Zwischen den Sternen

– 2950 –

KAPITEL

__________________________________________________________________

Journal-Eintrag 09/01/2950

Ich habe „Phoenix Interstellar“ verlassen. Es war eine Entscheidung, die mir alles andere als leicht gefallen ist und die über Wochen in mir reifte. Ich war schon immer  mehr ein Einzelgänger, bin schon immer meinen eigenen Weg gegangen. Aber manchmal sucht man eben auch die Nähe der anderen, oder? Ist doch ein menschliches Bedürfnis. Erst recht, wenn man nach siebenhundert Jahren wieder aufgetaut wird. Ich weiß natürlich, dass mancher enttäuscht war und ist. Aber ich hoffe auch, dass sich die Wogen wieder glätten werden. Aber, Herrgott, ich bin eben kein Waffenhersteller. Nicht mal im Ansatz. Zwei Jahre, zwei Clans und ich stehe wieder ganz am Anfang. Doch der Geist der Vergangenheit – er lässt mir keine Ruhe mehr. Unter mir schwebt die Ödnis eines Mondes vorbei, in der Ferne – wie der Schweif eines Kometen – sehe ich den Abgasstrahl der „Phoenix“-Valkyrie. Erstmal zurück nach Lorville. Der passende Ort für meine Stimmung.

…und dann sitze ich da, blicke frustriert auf mein Mobi. Ich klicke mich ein wenig durch die verschiedenen Formate: „Empire Report“, „Kaizen“, „Star Watch“. Eine Einbruchsserie, die das Verse in Atem hält, ein Nahrungsmittelskandal um Terra Mills und ein halbvergessener Schauspieler, der sich so sehr im Gesicht rumpfuschen ließ, dass ihn jetzt gar keiner mehr erkennt. Die Menschen –  Idioten wie eh und je. Ich will schon ausschalten, doch dann…

„Wer wird Millionär?“. Ich stocke. Das gibt’s noch? Ich glaub’, ich spinne: Da sitzt mein „Phoenix“-Kamerad Jarod auf dem Stuhl und kriegt die wohl einfachste Millionen-Frage überhaupt gestellt: „Wieviele Torpedos braucht man, um eine 890 Jump in die Luft zu jagen?“ Als Nächstes klingelt auch schon mein Mobi. Jarod. „Hey, ich sitze hier gerade bei…“ „Ich weiß“, falle ich ihm ins Wort, „wahrscheinlich ALLE.“ Der Rest geht im Jubel und im Konfettiregen unter. Wie ich Jarod kenne, kauft er sich von der Kohle wahrscheinlich eh nur ein paar neue Torpedos. Zum ersten Mal seit zwei Tagen huscht mir ein Grinsen übers Gesicht.

__________________________________________________________________

Journal-Eintrag 18/01/2950

Bin immer noch auf Hurston. Habe mich zu mehr noch nicht aufraffen können. Strolche mal hierhin, mal dorthin. In meinem Mobiglas jagt eine Mission die nächste. Könnte mich nun allein auf die Beine machen. Aber irgendwie ist mir nicht danach. Habe ja noch einiges auf der hohen Kante. Um mich herum schleichen die armen Bettler von Hurston. Ist schon Wahnsinn, wie nah hier absoluter Reichtum und bittere Armut beisammen liegen – nur ein paar Stationen mit der Bahn voneinander entfernt. Mache einen Ausflug ins Headquarter von Hurston Dynamics. Wie im alten Griechenland auf der Erde steht hier riesig und gottgleich eine Statue von Gründer Solomon Hurston. Hat er ein glückliches Leben geführt? Sein Gesichtsausdruck sagt etwas anderes. Trotz des ganzen Goldes. Was ist der Sinn des Lebens? Klar, Freunde. Habe ja erstmal welche aufgegeben. Ich stolziere allein durch die riesigen Hallen des Business Disctricts. Irgendwann nehme ich wieder die Bahn zurück in den Dreck. Sitze noch eine ganze Weile allein im Flur des Hubs. War es wirklich die richtige Entscheidung, bei „Phoenix Interstellar“ auszusteigen?

__________________________________________________________________

Off the Record

Genug in Kneipen gesessen. Jetzt fange ich damit an. Es ging mir schon lang im Kopf herum – nur getraut habe ich mich bisher einfach nicht. Würde funktionieren, was ich vorhabe? Würde ich der Arbeit gewachsen sein, die damit verbunden ist? Noch dazu in einem mir komplett fremden Universum? Und will ich das überhaupt wieder? Diese Fragen beschäftigten mich in den vergangenen Wochen immer wieder. Schon als ich noch mit „Phoenix Interstellar“ auf Mission gewesen bin, haben sie mich umgetrieben. Auch wenn ich nie darüber geredet habe.

Akita Mani Yo. Beobachte alles auf deinem Weg.

Und doch: Es sind die Geister, die mich riefen. Der Ritt auf der Dragonfly über Hurston, in meine Vergangenheit. Ich weiß nun, was er bedeutet. Man kann vor ihr eben nicht entfliehen. Ich war in meinem früheren Leben Chronist, ich werde es auch in diesem wieder sein. Auch wenn siebenhundert Jahre dazwischen liegen. Man ist, wer man ist. Und diesmal werde ich an Orte kommen, wo noch nie zuvor einer gewesen ist. Ich werde Aliens begegnen! Was kann es Besseres geben im Leben eines Reporters?

Ich mache mich auf den Weg nach ArcCorp. Wie es der Zufall wollte, habe ich auf Spectrum eine kleine Anzeige gelesen – „Büro zu vermieten, Area 18, Apt 69, ArcCorp, Stanton, Chiffre #3492“. Ich habe den Vermieter angeschrieben. Ich dachte mir, dass auf ArcCorp jeder freie Quadratmeter eigentlich Goldstaub sein müsste, wurde zu meiner Überraschung aber sofort per Commlink zurückgerufen. Wir könnten uns sofort treffen, das Büro sei noch frei. Ich konnte es kaum glauben.

Ich bin froh, dass ich von Hurston weg komme. Er ist eben einfach ein Planet, von dem man so schnell wie möglich runter möchte. Ich laufe – hoffentlich vorläufig für ein letztes Mal – durch die heruntergekommenen Gänge von Lorville. Die Wachen sehen aus wie immer. Keinerlei menschliche Regung. Ein paar Mal werde ich angeblafft weiterzugehen. Als würden sie mir noch einen unfreundlichen Abschiedsgruß hinterherschicken wollen. Die Bahn rattert an den unzähligen Hochhäusern vorbei. Alles wie immer. Desinteressiert, abweisend.

Die Traurigkeit über den Abschied bei Phoenix – sie macht langsam Platz für das Kommende. Ich erreiche den Spaceport und nehme die Charlie, um nach ArcCorp zu fliegen. Es ist ein ruhiger Flug, ich werde nicht einmal gescannt. Der Anflug ist spektakulär wie immer und ich kann mich kaum daran satt sehen. Soll dies tatsächlich meine neue berufliche Heimat werden? Dann hat mich der Stadtplanet auch schon verschluckt. 

Ich begebe mich nach der Landung direkt zum Treffpunkt mit dem Makler, ein arroganter Schnösel, vielleicht Mitte Zwanzig. Wir treffen uns auf dem Plaza und überqueren die Straßenschlucht hinüber zu Astro Armada, über uns donnert die Schwebebahn vorbei. Dann gehen wir ein paar Treppen hinab. „Hier ist es“, sagt der Makler und sperrt eine kleine, unscheinbare Tür zu einem langen Gang auf. Er ist nur spärlich beleuchtet. Schließlich geht es wieder eine Treppe hinauf. Noch eine Tür, dann stehen wir in dem kleinen Büro, das zur Vermietung steht. Es gibt eine kleine Kaffeeküche, einen ausziehbaren Schreibtisch, wie er auch in jedem EZHub zu finden ist, ein Fenster.

Ich blicke hinaus, in diesem Moment donnert davor die Antigrav-Bahn vorbei. Ein langer Schatten wandert quer durch das Zimmer. Als ich das Fenster öffne, dröhnt sofort der nie endende Lärm ArcCorps herein, der Geruch von Bratfett von der anderen Seite der Straßenschlucht steigt mir in die Nase. Es ist schon komisch, wie intensiv manche Dinge erst wirken, wenn man sich ihnen nur kurzzeitig aussetzt. Ich schließe das Fenster wieder. Unter meinen Füßen rumpelt es. Ein Stockwerk tiefer liegt „Dumpers Depot“, die angeblich beste Schrotthalde des Verse, wo man alles für einen Bruchteil des Neupreises bekommt. Wahrscheinlich wird wieder gerade irgendein alter Eimer auseinandergeschweißt. Ich muss grinsen. Das passt irgendwie zu mir.

Der Makler hat offenbar meinen Blick registriert, ihn aber falsch interpretiert. „Was haben Sie denn erwartet für 2000 UEC pro Monat?“, fragt er gekünstelt empört. „Ein schönes Büro“, erwidere ich. „Ich nehme es.“ Der Makler lächelt. „Sie werden es nicht bereuen.“ Ich hoffe, dass er damit tatsächlich recht hat. Ich unterschreibe den Vertrag, der zunächst für zwei Jahre läuft, wir tauschen alle nötigen Daten aus, dann drückt er mir die Schlüssel in die Hand und ist verschwunden.

Da stehe ich also und blicke hinaus. Draußen das Gewusel von Milliarden Menschen. Ein unendlicher Strom unerzählter Geschichten. Die großen NewsOrgs – sie ballern einen rund um die Uhr mit den großen Geschichten des Verse zu – mit Korruption, Verrat, Verschwendung, Stars und Sternchen. Aber das echte Leben? Wenn irgendwo im Nichts eine Caterpillar von Piraten angegriffen wird, nur einer überlebt und der dann sein Leben lang mit einem Trauma kämpfen darf – wird das auch zum großen Thema gemacht? Nein.

Da bleibt man allein. Oder wenn man minert, wie es einem Freund von mir bei Phoenix gegangen ist: Man achtet genau darauf, dass sich der Felsbrocken nicht zu sehr erhitzt und er einem schlagartig um die Ohren fliegt – und dann passiert es eben doch: Der Brocken knallt durch die Frontscheibe. Interessiert das anschließend die Versicherung, wenn man denen erzählt, dass die Anzeige gesponnen haben muss? Natürlich nicht.

Ich bin kein Rächer, ich weiß, wie es im Leben läuft. Das Leben wirft einem immer wieder mal Knüppel zwischen die Beine. Dass aber solche Geschichten im steten Hintergrundrauschen des Verse einfach untergehen … höchste Zeit, den Spieß mal umzudrehen. Dieses Loch ist der richtige Platz für die echten Geschichten des Verse. Jetzt muss ich sie nur noch aufstöbern.

Journal-Eintrag 28/01/2950

Es ist alles andere als leicht, eine Redaktion aufzubauen. Das war mir schon im Vorfeld klar. Aber jetzt, da ich mittendrin stecke, ist es doch noch einmal etwas völlig anderes. Auftritt auf Spectrum, Werbung, Kontakte, Stories – es gibt vieles zu bedenken. Habe auch meinen Schriftzug in Auftrag gegeben. In Neon natürlich. Wenn selbst Burritos leuchten können, so kann ich das auch. 

__________________________________________________________________

Der Timeliner

Der Call kommt mitten in der Nacht. Vor der Tür meines Hubs liegen ein paar Besoffene im Streit. Ich höre den Anruf auf meinem Mobi zunächst nicht, weil es draußen laut scheppert und ich gerade dabei bin einzuschlafen, doch irgendwann dringt mir der Call ins Bewusstsein. Schließlich nehme ich ihn entgegen.

„Ist dort John Brubacker?“

„Ja“, antworte ich schlaftrunken.

„John Brubacker aus Vancouver von der Erde?“

Sofort bin ich hellwach.

„Ja.“

„Wir müssen reden.“

„Wer ist da?“ Ich blicke aufs Mobi. Der Mann hat mir den Rücken zugedreht.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir müssen uns treffen. Wo sind Sie?“

„Ich treffe mich nicht mit Leuten, die sich verstecken. Wer sind Sie?“

 „Es betrifft Ihre Vergangenheit und Ihre Zukunft. Das muss Ihnen fürs Erste genügen.“

„Ich bin auf Baijini Point über ArcCorp.“

„Perfekt. Morgen 1200. Die Bar.“ Dann legt er auf.

In der Nacht schlafe ich unruhig. Eine innere Unruhe macht sich in mir breit und ich weiß nicht wieso. Die Stunden bis zu dem Treffen ziehen sich. Schließlich verlasse ich das Hub und steuere die Bar an – nicht zu schnell und nicht zu langsam. Gerade so als würde ich gelangweilt schlendern. Kaum habe ich sie betreten, werde ich heran gewunken. Der Mann ist mittelalt, hat eine Glatze. Er streckt mir die Hand hin.

„John Brubacker?“

Ich nicke.

„Schön, Sie endlich persönlich kennen zu lernen.“

Ich schüttele seine Hand, mehr unterbewusst. „Worum geht es hier eigentlich? Warum die Geheimnistuerei?“

„Es geht um Sie“, antwortet der mir unbekannte Mann, nimmt einen Schluck aus seinem Radegast. Dann mustert er mich intensiv.

„So habe ich Sie mir vorgestellt. Und tut mir leid: Ich konnte gestern mein Gesicht nicht ins Mobi halten. Unsichere Übertragungen.“

Ich blicke ihn verständnislos an, während er sich räuspert.

„Nun, wir haben Sie in den vergangenen zwei Jahren beobachtet und Sie haben sich ganz gut geschlagen. Von den Leuten, die meine Organisation einst geschickt hat, sind manche verrückt geworden, manche begingen Selbstmord, andere blieben auf Drogen hängen. Ich glaube einer hielt sich sogar für Jesus.“

Der Unbekannte registriert offenbar, wie mein Blick immer verständnisloser wird. „Wenn Sie mir jetzt nicht sofort sagen, wovon Sie da überhaupt reden, stehe ich auf und gehe“, sage ich, mittlerweile ziemlich genervt.

„Nun, da ich es nicht schonend sagen kann: Sie sind von uns durch die Zeit geschickt worden. Sozusagen. In Ihrer Kryostase-Kapsel. Nun, in Ihrem Fall ist etwas schief gelaufen. Normalerweise schicken wir die Timeliner, wie wir sie nennen, nicht weiter als 200 Jahre. Ist sonst zuviel für die Psyche.“

„Timeliner?“

„Der Unfall auf der Rangin“, fährt mein Gesprächspartner unbeirrt fort.

Mir ist sofort wieder alles präsent.

„Reden Sie weiter“, sage ich. Mit einer Hand winke ich den Barkeeper heran und zeige auf den Whisky. „Mir auch so einen.“

„Sie waren ein Freiwilliger und hatten sich bei uns beworben. Man hatte sich für Sie entschieden, weil Sie in sich ruhen, weil Sie gut beobachten können und weil Sie ein guter Chronist sind. Gute Chronisten werden seit Menschengedenken gebraucht …“

Ich unterbreche ihn rüde.

„…vielleicht sagen Sie mir erst einmal, wie Sie heißen. Sonst können Sie alles Weitere sparen.“ Der Unbekannte reibt sich das Kinn. „Sagen wir, mein Name ist Smith. Vorläufig. Wie aus diesem alten Film, in dem auch nichts so ist, wie man denkt.“

„Matrix“, sage ich. Ich hatte ihn unlängst auf dem Holovid gesehen.

„Hören Sie mir einfach zu.“ Smith atmet noch einmal tief durch. „…der menschliche Entdeckergeist, er gerät hin und wieder an Grenzen, verstehen Sie? An räumliche und an geistige. Mitte des 21. Jahrhunderts hatte der Mensch beinahe jeden Stein im Sonnensystem umgedreht. Und hatte ihn das glücklich gemacht? Was fing er mit all seinem Wissen an? Mit der Erde ging es bergab. Die Kolonisation des Mars stockte. Man könnte sagen: Von Zeit zu Zeit gibt es in der Menschheitsgeschichte Momente, da hat der Mensch das Gefühl alles erreicht, alles entdeckt zu haben – und ist doch unerfüllt. Es sind kritische Momente in der Evolution, weil es nicht in den Genen des Menschen liegt innezuhalten. Schließlich kommt es zu Konflikten, weil sich der Mensch wie ein Tiger fühlt, eingesperrt in seinen Käfig.“

Smith macht eine lange Pause. Ich blicke ihn intensiv an. Ich bin an einen Verrückten geraten, denke ich, einen, der zu viel Zeit hat. Dann fährt er fort.

„…wie aber hält man den Entdeckergeist lebendig, wenn man nirgendwo mehr hin kann, wo nicht schon einer war? Wie hält man die Flamme lebendig, um es mal poetisch auszudrücken? Trotz des Starts der Artemis waren wir damals noch immer ans Sonnensystem gefesselt. Und niemand wusste, ob und wann die Artemis zurückkehren würde. Ich will es Ihnen sagen: Man rettet den Entdeckergeist über die Zeit. Und hier kamen wir ins Spiel – und Sie. Anfang des 22. Jahrhunderts suchte meine Organisation Freiwillige. Menschen ohne große Bindungen, aber mit Talent. Mit Erfindergeist, gesegnet mit den Genen eines Entdeckers, eines Unternehmers oder eines guten Beobachters.“

Er nimmt einen Schluck von seinem Whisky. Dann fährt er fort: „Ihr Kryostase-Trip zum Rand des Sonnensystems sollte nur ein Test sein. Ob sie die lange Zeit überstehen würden. Sie waren für einen hundertfünzigjährigen Kälteschlaf vorgesehen. Das 24. Jahrhundert sollte Ihr Jahrhundert werden. Damals hatten wir den ersten Kontakt mit einer außerirdischen Spezies, den Banu. Tja, das haben Sie wohl verpasst. Ironie des Schicksals, dass nur knapp dreißig Jahre nach Ihrem Verschwinden das Neso-Dreieck entdeckt wurde…“

 Ich glaube kein Wort, beschließe aber, das Spiel mitzuspielen. 

„…und warum weiß ich von alldem nichts?“

Smith wiegt kurz mit dem Kopf.

„Nachdem Sie vor zwei Jahren plötzlich aus dem Nichts auftauchten und so aussahen, als würden sie bald durchdrehen, haben wir bei Ihnen mit einem Medikament auf Port Olisar eine künstliche partielle Amnesie ausgelöst…um Sie zu schützen.“

„Sie haben in meinen Erinnerungen rumgepfuscht?“

„Um Sie nicht zu überfordern. Sie befanden sich im Überlebensmodus. Ihr Gehirn sollte sich auf das Nötigste beschränken…“

„Sie haben mich zwei Jahre im Unklaren gelassen…“

„…und Sie haben die zwei Jahre auch sehr gut gemeistert.“

„Und warum erzählen Sie mir das alles jetzt?“

„Nun, weil Sie den nächsten Schritt gemacht haben. Sie stehen auf eigenen Füßen, haben eine Redaktion gegründet. Off the Record ist übrigens ein gut gewählter Name. Sehr vieldeutig.“

Smith nimmt einen weiteren Schluck. „Es lag quasi in Ihren Genen.“

Es reicht mir.

„Warum sagen Sie nicht einfach, was Sie von mir wollen?“

 „…nun, wir wollen, dass Sie auch für uns beobachten. Ihre Erkenntnisse mit uns teilen. Im Sinne einer größeren Sache. Ihre Fähigkeiten als guter Beobachter und Chronist sind auch heute noch von großem Wert. Eine Frage die uns auch heute noch umtreibt, lautet: Wo liegen die Grenzen der Anpassungsfähigkeit des Menschen? Wissen Sie, da draußen gibt es einen Kampf um Land. Unentdecktes Land. Es ist ein Rennen im Gang.“

 „Ich soll für Sie spitzeln? Was sind Sie überhaupt? Ein Geheimdienst?“

Smith schüttelt den Kopf. „Ganz im Gegenteil. Wir sind…“

 „Ich hab jetzt genug von alledem“, unterbreche ich ihn. „Es war ganz amüsant, aber ich habe ich es nicht nötig, mich zu…“

„…oh, meinen Sie Ihr Aktien-Depot? Das ist nicht Ihres sondern unseres“, fällt mir Smith kalt ins Wort. Seine Stimme schlägt um und er dreht sich direkt zu mir. „Wir wollten Ihnen ein wenig Freiraum geben und wie wir gesehen haben, haben Sie davon ja auch reichlich Gebrauch gemacht.“

Er wischt über sein Mobiglas.

„Constellation, Prospector, Reliant, Freelancer, Cutlass und noch ein paar andere – Respekt, ich kenne wenige, die in so kurzer Zeit so viele verschiedene Schiffe geflogen sind.“ Ich habe das Gefühl, mir schlägt jemand in den Magen. Schließlich antworte ich ungewollt sarkastisch: „Danke, das war wohl die Neugier.“

Smith legt den Kopf schief. „Das will ich meinen. Die liegt Ihnen im Blut, die Neugier. Nun aber haben Sie sich für die Carrack und die Superhornet entschieden, wie ich sehe. Bleibt es dabei?“

„Fürs Erste“, erwidere ich. Ich spüre, wie das Gespräch kippt. Es entsteht eine unheilvolle Pause.

„Ihnen muss klar sein, Sie stehen bei uns immer noch unter Vertrag, auch wenn Ihnen das nach siebenhundert Jahren seltsam vorkommen mag“, sagt Smith.

Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Hier klingt niemand mehr so, als wäre er verrückt.

„Als Sie zu uns kamen, waren Sie ein armer Schlucker. Nun, wie es aussieht, sind Sie das jetzt auch wieder.“ Sein Blick verfinstert sich und er wischt über sein Mobiglas über Seiten, die ich noch nie auf einem anderen Gerät gesehen habe. „Ein wenig Handgeld lassen wir Ihnen. Und Ihre aktuellen Schiffe dürfen Sie auch behalten. Als kleine Entschädigung für sechshundert Jahre zusätzlichen Tiefschlaf sozusagen. Und eine Carrack ist ja auch das passende Schiff für einen Chefredakteur. Und wer weiß, vielleicht werden Sie ja mal ein richtiger Medienmogul?“

Die freundliche Fassade fällt von Smiths Gesicht wie eine Maske.

„Sie müssen wissen, wir sind nicht bösartig. Nur konsequent in unseren Angelegenheiten.“

Er macht Anstalten, seine Sachen zu packen.

„Nun denn, Agent Brubacker…kümmern Sie sich erstmal um Ihre Redaktion.“

„Ich bin kein Agent.“

„Nein? Die Infiltration ist Ihnen ja bei Crash und Phoenix ganz vortrefflich gelungen.“

„Ich habe niemanden infiltriert.“

„Die besten Agenten sind die, die es nicht wissen“, erwidert Smith lakonisch.

„Ich bin kein Agent“, wiederhole ich, diesmal so laut, dass sich der Barkeeper zu uns dreht.

„Natürlich nicht. Niemand im ganzen weiten Verse ist ein Agent“, erwidert Smith. Diesmal hat er den Sarkasmus auf seiner Seite. 

„Schläfer passt in Ihrem Fall wohl auch besser. Nun, kümmern Sie sich erst einmal um Ihre Redaktion. Nichts ist stärker als die Wahrheit, heißt es doch so schön, oder?“

„Sie können mich mal.“

Er blickte mich mitleidig an.

„Irgendwann kommen Sie auf uns zu, ich weiß es. Übrigens würde ich mir an Ihrer Stelle mal eine glaubhaftere Vita zulegen. 740 Jahre alt zu sein klingt irgendwie komisch, nicht wahr?“ Ein spöttisches Grinsen wandert ihm über das Gesicht. Dann packt Smith seine Sachen und lässt mich verunsichert und verwirrt am Tresen mit zwei leeren Whiskygläsern zurück.

