Lost in Space

– Das Jahr 2954 –

Die Hintergründe zu Projekt „Enos“ klären sich auf, Brubackers schlimmster Albtraum ist ein alter Bekannter – und auch sonst offenbart das Verse auf vielfältige Weise neue Abgründe: Einmal mehr entscheidet sich, auf wen Brubacker wirklich zählen kann. Erst Recht, als es das erste Mal in das benachbarte Pyro geht – ein Sternensystem, das von Piraten und Gesetzlosen regiert wird. Dort muss die “Crew“ beweisen, was sie im Innersten zusammenhält.  Brubacker erfährt schließlich mehr über seine wahre Identität.


Journal-Eintrag 04 / 01 / 2954

„Zero, bist du das?“

Über mir steht auf der Treppe einer Origin 400i ein junger, geschniegelter Mann mit Krawatte, Brille, Anzug.

„Jup.“

„Was ist das denn für eine Maskerade? Biste wieder inkognito?“

„Nee, ich arbeite jetzt für Crusader Industries. Mache für die Frachtflüge.“

Ich stutze – Zero ist eben immer für eine Überraschung gut.

„Und wem gehört das Schiff?“

„Wurde mir von Crusader gestellt.“

Neues Jahr, neue Abenteuer.

Im Innern des Schiffes steht eine versiegelte Kiste, in der weiß Gott was drin ist.

„Und du bist sicher, dass das alles mit rechten Dingen zugeht und nicht irgendeine Falle ist?“

„Nee, hat schon alles seine Richtigkeit.“

„Na dann.“

Wir sind in der Hundekälte von Microtech auf dem Deltana Oupost gelandet – der erste Leg des Jahres 2954 auf unserer Microtech-Umrundung steht an.

Zero wechselt seinen Business-Anzug gegen einen Novikov und quetscht sich damit auf eine Origin X1 – heute wird er sich seine ersten Biker-Sporen verdienen.

„Los geht’s.“

Schnell übernimmt Zero die Führung, Hermie ist wegen Krankheit verhindert – dafür rast uns nun Zero davon.

„Sieh an, ein Naturtalent.“

Ella und ich haben Mühe, mit ihm Schritt zu halten, sogar Husky, der die FROST steuert, muss aufs Gaspedal treten, will er Zero nicht im Schneegestöber verlieren. Flotter als gedacht geht es über zwei große Seen. Unterwegs wechseln wir einmal durch, dann stehen bald 480 Kilometer auf der Uhr – nicht schlecht für den ersten Austritt im neuen Jahr. Ein paar Mal noch durch Schnee und Eis – dann sollten wir endlich das gelobte „Riverland“ erreichen.

Nach getaner Arbeit nehmen wir noch einen schnellen Absacker auf Zeros Schiff, der sofort wieder in seine Crusader-Klamotten schlüpft, inklusive Crusader-Spange am Revers.

Für Credits macht Zero aber auch echt alles.

*****

Journal-Eintrag 06 / 01 / 2954

Es stinkt mich an, bei jeder unserer Touren nach einem Anzug betteln zu müssen – da kommt das Angebot Hermies, ihn auf einer Versorgungstour für unseren Bikertrip zu begleiten, gerade recht.

Er holt mich in New Babbage ab, mit einem Schleppschiff.

Als ich ein paar abfällige Bemerkungen über das kleine Arbeitstier mache, verzieht er das Gesicht.

„Bru….“

„Himmel, ist doch nur ein wenig Spaß“, gebe ich zurück.

Manche nehmen einfach alles sofort persönlich.  Hermie ist ein netter, hilfsbereiter Kerl, aber er müsste sich dringend mal entspannen.

Egal – wir brechen gemeinsam nach ArcCorp auf, wo er mir mal eine Komplettmontur auf den Leib schneidern will. Ich bin tatsächlich dankbar  für jede Unterstützung, denn nach wie vor wird Einkaufen nie mein Ding werden. Des Bettelns bin ich aber auch überdrüssig.

Hermie hat das Argo-Schiff hochgerüstet, sodass wir den langen Quantumjump flott hinter uns bringen. Area 18 liegt unter einem Regenschleier.  Er landet gekonnt, dann stehen wir in der Abfertigungshalle plötzlich seinem Zwillingsbruder gegenüber – einem Mann namens Carl Cooper. Er sucht einen gewisser „Baker“. Er hat irgendein technisches Problem mit seiner Vulture.

Er folgt uns, nachdem ihm Hermie zugesagt hat, einmal drüber zu schauen. Zunächst geht es aber zum Einkauf.  Der ganze Planet ist in trübes Licht getaucht, die Menschen hetzen mit eingezogenen Köpfen durch die Stadt. Unser Ziel lautet „Cubby Blast“, ein Waffenladen bei dem wir wohl alles bekommen.

Ich entscheide mich für eine so genannte TrueDef-Rüstung in schwarz-silber. Nicht zu klobig, aber mit guten Schutzwerten. Zwei Waffen gibt es obendrauf – Biken im hässlichen Strampler adieu. So ausgerüstet geht es zurück in den Hangar zur reparaturbedürftigen Vulture. Hermie weiß genau, was er tut. Nachdem er irgendwas neu gebootet hat, springt das Schiff wieder an – und ein glücklicher Salvager verlässt den Hangar. So einfach kann es manchmal sein.

Wir besorgen noch einen Helm für mich, dann geht es zurück nach Port Tressler. Unterwegs erzähle ich Hermie auf Nachfrage meine wirre und unglaubliche Herkunftsgeschichte, doch anders als Zero schluckt er sie ungerührt.

„Ich glaube dir“, sagt er einfach nur. Damit ist der Fall für ihn erledigt.

Gemeinsam stehen wir am großen Panoramafenster und blicken hinab auf Microtech.

Journal-Eintrag  11 / 01 / 2954

Biken, biken, biken – und kein Ende in Sicht. Der verdammte Planet ist einfach viel größer als gedacht. Oder waren wir einfach nur naiv und haben uns allzu blind auf das Abenteuer eingelassen?

Ich steige wortkarg  auf meine Nox und zische in die Dunkelheit davon. Ein weiterer See liegt vor uns. Hermie und Ella sind hinter mir, Husky scoutet aus der Luft. Mein Blick geht stur geradeaus, den Frontscheinwerfer habe ich ausgeschaltet, weil die Reflektionen des Schnees sonst alles überblenden,  als es auch schon passiert – Hermie rast mit seiner X1 in mich hinein.

„Bru…Herrgott!“

„Was?!“, fauche ich zurück. „Ich bin hier einfach nur geradeaus gefahren….Du bist in mich reingeknallt, nicht umgekehrt!“

„Ja, schon gut.“

Ich koche vor Wut. Hermie lässt einfach keine Gelegenheit aus, mich zu maßregeln.

Tatsache ist: Wir sind mit den Nerven runter. Die Tour zieht sich nun schon einfach eine ganze Weile hin. Wir haben gut zwei Drittel geschafft, der Planet offenbart sich uns, zeigt seine ganze Vielseitigkeit, kehrt sein Innerstes nach außen. Aber es ist eben auch verdammt anstrengend – und wir sind entsprechend groggy. Gerade in letzter Zeit haben wir hunderte Kilometer abgerissen. Es liegt unausgesprochen in der Luft: Wir sind froh, wenn es irgendwann vorbei ist.

Ich atme tief durch und drehe das Tempo hoch.

Go, go, go.

Und als hätte uns der Planet erhört, bietet Microtech plötzlich wieder Balsam für die Seele: Die Landschaft wechselt von Schnee und Eis zu grünen Weideflächen, die an Schottland auf der Erde erinnern – sanfte Berge und weite Täler, die fließend ineinander übergehen, wechseln einander ab. Schlagartig ist das Schroffe, das Abweisende verschwunden.

Sofort hellt sich die Stimmung auf.

Erstaunlich, wie sehr die eigene Gemütslage auch von der Umgebung abhängt.

Bald tauchen wir ganz in die Highlands ein, drosseln die Geschwindigkeit, als Husky aus der Luft plötzlich einen interessanten Fund meldet.

„Da ist ein Wrack!“

Minuten später haben wir den Ort erreicht – es ist eine Freelancer, die schon eine Weile hier liegen muss. Von der einstigen Besatzung fehlt jede Spur.

Wir nähern uns dennoch vorsichtig – doch alles ist tot.

Viel gibt es nicht zu entdecken und wir wollen den heutigen Streckenabschnitt schon beenden, als Husky doch noch über etwas Interessantes stolpert:  ein Audiolog. Dieses berichtet davon, dass die zweiköpfige Besatzung – offenbar eine Frau und Mann – in Planetennähe in schweres Wetter geriet und ihr Schiff dann abgestürzt ist. Leider ist die Aufnahme nur schwer zu verstehen. Doch Husky vermutet, dass noch mehr dahinter stecken könnte. An Bord der FROST will er das Log daher noch einmal mit besseren Methoden analysieren.

