Ein neues Leben

– 2948 –

KAPITEL

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Prolog

02/01/2948: Ich blicke hinüber zu meinem alten Schiff. Von seiner Schönheit ist nicht mehr viel übrig – Sonnenwinde, Mikrometeoriten und UV-Strahlung haben der Hülle zugesetzt. Wir waren zu Fünft gestartet. Neben dem Piloten war ein Co-Pilot an Bord, ein Systemingenieur und ein Navigator. Und ich als Beobachter.

„…eine lange Zeit. Dafür hat sie gut durchgehalten.“ Ich nicke gedankenverloren.

„…in den Archiven habe ich nichts gefunden. Das heißt, nur einen kleinen Vermerk, in dem das Verschwinden der Rangin als Totalverlust von Ihrer Gesellschaft verbucht wurde.“

Ich drehe mich um.

„…In der  Aufregung, dass das Kolonieschiff verloren ging, achtete niemand…nun…auf ein Beobachterschiff.“ 

„Und die Artemis?“

„Man hat nie wieder etwas von ihr gehört. Aber Sie…Sie sind wieder zurück.“

„In einem fremden Universum.“

„In einem neuen Leben.“

Die Reise bis zum Rand des Sonnensystems sollte nur drei Wochen dauern. Dort sollte die Artemis verabschiedet werden. Eigentlich zu kurz für einen Kälteschlaf. Aber Mission Command hatte darauf bestanden, dass wir in die Kryokapseln steigen. Auch drei Wochen, so hieß es, könnten in so einer Blechbüchse verdammt lang werden. Dann aber muss es eine Fehlfunktion gegeben haben.

 „Wer hat mich gefunden?“

„Ein medizinisches Versorgungsschiff der UEE. Sie hatten Glück. Bis auf Ihre Kryokapsel war Ihr Schiff tot. Ihre Retter sind bei einem Patroullienflug nach Neujahr mit der Nase drauf gestoßen.“

„UEE“, murmele ich. „Wo sind wir überhaupt?“

„Port Olisar“, sagt die Advocacy-Mitarbeiterin, „im Stanton-System.“

Nie davon gehört. Siebenhundert Jahre sind eine verdammt lange Zeit.

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Ein Geist

Wandle seit Tagen wie ein Geist über die mir fremde Station. Blicke immer wieder durch die riesige Panoramascheibe und beobachte an- und abfliegende Schiffe. Um mich herum, lauter mir unbekannte Menschen, die ihren persönlichen Geschäften nachgehen. Eines hat sich jedenfalls nicht geändert: die Eile, der Glaube, immer irgendwo hinzumüssen. Ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben still. Ich schaue und nehme doch nicht wahr. Ich bin am Leben, das ist es, was zählt. Um mich herum nimmt die Realität erst langsam Gestalt an.

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08/01/2948: Mein Journal

Ich habe mir vorgenommen, regelmäßig festzuhalten, was passiert und was mir durch den Kopf geht. 

Die ersten Tage sind vergangen. Die Schmerzen im Körper lassen nach. Das Zeug, das einem in den Arm gespritzt wird, um die Körperfunktionen während der Kryostase aufrecht zu erhalten, habe ich fast ausgeschieden, sagt der Arzt. Habe außerdem auf der Krankenstation von Port Olisar diverse medizinische Tests über mich ergehen lassen. Alles soweit okay. Ich habe meinen langen Winterschlaf besser als gedacht überstanden.

Nach ein paar Tagen haben sie mir dann meine Habseligkeiten in die Hand gedrückt, mir alles Gute gewünscht – und das war’s. Was soll jetzt aus mir werden? Ich habe nicht die geringste Ahnung. Eine gute Nachricht aber gibt es doch: Ich bin reich, oder sagen wir –  vermögend.  Hatte vor meinem Abflug meine gesamte Barschaft in den Raumschiffhersteller RSI gesteckt.

Es gibt ihn immer noch. Und das will etwas heißen nach siebenhundert Jahren. Haben sich breit aufgestellt. Irgendwann sind die Aktien wohl durch die Decke gegangen. Nachdem meine Personalien zweifelsfrei festgestellt waren, durfte ich einen Blick in mein Depot werfen. Hab’ fast einen Herzinfarkt bekommen.

Ich spiele mit dem so genannten Mobiglas herum, das ich seit zwei Tagen trage. Sieht aus wie ein Mode-Gimmick, ist aber ein feines Stück Technik. Alles, was man  wissen muss, ist auf Fingerdruck abrufbar – Geld, Aufträge,  Nachrichten. Ein Smartphone des Jahres 2948. Nur kein eigenes Leben.