Journal-Eintrag  06/02/2950

Ganz tief in mir drinnen, weiß ich, dass es wahr ist. Aber ich will es nicht wahrhaben. Geschickt? Von wem? Hatte er mir eigentlich die Organisation genannt, für die er arbeitet? Ich weiß es nicht mehr. Ich schiebe seit Tagen unzählige Seiten auf meinem Mobi durch die Gegend, ziellos, ihn der Hoffnung auf einen Zufallstreffer. Geheimbünde, die Menschen in die Zukunft verfrachten, um eine bessere Zukunft  auf unentdeckten Planeten zu schaffen? Halte mich wenigstens nicht für Jesus. Halleluja.

__________________________________________________________________

Die A. C. Clarke

Das tiefe Grollen der Triebwerke schleicht sich wie ein fernes Gewitter an, pflanzt sich durch den Pilotensitz fort und endet schließlich in meinen Eingeweiden. Die riesigen Hangartore über mir öffnen sich. Das kalte Licht von Stantons Sonne fällt auf mich herab. Langsam ziehe ich das Schiff nach oben. Mein Blick wandert in die Ferne, vor mir liegen bis zum Horizont ArcCorps Wolkenkratzer. Schließlich schält sich der gesamte Schiffsrumpf aus dem Hangar – wir sind in der Luft. Behutsam gebe ich Schub. Unter mir zieht ein paar Minuten lang der Stadtplanet dahin. Ich will erst ein Gefühl für das Schiff bekommen, dann lenke ich die „Clarke“ zum ersten Mal in den Himmel. Sie beschleunigt nun immer stärker, während die Atmosphärenschichten dünner werden und sie ins All vorstößt.

Es ist nur ein kleiner Hüpfer, der mir aber viel bedeutet. Ich bin in den vergangenen zwei Jahren viel in Raumschiffen geflogen, habe den Stadtplaneten ArcCorp ungezählte Male angesteuert und wieder verlassen. Der Weltraum, er ist mir längst zur zweiten Heimat geworden. Und doch ist es diesmal anders. Poetisch könnte man sagen: Er wird für mich nie wieder der gleiche sein. So sehr fühle ich mich vom ersten Augenblick an in der „Clarke“ wohl, ein Gefühl, das mir bislang kein anderes Schiff geben konnte, außer vielleicht die Constellation Aquila, die ich schweren Herzens dafür aufgegeben habe. Schließlich kommt die über ArcCorp schwebende Station Baijini Point in Sicht. Ich drehe die „Clarke“ langsam auf ihren Landevektor und steuere sie in den Hangar. Ich höre, wie sich die riesigen Tore hinter mir schließen. Ihren Testflug hat die „Clarke“ erfolgreich bestanden. Hawk und ich lächeln uns an. „Gute Landung, Captain“, sagt er. „Unserem Jungfernflug morgen dürfte nichts entgegenstehen.“

_______________________________________________________________

Gut zwei Stunden zuvor. „Herrgott Hawk, wo stecken Sie denn? Wahrscheinlich krauchen Sie gerade wieder in irgendeinem Kabelschacht umher. Oder Sie müssen mit Ihrem Hund Gassi gehen. Wehe, er pinkelt gegen das Landegestell! Melden Sie sich alsbald auf der Brücke. Ich mache hier schon mal den Papierkram fertig. Cpt. Brubacker.“

Ich hoffe, dass er mir diese Nachricht auf sein Mobi nicht übel nehmen wird. Ein wenig Spaß muss schließlich sein – erst recht an so einem Tag und auch wenn Hawk und ich uns erst seit ein paar Tagen kennen. Endlich ist sie geliefert worden – die „Arthur C. Clarke“. Als ich den Hangar betrete und den ersten Blick auf mein Schiff werfe, fällt mir die Kinnlade herunter. Nachdem ich den Vertrag unterschrieben hatte, hatte ich noch einige Male die Werbebroschüre durchgeblättert – aber sie nun vor mir stehen zu sehen, das ist etwas völlig anderes. Mein Mobi vibriert. „Bin gleich da. Hawk out.“

Na endlich. „Hangar drei“, schreibe ich zurück. Eines muss man Hawk lassen: Er macht kein großes Federlesen. Wird er gebraucht, ist er da. Hat er was um die Ohren, muss man sich auch mal gedulden. Ein guter Mann. Schwer zu finden, manchmal im doppelten Sinne. Wir wussten nicht den genauen Zeitpunkt, wann die „Clarke“ geliefert werden würde. Über Tage waren wir daher auf Standby. Klar, dass mein Technikchef da noch etwas anderes zwischenschieben würde.

Die Fahrstuhltür öffnet sich. Es gibt Momente, da muss man nicht viel sagen. Hawks Blick fällt auf die „Clarke“. Er nickt leicht mit dem Kopf. Das Schiff findet offenbar sein Wohlgefallen. „Schauen wir sie uns mal genauer an“, sagt er. Was er damit meint ist die technische Abnahme. „Nicht dass sie die Hälfte vergessen haben. Sie standen in den vergangenen Monaten wohl ziemlich unter Druck bei Anvil. Das halbe Verse hat eine Carrack bestellt, sagt er.

Kein Wunder: Es ist ein Schiff, das alles bietet. Jede Menge Cargoraum, Rückzugsmöglichkeiten für maximal sechs Crewmitglieder, ein Captain’s Quarter, einen Drohnenraum, sogar eine Krankenstation, dazu noch ein kleines Begleitschiff und einen Ursa Rover. Ein Rundum-Sorglos-Paket für jede Ecke des Verse auf knapp 130 Metern Länge. Hawk lässt die riesige Laderampe herunter. Die Hydraulik klingt satt und weich. „Kommen Sie!“ Er winkt mich heran. „Es ist Ihr Schiff.“   

Ich laufe die Rampe hinauf, als würde ich auf eine riesige Bühne gehen. Auch hier ist der Eindruck gigantisch. „Gutes Design zeichnet sich dadurch aus, dass die Schiffe von innen noch größer wirken, als sie von außen erscheinen.“ Mir kommt dieser Satz in den Sinn, den ich unlängst irgendwo gelesen habe. Ich war ja nun schon Besitzer diverser Schiffe – aber wahrscheinlich hat dieser Satz nirgendwo so gepasst wie diesmal.  „Hier wird der Ursa Rover stehen“, sagt Hawk und schaut in sein Abnahmeprotokoll. „Er soll nachgeliefert werden.“

Es folgen drei Schotts mit drei Laderäumen, die bis ins Heck des Schiffes führen. Alles blitzt und blinkt nagelneu, riecht beinahe steril. Als hätte Hawk meine Gedanken erraten, sagte er: „Warten Sie mal, bis Sie hier etwas Ekliges drin hatten. Das ist der Bauch des Schiffes.“ Mein Blick wandert durch die Räume. Nach den Laderäumen weitet sich das Schiff. Hier verbindet der zentrale Fahrstuhl die verschiedenen Decks miteinander. Waffenracks finden sich in den Wänden und am Heck ein großes Verteidigungs-Turret.

„Das war das Sub-Deck. Eins höher ist die Habitation“, sagt Hawk. Vier Decks hat das Schiff insgesamt. Die düsteren Farben der unteren Abteilungen wechseln ins Helle, Freundliche. Wir laufen durch das Mannschaftsquartier, inspizieren die Krankenstation, das dazugehörige Labor und enden schließlich kurz vor der Brücke im Captain’s Quarter. Es sieht gemütlich aus, aber auch funktional. Praktisch und doch persönlich, privat und doch jederzeit zugänglich. Ich traue der Werbung sonst allgemein ja eher weniger, aber hier scheinen Anvils Werbetexter mal Recht zu haben: „Ein Heim zwischen den Sternen“.

Ich finde, es ist der richtige Ort, um die Förmlichkeiten beiseite zu lassen. „Ich bin John“, sage ich und strecke Hawk die Hand entgegen. „Ein Schiff braucht einen Captain. Aber das heißt nicht, dass man nicht auch befreundet sein kann.“ Hawk blickt mir in die Augen und nimmt meine Hand. „Jack.“ Wir köpfen die Flasche Champagner, die Anvil zur Schiffsübergabe im Captain’s Quarter platziert hat und stoßen auf die „Clarke“ an. Hawk räuspert sich: „Das Beste kommt erst noch“, sagt er. Ich grinse ihn an: „Die Brücke.“

Es sind nur ein paar Schritte, dann stehen wir auf ihr – sie ist zweigeteilt. Es gibt den klassischen Pilotensitz und eine direkt darüber liegende Kommandobrücke. Ich mustere den Pilotensitz, den für mich vielleicht wichtigsten Platz der kommenden Jahre. Er passt wie angegossen. Auch ansonsten finde ich mich sofort zurecht. Die Bedienung ist identisch mit der anderer Schiffe, die im Verse herumschwirren. Ich fahre das Schiff hoch, hole die Startfreigabe ein und nur kurz darauf sind wir in der Luft, bis wir gut 20 Minuten später auf Baijini Point landen. Mal schauen, wie sich die „Clarke“ morgen auf einer längeren Strecke nach Microtech schlägt.

______________________________________________________________

Am nächsten Morgen treffen wir uns direkt im Hangar der „Clarke“. Vor Aufregung habe ich kaum geschlafen. „Zunächst sollten wir unsere Runde zu Ende machen“, sagt Hawk. Ich nicke. Er blickt auf sein Protokoll. „Das Technikdeck sollten wir uns noch ansehen.“ Nur Augenblicke später hat uns das Schiff wieder verschluckt. Es geht mal links, mal rechts herum, dann blicken wir auf die Verkleidung der Triebwerke. Ich folge ihm hinab in die Eingeweide der „Clarke“. Per Knopfdruck öffnet er die Fächer für die hier verstauten Schiffskomponenten. „Hier müssen wir bald mal ran. Bessere Schilde braucht die Clarke auf jeden Fall. Wer weiß, wohin sie ihr Weg führen wird.“ Manches Fach ist auch noch komplett leer. Ich nicke. „…eines nach dem anderen“, sage ich. Schließlich checkt er noch die Treibstofftanks. „Proppevoll“, sagt er. „Alles in Ordnung. Und jetzt der Kartographie-Raum.“ 

Mit dem Fahrstuhl geht es bis ganz nach oben. Dort schwebt das Stantonsystem als Holomodell vor uns. „Ich schätze, hier werden wir noch manche Zeit verbringen“, sage ich. Zur anderen Seite geht es hinaus aus dem Schiff – Außeninspektion leicht gemacht. Keine Frage: Die Designer haben das Schiff gut durchdacht. Vielleicht waren sie ein wenig übervorsichtig – überall auf dem Schiff finden sich Escape-Pods. Auf dem Weg zur Brücke kommen wir auf dem Technikdeck noch an der Landebucht für die Pisces C8X vorbei. Wir begutachten die beiderseitigen Turrets und einen weiteren Technikraum. Was mir immer wieder positiv auffällt: Das Licht im gesamten Schiff, die kleinen versteckten Spots überall, die Fokus auf einen bestimmten Aspekt legen, Konturen herausarbeiten, unterschiedliche Stimmungen erzeugen. Kurzum: Die „Clarke“ hat einen ganz eigenen Charakter.

Ich mache mir während unseres Rundgangs eine Menge Notizen – habe entschieden, vom ersten Tag ein Logbuch über das Schiff führen. Ich hatte so etwas bisher vermieden, teils aus Faulheit, teils, weil ich ja wusste, dass ich noch mal umsteigen würde. Und: Ich werde das Schiff noch umlackieren lassen. So schön es von innen auch ist, so düster wirkt es von außen. Anvil hat auch ein helles, freundliches Außendesign im Angebot. „Expedition“ heißt die Lackierung. Passender könnte der Name kaum sein für das, was ich mit dem Schiff vorhabe. Ich halte immer wieder mal inne, um das Schiff auf mich wirken zu lassen, dann erreichen wir wieder die Brücke. Das flaue Gefühl, im Pilotensitz der „Clarke“ Platz zu nehmen, das mich gestern zunächst noch beschlichen hatte – es ist verschwunden. Ich bin angekommen, so scheint es.

Schließlich ziehen wir zum Start unsere Raumanzüge an. Ein neues Schiff kann durchaus manche Risiken bergen. Manchmal funktioniert etwa der Druckausgleich zwischen zwei Abteilungen nicht richtig. Es sind Kinderkrankheiten mit denen jedes neue Schiff zu kämpfen hat. Erneut fahren die Triebwerke gleichmäßig hoch. Baijini Point gibt uns die Startfreigabe, ich steuere die „Clarke“ mit Fingerspitzen hinaus ins All. Das Schiff reagiert auf kleinste Eingaben, trotz seiner Größe und Masse. Ich drehe das Schiff leicht nach steuerbord, blicke von außen auf die Station, ein Anblick, an dem ich mich nie satt sehen werde.  „Nächster Stop Microtech“, sagt Hawk, der die Route bereits festgelegt hat. Ich will soeben den Quantumjump einleiten, als wir gerufen werden. „Hawk, Dark hier. Was machst Du?“ Ich höre über Intercom mit. „Jungfernflug der Clarke“, antwortet Hawk. Ein alter Freund von ihm – Peter Dark. Ich mache ein Handzeichen, das Hawk sofort versteht und übersetzt: „Hast Du Lust mitzukommen?“

Wir treffen uns auf halbem Weg. Wie sich herausstellt, ist Dark mit einer Pisces unterwegs, dem zur Anvil Carrack gehörenden Tochterschiff – eine gute Gelegenheit, um mal zu testen, wie leicht sie sich in der „Clarke“ landen lässt. Dark, ein erfahrener Pilot, bringt das kleine Schiff sauber runter, wir schließen das Hangardeck und machen uns zu dritt auf die Weiterreise, nachdem wir per EVA noch einen schnellen Außencheck vorgenommen haben. Die Luftschleusen funktionieren einwandfrei, etwas, das man nicht oft genug testen kann. Unterm Sternenlicht, funkelt das Schiff wie ein Diamant. Hawk und Dark schauen zu, während ich im All noch ein paar Pirouetten drehe und den Blick kaum von meiner Neuerwerbung losreißen kann. Schließlich setzen wir jedoch unseren Weg fort. Bald schon kommt Microtech in Sicht, aus dem All wie immer ein Prachtanblick mit seinen wolkenverhangenen Eis- und Tundra-Landmassen. 

Ich bringe das Schiff behutsam hinunter. Nach und nach wachsen aus dem Relief riesige Berge, dann gleiten wir auch schon über leere, aber wunderschöne Landschaften dahin. Wir landen auf einem kleinen Felsvorsprung und genießen schließlich die frische Luft. Hier, mitten in der Natur, weit weg vom kalten Stahl eines Hangars, wirkt die „Clarke“ noch einmal ganz anders. Ich entferne mich ein paar Schritte von ihr. Nun, die Allerschönste ist sie von außen jetzt vielleicht nicht. Hat etwas von einem gestrandeten Walfisch, zumindest wenn sie so platt auf der Erde liegt. Dann gehe ich wieder näher heran – und sofort nimmt sie mich wieder gefangen. Mir wird klar: Dieses Schiff ist im All zu Hause.

„Willst Du zurück fliegen?“, frage ich Hawk, kaum dass wir wieder an Bord sind. „Klar“, sagt er. Vertrauen kommt auch daher, dass man dem anderen etwas zutraut – und sei es ein ganzes Schiff. Während Hawk Port Tresslar, die Raumstation über Microtech, ansteuert, streune ich ein wenig durch das Schiff. Ich präge mir die verschiedenen Wege ein. „Fast da“, höre ich Hawk schließlich, laufe zur oberen Kommandobrücke und beobachte, wie er die „Clarke“ sauber und gekonnt landet. „Jungfernflug erfolgreich absolviert, alle Parameter im normalen Bereich“, meldet er. „Danke sehr“, erwidere ich. Gute Zeiten voraus.

Journal-Eintrag 29/02/2950

Habe beschlossen, erstmal zu verdrängen, was mir der Unbekannte vor ein paar Tagen aufgetischt hatte. Kann eh nichts daran ändern. Bin außerdem schwer verliebt. 4400 Tonnen schwer. Zeit, sich vielleicht erst einmal den schönen Dingen des Lebens zuzuwenden.

__________________________________________________________________

Storyteller

Zwei Jahre seit ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin.

Zwei Monate seit Phoenix.

Mein Blick wandert in die Ferne. Hinab auf den Planeten – und in die Vergangenheit.

„John, où es tu?“ Sie hatte direkt vor meinem Tisch gestanden.

„Hm?“

„Où es tu?“

„Hawaii.“

Es war in der siebten Klasse, ich erinnere mich genau. Ich hatte auch damals wieder einmal aus dem Fenster geblickt. Draußen standen zwar nur ein paar Büsche, aber für mich waren es Palmen. Sie wiegten sich im Wind. Es waren ein paar Schritte zum Strand hinunter. Meine Lehrerin, ihren Namen, habe ich zu recht vergessen, drehte sich wortlos auf dem Absatz um und ging zurück zur Tafel. Später nannte sie mich dann einmal einen Nagel zu ihrem Sarg.

Zwei Jahre war ich jetzt in Clans, die wie ich versuchen, ihren Weg im Verse zu finden. „Crash“ und „Phoenix“. Ishmee, Lux, Rusty, Tortoise und alle die anderen – die Namen rattern mir durch den Kopf. Habe ihre Bilder sofort vor mir. Auch Old Spice von „Crash“ habe ich wieder getroffen. Nindja, Jan’D Starfire, VánZán, DaSoul. Wir haben ein paar Sachen geklärt. War mit „Crash“ damals nicht im Besten geschieden.

Mir ist nun klar, was mich die ganze Zeit unglücklich gemacht hat. Ich bin für feste Strukturen einfach nicht geschaffen. Meine Gedanken wandern. Unablässig. Ich bin ein Freigeist, das war ich schon immer. Wie damals in Französisch. Aber ich fühle mich nicht mehr einsam. Ich weiß, sie sind da draußen.

Im Hangar steht meine brandneue Carrack. Der Jungfernflug war ein Gedicht. Habe sie, wie geplant, „Arthur C. Clarke“ getauft. Nach ihm wurde sogar der Orbit für geostationäre Satelliten benannt. Vielleicht gibt’s ja irgendwann Mal auch einen „Brubacker-Orbit.“ Ich grinse in meinen Whisky. Höchstens, wenn man einen Arschtritt kriegt. 

Zwei Monate harter Arbeit liegen hinter mir. Konzepte, Ideen, Versatzstücke, technische Hürden. Neben mir steht ein Mann. Er hat die ganze Zeit vor sich hingestarrt. Nun dreht er sich zu mir und fragt: „Soll ich Ihnen eine unglaubliche Geschichte erzählen?“ Ich schaue ihm in die Augen, die aussehen, als hätten sie soeben erst das Tageslicht erblickt: „Klar“, sage ich und drücke auf meinem Mobiglas den Button, der mich online bringt.

Ich bin John Brubacker, Captain der „A.C. Clarke”, Chefredakteur – und dies ist „Off the Record“.

__________________________________________________________________

Jack Hawkins

Die Redaktion läuft gut an. Gleich die erste Story von „Off the Record“ ist eine, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann. Es geht um einen Wächter Lorvilles, der durchbrennt. Es ist eine Geschichte, die sonst wohl nie erzählt worden wäre. Ich sitze auf der Brücke der „Clarke“ und verfolge im Spectrum die Klickzahlen, als sich die Tür zu meinem Captain’s Quarter öffnet. „Nur herein“, sage ich. Hawk.  „Können wir kurz reden?“, fragt er. „Immer.“ Seit er auch die Technik hinter „Off the Record“ übernommen hat, sind wir fast täglich in Kontakt. „Es gibt da etwas zu besprechen“, sagt er.

Das klingt nicht gut. Als nächstes sagt er: „Ich werde dich wieder verlassen.“ Ich glaube, meinen Ohren nicht zu trauen. „Wieso?“, stoße ich hervor. „Stimmt etwas nicht?“ Hawk steht vor meinem Schreibtisch als müsste er mir etwas beichten. „Komm, wir gehen rüber in die Mannschaftsmesse. Du musst hier nicht vor mir stramm stehen“, sage ich. Wir laufen hinüber. Das riesige Schiff wirkt noch leer, fabrikneu, unpersönlich. Es wird dauern, bis es mit Leben und Geschichten gefüllt sein wird.

„Raus mit der Sprache“, sage ich, während ich uns einen Kaffee koche. Hawk fängt an zu erzählen. Bisher hatten wir für Smalltalk kaum Zeit. „Wo soll ich beginnen?“, sagt er, während er Platz nimmt. „Vielleicht ganz am Anfang. Ich stamme aus einer kleinen Siedlung nahe Lorvilles auf Hurston. Meine Eltern haben sich dort eine kleine Transportfirma aufgebaut. Stets sagten sie, dass ich eines Tages die Firma übernehmen soll….“ Hawk macht eine Pause. „…aber allein die Vorstellung, Kisten schleppen, Transportscheine ausstellen, die ewige Logistik…ich bin zwar Ingenieur, könnte das bestimmt auch ganz gut…aber, nun, es war einfach nicht mein Ding.“ Ich nicke. „Jetzt aber ist etwas passiert, das mich zwingt umzudenken und warum ich nicht an Bord der Clarke bleiben kann.“ Ich blicke ihm in die Augen: „Nämlich?“ Er atmet tief durch. „Meine Eltern sind verschwunden.“

Er erzählt mir, dass seine Eltern, Richard und Julia, mit einer Constellation Taurus nahe des Vanduul-Raums unterwegs gewesen seien – irgendein geheimnisvoller Frachtauftrag, den sie als Geschäftsführer ihres Unternehmens offenbar selbst ausführen wollten. Dann aber muss etwas Unvorhergesehenes passiert sein. „Die UEE fand das Schiff leer, Hinweise auf Kampfhandlungen gab es nicht. Als hätten sie das Schiff freiwillig verlassen. Aktuell liegt es im Raumhafen von Lorville. Dort hat es die UEE hingeschleppt. Ich habe es mir in einer schnellen Inspektion angesehen. Nichts. Auch in den Büchern findet sich kein Hinweis.“. Hawk sammelt sich kurz. „Vielleicht wurden sie entführt. Piraten. Oder vielleicht sogar die Vanduul selbst. Wenn sie bereits tot sind, will ich wissen, wer es war.“ 

Ich nehme einen Schluck Kaffee, um meinen Frust und auch meinen Ärger herunterzuschlucken. So einen guten Mann würde ich nicht so schnell wieder finden. „Hast du denn überhaupt das Geld für so eine weite Reise?“ Es war als rhetorische Frage gemeint, doch zu meiner Überraschung schüttelt Hawk den Kopf. „Eher Spielschulden. Ich habe die letzten Jahre bei so ziemlich jeder Pokerrunde mitgemacht, die auf Lorville veranstaltet wurde.“ Pleite, ohne Plan, auf sich gestellt – das kommt mir irgendwie bekannt vor. Hawk atmet tief durch. „Vielleicht steckt auch mehr dahinter. Ich habe das Gefühl, da will sich jemand schon lange die Firma meiner Eltern unter den Nagel reißen. Irgendetwas ist im Gange, ich weiß nur nicht was. Vielleicht auch die Typen aus meinen Pokerrunden. Hast Du schon mal den Namen Dimitri gehört?“ Ich schüttele den Kopf. „Wer ist das?“

„…das ist…“ Er unterbricht den Satz. „Nun, ich muss jetzt jedenfalls los.“ Er steht auf, gibt mir die Hand und läuft zur Tür der Messe. „Du wirst nicht weit kommen“, sage ich. „Ohne Geld und ohne Freunde. Erst recht nicht, wenn noch jemand hinter dir her ist.“ Hawk bleibt stehen. „Das weiß ich. Ich muss es trotzdem versuchen.“ Ich ahne, dass ich mir wieder mal zu viel aufbürde, sage dann aber: „Ich helfe Dir.“ Ich sehe, wie Hawk die Stirn runzelt. Er dreht sich um, kehrt an den Tisch zurück. „Und wieso?“ Ich schürze die Lippen. „Weil ich im Grunde in der gleichen Lage bin wie du.“

Ich erzähle ihm meine Story. Vom „vermeintlichen“ Unfall auf der Rangin, meinem 700 Jahre währenden Kälteschlaf, meinen ersten beiden Jahren im Verse, dem Auftauchen des mysteriösen Mannes vor wenigen Tagen, dass ich zur „Clarke“ im Grunde wie  die Jungfrau zum Kinde gekommen bin. Hawks Blick wird immer ungläubiger. „Du verscheißerst mich“, sagt er schließlich. Ich grinse ihn an. „Leider nicht.“ Wir prusten beide los. Beide stehen wir am Anfang einer großen Reise, beide wissen wir nicht, wohin uns der Weg führen wird. „Erst aber müssen wir hier unsere Angelegenheiten klären“, sage ich. „Uns fit machen für das, was uns da draußen erwartet. Geld verdienen, vielleicht weitere Mitstreiter finden.“ Hawk lächelt: „Einen habe ich schon. Scorpi.“ Ich nicke. „Ja, er war letztens schon an Bord der Clarke. Ein alter Freund von dir.” Ich denke nach. „Wir sollten erstmal im Stanton-System Aufträge annehmen“, sage ich. Hawk schüttelt den Kopf. „Aber mir läuft die Zeit davon.“

„Tut sie nicht. Wenn deine Eltern tot sind, spielt es keine Rolle, wann du die Mörder findest. Sind sie noch am Leben, werden sich ihre Entführer automatisch melden.“ Hawk nickt. „Jetzt aber sollten wir uns erstmal darum kümmern, dass ins Captain’s Quarter wenigstens noch ein weiterer Stuhl oder vielleicht sogar ein Sofa kommt. Dann müssen wir nicht in der Messe herumsitzen.“ Hawk grinst mich an. „Hey, ich bin Ingenieur, kein Inneneinrichter.“ 

Das Verse – es ist voller Geheimnisse. Und die Antworten – sie liegen dort draußen. 