Wir lassen  es zunächst dabei bewenden und kehren zurück nach Port Tressler.

.

Das Experiment

Ich wache nach unserer letzten Tour genervt und übermüdet durch das Piepen meines Mobiglases auf Port Tressler auf – eine Nachricht.

Uff.

Wann wird dieser Scheiß endlich vorbei sein?

Dann piept es noch einmal.

Ich will mich schon umdrehen, als mich doch mein journalistisches Ethos packt.

Ich melde mich bei Hermie.

„Worum geht’s?“

„Mehr weiß ich auch nicht.“

„Alles klar, bin unterwegs, wir treffen uns am großen Panaroma-Fenster.“

Ist vielleicht nicht schlecht, vor dem großen Experiment auf Harper’s Point zu sein. Ich ziehe mich mehr oder weniger unwillig an, dann mache ich mich auf den Weg. Kurz darauf sitze ich auch schon in Hermies Scoutingschiff, einer Terrapin,  mit Ziel Harper’s Point. Wir stechen durch die Wolken, dann eröffnet sich ein wunderschönes Panorama und wir landen an einem idyllischen See. Die Sonne geht soeben unter. Hermie hat jede Menge Bier dabei – ein Frachtauftrag.

„Immer alles mitnehmen, was geht und nebenbei Geld verdienen“, sagt er.

Ich nicke, während ich mir die Beine vertrete.

Es ist frisch, aber angenehm kühl – ein wunderschönes Fleckchen Erde. Hier also soll endlich Licht ins Dunkel kommen. Wir werden sehen.

Ich blicke mich um. Nicht zu fassen: Da kämpfen wir uns monatelang durch die schlimmsten Widrigkeiten des Planeten und dann liegen nur ein paar Flugminuten entfernt Orte, die zum Verweilen einladen. Wir drehen eine Runde durch die aus alten Wellblechplatten zusammengedengelte Siedlung. Alles ist friedlich, niemand will uns ans Leder.

„Schön hier“, sage ich, „wo ist dein Kontakt?“

„Wir sollen uns unten am Ufer auf der kleinen Brücke treffen.“

„Okay.“

Wir schleppen je eine Bierkiste einen kleinen Hang hinab – doch weder Medusa noch Hermies Bierkäufer sind zu sehen.

„Hermie…?“

„Verstehe ich auch nicht.“

Wir fragen ein paar Bewohner, auch die wissen nichts. Schließlich geben wir es auf.

„Und jetzt?“

Wir setzen uns auf einen kleinen Steg und blicken über den See.

„…dann nehmen wir uns eben erstmal selber ein Bier.“

Gesagt, getan – doch bei einem Bier bleibt es nicht.

Nach und nach werden wir immer lockerer.

Schließlich wirft Hermie eine leere Bierflasche soweit es geht in den See. Ich mache es ihm nach. Das Gespräch kommt auf Cäcelia, dann auf unsere Tour.

Irgendwann sage ich besoffen: „Weißt du, was du bist, Hermie? Eine Super-Nanny. Und das geht mir manchmal unfassbar auf den Sack.“

„Gleichfalls“, lallt er zurück.

Er zückt seine Waffe und schießt damit ein paar Mal in den Himmel.

„Alter, steck‘ die Kanone weg! Und, hör mal…eigentlich bist du schon okay…aber…“

„Bru, Klappe jetzt…haste die scharfe Braut vorhin gesehen, die da bei den Typen stand?“

„Häh? Ja…äh…klar.“

Ich drehe mich abrupt um, stolpere über die Bierkiste und knalle rückwärts ins Wasser. Sofort ist um mich herum alles pechschwarz. Wasser läuft in meinen Anzug. Nur mit Mühe krabbele ich wieder an Land.

„Bru…lass den Scheiß!“

„Was denn…hab‘ doch nur eine kleine Abkühlung genommen. Wo waren wir…ah, beim Flaschenschmeißen?“

Ich nehme eine Flasche und renke mir beim Wurf fast den Arm aus.

„Yeaaah, haste das geseh‘n?“

„…nee wir warn‘ bei der Braut.“

„Richtig. Ich dachte, Alter, ich dachte, du bist so eine Anstandsdame…is‘ noch ein Bier da?“

„Bru, Mann…“

Ich bücke mich, verliere das Gleichgewicht und fliege gleich wieder ins Wasser.

Verdammt noch mal.

Filmriss.

.

Das Verhör

Ich sitze auf einem Stuhl und bin gefesselt. Ich trage fremde Klamotten, keine Schuhe. Vor mir stehen drei vermummte Gorillas.Der Kater lässt gleich meinen Schädel explodieren.

„Wer sind Sie?“

„Was…ich…“

„Was wollen Sie hier?“

„Ich war eben noch mit meinem Freund Hermie unterwegs…wir haben getrunken….“

„Wer zum Henker sind Sie?“

„Wo bin ich? Wo ist meine Kleidung, meine Rüstung? Wo ist mein Freund?“

„Wir stellen hier die Fragen!“

„Machen Sie mich sofort los! Sonst sage ich gar nichts.“

„Mr. Brubacker…“

„Sie wissen also, wer ich bin…“

Der Ermittler blickt mich mit einem stechenden Blick an, so als würde er mich geradewegs durchdringen wollen.

„Was wissen Sie über Enos?“

„Ich…ich sage gar nichts, solange Sie mich nicht losmachen.“

„Doch, Sie werden sprechen!“

„Nein. Sie spinnen wohl! Das ist Freiheitsberaubung.“

Mein Kater raubt mir den Verstand.

„…haben Sie Sabotageakte geplant?“

Ich glaube, mich verhört zu haben.

„Machen Sie mich sofort los!“

„Erst wenn Sie den Mund aufmachen.“

„Vergessen Sie‘s. Ich verrate weder Quellen noch Recherchen.“

Es geht noch ein wenig hin und her, schnell geraten wir an einen toten Punkt. Der Chef-Gorilla hält mehrfach Rücksprache mit einer unbekannten Person, dann werde ich losgebunden, offenbar als kleines Zugeständnis. Gehen darf ich jedoch nicht.

„Wir haben auch noch andere Methoden auf Lager… schon mal was von Wasser-Folter gehört?“

Fast meine ich, unter seinem Helm ein schelmisches Grinsen erkennen zu können. Mir wird heiß und kalt, doch nach außen versuche ich den abgebrühten Journalisten zu geben.

„Mit solchen Drohungen können Sie vielleicht andere erschrecken. Ich war schon oft in ausweglosen Situationen.“

Dann verlässt der Oberindianer den Raum und einer der Söldner, der offenbar sein Stellvertreter ist, macht plötzlich einen auf Kumpel.

„Lohnt sich das, für die Wahrheit zu sterben?“, fragt er schmeichelnd. „Ist es das wert? Ich würde dich ja sofort gehen lassen, aber mein Chef…“

„Was wird das?“, frage ich kaltschnäuzig zurück, „eine Art Good Cop, Bad Cop-Spiel? Für wie blöd haltet ihr mich eigentlich?“

Plötzlich heißt es, das Schiff wird angegriffen. Ich höre Schüsse und dann hebt die Carrack auch schon ab. Ich weiß nicht, wohin es geht, als wir nach kurzem Flug wieder landen. Ich werde hochgescheucht und stolpere nur Momente später mit nackten Füßen über die kalten, immergrünen Pflanzen von Microtech – zu einer weiteren Carrack.

„Festsetzen, verhören, entführen – das kommt euch teuer  zu stehen“, sage ich.

„Halt‘ die Klappe!“

Auf der zweiten Carrack werde ich in die Messe gebracht – es sind eine Menge mir unbekannter Personen auf dem Schiff.

„Sie bleiben erstmal hier…zu Ihrer Sicherheit.“

„Zu meiner…?“

Ich muss fast laut auflachen.

Ich massiere mir die Füße warm und sinniere…die Einladung von Familie Abendroth nach Harpers Point war offiziell, deshalb…ich blicke über den Gang auf die andere Seite des Schiffes. Dort wird in den Mannschaftsräumen heftig diskutiert und gestikuliert. Keine Ahnung, worum es dabei geht.

…plötzlich öffnet sich die Tür.

„Cäcelia…“

„Mr. Brubacker….“

„Was zum Teufel ist hier los?“

„Sie sind zu Ihrer eigenen Sicherheit hier.“

„Ich will sofort gehen!“

„Tut mir leid, aber das ist im Moment nicht möglich.“

Ich schaue mir Cäcelia genauer an – sie ist echt ein hübsches Mädel. Ich will nicht glauben, dass sie so abgebrüht, so rücksichtlos ist. Ich beschließe mitzuspielen.

„Wollen wir uns nicht doch einfach duzen? Himmel, jetzt wo wir hier schon gemeinsam…“

„Okay“, unterbricht sie mich zu meiner Überraschung.

Im Hintergrund taucht plötzlich Ray Keaton auf.