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Aufgelesen

<klick> …Wiedergabe…

„…na, ja, ich bin vor gut zehn Minuten aufgewacht. Dann sind Sie rein gekommen und seitdem schauen Sie mich … können Sie mal das Licht runterdrehen? Ich hab’ brüllende Kopfschmerzen.“

Unbekannte Stimme: „Wir haben Sie gefragt, ob Sie den Recrutierungs-Button bewusst gedrückt haben?

„…also, wenn Sie mich so direkt fragen: Nein, ich weiß nicht, ob ich den Knopf gedrückt habe. Aber sonst säßen Sie ja wohl kaum hier, oder?“

Unbekannte Stimme: „Noch einmal: Ihr Name?“

„John Brubacker.“

Unbekannte Stimme: „Und woran können Sie sich erinnern? Eines nach dem anderen.“

„…so weit ich mich erinnere, war es eine Werbe-Comm. Ich wollte sie schon löschen, doch dann las ich: „Crash – Search and Rescue“. Musste erstmal grinsen wegen des Namens. Im Anhang dann ein paar Videos mit ein paar Dogfights. Jedenfalls verging mir das Grinsen recht schnell. Ich wusste nicht, dass man mit einer Hornet so fliegen kann…und da habe ich spontan gedacht…“

<klick> Wiedergabe stopp.

Beide Recruiter mustern mich eingehend.

„…eigentlich sind Sie zu alt“, sagt er eine. „Es gibt eine biologische Grenze für die Arbeit im Cockpit.“ Er macht ein Dateivermerk. Beim Hinausgehen dreht sich der zweite Recruiter um. „Wissen Sie, wir suchen immer gute Leute. Aber, merken Sie sich: Das bedeutet noch gar nichts. Es ist nur der erste Schritt. Aber wenn Sie sich darauf einlassen, kann es für Sie vielleicht der erste Schritt in ein neues Leben sein. Unabhängig davon, wer oder was Sie früher einmal waren.“

 Journal-Eintrag 28/01/2948

Vor drei Wochen bin ich dem Tod von der Schippe gesprungen. Jetzt haben mich Söldner aufgelesen. Das hätte ja nicht besser laufen können. Hatte eigentlich vorgehabt, irgendwie auf die Erde zurückzukehren. Hat sich wohl erstmal erledigt.

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Flugübungen

„Brubacker!“

Mein Flugbuddy steht am Fuß der Leiter meiner Hornet und brüllt meinen Namen. 

 Langsam klettere ich die Leiter meiner Maschine hinab.

„Was ist dein Problem?“

„Welches Problem?“

„Das frage ich dich. Wir haben nicht einen Dogfight gewonnen.“ Auf dem Flugdeck der „Florence Nightingale“ versteht man kaum sein eigenes Wort, aber mein Trainingspartner ist so aufgebracht, dass sich sogar Mechaniker umdrehen, die zwei Reihen weiter Maschinen für die nächsten Apprentice fertig machten. Ich fühle mich unwohl.

Wir sind soeben von einem Übungsflug zurückgekehrt. Tjosten, Rotationsflug und ein wenig kämpfen im Element mit Übungsmunition standen auf dem Programm. „Wenn man dir zusieht, denkt man, du hast überhaupt keine Ahnung, wohin du fliegst. Das dürfte dir nicht passieren. Nicht wenn du im Simulator trainiert hättest. Und du bist genauso lange hier wie ich. Von deiner Kommunikation will ich gar nicht erst reden…“

 „Hey, ich habe trainiert“, erwidere ich.

„Unsinn. Du bist mindestens ein Drittel weniger geflogen als alle anderen.“

„Der Arena Commander…“

„…der Arena Commander ist ein Spielzeug. Checkst du etwa meine Logs?“ Mein Partner dreht sich um und geht ohne ein weiteres Wort davon. Ich blicke ihm hinterher. Insgeheim weiß ich: Er hat Recht. Ich würde selbst keinen Pfifferling auf meine Flugkünste geben. Und es stimmt ja auch. Ich war noch nie der Fleißigste. Immer nur das Nötigste. Meist auf den letzten Drücker. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen. G-Safe, Comstab, ESP – ich hatte die Schiffssysteme schnell verstanden. Andererseits…

Ich fühle mich ausgelaugt. Das Packen meiner Habseligkeiten innerhalb weniger Stunden in dem schäbigsten Loch, das man auf Port Olisar mieten konnte, die Formalitäten, die Überprüfung, dass ich kein Pirat war, die Einweisung auf der „Florence Nightingale“ – es war viel gewesen in den ersten Wochen. Viele unbekannte Gesichter, das Gerede über das High Command, die Pflicht-Stunden im Sim, der Befehlston…hatte ich mich  tatsächlich freiwillig als Söldner gemeldet?

