der das Kabel endete, gerade als das Gefühl seine Finger völlig verließ. Versteckt unter einer dünnen Schicht Neuschnee lag eine Metallluke.

Marid suchte den Bereich ab, konnte aber nirgends ein Zugangsterminal finden. War es eine Art ferngesteuertes, drahtloses Schloss? Er stellte den Scanner so ein, dass er nach lokalen Kurzwellen suchte, fand aber nichts. Verzweifelt versuchte er, an der Luke zu ziehen. Sie öffnete sich leicht und Marid flog rückwärts in den Schnee. Peinlich berührt, auch wenn niemand Zeuge seiner Dummheit war, schüttelte er sich den Schnee ab und kletterte die Leiter hinunter. Unten befand sich ein kleiner Bunker, der dicht mit einer Reihe von Servern gefüllt war.

Die Hitze, die von den Racks ausging, war intensiv, aber ein Rohrsystem, das durch den gesamten Bunker verlief, nutzte die eisige Außentemperatur als Kühlkörper für die Geräte. Diese natürliche Kühlung war einer der Gründe, warum sich Microtech überhaupt für den Kauf dieser Welt entschieden hatte. Dank des eisigen Klimas des Planeten sparten sie jedes Jahr Milliarden an Credits.

Marid ging zum Zugangsterminal. Und tatsächlich fand er darauf das Compilerprogramm, das den Virus auf seinem System begleitete. Die Daten wurden langsam zusammengesetzt. Obwohl hier eine riesige Menge an Informationen gespeichert war, war das meiste davon noch fragmentiert. Der kleine Teil, der brauchbar war, wurde vom Hauptserver auf ein tragbares Laufwerk übertragen und dort gesammelt und analysiert.

Beim Durchsehen der Aufzeichnungen wurde Marid klar, dass er nicht das erste von Macs Opfern war. Der Server sammelte Daten von den meisten der größten Technologiefirmen New Babbages, darunter mindestens drei verschiedene Quellen innerhalb von Microtech selbst. Es gab Schaltpläne von einem Unternehmen, das einen verbesserten EVA-Stabilisator entwickelte, der nur ein Drittel des normalen Treibstoffs verbrauchte. Es gab interne Unterlagen, in denen ihr neuer herstellereigener Kompressionsalgorithmus beschrieben wurde. Es gab sogar Videos, die frühe Levels aus einem unangekündigten Star Marine 3 zeigten. Und das war nur das, was bis jetzt zusammengetragen worden war. Wer wusste schon, was sonst noch in den Fragmenten lauerte?

Marid war auf eine Fundgrube gestohlener Informationen gestoßen. Methodisch deaktivierte er die Notfall-Redundanzen des Kühlsystems. Mit jeder Abschaltung, die er vornahm, stieg die Temperatur im Raum an. Alarme begannen zu ertönen, aber als die automatischen Systeme versuchten, die Katastrophe zu verhindern, indem sie den Raum mit Eiswasser fluteten, war es bereits zu spät.

Marids Anzug gab eine eigene Warnung aus. Er kletterte die Leiter hinauf und schloss die Luke wieder, um die Verwandlung des Bunkers in einen Ofen zu beenden. In der nächsten halben Stunde beobachtete Marid vom Skiff aus, wie das Eis brach und heißer Dampf aus der Tiefe aufstieg. Inzwischen war jedes Stück Technik, das sich im Serverraum befunden hatte, zu Schlacke geworden. Die Daten von Microtech waren sicher. Natürlich würde Mac wütend und verzweifelt sein, sobald er die Sabotage entdeckte. Aber damit rechnete Marid. Da sich die Schlüsselcodes von Microtech jeden Monat änderten, hatte der Hacker nur eine begrenzte Zeit, um erneut auf sein System zuzugreifen und den Virus auf ein neues Ausgangsrelais zu lenken, bevor er vollständig ausgesperrt wurde. Alles, was Marid tun musste, war sicherzustellen, dass seine Falle bis dahin bereit war.

Er startete das Skiff und steuerte über das Eis zurück nach New Babbage. Er hatte vor, sich vor seinem Treffen mit Tami am Morgen gut auszuschlafen. Aber dann, so dachte er mit einem Blick auf das Laufwerk, das auf dem Sitz neben ihm lag – vielleicht wäre es eine gute Idee, mal hineinzusehen, eine kleine Lektüre vor dem Schlafengehen…

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