„Oh, nee. Gerade fing es an, Spaß zu machen.“

Er steckt in einer kompletten Waffenmontur mit einer riesigen Waffe in der Hand, so als wolle er irgendwo einen Krieg ganz allein gewinnen. Auch Valentin stolpert durchs Bild – aber ich bin so verkatert, dass mir nicht in den Sinn kommt, ihn zu fragen, was er hier zu suchen hat.

„Alles frisch, Ray? Siehst heute so entspannt aus.“

„Bru…“

Ich wende mich wieder Cäcelia zu.

„Jetzt mal raus mit der Sprache…Wie wäre es, wenn wir einen kleinen Kreis des Vertrauens machen, in dem wir uns die Wahrheit sagen? Ich fange an.“

„In Ordnung.“

Ich blicke ihr tief in die Augen, mache ein Kompliment über ihre Haare…dann lege ich los.

„Falls es um Enos geht: Ich weiß nicht, worum es sich dabei handelt. Ich weiß nur, dass es unter Umständen saugefährlich ist und uns alle betrifft. Und da kann man nicht den Mund halten, wenn hier eine Biobot-Bombe explodiert, verstehst du? Man kann da auch auf Einzelne oder Privatunternehmen keine Rücksicht nehmen.“

Ich warte auf ihre Reaktion, doch da kommt nichts. Das sagt mehr als tausend Worte. Cäcalia verlässt den Raum, ich bin kurzzeitig allein und schleiche mich ebenfalls hinaus. Nur um sofort wieder vom nächsten Aufpasser eingefangen zu werden.

„Ist schon in Ordnung, Cäcelia…Mrs. Abendroth…hat es frei gegeben…“

Ich laufe zur Brücke, aber dort ist nichts zu sehen, ich schleiche die Gänge entlang, plötzlich steht Cäcelia wieder vor mir.

„Bru, ich sagte doch…“

„Erklär mir jetzt einfach, was hier los ist!“

Sie druckst ein wenig herum, dann kommt das Gespräch auf ihre Familie, ihre Schwester und dass –während wir hier sprechen und auf dem Fenster schauen – offenbar das angesetzte Experiment hinten in der Medbay stattfindet. Draußen wird derweil gekämpft, ich blicke halb interessiert, halb desinteressiert zu. Menschen rennen durch die Gegend. Irgendwo wird immer geschossen und um etwas gekämpft. Um Drogen, Gebiete, was weiß ich. Ich habe nur Augen für Cäcelia.

„Bin ich froh, dass wir hier drinnen sind.“

Ich starte eine Charmeoffensive und bin im Flirt-Modus.

Meine Avancen verfangen – schließlich haben wir sogar ein Date.

Dann öffnet sich die Tür und ihr Vater taucht auf, im Schlepptau ein Arzt.

„Es ist alles gut gelaufen. Der Virus ist weg. Ein großer Erfolg. Mariette geht es bald wieder besser.“

Ich sehe wie aus Cäcelias Gesicht das Blut entweicht.

„Mariette? Meine Schwester?“

„Das steht auf dem Patientenschein“, sagt der Arzt.

Ich bin mittlerweile maximal verwirrt.

Egal. Ich greife mir den Vater.

„Sie haben mich festsetzen, entführen und mir Folter androhen lassen.“

„Mr. Brubacker, nicht jetzt….“

„Doch jetzt…was fällt Ihnen ein?!“

Er atmet kurz durch, dann blickt er mich an.

„Sie sind von uns als Sicherheitsrisiko eingestuft worden. Sie haben Verschwörungstheorien verbreitet“, erklärt er unverblümt, als sei es das Normalste der Welt und in seinem Konzern eine gängige Geschäftspraktik.

„Mr. Abenroth, lassen Sie mich sofort von Ihrem Schiff!“

„Später, Mr. Brubacker. Jetzt müssen wir erstmal hier weg. Und ich lasse Sie gern raus, wo sie wollen. Alles Weitere können wir dann gern über unsere Anwälte klären.“

„Ich bin mir sicher, dass Sie sich die besten leisten können“, erwidere ich sarkastisch.

Draußen wird unterdessen wild geballert.

„Halt jetzt einfach die Fresse!“, fährt Valentin Benz dazwischen, der wie aus heiterem Himmel plötzlich wieder auftaucht und völlig frei dreht.

„Val…“

„Nein, Fresse, Bru!“

Cäcelia steigt mit ein.

„Bru, sein einfach still. Siehst du nicht, was hier los ist?“

„Nein. Wie auch, wenn ich die ganze Zeit irgendwo eingesperrt oder ausgesperrt bin?“, fahre ich sie an und bereue es sofort.

Wir sind zurück in unseren Schützengräben.

Ich atme tief durch und blicke schließlich still aus dem  Cockpit in die Unendlichkeit. Es geht offenbar nach Grimhex. Ich bin überfordert von so viel Aggression, Dummheit, Ignoranz und Arroganz.  Aber eines weiß ich: Enos und die dahinter steckende Biobot-Technologie wird jeden betreffen und uns um die Ohren fliegen – egal, ob als vorgebliches Heilmittel  oder als Waffe zur Züchtung von Super-Soldaten. Die einen wollen aufklären, die anderen ums Verrecken alles verschleiern. Wer ist Freund, wer Feind? Wir sind im Nebel verschluckt.

Kaum ist das Abendroth-Schiff gelandet, lasse ich die anderen stehen, nehme die Beine in die Hand, hole tief Luft und renne, wie ich bin, von der Rampe durch den luftleeren Raum auf das nächste Schott der Station zu. Kurz bevor ich es erreiche, wird alles schwarz.

Journal-Eintrag 16 / 01 / 2954

Ich sitze in der Redaktion, Killer lümmelt sich hinter mir auf einem uralten Sofa, das noch vom Vormieter stammt. Es hat lauter Löcher und Brandflecken von ungezählten Stims.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Nur wenn du weißt, wer  oder was hinter dem verdammten Enos steckt.“

„Enos…?“ – er macht die Backen dick, weil er sich gerade einen Burrito reindrückt – „was ist das? Etwas zum Essen?“

„Nicht direkt.“

„Schicke Bude hast du übrigens. Kann ich hier bleiben?“

„Klar.“

„Musst wieder viel nachdenken und schreiben und so, oder?“

„Yep.“

„Macht dir das Spaß?“

„Na ja, eigentlich schon….manchmal aber auch nicht.“

„Ändert doch eh nichts. Jeder macht sein eigenes Ding.“

Killer verschränkt die Arme hinter dem Kopf und blickt zur Zimmerdecke.

„Leben ist kurz, weißte? Bringt gar nichts, wenn man sich für andere Kopf zerbricht.“

„Killer…“

„…zum Schluss biste nur der Doofe, auf dem alle rumtrampeln.“

Ich drehe mich um und blicke ihn stumm an.

Ich weiß sofort, dass er Recht hat.

„Ich…äh…ich muss weitermachen.“

„Warum? Wir könnten doch wieder zum Gasplaneten fliegen. Da soll es sogar Wale geben.“

„Weil es wichtig ist. Weil…es jemand machen muss. Weil…“

Killer springt auf und rennt zur Tür.

„Sehe dich später. Ich check‘ mal die Gegend ab.“

„Nicht klauen!“

Er streckt kurz den Daumen nach oben, grinst schief und ist fort.

Da sitze ich. Allein.

Weil, ja, weil…

…  Enos uns vielleicht alle betrifft, egal wie weit man wegläuft oder wer man ist
…  Zivilcourage das Einzige ist, was noch bleibt, wenn die Institutionen versagen
…  man die ganzen Arschlöcher so einfach nicht davonkommen lassen darf
…  ich Reporter bin, verdammt noch mal!

Ich blättere meine Notizen durch. Drei Tage ist es nun her, dass uns der ganze Wahnsinn eingeholt hat.

  • Die Einladung zum Experiment auf Harpers Point war offenbar eine Finte. Uns wurde was ins Bier gemischt, um meiner habhaft zu werden. Hatte mich schon gewundert. Drei, vier Bier hauen mich sonst nicht um.
  • Hermie, Ella und Husky – an- bzw. erschossen von den Gorillas. Husky liegt im Koma, von Friedrich Winters auf seiner FROST in der Medbay gefunden. Hermie floh in Panik in die Wildnis, später ebenfalls gerettet von Winters. Offenbar wollten sie mich befreien. Für Abendroth waren sie nicht viel mehr als Kollateralschäden.
  • Zero – außer Gefecht auf Orison aufgewacht. Quasselt die ganze Zeit von irgendeiner Black Data, die entscheidend für des Rätsels große Lösung ist und die nur er entschlüsseln kann mit einer speziellen Xian-Methode. Diese Black Data hat sich wohl Cäcelia geschnappt. 
  • Valentin Benz – soll die Black Data offenbar an die Nine Tails aushändigen. Steht laut Zero entweder extrem unter Druck oder spielt ein falsches Spiel. Auf jeden Fall ein Bollerkopp, der sich nicht im Griff hat. Hat Zero mit einer Waffe bedroht.
  • Mr. Abendroth – ein Konzerner, wie er im Buche steht. Cäcelias Vater. Hält die Festsetzung und Entführung von Journalisten offenbar für eine normale Geschäftspraktik. Auf jeden Fall zwielichtig, vielleicht Schlimmeres. Ist vielleicht eine Schlüsselfigur, wie Zero mutmaßt.
  • Cäcelia – entweder eigene Agenda oder einfach nur überfordert. Hat sich schützend vor ihren Vater geworfen. Wie sagte sie doch? „Familie geht über alles“.  Klar, Blut ist dicker als Wasser. Wird sich trotzdem irgendwann entscheiden müssen, wo sie steht. Sucht anscheinend ihre totgeglaubte Schwester und will sie vom Zariska-Virus heilen. Memo an mich selbst: Liebe macht blind, Idiot.
  • Friedrich – hat sich eingeschaltet. Er will dem alten Abendroth auf den Zahn fühlen. Macht aktuell das halbe System wild, um herauszufinden, was hier läuft. Ist ganz in seinem Element, wenn er sich erstmal an was festgebissen hat.