Was ist bloß aus dem Mann geworden, dessen Name früher einmal überall stand? Dessen Meinung gefragt war? Hier bin ich nur noch ein Niemand. Aber vielleicht ist das ja ganz gut so. Seit Wochen habe ich jetzt keinen Alkohol mehr angerührt – und doch…tief im Innern weiß ich, dass ich meine Vergangenheit nie ganz abstreifen können werde. 

Ich schüttele den Kopf, um die Bilder zu verscheuchen. 

Ein paar Tage später.

“Hochziehen!“

Die Stimme des Flight-Instructors dröhnt in meinem Helm.

„Brubacker! Herrgott.“

Der Flight-Instructor blickt auf den rechten Monitor in seinem Cockpit. Er sieht, wie mein Kopf nach rechts weggeknickt im Helm liegt, mein Mund ist leicht geöffnet, meine Augen flirren – ganz so, als wäre noch Leben in ihnen. Doch der Instructor weiß: Es ist nur das leichte Zittern des Triebwerks, das sich durch den Rumpf des Raumschiffes fortpflanzt und das meine Augenlider tanzen lässt.

„Brubacker!“

„….ugh…“

„Hochziehen. Und volle Schubdüsen. Sofort!“

Meine rechte Hand liegt schlaff auf dem Steuerknüppel. Es dauert einen Atemzug, dann habe ich ihn wieder fest umklammert und ziehe so kräftig, wie ich kann. Unterdessen kämpft sich mein Bewusstsein zurück an die Oberfläche. Wohl mehr instinktiv bediene ich die Schubdüsen. Als hätte ihr jemand einen Tritt verpasst, zieht meine Übungshornet steil nach oben. Der riesige Felsbrocken, auf den das Schiff eben noch zugrast ist, verschwindet aus meinem Sichtfeld. Noch immer fühle ich mich benommen. Nur Augenblicke später trudelt die Hornet in den leeren Raum darüber.

Der Flug-Ausbilder stöhnt und seufzt in einem Atemzug. Es ist ein Laut, in dem vieles mitschwingt. Und doch: Er hatte den Job nicht übernommen, um die Büttel immer sofort hinzuwerfen, selbst bei den schwierigen Fällen. „Ruhig atmen“, sagt er halb zu sich selbst, halb zu mir. Wie in Trance fliege ich eine weite Kurve, zurück zum Atmosphären-Umwandler, dem Startpunkt der Flugübung.

Seit gut einer Stunde üben wir im „Arena Commander“, einer Simulation, die sich so real anfühlt, dass man schon nach wenigen Minuten glaubt, im echten All zu fliegen. Physikalische Gesetze werden naturgetreu wiedergegeben – Beschleunigungen, Drehmomente, Fliehkräfte. Sogar Bewusstseinszustände übertragen sich auf die Piloten. Man nimmt in dem Simulator Platz, schnallt sich an und setzt einen Helm auf, in den mit Hilfe von Mikrokameras das gesamte Abbild des Weltalls samt Raumschiffcockpit projiziert wird. Sensoren lesen Gehirnströme aus und geben Impulse, reizen etwa den Gleichgewichtsnerv im Innenohr so, dass Bewegungseindrücke ans Gehirn übermittelt werden. Jedes Manöver fühlt sich absolut echt an, die Illusion ist perfekt.

Kurzum: Gefahr für Leib und Leben besteht nicht. Es wäre für mich auch schwierig gewesen, fünfmal hintereinander zu sterben. Dreimal bin ich in der vergangenen Stunde in der Simulation an Asteroiden zerschellt. Einmal habe ich einen virtuellen Schlaganfall erlitten, weil der Redout so extrem war, dass in meinem Kopf eine Ader geplatzt ist. Und einmal habe ich die Hornet so hart herumgerissen, dass ich mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe des Cockpits geschlagen bin und ich mir das Genick brach.

„Haben Sie etwas gesagt?“

„Nein. Noch einmal von vorn.“

Ich richte meine Maschine erneut aus und gebe Vollschub. „Moment…ich wollte noch  einmal…“ Der Instructor hält inne, schürzt die Lippen. „Brubacker… Du, ich werde Dich einfach Bru nennen. Brubacker dauert einfach zu lang. Erst recht, wenn Du wieder wegkippst.“

Ich starre einen Moment in den Raum, der scheinbar unendlich vor mir liegt.

Bru.  In meiner Kindheit hatten mich alle so genannt. Ich lächle.