Journal-Eintrag 08/03/2950

So schön die „Clarke“ auch ist, so sinnlos und so einsam ist es auch, auf ihr allein im Verse unterwegs zu sein. Ihre Zeit – sie ist im Grunde noch nicht gekommen. Zeit, daher auch mal wieder ins Cockpit der Superhornet zu klettern. Es gibt genug aufzuräumen in Stanton. Ich muss ja auch nicht gleich wieder hinter dem Schreibtisch versauern. Es ist zwar gut, dass ich das Büro auf ArcCorp angemietet habe. Ich habe aber das Gefühl, dass ich dort erst einmal nicht allzu viel Zeit verbringen werde. Wie sich zeigt, ist Hawk mit diversen Schiffen seiner Firma gut aufgestellt. Er besitzt neben der Constellation Taurus seiner Eltern, unter anderem eine Aurora, eine Prospector und eine Cutlass. Ich weiß jetzt auch, wo er sich die ganze Zeit herumtreibt, wenn er nicht auffindbar ist: Er schweißt Steine auf irgendwelchen Monden auf. Es sind fast drei Monate vergangenen seit meiner Zeit bei „Phoenix Interstellar“. Ich werde da mal anklopfen. Vielleicht haben sie ja etwas über einen Entführungsfall gehört.

__________________________________________________________________

Journal-Eintrag 28/03/2950

Im Schiff ist es so still wie in einer riesigen Leichenhalle. Die gekaperte 890 Jump schwebt über dem Mond Wala, langsam bewege ich mich durch den hinteren Korridor vorwärts. Durch das steuerbordseitige Airlock sind Hawk, Scorpi und ich in das Schiff eingedrungen. Plötzlich zerreißt eine laute Salve die Stille. „Da sind sie…“, höre ich noch, der Rest geht im folgenden Trommelfeuer unter. Hawk liefert sich mit diversen Outlaws wenige Meter vor mir in dem engen Gang ein Gefecht. Kaum bin ich an das Geschehen herangerobbt, ist es aber auch schon wieder vorbei. „Fünf weniger“, sagt Hawk und dreht sich zu mir. Nun sind noch 15 übrig. Sie können auf dem riesigen Luxusliner überall sein.

Es ist alles andere als ein gewöhnlicher Auftrag. Über das Mobiglas ist er herein gekommen. Der private Eigner des Schiffes, das wir nun nach und nach durchkämmen werden, war von Outlaws überfallen worden, hatte mit seiner Mannschaft das Schiff über die Escape-Pods offenbar in höchster Eile verlassen. Und: Vielleicht schaffte er es nicht mehr, es zu holen oder es fiel ihm erst im Nachhinein ein – jedenfalls gilt es nun, ein Datapad mit wichtigen Daten zu sichern, das sich noch auf dem Schiff befinden soll. Auch sollen wir das Schiff selbst zurückerobern – klar, wer gibt so einen Luxuspott schon gerne auf? Insgesamt 12.000 Creds ist das dem Eigner wert. Zu dritt machen wir uns also auf den Weg, sind wir auf Bajiini Point über ArcCorp doch sowieso gerade in der Nähe, als der Auftrag der Northrock Service Group aufploppt. Mit einer Cutless Red, einer Arrow, einer weiteren Hornet und meiner Superhornet nähern wir uns dem Ziel, als wir auch schon beschossen werden. Mit zwei Cutless Black haben die Outlaws ihre Beute im All abgesichert.

Ich habe Probleme mit meinem Waffensetting, habe ich doch gerade erst zuvor meine alten starren Bulldog-Laser-Repeater gegen kugelgelagerte Neutron-Repeater getauscht, die aufgeschaltete Ziele in einem gewissen Bewegungsradius automatisch verfolgen. Das sollte vieles einfacher machen. Irgendwie wollen die Waffen aber nicht gleichzeitig feuern, noch dazu ist die Feuerrate viel zu niedrig. Ich fummle an den Konsolen herum, schiebe die Energie des Schiffes umher und während ich noch mit der Technik kämpfe und vor mich hin fluche, klären Hawk und Dark die Situation. Beide Angreifer verglühen in Feuerbällen.

Ich bringe meine Superhornet direkt neben der Jump zum Stehen und schwebe hinüber zum Airlock. Ich war in der Vergangenheit ja nun schon mehrfach auf einer 890 Jump, doch jedes Mal bin ich von der Größe beeindruckt. Langsam bewegen wir uns vorwärts. Die Outlaws, so scheint es, haben sich strategisch über das ganze Schiff verteilt. Wir entscheiden, beisammen zu bleiben, schließlich kann man sich auf dem riesigen Schiff mit seinen diversen Stockwerken, Gängen und Emporen schnell verirren und zudem kaum schnell Hilfe rufen. Vor allem Hawk, Chefingenieur der „Clarke“ hin oder her, macht eine gute Figur. Er weiß offenbar nicht nur mit dem Lötkolben, sondern auch mit dem Maschinengewehr gut umzugehen. Ein Outlaw nach dem anderen segnet das Zeitliche. Auch ich lande den einen oder anderen Treffer, obwohl ich alles andere als ein Nahkämpfer bin. Dark, unser dritter Mann, klärt in Absprache einen Raum nach dem anderen auf. Der vierte Mann in unserem Team, Ambro, schafft es nicht rechtzeitig zum Einsatz. Wie wir mitbekommen, hat er Probleme mit seinem Navigationscomputer.

Auf unserem Weg durch das Schiff stolpern wir über manche Leichen, ein Anblick, der schwer zu verdauen ist und der so gar nicht zu dem Schiff passen will, auf dem sonst das Leben selbst zelebriert wird. Hangar, Küche, Eignersuite – Stück für Stück nehmen wir uns das dunkle Schiff vor. Schließlich finden wir auch den letzten Outlaw und rufen über das Mobiglas den Auftraggeber. Unsere Belohnung wird uns sofort bezahlt, nur das Datapad finden wir nicht, den Bonus können wir uns abschminken. Ein Abschleppdienst wird das Schiff später abschleppen, heißt es. Wir kehren daher zurück zu unseren Schiffen. Ich bin froh darüber, dass ich das Totenschiff wieder verlasse – und bei mir denke ich, dass manchmal selbst eine hohe Belohnung einen Einsatz rein psychisch nicht wert ist. Es wird schließlich ein paar Tage dauern, bis die Bilder in meinem Kopf von Leichen auf teuren Sitzen wieder verschwimmen werden.

__________________________________________________________________

Journal-Eintrag 03/04/2950

Ich sitze gerade an der Bar als ich einen Anruf über das Mobiglas erhalte. Eigentlich will ich nicht rangehen und ihn wegdrücken, schließlich brauche ein wenig Zeit für mich. Dann aber blicke ich doch drauf und traue meinen Augen nicht: Steven Vooslo, ein Ex-Kollege von „Phoenix Interstellar.“ „Steven, das ist ja eine schöne Überraschung“, sage ich, nachdem ich den Anruf entgegen genommen habe. Vooslo grinst mich über den kleinen Bildschirm an. „Nicht wahr? Was machst Du? Lust darauf, dass wir mal wieder gemeinsam eine Runde durchs Verse drehen?“ Ich nicke. „Klar, warum nicht?“ Ich strecke meine Glieder und bin ehrlich erfreut. Ich hatte lange nichts mehr von ihm gehört. Wir verabreden uns auf Bajini Point über ArcCorp, wo ich mich derzeit befinde – Vooslo ist ganz scharf darauf, die „Clarke“ kennenzulernen. Auf einer Carrack ist er noch nicht gewesen. „Hol mich ab, das Schiff steht aktuell auf Port Tresslar über Microtech“, sage ich. „Das trifft sich gut“, erwidert er, „auf diesem Planeten bin ich auch noch nicht gewesen.“

Gut eine halbe Stunde später stehen wir uns gegenüber. Vooslo lässt sich durch das automatische Bereitsstellungssystem der Station eine Cutless rufen, wenige Minuten später sind wir unterwegs. „Ich bin ein wenig aus der Übung auf diesem Flugmuster“, sagt er, bugsiert uns nach ein bisschen hin- und her, dann aber sauber von der riesigen Station weg und wir gehen in den Quantum Jump nach Port Tresslar. Wir reden über dies und jenes, wie es uns in den vergangenen Monaten ergangen ist, ich erzähle ihm von „Off the Record“ und meinem neuen Leben auf eigenen Beinen, schließlich kommt die riesige Station in Sicht. Wir landen und schauen uns auf Port Tresslar um, Vooslo geht ein wenig shoppen, dann laufen wir zu den Terminals und ich lasse die „Clarke“ rufen. Gemeinsam fahren wir in den Hangar. Vooslo ist sofort von der „Clarke“ beeindruckt. Wir machen einen Rundgang und ich entdecke sie, zumindest von außen, auch noch mal neu. Es hatte ein wenig gedauert, vor ein paar Tagen hatte ich aber endlich Werftzeit bekommen und ließ das Schiff umlackieren. Nun erstrahlt die „Clarke“ in hellem „Expedition“-Weiß. So gefällt sie mir wesentlich besser, sie wirkt nun nicht mehr ganz so düster.

Ich unternehme mit Vooslo einen Rundgang durch das gesamte Schiff. Immer wieder hält er staunend inne. Mir wird klar: So richtig eingehend kenne ich das Schiff auch immer noch nicht. Es wird dauern, bis ich selbst richtig heimisch bin. Schließlich landen wir in meinem Captains Quartier, ich nehme Platz und wie bei einem Rekrutierungs-Gespräch steht Vooslo plötzlich vor mir. „Hast Du eigentlich schon einen Sicherheitsoffizier an Bord?“, fragt er. Ich schüttele den Kopf und mustere ihn intensiv. Ich weiß noch zu gut, wie wir gemeinsam auf Hurston in die Falle gingen und wie er sofort mit natürlicher Autorität die Führung bei unserem missglückten Außeneinsatz übernahm. „Könntest Du Dir denn vorstellen, den Job zu übernehmen?“, frage ich zurück. „Durchaus“, sagt er und nickt leicht. Ich lächle ihn an. „Es wäre mir eine Freude“, sage ich. Und so ist es ohne großes Federlesen beschlossen, auch wenn wir uns für unsere jeweiligen persönlichen Angelegenheiten natürlich Freiraum lassen. Hawk, Vooslo und ich – keiner von uns dreien muss dem anderen ständig auf dem Schoß sitzen. Jetzt muss ich nur die beiden noch miteinander bekannt machen. Die Stamm-Crew der “Clarke” – sie wächst so langsam.

„…und jetzt ab runter nach Microtech“, sage ich schließlich. Wir laufen ins Cockpit, ich fahre die Triebwerke hoch, Minuten später sind wir unterwegs. Wir unternehmen einen Überflug über New Babbage, in wenigen Tagen sollen die Tore für Neuankömmlinge geöffnet werden. Dann werden wir durch die Stadt spazieren dürfen, jetzt gleiten wir aber erst einmal vorbei an wunderschön illuminierten Hochhäusern, die in der Nacht wirken, als wären sie wie Glitzersteine in den allgegenwärtigen Schnee geworfen worden.  

Ich ziehe die „Clarke“ ein wenig hoch und wir landen ein wenig abseits auf der Tagseite des Planeten. Ein Schneegestöber, noch nicht ganz zu einem Sturm ausgewachsen, aber schon recht ungemütlich, umfängt uns. Wir blicken uns in der kargen Landschaft um. „Es gibt wesentlich schönere Ecken“, sage ich und Vooslo nickt. „Mir gefällt es aber eigentlich ganz gut“, erwidert er dann. „So friedlich“  – und gibt gleich mal ein paar Schüsse aus seiner Energy-Pistole ab. Den neuen Sicherheitsoffizier der „Clarke“ scheint es hin- und wieder in den Fingern zu jucken. Genau der richtige Mann für brenzlige Situationen.

__________________________________________________________________

Journal-Eintrag 04/04/2950

Wir tasten uns Schritt für Schritt voran. Der Laserstrahl von Hawks Waffe leuchtet mal und hier mal dort hin. Immer tiefer geht es in die Höhle auf dem Mond Aberdeen hinein. Jederzeit rechnen wir damit, dass jemand aus der Dunkelheit heraus das Feuer auf uns eröffnet. Wir nutzen daher jede Deckung, die sich uns in dem natürlichen Gewölbe bietet. Unser Auftrag, eine vermisste Person namens Vanderwal zu finden, gerät fast ein wenig ins Hintertreffen. „Stopp, warte einen Moment“, sagt Vooslo. Ich habe mich für seinen Geschmack zu weit vorgewagt. Ich halte inne und lausche. Nichts. Nur das Tropfen von Wasser ist in der Ferne zu hören. „Wenn hier drinnen jemand auf uns wartet, so verhält er sich absolut still“, sagt Hawk. Wir glauben: Unsere möglichen Gegner dürften sich über Funk gegenseitig gewarnt haben. So, wie wir uns nun auch über unseren Helmfunk unterhalten, um so wenig Geräusche wie möglich von uns zu geben. Die Höhle scheint unterdessen überhaupt kein Ende zu finden…

Gut 20 Minuten zuvor. Die Cutless Red wird vom dichten gelblichen Nebel Aberdeens verschluckt. Hawk, der das Schiff steuert, blickt angestrengt in die Tiefe. „Jetzt endlich sehe ich den Eingang“, sagt er. Seine weiteren Worte gehen im plötzlich losbrechenden Krach unter. Das Medi-Schiff befindet sich nur noch wenige Meter über dem Boden, als das Feuerwerk beginnt – wir werden ohne Vorwarnung beschossen. Auf die Höhle und was sich in ihr befindet, haben offenbar schon andere Anspruch angemeldet. Hawk zieht das Schiff in die Höhe. „Das gibt’s doch nicht“, schimpft er. „Auf ein Medi-Schiff schießen. Ich fasse es nicht!“ Hawk lenkt die Cutless um den Höhleneingang herum und landet in sicherer Entfernung. Wütend klettert er aus dem Captains-Chair. „…und wollen wir uns das gefallen lassen?“ Vooslo, Dark und ich schütteln unisono die Köpfe.  „Und außerdem haben wir ja auch noch unseren Auftrag“, sagt Dark. Die Belohnung von satten 12.000 Credits wollen wir uns nicht einfach so durch die Lappen gehen lassen.

„Also, dann schnappen wir sie uns“, sagt Hawk mit grimmiger Miene. Wir teilen uns in zwei Zweiergruppen auf und schleichen uns von beiden Seiten an die Höhle heran. Ich gehe mit Vooslo mit, der voranmarschiert. Aus erhöhter Position spähen wir die Angreifer aus. Es sind drei Mann. Nachdem wir uns verständigt haben, dass alle eine gute Schussposition haben, eröffnen wir das Feuer. Alle drei Angreifer hauchen binnen Sekunden ihr Leben aus. Damit dürften sie nicht gerechnet haben. Gleichwohl wissen wir nicht, ob das tatsächlich alle waren. Vielleicht sind im Innern noch mehr. Mit den Waffen im Anschlag steigen wir schließlich langsam hinab, immer um die nächste Ecke spähend. Doch es passiert nichts. Dennoch trauen wir uns nicht, unsere Waffen wegzustecken.

Der Weg durch die Höhle dauert rund 20 Minuten. Selbst in einer Vierergruppe ist es immer noch ein wenig unheimlich. Auf etwaige Angreifer treffen wir nicht. Genauso wenig finden wir aber die vermisste Person. Schließlich kehren wir um, bleiben aber auch weiterhin vorsichtig. Vielleicht werden wir am Ausgang erwartet. Immer wieder lauschen wir in die Stille hinein, ob wir einen dumpfen Knall hören und unsere Cutless Red nach Beschuss vielleicht explodiert ist. Insgeheim denke ich, wir hätten sie ein wenig weiter weg abstellen sollen. Doch auch auf dem Rückweg bleibt alles ruhig. Als wir die Höhle verlassen, liegen die drei Leichen immer noch an Ort und Stelle. Offenbar könnten sie niemanden mehr verständigen. Wir laufen zurück zur Red und treten den Heimweg an – ohne Belohnung für den Auftrag zwar, dafür aber um eine Erfahrung reicher: Man darf sich selbst niemals in Sicherheit wiegen.

__________________________________________________________________

Journal-Eintrag 16/04/2950

Höchste Zeit, mal wieder bei „Phoenix Interstellar“ anzuklopfen. Mein Abschied ist über drei Monate her. Alte Kontakte auffrischen. Mal wieder blicken lassen. Ich klicke auf mein Mobiglas und erblicke Momente später Tenna Daymen auf dem Monitor. „Brubacker, schön Dich zu sehen“, sagt sie. Ich lächle. „Wie läuft’s?“ „Ganz gut“, erwidert sie. Sie sieht müde aus. „Habe gerade eine Marathon-Sitzung hinter mir. SCF-Kram.“ Ich erinnere mich. Als ich Phoenix verließ, war sie gerade zur Chefdiplomatin ernannt worden. Es geht darum den verschieden ausgerichteten Organisationen im Verse ein friedliches Auskommen zu ermöglichen. „Wir wollen gleich noch auf Mission gehen. Lust mitzukommen? Hier ist gerade ein Auftrag reinkommen, der zu uns passt wie die Faust aufs Auge“ Ich nicke. „Klar. Ich habe momentan nichts besseres vor“, sage ich.

Ich schwinge mich aus dem Bett und laufe durch die riesige Station zum Schiffsterminal. Treffpunkt ist auf Port Olisar. Ich bin gottlob nicht weit davon entfernt, nehme meine Superhornet und fliege hinüber. Kaum gelandet, sehe ich, dass noch andere von „Phoenix“ vor Ort sind: Justin zum Beispiel oder Tamoo. Das Wiedersehen ist freudig – klar, wir waren ja auch nicht im Streit geschieden.

Dann wird es ernst: Auf eine nahe gelegenes Miningstätte von Shubin Interstellar hat es einen Überfall gegeben. Gesucht werden nun freiwillige Kräfte mit militärischer Erfahrung, die die Lagerstätte von den Angreifern zurückerobern. Dummerweise haben die Piraten ein paar Wächterdrohnen installiert, die auf alles schießen, was sich ihnen nähert. Wir steigen auf eine Carrack um, schließlich sind wir zu siebt an Bord.

Daymen und ich besetzten schließlich die Turrets, Tamoo fliegt weiter das Schiff. Es ist für mich eine ganz neue Perspektive auf die Carrack. Angestrengt blicke ich durch die riesige Kanzel. Davor schweben riesige Asteroidenfelsen vorbei. Schließlich kommen die ersten Drohnen in Sichtweite. Daymen und ich nehmen sie aufs Korn. Eine nach der anderen verglüht in einem Feuerball. Schließlich tauchen noch drei Angreifer auf – drei Miningschiffe vom Typ Prospector. Offenbar hatten die Eindringe selber vor, die Lagerstätte abzubauen. Sie nehmen uns sofort unter Feuer. Für die dicken Schilde der Carrack sind sie jedoch kein Problem. Sofort feuern wir zurück. Eine Prospector nach der anderen explodiert, so dass unsere Mission schließlich erfolgreich abgeschlossen ist. Es war das reinste Kinderspiel.

An Bord quatschen wir noch eine Weile, dann trennen sich unsere Wege wieder. Es war schön, den einen oder anderen wiedergesehen zu haben und ich beschließe, in Kontakt zu bleiben. Gleichzeitig bestärkt mich aber das Gefühl, dass es eben doch richtig war, “Phoenix Interstellar“ zu verlassen. So schön es ist, mit anderen gemeinsam auf die Jagd zu gehen, so sehr genieße ich auch immer wieder die Einsamkeit und die Möglichkeit, meinen eigenen Weg zu gehen. Über Hawks Entführungsfall haben sie übrigens nichts gehört.

__________________________________________________________________

Journal-Eintrag 24/04/2950

Dass laute Kreischen des Metalls, während es sich langsam an den Innenseite des Hangars entlang schiebt, dabei verkratzt, verbeult und verbiegt, geht mir durch Mark und Bein. Es lässt mir die Adern gefrieren. Ich schließe für einen Moment die Augen, als könnte ich so den Krach unterdrücken. Was für eine beschissene Landung. Das dürfte ordentlich Ärger mit der Verwaltung geben. Blutuntersuchungen, Alkoholspiegeltest, jede Menge Papierkram. Und erst die Lackier- und Reparaturkosten! Die „Clarke“ – sie leidet, schreit ihren Schmerz hinaus, während ich die Steuerjoysticks so fest und verkrampft umklammere, als wollte ich ihr noch mehr Gewalt antun. So katastrophal schlecht bin ich noch nie gelandet. Habe einfach einen falschen Landevektor gewählt. Kurz gesagt: Ich bin zu schräg reingekommen. Man kann so ein großes Schiff eben nicht schnell und schmutzig wie einen Fighter parken. Man muss aufpassen wie ein Luchs. Die Augen müssen stets rotieren, ständig muss man wissen, wo man sich befindet, wie viel Platz man noch hat. Ich gebe leichten Schub auf die Vertikaldüsen, dann sind wir endlich unten. Ich schalte alles ab und lasse mich in meinen Stuhl sacken. Hinter mir schließen sich die Hangartore von Port Tresslar als wollten sie das Elend verbergen.

