Die Rückkehr der Vanduul

–  Squadron 42: Prolog –  

Im Verborgenen rührt sich etwas, das längst begraben schien. John Brubacker bricht auf in das ferne Nyx-System, um sich einer Bedrohung zu stellen, die ihn fordern wird, wie nie zuvor: Die bösartige Alien-Kriegerrasse Vanduul brechen erneut in den von Menschen kolonisierten Raum ein. Brubacker zieht in einen  Kampf, der aussichtslos erscheint und der doch immer mehr seine wahre Geschichte enthüllt. Schließlich wird ihm klar: Er ist nicht der, der er zu sein glaubt, muss sich der ultimativen Wahrheit stellen – und dafür weit in seine Vergangenheit zurückreisen.


In die Dunkelheit

„Idioten!“

Ich stehe vor der riesigen Kiste und versuche, sie irgendwie vom Monitor wegzuschieben, der mir  Zugriff auf mein weiteres Inventar erlaubt. Aussichtslos – die riesige Kiste ist so schwer, als wäre sie am Boden festgenagelt. Wenigstens liegen meine Sachen drin, die ich mit nach Nyx nehmen will. Nur sollte die Kiste eben nicht hier stehen – sondern bereits von Huskys „Frost“. Und es sollte außerdem eine viel kleinere Kiste sein.

„…einmal nur sollte etwas klappen“, schimpfe ich vor mich hin.

Wenn man sich auf andere verlässt, ist man eben verlassen.

Ich atme tief durch.

Microtech – der Ort, an dem die rechte Hand stets weiß, was die linke tut.

Von wegen, es ist überall der gleiche Mist.

Mein Mobiglas piept.

Killer.

Er macht sich auf Huskys Schiff bereits eine Koje klar. Ein Lächeln huscht mir über das Gesicht. Wir hatten echt gute zwei Wochen. Biken, abhängen, quatschen – und viel schlafen. Ich habe versucht, alles einfach zu verdrängen. Selbst die Vanduul mussten sich gedulden. Natürlich waren sie dennoch stets in meinem Hinterkopf – und doch: Das habe ich, das haben wir gebraucht. Nachdem Husky uns und zwei Bikes ins Tobin Valley gebracht hatte, hatte er kehrt gemacht, damit Garnsky letzte Vorbereitungen an der „Frost“ für unsere große Reise treffen konnte. Irgendetwas wollte der grummelige Mechaniker noch unbedingt einbauen.

Killer ist in den vergangenen Monaten richtig aufgeblüht. Er hörte gar nicht mehr auf zu reden, was Garnsky ihm alles beigebracht hat – lauter technischen Kram. Ich lächelte, nickte, stimmte zu – auch wenn ich kein Wort verstand. Und ein geborener Biker ist er auch noch. Irgendwann werden wir wieder die „Free Riders“ reaktivieren.

Doch nun: Auf nach Nyx.

Genau ein Jahr ist es her, dass Husky und ich zum ersten Mal nach Pyro aufbrachen. Eins hat seitdem zum nächsten geführt – fast zwangsläufig, wie es scheint. Was haben wir seitdem nicht alles erlebt… und jetzt: Die Rückkehr der Vanduul. Die ominöse Nachricht, die meinen endgültigen Tod fordert. Smith seltsame „Schwerter der Zeit“…

Was hat das alles zu bedeuten?  Wir werden es herausfinden müssen. Seit die Rückkehr der Vanduul offiziell feststeht, ist ganz Stanton in Aufruhr – waren bisher die täglichen Piratenattacken das beherrschende Thema, so haben sie die Vanduul verdrängt. Amelia Boyd, die berüchtigte Anführerin der Frontier Fighters, ist von den Headhuntern mittlerweile sogar zur Strecke gebracht worden und wurde auf Ruin Station in Pyro barbarisch aufgeknüpft. Hat die Advocacy vielleicht auf der „Shack One“ doch noch etwas vom Virus gefunden, was sie auf die Spur gebracht hat und dann wiederum einen Deal mit den Headhuntern gemacht? Aber war Ruin Station nicht eigentlich das Territorium der XenoThreat? Wie es aussieht, werden angesichts der Vanduul-Bedrohung ganz neue Allianzen geschmiedet.

Ich sollte mir nicht mehr so viele Gedanken machen – es sind die Probleme anderer und ich bin kein Reporter mehr. 

Husky kommt aus dem Fahrstuhl.

„Alles klar, Bru?“

Ich zeige auf die Kiste – und er versteht sofort das Problem.

„Kein Ding, ich hieve sie mit dem Multitool rüber in den Fahrstuhl, dann können wir sie in meinem Hangar auf die Frost laden.“

Ich recke den Daumen nach oben – seine Kistenschlepper-Zwangsarbeit bei Microtech macht sich in diesem Moment bezahlt. Kaum ist das erledigt, machen wir uns auf den Weg in seinen Hangar.

„Haben wir dann alles?“

„…von mir aus können wir los.“

„Und dein Bike?“

„Richtig, fast vergessen.“

„Dann starte schon mal, ich hole meine Nox.“

Ich laufe zum Fahrstuhl, als ich Husky hinter mir plötzlich stöhnen höre.

„Arghhh….was ist das denn?“

Ich drehe mich um und sehe, wie sich Husky die Hände an den Hals hält. Er kann nicht richtig atmen.

„Irgendwas dünstet hier ganz furchtbar aus. Man kriegt schon auf der Rampe kaum noch Luft…“, krächzt er.

„Killer…“

Husky schüttelt seinen hochroten Kopf.

„…ist an Bord zwei Ebenen höher, ist alles hermetisch abgesichert und sind getrennte Lüftungssysteme. Aber hier unten stimmt etwas nicht…“

Ich klopfe Husky auf den Rücken, er hustet sich aus.

„Garnsky wollte noch ein Feuerlöschsystem einbauen. Vielleicht ein undichtes Ventil…“

Husky versucht, ihn übers Mobiglas zu erreichen – vergeblich.

„Der pennt sich wahrscheinlich irgendwo aus. Hat wohl mit Killer seinen Abschied richtig gefeiert.“

„Toll…und jetzt?“

Husky setzt sich seinen Helm auf, damit kann er den Laderaum der „Frost“ gefahrlos betreten.