„Gehen wir die Übung noch einmal in Ruhe durch“, sagt er. Vollschub, Decoupeln, 180-Grad-Wende, mit dem Heck voraus, eincoupeln, nirgendwo gegen knallen, wach bleiben. Ich lausche den Anweisungen und schwöre mir: Diesmal werde ich das Bewusstsein nicht verlieren. Dann lasse ich die Hammer-Propulsion-TR4-Triebwerke meiner virtuellen Schulungs-Hornet erneut aufjaulen.

Journal-Eintrag 02/05/2948

Ich habe im Simulator alles vollgekotzt. Das wird nichts. Nicht an vorderster Front. Werde mein Abschiedsgesuch einreichen. Ist vielleicht Zeit, mir ein eigenes Schiff zuzulegen.

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Journal-Eintrag 22/09/2948

Alles, was rund Crusader Rang und Namen hat, ist da –- „M.E.R.C.“, „Ihope“ oder die „Deep Dive Cooperation“. Mir sagt das alles nichts, außer: Allein ist man in diesem Universum verloren. Nur in einer Gemeinschaft überlebt man. So viel habe ich mittlerweile begriffen. Ich blicke durch die Panoramascheibe von Port Olisar. Sie reflektiert das rege Treiben der Con 42. Mein Blick fällt auf ein Logo und einen Schriftzug – spiegelverkehrt zwar, aber dennoch leicht zu entziffern:  „Phoenix“.  Der Name passt  zur mir. Bin ja auch wieder auferstanden, wenn man so will. Ich gehe hinüber.

Ein Waffenunternehmen. Der Stand, den das Unternehmen aufgebaut hat, ist mit Abstand der größte der Messe. Sogar einen eigenen Schießstand hat das Unternehmen. Jeder der weiß, wie man eine Waffe hält, probiert sich aus. „Pew Pew“ heißt das. Eine schöne Umschreibung für ein Loch in Brust oder Helm. In Schaukästen liegen Waffen aus, die das Unternehmen im Angebot hat. Krieg geht eben immer. Daran hat sich in den vergangenen siebenhundert Jahren nichts geändert. Nach ein paar Minuten sitze ich bei einem Recrutierungsgespräch. Meinem zweiten innerhalb weniger Monate. Ich hoffe, diesmal läuft es besser.

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Journal-Eintrag 17/11/2948

Meine erste Mission für “Phoenix Interstellar” wurde gecancelt. Keine Ahnung, wieso. Vielleicht sollte ich mir erst einmal ein paar ordentliche Rüstungsteile zulegen? Werde nach Port Olisar zurückfliegen, da kenne ich mich mittlerweile aus. Aber nicht ohne mich vorher noch ein wenig auf Hurston umzuschauen. Ist mir schleierhaft, wie man einen ganzen Planeten so runterrocken kann. Aber das ist eben das Resultat, wenn die Industrie machen kann, was sie will. Rund um Lorville sieht es aus wie ein einziges Verbrechen gegen die Natur. Fliegt man aber etwas weiter raus, gibt es durchaus auch schöne Ecken: Habe sogar ein paar lauschige Fleckchen mit Bäumen und Sträuchern entdeckt. Nur ins Wasser darf man nicht gehen. Es hat eine ungesunde Farbe. Würde mich wundern, wenn darin noch etwas lebt. Mein erster fremder Planet – und dann dies. Erlebe dafür ein paar spektakuläre Sonnenaufgänge. Eine fremde Sonne vor einem fremden Sternenhimmel!

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Journal-Eintrag 24/11/2948

Ich drehe das Ticket zur Intergalaktischen Luft- und Raumfahrtmesse in den Fingern. Lorville auf Hurston – ich kann mir kaum einen dreckigeren Ort vorstellen, um auf Hochglanz polierte Raumschiffe auszustellen. Aber es hilft nichts: Ein fliegbarer Untersatz muss her. 

   Heute ist RSI dran, die Mutter aller Raumschiffhersteller. Ich finde, sie haben ein gelungenes Design und  mir wird klar, warum sie so beliebt sind – und mich so reich gemacht haben: Es sind funktionale Schiffe mit viel Platz, robust noch dazu. Geeignet für alle möglichen Einsätze. Ich lasse meinen Blick durch die Halle schweifen. Es ist wie auf einer Brautschau. Auf den ersten Blick ist man schnell  verliebt, aber dann  denkt man: zu groß, zu klein, zu dick, zu teuer. Bin ständig hin- und hergerissen. Ich amüsiere mich über die leeren Flaschen in der Bar in einem Luxus-Modell namens Constellation Phoenix. Vielleicht liegen irgendwo bei RSI jetzt lauter Dockarbeiter in einer Ecke. „Männer, wir fliegen zur Expo. Das muss alles weg. Prost!“

   Auch in der Zukunft verstehen die Herren Raumschiffhersteller eben etwas von Business. Das zeigt sich auch daran, dass auf allen Schiffen über die verschiedenen Firmen hinweg die Bedienung fast identisch ist. Der Umstieg von einem Schiff auf ein anderes ist so keine große Sache. „Miet mich“ steht überall draußen drauf. Klar, Wenn Du erst einmal im Pilotensitz gesessen hast, sitzen auch die Credits anschließend lockerer.