Über die Com höre ich: „Captain, Captain…“ Hawk. Ich traue mich kaum zu antworten. „Ja, das war…“, bringe ich lediglich hervor. Bis hierhin war es ein schöner Ausflug gewesen. Wir waren zu Viert unterwegs – neben meinem Chefingenieur waren auch noch Peter Dark und eine gute Bekannte, Jabea, an Bord. Sie sah zum ersten Mal eine Carrack von innen. Gemeinsam besuchten wir den Mond Caliope, der um Microtech kreist. Ein unwirtlicher, düsterer Felsen, kahl und kalt. Wir genossen gemeinsam den Überflug, den Blick auf die erstarrte Welt unter uns. Ich hörte auf der Brücke über die Com mit, wie Hawk Jabea durch das Schiff führte, dies und jenes erklärte. Ich muss schon sagen, dass es mich ein wenig mit Besitzerstolz erfüllte. Und natürlich will man in solchen Augenblicken, wenn man dann einen Gast an Bord hat, erst recht wenn es weibliche Gesellschaft ist, einen besonders guten Eindruck erwecken.

Tja. Und jetzt stehe ich da wie ein begossener Pudel neben den anderen, traue mich nicht, Jabea zu fragen, ob sie jemals noch mal mit mir fliegt. Gemeinsam begutachten wir stattdessen stumm die Schäden. „Es wird ein paar Tage dauern, bis die Clarke wieder flugfertig ist“, sagt Hawk schließlich nüchtern. Seinem Gesichtsausdruck entnehme ich, wie sehr er sich auf die vor ihm liegende Arbeit freut. Ich atme tief ein und aus und schüttele den Kopf. Mist, verdammter. Zu allem Überfluss hat auch noch unser neu eingestellter Sicherheitsoffizier, Steven Vooslo, vor ein paar Tagen wieder in den Sack gehauen. War mit ihm nur ein kurzes Vergnügen an Bord. Wenn’s dicke kommt, dann eben richtig.

__________________________________________________________________

New Babbage

Ich bin gerade erst ein paar Sekunden im Quantum unterwegs, als mein Schiff auch schon wieder unsanft gestoppt wird. Piraten! Eine Conny und eine Buc. Die Constellation eröffnet sofort das Feuer. Normalerweise bin ich ein eher wenig aggressiver Typ – doch heute ist mit mir nicht gut Kirschen essen. Ich schalte meine nagelneuen Neutron-Repeater in den Gimbal-Modus, sodass sie die Schiffe automatisch verfolgen und erwidere das Feuer. Bald darauf ist die Conny Geschichte, es folgt die Buc. So langsam macht sich bezahlt, dass ich nun schon einige Feuergefechte hinter mir habe. Pech gehabt, Freunde. Ich atme tief durch. Mir hängt eben immer noch meine katastrophale Landung mit der „Clarke“ nach. Sie haben mich einfach auf dem falschen Fuß erwischt.

Wenige Minuten später setze ich meinen Weg nach Microtech fort. Die Administration von New Babbage hat die Tore endlich auch für kleine Krauter wie mich geöffnet. Ich bleibe aufmerksam in meiner Super Hornet sitzen, vielleicht folgt noch ein zweiter Piratenangriff. Doch es bleibt auf dem Rest der Flugstrecke ruhig. Ich muss an die „Clarke“ denken. Sie steckt immer noch in der Reparatur. Ich ermahne mich erneut, beim nächsten Mal besser aufzupassen. Schließlich schwebe ich über dem Eisplaneten, tauche in die Atmosphäre ein. Wie immer ist es ein fantastischer Anblick, als ich durch die dicken Wolken stoße. Dann kommt die gefrorene Stadt in Sicht. Ich drehe eine kleine Runde, steuere dann das Landeterminal an, das in ein riesiges Bergmassiv gehauen wurde.

Nach der Landung bringt mich der Aufzug aus dem Hangar hinauf auf ein Observationsdeck von dem aus man in der Ferne die Stadt sieht. Alles wirkt nüchtern, steril, keimfrei. Passend zum Planeten. Nicht der kleinste Schmutz oder die geringste Abnutzung ist zu sehen. Dafür lauter wohlgekleidete Menschen. Ein freundliches Hologramm erklärt mir – dem Neuankömmling – alles, was ich wissen muss. Infos über die Stadt oder den Planeten. Ich stromere erst einmal nur im Raumhafen umher. Unterkühlte, um nicht zu sagen kalte Farben dominieren, in den weitläufigen Räumen verlieren sich die Stimmen.  Das soll offenbar Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Ich selbst bin froh, auch mal wieder solo unterwegs zu sein.

Mir scheint, sie haben mit fehlgeschlagenem Terraforming den halben Planeten ruiniert, nun wollen sie auf diese Weise ihr Gewissen beruhigen. Doch irgendwie fühlt es sich unecht an. Dazu passt, dass über den Blumen Holovögel fliegen, auf Schildern steht, wie sehr sich Microtech um die Umwelt bemüht und dass sie besonders widerstandsfähige Pflanzen züchten. Diese wachsen aber nur in Kübeln.

Ich laufe zur Hyperloop-Bahn, die mich ins Stadtzentrum bringt. Durch eine Röhre geht es im Affenzahn zur Stadt. Links und rechts fliegt mal die Landschaft vorbei, dann wieder Lichter, die fast eine psychedelische Wirkung entfalten. Schließlich hält die Bahn an. Ich laufe die Treppen hinauf – und lande mitten auf einem Sportplatz. Ich traue meinen Augen kaum. Vor mir lauter junge Menschen, die Pilates auf Matten treiben. Plötzlich werde ich fast umgerannt. Um mich herum wird gejoggt! Während draußen das Leben im Eishauch erstarrt ist, wird hier drin bei Wohlfühltemperatur trainiert. Natürlich darf ein paar Meter weiter die obligatorische Kletterwand nicht fehlen.

Hinter der Wand geht’s gleich im selben Stil weiter – es folgt die örtliche Diskothek mit Neonlicht, Laserstrahlen und wummernder Musik auf mehreren Tanzfloors. Ich muss laut auflachen: Der Inneneinrichter hat wohl zu viel alte Serien geguckt. Fehlt nur noch, dass Sonny Crockett und Rico Tubbs um die Ecke marschieren und in einem Mordfall ermitteln. Noch ist wenig los. Ist ja auch noch früh am Abend. Wahrscheinlich steppt hier erst später der Bär. Ich laufe  erstmal rüber zu „Whammer’s“, ziehe mir einen Burger rein. Danach schlendere ich durch die riesige Diskothek. Schön gemacht ist es schon, das muss man sagen. Ein riesiger Eisblock schmilzt langsam vor sich hin, erzeugt dabei ein farbenfrohes Lichtspiel, überhaupt ist alles aufeinander abgestimmt. Ich könnte auch mal wieder richtig abhotten, denke ich. Habe schon seit Ewigkeiten nicht mehr das Tanzbein geschwungen.

Alles ist in einen Glasdome gebaut, über mir ist das Sternenzelt zum Greifen nah – Versprechen und Verlockung einerseits, Gefahr und Einsamkeit andererseits. Ich laufe einmal quer durch die Disco, es gibt sogar einen angeschlossenen Klamottenladen, Aparelli, damit man sich passend zum angesagten Sound einkleiden kann. Doch natürlich steckt auch hinter dieser Wohlfühloase knallhartes Business. Und dieses ist auf der anderen Seite der langen Mall zu finden. Alle namhaften Waffenhersteller haben dort ihre Dependence. Ich laufe sie einmal ab, ohne etwas zu kaufen. Derzeit bin ich gut ausgerüstet. Der Tag neigt sich dem Ende zu und ich fahre mit dem Hyper-Loop zum Aspire Grand, dem großen Hotel von New Babbage. Endlich mal kein stickiger EZ Hub, keine Metall-Kiste, in der man sich begraben fühlt. Endlich mal ein richtiges Bett. Wann habe ich zum letzten Mal in einem geschlafen? Es dürfte mittlerweile rund 700 Jahre her sein.

Auf dem Rückweg zur Bahn fällt mein Blick schließlich auf eine große Werbetafel. Ich muss zweimal hinsehen, denn ich glaube meinen Augen nicht zu trauen – Hawk hat einen Doppelgänger. „Ten at Ten“ steht darüber. Ein Quiz. Ich rufe Hawk an. „Hey, schon mal was von Ten at Ten gehört?“, frage ich. „Der Typ, der das moderiert, sieht genauso aus wie du. Irgendein Ratespiel.“ Stillschweigen am anderen Ende. Schließlich erwidert Hawk: „Das bin ich.“ Ich verschlucke mich fast. „Waaas?“, stottere ich.  „Geld verdienen“, sagt Hawk. „Du weißt ja, ich habe ein paar Schulden. “ Mir bleibt die Spucke weg. „…aber dein Job auf der Clarke…“ Hawk winkt ab. „Bleibt alles wie gehabt. Ist nur ein Nebenjob. Die Clarke ist außerdem wieder startklar, Captain.“  Wenigstes etwas. „Die suchen hier übrigens für die Fragen noch Autoren.“ „Soweit kommt’s noch“, erwidere ich, schalte ab und lache mich scheckig.   

Journal-Eintrag 03/05/2950

War ein bisschen aufgeregt, würde ich sagen. Kein Wunder, wenn Dir 180 Milliarden Menschen überall im Verse zuschauen und an Deinen Lippen hängen. Wieviele Alienrassen gibt es im Verse? Klar, fünf. Das weiß doch jeder, der schon mal ein Geschichtsbuch in der Hand hatte. Umso verwunderlicher ist, dass diese Frage viele falsch beantwortet haben. Wenn man den eigenen kleinen Felsen nie verlässt, bekommt man eben nicht viel mit vom Rest des Verse. Oder was ist der beste Whisky im Verse?  Radegast. Warum wundert es mich nicht, dass die meisten das wiederum gewusst haben? Nee, hat Hawky gut gemacht als Quizmaster. Ich sehe es schon als Running-Gag an Bord der „Clarke“: „Captain, ich hab’ da mal `ne Frage…“ Werde ihn dann irgendwann wohl oder übel aus der Luftschleuse schmeißen müssen. Nein, ist natürlich nur ein Jux. Außerdem hat die “Clarke” keine Luftschleuse.   

__________________________________________________________________

Journal-Eintrag 04/05/2950

Es ist ein Schiff, das aussieht, als würde es sich von oben wie ein Geier auf seine Beute stürzen. Keine Frage: Die Esperia Prowler hat etwas Faszinierendes und Furchteinflößendes gleichermaßen. Vielleicht ist sie jetzt nicht die Schönste im Stall, aber das muss ein Dropship ja auch nicht sein. Es muss seinen Zweck erfüllen, gleichzeitig Angst und Schrecken erzeugen. Im besten Fall sind es ein paar Marines, die aus ihrem Bauch zur Rettung herausspringen, im schlimmsten Fall ist es eine Horde Piraten, um Unheil zu stiften.

Wir sind weder noch. Jabea zieht das Schiff über dem Raumhafen von New Babbage in die Höhe. Der ungewöhnliche Sound des Schiffes passt zum Angst einflößenden Design, ein tiefes Brummen, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es ist ein Schiff der Alienrasse Tevarin, die zweimal gegen die Menschen Krieg führte und zweimal verlor, modifiziert für den menschlichen Einsatz. Wir sind zu viert unterwegs – Peter Dark, Hawk, Jabea und ich. Wir fliegen hinüber zum Mond Clio, um dort in Ruhe eine kleine Runde mit dem Schiff zu drehen. Dark hatte das Schiff zur Verfügung gestellt.

Das vogelartige Design setzt sich auch im Innern fort: Das Schiff wirkt wie ein Nest – alles besteht aus Streben und Querverbindungen. Gemütlich ist anders. Aber es ist ja auch kein Schiff, um sich auszuruhen. Unterwegs öffnen wir mal die Luken, durch die man dann später im echten Einsatz springt. Der Ausblick: Er ist hieraus jedenfalls phantastisch. Der im Sonnenlicht grünlich schimmernde Mond Clio kommt so jedenfalls besonders gut zur Geltung – als würde über dem ganzen Mond ein Nordlicht schweben. Das passt – denn im Quantumjump erzeugt die Prowler ebenfalls ein ganz eigenes, andersartiges Quantumfeld. Wie bei der Banu Defender frage ich mich, wann ich endlich mal ein echtes Alien leibhaftig zu sehen bekomme. So wirken die Schiffe nur wir Relikte aus einer vergangenen Zeit. Wie geheimnisvolle Grüße aus einer verborgenen Welt.

__________________________________________________________________

Im Gefängnis

Als ich wieder zu mir komme, nehme ich als erstes die ungewohnten Geräusche wahr. Alarmsirenen im Hintergrund, lautes Gebrüll im Befehlston, den monotonen Krach von riesigen Lüftern, die Luft umwälzen. Ich trage immer noch meinen Helm. Offenbar hat es mich doch nicht so schwer erwischt. Eben habe ich noch am Knüppel meiner Superhornet gesessen und habe wie ein Löwe gegen zwei Cutless gekämpft. Eine nach der anderen war schließlich explodiert, dann waren wir ausgestiegen und zur Caterpillar rübergeschwebt. Es galt, Geiseln zu befreien. Ich war soeben im Begriff das Schiff zu entern…ab da weiß ich nichts mehr.  

Mir brummt der Schädel. Ich kneife mit den Augen, blicke an mir herunter und schrecke hoch – das ist nicht mehr mein Anzug. Mir wird klar, was das für Geräusche sind und mir wird schlagartig bewusst: Ich bin im Gefängnis. Im Klescher-Knast. Ich hatte davon schon gehört. Eine gefürchtete Rehabilitations-Einrichtung unter dem Mond von Aberdeen. Ich richte mich auf, klettere aus der kleinen Gefängnis-Box und blicke als Nächstes in eine große Halle hinab. Dort sehe ich lauter Gefangene auf- und abmarschieren. Im Helm knistert es: Jabea. Sie wurde offenbar ebenfalls geschnappt, wie auch ein Kerl mit dem niedlichen Namen A-Hoernchen, der mit uns unterwegs war. Ich grinse in meinen Helm: Ein großer Mann mit so einem Rufnamen – na ja, warum nicht? Hawk hingegen ist verschwunden.

Ich laufe die Treppen hinab und gehe hinüber zu Jabea. „Neun Tage“, sagt sie fassungslos und zeigt auf einen verkratzten Touchscreen. Ich nicke wortlos und lasse mir ebenfalls anzeigen, wie lange ich hier bleiben muss. „Inmate 3657. Ein Tag und 15 Stunden“, lese ich ab. Einen Namen habe ich nicht mehr. Ich schüttele den Kopf. „Was ist schief gelaufen?“, frage ich Jabea. Sie zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wir wurden plötzlich beschossen, aber es kam nicht aus der Caterpillar. Wir müssen jemanden übersehen haben.“

„Vielleicht war es eine Falle?“, mutmaße ich. Später werden wir herausfinden müssen, was wirklich passiert ist. Jetzt aber gilt es erst einmal, die kommenden Tage im Knast zu überleben. Wie es scheint, hat die Einrichtung schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Alles wirkt runtergerockt, nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik. Nun gibt es drei Möglichkeiten – seine Zeit einfach abzusitzen, in den tiefen Minen mit einem Pyro Multitool irgendwelches Gestein abzubauen, den Laden so am Laufen zu halten und seine Knastdauer so zu verkürzen – oder einen Fluchtversuch zu wagen. Ich beschließe, mich zunächst einmal umzusehen. Ich laufe tief in die Stollen hinein, mir scheint, mittlerweile wurde der halbe Mond durchwühlt, ein Zeichen dafür, wie viele hier schon Strafarbeit  geleistet haben. Von den Wänden hallen meine Schritte wider. Es ist einsam und alles andere als ein schöner Ort. Kaum zu glauben: Eben war ich noch auf Microtech, auf der Sonnenseite des Lebens, jetzt zähle ich plötzlich zum Abschaum des Verse. So schnell kann es gehen.

Ich lasse das Pyro Multitool stecken, denke gar nicht daran, mit meiner Arbeitskraft auch noch dafür zu bezahlen, dass ich nichts getan habe. Ist nicht jeder im Knast eigentlich unschuldig? Schließlich kehre ich zur Haupthalle zurück. „Lass uns von hier abhauen“, flüstert mir Jabea plötzlich zu. „Du bist hier ja schnell wieder raus, aber ich…“ Drei Crimestats habe ich auf der Uhr, vier hat Jabea. Ich nicke ihr zu. „Okay.“ Mittlerweile hat sie einen Fluchtweg entdeckt. Wir nehmen Anlauf und springen über ein Geländer zu einem der riesigen Lüfter. Darin sind ein paar Blätter herausgebrochen. Ich sinniere kurz darüber nach, warum das bisher niemanden aufgefallen ist. Egal. Wir passen den richtigen Moment ab und schlüpfen hindurch, als uns keiner der Wärter sieht. Dahinter folgt ein Gang, schließlich verschluckt uns das tiefe Gestein des Mondes. Mal geht es abwärts, dann wieder aufwärts. Mal klettern wir über riesige, alte Wurzeln, mal quetschen wir uns geduckt durch enge Gänge. Jabea geht voraus. Sie hat eine gute Nase für den richtigen Weg.

Immer wieder müssen wir innehalten und uns orientieren. Immer wieder müssen wir auch tiefe Abgründe mit großen Sprüngen überwinden. Doch nach und nach geht es immer weiter hinauf. Wir glauben schon fast, einen frischen Luftzug zu spüren, als es passiert – ich stürze ab. Ich habe meinen Anlauf falsch bemessen. Ich spüre noch, wie ich hart aufschlage, dann wird es dunkel um mich herum…

…als ich wieder erwache, befinde ich mich erneut in meiner Zelle. Ich rappele mich hoch. Vielleicht hat mich eine Wachmannschaft zurückgeschleppt, vielleicht war es aber auch Jabea. Ja, sie muss es gewesen sein, die Wächter würden wohl kaum den Fluchtweg offen lassen. Ich laufe hinab in die Haupthalle – tatsächlich, da ist sie. „War nicht leicht, dich zu finden und dann auch noch ungesehen zurückzubringen. Du warst ganz schön weggetreten.“ Ich blicke sie an. „Danke“, sage ich. „Noch einen Versuch?“, erwidert sie. Erst zögere ich. Dann aber sage ich: „Klar, warum nicht.“

Erneut machen wir uns auf den Weg. Ich versuche, mir den Weg einzuprägen. Es ist alles andere als leicht. Würden uns nicht immer wieder blaue Pflanzen den Weg weisen, die regelmäßig in den weiter gefassten Höhlen wachsen, ich wäre bald vollkommen verloren. Erneut geht Jabea voraus – und erneut geht’s schief. Diesmal verfehlen wir beide beim Sprung unser Ziel und stürzen ab. Dazu kommt noch, dass sich der Sauerstoff in unseren Flaschen rasend schnell leert. Ein zweites Mal wird mir schwarz vor Augen, ein weiteres Mal finde ich mich in der Zelle wieder. „Ich glaube, ich bin nicht gerade der größte Ausbrecherkönig“, sage ich, nachdem ich mich erneut zu Jabea gesellt habe. „Außerdem ist auch meine Zeit rum. Bist du mir sehr böse, wenn ich dich auf regulärem Weg verlasse?“ Sie legt den Kopf schief. „Iwo“, erwidert sie sarkastisch, „es sind ja nur noch acht Tage.“

Wir winken uns noch einmal kurz zu, dann mache ich mich auf den Weg – nicht ohne Ermahnung des Klescher-Knasts, in Zukunft sauber zu bleiben und ein gesetzestreuer UEE-Bürger zu werden. Klar doch, denke ich – veralbern kann ich mich alleine. Das denke ich aber lieber nur und spreche es nicht laut aus, während ich zum nunmehr freigegebenen Ausgang laufe und mich die Überwachungskamera dabei bis zum letzten Schritt verfolgt. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie Jabea soeben wieder Richtung Lüfter läuft. Ich schätze, es wird nicht lange dauern, bis ich sie in Freiheit wiedersehe. 

Journaleintrag 07/05/2950

Sie hat’s tatsächlich geschafft: Jabea – beim dritten Mal hat es geklappt. Hat sich so sieben Tage Knast erspart. Respekt! Und Hawk ist auch wieder aufgetaucht. Er hat Jabea nach ihrer Flucht auf Aberdeen abgeholt. Jetzt müssen wir noch herausfinden, wer uns verladen hat. Ich selbst bin aktuell auf Everus Harbor im geostationären Orbit über Hurston. Ich habe einen Mordshunger, im Knast gab es ja kaum etwas zu essen. Ich schaue mich um.  Pizza, Burritos, Burger, HotDogs – es ist ein Wunder, dass die Menschen im Verse nicht allesamt längst vollkommen verfettet sind. Wo man hinschaut: Fast Food. Anständiges Essen scheint in der Zukunft nicht gerade angesagt zu sein. Ist aber auch kein Wunder, wenn man immer nur auf dem Sprung ist.

__________________________________________________________________

Journaleintrag 18/05/2950

Wie stumme Zeugen stehen sie immer wieder auf Stühlen und Bänken, starren stur geradeaus und sagen kein Wort. Immer wieder begegnet mir das auf meinen Reisen. Ich frage mich, was das soll  und was dahinter stecken könnte – ein Geheimbund, eine Verschwörung, eine stille Revolte? Aber wogegen? Oder wofür? Gegen die UEE? Gegen Krieg und Geldverschwendung? Für ein besseres Leben? Oder steckt eine Religion dahinter, wie einst bei den Zeugen Jehovas, die früher auf der Erde auf U-Bahnhöfen standen? Sind das Stehhovas? Ich habe schon einmal überlegt, ob ich mich einfach dazustelle. Für irgendetwas wird es schon gut sein.

__________________________________________________________________

Ein kleines “X”

So langsam setzt sich mein Anzug mit Eiskristallen zu. Das Laufen fällt mir zunehmend schwerer. Gegen eisigen Wind kämpfe ich mich zurück zum Ursa Rover. Der Blick hier draußen, vor den Toren von New Babbage – er ist wunderschön, aber eben auch alles andere als lange auszuhalten. Die anderen drei – Jabea, Dark und Hawk  – sitzen im Rover unterdessen im Warmen und warten auf mich. Immer wieder hält Jabea für mich, den Sightseeing-Touristen, an. Dann steige ich aus, damit ich die Stille der Landschaft genießen und bewundern kann. Es ist wahrlich ein Wintermärchen.

Wir sind früh morgens unterwegs, die Sonne geht soeben auf. Idyllischer geht es kaum. Es war höchste Zeit, mal New Babbage von außen und am Boden zu erkunden. Aus der Luft hatte ich es bei meinen Anflügen ja nun schon mehrfach gesehen und am  künstlichen Innenleben habe ich mich satt gesehen. Hier draußen, wo die Natur die Natur sein darf – ja ich weiß, das Planet hat seine Winterstarre einem fehlgeschlagenen Experiment zu verdanken – da fühlt es sich dennoch irgendwie richtiger an.

Wir fahren um die Gebäude herum, ich staune über die kalte Architektur, die so gar nicht zur sonst eher weichen Landschaft passen will. Gleichzeitig hat dieser Gegensatz aber auch etwas Faszinierendes. Kurzum: Es ist ein schöner, morgendlicher Ausflug, Balsam für die Seele, erst Recht nach unserem Gefängnis-Aufenthalt. Ich blicke in die Runde und spüre, wie sehr ich mich in der Gegenwart der anderen drei wohl fühle. Ja, seit ich im 29. Jahrhundert angekommen bin, habe ich mich nicht so wohl gefühlt im meiner Haut. Auch wenn es arschkalt ist.

Eine Stunde später.

So langsam wärmen wir uns auf. „Es war schön dort draußen“, sage ich, nachdem ich einen Schluck von meinem heißen Tee genommen habe. Wir sitzen in New Babbage im Aspire Grand in der Lobby. „Aber jetzt reicht es auch erst einmal.“ Ich bin immer noch bis auf die Knochen durchgefroren. Den anderen geht es nicht besser. Ich blicke in die Runde. Hawk – klar. Über ihn weiß ich ja mittlerweile so einiges. Seine verschwundenen Eltern, sein unstetes Leben bisher, guter Ingenieur, gräbt zur Entspannung gern Löcher auf Monden. Ich blicke zu Jabea. Sie hatte sich schnell wieder akklimatisiert, trägt nun Casual-Klamotten. Mein Blick fällt auf eine Kette, die sie um ihren Hals trägt – daran: ein kleines „X“.