Sind wir schlauer? Nein. Wir tappen im Dunkeln wie am ersten Tag. Klar scheint mir nur, wir sind alle Marionetten, die von bösen Mächten aufeinandergehetzt werden. Seit Jahren geht das nun schon so. Es ist zum Verrücktwerden.

Ich lege mich auf das alte Sofa, das längst auf den Müll gehört. Dann bekomme ich noch eine Nachricht von Thane McMarshall. Offenbar war die Behandlung mit dem Zariska-Virus nur Schein, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Nun denkt alle Welt, dass Enos ein Heilmittel ist. Offenbar ist aber das Gegenteil der Fall…ich hasse es, wenn ich Recht behalte.

Mir fallen die Augen zu und ich träume wild.

Nachtrag:
Husky ist aufgewacht. Es geht ihm einigermaßen.  Er hat eine Odyssee hinter sich – er wurde von den Gorillas angegriffen, versuchte sie zu verfolgen und explodierte dann auf einem Bike irgendwo in der Wildnis (gut, das ist jetzt keine Überraschung). Weiß davon, dass Val Zero ne Waffe an den Kopf gehalten hat und zweifelt nun an den Free Riders. Habe versucht, ihm gut zuzureden. Draußen, weit weg von dem ganzen Chaos, sieht die Welt wieder anders aus. Hat auch irgendein grundsätzliches Problem mit seinem Großvater, der wohl  früher nicht so da war, wie es nötig gewesen wäre. Jeder schleppt sein Päckchen mit sich herum.

Journal-Eintrag 20 / 01 / 2954

Ich schaue mir den Stream einer Überwachungskamera an und bin fassungslos. Eher gefriert die Hölle, bevor die einen Fehler zugeben oder sich entschuldigen. Schuld sind immer andere, kurz: Sie blocken alles ab. Dabei macht es Friedrich wirklich gut – er ist freundlich, aber bestimmt, lässt sie nicht aus  der Gesamtverantwortung. Aber Mr. Abendroth ist so selbstsicher wie eh und je, seine Tochter kann schließlich nicht mehr an sich halten und beschimpft mich – ich hätte mich unmöglich verhalten. Und einem Säufer könne man ja ohnehin nicht trauen. Ja, so einfach kann alles sein, wenn man stinkreich ist und glaubt, über allen anderen zu stehen. Letztlich sagen sie, dass ihnen die Edfjall-Universität die Gorillas aufgezwungen habe, sie daher nichts für den Verlauf der Ereignisse könnten.

Mehr noch: Zur Arroganz kommt die Lamoryanz hinzu – Freiheitsberaubung, Mord, Entführung – alles mit einem gönnerhaften und gleichzeitig wehleidigen Lächeln und Tränchen vom Tisch gewischt. Kurzum: Sie selbst sind Opfer der Umstände. Nun, so wissen wir wenigstens, woran wir sind. Irgendwann gibt es Friedrich auf. Ich mache auch einen Haken dran. Im besten Fall gilt: Enos ist tatsächlich nur ein Heilmittel, wir alle irren, alle bisherigen Hinweise sind Versuche, den Erfolg  zu verhindern.  Wenn es gut ausgeht – nun, dann werden ein paar ohnehin reiche Leute eben noch reicher. Oder Enos bereitet uns die Hölle auf Erden. In jedem Falle werden sich die Abendroths dann auch aus der Affäre ziehen und die Hände in Unschuld waschen.

.

Selbstzweifel

Zurück aufs Bike – wir starten mitten im Grünen. Hermie und Husky haben allein rund 400 Kilometer abgerissen und uns ein gutes Stück vorangebracht. Die Landschaft wird nun immer freundlicher. Ich sitze auf meiner Nox, wir reiten durch dichte Wälder, über weite Steppen. In der Ferne sind schneebedeckte Berge zu sehen, davor tiefe Täler. Ich versuche für den Moment die Ereignisse der vergangenen Tage einfach zu vergessen. Es tut verflucht gut, aus dem Hinterhofloch, das ich meine „Redaktion“ nenne, herauszukommen. Hinter mir reitet Ella, vor mir Hermie, als Sozius Chris Kross hinten drauf. Husky scoutet aus der Luft.

Plötzlich sehen wir in der Ferne ein rotes Licht über dem Horizont.

„Ey, da ist irgendwas“, sage ich.

„Jep, lass uns das mal ansteuern.“

Wie von einem magischen Auge werden wir über die nächsten Kilometer von dem roten Licht angezogen – das sich schließlich als eine Ansammlung von Wellblechhütten und Gewächshäusern entpuppt und sich „Astor‘s Clearing“ schimpft.

Husky, landet das Schiff mitten in der Siedlung – sofort dominiert es alles wie ein riesiger Fremdkörper. Wir stellen unsere Bikes in der Nähe ab, dann erkunden wir das Dorf. Es ist ärmlich, keine Frage, aber mit Überlebenswillen und Kreativität haben die Bewohner dieses Fleckchen Microtechs zu ihrer Heimat gemacht.

An diesem Abend scheint irgendetwas Besonderes auf dem Mobiglas zu sehen sein. Überall stehen die Bewohner zusammen, starren auf ihre Geräte.

„Vielleicht die Ergebnisse des letzten Sataball-Spiels“, sage ich und versuche ein Gespräch in Gang zu bringen.

Keine Antwort.

„Na, ihr Eingeborenen?“

Sofort fange ich mir einen Rüffel ein.

„Bru, wie kannst so etwas sagen?“

„Was denn?“, sage ich, „viele von denen sind doch wahrscheinlich von hier?“

Wir laufen durch den Ort, eine Bar ist voller Bier und Spirituosen, aber das Verkaufsterminal klemmt und wir wollen nicht einfach was klauen…ich erklimme frustriert einen hohen Mast und sehe, dass sich das Dorf in einem Tal befindet, vielleicht haben die Bewohner  deshalb so wenig Empfang und funktionierende Elektronik.

„Ey, habt Ihr hier schon Kabel? Vielleicht liegt es daran?“

„Bru, echt, du bist total unangenehm…“

Mir drückt die Blase. Ich klettere vom Turm und pinkele auf dem Rückweg in einen Busch.

„Du kannst doch hier nicht hinpinkeln!“

„Was? Wieso denn nicht, ist doch keiner da…“

Hermie zerrt mich aus dem Gebüsch.

„Mach das gefälligst auf dem Schiff!“

Ich will schon zu einer Antwort ansetzen, doch mittlerweile bin ich nur noch sauer und starre ihn stumm an.

Was haben die Leute im 30. Jahrhundert für ein verdammtes Problem?

Während des Rückfluges nach Port Tressler ist die Stimmung im Keller.

Ein paar Tage später.

Mich beschleichen Selbstzweifel.

Wie nur konnte es soweit kommen, dass mein Image so im Eimer ist? Was habe ich verbrochen? Wieso glauben alle, mich ständig maßregeln zu müssen? Ich trinke ab und zu wenig etwas – manchmal auch ein Bier zu viel  – aber macht mich das zu einem schlechteren Menschen?

Ich stürze manchmal irgendwo runter, gehe mal unnützes Risiko ein. Weil ich Dinge interessant finde, was ausprobieren will – bin ich deshalb der Depp vom Dienst, dem man jeden Schritt vorexerzieren muss?

Und ja, manchmal mache ich einen lockeren Spruch, um ein wenig die Stimmung zu heben. Und manchmal bin ich vielleicht nicht immer hyper-moralisch-korrekt. Ich übergebe mich in Blumen und pinkele in Büsche – na und? Das sind alles keine Staatsverbrechen. Wenn sich Menschen in den vergangenen 700 Jahren eines jedenfalls nicht abgewöhnt haben, dann andere in Schubladen zu stecken.

Ich kritzele auf ein Blatt:

No-go‘s:
Kurzzeitiges Baden in einem Seerosenteich.
Abhotten auf einer Tanzfläche in Badehose.
Kumpelhafte Begrüßung der Bewohner eines Outposts.
Pinkeln in einen Busch.
Flirten.