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Journal-Eintrag 26/11/2948

Ich unterschreibe auf der Expo Verträge für ein paar Raumschiffe. Der Verkaufsagent versichert mir, dass ich die Schiffe jederzeit wechseln könne. Es sei klug, sich so breit aufzustellen. Schließlich wisse man nie, wohin einen der Weg eines Tages führen werde. Könnte ihm eine reinhauen. Schließlich besitzt er als Sicherheit nun meine Aktien-Optionen. Und versichert sind die Schiffe ja auch noch.

Ich bekomme eine Comm von Vooslo, wie ich Neuling bei „Phoenix Interstellar“. Er fragt, ob wir uns gemeinsam mal ans Mining wagen wollen – jetzt wo ich ebenfalls stolzer Besitzer einer Prospector sei. Ich muss nicht lang überlegen. Zum besten Fighterpiloten des Verse habe ich nicht getaugt. Vielleicht bin ich ja ein Miner?

Ich kann aber auch dringend ein wenig Bargeld gebrauchen. Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, komme ich an viele Aktienoptionen nicht ohne Weiteres heran. Ich darf sie zwar als Sicherheit für Raumschiffe hinterlegen, in Geschäften kaufen kann ich dafür aber nichts. Anders gesagt: Ich bin wohlhabend, aber fast pleite. Komme um harte Arbeit nicht herum. Ist aber vielleicht auch nicht das Schlechteste, die Knochen nach siebenhundert Jahren Tiefschlaf mal wieder ein wenig in Schwung zu bringen.

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Journal-Eintrag 04/12/2948

Mining – wie langweilig wird das wohl werden? Auf Steine starren und diese erhitzen bis sie zerspringen. Falsch gedacht. Wie ein Kaninchen auf die Schlange starre ich seit Minuten auf den Rock Energy Level. Fällt er, erhitzt sich der Stein nicht genügend und ich kann hier hocken bis ich Moos ansetze. Rutscht er in den roten Bereich, wird es gefährlich. Dann fliegt mir der Brocken um die Ohren.

Yela, hier kannst Du nicht viel machen, ausser die Erde aufzuschweißen. Ein Mond, der um Crusader kreist. Kalt, unwirtlich, einsam. Vooslo ist auf Abstand gegangen. Sollte ich mich anstellen wie der erste Mensch und zuviel Laser-Energie in den Brocken jagen, so kriegt auch er eine Klamotte durch die Frontscheibe. Er hat mir für den Anfang einen Stein rausgesucht, den er bereits vorgeknackt hatte. Endlich, er zerbricht. In vier der fünf Bruchstücke ist der Mineraliengehalt null, in einem ist ein wenig Agricium enthalten – das bringt rund 1000 Credits.

Nach knapp einem Jahr im Verse ist mir vor allem eines klar geworden: Man muss offen sein für jede Gelegenheit, die sich bietet. Wer überleben will, muss alle Professionen beherrschen. Auch das Beherrschen eines Mininglasers kann über Leben oder Tod entscheiden.

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Journal-Eintrag 10/12/2948

Lorville – was für ein Moloch. Zwischen Wolkenkratzern, die scheinbar bis zum Himmel reichen, wirken die Menschen verloren. Gehetzt und immer auf dem Sprung. Wer hierher kommt, der hat etwas zu erledigen, einen Deal zu machen, einen Auftrag anzunehmen oder abzuschließen. Wer hier arbeitet, weil er es muss, der hat keine bessere Alternative gefunden. Muße, Kurzweil, Entspannung – wer das in Lorville sucht, der ist am falschen Ort.

Kein Wunder: Die ganze Stadt ist ein einziger Spagat. Ein Spagat zwischen schäbigen Ecken, dunklen Gassen, Schrottplätzen, Kneipen auf der einen Seite – und Protz und schamloser Zurschaustellung von Macht im Hauptquartier von Hurston Dynamics auf der anderen Seite. Vom Umland will ich gar nicht erst reden. Wer seinen Dreck, Abfall und Müll derart ungeniert und rücksichtslos vor den Stadtmauern entsorgt, dem dürfte jede Moral fehlen.