„Wofür steht das X?“ frage ich – einfach, um irgendetwas zu fragen, um ein Gespräch in Gang zu bringen. Wir waren ja nun schon gemeinsam für ein paar Stunden im Gefängnis, das war aber der falsche Ort für Smalltalk. Jabeas Blick wird für einen Moment undurchdringlich, als hätte ich tief in ihr etwas zum Klingen gebracht. Dann ist der Moment vorbei uns sie hat sich wieder gefangen. „…das X?“ Sie fasst sich unwillkürlich an den kleinen silbernen Buchstaben.“…nun, darüber möchte ich nicht sprechen.“ Ich hebe die Hände. „Schon gut. Ich wollte nicht…“

 „…kein Problem“, fällt sie mir ins Wort. „Vielleicht irgendwann mal.“ Hawk löst den unangenehmen Moment. Er zeigt auf seinen alten Kompagnon Peter Dark und sagt: „Dark hier, den wir übrigens eigentlich alle Skorpi nennen, war früher mal ein verdammt guter Rennfahrer.“ Ich bin froh, dass Hawk die Initiative übernommen hat. „Na ja, hab teilgenommen. Auf Grimhex“, erwidert dieser. Er ist nicht redseeligste Typ. Sagt eigentlich immer nur dann etwas, wenn es ihm wirklich wichtig erscheint. Hawk blickt ihn an. „Teilgenommen? Sei nicht so bescheiden. Gewonnen hast Du es.“ Skorpi lächelt. „Beeindruckend“, sage ich. „Ein waschechter Rennfahrer.“ Hawk nickt. „Völlig angstfrei. Fliegt dich auch überall hin. Und Jabea und ich haben uns dort auch kennengelernt.“ Jabea nickt ebenfalls.

„Es war ein verdammt gutes Rennen”, ergänzt sie. Wie ich weiter erfahre, war sie genau deshalb auf der alten Bergbaustation, um Skorpi wegen seiner Flugkünste kennenzulernen. Ein eigenes Schiff habe sie damals nicht gehabt, erzählt sie und sie suchte einen guten Piloten. Mittlerweile hat sie aber eine eigene Prospector. Mein Blick fällt unbewusst noch mal auf das „X“ ans Jabeas Kette, dann schaue ich Hawk an. Er zuckt nur leicht mit den Schultern. „Lust auf einen gemeinsamen Ausflug?“, frage ich und blicke auf mein Mobiglas. „Wir sollten dringend mal nach ArcCorp rüber. Dort öffnet in wenigen Stunden die Invictus Messe ihre Tore.“ Alle nicken begeistert. Keiner ahnt unterdessen, wie sehr uns dieses kleine „X“ eines Tages noch beschäftigen wird.

__________________________________________________________________

Die Invictus Week

Als wir auf ArcCorp eintrudeln, ist dort die Hölle los. Alles, was Beine hat, ist unterwegs. Es ist so viel, dass wir uns in der Masse schnell verlieren. Skorpi und Hawk steuern direkt die Messe der „Invictus Woche“ an, wie wir noch übers Mobiglas vereinbaren. Ich suche mir zunächst einmal einen Casaba-Store – ich habe auf Microtech meine Tasche stehen lassen. Und im schwitzigen Raumanzug über die Messe – das wäre wohl keine gute Idee. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus: Das halbe Verse ist offenbar auf ArcCorp versammelt. Über uns dreht eine Kunstflugstaffel ihre Runden. Alles ist festlich geschmückt, die Stimmung ist großartig – die „Invictus Woche“ nimmt im Herzen der UEE-Bürger offenbar einen besonderen Platz ein. „Invictus“ – das heißt schließlich „unbesiegt“.

Ich schlendere über ArcCorps Plaza, schaue hier und dort hin. Noch habe ich etwas Zeit. Nachher wollen wir uns wieder am Riker Memorial treffen. Über ArcCorp sollen große Kampfschiffe unterwegs sein – die perfekte Gelegenheit, sie sich mal aus der Nähe anzuschauen. Bisher hatte ich sie im Stanton-System noch nicht gesehen. Es gibt Orte im Verse, an denen sie dringender gebraucht werden. Schließlich wird mir der Trubel aber zu viel und ich laufe Richtung „Off the Record“-Büro. Kaum habe ich die alte, rostige Tür hinter mir geschlossen, erstirbt auch schon der Lärm. Ich atme tief durch und blicke mich um.

Eine klassische Post gibt es im 29. Jahrhundert nicht mehr – rund 90 Prozent der Kommunikation wird über das Mobiglas abgewickelt. Und doch ist ein Umschlag mit einem Manuskript eingetrudelt.  Ein Mann namens Mortal Mando will von einem Ausbruchsversuch aus dem Klescher Gefängnis berichten. Ich überfliege den Text und bin begeistert. Gut geschrieben, es ist die nächste Story für „Off the Record.“ Ich schaue mich in meinem Büro um. Es ist nett, eine feste Redaktionsstube zu haben – aber mir wird klar: Allzu viel Zeit werde ich hier wohl nie verbringen. Ein echter Reporter gehört eben auf die Straße. Beziehungsweise im 29. Jahrhundert zwischen die Sterne. Dahin, wohin das Leben tobt.

Wie zur Bestätigung kommt Hawks Anruf übers Mobiglas rein. „Wir machen uns jetzt auf den Weg. Treffen uns am Riker.“ Ich nicke, schaue mich noch einmal kurz um, sperre wieder hinter mir ab und mache mich auf den Weg. Die Redaktion – sie ist nach gut zwei Monaten gut angelaufen. Kleines Büro, standesgemäßes Schiff, Geschichten auf der Straße und große Geheimnisse – alles da, was man braucht für ein erfülltes Reporterleben.

Sobald ich wieder draußen bin, umfängt mich erneut der Lärm der „Invictus Woche“. Ich kämpfe mich durch die Menschenmassen, kehre zum Spaceport zurück. Hawk hat mittlerweile seine Constellation Aquila in den Hangar gerufen. „Wir können gleich los“, sagt er. „Skorpi ist noch etwas dazwischengekommen.“ Ich nicke. Das passiert im Verse ständig – etwas kommt immer dazwischen. Ein paar Minuten später steuert Hawk die Conny geschickt in den Orbit nach Baijini Point.  Schon von Ferne sehen wir schließlich Feuerwerk. „Hier sind wir richtig“, sage ich. In den vergangenen Wochen waren an die Orbital-Stationen über ArcCorp, Microtech und Hurston große Anleger montiert worden, an die die Kapitalschiffe nun andocken können. Ich schaue in das Programmheft der „Invictus Woche“ – eine Javelin und zwei Idris, allesamt Schiffe von Hersteller Aegis, werden zur Feier über eine Woche das Stanton-System patrouillieren. Sie fliegen von Planet zu Planet.

Das Feuerwerk sieht nett aus, könnte aber besser sein. „Ein bisschen lahm“, sagt Hawk. Nun ja, meine Ansprüche sind da wohl bescheidener. „Ich gehe mal raus“, sage ich, ziehe mir meinen Raumanzug an und schwebe ein paar Minuten später dem Feuerwerk entgegen. Es ist immer wieder ein absolutes Hochgefühl, losgelöst von allem im Nichts zu schweben. Nun warten wir auf die Schiffe. „Gibt’s keinen Zeitplan, wann sie hier eintreffen?“, fragt Hawk schließlich. „Nein“, antworte ich. „Also, ich lande jetzt und gehe einen Kaffee trinken.“ „Ok“, erwidere ich und sehe wie die Conny abdreht. Nun bin ich ganz allein und beschließe, so lange im All zu warten, bis die Schiffe auftauchen. Als ich im 22. Jahrhundert aus meinem Leben gerissen wurde, da waren solche Schiffe noch die Tagträume von Raumschiff-Konstrukteuren. Nun sind sie Realität.

Schließlich nimmt das Feuerwerk an Intensität zu und in der Ferne tauchen sie auf – erst die beiden Idris, dann die Javelin. Und werden größer. Und größer. Schließlich ziehen sie auf Tuchfühlung direkt an mir vorbei und docken an der Station an. Sie sind wahrlich gigantisch, ihre Waffen riesig. Nichts, womit man sich anlegen möchte. Später werde ich nachlesen: Auf einer Idris tun in der Regel 28 Marines Dienst, auf einer Javelin 80 Marines. Eine Idris ist über 240 Meter lang, eine Javelin sogar 480 Meter. Ich schwebe um die Schiffe herum, mache viele Bilder. Dann legen sie auch schon wieder ab, um ihren Rundflug fortzusetzen. Ich lande auf der Plattform, suche Hawk. Doch nachdem ich ihn nicht finde, haue ich mich erstmal in einem kurz gemieteten EZ Hub hin. Energie tanken – ich will heute Nachmittag unbedingt noch auf die Messe.

Drei Stunden später.

Ich wache frisch auf und habe sofort Skorpi im Ohr. „…wir könnten ja auf einer Cutlass Blue runter nach ArcCorp.“ Ich strecke mich. „Bin dabei“, werfe ich ein. Ich rappele mich auf und laufe zu den Terminals. Dort warten schon Jabea und Skorpi. „Hawk?“, frage ich. „Nicht da. Wird schon noch kommen. Wir können ja auch ohne ihn erstmal starten.“ Skorpi lässt sich eine Cutless Blue in den Hangar stellen, Jabea fliegt mit ihrer Titan. Die „Blue“, wie alle nur sagen, ist eigentlich ein Polizeischiff, ausgestattet mit kleinen Gefängniszellen, die aber eher wie Kryokapseln aussehen und in mir unangenehme Erinnerungen wachrufen.

Der Anflug verläuft unproblematisch, besonders schön anzuschauen ist aus der Luft das Bevic Convention-Center. Es leuchtet hell und sticht aus den Wolkenkratzern hervor  – an ihrem wichtigsten Tag überlässt die UEE nichts zu dem Zufall. Skorpi landet und wir marschieren zu dritt zur Bahn. Kaum hat sie am Convention-Center gestoppt, werden wir militärisch begrüßt, wenn auch nur durch einen überdimensionalen stramm stehenden Holo-Soldaten. Auf der Messe selbst dann: die perfekte UEE-Werbeveranstaltung. Dienst am Gemeinwesen, Kameradschaft, Abenteuer. Die Texte ehemaliger Rekruten sprechen von Stolz, Treue und Pflichterfüllung. Es ist beeindruckend, das muss man schon sagen – ein wenig befremdlich ist es aber auch: Krieg ist schließlich keine schöne Sache. Während ich von Stand zu Stand schlendere, überlege ich mir, dass ich darüber in meiner Eigenschaft als „Off the Record“-Chefredakteur einen Bericht verfassen werde.

Schließlich taucht auch Hawk auf. „Ausgeschlafen?“, fragt er mich. Ihm ist wohl aufgefallen, dass ich des Öfteren etwas müde wirke. „Geht so“, antworte ich und strecke mich. Dann laufen wir zu viert gemeinsam über die Messe. Die letzte zivile Messe ist gerade erst einmal ein halbes Jahr her, nun also eine militärische. Heute stellen gleich drei Hersteller aus: RSI, Origin und Tumbril. Das war mir bisher gar nicht bewusst, aber das Militär greift zu einem großen Teil auf zivile Schiffe zurück. Die Constellation Taurus etwa, so ist auf einer Standtafel zu lesen, wird vom UEE als kleines Frachtschiff eingesetzt. Klar, Militär und ziviles Leben – das hat sich schon immer gegenseitig beeinflusst und gestützt. Von der Retaliator, früher das Machtinstrument der Messer-Dynastie, gibt es heute ja auch eine zivile Variante.    

Wir laufen eine Weile über die Messe. Besonders martialisch sieht ein Fahrzeug mit dem namen Ballista von Hersteller Anvil aus, das offenbar Raketen abschießen und Raumschiffe vom Himmel holen kann. Schließlich reicht es uns. Als Chefredakteur werde ich die kommenden Tage noch ein wenig auf Stimmenfang gehen, die anderen Hersteller besuchen. Ich zücke mein Pad und beginne mir Notizen zu machen. Eine Frage geht mir dabei die ganze Zeit im Kopf herum: Werde ich, obwohl schon im fortgeschrittenen Alter, selbst auch noch dienen, wenn ich gerufen werde?  

Journaleintrag 25/05/2950

Militärparaden als Demonstrationen der Stärke einer Gemeinschaft gibt es schon immer. Das „Invictus Fest“ gibt es auch schon seit fast 400 Jahren. Ja, ich kann verstehen, dass sich das Militär ab zu selbst feiert. Als eine Art Selbstvergewisserung. Ich kann mich aber nicht des Eindrucks erwehren, dass man es damit ganz schön übertreibt. Zuviel Nabelschau kann sich auch ins Gegenteil verkehren. Oder will uns die „Invictus Woche“ vielleicht auf dramatische Zeiten einstellen? Droht schon in näherer Zukunft ein größerer Konflikt mit den Vanduul? Offizielle Verlautbarungen gibt es nicht – aber irgendwie habe ich da so ein mieses Gefühl…

__________________________________________________________________

Journaleintrag 04/06/2950

Keine große offizielle Bewerbung, kein Durchleuchten meiner Person, keine Nachfragen – so einfach kann es auch gehen. Gut, wir kennen uns jetzt ja auch schon eine Weile. Mehr noch: Er ist der Chefingenieur der „Arthur C. Clarke“ – dennoch: Nach zwei Erfahrungen, in denen ich auf Herz und Nieren gecheckt wurde, bin ich nun auf recht undramatische Weise neues Mitglied bei „Night Industries“ geworden. Chef: Jack Hawk. Ich habe mir einfach gedacht, dass ganz so heimatlos auf Dauer dann vielleicht doch nicht so schön ist. Außerdem kann ich Hawk so besser darin unterstützen, seine Eltern zu finden. Wir werden noch viele Dinge gemeinsam erleben im Verse – da kann eine gewisse, innere Verbundenheit nicht schaden. Kurzum: Ich bin wieder in einer Orga, ein kleiner Laden mit gerade einmal elf Mitgliedern. Neue Heimat im Verse: „Night Industries Inc.“

__________________________________________________________________

Heiße Chips

Hoch über den vereisten Hochhausschluchten von New Babbage, auf dem Dach des Aspire Hotels, herrschen minus 90 Grad Außentemperatur – und der Herr kommt im feinen Zwirn. Glatt gekämmtes Haar, Lackschuhe, selbstsicheres Lächeln. „Guten Tag, ich komme in Vertretung für meinen Kollegen aus der PR-Abteilung, mit dem Sie eigentlich verabredet sind. Er ist leider unpässlich. Mein Name ist Thane McMarshall. Ich bin der stellvertretende Leiter der Abteilung für Sicherheit und Schadensregulierung bei Microtech.“ Mir fällt in meinem Helm die Kinnlade herunter. Mein gesamter Plan löst sich in diesem Moment in Luft auf. Mein Gegenüber mustert mich kurz, dann fährt er fort: „Es geht sofort los. Wir werden mit dem Tochterschiff einer Carrack abgeholt, steigen dann um, fliegen nach Daymar, wo wir unser Interview führen können. Haben Sie das Vorbriefing erhalten?“

Ich nicke fassungslos – das hatte ich. Und ich hatte mir genau überlegt, wie ich den Konzern an die Wand nageln wollte. Noch habe ich keine Ahnung, wie sehr mich der nett lächelnde Herr ins Nichts laufen lassen wird. Ich rufe mir die Einladung in Erinnerung. Darin hatten ein paar Detailinfos zum Vorfall und ein paar Verhaltensregeln während des Einsatzes gestanden und dass mir der „3rd Executive Assistant“ von Microtech für ein Interview zur Verfügung stehen würde. „3rd Assistant“ – das klang nach dritter Garde. Ich hatte mir genau vorgestellt, wie bei denen das Pressebriefing ausgesehen haben dürfte: Wir nehmen zur Abwechslung mal keine von den großen Newsorgs mit, sondern einen Neuling. “Off the Record” oder so ähnlich. Das ist preiswerte PR für uns bei wenig Aufwand. Ich hatte den Zuschlag so schnell erhalten – verdammt, ich hätte misstrauisch werden müssen.

Die Suppe will ich ihnen jedenfalls gründlich versalzen. Kaum an Bord der Carrack geht mir die gespielte Freundlichkeit schnell auf die Nerven. „Wollen Sie etwas trinken? Ist der Ausblick aus dem Fenster nicht schön? Waren Sie schon einmal auf einer Carrack?“ Ich verneine, bejahe, sage, dass ich als Chefredakteur von „Off the Record“ selbst Eigner einer Carrack bin und gehe schließlich in die Offensive. „Ich habe letztens in einer Bar bei meinem Sitznachbarn ein paar Seiten auf dem Mobiglas gesehen, die ich noch nie zuvor auf einem anderen gesehen habe“, sage ich unvermittelt. McMarshall zuckt keine Sekunde. „Ja, das kann schon mal sein. Wir haben immer wieder mal Prototypen im Feld.“ Ich stöhne innerlich. Das kann ja heiter werden.

Weniger heiter sind indes die Umstände, wegen denen wir überhaupt unterwegs sind. Der Konzern Microtech hat eine Caterpillar verloren, beladen mit technologisch höchst wertvollen Chips, die nun offenbar in Piratenhand gefallen sind. Mehr noch: Bei der Explosion des Schiffes ist auch die Station Spacehub Gundo über Daymar zerstört worden. Der Versicherungsmann soll nun klären, was genau passiert ist und die Chips wenn möglich wiederbeschaffen. Als Reporter soll ich den Einsatz für die Öffentlichkeit begleiten. So heißt es zumindest offiziell in der Einladung.

Vorher  landen wird jedoch auf Daymar, um dort in Ruhe das Interview zu führen. Es wird, wie befürchtet, zur Farce. McMarshall, ein junger Mann, pariert jede Frage gekonnt. Mittlerweile glaube ich auch nicht mehr, dass er in der Schadensregulierung arbeitet. Er ist der eigentliche PR-Mann, denke ich mir insgeheim. Gut, muss ich ihn halt anders zu fassen kriegen. Nach dem Interview und ein wenig Smalltalk bei gefrorenem Lächeln, geht es schließlich weiter zum Spacehub. Zur Besichtigung steigen wir gemeinsam aus, abgesichert durch ein externes Team, das Microtech für den Einsatz extra angeheuert hat – den „Helldivern”, einer Rettungs- und Personenschutz-Truppe.

Wir schweben durch die Ruine, als wir draußen Schüsse hören. Rabbit, der „Helldiver“-Mann, der sowohl mich als auch McMarshall beschützen soll, beordert uns sofort zurück aufs Schiff. „Zahlt Microtech so einen Schaden eigentlich aus der Portokasse?“, frage ich so nebenbei, als sei mir die Frage eben erst eingefallen. Der Microtech-Manager hatte kurz zuvor schließlich mit ein paar dürren Worten, darunter keines der Bedauerung, befunden, dass die Station eigentlich nur noch Schrott sei. Ich bilde mir ein, dass McMarshall kurzzeitig schwerer atmet, dann aber antwortet er im gleichen Singsang wie zuvor: „Das werden wir zusammen mit Covalex erörtern, dann wird sich die entsprechende Abteilung um die Kosten kümmern.“ Aha. Dass die „Helldiver“ unterdessen in Kämpfe verwickelt werden, scheint ihn indes nicht zu stören. Während wir zurückschweben, erfahre ich, dass er seinen Dienst bei  der UEE Navy abgeleistet hat.  Auch hier täuscht die Fassade.

Allein: Chips findet McMarshall auf der Station nicht – wie auch: Mittlerweile dürften hier tausende Glücksritter durchgekommen sein. Schließlich werden wir angefunkt. Es sind die Piraten, die unseren Besuch bereits erwartet hatten. Wären wir interessiert an den Chips, sollten wir nach Grimhex kommen, heißt es. Dort würde man uns in der Bar erwarten. Es obliegt McMarshall, was er tun möchte, er entscheidet sich für ein Treffen. „Unser Konzernchef Jeff Alfonz möchte die Chips auf jeden Fall wieder in Sicherheit wissen“, sagt er. Ich erfahre: „Black Project“, ein aufstrebendes kriminelles Syndikat, hat die Chips in die Finger bekommen. 

Einen Quantumsprung später. Der Anflug zwischen den Felsen über Yela ist spektakulär, McMarshall scheint die Ruhe selbst, die Helldiver haben die Finger am Abzug – und ich, ich bin empört, weil  mir McMarshall nun mit freundlichster Attitüde plötzlich anbietet, mich doch mal in Ruhe unter Geleitschutz auf der Station umzusehen, während er mit den Piraten verhandelt. Ich kann kaum an mich halten. „Sie machen als vermeintlicher Saubermann von Microtech mit den Piraten vielleicht einen schmutzigen Deal, während ich Sightseeing betreibe?“ Ein aalglatter PR-Profi, ein nichtssagendes Interview und wenn’s spannend wird, soll ich aufs Nebengleis – ich fühle mich an der Ehre gepackt. Ich gebe zu: Ich pokere hoch. Er hat für den Einsatz die Verfügungsgewalt auf dem Schiff der „Helldiver“ und ich rechne fest damit, dass er mich nun von Bord wirft – doch dann sagt er zu meiner Überraschung: „Gut, ich stelle es Ihnen frei.“ Natürlich gehe ich mit.

Auf dem Weg in die Bar, weiterhin professionell abgesichert durch die „Helldiver“, steuern wir kurz ein Geschäft an. McMarshall hat plötzlich Durst. Nachdem er die Flasche abgesetzt hat, entfährt ihm: „Das setze ich von den Spesen ab.“ Ich schaue auf die Auslage: Drei lumpige Credits hat das Getränk gekostet. Dem Reporter, der nur zu gern sehen würde, wie dem Herrn auch mal die Maske von Gesicht fällt und dass er sich für seinen Konzern der Verantwortung stellt, platzt der Kragen: „..aber sonst ist Ihnen nichts peinlich?!“ Mir ist unverständlich, wie man so im Geld schwimmen, gleichzeitig aber so abgebrüht sein kann, wenn es um den Wiederaufbau einer Station geht, für deren Zerstörung man zumindest teilverantwortlich ist. Ich ernte einen irritierten Blick, dann löst „Helldiver“-Sicherheitsmann Rabbit die Spannung: Die Piraten wollen mit uns sprechen.

Das Treffen findet in der Bar statt. Der Pirat legt einen Chip auf den Tisch.  McMarshall nickt und was nun folgt, ist ein Kräftemessen zwischen dem Wort führenden Outlaw und dem Microtech-Mann. Wo trifft man sich für die Übergabe Credits gegen Chips? Wer soll dabei sein? Wer sichert wen ab? Die „Helldiver“ stehen direkt vor mir, ihre Blicke scannen unablässig den Raum. Immer wieder ziehen sich McMarshall und Kjeld Stormanson, McMarshalls persönlicher Sicherheitsmann, für kurze Beratungen zurück. Es folgt ein Gespräch unter vier Augen, dann heißt es: Levski. Ich sinniere unterdessen über die vertrackte Situation. Wer kann was gewinnen, wer kann was verlieren?

Nun, die Piraten haben aktuell die Chips, die für sie aber im Grunde wertlos sind, solange sie keinen Hacker finden, der ihre Verschlüsselung knackt. Platzt der Deal, nehmen sie vielleicht einfach den hochrangigen Microtech-Mitarbeiter als Geisel und gehen aufs Lösegeld. Für Microtech gilt: So sehr, wie sie die Chips wiederhaben wollen, könnte da noch etwas anderes hinter stecken. Vielleicht eine geheime Technologie, die weit über das hinausgeht, was Microtech offiziell verlautbart. Vielleicht ein Milliarden-Seller.