Statthaft und üblich:
Verschleppung, Mord, Erpressung.
Das Ausplündern von Leuten, die sich nicht wehren können.
Überfälle auf Raumschiffe, die nur ihres Weges fliegen.

Ich lasse den Stift sinken, zerknülle das Papier und feuere es in eine Ecke. Irgendwie, so scheint es, ist den Menschen im 30. Jahrhundert der moralische Kompass verrutscht. Dann wird mir klar: Fast 250 Jahre – bis zum Ende des 28. Jahrhunderts – hatte das Messer-Regime  geherrscht. Eine Zeit, in der Brutalität Staatsräson war. Und dieses Gift ist bis ins Mark der Gesellschaft eingedrungen. Ein etwas lockerer Umgang miteinander, das Leben genießen und auch mal Fünf gerade sein lassen – alles in der Diktatur ausgetrieben. Jahrhundertelang galt nur das Recht des Stärkeren. Ella, Hermie, Husky – sie alle sind Opfer dieser Zeit, wenn auch als Spätgeborene. Es dauert Generationen, bis sich das ausschleicht. Ich habe unterdessen 700 Jahre lang einen seligen Kälteschlaf geträumt.

Ich stehe vom Schreibtisch auf und lege mich auf das alte, abgeranzte Sofa in meiner Redaktion. Killer ist irgendwo unterwegs. Jungs wie er sind die größten Opfer von allen, während Menschen wie die Abendroths…stopp! Doch meine Selbstzweifel lassen sich nicht so leicht vom Tisch wischen.

Vielleicht bin ich auch einfach nur ein Idiot.

Journal-Eintrag 30 / 01 / 2954

„…mach dein Licht an! Ich hab dich nicht gesehen. Jetzt bin ich in dich reingefahren.“
„..sag Bescheid, bevor du abbremst! Jetzt bin ich auf dich aufgefahren.“
„…du bist in mich reingeknallt!“

Junge, Junge – eher gefriert die Hölle, bevor Hermie mal einen Fehler zugibt. Selbst wenn ich nicht der beste Biker bin, zu einem Unfall gehören immer zwei, oder?  Wir haben „Astor‘s Clearing“ verlassen, ich kann nur schwer an mich halten, schlucke meinen Ärger aber hinunter.

Einmal Depp vom Dienst, immer Depp vom Dienst.

Ich erwache auf der Medbay und blicke hinaus in die Nacht. Momente zuvor waren seine Dragonfly und meine Nox ineinander geknallt, ich bin explodiert. Husky scoutet das Schiff, es geht nordwärts. Unter uns ziehen endlose Wälder vorbei und Husky fliegt mit dem Schiff Schlangenlinien.

„Bru, alles okay?“

„Hm.“

Menschen sind, wie Menschen sind. Der eine kann keine Fehler zugeben, der andere quasselt viel, der dritte poltert ständig, der vierte zickt rum. Wenn uns irgendwas definiert, dann dass wir uns ständig aneinander reiben.

Mein Mobiglas piept.

Ich lese die Nachricht ein zweites Mal.

Sharan Doniz? Gespräch auf Bajini Pint? Nie gehört.

Dann weiß ich, wo ich das „J.P. was here“ schon mal gelesen hatte – an einer Wand in „Astor’s Clearing“.

Ich lese Husky die Nachricht vor – doch auch er kann sich keinen Reim darauf machen.

…Sharan Doniz…Sharan Doniz…

Oder ich habe mittlerweile Gedächtnisschwund. Davon abgesehen bin ich kein Sozialarbeiter – jeder hat sein Päckchen zu tragen, oder? Für eine große Story reicht es jedenfalls nicht. Außerdem habe ich momentan ein paar andere Dinge im Kopf.

Ablage P.

Ich schreibe in klassisch-journalistischer Manier zurück.

Warum kann es nicht immer so einfach sein?

Draußen geht derweil die Sonne auf.

.

Die Schrottsiedlung

„Sorry, Leute, ich muss mich aus der Crew verabschieden. Ich muss dringend ein paar Familienangelegenheiten in Terra klären.“

Dann ist sie aus dem Funk auch schon wieder weg.

Kurz angebunden, nüchtern,  geschäftsmäßig.

In der Runde herrscht Schweigen, geradezu eine Schockstarre.

Ella Clemens ist raus, hat uns verlassen.

Wir haben viel gemeinsam erlebt – vor allem auf der „Pal  o1“. Klar, sie war jetzt nie ein Crewmitglied an vorderster Front, eher im Hintergrund, aber immer da, wenn man sie brauchte. Mehr noch: Sie war der Kit, der uns wieder zusammenbrachte, wenn es mal krachte. Etwa zwischen Husky und mir oder beim Streit mit Mr. Aruhso. So eine verdammte Scheiße.

Aber so spielt das Leben. Wir werden sie auf jeden Fall in guter Erinnerung behalten.

Ich sitze auf meiner Nox, versuche den Frust abzuschütteln; es geht weiter nordwärts.

Da knistert es im Funk – und ich traue meinen Ohren kaum.

Valentin Benz, gefallener Bruder unserer kleinen Biker-Gemeinschaft. Er will mit uns reden.

Ich erwarte wieder irgendeine Pöbelei, doch Valentin ist für seine Verhältnisse die Sanftmut selbst.

Dass er Zero während des verdammten Enos-Treffens eine Knarre an den Kopf gehalten habe, sei den Umständen geschuldet gewesen. Er erklärt es ausführlich, ich verstehe zwar nicht so recht die Hintergründe, aber spüre, dass er es aufrecht und ehrlich meint. Okay, er ist ein Bollerkopp, aber anscheinend hat er nicht nur Kreide gefressen.

Plötzlich sehen wir in der Ferne wieder ein rotes Licht – eine weitere Siedlung?

Als wir näher kommen, Zero und Hermie reiten voraus, ich mit ein paar Kilometern Abstand hinterher, sehen wir, dass es sich in der Tat um eine weitere Kolonie handelt – wie „Astor‘s Clearing“ aus Schrottteilen zusammengezimmert, Vorderteil und Heck einer alten Reclaimer dienen als Fixpunkte, um die sich die Siedlung erstreckt. Erneut bin ich erstaunt über so viel Willen, der kargen Natur Microtechs ein Fleckchen Heimat abzutrotzen.

Valentin, der die Siedlung in einer Hornet angesteuert hatte, landet und wir alle treffen uns im Innern der Siedlung, die aber nur von wenigen Menschen bewohnt wird. Zero kriegt sofort große Augen bei all den Dingen, die nicht niet- und nagelfest sind und ist rasch in seinem Element. Zuvor gibt es mit Valentin jedoch eine intensive  F.R.O.S.-Aussprache, die relativ schnell abgehandelt wird – er bleibt Mitglied der „Free Riders of Stanton“, wenn auch unter Beobachtung.

Anschließend streifen wir gemeinsam durch die riesige Siedlung – es gibt kleinere Behausungen, die offenbar so etwas wie Büros darstellen sollen, Lagerräume, Garagen, eine kleine Plantage – und natürlich die obligatorische Bar. Hermie entdeckt  schließlich etwas ganz Besonderes – eine Gatac Syulen. Er klettert hinein. Sie ist flugbereit, denn kurz darauf hebt er mit ihr ab.

„Leute, ich habe mit dem Schiff eben gesprochen. Dann sind auch schon die Triebwerke angesprungen.“

„Wie meinen?“

„…na, ich weiß auch nicht. Eine Art Gedankenübertragung. Ich dachte, dass ich gern mit ihr fliegen wollen würde und dann ging es auch schon los.“

Davon hatte ich schon einmal gelesen – Alientechnologie, die  nonverbal kommuniziert…Schiffe, die sich ihre Besitzer suchen…

„Komm mal raus, lass mich mal“, sage ich.

Hermie landet wieder, nachdem er eine Runde gedreht hat.

Ich klettere in das fremdartige Schiff, das ich bisher nur einmal auf der Intergalactic Aerospace Expo gesehen hatte. Dann sage ich laut im Geiste:

„Starte die Triebwerke.“
„Ab nach oben.“
„Los geht’s.“
„Abflug.“

Nichts.

Das Schiff bleibt stumm.

„…vielleicht kann es dich nicht leiden?“

„Sehr witzig.“

Ich klettere wieder hinaus, Hermie wieder hinein. Erneut startet er ohne Probleme.

„Tja, dann haben sich wohl zwei gesucht und gefunden.“

Ich lasse die beiden allein und steuere die hohen Türme der Siedlung an. Es sind Beobachtungsposten, die einen weiten Blick ins Land erlauben, dann klettere ich hinauf. Ich weiß nicht, warum mich das immer magisch anzieht – das muss irgendein Ding aus meiner Kindheit sein. Hermie, Zero und Husky tun es mir gleich. Gemeinsam genießen wir schließlich die Aussicht.

„Schon krass, was die Menschen auf die Beine stellen. Alles aus Schrott gebaut“, sagt Hermie, der wieder zu uns stößt.