Auch wenn die Werbeplakate von Hurston Dynamics anderes verkünden – als Individuum ist man hier nicht viel wert. Das zeigt sich auch in der Ruppigkeit der Wachen, die hier an jeder Ecke postiert sind. Bleibt man nur einen Augenblick zu lange stehen, wird man weitergescheucht. Nur deine Arbeitskraft, die will das Unternehmen natürlich haben. Und wenn du nicht mehr kannst, dann wirst du eben wieder fit gemacht – das riesige Krankenhaus im Innenstadtbereich zeugt von dem Umstand, dass die Menschen hier wohl nicht viel mehr sind als Arbeitsbienen.

Diese Entwicklungen hat es in meinem früheren Leben auch schon gegeben. Monopolbildungen, Zusammenballungen und Konzentration in ungesunder Größe – das ist nichts Neues. Hier aber kann man sehen, was passiert, wenn einem Unternehmen ein ganzer Planet gehört. Sie haben ihn in einen Müllhaufen verwandelt – in einer Mischung aus Größenwahn, Profitgier, Rücksichtslosigkeit und Desinteresse.

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Good fire, bad fire

Den ersten trifft es kurz vor dem Bunker-Eingang. Eine Flaksalve reisst Daymen von den Füßen. Sie hat die Vorhut gebildet. Geschockt sitzen Vooslo und ich in unserem Ursa Rover und blicken auf unsere Kameradin, die wenige hundert Meter vor uns zusammengebrochen ist.

Wir denken fieberhaft nach. Näher ran, unsere Kameradin retten? Sicher – aber wie, ohne uns selbst in Gefahr zu bringen? Ich suche auf dem vor mir liegenden Gelände nach Deckung, als sich das Flakgeschütz neu ausrichtet und nun unseren Rover aufs Korn nimmt.

„Wir müssen hier raus, sofort.“

Vooslo springt von seinem Fahrersitz auf, ich hechte hinterher. Kaum sind wir zur Seitentür hinaus, schlägt auch schon die nächste Salve ein. Wir springen hinter einen Felsen, während das gepanzerte Fahrzeug in Stücke fliegt als wäre es aus Pappe.

Eine brutale Fehleinschätzung hat zu der katastrophalen Lage geführt. Wir wussten zwar, dass die Bunker-Flakgeschütze noch aktiv waren. Alle drei waren wir aber überzeugt davon, dass sie nur den Himmel scannen würden. Wer würde hier draußen, in der weiten Einöde Hurstons, zwischen Dreck und Kontaminierung, schon freiwillig am Boden unterwegs sein? Bei unserer Annährung hatten wir uns daher in Sicherheit gewähnt. Jetzt sitzen wir in der Falle, einer kampfunfähig.

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Rund 20 Minuten zuvor: Die Constellation geht in den Landemodus. „Wenn wir hier runtergehen, ist das Schiff sicher“, sagt Vooslo. Wenige Augenblicke später hat es Halt auf dem felsigen Untergrund gefunden. „Drei Klicks sollten reichen.“ Ich stehe aus meinem Co-Pilotensitz auf, gehe in den Frachtraum und lasse den Ursa Rover auf der Laderampe hinunter.

Das Schiff ist eine gute Wahl für den Einsatz. Mit seinem starken Scanner war der Eingang zu der unterirdischen Anlage leicht zu finden – mehr noch: Derzeit sind so viele Connys am Himmel über Hurston unterwegs, dass wir nicht weiter auffallen. Wir wollen einen Bunker inspizieren, eine Sicherheitsanlage, die von Hurston Dynamics einst genutzt worden war, um an der Oberfläche Waffentests durchzuführen. In Lorville geht das Gerücht um, dass die Einrichtung verlassen ist.

Unser offiziell als Ausflug deklarierte Unternehmung dient in Wirklichkeit jedoch der Aufklärung: Mit welchen Methoden testet der mächtige Hurston-Dynamics-Konzern seine Produkte? Die weithin zerstörte Umgebung gibt darüber nur indirekt Aufschluss. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, hat unser Verwaltungs-Team, in dessen Aufgabenbereich solcherart Jobs fallen, auf Begleitschiffe des Wachschutzes verzichtet – der größte Fehler, wie sich noch zeigen soll. Denn wie sich herausstellt, ist die Anlage tatsächlich verlassen, aber weiterhin bewacht. Die Firma hat fünf großkalibrige Automatik-Geschütze aufgestellt, die Eindringlinge sofort unter Feuer nehmen. Wer lässt sich schließlich gern handzahm seine Geheimnisse entreissen?

Vooslo steuert den Ursa geschickt über das geschundene Land, vorbei an Felsen und Kakteen, die selbst in dem verseuchten Boden noch Nährstoffe finden, als es in unseren Headsets knackt.