Schließlich berät sich McMarshall auch mit den „Helldivers“. Rabbit, der für McMarshalls Unversehrtheit haftet, warnt vor einem Treffen in kleiner Runde. „Für Ihre Sicherheit kann ich dann nicht garantieren“, sagt er. Auch McMarshall äußert Bedenken. Zum ersten Mal klingt er besorgt: „Die Motivationen sind unklar.“ Und: “Ich sollte besser bezahlt werden.” Im Vorfeld hatte es Drohungen gegen Microtech gegeben – Drohungen, die nun auch McMarshall gelten könnten. Gleichwohl entscheidet er sich für ein Treffen. „Alfonz will die Chips unbedingt zurück.“ 

Levski, Delamar – die Carrack schwebt über dem Planetoiden, als das Feuerwerk auch schon beginnt. Die Piraten hatten offenbar einen Hinterhalt geplant. Da die „Helldiver“ die Gegend aber zuvor aufklärten, tappen wir nicht in die aufgestellte Falle hinein. McMarshall beobachtet, wie seine Chips mit den Schiffen der Piraten in Flammen aufgehen, doch genau wissen tut er es nicht. Schließlich sagt er: „Mir wäre lieber gewesen, wir hätten sie gesichert. Dann wüssten wir nun, woran wir sind.“ Zum ersten Mal sehe ich seine Selbstsicherheit schwinden. Klar, mit leeren Händen seinem Chef gegenübertreten zu müssen, ist nicht der beste Ausgang. Ich glaube nicht, dass sich Alfonz mit ein paar launigen Ausreden zufrieden gibt. „Off the Record“ bleibt in jedem Falle dran. Irgendwann werden sie die Hosen herunterlassen müssen.

Journal-Eintrag 08/06/2950

Nicht zu fassen. Da bügelt mich der PR-Mann ab wie einen Schuljungen. Eines ist mal klar: Auch im 29. Jahrhundert weiß man, wie man sich aus der Affäre zieht. Ich würde sagen, sie haben sogar noch ein paar Dinge dazugelernt. Klar, wenn man in wichtiger Position bei einer MegaCorp arbeitet, dann sollte man schon etwas auf dem Kasten haben. McMarshall aber hat mich regelrecht abgekocht. Vielleicht bin ich aber noch nicht wieder ganz so fit, wie ich früher einmal war. Ich wette, hinter den verschwundenen Chips steckt mehr. Wegen eines verschwundenen Koffers macht man doch nicht so einen Aufstand. Man macht ein Software-Update, die Chips so unbrauchbar, und gut ist.

__________________________________________________________________

Zero Sense

Höchste Zeit, mal wieder ein wenig Geld zu verdienen. Der Job für „Off the Record“ bringt noch nicht allzu viel ein. Zwar gehen die Leserzahlen nach oben, aber wirklich bezahlen will für handfeste Informationen – zumindest im 29. Jahrhundert – noch immer niemand. Seit Medien elektronisch überall verfügbar wurden, sank ihr Preis. Journalismus – mehr Berufung denn Beruf. Ein Kind, das Ende des 20. Jahrhunderts in den Brunnen gefallen war und seitdem nicht mehr herausgeklettert ist. Klar, als große Newsorg – da hat man Werbeeinnahmen, aber als kleiner Krauter….

… egal, ich rappele mich in meiner Schlafbox auf Grimhex hoch, blicke auf mein Mobiglas und checke die Aufträge. Ein gewisser Mr. Cavendish hat mit Covalex irgendein Problem. Ein Transport ist offenbar schief gelaufen. Für 5000 Credits soll eine Kiste von Spacehub Gundo nach Levski transportiert werden. Schnell verdientes Geld, denke ich. Es sind nur ein paar Meilen. Ja, Spacehub Gundo, das große Rätsel…ich denke an den aalglatten PR-Mann und schüttele den Kopf.

Ich mache mich auf die Socken und jette hinüber nach Gundo. Kaum dort angekommen, traue ich meinen Augen nicht: Hawk und Skorpi sind ebenfalls vor Ort. Das Verse kann manchmal ziemlich klein sein. „Was macht Ihr denn hier?“, frage ich verdattert und Hawk antwortet: „Na, Dich absichern.“ Ich grinse mir eins. Dann schiebt er hinterher: „Wir haben Ihren Bericht gelesen, Captain – und da wollten wir uns doch mal ein eigenes Bild machen. Wir waren gerade in der Gegend. Wir wollten als nächstes ein wenig minern gehen. Müssen nur noch die Schiffe tauschen.“    

Ich erzähle von meinem kleinen Auftrag, dann steige ich aus meinem Schiff aus. Hawk und Skorpi bleiben so lange bei mir, bis alles erledigt ist. Abgesichert durch meine Freunde schwebe ich hinüber zur Station und dann durch die verschiedenen Gänge und Ebenen. Seit ich vor ein paar Tagen hier war, hat sich nichts geändert. Mehr noch: Seit ich weiß, dass eventuell das stets sauber wirkende Microtech hier mit drinhängt, bin noch wütender darüber. Die verloren gegangene Kiste finde ich hingegen nicht, so sehr ich auch suche.

„..das gibt’s doch nicht“, sage ich schließlich über Funk. Normalerweise sind die Covalex-Transportkisten mit Sendern ausgestattet, die sich aktiv schalten, wenn jemand einen Bergungsauftrag übernimmt. Diesmal: nichts. „Seltsam…“, murmele ich, als sich plötzlich Hawk meldet. „Ich habe hier draußen eine Cutless geortet. Schwer zu entdecken, direkt an der Station abgestellt. Sei vorsichtig da drinnen! Du bist vielleicht nicht allein.“ Ich nicke, kehre langsam zum Ausgang zurück. Es ist es nicht wert, für 5000 Credits erschossen zu werden.  

Kaum draußen, werden wir auch schon angefunkt. „Ihr könnt aufhören zu suchen. Ich habe Eure Kiste.“ Ich glaube, meinen Ohren nicht zu trauen. „Moment mal, das ist mein Auftrag“, sage ich, doch der Cutless-Pilot spricht schon weiter. „Hier geht’s um Größeres. Keine Ahnung, was Ihr für Typen seid – aber in der Kiste sind Unterlagen, die Machenschaften belegen, mit denen Shubin Interstellar die freien Völker ausbeutet.“ Ich pruste in meinen Helm. „Waas…? Du hast sie doch nicht alle! Es ist ein lumpiger 5000-Credits-Auftrag.“ Es folgt eine kurze Pause. Dann erwidert der Unbekannte gelassen: „…was ich vor allem habe, ist eine Pistole am Kopf eures Freundes.“

In der Tat ist Skorpi seit ein paar Minuten verdächtig still. Er ist mit einer Freelancer unterwegs. Sein Schiff schwebt leicht entfernt im Raum. Hat der Unbekannte tatsächlich sein Schiff geentert? „Skorpi, alles okay?“, frage ich. Keine Antwort. Ist es ein Bluff, eine Falle? Wir wissen es nicht. „Hör zu, wir sitzen in zwei Hornets, du nur in einer Freelancer, angeblich mit einer Waffe am Kopf unseres Freundes. Was soll das hier werden?“ Skorpi sagt immer noch nichts. Verdammt. „Seid Ihr Piraten?“, fragt der Unbekannte plötzlich. Ich verneine. „UEE-freundlich also…“ Ich verneine erneut. „Was seid Ihr dann?“ Ich grübele kurz. „…neutral würde ich sagen.“ Ich kann mich auch täuschen, aber ich glaube, dass sich die unbekannte Stimme nun ein wenig entspannt. „Wie ist dein Name?“ Die Frage kommt so unvermittelt, dass ich mit meinem richtigen Namen antworte und mich noch im selben Moment dafür ohrfeigen könnte. „John Brubacker.“

Ich höre, wie der Unbekannte abfällig auflacht. „Der John Brubacker, der unlängst diesen unsäglichen Artikel über die Invictus Week geschrieben hat? Dieses scheißfreundliche Geschreibsel über die UEE-Navy?“ Ich bin verdattert und beleidigt in einem. „Moment mal…“ Doch der Unbekannte fährt schon fort: „…das ist ja ein Ding, dass ich ausgerechnet dir über den Weg laufe. Ich war gerade letztens schon vor deiner Redaktion und wollte dir….wie hieß sie gleich…“ Ich falle ihm ins Wort: „Off the Record“, sage ich. Ich spüre, wie Wut in mir hochkocht. Wie kann es der Kerl wagen…? Doch der Unbekannte höhnt schon weiter: „…ja, genau, so war der Name von dem Schmierblatt.“ Mir reicht es: „Die Vanduul greifen uns ständig an, wir müssen uns…ich habe nichts anderes versucht, als…“ Ich verstottere mich, kann förmlich hören, wie der Unbekannte abwinkt. „…ja, ja, schon gut. Schenk’s Dir. Tausendmal gehört. Kommen wir zurück zum Thema.“ Ich brodele innerlich, reiße mich aber zusammen. Skorpi ist schließlich immer noch in seiner Hand.

Schließlich fährt der Unbekannte fort, geschäftlich und fokussiert: „Passt auf, das hier muss nicht schießwütig enden. Knallt einfach die Banu Defender ab, die hier eben eingetrudelt ist und ich will Euch zumindest soweit vertrauen, wie ich auf die UEE ausspucken kann.“ Es ist das erste Mal seit Minuten, dass sich Hawk einschaltet. Er hatte die ganze Zeit die Cutless anvisiert. „Vergiss es! Ich knall doch keinen Unbeteiligten ab, um dein Vertrauen zu gewinnen. Lass sofort unseren Mann frei! Und dann gehen wir besser alle getrennte Wege.“ Zu unserer Überraschung wechselt nun die Tonlage. „ Na gut, Test bestanden, so weit“, sagt der Unbekannte. Folgt mir nach Levski, dann kriegt Ihr die Kiste – nachdem ich dem Herrn Journalisten gezeigt habe, um was es sich dabei wirklich dreht.“ Hawk und ich nicken uns in unseren Hornets zu, auch wenn uns das alles verdammt seltsam vorkommt. Auch Skorpi meldet sich wieder. „Der Kerl hat die Freelancer verlassen“, sagt er. Wir sehen einen Moment lang, wie der Unbekannte zu seiner Cutless schwebt, dann hat er sein Schiff auch schon hochgefahren und ist auf und davon nach Levski.

Einen Moment zögern wir. Levski – dort leben die freien Völker. „Wollen wir hinterher oder lassen wir es einfach?“, frage ich. Ich habe eigentlich kein Bedürfnis, dem Kerl auch noch persönlich zu begegnen. Andererseits: Vielleicht steckt ja wirklich mehr dahinter? Wenn Microtech mit Hurston Dynamics vielleicht gemeinsame Sache macht, warum soll dann nicht auch Shubin Interstellar Dreck am Stecken haben? Dass bei einem Mining-Konzern nicht immer alles sauber abläuft – wer wollte das bestreiten? Schließlich ringe ich mich durch. „Lasst uns den Typen doch mal ansehen. Minern könnt Ihr immer noch. Die Steine laufen nicht weg“, sage ich. Hawk und Skorpi stimmen zu. Der Quantumjump dauert nur wenige Minuten, dann kommt der Planetoid auch schon in Sicht und wir gehen in den Landeanflug. Spacehub Gundo, Levski, Verschwörungstheorie – mir kommt das alles vor wie ein Déjà-vu. Und doch ist es diesmal ein wenig anders.

Die Station in dem alten Bergbauloch sieht aus wie zusammengenagelt, als hätte man alles, was man irgendwie nutzen konnte, verbaut. Über Com hören wir: „Ich bin im Hinterzimmer der Bar. Untere Ebene.“ Mir platzt der Kragen. „Hinterzimmer? Es reicht schon, dass wir in die Höhle des Löwen kommen, wir müssen ja nicht auch noch in dein Maul springen. Komm du uns auch entgegen, wenn wir dir entgegenkommen.“ Es knackt kurz in der Leitung. Auf der alten Station ist die Verbindung nicht die Beste, dann aber sagt der Mann, der sich noch als Zero Sense vorstellt: „In Ordnung. Ich warte auf euch.“ Beim Weg dorthin ist uns nicht sonderlich wohl, auch wenn wir auf Levski einigermaßen sicher sind. Es ist keine Piratenhöhle wie Grimhex. Hier wohnen Menschen, die mit den Statuten der UEE nur wenig anfangen können, sonst aber eher harmlos sind. Keine Outlwas, eher Outsider.

Wir laufen vorbei an rostigem Metall, das aussieht, als würde es jeden Moment nachgeben und als könnte alles von einem Moment auf den nächsten zusammenkrachen, fahren mit Fahrstühlen in die Tiefe, die alles andere als vertrauenswürdig aussehen,  laufen an Gestalten vorbei, die uns anblicken,  als hätten sie noch nie das Tageslicht gesehen. „Heimelig“, sagt Hawk. Ich nicke. „Gemütlich.“ Schließlich erreichen wir den Treffpunkt. Zero Sense steht, flankiert von zwei finster drein blickenden Gestalten wie ein Pate vor einem Gang. Während die anderen noch an Bord ihre Raumanzüge gegen Casual-Klamotten getauscht haben, stehe ich ihm in voller Montur gegenüber, in einer Bar bei Temperaturen wie in einem Dschungel. „Was bist du denn für ein Clown?“, fragt er und mustert mich von oben bis unten. An meinem Helm hat sich eine Schraube verklemmt, ich kann die Rüstung nicht ausziehen, aber eher würde ich mir die Zunge abbeißen, als den Kerl nun nach einem Schraubenschlüssel zu fragen.

Stattdessen frage ich: „Die Kiste?“ Zunächst folgt ein Vortrag über irgendwelche Machenschaften, wie schlimm es um die freien Völker stünde und so weiter – schließlich aber unterbreche ich ihn und sage: „Okay, ich werde es mir ansehen.“ Zero Sense steht auf. „Kommt mit.“ Im Hinterzimmer steht sie dann. Ich betrachte mir Zero genauer: Scharf geschnittenes Gesicht,  Irokesenfrisur, „Bullshit“-T-Shirt. Niemand, mit dem ich sofort Bier trinken würde – erst recht nicht, nachdem er mich so angemacht hat. „Ich habe einen Höllen-Durst“, sagt Hawk schließlich. „…und wo wir schon mal in einer Bar sind…“ Ich nicke. „Ich kann’s mir ja durch den Ansaugstutzen meines Helms kippen.“ Alle lachen, das löst die Stimmung. Kurz darauf sitzen wir an der Bar. Ich betrachte Zero durch den Spiegel. Die Augen: wach. Nicht der Dümmste, denke ich. Hat ne eigene Meinung. Gefällt mir auch. Ich nicke leicht in meinem Helm – aber so, dass er es ums Verrecken nicht sehen kann.

Weil der Barkeeper sich einfach nicht uns zuwenden will, klettere ich kurzerhand über die Bar und schenke uns ein. „Freie Völker, eh?“, sage ich. Ich sehe Zero grinsen. „Genau“, sagt er. Als ich zurück über den Tresen klettere, löst sich die Verklemmung und ich kann endlich den Helm abnehmen. Zum ersten Mal blicken wir uns direkt an. Hawk muss mal für kleine Mädchen. „…und, wie wird das hier weitergehen?“, frage ich Zero. „Wir werden sehen“, erwidert er. Er holt die Kiste aus dem Hinterzimmer, während ich vor zum Ausgang gehe. Plötzlich erblicke ich Hawk,  wie er in eine Ecke pinkelt. „Mann, die wohnen hier“, zische ich ihn an  „Kann ich doch nichts dafür, wenn die hier nicht mal ein Klo haben.“ In diesem Moment taucht Zero mit der Kiste auf. Wir erfahren, dass sie als Tarnkiste genutzt worden war. Die geheimen Unterlagen hat er aus einem doppelten Boden entnommen, anschließend geben wir sie regulär ab. 5000 Credits wandern in unsere Taschen. Dann lassen wir Zero erstmal zurück und fliegen mit der Freelancer zurück nach Port Olisar. „Was denkst du?“, frage ich Hawk und Skorpi unterwegs. „Könnte zu uns passen“, antwortet Hawk. Auch Skorpi, der das Schiff fliegt, nickt. Mal schauen, wie es sich weiterentwickelt.  

__________________________________________________________________

Ein neuer Freund

Ich blicke fassungslos nach unten durch die Glaskanzel der Carrack. Die müssen spinnen beim Riker Spaceport! Das Landingpad, das sie mir zugewiesen haben, ist kleiner als eine Tasche an meinem Raumanzug. Das ist kein Einparken, das ist Einfädeln. So sanft wie ich nur kann, senke ich die „Clarke“ langsam ab. Noch bin ich nirgendwo dagegen gerammt. Ich spüre, wie mir der Schweiß die Stirn hinab läuft. Der Unfall ist mir noch gut in Erinnerung. Noch einen Ort in Stanton, an dem alle in Deckung gehen, wenn ich im Anflug bin, brauche ich wie einen Kropf…

Fast geschafft. Ich blicke aus dem Cockpit hinüber zu den Jungs, die das Landingpad in ihrer Schicht managen. Vielleicht haben sie eine Wette abgeschlossen – wieder so ein neureicher Typ, wollen doch mal sehen, welche Wand er zuerst trifft, lass uns ihm das kleinste Pad geben, das wir haben. Oder nein, besser noch: „Hey, laut Liste heißt der Pilot Brubacker. Weißte noch, der Typ, der letztens halb Tresslar abgerissen hat?“…ah, ich bin endlich unten. „Landung erfolgt“, sagt mir der Bordcomputer. Ich stelle die Engines ab, nicke dem Dockarbeiter zu und ernte ebenfalls ein knappes Kopfnicken. Alles okay. Eine Landung wie jede andere. Landen – das ist zur Hälfte Psychologie.

Ich atme tief ein und aus. Ich gehe ins Bad der Carrack und mache mich frisch. Zero Sense muss ja nicht gleich auf Anhieb sehen, dass ich wieder mal schweißgebadet war. Ich hatte vor gut einer Stunde einen Anruf von ihm erhalten. Offenbar hat  er noch eine Kiste Unterlagen zur vermeintlichen Verschwörung rund um Shubin Interstellar ergattern können. Irgendwelches Zusatzmaterial. Es sei alles noch viel schlimmer als gedacht. Ich solle mir das mal als „Off the Record“ anschauen, es sei höchste Zeit, das an die Öffentlichkeit zu bringen. Klar habe ich gedacht – warum nicht? Wobei: Verschwörungstheorien waren jetzt noch nie so mein Ding. Na ja, bin darauf hin jedenfalls von Port Olisar hinüber gejettet. Hatte ohnehin gut gepasst, wollte die „Clarke“ eh mal wieder ein wenig ausführen, sie fing schon an im Hangar Staub anzusetzen.

Ich übergebe dem Landepad-Manager die „Clarke“, drehe eine kurze Runde zum Stationsterminal, um mir eine Superhornet  in den Hangar stellen zu lassen und mache mich auf den Weg zu unserem Treffpunkt – auf dem Dach eines Hochhauses zwischen dem IO North Tower und dem Bevic Convention Center. Zero Sense wartet schon, seine Cutless hat er ebenfalls auf dem Dach geparkt. Nach unserem ersten Zusammentreffen müssen wir uns noch weiter beschnuppern. Die Kiste, um die es geht, hat er außerhalb des Schiffe abgestellt. „…hier ist alles drin. Mach was draus“, sagt er, nachdem ich aus meiner Superhornet gestiegen bin. Ich nicke.

„Ich schaue es mir in Ruhe an und melde mich wieder. Danke.“ Erste Regel als Reporter: Verbindlich und offen bleiben – aber auch nicht zu viel versprechen. Zero nickt. Ich blicke mich um. „Schönes Fleckchen, um sich konspirativ zu treffen“, sage ich, um ein bisschen Smalltalk in Gang zu bringen. „Yeah, gute  Aussicht, außerdem gute Fluchtmöglichkeiten nach allen Richtungen, keine Überraschungen möglich“, erwidert er. Für ein paar Minuten wandern unsere Blicke gemeinsam über ArcCop…ich bin immer wieder erschlagen und fasziniert gleichermaßen von dieser städtebaulichen Monstrosität. Schließlich läuft Zero einmal um meine Superhornet herum. „Schönes Schiff hast du da…“ Ich nicke. „Würde ich nicht für Geld und gute Wort hergeben“, antworte ich. „Ein Klassiker.“

Nachdem er seine Runde beendet hat, fragt er: „…und was machen wir jetzt? Lust auf ein bisschen Action?“ Ich nicke. „Warum nicht. Habe sonst gerade nichts vor – außer natürlich, deine Unterlagen zu lesen.“ Zero lächelt. „Das kannst du später immer noch machen“. Er checkt sein Mobiglas – nicht weit von hier entfernt sucht Shubin Interstellar Unterstützung gegen ein paar Claim Jumper, die ihnen offenbar ihre Abbaustelle streitig machen.

Ich blicke ihn an. „Ich denke, du hast etwas gegen Shubin?“ Zero legt den Kopf schief. „Das schon. Aber so geht’s auch nicht. Nie kann man mal jemanden irgendwo einfach in Ruhe lassen. Fliegen wir mir deiner Hornet oder mit meiner Cutless?“, fragt er schließlich. Ich muss nicht lang überlegen. Ich hatte noch nie jemanden an Bord der Superhornet, der das Turret bedient. „Wie wäre es mal mit ‘ner Hornet“? Zero Sense – das macht ihn mir schlagartig noch sympathischer – zögert keine Sekunde. „Klar, warum nicht?“ Wir klettern beide ins Cockpit und nach dem Hochfahren der Maschine funktioniert – nichts. Die Kiste wackelt ein bisschen, so als würde sie sich zieren, als sei sie am Dach festgenagelt. „Ich….“, bringe ich nur hervor und ich meine, ich könnte Zeros Grinsen hinter mir hören. „Irgendwelche Probleme?“ „Nein, nein. Es ist nur…“  Warum auch immer – schließlich heben wir doch ab und ich ziehe die Hornet in den Himmel. Unser Ziel befindet sich im Hurston-Orbit, rund 16 Millionen Klicks entfernt. Eine mittelgroße Entfernung – genug Zeit für einen Waffentest. Ich hatte mir gerade letztens für  teures Geld fünf neue Neutron Repeater, die ihr Ziel automatisch verfolgen, montieren lassen.

Kaum sind wir im All, drücke ich den Feuerknopf. Die Hornet feuert ein vereinzeltes Schüsslein ab. Dann noch eines. Das gleiche bei Zero im Turret. „Öhm…“, bringe ich nur hervor. „…vielleicht sollte ich mal in eine Werkstatt.“ Ich habe nicht die geringste Ahnung, warum sich meine geliebte Superhornet so bockig anstellt. „Umdrehen oder trotzdem versuchen?“, frage ich. „…trotzdem versuchen. Sind ja schon unterwegs“, antwortet Zero. Ein paar Minuten später erreichen wie unser Zielgebiet – und streichen kurz darauf auch schon wieder die Segel. Die Kadenz der Waffen bleibt einfach unterirdisch hoch. „Wir sollten es besser mit der Cutless versuchen“, schlägt Zero schließlich vor. Ich nicke – ein verklemmter Helm bei unserem ersten Treffen, ein unwillig abhebendes Schiff und jetzt nicht feuernde Waffen. Herrgott, Zero muss denken, er hat’s mit einem totalen Trottel zu tun. „Klar“, presse ich hervor. „Warum nicht?“ Wir kehren auf dem Absatz um und fliegen zurück nach ArcCorp.