„Wir probieren es so und entlüften den Laderaum später. Vielleicht erledigt sich das Problem damit von selbst.“

„Dann hole ich jetzt mein Bike.“

„Wir treffen uns draußen vor den Garagen.“

In Pyro  hatten wir schon richtig biken wollen – und was ist daraus geworden?

Nichts.

Diesmal lassen wir es nicht anbrennen.

Als ich auf meine Nox blicke, muss ich instinktiv grinsen. Ja, in Nyx warten die Vanduul auf uns und ja, irgendwas ganz Großes, Geheimnisvolles geht vor sich. Aber ich will verdammt sein, wenn wir nicht wenigstens irgendwo mal zu dritt die Bikes auspacken und uns den Wind eines neuen, fremden Planeten um die Nase wehen lassen.

Mittlerweile hatte ich einiges über Nyx gelesen:  Im Jahr 2582 entdeckt, als die neu gegründete UEE auf dem Höhepunkt ihrer Expansion stand, besteht das Sternensystem aus drei Planeten, die einen Hauptreihenstern vom Typ F umkreisen, sowie zwei Asteroidengürteln. Ansonsten eigentlich eher langweilig, ist astronomisch gesehen der interessanteste Aspekt von Nyx, dass sich das System direkt an der Grenze zu einem dunklen Nebel befindet, der die Orbits aller drei Welten einhüllt. Die Gase des Nebels schränken die Sicht stark ein und limitieren die Nutzung von Scannern… etwas, worauf sich die wenigen Bewohner des Systems wohl komplett verlassen.

Die Bewohner – Abtrünnige, wie es heißt, Menschen, die mit dem Leben in der UEE nicht viel anfangen können. Levski, eine alte Bergbaustation, auf einem Asteroiden, ist ihre Heimat. Unser erster Anlaufpunkt. Und in direkter Nachbarschaft zu Nyx liegt das Virgil-System. Einst ein Hort menschlichen Fortschritts und Heimat des Projekts „Far Star“, eines komplett terraformten Planeten, ist das System heute nur noch Ödnis. Nach dem Fall Tibers im Jahr 2736 zog sich das UEE Militär nach Virgil zurück und versuchte dort eine Verteidigung aufzubauen, um das weitere Vorrücken der Vanduul in den von Menschen kolonisierten Raum zu stoppen, aber die unbarmherzigen Alien-Monster  überwältigten sie auch dort rasend schnell. Millionen Zivilisten starben als die UEE erneut fliehen und das System in den Händen der Vanduul zurücklassen musste. Wie es scheint, kommen von dort heute die wiederkehrenden Attacken.

Ich verlasse die Garage und sehe die riesige „Frost“ direkt vor mir schweben. Husky hat die Laderampe bereits heruntergelassen. Ich bugsiere die Nox hinein, dann heben wir ab. Ein weiteres Mal lasse ich alles hinter mir – nun, nicht alles. Killer ist mit dabei. Am Pyro-Gateway werde ich zudem in meine Superhornet Mark I umsteigen – ich hatte sie vom Admin-Office dorthin liefern lassen. Ich hoffe, dass wenigstens das geklappt hat.

„Killer…?“

„Schläft“, sagt Husky, „alles in Ordnung.“

Ich lasse mich in den Co-Pilotenstuhl fallen, während Husky die „Frost“ an den Himmel schiebt, dann sind wir auch schon im Quantumflug Richtung Pyro-Sprungpunkt. Wie oft habe ich nun schon in die vorbeirasenden Schlieren des Weltalls gestarrt, ganz in Gedanken versunken, Momente des Innehaltens bei zwanzig Prozent Lichtgeschwindigkeit? Ich grübele: Sind die Vanduul vielleicht schon viel länger zurück, als wir alle wahrnehmen wollten? Wollten wir es bisher vielleicht nur nicht sehen? Ich denke an Friedrich – und an unsere Befreiungsaktion auf der Asteroidenstation in Pyro. Damals hatten wir auch Vanduul-Schiffe gesichtet – und hatten sie für Piraten gehalten, die Mimikry spielten. Was, wenn darin schon echte Vanduul gesessen haben? Wenn sie also bereits viel tiefer vorgedrungen sind, als alle wissen oder als offiziell zugegeben wird? Wenn es vielmehr unter der Decke gehalten wird? Was, wenn wir bereits zu spät kommen?

Husky scheint meine Gedanken erraten zu haben.

„Friedrichs Anwalt hat sich übrigens aus Terra gemeldet…“

„…ach ja?“

„Ja, es geht ihm gut soweit. Es scheint nur noch eine Formsache zu sein, wann er freikommt.“

„Gott sei Dank.“

„…und, hast du was von Pike und Alaska gehört?“

Ich schüttle den Kopf.

„So hätten wir jedenfalls niemals auseinander gehen dürfen“, sage ich leise.

Wahr ist: Beide kenne ich jetzt ein halbes Jahr. Würde ich ohne Zögern die Hand für sie ins Feuer legen? Soweit sind wir noch nicht. Andererseits: Sie sind mit uns gemeinsam durch alles durch – bis zum bitteren Ende in Onyx. Jeder ist bis an seine Grenzen gegangen und jeder war für den anderen da. Und das will ganz bestimmt etwas bedeuten. Ganz klar: Ich bin ihnen Antworten schuldig – nur wie und wo?

Dann erzähle ich Husky alles, was ich weiß. Er hört still zu. Ich mag mich selbst kaum reden hören und  während ich spreche, kommt es mir absurd vor, was mir Smith aufgetischt hat. Gleichwohl: Die Vanduul sind real, nicht nur eine Fata Morgana und was wir im ASD-Abgrund gesehen und erlebt haben, war auch keine kollektive Wahnvorstellung. Warum sollte also nicht auch alles andere stimmen?

Husky atmet mehrfach tief ein und aus, so als wollte er einen neuen Mühlstein, den ich ihm umhänge, krampfhaft abwälzen. Schließlich scheint er es jedoch mehr oder weniger hinzunehmen. Er stellt ein, zwei Nachfragen, dann fallen wir aus dem Quantumflug und alles andere müssen wir auf später verschieben.

„Da vorn ist das Pyro Gateway“, sagt Husky.