„Habe die Anlage im Blick.“ Tenna Daymen ist mit einer Terrapin von Lorville aus gestartet. Sie hat die Aufgabe, den Luftraum über dem Bunker nach möglichen Feindkontakten zu scannen. Vooslo und ich wollen unterdessen auf dem Boden vorrücken. „Niemand zu sehen“, sagt Daymen, „ich lande und schaue mich schon mal um.“ Nur Sekunden später gehen ihre letzten Worte im Lasergewitter der Flakgeschütze unter. 

Entsetzt kauern wir hinter einem Felsen und blicken uns durch unsere Helme an. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen, doch die Szenerie ist trotzdem gespenstisch hell erleuchtet. Die Landescheinwerfer der Terrapin tauchen die Umgebung in grelles Flutlicht. Nicht dass die Flakgeschütze Licht brauchen würden, um uns zu finden – sie reagieren allein auf Bewegung – wir fühlen uns so aber noch schutzloser, als wir es ohnehin schon sind.

„Wir müssen zum Schiff, schnell“, keucht Vooslo.Wir rennen hinüber, die Waffen im Anschlag, wenn auch mehr zur eigenen Beruhigung, denn natürlich richten sie gegen die Flakgeschütze nichts aus. Daymens Schiff steht in vermeintlich sicherer Entfernung. „Wir müssen die Flaks aus der Luft bekämpfen“, keucht Vooslo.

Er hat die Führung unseres Zweierteams übernommen. Ich nicke stumm. Außer Atem erreichen wir die Terrapin, stehen schließlich wie betäubt davor: Die Tür lässt sich nicht öffnen. Eigentlich müssten wir Zugang haben, in unserer Einheit hat jeder Zugriff auf alle Fahrzeuge. „Verflucht“, stößt  Vooslo hervor. Es gerät immer mehr außer Kontrolle.

In der Entfernung ist zu hören, wie sich eine Flak neu ausrichtet. Instinktiv wissen wir: Die Terrapin ist nun aufgeschaltet. Unsere Bewegungen haben dafür gesorgt, dass das Schiff ins Visier des Geschützes geraten ist. Ich spüre Panik in mir aufsteigen – ein Gefühl, das nicht trügen soll. Der Nachthimmel zerspringt in tausend Farben, als der Laser direkt neben uns auf die Hülle des Schiffes trifft.

„Weiter“, brüllt Vooslo. „Wenn die Terrapin hochgeht, sind wir tot. Rüber zu dem Felsen dort.“

Erneut rennen wir um unser Leben.

„Wohin?“, schreie ich.

In meinem Helm  höre sich meine Stimme unnatürlich laut an. „Zurück zur Conny?“

„Zu weit. Das schaffen wir in unseren schweren Rüstungen nie.“ In der Tat sind wir jetzt schon völlig fertig. Ich schwitze unter der dicken Panzerung, mein Herz schlägt mir bis zum Hals. „Wir müssen näher an die Station ran.“ Ich stoppe mitten im Lauf. „Den Flaks entgegen?“ Vooslo nickt. „Es ist die einzige Chance. Es gibt viele Felsen auf dem Weg. Wir rennen, wenn sie im Suchmodus sind und verstecken uns, wenn sie beginnen, uns als Ziel aufzuschalten. Sind wir einmal im Bunker, können wir versuchen, von dort aus um Hilfe zu rufen.“

„Okay.“ 

Mal geduckt, mal im Sturmschritt, arbeiten wir uns vor. Hören wir die Mechanik der Flakgeschütze, springen wir hinter einen Felsen. Kehrt Stille ein, rennen wir weiter. Wir haben es fast geschafft, als plötzlich weitere Explosionen die Nacht zerreissen. Wie aus heiterem Himmel geht ein Geschütz der Anlage nach dem anderen hoch. Ich traue meinen Augen nicht – eine Constellation beharkt mit ihren schweren Waffen die Abwehrtürme. „Sie schießt uns den Weg frei“, brülle ich. Vooslo blickte kurz hinüber, rennt dann jedoch weiter. Er scheint etwas zu ahnen. Sekunden später erreichten wir den Bunker. Die Constellation hat mittlerweile die letzte Flak zerstört, nun gilt ihre Aufmerksamkeit uns beiden. Wie ein Raubtier, das neue Beute sucht, dreht sich das Schiff in unsere Richtung.

„In den Bunker“, brüllt Vooslo.

Wir stürmen vorwärts auf die Plattform des Fahrstuhls, der uns in sichere Tiefe bringen soll. Vooslo hämmert auf den Fahrstuhlknopf. Ich ziele unterdessen mit einer Pistole nach oben, während sich die Plattform senkt. Jeden Moment erwarten wir einen Kugelhagel. „Wir brauchen Kontakt nach Lorville“, keucht Vooslo, „ein funktionierendes Terminal.“ Wir hetzen durch die Gänge der alten Anlage. Doch obwohl sie so weit noch intakt zu sein scheint, finden wir nichts, das noch betriebsbereit ist. Hurston Dynamics hat alles abgeschaltet. Der Bunker ist tot.