Der Wechsel der Schiffe klappt schnell und reibungslos, diesmal sitze ich im Turret, dann sind wir wieder unterwegs. Vor Ort räumen wir dann schneller auf als gedacht – sieh an: Der junge Kerl von nebenan mit Irokesenschnitt und Abneigung gegen die UEE, sonst aber scheinbar harmlos, weiß durchaus mit Waffen umzugehen. Ich tue meinen Teil im Turret. Schließlich kehren wir zurück nach ArcCorp. Nachdem wir die Transportkiste, in der die Unterlagen versteckt waren, abgegeben haben, trennen sich unsere Wege. „Schön, dass wir uns wieder gesehen haben“, sage ich. „Ganz meinerseits“, erwidert Zero. Dann ist er auf und davon. Höchste Zeit, mal wieder im Büro vorbeizuschauen. Ist vielleicht ein ganz guter Zeitpunkt, um die Unterlagen mal in Ruhe zu sichten. Vielleicht ist ja was dran, an all dem?

Journaleintrag 03/07/2950

Wenn allein der erste Eindruck zählt, so wünschte ich, ich hätte manchmal eine Reset-Taste.  Auf der anderen Seite: So ist das Leben. Wann geht schon mal etwas glatt? Und wie oft täuscht auch der erste Eindruck? Wie oft muss man sich korrigieren? Von ein paar abgerissenen Klamotten oder einem Iro als Haarschnitt sollte man auf niemanden schließen. Eine Binsenweisheit, klar, aber eine, die allzu oft sträflich missachtet wird. Der Verschluss an meinem Helm hat geklemmt, mein Schiff gebockt, die Waffen habe nicht gefeuert? So what? That’s life.

__________________________________________________________________

Cui bono?

Ich sitze in meinem Büro und blicke durch das Fenster nach draußen auf das Gewusel von Milliarden Menschen. So befreiend es ist, im Verse unterwegs zu sein, so schön ist es auch, einen kleinen Ruhepol zu haben. Es war doch gut, dass ich das kleine Büro angemietet habe, auch wenn es jeden Monat ein wenig kostet. Es ist ein Ort des Innehaltens, um wieder Atem zu holen, zum Nachdenken.

Ich spüre, wie ich zittere. Die Geschichte, die sich vor mir auftut, ist zu groß für mich. „Achtung, Bewohner von Stanton – eine große Ungerechtigkeit wurde begangen.“ Und dann – mit einigem Abstand – die Worte: „Schmerz, Tod, Dunkelheit.“ Mir kommen diese Worte in den Sinn. Diese Drohung hängt seit Monaten bedeutungsschwanger über dem System. Die kaum verständlichen Textfetzen tönten aus den Lautsprechern der Schiffsterminals, hallten von den Wänden der Stationen wider. Jeder im System kann sich daran erinnern. Was aber ist seitdem passiert? Nichts.

Ich stehe auf und hole mir einen Kaffee aus der Maschine…hatte damals nicht das Gerücht die Runde gemacht, dass Port Olisar, die alte Station über Crusader, schon bald zerstört werden könnte? Piraten aus dem benachbarten Pyro-System sollten eine verheerende Attacke planen, hieß es…wie lange war das jetzt her? Ein paar Monate?

Die Unterlagen, die mir Zero Sense überreicht hatte, liegen vor mir auf dem Tisch. Eine Routenbeschreibung, es taucht die Zahl von zehn Millionen Credits auf. Ich lächle unbewusst: Wenn man irgendetwas heimlich vereinbaren will, geht doch nichts über das gute alte Papier. Das kann man nicht hacken. Was mich weniger fröhlich stimmt, ist, worauf das alles geschrieben ist: Auf Briefpapier von „Shubin Interstellar“. Klar, es steht kein Briefkopf drüber. Es war Zufall, dass ich das Wasserzeichen entdeckt habe, als die Sonne Stantons von hinten durch das Blatt Papier schien. Ganz deutlich: Das war ihr Logo, das kreisrunde, eckig eingefasste Logo. So dumm können sie nicht sein – vielleicht aber so arrogant?

Ist das der Knüller, auf den ich gehofft habe? Die große Enthüllungsgeschichte? Und wenn ja, bin ich dafür schon bereit? Wenn es stimmen sollte, was ich da herauslese? Mit wem lege ich mich da vielleicht an? Einen einzelnen Mann wie mich kann man auch mal schnell verschwinden lassen. Ich atme tief ein und aus. Wie auch immer: An den abgefangenen Unterlagen des Aktivisten-Netzwerkes der freien Völker von Levski scheint jedenfalls etwas dran zu sein – und die Gefahr somit immer noch akut. Mehr noch: Es scheint, hinter der Drohung könnte noch jemand anderes stecken – und zwar eben Mining-Konzern Shubin Interstellar, wenn nicht sogar die Advocacy selbst. 

Ich rufe Hawk übers Mobiglas an. „Was gibt’s?“, fragt er. „Hey Du Miner“, antworte ich, „was holt man eigentlich aus dem Boden auf Daymar und Cellin?“ Hawk kratzt sich am Kinn. „Agricium und Bexalit.“ „Und, lohnt das?“ „Wenn man eine gute Stelle erwischt…“ Ich mache mir nebenbei Notizen. „Und wo verkauft man die Erze dann? Auf Port Olisar?“ Hawk nickt. „…aber warum willst Du das wissen? Du bohrst doch gar keine Löcher.“ Ich falle ihm ins Wort. „…und wenn es Olisar nicht mehr geben würde? Wo würdest du dann für den Verkauf hinfliegen?“ Hawk zögert eine Sekunde. „Lorville. Da würde man dann die besten Preise kriegen…“ „Lorville…so weit“, wiederhole ich leise. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Alles klar, danke für die Info. Später mehr.“

Ich schalte das Mobiglas ab. Hawk sah fertig aus. Die letzte Ausgabe seines Quiz lief wohl nicht besonders gut. Irgendwelche technischen Schwierigkeiten. Er hat außerdem offenbar Probleme mit dem Produzenten der Show. Der hat ihn nach Lorville verbannt. Tja, das ist der Preis des Berühmtseins, wenn’s mal nicht so spitze läuft.

Ich fasse es innerlich zusammen: Okay, Port Olisar ist die nächstgelegene Station, um geförderte Erze wie Agricium oder Bexalite auf dem freien Markt zu verkaufen. Diese Erze können bereits mit einer kleinen Prospector auf Daymar, Cellin und Yela gefördert werden. Für einen durchschnittlichen Miner ist das eine durchaus lohnende Sache.

Ich scanne die Unterlagen, die ich über meinen Schreibtisch ausgebreitet habe. Wie es scheint, möchte Shubin diese Claims für sich allein ausbeuten. Nicht umsonst schreibt der Konzern immer wieder Aufträge zur Beseitigung so genannter Claim Jumper aus. Der Konzern ist offenbar nicht zimperlich, wenn es darum geht, seine Interessen durchzusetzen. Ich Idiot habe da ja auch schon mitgemacht. Ich recherchiere kurz über Shubins Geschichte. Keine MegaCorp war in den vergangenen Jahrhunderten enger mit der Politik verflochten, gibt größere Geldsummen etwa für die Lobbyarbeit aus. Es passt alles zusammen.

Die Gretchenfrage lautet nun: Wie macht man das Mining in einem lukrativen Gebiet für Konkurrenten dauerhaft unattraktiv? Nun, indem man zum Beispiel alle Terminals in nächster Nähe beseitigt. Ist dies offiziell nicht möglich, macht man es eben auf dem Umweg – und sei es illegal. Wäre Port Olisar zerstört, könnte man seine Erze, wie Hawk sagt, einigermaßen gewinnbringend erst wieder auf Lorville auf Hurston verkaufen, viele Millionen Kilometer entfernt. Ich grübele weiter. Wenn die Terminals weg wären: Ob man sich dann rund Crusader noch der gefahrvollen und zeitintensiven Arbeit des Minings aussetzt, wenn einem  Piraten auf langer Strecke die Erze wieder abjagen können? Ich habe da meine Zweifel.

Und: Nicht zuletzt würde davon auch die UEE profitieren. Ihr sind die freien Völker von Levski schon lange ein Dorn im Auge. Konnten die freien Völker die Erze auf Port Olisar bisher zu fairen Preisen verkaufen, so wäre es damit dann wohl vorbei. Die Zerstörung von Port Olisar wäre eine willkommene Gelegenheit, das Gängelband wieder straffer anzuziehen. Hängt also auch noch die Advocacy selbst mit drin?

Ich schüttele den Kopf. Klingt zu weit hergeholt. Klingt nach Verschwörungstheorie. Oder doch nicht? Schließlich: Wen aber würde es stören, wenn ein paar Bewohner Levskis ihre Unabhängigkeit verlören, wenn gleichzeitig Frieden ins System einkehrt, weil man Piraten mit einem gut bezahlten heimlichen Deal für eine Weile ruhig gestellt hätte? In wenigen Monaten ist Imperator-Wahl. Welcher Kandidat würde davon am meisten profitieren? Wen hat Shubin Interstellar mit einer großzügigen Wahlkampfspende bedacht? Wer unter den letzten Fünf ist hinter netter Fassade in Wirklichkeit ein knallharter Law&Order-Typ?

Anders gefragt: Beauftragt Shubin Interstellar also heimlich Piraten, um nach der Zerstörung von Port Olisar am meisten davon zu profitieren? Oder gibt es vielleicht noch einen größeren Hintergrund? Ich schüttele den Kopf. Es wäre ein Wunder, wenn ich das beweisen könnte. Ich sortiere meine Gedanken. Nur Mut! Letztlich bleibt mir gar nichts anderes übrig, als es – rein spekulativ natürlich – an die große Glocke zu hängen. Sollten Shubin oder wer auch immer spitz kriegen, dass ich an die Unterlagen gelangt bin, bin ich wahrscheinlich schneller Geschichte, als mir lieb ist. Nach draußen zu gehen, ist die einzige Chance. Sonst hätte ich die Unterlagen gar nicht erst annehmen dürfen. Ich setze mich an meinen Laptop und fange an zu tippen…

Journal-Eintrag 09/07/2950

Erste Regel beim Investigativ-Journalismus: Man sticht in ein Hornissen-Nest und rennt dann so schnell man kann. Werden die großen Newsorgs darauf anspringen? Wird sich Shubin zu einer Stellungnahme genötigt sehen? Mal schauen was passiert. In jedem Fall hat Shubin irgendwem zehn Millionen Credits für eine höchst konspirative Sache angeboten, wie es scheint. Das macht man doch nicht, wenn man nichts zu verbergen hat.

__________________________________________________________________

Journal-Eintrag 17/07/2020

Wir laufen durch New Babbage, nehmen einen Drink an der Bar – und was tut Hawk? Er zieht sich alle paar Minuten um, streift sich ein neues Shirt nach dem anderen über. Erst denke ich, ihm ist vielleicht heiß in der Disco, dann er hat den Verstand verloren – schließlich aber sehe ich, wie er jedes Mal, nachdem er sich umgezogen hat, in eine der vielen miniaturisierten Überwachungskameras lächelt, die an den Decken und Wänden der Disco verbaut sind. Torpedo Burrito, G-Loc-Bar, Big Bennys und Dumpers Depot – alle sind sie als Logo auf seinen Shirts vertreten. Da wird mir klar: Hawk muss als lebendige Werbetafel herhalten. Zwischen zwei Umziehsessions zische ihm zu: „Was soll das denn?“ und er erwidert: „Das hat sich der Produzent meiner Quizshow ausgedacht. Vollkommen wahnsinnig, der Kerl. Wenn ich die Show behalten will, soll ich das Spielchen ein wenig mitspielen. Hab wohl das Kleingedruckte nicht richtig gelesen.“ Ich kann ein lautes Auflachen gerade noch so unterdrücken. „Super Job, Quizmaster“, sage ich leise, dann drehe ich mich zur Bar, wo sich der Barkeeper ein Grinsen ebenfalls nicht verkneifen kann, mich als Kunden dabei konsequent ignoriert, während Hawk weiter ins Nirwana lächelt. Jabea dreht sich unterdessen an der Bar einen Drink nach dem anderen rein, während Skorpi vor sich hin starrt. Höchste Zeit, dass wir uns mal wieder die Kälte des Alls um die Nase wehen lassen.

__________________________________________________________________

Der Junge

Der Anruf übers Mobiglas kommt spät abends. Darauf zu sehen ist ein nervöser Zero Sense. Er kommt sofort zur Sache. „Hast du schon die aktuellen STN-News gesehen?“ Ich nicke. „Wie konnte das passieren? Hast du denen etwa gesteckt, dass ich…?“ Ich falle Zero ins Wort. „Langsam! Ich habe denen gar nichts gesteckt. Wie du siehst, bin ich auf dem Bild auch mit drauf. Die haben meinen Bericht gelesen. Auf dem Dach muss eine Überwachungskamera gewesen sein. Sie haben das Band in die Finger bekommen, haben eins und eins zusammengezählt – schon war ihr Bericht fertig. So läuft das im Journalismus. Wenn man in die Höhle des Löwen will, muss man auch brüllen können.“

Zero kommt mit seinem Gesicht fast bedrohlich nah ans Mobiglas heran. „Wovon redest du, Mann?  Die haben mein Gesicht in der Öffentlichkeit gezeigt!“ Ich hebe die Hand. „Stopp“, sage ich. „Du bist zu mir gekommen mit der Story, nicht umgekehrt. Wo bist du überhaupt?“ Zero atmet schwer. „Grimhex. Untergetaucht.“ Ich lasse Zero noch einen  Moment, dann sage ich: „Beruhige dich! Ich habe dich als Quelle nicht preisgegeben, okay? Aber mit so etwas muss man eben rechnen. Tut mir leid. Das ist die Kehrseite, wenn man etwas an die große Glocke hängt – andere springen auf den Zug mit auf.“

Zero nippt an seinem Drink. Ich sammle meine Gedanken. „Aber ich habe da eine Idee. Lust auf einen Ausflug?“ Nachdem er sich über den Mund gewischt hat, sagt er: „Klar, warum nicht? Jetzt, wo mein Gesicht sowieso alle Welt kennt…“ Der Sarkasmus in seiner Stimme gefällt mir schon besser. „Wir müssen nach Hurston. Ich war da mal in einem Bunker. Darin hat Hurston Dynamics früher ihre Waffentests auf dem Planeten überwacht. Die Bunker sind offiziell  abgeschaltet, aber mir ist da gerade etwas eingefallen…“ Ich erinnere mich noch genau: Unser völlig missratener Auftrag mit Vooslo für „Phoenix Interstellar“ – seitdem sind zwei Jahre vergangen und mittlerweile habe ich viel dazu gelernt. Zum Beispiel, dass nie etwas so ist, wie es scheint. „… da sind Terminals drin. Damit werden Daten auf die Satelliten im Orbit übertragen. Wenn wir dort den entsprechenden Stream finden, war es das mit STN.“ Zero sieht nicht aus, als würde er mir glauben.  

„Vertraue mir einfach. Ich melde mich wieder.“ Ich schalte Zero ab, denke nach und während ich mich anziehe, funke ich Skorpi, Hawk und Jabea an. Für diesen Einsatz brauchen wir volle Stärke. Ich erkläre mit ein paar Sätzen, worum es geht. Wir vereinbaren, uns auf Port Olisar zu treffen. Nur Minuten später nehme ich die Bahn von Area 18 zum Riker Memorial Spaceport und kurz darauf bin ich mit der Clarke in der Luft.

Kaum im Quantumtravel lehne ich mich zurück und hole Zero zurück aufs Mobiglas. „Wir holen dich auf Grimhex ab. Halte die Stellung. Ich komme mit der Clarke.“ „Unauffälliger geht’s wohl nicht?“ Ich grinse. „Nee. Wenn du aber lieber mit deiner Cutlass fliegen willst, die bestimmt auch auf dem Band drauf ist…“ „Schon gut.“ „Okay, hör zu, wir können so zwar die Ausstrahlung nicht mehr rückgängig machen, aber immerhin die weitere Verbreitung.“ „Gesehen haben mich trotzdem alle“, wirft Zero ein. Ich nicke. „Genauso schnell vergessen aber auch. Lass’ irgendein abgehalftertes Showsternchen über den Schirm wackeln, dann stürzen sich da alle drauf.“ Zero presst die Lippen zusammen. „Hey“, sage ich, „das war doch schon immer so: Die Leute wollen nichts von echten Problemen hören – weil jeder eigene Probleme hat. Und Shubin hat echt Besseres zu tun als…“ Ich unterbreche meinen Satz. „…besseres als was…?“, fragt Zero. „…besseres, als dich umzulegen. So blöd sind sie nicht. Das würde den Verdacht ja erst recht auf sie lenken.“ Zero nickt leicht, aber alles anderes als überzeugt.

Der Zwischenstopp auf Port Olisar dauert nur Minuten. Kaum sind Hawk, Skorpi und Jabea an Bord, machen wir uns auch schon wieder auf den Weg und ich steuere Grimhex an. Wir vereinbaren, Zero an einer stillgelegten Luftschleuse der Station aufzunehmen – je weniger Aufmerksamkeit wir erzeugen, desto besser. Ich konzentriere mich aufs Fliegen, während Zero Sense den anderen noch mal alles genau auseinandersetzt. Schließlich kommt Hurston in Sicht, ich brettere mit der Clarke durch die Atmosphäre und traue meinen Augen nicht – über dem Bunker weht ein ausgedehnter Sandsturm. Ich sehe rein gar nichts – bis ein paar Laserschüsse durch die Luft peitschen.

Die Verteidigungsanlagen des Bunkers haben uns aufs Korn genommen und in mir werden böse Erinnerungen wach. Die anderen besetzen die Turrets der Clarke, bald schon gehen die Abwehrgeschütze hoch. Ich grinse in mich hinein. Meine Crew versteht ihr Handwerk. Schließlich lande ich.  Zu fünf machen wir uns durch mannhohes, dicht gewachsenes Gras auf dem Weg zum Bunkereingang. Hawk blickt auf sein Mobiglas. „Die erzählen hier irgendwas von illegalen Besetzern der Bunker auf Hurston. Daher die freundliche Begrüßung. Wir müssen wahrscheinlich mit noch mehr Gegenwehr rechnen….“ Ich will gerade etwas erwidern, als über uns ein Schiff im Tiefflug hinwegdonnert – eine Freelancer. „Was will die denn hier?“ Wir beobachten sie, doch eröffnet sie nicht das Feuer. „Keine Ahnung, scheint aber nicht feindlich zu sein“, sage ich. Hat vielleicht unser Feuerwerk gesehen. Natürlich lasse ich nur ungern die Clarke so ungeschützt auf dem Präsentierteller stehen, weiß aber auch, dass gegen ihre dicken Schilde eine Freelancer machtlos sein dürfte. „Erledigen wir erst einmal den Bunker. Eins nach dem anderen.“  

Tatsächlich wird auch der Bunker in der Tiefe bewacht. Gleich acht Besetzer stehen uns bis zu den Zähnen bewaffnet gegenüber. Ich hocke hinter einer Ecke und visiere einen an. Sind acht Menschenleben das Löschen eines simplen Bandes wert? Die Frage klärt sich, als einer Outlaws plötzlich das Feuer eröffnet. Wir kämpfen uns bis in die tiefste Ebene vor, wo der Serverraum ist. „Da ist das Terminal“. Ich zeige Zero, was ich bei meinem letzten Besuch auf der Suche nach einer Kontaktmöglichkeit zum Hauptquartier  von „Phoenix Interstellar“ entdeckt hatte.

„Das Terminal ist tot“, sagt Hawk, während er es checkt. Dafür entdecken wir Blutspuren rund um die Anlage – was ist hier passiert? „Vielleicht war das Shubin“, sage ich. „Oder Leute vom Aktivistennetzwerk“, wirft Zero ein. Fest steht jedenfalls, dass über das Terminal keine Streams mehr gesendet werden. Ich will gerade noch etwas sagen, als wir ein Geräusch hören – noch ein Outlaw? „Haben wir einen übersehen?“ Hawk schüttelt mit dem Kopf. Es muss der Pilot der Freelancer sein.

Wir bewegen uns flott zurück zum Eingang des Bunkers. Doch auf der unteren Ebene ist er nicht. Als wir nach oben fahren, entdecken wir ihn schließlich – einen weiteren Outlaw, zumindest lassen seine Kleidung und sein Helm darauf schließen. Nur schießt er nicht sofort auf uns. Wir umzingeln ihn und richten unsere Waffen auf ihn. „Gehörst du zu denen da unten“. Zu unserer Überraschung verneint er. „Bist du der Pilot der Freelancer?“ Der Pirat nickt. „Wir wollen mal dein Gesicht sehen.“ Der Outlaw zögert erst, dann nimmt er jedoch seinen Helm ab – und wir trauen unseren Augen nicht. Es ist ein Junge. Keine zwanzig Jahre alt. „Das gibt’s doch nicht“, stoße ich hervor. „Wer bist du?“ Der Junge zögert – und plötzlich, überraschend für uns alle, nimmt er die Beine in Hand und ist aus dem Bunkerausgang gerannt. Nur Sekunden später haben wir ihn im hohen Gras verloren.

Ich blicke zur Clarke. Die Rampe ist ausgefahren. Ich höre, wie Hawk hinter mir flucht. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon, wie der Bengel mit ihr abhaut. Ich renne die Rampe hinauf, die anderen schwärmen unterdessen im Gelände aus. „Wo ist er hin?“ Fieberhaft sehe ich mich um. Ist er nur ein bisschen clever, finden wir ihn in der Clarke nie. Verdammt. Ich stürme in die Frachtabteilungen, als ich Jabea rufen höre. „Da ist er. Er rennt zu seiner Freelancer.“ Ich mache auf dem Absatz kehrt und renne wieder hinaus – und ihm hinterher. Zwischen Bäumen sehe ich entfernt sein Schiff stehen. Doch ich bin zu spät. Als ich seinen Landeplatz erreiche, hebt er auch schon ab. Ich funke ihn an. „Hey, warte doch mal…“

„…komm“, sage ich, „lande noch mal. Wir wollen uns nur mit dir unterhalten.“ Zu unserer Überraschung fährt er tatsächlich wieder das Landegestell der Freelancer aus und bringt sie schließlich direkt neben der Clarke herunter. Wenige Momente später steht der junge Oultlaw wieder vor uns. Weil die Sonne Stantons mittlerweile vom Himmel brennt, gehen wir gemeinsam in den Frachtraum der Clarke. Wir nehmen unsere Helme ab, stellen unsere Waffen weg – und uns selbst vor. Schließlich nennt auch der junge Outlaw seinen Namen: Jouki.

Wie sich herausstellt, ist er mutterseelenallein im Verse unterwegs, meist solo, ohne Freunde. Er ist Besitzer einer Origin 300er, die er gefunden haben will, die Freelancer habe ihm das Schiffsterminal irrtümlich zur Verfügung gestellt. Wir beschließen, das erst einmal zu glauben. „…jedenfalls ist das hier kein Ort, an dem sich ein junger Kerl wie du herumtreiben sollte“, sage ich. „Wie alt bist du überhaupt?“ Die Antwort lässt mir fast den Atem stocken. „Ich bin 16.“  Hawk übernimmt für den Rückflug die Kontrolle über die Clarke, ich setze mich mit Jouki in die Freelancer. Unterwegs höre ich die ersten Details zu seinem jungen, aber bereits sehr einsamen Leben.  Und ich beschließe, dass das nicht so bleiben kann.