„Lass uns landen und auftanken. Ich wechsle dann auch auf die Hornet.“

Ich stehe auf und sehe nach Killer. Er hat sich tief in seine Decke vergraben. Den ersten Sprung durch ein Wurmloch nach Pyro wird er wohl verpassen. Egal, wir haben noch einen zweiten nach Nyx. Ich lasse ihn weiter schlafen. Nur Minuten später sind wir wieder unterwegs. Husky fliegt voraus, dann öffnet sich auch schon das Sprungtor und ich sehe, wie er darin verschwindet. Für ein paar Sekunden scheinen die Carrack ein paar geisterhafte Schwaden zum umwehen, dann löst sich die „Frost“ geradewegs in Luft auf.

„Krass!“, fährt es mir durch den Kopf.

Vor ein paar Jahrhunderten hätte man auch das für reinen Spuk gehalten.

Ich hole die Genehmigung von Pyro-Gateway für das Passieren des Tores ein, sehe in den Cockpitanzeigen, wie alles einrastet und ich auf den Sprungpfad gezogen werde – doch zweimal hintereinander stößt mich die Raumanomalie regelrecht ab, fast so, als würde sie mir den Zugang bewusst verweigern, um mich vor einem schlimmen Fehler zu bewahren.

Ich versuche es ein drittes Mal – und diesmal klappt es. Es ist mein erster Sprung allein durch ein Wurmloch. Ich halte zitternd den Steuerknüppel fest, zähle die Sekunden, sehne den Ausgang herbei. Noch eine Windung, dann noch eine und noch eine – schließlich ändern sich die Farben der Tunnelwände langsam von Blau auf Rot – untrügliches Zeichen dafür, es gleich geschafft zu haben. Dann bin ich auch schon durch. Sofort habe ich wieder Husky im Ohr.

„…wo bleibst du denn, ich habe mir schon Sorgen gemacht.“

„Alles okay, das war nur die Mechanik, die…“

„…schon gut. Ich habe mich in einem Nebel versteckt. Lass uns her schnell abhauen. Hier warten immer mal gern Piraten.“

Pyro – da sind wir wieder. Und zwar viel schneller als gedacht, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Ich blicke hinaus in den rötlichen Nebel, der ganz Pyro leicht durchzieht. Alles sieht aus wie immer. Wenn das Universum die eigenen kleinen Erlebnisse mit etwas quittiert, dann wohl mit umfassender Gleichgültigkeit. Ich denke an meinen letzten Artikel in der „Off the Record“. Pyro hat sage und schreibe sieben Sprungpunkte – nach Cano, Castra, Hadrian, Nyx, Oso, Stanton und Terra. Damit sitzt es wie ein Stachel im Fleisch der UEE. Hier liegen die tiefergehenden Gründe, warum das System einfach nicht zur Ruhe kommt. Alle Kämpfe sind nur Ausdruck dessen, das in Wirklichkeit etwas viel Größeres im Gange ist – das Tauziehen um profitable Handelsrouten und Machtverhältnisse zwischen den Systemen.

Kein Wunder, dass die Vanduul genau hier zuschlagen. Hier treffen sie die Menschen an einer empfindlichen, neuralgischen Stelle.  Jetzt, da wir nach Nyx reisen und die Vanduul zurückkehren, ist das nur umso offensichtlicher.

„Kommst du mit deinem Tank in der Hornet überhaupt durch ganz Pyro?“

Huskys Frage trifft mich wie ein Schlag.

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht – all die Jahre war ich auf Schiffen unterwegs, auf denen das nie ein Thema war.

„Ich…keine Ahnung“, stottere ich.

„Warte, ich kalkuliere es mal.“

Wenige Moment später meldet sich Husky wieder.

„Pyro IV, bis dahin solltest du es schaffen.“

„Pyro IV…da fällt mir was ein. Hast du schon mal was von Fellow Field gehört?“

Husky verneint.

„…das soll so eine Art Sehenswürdigkeit sein. Riesige Steintorbögen. Das könnten wir uns kurz anschauen bevor wir weiterfliegen.“

Kaum haben wir den Planeten erreicht, der wie eh und je türkisblau unter uns schimmert, weiß ich auch wieder, was ich an Pyro so faszinierend finde: seine unglaubliche Schönheit. Im Formationsflug fliegen wir mit unseren Schiffen hinab zum Naturschauspiel. Es ist ein schöner, genüsslicher Anflug und beide sind wir für ein paar Augenblicke still. Jeder genießt es für sich. In Pyro bekommt man eben nur beide Seiten der Medaille. Schließlich müssen wir jedoch entdecken, dass es sich bei den Steinbögen nicht um ein reines Naturschauspiel handelt. Vielmehr haben die Headhunter einen Outpost dazwischen gebaut.

„Wollen wir trotzdem runtergehen?“

„Warum nicht, wenn wir vorsichtig sind?“, antworte ich, genervt davon, dass wir uns den Ort nicht in Ruhe anschauen können. Keinesfalls wollen wir in ein Feuergefecht verwickelt werden. Wir landen ein wenig außerhalb und marschieren zum Posten. Schon am Eingang sehen wir, dass diverse weitere Schiffe gelandet sind – vielleicht Tauschgeschäfte, legale oder illegale, wer weiß.

„Lass uns hier am Rand bleiben, noch haben sie uns nicht entdeckt“, sage ich.

Husky stimmt zu, wir blicken ein paar Minuten zu den gigantischen Steinbögen auf, eine wilde Laune der Natur. Scharfer Wind muss die Formationen im Laufe der Jahrmillionen herausgefräst haben. Schließlich kehren wir zurück zu unseren Schiffen.

Ich checke die Karte.

„Nicht weit entfernt ist auch Chawlas Beach. Das könnte ich mit meinem Fuel gerade noch schaffen.“

Ich habe den Ort, den wir in Pyro vor einem Jahr als erstes besucht hatten, nach meiner Stippvisite mit der Wolf wieder in guter Erinnerung. Höchste Zeit, den Eindruck auch bei Husky zu revidieren. Er hatte sich damals auf einem Dach verschanzt, während eine Polaris über ihm direkt vor seinen Augen ein Massaker anrichtete – ein Umstand, der Pyro für ihn geprägt hat.  

Über Fellow Field geht die Sonne unter.

„Chawlas Beach liegt nordwestlich von hier. Wir fliegen quasi der Sonne hinterher.“

„Dann los.“

Die Vanduul müssen sich noch ein wenig mehr gedulden.

Wir jagen mit unseren Schiffen im Tiefflug über Pyro IV, eine kahle, wenn auch wunderschöne Welt. Irgendwann, in ferner Zukunft, da bin ich mir sicher, wird das alles besiedelt sein.