„Genial“, erwidere ich.

Ich atme tief durch. Wie jede Reise hat auch diese ihre unvergesslichen Momente, aber auch ihre Schattenseiten. Man bekommt eben immer nur beide Seiten einer Medaille. Als wenn es eines Beweises bedurft hätte, passiert es beim Abstieg dann auch schon – eine der Leitersprossen bricht, ich stürze hinab und rutsche auf einer rostigen Schräge hinab. Ich spüre, wie mir der Undersuit aufreißt. Der Rost hat das einst blanke Metall in grobes Schleifpapier verwandelt. Schließlich rutsche ich auf dem nackten Hintern hinab.

„Himmel…“

Am Ende der Schräge angekommen, falle ich zwischen zwei  Metallplatten und bleibe gerade so mit dem Oberkörper hängen.

Zero und Husky eilen mir zur Hilfe.

„Dich kann man keine Sekunde allein lassen!“

„Ich hasse es hier!“, rufe ich laut und muss sofort an Ella denken. Hat sie vielleicht auch meine direkte, unverblümte Art aus der Gruppe getrieben? Ist sie  deshalb so kurz angebunden gewesen? Herrgott, man darf doch nicht immer alles auf die Goldwaage legen. Sonst wird man ja seines Lebens nicht mehr  froh.

Zero und Hermie ruckeln an mir rum, bekommen mich allerdings nicht heraus.

„Zero, was zum Henker treibst du da?“

Er drückt mich nach unten.

„Geht weiter abwärts, Bru. Ist die einzige Möglichkeit.“

Nur einen Moment später, falle ich noch ein paar Meter. Dann bin ich wieder auf dem Erdboden.

„Bin unten.“

„Wir kommen auf dem normalen Weg.“

„Alles klar.“

Ich reibe mir das Hinterteil. Selbst durch den Handschuh spüre ich, wie rau es ist. Das gibt garantiert eine Infektion. Wir wandern noch ein wenig durch die Siedlung, die Sonne geht langsam unter. Dann hallt ein weiterer Schrei durch die Siedlung – auch Husky hat sich irgendwo an den scharfen Bruchkanten oder messescharfen Graten verletzt. Was sind wir doch für Stadteier, völlig unfähig länger als fünf Minuten in der Natur zu überleben…

Wir steuern den Hilfeschrei an, Husky reibt sich das Bein.

„…hab mir beim Runterklettern das Bein verdreht.“

„Herrje.“

Zeit, zurück zur Carrack zu gehen, die direkt vor der Schrottsiedlung steht.

Ich werfe einen letzten Blick zurück, dann sehe ich es wieder.

„J.P. was here.“

Journal-Eintrag  03 / 02 / 2954

Tatsächlich – ich habe mir eine ordentliche Wundinfektion eingefangen. Es brennt und juckt wie verrückt. Seit zwei Tagen rutsche ich im Schlaf hin und her, als hätte ich Hummeln im Hintern. Auch kann ich mich kaum noch bücken. Die kleinste Bewegung nach vorn zieht bereits, als hätte ich einen Stock verschluckt. Kurzum: Hilfe muss her.

Aber nicht von den üblichen Quacksalbern.  Erstens kann ich heute in einer ihrer Kliniken ihre herablassenden Blicke nicht ertragen, zweitens darf man da wegen solcher „Kleinigkeiten“ warten, bis man schwarz wird.

Ich suche in meinem Mobiglas nach einer Alternative – da! Dr. Dull, das klingt nicht schlecht. Macht wohl alles, nutzt auch unkonventionelle Methoden. Na fein, wenn jetzt was hilft, dann ein ärztlicher ordentlicher Schlag ins Kreuz und eine Spritze mit einem Antibiotikum. Ich schreibe ihn an. Er sitzt auf Grimhex. Gut, das ist nicht wirklich der Ort, an dem man zum Arzt gehen möchte – aber das ist mir im Moment egal. Ich schreibe ihn an. Kurz darauf erhalte ich eine automatische Nachricht, wann er geöffnet hat.

Ich raffe mich auf, schleppe mich mehr schlecht als recht zu meiner Starrunner – kann man das Ding eigentlich auch in Bauchlage fliegen? Ich grinse bei dem Gedanken und spüre sofort ein Stechen. Na toll, auch Lachen tut weh.

Nach einem qualvoll langen Quantumflug lande ich auf Grimhex.

Er erwartet mich schon.

Es ist ein konventioneller Typ – höchstes das „Gutter Wash“-Shirt unter seiner Lederjacke deutet  vielleicht ein wenig auf eine etwas laxe Einstellung hin.

„Mr Brubacker…“

„…Dr. Dull.“

Ich folge ihm unter Schmerzen durch die Klinik auf Grimhex – sofern man sie als solche bezeichnen will. Es ist unfassbar dreckig, Unrat türmt sich in den Ecken, es stinkt.

„Arbeiten Sie hier gern?“

„Ich habe nur eine Teil-Praxis für meine Sprechstunde angemietet, bin sonst als freiberuflicher Arzt in den Weiten des  Verse unterwegs.“

„Verstehe.“

Es geht mit einem Fahrstuhl hinauf oder hinab – ganz genau lässt sich das nicht feststellen – dann sind wir auch schon in einem Raum,  der so etwas wie ein Behandlungszimmer darstellen soll.

„Das ist ja grauenhaft, wie können Sie hier nur arbeiten?“

„Man gewöhnt sich an alles. Hierher kommt man, wenn man eine Schussverletzung hat und man keine dumme Fragen beantworten möchte.“

„Alles klar.“

„…wenn Sie sich nun bitte freimachen. Ich habe hier einen Kittel für Sie. Dann kann ich Sie besser untersuchen.“

Ich streife unter Verrenkungen die Rüstung und den kaputten Undersuit ab,  werfe mir den Kittel über. Danach untersucht mich Dr. Dull.

„Sie haben einen ungewöhnlichen Namen.“

„In der Tat, meine Eltern hatten viel Humor. Dr Van Dull.”

Erst jetzt fällt es mir auf.

Vandul.

„Sie sind bestimmt viel gehänselt worden…“

„Kann man so sagen. Ich musste mir tausend dumme Witze anhören.“

„Kann ich mir vorstellen.“

Während wir smalltalken, beendet Dr. Dull seine Untersuchung.

„Die Abschürfung an Ihrem Gesäß hat es in sich. Sie haben eine handfeste Infektion. Ich gebe Ihnen zum einen Mittel, zum anderen wird unser Autodoc Ihnen einen Cocktail und eine Spritze verabreichen. Aber…“

„…aber…“

„..aber Sie haben da ein zweites Loch in Ihrem Po.“

„Wie bitte?“

„Nicht was Sie jetzt denken. Hat man Ihnen mal in den Hintern geschossen?“

Ich denke nach.

„Nicht dass ich wüsste.“

„Seltsam, unser Autodoc wird auch das in Ordnung bringen.“

Er jetzt sehe ich im Dämmerlicht, wie schmutzig es in der Kabine wirklich ist.

„Doc, was ist das vor der Liege? Gallenflüssigkeit?“

„Möglich, aber lassen Sich davon nicht stören.“

Ich glaube, mir wird gleich schlecht, mit einem großen Schritt überbrücke ich den silbrig glänzenden Fleck. Nachdem ich auf dem Autodoc bin, fährt der Monitor herunter.

„Bitte wählen Sie nun folgende Medikamente aus – Sterogon, Adrenalin und…Moment.“

„..wieso muss ich das selber machen, ich denke Sie sind der Arzt?“

„Tut mir leid, aber dafür übernehme ich keine Verantwortung.“

Ich schüttle genervt den Kopf – vielleicht wäre es doch besser gewesen, in eine der großen Kliniken zu gehen.

„Und jetzt einfach okay drücken…“

Ich spüre nichts, dann ist es auch schon vorbei.

„Das war‘s. Ihr Rückenleiden sollte damit auch bald vorbei sein. Jetzt gebe ich Ihnen noch ein paar Tabletten und Sie sind entlassen.“

Als ich aufstehe, fällt mein Blick auf einen blutverschmierten Vorhang.

„Himmel…was ist denn hier passiert?“

„Nun, da ist jemandem….der Hintern explodiert.“

„Äh…“

„Das kann geschehen, wenn man eine Infektion wie die Ihre nicht behandelt. Aber Sie waren ja nun bei mir, also keine Sorge.“

Ich habe keine Ahnung, ob Dr. Dull das ernst meint oder nicht, aber eines weiß ich – dass ich nur noch so schnell wie möglich hier raus will. Es geht zurück durch menschliche Hinterlassenschaften, hinaus aus Frankensteins Höhle.

Journal-Eintrag 07 / 02 / 2954

Weiter geht es auf unserer Tour – ich sehne mittlerweile das Ende herbei, auch wenn die Gegend, durch die wir nun cruisen, wirklich wunderschön ist. Wenigstens schmerzt mein Rücken nicht mehr und auch die Infektion klingt ab. Der Besuch bei  Dr. Dull – so seltsam er auch war – hat sich gelohnt.