Journal-Eintrag 26/07/2950

Was für ein junges – und bereits sehr einsames Leben. Jouki, er sieht eigentlich noch viel jünger aus, als 16, war bisher komplett auf sich gestellt. Seine Eltern starben bei einem Angriff der Vanduul auf sein Dorf auf Davien I im Davien-System vor einigen Jahren. Danach schlug er sich mit kleineren Diebstählen durch, bis er eine verlassene 300er fand, wie er erzählt. Er sollte eine Kiste bergen – eine von Shubin Interstellar  – ich konnte kaum glauben, was er erzählte. Sollte das die Kiste sein, in der die geheimen Unterlagen versteckt waren? Führt uns das Schicksal auf diese Weise zusammen? Jouki scheint jedenfalls ein sehr netter, junger Mann zu sein – ganz anders, als seine Piraten-Kleidung vermuten lässt. Ich werde ihn unter meine Fittiche nehmen. Mal schauen, wohin uns der Weg noch führen wird.

__________________________________________________________________

Rumble in the Jungle

„…ach, hören Sie mir doch auf! Das ist jedes Mal das Gleiche…“ Der Blutdruck von Timothy Wardy schießt vor laufender Kamera in die Höhe. „…da wurde ihr etwas untergeschoben!“ Mit hochrotem Kopf, der unter den grellen Lampen des Studios „Verse 24“ so aussieht, als würde er gleich vor Wut explodieren, steigert sich der CEO von „Iridium Interstellar“ hinein in die Verteidigung „seines Mädchens“. So bezeichnet Wardy immer wieder Imperator-Kandidatin Mira Ngo von der Partei der Transitionalisten. Nein, auf sie lässt der ältere Spediteur offenbar nichts kommen. „Terra ist unsere Zukunft. Das ist ganz klar. Ohne Terra sehe ich die Menschheit gefährdet.“ Mit Verachtung starrt Wardy sein Gegenüber an.

Ango Gontal, nach eigenen Angaben weit gereister Händler, hatte zuvor eine harte Attacke gefahren, eine, bei der selbst ich fassungslos war. Nämlich die, dass Miro Ngo auf Terra, jenem Planeten, auf den sie als Kernanliegen ihrer Imperator-Kampagne den Hauptsitz der UEE von der Erde umsiedeln will, auf nicht ganz legale Weise in Immobilienprojekten investiert sein könnte – weshalb sie ganz persönlich profitieren würde, sollte sie gewinnen. Es ist ein Gerücht, das aktuell durch das Verse wabert. Nichts davon ist bewiesen. „Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Bauvorhaben Miro Ngo auf Terra gerade unterstützt oder finanziert? Haben Sie eine Vorstellung davon, wie die Bau- und Grundstückspreise in die Höhe schnellen werden, wenn…“ Wie Salven feuert Gontal seine kaum verhohlenen Vorwürfe ab.

Es scheint: Nachdem jeder Citizen noch wenige Minuten zuvor bei diesem Spezial-„Bürgertalk“ gesittet und der Reihe nach seinen Kandidaten vorgestellt hatte, fallen nun alle Hemmungen. Ich sitze im Hintergrund und beobachte die Szene, die sich nur wenige Meter entfernt abspielt. Noch bin ich ganz gespannt und bin nachher dran, nach diesem „Bürgertalk“, wie die Macher der Sendung „Verse 24“ die Runde vor mir genannt haben. Mir wird klar: Es wird noch hoch hergehen in der kommenden Stunde – kein Wunder: Es geht um viel, um nicht zu sagen: um alles. Krieg mit den Vanduul, das Projekt Synthworld und seine horrenden Kosten, Forschung an Künstlicher Intelligenz, Ausbau privater Milizen, Deregulierung der Wirtschaft, Überprüfung des „Fair Chance Acts“ oder eben der Umzug der UEE von der Erde nach Terra. Jeder Imperator-Kandidat setzt andere Schwerpunkte.

Seit ein paar Tagen wird verseweit gewählt. Überall im Verse hängen die Plakate. Sogar Durchsagen gibt es, um politische Gegner in Misskredit zu bringen. Doch welche Schwerpunkte sind die richtigen? Wem kann, wem sollte man trauen? Welcher kommende Imperator löst die anstehenden Aufgaben am besten? Ango Gontal, der an diesem Abend für die aktuelle High Secretary Illyana Sharrad von der Universalisten-Partei einsteht, schreckt auch vor Unverschämtheiten nicht zurück. „Haben Sie auf Terra schon mal Ihre Freelancer verlassen? Ich war oft genug auf Terra und weiß, dass es da genug Bauvorhaben von Mrs. Ngo gibt“, wirft er Wardy an den Kopf. Dieser kann nur noch empört schnaufen.  Ich lächle amüsiert. Da hat aber jemand seine Hausaufgaben gemacht.

Kurzum: Die Debatte ist hoch emotionalisiert. Und auch das ist nicht verwunderlich: Der Imperator wird nur alle zehn Jahre gewählt. Niemand ist mit größerer Machtfülle ausgestattet – ein Umstand, den Professor Blau von der Rhetor-Universität in einem Eingangsinterview nur wenige Minuten zuvor prägnant erläutert hatte und das seine Wirkung im Bürgertalk nun nicht verfehlt. „Seine Entscheidungen können das Leben der Menschen auf Jahrhunderte hinaus prägen. Die falschen Beschlüsse zur falschen Zeit können uns großen Schaden zufügen. Noch heute leiden wir unter den Nachwirkungen der Messer-Dynastie“, hatte der Leiter der politikwissenschaftlichen Abteilung der Rhetor-Universität ausgeführt. Mir war da schon klar geworden: Die Imperatorwahl 2950 wird in einem extremen Spannungsfeld ausgetragen und die Vorstellungen, wie das Verse der Zukunft aussehen soll, würden bei den Bürgern nicht weiter auseinanderklaffen können, wie sich nun ja auch allzu deutlich zeigt. Der Talk ist somit der unverstellte Blick in den Maschinenraum der Demokratie.

Eine besonders laute Stimme, vielleicht auch, um endlich einmal gehört zu werden, ist die von Zero Sense. Es hatte mich im Vorfeld gewundert, dass er für heute zugesagt hatte, wo er letztens doch noch so darauf bedacht war, dass ihn niemand kennt. Na ja, so eine Chance kriegt auch er wohl nicht so schnell wieder. Er vertritt natürlich keinen der Kandidaten, sondern seine freien Völker von Levski. Er ist der Exot in der Runde, denn er darf nicht wählen. Wie immer ist ihm ist diese ganze „Bevormundung durch die UEE“ generell ein Dorn im Auge – und das lässt er den Rest der Runde nun auch spüren. „Die ganze Wahl ist ein Beschiss! Eine echte Wahl würde echte Alternativen bieten“, sagt er in einer Mischung aus Empörung und Anklage. Mein heimlicher Freund – niemand im Studio weiß von unserer Verbindung – haut ganz schön um sich, das muss ich ihm lassen. Erneut huscht mir ein Grinsen über das Gesicht.

„Wir haben hier doch nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.“ Die Programme aller Kandidaten seien total eindimensional. „Entweder geht’s nur um die Wirtschaft. Oder nur um die Wissenschaft. Oder nur um persönliche Interessen. Die leben alle in ihrer eigenen Blase. Wir zahlen einen großen Blutzoll draußen in den äußeren Systemen.“ Die Citizens, das sei doch ein elitärer Kreis. „An die Menschen, die am Rande der UEE leben, die sozial am Rand stehen, die um ihr Überleben kämpfen, an die denkt doch wieder einmal keiner.“ Auch sein Äußeres – mit Irokesen-Haarschnitt und „Bullshit“-T-Shirt unterstichen – dürfte wohl dem letzten Zuschauer verdeutlichen, dass er abseits steht. Vielleicht auch deshalb steigt niemand sofort auf ihn ein.

Nun ja, fast niemand. Commander Mando, leitender Operator einer interstellaren Rettungseinheit und weiterer Teilnehmer der sechsköpfigen Runde, erkennt offenbar seine die Chance – wie Militärs eben so sind. Ihn kenne ich ja bereits von unserem gemeinsamen Einsatz über Spacehub Gundo, auch wenn wir damals nicht viel miteinander gesprochen hatten. Mando will Zero Sense Rundumschlag als Kontrapunkt nutzen, um seinen Kandidaten Paul LeSalle von den Zentralisten in Stellung zu bringen – „als Mensch von Welt und als Mann der Mitte“, wie er sagt. Doch seine Strategie geht nicht auf, denn er prallt sofort auf Widerstand: „…dass ich nicht lache“, fällt ihm Junah Radegast, Arbeiter in einer Microtech-Fabrik und Unterstützer von Kandidatin Laylani Addison (Unabhängige), ins Wort. Dass LeSalle den „Fair Chance Act“ abschaffen wolle, „die wichtigste Errungenschaft der Menschlichkeit überhaupt“, stoße ihm bitter auf. „LeSalle ist für mich alles andere als ein Menschenfreund.“ Ganz schön unfair, denke ich, denn LeSalle will den Fair Chance Act laut seinem Programm nur neu bewerten, nicht abschaffen. Das wiederum ruft erneut Zero Sense auf den Plan: „Wenn man den Fair Chance Act aufhebt, wird wieder auf den Schwachen rumgetrampelt.“ Kurzum: Die Stimmung wird immer aufgeheizter. Zero Sense, so scheint es,  will dem Verse mal ordentlich die Leviten lesen.

Doch die Streithähne haben die Rechnung ohne den Commander gemacht: „Der Fair Chance Act schützt empfindungsfähiges Leben auf einem Planeten und sei es eine Raupe – und auch LeSalle möchte das. Aber es gibt ja vielleicht auch Monde in dem System, auf denen man etwas abbauen kann.“ Im Hintergrund höre ich leises, beinahe zynisches Lachen. Zero Sense wirft ein: „Auch der Mensch war mal eine Amöbe.“ Ich beobachte, wie die anderen die Augen verdrehen, Zero – man kann’s auch übertreiben, oder? Als Nächstes wollen die Moderatoren der Sendung, der verseweit bekannte Moderator AstroSam und sein Kollege Mitch van Hayden, den Fokus auf ein neues Thema lenken, bevor hier bald noch welche aufeinander losgehen, wie es scheint.

Doch das straffe Programm wird weiter durchgezogen. Ob er schon einmal von der Aktion „Better together“ von Titus Costigan (Universalisten) gehört habe, will eine Bürgerin mit dem ungewöhnlichen Namen Martina Martin plötzlich von Zero Sense wissen – einer Aktion ihres Kandidaten, die kostenlose Tagesbetreuung, Verpflegung sowie Erwachsenenbildung und Ausbildung auch für die Bürger von Levski anbieten würde. Martin will Zero Sense offenbar ein wenig aus der Reserve locken. Doch Zero bleibt einfach auf Krawall gebürstet. „Das ist doch nur ein Söhnchen, der die Wirtschaft deregulieren will, um als Vorsitzender seines Unternehmens seine eigenen Bedingungen zu verbessern. Zustimmung erhält er von Wardy, dann zeigt auch dieser, dass er Attacke kann: „LeSalle wurde  nur der Chef der Zentralisten, weil er zwei Kandidaten, die besser waren als er, zur Seite geräumt hat. Und was soll das Beispiel mit der Raupe? Wir haben es mit den Vanduul zu tun!“  Respekt, denke ich – so geht Debatte, wenn es um die Wurst geht.

Als nächstes geht es um die Synthworld, ebenso ein Thema, das offenbar ebenso mehr spaltet denn versöhnt. Während Radegast sie unterstützt, weil man so keine neu entdeckten Völker überfallen und ihre Planeten ausbeuten müsse, sieht Gontal das völlig anders. Er folgt auch hier Illyana Sharrad, die das Projekt zumindest kurzfristig einfrieren und neu bewerten möchte. Für Gontal ist die Synthworld ein Subventionsprojekt, wie er sagt, das mit künstlichen Preisen arbeite. Als aktuelle High Secretary habe Sharrad den Überblick und möchte das Geld anderweitig investieren. „Ich bin weit herumgekommen im Verse. Es fehlt am Notwendigsten auf vielen Planeten“, sagt er. Seit Dekaden werde Geld in dieses Projekt gepumpt, obwohl es dutzende Monde und Planeten im Verse gibt, die man terraformen und auf denen man für Menschen und andere Rassen eine Heimat schaffen könne. Überhaupt stehe noch  infrage, ob die Synthworld wirklich jemals autark funktionieren würde.

Unterstützung zum Thema erhält Gontal von Commander Mando – „schließlich läuft das Projekt schon seit fast einem Jahrhundert“, wie dieser ergänzt. Auch könnten anhand des Projektes die Beziehungen zu anderen Alienrassen verbessert werden. Anders als Sharrad wolle LeSalle aber besser erreichbare Ziele definieren. Commander Mando kann man förmlich ansehen, dass er sich am liebsten woanders hinwünschen würde. Er sieht ziemlich genervt aus. Wahrscheinlich ist er so deutlichen Widerspruch in seiner Truppe sonst nicht gewohnt. Ungefragter Widerspruch wiederum von Timothy Wardy: „Die Marstragödie von 2125 habt Ihr wohl alle vergessen?“, tönt er. Damals seien fast 5000 Menschen gestorben. Das sei der wahre Grund, warum die Synthworld unbedingt verwirklicht werden müsse. An Wardys Poltereien scheint sich die Runde indes fast  gewöhnt zu haben. Für Radgast, der nur noch kurz die Augenbrauen hebt, um sein Missfallen kundzutun, trenne sich hier jedenfalls die Spreu vom Weizen. „Man muss dieses Bauvorhaben mit den Augen eines Wissenschaftlers sehen“, sagt er nüchtern. „Wir haben die Möglichkeit, neue Technologien zu erforschen, die auch anderweitig dabei helfen können, mehr Welten schneller zu bauen.“

Schließlich werden Publikumsfragen zugelassen – und die Befürchtung eines Zuschauers, ob eine KI eines Tages außer Kontrolle geraten könnte, beantwortet Radegast gelassen. „Die Angst davor, dass künstliche Intelligenz einmal die totale Herrschaft über uns übernimmt, ist so alt wie die Technologie selbst“, sagt er. „Sie kann uns weiter bringen als wir es allein schaffen.“ Mir hatte er erzählt, dass er an Bord seines Schiffes längst eine KI betreibe – und sich mit ihr sogar unterhalte. Seine Einstellung zu dem höchst kontroversen Thema wundert mich daher nicht. Umso brutaler wirkt der Protest von Martina Martin: „…ja, so weit, dass wir sie nicht mehr wiederfinden. Wir hatten schon KI, wir haben sie eingeschränkt, weil sie Menschen getötet hat. KI gehört limitiert und das sollte nicht in Frage gestellt werden. Wie hieß gleich das Schiff, das damals verschwand?“ Niemand weiß für einen Moment, worauf Martin anspielt. Ich aber weiß es sofort, denn ich habe es noch in Natura gesehen, war sogar mal kurz an Bord bei einer Besichtigung. Dann fällt das entsprechende Stichwort – lautstark, natürlich durch Wardy: „Artemis! Artemis!“ Genüsslich, fast provozierend, lässt er sich in seinen Sessel fallen. Mich hält es kaum auf meinem Sitz. Jeder im Verse kennt die Geschichte des ersten echten Sternenschiffes mit 5000 Seelen an Bord, das einst von Janus, einer künstlichen Intelligenz gesteuert wurde und spurlos verscholl. Ich aber sah leibhaftig, wie es ins Unbekannte aufbrach. Fast treten mir Tränen in die Augen – denn so nah war ich der Vergangenheit lange nicht mehr.

Radegast hingegen will künstliche Intelligenz sogar im Kampf gegen die Vanduul einsetzen. „Als jemand, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat, denke ich nicht, dass KI eine Gefahr für die Menschheit ist. Ich höre immer – ja, wir brauchen mehr Technologie gegen die Vanduul, wir brauchen mehr Soldaten. Addison will Menschenleben sparen durch den expliziten Einsatz von künstlicher Intelligenz. Stellen Sie sich vor, sie schicken 100 Mann in die Schlacht oder vielleicht nur 20, die durch KI unterstützt werden. Das würde den Blutzoll der UEE senken.“ Gleichwohl sieht Radegast den Einsatz der umstrittenen Technologie nicht nur auf das Militär beschränkt. Schließlich aber folgt die vielleicht wichtigste Frage zum Schluss, weil sie jeden einzelnen Bürger direkt betrifft: Wer kann für mehr Sicherheit im Verse garantieren? Wardy muss nicht lang überlegen: „Definitiv keine KI. Steuere dein Schiff selbst.“

Commander Mando, offenbar mittlerweile reichlich entnervt, ergreift die Gelegenheit, Werbung für LeSalles „Safe & Secure“-Initiative zu machen, die etwa in Stanton voll durchschlagen würde, weil es dort aufgrund der dortigen Konzernpolitik weniger durch die UEE selbst geschützt werde. „Wenn es darum geht, Straftäter länger zu verfolgen, dann wird immer auf Kopfgeldjäger zurückgegriffen.“ Gontal schüttelt den Kopf, hebt fast beschwörend die Hände. „Bei allem Respekt, das geht einen Schritt zu weit. Ich will in keiner UEE leben, in der man auch mittelschwere Delikte einfach bezahlen kann, statt dafür im Gefängnis zu sühnen“,  erwidert er. Eine Kerbe, in die auch Zero Sense noch einmal schlägt: „Im Stanton-System wird jeder beschossen, der nicht bei drei in einem Hangar verschwunden ist. Die Frage ist doch, wer kontrolliert die Kopfgeldjäger? Die sind doch außer Rand und Band.“  Vorlage für Martina Martin: „Völlig richtig, deshalb eine Stärkung des militärischen Arms der UEE durch Titus Costigan!“ Die Sätze werden kürzer, die Einlassungen knapper. Allen in der Runde ist mittlerweile die Erschöpfung anzusehen, ein Umstand, der auch den Moderatoren nicht entgeht. Sogar Zero wird langsam ruhiger. Zumindest scheint es äußerlich so.

So geben die Bürger noch kurze Schlussplädoyers ab, dann folgt nach fast einstündigen heißen Wortgefechten schließlich der harte Schnitt. Es ist höchste Zeit, das Mütchen zu kühlen.  Werbetrailer diverser Schiffshersteller werden eingeblendet, nun soll sich eine Megacorp zur Wahl äußern: Eingeladen ist dafür ausgerechnet Thane McMarshall, Leiter der Sicherheitsabteilung bei Microtech. Ich konnte es kaum glauben, als ich seinen Namen auf der Einladung entdeckt hatte. Und offenbar hat er mittlerweile Karriere gemacht. Bei unserem ersten Aufeinandertreffen vor wenigen Monaten war er noch stellvertretender Sicherheitschef von Microtech gewesen. Na ja, er kam mir sowieso wie der klassische Karrieretyp vor. Die Studiolampen über dem runden Tisch des Bürgertalks glühen noch ein wenig nach, im Schatten wird noch gestikuliert und es fliegt leise die eine oder andere Spitze hin und her – doch der Fokus der Sendung liegt nun auf Konzernen und was sie von der Wahl erwarten.

McMarshall wird gefragt, welchen Imperator Microtech unterstützen würde und wie sich der Konzern vor politischer Einflussnahme schütze. Zu meiner Überraschung windet er sich ein wenig, ist dann aber wieder sofort so souverän wie eh und je. „Wir sind zunächst einmal unpolitisch, weil Microtech ja allein aufgrund seiner Größe und der Vielzahl seiner Mitarbeiter viele Meinungen repräsentiert“, sagt er. Generell stehe Microtech aber eher für die Wissenschaft. „Um neutral zu bleiben, darf keiner der Kandidaten seine Werbung auf dem Mobiglas zeigen“, versichert McMarshall weiter. Ich schüttele unbewusst den Kopf. Es ist nicht zu glauben: Selbstverständlichkeiten verkauft er fast als eine Errungenschaft. Es ist wie immer Marketing wie aus dem Lehrbuch. Hat wohl noch höhere Ambitionen, der Mann.  Auch würde der Konzern für keinen speziellen Kandidaten spenden. Dass das Mobiglas später etwa zu Überwachungszwecken genutzt werden könne, weist McMarshall von sich. Erneut zu meiner Überraschung, räumt er dann aber ein, dass die Gefahr – zumindest theoretisch – durchaus bestünde. Zum Thema „Künstliche Intelligenz“ bleibt er hingegen eher schwammig. „Wir haben einige Ideen. Sollte politisch etwas möglich werden, können wir auf die Regierung zugehen.“ Alles in allem ein professioneller Auftritt – freundlich, aber unverbindlich.

Es folgt ein weiterer Werbeblock. Nun ist „Off the Record“ endlich ich dran. Ich hatte sofort zugesagt – wann bekommt eine kleine Hinterhof-Redaktion wie meine schon mal die Gelegenheit, sich zu einem großem Thema, vielleicht dem Größten und wichtigsten überhaupt, zu äußern? Ich rücke meinen Stuhl zurecht, drücke den Rücken durch und merke erst jetzt, wie heiß es in dem Studio wirklich ist. Kein Wunder, dass man vorher immer stundenlang geschminkt wird – sonst würde man in dem Licht glänzen wie eine Speckschwarte. Ich werde danach gefragt, wie ich als Chefredakteur die Wahl einschätze. Ich antworte, dass diese Wahl das Königsrecht des Bürgers sei und es über Jahrhunderte erstritten werden musste, dass Millionen Erstwähler aufgerufen sind, bei dieser Wahl über ihr Schicksal abzustimmen. Ich sage, dass kein politisches System jemals perfekt sein könne, die Möglichkeit die Wahl zu haben, jedoch das Beste ist, was uns bisher eingefallen ist. Ich beschreibe ein wenig die Aufgabe der Medien, Transparenz herzustellen und dass man sich von Kampagnen und dem Streit der Kandidaten untereinander nicht verunsichern lassen dürfe.  Ich spüre, wie über mir das Licht gedimmt wird. Dann ist meine Redezeit auch schon wieder vorbei. McMarshall und ich werfen uns ein knappes, eiskaltes Lächeln zu. Zero Sense sieht aus, als könnte das alles jetzt langsam mal vorbei sein – und das ist es auch.

Mir schwirren indes noch viele Gedanken durch den Kopf – viele davon werden das Verse noch lange beschäftigen. Wie sagte doch Professor Blau zur Beginn der Show? „Das Leben von Milliarden Menschen und anderen Rassen wird durch dieses eine Kreuz nachhaltig beeinflusst.“ Jede Wahl sei immer auch ein Prüfstein. Stühle werden gerückt, mancher streckt sich. Die Mikrofone werden abgenommen. Hat man seinen Kandidaten gut repräsentiert? Oder ihm gar womöglich geschadet? Hat man alle Argumente rübergebracht oder sich aufs Glatteis ziehen lassen? Zero nickt mir knapp zu, wir müssen dem Rest der Runde ja nicht auf die Nase binden, dass wir uns kennen. Alles Weitere, so hatten wir vorher ausgemacht, besprechen wir später.

Timothy Wardy schwärmt immer noch von seinem „Mädchen“. Herrje. Ich grinse ich mich hinein. Wahrscheinlich steht ein Bild von Mira Ngo auf seinem Nachtschrank. Aus meinen Gedanken reisst mich schließlich AstroSam. „War eine schöne Sendung“, sagt  er, während er jedem Bürger die Hand gibt. Sein Kollege Mitch van Hayden ergänzt: „Da war richtig Leben in der Bude.“ Während die Studiolichter langsam erlöschen, läuft Musik als Rausschmeißer. Unzählige Bewohner des Verse dürften heute zugeschaut haben – und die Debatte dürfte nach dieser Show nun erst recht heiß geführt werden. Ich verabschiede mich kurz, trete aus dem Studio in die kalte Abendluft von ArcCorp. Was für ein Affentheater. Wenn’s um das Erlangen von Macht geht, sind 900 Jahre an der Menschheit offenbar spurlos vorbeigegangen. Rumble in the Jungle.

.
You cannot copy content of this page