„Da ist es.“

Aus dem Dunst schälen sich die markanten Windräder des einsamen Outposts heraus, dann erkennen wir auch die Siedlung selbst.  Diverse Raumschiffe stehen auch hier auf den Landepads.

„Keine Angst“, sage ich zu Husky, „es wird schon gutgehen.“

Wir landen direkt nebeneinander und es bleibt alles friedlich. Minuten später laufen wir durch den Ort, der uns bei unserem ersten Besuch des Systems so einen großen Schrecken eingejagt hatte. Alles ist ruhig. Wir betreten mehrere Gebäude – und stellen fest: Es ist alles verlassen, nur ein paar Wachen sichern das Gelände, ignorieren uns aber.

„Vielleicht findet irgendwo eine Versammlung statt“, mutmaßt Husky.

Bestimmt hat sich auch bis hier herumgesprochen, dass die Vanduul wieder aufgetaucht sind. Vielleicht bereiten sie sich irgendwo vor oder sind sogar schon selbst in den Krieg gezogen. In jedem Falle ist es gut, Chawlas Beach noch einmal von seiner friedvollen Seite zu erleben. Manchmal muss man einfach noch mal zurückkehren, um Dinge für sich geradezurücken und abschließen zu können. Wir schauen uns noch ein wenig um, dann kehren wir erneut zurück zu unseren Schiffen.

Ich blicke auf meine Quantumfuel-Anzeige und checke die Karte.

„Bis nach Gaslight sollte ich es noch schaffen. Dort können wir auftanken.“

Als sich die kaputte Station aus dem sie umgebenden dichten Nebel schält, schießen mir sofort allerlei Erinnerungen durch Kopf. Wenn ich nicht irre, haben wir hier das letzte Mal Lyrana gesehen. Menschen kommen, Menschen gehen. Ich hoffe, dass sie wenigstens das Heilmittel erreicht hat.

„Landeerlaubnis erteilt“, blökt es aus dem Helmlautsprecher.

Ich lande auf dem rostigen Schrotthaufen und laufe kurz darauf durch den üblichen Unrat.

„Das Auftanken dauert ein wenig. Veraltete Technik“, sage ich zu Husky.

Wir steuern die Stationsbar an und holen uns zwei Bier.

Wortlos stoßen wir an, dann suchen wir uns ein Sofa in einer dunklen Ecke. Ich denke an das Kopfgeld, das in Pyro immer noch auf uns ausgesetzt ist und lächle in mich hinein – wenigstens sind unsere Köpfe etwas wert. Immerhin eine Million.

„Hör zu“, sage ich Husky, „was auch immer uns in den kommenden Wochen erwartet, wir beide halten zusammen.“

Er nickt stumm, damit ist es besiegelt.

.

Flug ins Blaue

Als ich in den Hangar zurückkehre, sehe ich Killer, wie er neben der Hornet steht und mit einem Mechaniker quatscht. Ich lächle – er kriegt schnell Kontakt zu anderen Menschen, hat weder Scheu noch Hemmungen. Darin ist er echt ein Naturtalent.

„Ausgepennt?“

Er dreht sich zu mir um.

„Ja, du hättest mich aber wecken können vor dem Sprung nach Pyro…“

„Du hast so fest geschlafen – und einen haben wir ja noch.“

Killer sieht mich beleidigt an.

„Hör zu“, sage ich, väterlich streng, „ich habe gesagt: Du kannst mitkommen. Aber Husky und ich müssen uns auf unsere Aufgabe konzentrieren können.“

„Okay…klar.“

„Willst du jetzt bei mir mitfliegen?“

Killer nickt.

Der Mechaniker signalisiert, dass der Tankvorgang abgeschlossen ist.

„Einsteigen und festhalten. Es wird ein wilder Ritt.“

Killer grinst und salutiert, dann klettert er die Co-Piloten-Leiter hinauf und schnallt sich fest. Ich folge ihm und fahre die Systeme hoch. Doch die Hornet startet nicht.

„Was ist das jetzt wieder?“

Ich versuche es noch einmal – nichts.

„Killer, haben die Mechaniker noch irgendwas anderes am Schiff gemacht als zu tanken?“

„Glaube nicht…das heißt, es hat kurz geblitzt, als der Mechaniker den Schlauch angeschlossen hat.“

„Geblitzt?“

„…ja er hat kurz geflucht. Dann ging‘s aber.“

Verdammt, bestimmt ein Spannungsüberschlag. Kein Wunder auf den uralten Pyro-Stationen.

„Ich boote das System mal neu.“

Ich funke kurz Husky an, dass mit der Hornet etwas nicht stimmt. Er ist mit der „Frost“ schon im All und dreht ein paar Runden um die Station. Hoffentlich crasht er nirgendwo rein, während die Hornet ihre internen Systeme neu kalibriert.

„Dauert nur ein paar Minuten.“

Mein Mobiglas piept.

Eine Nachricht von Smith, ich öffne das Mobiglas.

Doch er hat nichts geschrieben. Stattdessen ist an der Nachricht nur ein Anhang. Ich öffne ihn und sofort läuft es mir kalt den Rücken runter: Es ist ein Geheimdokument der UEE Naval Intelligence mit einer Übersicht aller gängigen Vanduul-Raumschiffe. Die Aufklärer und Jäger, Blade, Scythe, Glaive und Stinger sind darauf zu sehen, ferner große Bomber, Carrier, Korvetten, Begleitschiffe und in der Mitte prangt übergroß ein Kingschiff – mit einer Länge von über drei Kilometern, die Mutter aller Schreckensvisionen. Aus seinem Bauch schwärmen bei einem Angriff tausende Jäger und fallen ohne Gnade wie Hornissenschwärme über Planeten her.

Ich betrachte die fremdartigen Alien-Schiffe eingehend, ziehe mir das Bild größer – es sind Konstrukte wie aus einem Albtraum und erinnern an riesige scharfe Klingen und Krallen von Monstern, pure Werkzeuge des Todes. Warum schickt mir Smith dieses Bild? Wieso hat er es überhaupt? Hat er es gestohlen? Was zur Hölle erwartet uns in Nyx?

„Was schaust du dir denn da an?“

Killer hat sich auf seinem Co-Pilotensitz nach vorn gebeugt und blickt mir über die Schulter.