Das Ziel unserer kleinen Zwischenetappe heißt „Harpers Point“, der Ort, an dem  ich von den Gorillas entführt wurde. Der Ort, an dem die Wahrheit rund um Enos auf dem Altar der Eitelkeiten geopfert wurde.

Ich wische den Gedanken beiseite, reite stoisch dem Ziel entgegen. Hermie fährt vornweg, Husky scoutet. Plötzlich muss Hermie zu einem Termin aufbrechen, Husky und ich bewältigen den Rest der Strecke allein. Irgendwann tauschen wir, ich übernehme die FROST, Husky steigt auf sein Bike.

Es sind rund 140 Kilometer, die wir zurücklegen müssen – irgendwann kommt der Outpost in Sicht und mich beschleicht ein mulmiges Gefühl. Am liebsten würde ich daran vorbeifliegen.

Ich lande, die Sonne geht soeben unter – es ist malerisch und wunderschön.

„Weiter oben am Fluss liegt ein Wrack einer Starrunner. Hast du das schon gesehen?“

„Nope.“

Gemeinsam laufen wir ein wenig den Strom hinauf und stoßen schon bald auf die Überreste des Schiffes. Es muss schon länger hier liegen – Bäume wachsen aus den gesprengten Luken, Efeu überwuchert die Innenräume. Man sieht, dass es mit Vollkaracho in den Boden gerammt ist, das Cockpit ist komplett zerstört.

Wie immer, wenn ich solche Wracks sehe, bin ich erschüttert – wie ist es dazu gekommen? Was geschah mit der Mannschaft? Gab es Überlebende?

Wir klettern hinein, Siedler haben ein Feuer davor angezündet, das die Szene gespenstisch beleuchtet. Im Innern ist kein Durchkommen mehr.

Wir stehen unschlüssig im Hangar, dann verlassen wir das Schiff wieder.

„Willst du noch in die Siedlung oder wollen wir wieder abhauen?“, fragt Husky.

„Können ja mal einen Blick riskieren.“

Wir schlendern hinunter, die Siedlung wirkt wie eh und je. Nichts mehr ist davon zu spüren, dass ein Großkonzern hier vor nicht allzu langer Zeit, eingefallen ist und Menschen in Angst und Schrecken versetzt hat. Wir laufen vorbei an provisorischen Schlafräumen, dann entdeckt Husky plötzlich lauter Drogen – Etam und anderes mehr. Päckchen- und Stapelweise.

„Das gibt’s doch nicht…“

Nach außen stets den unbescholtenen Bürger geben, der nur versucht, seinen Weg zu gehen, aber in Wirklichkeit Drogengeschäfte abwickeln. Ja, bei der Moral darf man eben nie zu genau hinsehen.

„Ich könnte kotzen“, entfährt mir.

Dann brechen wir zur Seraphim-Station auf. Heute soll die verdammte „Black Data“ entschlüsselt werden. Cäcelia und Zero treffen sich, ich spiele Mäuschen in einem Funkkanal. Danach ist die Katze hoffentlich aus dem Sack.

Ein paar Stunden später.

Ich bin fassungslos und sinke auf der Sitzbank auf der Seraphin-Station in mich zusammen.

Dafür der ganze Aufwand? Für einen weiteren Brotkrumen?

Die geheimnisvolle, große „Black Data“ – sie entpuppt sich als Luftnummer und nur als weiterer Hinweis, wo wir nach irgendetwas suchen sollen.

Einen stichhaltigen Beweis, der die Köpfe hinter Enos wirklich überführt und keine Zweifel mehr zulässt, gibt es nicht. Reicht das alles für einen Artikel von „Off the Record“? Im besten Fall würde es nur nach einem Verschwörungsartikel klingen und ich damit meine Reputation verlieren. Im schlechtesten Fall gäbe es unseren unsichtbaren Gegnern Munition in die Hand und würde uns weiter in deren Schusslinie bringen.

Verdammt noch eins – seit Monaten ist um diese „Black Data“ ein Tanz wie ums goldene Kalb gemacht worden – und nun: Irgendwo in Pyro gibt’s weitere Hinweise. Hinter jeder Fassade steckt nur eine neue. Wenn die Verschwörer hinter Enos eines meisterlich verstanden haben, dann ein unglaubliches Labyrinth angelegt zu haben, in dem wir uns alle längst verirrt haben.

Einzig brauchbare Informationen: Die ganze Zariska-Geschichte war nur Fake, um die vermeintlich heilende Technologie in der Öffentlichkeit zu promoten. Und der Konzern Microtech steckt tiefer drin als gedacht. Gut, das ist jetzt auch nicht wirklich eine Neuigkeit – aber Thane McMarshall hat jetzt wirklich alle Gründe, seine gesamte Macht als Sicherheitschef einzusetzen.

.

Endgame

Wir haben einen internen, geheimen ENOS-Funkkanal eingerichtet – und ich verfolge nun teils gespannt, teils entgeistert, wie sich das hier alles weiterentwickelt. Längst machen in Stanton und darüber hinaus Gerüchte die Runde. Das ganze Ding hat komplett ein Eigenleben entwickelt. Es ist höchste Zeit, dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Ich schreibe Thane McMarshall an, der sich aber komischerweise sehr bedeckt hält. Dafür ist Friedrich offenbar voll in seinem Element. Ich verstehe sein Engagement, weil er nach wie vor wissen will, wer und warum auf seinen Enkel geschossen hat. Aber muss er sich derart weit aus dem Fenster lehnen? Ich befürchte, dass seine Recherchen ihm und dem Aufbau von „Nordlicht Aviation“ in Stanton gar nicht gut bekommen werden.  Gemeinsam mit Hermie untersuchen sie sogar noch den geheimen Bunker, an dem das gefakte Enos-Zariska-Experiment stattgefunden hat. Offenbar sind sie auf ein verschlüsseltes Terminal gestoßen.

Doch: Wonach suchen wir da eigentlich? Wenn sie bei MACH nicht völlig verblödet sind, haben sie längst alles gelöscht, oder? Andererseits: Wenn der verdammte Bunker so streng bewacht wird, ist es vielleicht einer ihrer Knotenpunkte … oder es handelt sich um einen Hinterhalt, um uns Schwachköpfe, die wir da reinmarschieren, auf einen Streich zu beseitigen? Sobald Zero Hand anlegt, schnappt die Falle zu. In jedem Fall bleibt Vorsicht die Mutter in der “Black Data”-Kiste. Sollten wir uns entscheiden, da doch noch mal nachzusehen und das Terminal hacken zu wollen, sollten wir das echt geheim und schnell machen – rein und wieder raus.

Ich atme tief durch und lasse mir das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen.

Letztlich ist das alles nicht kriegsentscheidend – wenn wir nicht herausfinden, wer hinter MACH steckt und deren Verschwörung beenden. Alle anderen involvierten Gruppen sind entweder nur Handlanger, Nutznießer oder wurden auf übelste Weise ausgenutzt. Natürlich, wenn es hilft, MACH selbst das Handwerk zu legen, so vervollständigt jedes Puzzleteilchen, das wir an die richtige Stelle legen, das Gesamtbild. Aber einmal mehr zeigt sich, dass MACH es geschafft hat, ein fast undurchdringliches Netz aus Lügen, Intrigen, Verdächtigungen, Halbwahrheiten, vor allem aber aus falschen Fährten zu legen. Es ist nur in ihrem Sinne, wenn wir uns weiter in diesem Dickicht verlieren. Mehr noch: Je mehr wir uns dem innersten Zirkel nähern, umso mehr zieht sich auch das Netz um uns zusammen. Kurzum: Jeder weitere Schritt  ist brandgefährlich.

Trotzdem dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, worum es hier geht: Wollen wir der Medusa den Kopf abschlagen, so dürfen wir uns nicht ständig von den Schlangen auf ihrem Kopf verwirren lassen. Die Zerschlagung von MACH ist das Ziel, dann fällt das ganze Konstrukt in sich zusammen, davon bin ich fest überzeugt. Sonst stehen wir ohnehin auf verlorenem Posten.

Und: Enos selbst werden wir nicht mehr aus der Welt schaffen, so viel steht ebenfalls fest. Denn wie heißt es so schön? „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“. So war es beim Faustkeil, bei der Dampfmaschine, bei der Atombombe, bei der Künstlichen Intelligenz, beim Quantumdrive, bei der Imprint-Technologie – und so ist es nun auch bei der Biobot-Technologie. Anders gesagt: Das ganze Ding zu stoppen – dafür ist es nun zu spät. Nun gilt es nur noch, Schlimmeres zu verhindern. Ich ahne, dass das hier nun bald richtig eskalieren wird. Niemand von uns wird dann noch sicher sein. Herrgott, ich muss dringend mit Friedrich sprechen…

Einen Tag später.