Schließlich hält Vooslo inne. „Stop“, sagt er. „Wie viele sind in der Regel auf einer Conny?“

Ich sehe ihn fragend an. „Drei bis vier Mann. Nicht mehr“, antworte ich.

Vooslo kontrolliert das Magazin seiner Karna-Waffe. „Ich habe noch drei Granaten und rund 260 Schuss.“ Ich drehe in meiner Hand meine Laser-Pistole hin und her und verfluche meine Dummheit. Meine SMG habe ich auf der Conny gelassen. „Ich habe noch zwei Magazine.“ Wir blicken uns  an. „Volles Risiko“, sagt Vooslo. „Wir müssen uns den Weg freischießen.“

Ecke für Ecke schleichen wir zurück. „Hast Du gehört, ob der Fahrstuhl heruntergekommen ist?“ Ich schüttele den Kopf, als mich ein Laserschuss nur knapp verfehlt.

„Da sind sie.“

„Granate.“

Vooslo zündet einen Sprengsatz.

Ich springe in Deckung, bin aber eine Sekunde zu spät. Der Lichtblitz blendet mich und ich spüre wie es mir fast das Trommelfell zerreisst. Der Widerhall in der Anlage ist ohrenbetäubend.

„Ausser Gefecht“, bringe ich gerade noch hervor.

Ich spüre, wie mein Mobiglass vibriert. Eine Comm. Mit letzter Kraft blicke ich darauf. „Peace, Bunker Hurston“, lese ich leise ab. Ich zeige auf mein Mobi. Vooslo brüllt unterdessen zurück: „Okay.“

 „Bleib cool -“

„Bleib du auch cool, wenn du um die Ecke kommst.“

„Okay.“

Ich höre, wie sich Vooslo langsam vorantastet.

Es ist ein einzelner Mann.

 „Ich bringe Euch zu Eurer Constellation“, ist das letzte, was ich mitbekomme, dann verliere ich das Bewusstsein.

 Journal-Eintrag  12/12/2948

So ein einfacher Einsatz. Und wir rennen rein wie Mäuse in eine Mäusefalle. Ich brauche dringend ein Marine-Training. Und ich muss fitter werden. Sonst krieg’ ich noch einen Herzkasper unter der Rüstung. Bin jetzt in der Verwaltungsabteilung bei „Phoenix Interstellar“ gelandet. Orga-Kram im All.

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Journal-Eintrag 14/12/2948

Es sagt sich so leicht dahin: Man wirft alles hin, trennt sich von allem, was einen belastet und beginnt ein neues Leben. Theoretisch klingt das toll. Wie oft habe ich das früher selber gesagt. Leinen kappen, jeden Ballast über Bord werfen. Nur noch das tun, was man wirklich möchte.

Aber wenn es dann tatsächlich passiert, dann ist es etwas völlig anderes. Man weiß nicht wohin mit sich. Alle Menschen, die man kannte – tot. Dinge, an denen man sich innerlich aufrichten konnte – weg. Sinnhafte Aufgaben – keine. Stattdessen: Einsamkeit. Es wird einem gesagt, dass ein gewisses Risiko besteht, wenn man in eine Kryokapsel steigt. Die Chance, dass man nicht mehr aufwacht, sei minimal.

Dass man erst siebenhundert Jahre später wieder aufgetaut werden könnte, hat niemand erwähnt. Vor dem Verrücktwerden hat mich bislang wohl nur bewahrt, dass ich auch schon in meinem alten Leben eher ein Einzelgänger war, der sich nie groß an etwas gebunden hatte. Sind wahrscheinlich meine indianischen Wurzeln.

Mittlerweile habe ich die wichtigsten Meilensteine dieser langen Zeit nachgelesen: Neso-Dreieck, Entdeckung von Sprungpunkten und des Croshaw-Systems zu Beginn der interstellaren Ausbreitung des Menschen, die Gründung der UNE und sogar das Zusammentreffen mit außerirdischen Rassen, die Messer-Diktatur. Es überfordert  meinen Verstand.

Meine Großeltern hatten noch erlebt, wie der Mensch ins Sonnensystem aufbrach. Ich bin nun in ein Universum hineingeworfen worden, das keine Grenzen mehr kennt.

Den Menschen machen seine Beziehungen aus. Es hat jetzt ein Jahr gedauert, bis ich die Gewissheit innerlich an mich heranlassen konnte, dass mein früheres Leben unwiderbringlich verloren ist. Wie aber knüpft man wieder an?

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