„Ich…nichts.“

Ich klicke Bild und Nachricht weg. Die Hornet gibt einen Piepton von sich – die Neukalibrierung ist abgeschlossen.

„Wir können los.“

Ich funke Husky erneut an, der immer noch seine Pirouetten außerhalb der Station dreht. Das Schiff startet wieder, alle Systeme fahren hoch, doch als ich nach dem Öffnen des Hangartores nach vorn beschleunigen will, macht die Hornet einen Satz rückwärts.

„Himmel.“

Offenbar ist der Schub invertiert.

Ich ziehe den Schubhebel nach hinten – und die Hornet fliegt brav vorwärts. Gut, dann muss es so gehen. Auf Levski werde ich das Schiff einem kompletten Systemcheck unterziehen lassen. Wir verlassen Gaslight. Killer sieht stumm aus der Cockpitscheibe hinaus in das fremde System.

„Die Station ist ja total kaputt.“

„Allerdings…“, antworte ich, „wie fast alles in Pyro.“

„Und hier warst du also so lange mit Husky?“

„Ja, waren wir.“

„Krass…der Himmel ist auch voll rot.“

Ich nicke.

Doch ich will mich nicht über Pyro unterhalten.

„…und, was weißt du über Nyx? Hast du mittlerweile gelesen, was ich dir gegeben habe?“

Killer strahlt übers ganze Gesicht.

„Ja, habe ich…ist echt interessant…“

Während ich mit der Hornet zu Husky aufschließe und wir gemeinsam in den Quantumflug zum Nyx-Sprungpunkt übergehen, referiert Killer über unser Ziel: Nyx wurde erstmals durch einen Sprungpunkt im Bremen-System von Navjumperin Carla Larry entdeckt. Trotz ihrer wenig ermutigenden ersten Einschätzung unternahm Larry den Versuch, die drei Welten des Sterns offiziell Lou, Morgan und Ashley zu benennen, offenbar nach drei verschiedenen romantischen Eroberungen.

Ich schmunzle. Da entdeckt man ein neues Sternensystem und das erste, was der Jumperin einfällt, ist, die Planeten nach ihren verflossenen Liebhabern zu benennen, alle drei Planeten besitzen eine giftige oder lebensfeindliche Atmosphäre  – auch eine Form der Vergangenheitsbewältigung.

„…sonst noch was Interessantes?“

Killer schiebt auf seinem Mobiglas ein paar Seiten umher.

„QV Planet Services wollte dann Ressourcen im Glaciem-Asteroidengürtel abbauen. War denen dann aber zu teuer und so sind sie wieder abgehauen. Haben alles stehen und liegen lassen. Heute wohnen da Piraten.“

„Okay, vor denen nehmen wir uns besser in Acht.“

Killer grinst – für ihn ist das alles hier nichts anderes als ein riesengroßes Abenteuer.

Mein Mobiglas piept erneut.

Wieder Smith.

Diesmal ist es nur eine Zahl – 9955…

Verdammte Geheimniskrämerei.

Ich berichte Husky davon, doch der kann sich darauf auch keinen Reim machen. Kurz danach fallen wir aus dem Quantum. Vor uns liegt das Nyx-Gateway. Ich nehme Tempo aus dem Schiff und wir lassen uns ein paar Minuten treiben. Liegt hinter diesem Tor meine Vergangenheit? Ich fühle: Nyx wird mir viele Antworten geben, nach denen ich seit Jahren suche.

Husky reißt mich aus meinen Gedanken.

„Können wir weiter? Ich wäre soweit“.

Killer blickt auf die Raumanomalie, die soeben von einem anderen Schiff passiert wird. Huskys „Frost“ folgt als nächstes, dann ist sie auch schon auf und davon.

„Alles klar auf den billigen Plätzen?“

Killer reckt zaghaft den Daumen nach oben.

Ich schwenke die Hornet auf den Sprungpfad ein, alles rastet ein und kurz darauf öffnet sich die Raumanomalie erneut – diesmal für uns. Ich ziehe den Schubhebel leicht nach hinten, dann hat uns das Loch im Weltraum auch schon verschluckt. Erneut geht es wild hin und her, ich komme den Tunnelwänden mehr als einmal gefährlich nahe, reiße die Hornet im letzten Moment herum, Killer schreit irgendwas hinter mir. Wieder folgen Windungen auf Windungen. Dann ändert sich die Farbe von rötlich auf bläulich und schließlich fallen wir wieder aus dem Sprungpunkt.

Wir sind in Nyx.

Vor uns schwebt eine riesige Station.

„Alles klar, Killer?“

Er hat die Augen weit aufgerissen.

Ich verabrede mit Husky, noch mal kurz zu landen, etwas zu trinken und Killer eine Atempause zu gönnen. Mein Mobiglas, das automatisch meine Körperfunktionen überwacht, zeigt eine recht hohe Dehydrierung an. Ich lande, Killer bleibt unterdessen im Schiff. Ich laufe zum nächstbesten Kiosk und kippe mir ein paar Wasser hinter die Binde. Vor dem Panorama-Fenster öffnet sich unterdessen die Anomalie ein weiteres Mal. Noch nie waren wir so weit entfernt von Stanton. In meinem Kopf verschwimmen Enos, ASD und Onyx zu einem undeutlichen Brei. Alles ist nun plötzlich ganz weit weg und irgendwie doch noch ganz nah. Schließlich kehre ich in den Hangar zurück.

„Hat das Schiff eigentlich einen Namen?“

 Killer reißt mich aus meinen Gedanken, die wild durcheinander gehen.

„Ich hatte mal einen. Gib du ihm doch einen neuen.“

Killer lächelt.

„Okay…bis wir da sind, hab‘ ich einen.“

Wir starten wieder und machen uns auf den Weg nach Levksi. Als wir wieder aus dem Quantum fallen, hat sich die Stimmung des Systems komplett gedreht: Es ist nun in blau getaucht – und wir befinden uns mitten in einem riesigen Asteroidenfeld, das sich durch das ganze System zu ziehen scheint.

„Wunderschön“, sagt Killer und ich bin ebenfalls überwältigt. Staunend blicken wir aus dem Cockpit. Es wirkt, als würde das Weltall aus lauter Scherben bestehen, als hätte jemand einen gigantischen Spiegel zerbrochen. Husky ist voraus und fliegt mit seiner „Frost“ zwischen den Gesteinsbrocken umher. Keine Frage: Die Wunder des Weltalls sind großartig, wenn man sich den Blick dafür bewahrt.