Friedrich zieht seine Origin 600i an den Himmel über New Babbage. Seine Idee:  Wenn die Spur nach Pyro führt, so nutzen die MACH-Hintermänner vielleicht den Sprungpunkt als Ort, um die Daten sicher in das Nachbarsystem zu transferieren. Sein Enkel hat ihn über die neuesten Entwicklungen ins Bild gesetzt.

Ich spreche Friedrich aktiv darauf an, warum er sich hier so reinhängt. Natürlich will er herausfinden, wer seinem Enkel so zugesetzt hat, darüber hinaus aber auch die Bedrohung selbst bannen.

„Niemand kann mehr ruhig schlafen, wenn die Hintermänner nicht gefasst werden“, sagt er seelenruhig.

Ich stimme wortlos  und mit leichtem Kopfnicken zu.

Stumm blicke ich aus dem Cockpitfenster, dann nähert sich die „Silver Arrow“ dem Nebel, der den Sprungpunkt umgibt. Aktuell ist das Tor offline – jeder Sprung muss angemeldet werden. Gut, das gibt uns die nötige Ruhe, um uns ein wenig umzusehen. Friedrich fliegt in einen Tunnel, um seine Origin 600i so gut es geht zu verstecken. Plötzlich schaltet sich Hermie über Funk hinzu. Auch er steuert den Sprungpunkt an. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche.

„Ich würde sagen, dass es sich um einen kleinen Satelliten handeln muss“, sagt Friedrich. Einer, der Informationen aus dem Bunker auffängt und weiterleitet.

„Okay, machen wir uns auf die Suche.“

Vorsichtig bewegen wir uns zwischen den riesigen Konstruktionen.

„Das ist wie die Nadel im Heuhaufen…“, sage ich.

Gleichwohl – wie heißt es so schön? Das Glück ist mit den Tüchtigen.

„Probieren wir es einfach mal im Container-Terminal“, schlägt Friedrich vor.

Da diese Idee so gut ist, wie jede andere, schweben wir zwischen die zahllosen riesigen Frachtcontainer. Bald haben sie uns verschluckt. Es ist gut, dass Hermie noch dazugestoßen ist, denn sonst würden wir uns wohl totsuchen. Sofern es sich tatsächlich um einen kleinen Satelliten handelt, kann er in jeder dunklen Ecke stecken. Wir schweben kreuz und quer – schon  wollen wir es aufgeben, als wir ihn tatsächlich finden.

„Das ist er“, ruft Hermie.

Wir nähern uns vorsichtig, falls er eine Selbstzerstörungssequenz besitzt.

Er ist auf „Standby“ und bereit, jederzeit Daten zu empfangen. Nicht zu fassen – Friedrich hatte die richtige Eingebung.

„Bringen wir ihn aufs Schiff, um ihn zu analysieren. Vielleicht stecken auch noch Daten drin.“

Minuten später ist die kleine Empfangsstation auf der 600i.

„Wer kann die Daten sicher extrahieren?“

„Zero“, sagt Hermie.

„Gut“, antworte ich. Wir sehen uns nachher ohnehin beim Crew-Treffen.

Dann wissen wir hoffentlich wieder ein wenig mehr.

Journal-Eintrag 14 / 02 / 2954

Ich hasse es, aber auf den letzten Metern unserer Tour muss uns der ganze Mist nun endgültig einholen. Man kann eben so weit fahren, wie man möchte – seinem Schicksal kann man nicht entfliehen. Erst recht nicht, wenn man es mit so mächtigen Gegnern zu tun hat.

Enos, immer wieder dieses verdammte Enos.

Irgendwann schalte ich den Funk ab und orientiere mich nur noch an den Bikes vor mir.

Mehrfach halten wir an, weil es Motorschäden gibt oder jemand sein Bike wechselt.

Hermie scoutet uns auf der „Frost“, Husky sitzt auf einer Origin X1, Chris auf einer Dragonfly und ich auf meiner Nox.

So langsam geht die Tour in die Endphase. Es geht noch ein wenig nordwärts, dann wieder nach Westen – Richtung Ghost Hollow.

Das Artefakt, Schuppke, die explodierte Pal-01.

Nein, man kann seinem Schicksal wirklich nicht entfliehen.

Alles holt einen irgendwann wieder ein.

Ich denke an die Entschlüsselung, die Zero kurz zuvor auf der „Frost“ vorgenommen hatte – der Satellit war in der Tat ein Relay, um Infos aus dem Enos-Bunker nach Pyro zu schleusen. Mehrfach wurden Daten übertragen. Wir sind wieder einen Schritt weiter, wenn auch nicht wirklich schlauer.  Dennoch verdichtet sich nun alles immer mehr.

Plötzlich werden die anderen erneut langsamer.

Ich schalte meinen Funk wieder ein.

„Ich sehe da vorn Positionslichter, vielleicht weitere Siedlungen“, sagt Zero, der mit an Bord der „Frost“ ist.

Wochenlang gar nichts, nun geht es Schlag auf Schlag. Wir drosseln das Tempo, dann sehen wir es: Es handelt sich um zwei Outposts. Wie die bisherigen sind auch sie aus Schrott zusammengebaut. Beim  ersten handelt es sich um eine Plantage.

„Ein wundervolles Fleckchen“, sagt Hermie, nachdem er die „Frost“ gelandet hat.

„Ich glaube, hier lasse ich mich nieder“, ergänzt Zero.

Er strahlt über das ganze Gesicht – etwas Wildes wird immer an ihm sein.

Wir schauen uns um, dann findet Zero einen Brief.

„Hm, okay. Es wird sich um die Siedlung auf dem Berg da oben handeln. Klingt doch interessant. Abstecher gefällig?“, frage ich in die Runde.

Nach allgemeinem Kopfnicken sitze ich auch schon wieder auf meiner Maschine und reite den Berg hinauf, die anderen nehmen das Schiff. Zunächst geht es steil nach oben, doch ist der Weg leichter als gedacht. Geschickt weiche ich Felsen und Abgründen aus. Klar ist: Durch die Biker-Tour sind wir alle wesentlich bessere Fahrer geworden. Sicher – nicht alles ist perfekt gelaufen. Ella hat uns verlassen. Manchmal war die Stimmung im Keller und es wurde zeitweilig echt anstrengend, auch hat sich – so viel kann man wohl schon sagen – nicht wirklich eine feste Biker-Truppe formiert, die nun wie Pech und Schwefel zusammenhält. Dennoch:  Wir alle haben davon profitiert. Aber das werden wir erst mit Abstand verstehen.

Ich erreiche das Plateau. Schnell zeigt sich: Die Siedlung ist verlassen.

„Vielleicht sind sie irgendwo auf Beutezug?“, vermute ich.

„…oder einfach auch nur weitergezogen“, sagt Zero.

Wir schauen uns in Ruhe um – der Outpost ist wie eine Festung ausgebaut und besitzt einen hohen Aussichtsturm, so als müsste er sich vor anstürmenden Feinden schützen.

„Ein guter Ort, um sich zu verteidigen“, sage ich.

Man hat in der Tat einen guten Rundum-Blick und das Ganze erinnert ein wenig an eine Burg im Mittelalter auf der Erde.

Wir streunen durch die Siedlung, Zero ist wie immer in Plünderlaune, ich lasse mich anstecken.

Ich erklimme den hohen Turm, schaue mich um, dann sehe ich unter mir eine aufgespannte Plane.

„Achtung…Basejump!“

„Bru…nein!“

Doch ich falle bereits – und verfehle die Plane um einen knappen Meter.

Ich schlage hart auf, doch wie durch ein Wunder breche ich mir nichts.

Ich stehe auf, schüttele mir den Staub aus den Knochen.

„…bisschen weiteren Spaß gefällig?“

Im Lager brennen mehrere Feuer.

Ich renne auf das größte zu und springe mitten durch.

„Na  los, macht mit…“

„Bru…“

„Kleine Challenge, wer kokelt sich am wenigsten an…“

Husky macht mit, doch verbrennt er sich dabei sofort die Füße.

Ich springe erneut hindurch. Undersuit und Armor schützen besser als gedacht.

„…und jetzt mal ohne Klamotten.“

Ich ziehe mich bis auf die Shorts aus und nehme ordentlich Anlauf.

Ich springe so knapp es geht vor dem Feuer ab und lande sicher auf der anderen Seite.

„Los, macht mit. Ist doch keiner hier…“

Was gibt es Geileres, als unter sternenklarem Himmel nackt ein wenig ums Feuer zu tanzen – gerade jetzt zum Ende der Tour. Fehlen eigentlich nur noch ein paar Bier.

„Kommt schon, vergesst den ganzen Enos-Scheiß mal für eine Sekunde…jetzt kommt  Laufen über glühende Kohlen.“

Doch zuvor will ich noch mal drüber springen.

Ich nehme erneut Anlauf, übersehe aber eine Wurzel und knalle voll ins Feuer.

Als ich wieder aufwache, bin ich an Bord der „Frost.“

„Ach, Bru…“

– Fortsetzung folgt –

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