„Das da vorn sieht aus wie eine menschliche Behausung“, meldet Husky plötzlich und dreht das Schiff auf einen Felsen ein, der eindeutig größer ist als alle anderen.

„Das muss Delamar sein, die Heimat von Levski“, sage ich. „Killer, check mal, was darüber im Spectrum steht.“

Killer öffnet sein Mobiglas, dann projiziert es auf unsere Schiffs-Schirme:

Ein dichter Asteroidengürtel umkreist den Stern von Nyx. Das Feld beherbergt zahlreiche Bergbau-Außenposten und ist in Nyx als Ort bekannt, um unerwünschte Aufmerksamkeit zu vermeiden. Eine unbekannte Anzahl kleiner Siedlungen wurde auf den Asteroiden gegründet, deren Bewohner alles Mögliche suchen – von einem Leben außerhalb der UEE bis hin zu einer Plattform, von der aus sie außerhalb des Gesetzes operieren können.

Das Highlight dieser Siedlungen ist Delamar, der größte der Asteroiden. Die ehemalige Bergbauanlage von QV Planet Services ist ein Labyrinth aus Tunneln. Ursprünglich für eine kleine Population von Bergleuten und Ingenieuren gedacht, wurde die Station einst nur mit dem Notwendigsten und einem Minimum an Komfort ausgestattet.

Tief im Glaciem-Ring versteckt, ist Delamar heute die Heimat der Peoples Alliance, die eine alte, verlassene Bergbauanlage in eine Kolonie umgewandelt und „Levski” getauft hat – zu Ehren eines alten Revolutionärs von der Erde und seines Traums von einer egalitären Gesellschaft. Als Gegner der Messer-Ära der UEE machte die Peoples Alliance Delamar zu einem Zufluchtsort für politische Radikale und Anti-UEE-Kräfte, die sich für die Schaffung einer gerechten Regierung einsetzten.

 „Hier sind wir richtig“, sage ich.

Killer liest den Absatz noch mal leise.

„Wer war denn dieser Messer?“, fragt er schließlich.

„Ein echt fieser Typ, vor dem alle geflohen sind. So ein Diktator. Ist aber schon lange her.“

„…und was ist eine egalitäre Gesellschaft?“

Ich steuere den riesigen Felsen an, auf dem schließlich menschliche Bauten zu erkennen sind. Sie sind gut versteckt und erst auf den letzten Moment sichtbar.

„…das ist…später Killer…ich muss mich jetzt erstmal auf den Anflug konzentrieren.“

Husky ist bereits in dem Gewirr aus Felsen, Stein und Stahl verschwunden.

„Husky, hörst du mich?“

„Ja, sei vorsichtig beim Anflug, ist alles verdammt eng.“

„Roger.“

Ich fliege näher ran und bin tief beeindruckt: Mitten durch einen Asteroiden wurde ein riesiges Bohrloch getrieben und der Felsen selbst dann bewohnbar gemacht. Wir durchfliegen den gigantischen Schacht, umkreisen Levski mehrfach. Halb ist Levski Zufluchtsort für Gestrandete und UEE-Gegner, halb aber immer auch noch ein unter Strom stehender Industriekomplex, wie die zahlreichen technischen Aufbauten, Stahlträger und Rohre zeigen. Überall wird Gas abgefackelt.

Husky fragt nach einer Landeerlaubnis und ich folge ihm.

„Wir landen“, sage ich zu Killer. Kaum habe ich die Systeme der Hornet heruntergefahren, springt Killer auch schon aus dem Cockpit. Der Hangar wurde mitten in den Fels gehauen, irgendwie hat das Ganze etwas von Grimhex.

„Lass uns mal umschauen, aber vorsichtig.“

Uns begrüßt ein Banner auf Levski. Wir fahren mit einem Fahrstuhl nach oben, passieren eine Art Schleuse, dann stehen wir auch schon in der Empfangshalle der Station. Wir sind weitestgehend allein, Husky trudelt ebenfalls ein. Killer blickt sich mit raschen Blicken um, so, als würde er alles rasend schnell in sich aufnehmen und verarbeiten.

„Da vorn…davon habe ich schon mal gehört“, sagt Husky und zeigt auf etwas. Wir folgen ihm und nur Momente später stehen wir vor einer Statue, die im ganzen Verse bekannt ist – dem Gedenkmemorial für Anthony Tanaka. Kerzen sind am Sockel des Denkmals angezündet worden und beleuchten es. Killer betrachtet das Denkmal eingehend – ein Arbeiter hält ein totes Kind in den Armen.

„Wer war das“, fragt er schließlich.

Ich öffne mein Mobiglas und lese es ihm vor:

Anthony Tanaka war ein Kinderarbeiter, der im Jahr 2757 von einem Agenten der Advocacy hingerichtet wurde, weil er sich nach einer 16-stündigen Schicht in einer Munitionsfabrik geweigert hatte, weiterzuarbeiten. Aufnahmen des Mordes wurden aus der Fabrik geschmuggelt und wurden zu einem Symbol des Widerstands gegen die wachsende Anti-Messer-Bewegung. Das Tanaka-Denkmal erinnert die Peoples Alliance feierlich daran, niemals zur UEE zurückzukehren. Jedes Jahr am 3. Dezember wird mit dem Anthony-Tanaka-Gedenktag das Kind geehrt, dessen Akt des Widerstands zu einem Schlachtruf im ganzen Empire wurde.

Wir stehen ein paar Minuten andächtig vor dem Denkmal. In Killer arbeitet es, dann lösen wir uns langsam und gehen weiter. Je mehr wir uns umschauen, um so unglaublicher fühlt sich der Ort an – aus den paar Tunneln, die einst für die Bergarbeiter angelegt wurden, ist im Lauf der Jahrhunderte ein riesiger unterirdischer Komplex geworden.

„…und hier lebt diese Peoples Alliance, die vor dem Messer geflohen sind?“

Ich nicke Killer zu.

„Allerdings brauchten sie eine gewisse Zeit, bis sie rausgefunden hatten, wer sie wirklich sein wollten. Manche wollten von hier aus illegale Geschäfte betreiben, andere nur ihre Ruhe. Auch hat man Menschen abgewiesen, die eigentlich Hilfe gebraucht hätten.“

„Das ist aber nicht nett.“

„Nein, aber es ist eben schwierig, eine egalitäre Gesellschaft aufzubauen. Das heißt eine Gesellschaft, in der wirklich alle gleich sind. Nicht wie Hurstons, wo manche extrem reich sind und die meisten Menschen im Dreck leben.“

Killer denkt über die Worte nach.

„Mir gefällt‘s hier.“

„Gut, dann lass uns mal das Krankenhaus ansteuern. Erstmal peppen wir uns nach der langen Reise auf und dann hinterlegen wir hier für den Notfall unser Imprint.“

Die Klinik von Levski ist direkt von der Empfangshalle aus erreichbar und zieht sich über mehrere Stockwerke. Allein dieser Umstand zeigt, dass auf der Basis tausende Menschen leben müssen, auch wenn wir bisher kaum welchen begegnet sind.

„Stockwerk acht, Zimmer fünf“, sage ich nachdem mir das Terminal einen Behandlungsraum zugewiesen hat. Wir nehmen den nächsten Fahrstuhl, dann erreichen wir auch schon das Zimmer. Wir legen uns der Reihe nach auf das Medibett, das seinen Job anstandslos erledigt. Während die anderen versorgt werden, checke ich noch mal die weiteren verfügbaren Infos zu Levski.

„…hier steht, dass die Wohnquartiere der ständigen Bewohner von den öffentlichen Räumen strikt getrennt sind. Deshalb sieht man nur so wenige Menschen. Da kommt man auch nicht ohne Weiteres hin. Und an den Checkpoints soll man auf Taschendiebe achten.“

Killer grinst. Ihm scheint es hier immer besser zu gefallen.

Wir kehren zurück in die Lobby des Krankenhauses, passieren gleich mehrere Bewohner, die unter starkem Husten leiden.

„Was haben die denn?“

Husky zuckt mit den Achseln.

„Keine Ahnung, aber vielleicht sollten wir lieber unseren Helm aufsetzen.“

Wir laufen der Nase nach weiter über die Station, als Husky etwas Interessantes entdeckt.

„Hier, ich habe die Lebensregeln für Levski gefunden.“

Diese lauten:

  • Verunglimpfe niemals die Ansichten oder Ideen anderer. Wir alle haben ein Recht auf unsere eigenen Überzeugungen.
  • Versuche nicht, Profit zu machen, andere auszubeuten oder Pläne zu schmieden, um jemandem seine Güter oder Gesundheit zu nehmen.
  • Verfolge keine UEE-Agenda innerhalb unserer Gemeinschaft.
  • Stimme zu, Konflikte auf gewaltfreie Weise zu lösen.
  • Stimme zu, Zeit (egal wie wenig) damit zu verbringen, darüber nachzudenken, was du heute getan hast, um das Universum zu einem besseren Ort zu machen.
  • Auch wenn du mit uns nicht einverstanden bist, wirst du unser Recht auf Leben respektieren.

„Klingt nicht schlecht, aber offenbar mögen sie hier keinen Widerspruch“, sagt Husky.

Wir fahren mit einem weiteren Fahrstuhl tiefer in die unterirdische Siedlung hinein, laufen durch weitere roh behauene Gänge, die offenbar aus der Zeit des Bergbaus stammen, dann gelangen wir eher durch Zufall in das Herz der Anlage: Den Grand Barter Markt, einen Basar, auf dem man alles finden kann, was das Herz begehrt. Killer ist sofort Feuer und Flamme. Wir laufen zu dritt an Shops und Ständen vorbei an denen es einfach alles gibt – von Nippes über Werkzeug bis zu Pflanzen und Essen. Wie in jedem Dorf der Marktplatz ist dies der Ort der Gemeinschaft Levskis, des Austauschs und des Tratsches. Hier findet das gesellige Leben statt. Husky kauft sich sofort ein paar neue Klamotten. 

Killer ist angesichts der vielfältigen Eindrücke kaum noch zu halten. Ich freue mich –  ist es gefährlich, dass ich ihn mitgenommen habe? Ganz bestimmt. Und doch: Ihn so aufgeräumt zu sehen, so gelöst von seiner Vergangenheit, ist einfach schön. Habe ich ihm nicht versprochen, herauszufinden, wo er hingehört? Das habe ich – und nun sind wir genau auf diesem Weg.

Husky zieht sich in einer Ecke um, dann schimpft er plötzlich lauthals.

„Ey, mein Rennhelm…eben noch hat er hier gelegen…“

Hektisch sucht Husky den Boden ab, schaut nach, ob er hinuntergefallen sein könnte, doch innerhalb von Sekunden scheint sich sein Helm in Luft aufgelöst zu haben.

„Geklaut“, sagt Husky schließlich frustriert. „Als ich mich nur einmal kurz umgedreht habe.“

„…die machen hier kein großes Federlesen“, sage ich und schaue ebenfalls, ob ich den Helm noch irgendwo entdecke. „Ich wette, in ein paar Tagen liegt er hier irgendwo in einer Auslage zum Verkauf.“

„Mist verdammter.“

Husky ist stinksauer.

Wir laufen weiter über Markt und ich lese noch mal im Spectrum nach: Der Markt hat keine etablierten Standplätze. Verkäufer bauen ihre Verkaufsstände einfach dort auf, wo sie gerade einen Platz ergattern, was bedeutet, dass es keine Garantie dafür gibt, dass ein Verkäufer auch am nächsten Tag wieder da ist. Wenn man also etwas Interessantes findet, sollte man es am besten gleich kaufen.

„Hier gibt’s auch noch eine Bar – Café Musain.“

Wir schauen uns noch ein wenig um, dann steuern wir die örtliche Kneipe an. Es geht ein paar Treppen hinab, dann stehen wir in einer Bar, die im Vergleich zu den Spelunken, mit denen wir in Pyro das Vergnügen hatten, sauber und gepflegt aussieht. Doch die Bar ist weitgehend verlassen, selbst die legendäre Barkeeperin Clari Rios ist nicht da, die stets bereit ist, mit ihren Drinks „die Zahnräder der Revolution zu schmieren“, wie es auf Levksi heißt.

„Vielleicht ist gerade Sperrstunde“, sage ich.

„Ich bin eh total müde und müsste dringend mal die Augen zumachen“, erwidert Husky. Seit unserem Aufbruch in Stanton auf Microtech haben wir nicht mehr geschlafen. Ich blicke Killer an – auch er sieht total geschafft aus. Erst die Aufregung vor dem Start, dann die vielen neuen Eindrücke…

„Los, wir suchen uns die Habs.“

Levski wird in den kommenden Monaten eine entscheidende Rolle in unserem Leben spielen.

.

Die Enklave

„Wir, die Peoples Alliance von Levski, setzen uns für die Schaffung und kontinuierliche Entwicklung einer wahrhaft egalitären Gemeinschaft ein, in der sich alle fühlenden Wesen sicher fühlen und frei ihre Ideen äußern können, während sie sich gegenseitig auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel der aufgeklärten Selbstversorgung unterstützen.“ – Absichtserklärung, 2655

 Dreihundert Jahre ist das jetzt her.

 Pure Utopie – wann hätte sie jemals wirklich funktioniert?

Ich stehe auf und verlasse mein Hab – direkt nebenan hat Killer geschlafen.

Ich klopfe an seine Tür.

Nichts.

Verdammt, wenn der Junge erstmal schläft, ist er kaum wachzubekommen.

Ich trommle stärker gegen das Hab.

An mir schlurft ein seltsamer Typ vorbei.

„Suchst Du den Jungen?“

Ich drehe mich schlagartig zu ihm um und nicke.

„Der ist weg.“

„Was hast Du gesagt?“

„Der ist weg.“

Der Typ zeigt zur Tür hinaus.

Ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Außerhalb des Habs höre ich laute Stimmen. Es war ein Riesenfehler Killer mitzunehmen, das wird mir schlagartig bewusst…ich renne zum Schott, das die Habs von der restlichen Station trennt. Kaum öffnet es sich, springe ich hinein und hämmere auf das Display.

Verdammt, ich hätte den Typen fragen sollen, wie lange es her ist, dass Killer weg ist. Und ob jemand bei ihm war. Ich erreiche die große Halle und blicke mich hektisch um – nichts. Ich rufe mir die Wege ins Gedächtnis, die wir nach unserer Ankunft gemeinsam mit Husky gegangen waren. Killer kann überall sein – sofern er überhaupt noch auf der Station ist. Dann habe ich eine Eingebung – und steuere den Grand Barter an. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis der Fahrstuhl die Ebene tiefer erreicht. So schnell ich kann, renne ich zum Markt, springe die Treppen hinunter  – und erspähe Killer, wie er mit einem anderen Jungen an einem Stand mit Ersatzteilen für Schiffe etwas zusammenschraubt. Er ist ganz in sich versunken. Der andere Junge schaut Killer fasziniert zu. Erst als ich direkt hinter ihm stehe, blickt er auf und dreht sich um.

Stolz dreht Killer das Aggregat in den Händen.

„Schau, das habe ich repariert. Es wäre sonst weggeworfen worden.“

Ich bekomme kein Wort heraus, bin erleichtert und wütend zugleich.

„Killer…Du kannst nicht einfach wegrennen. Wir sind eben erst hier angekommen…“

„Du musst dir keine Sorgen machen. Und ich bin doch Mechaniker.“

Ich atme tief durch.

„Und wer ist das?“

Ich zeige auf den anderen Jungen.

„Mein neuer Freund, seinem Vater gehört der Laden.“

Der andere Junge blickt mich mit großen Augen an.

„Kann Killer noch ein wenig hierbleiben? Kann super Sachen reparieren.“

Ich nicke.

„Du erreichst mich jederzeit übers Mobiglas. Und sag einfach Bescheid beim nächsten Mal.“

Doch Killer ist schon wieder tief in das nächste kaputte Teil vertieft.

Ich stromere allein über den Markt und versuche runterzukommen. Irgendwie war ja auch klar, dass es nicht einfach werden würde, gemeinsam mit einem heranwachsenden Jungen unterwegs…ich versuche mich abzulenken und schaue mich um. Es herrscht der gleiche Wuselfaktor wie bei unserem ersten Besuch. Ich blicke hierhin und dorthin, statte „Café Musain“ einen weiteren Besuch ab, doch es ist so tot wie am Abend zuvor. Vielleicht ist den „Levskianern“ aktuell auch einfach nicht nach Feiern zumute – kein Wunder bei dem Damokles-Schwert, das über ihnen schwebt.

Auch scheint es sich bei der Peoples Alliance um eine ziemlich durchmischte Gemeinschaft zu handeln. Levski  zieht politisch verschiedenste Gruppen an, die sich zwar ähnlich genug sind, um zusammenzuleben, aber gleichzeitig zum Teil sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. Kurzum: Es ist gar nicht so groß anders als anderswo. Und mir wird klar: Trotz offizieller Lebensregeln, trotz Absichtserklärung und wohlfeiler Worte darf man auch auf Levski keinem einfach so über den Weg trauen.

Ich biege vom Grand Barter ab in die alten Stollen, langsam wird das Stimmgewirr leiser, dann dringe ich immer tiefer in die Bergbaustation ein. Ich statte dem örtlichen Waffenladen ebenfalls einen Besuch ab, schließlich verschluckt mich der ausgehöhlte Riesen-Asteroid ganz. Es fühlt sich an wie eine Zeitreise, zurück zu den Anfängen, als die Menschheit begann, das Weltall zu besiedeln. Irgendwann passiere ich riesige Rohre und bin beim unterirdischen Belüftungssystem angekommen. Einmal mehr bin ich vom unbedingten Willen des Menschen beeindruckt, sich auch den unwirtlichsten Ort untertan zu machen. Ich beobachte Arbeiter, die ihre Schicht abreißen, die alles am Laufen halten und das Leben auf Delamar ein paar Stockwerke höher überhaupt erst ermöglichen. Riesige Ventilatoren pumpen unablässig Luft in das verzweigte Höhlensystem.

Ich steige wieder hinauf aus der Tiefe, lasse die Station hinter mir, von der einst der riesige Bohrkopf in den Asteroiden getrieben wurde, danach verschlägt es mich auf das Raffinerie-Deck, wo es extrem heiß und laut ist. Ich erinnere mich an meinen Artikel „Im Bauch des Verse“, den ich mal geschrieben hatte. Anscheinend herrscht gerade Mittagspause, auch wenn die Hochöfen ihren Dienst automatisch versehen und rund um die Uhr laufen. Überall zischt und dampft es. Ich laufe zu einer Wache, fange ein Gespräch an.

„Wie geht`s?“

„Okay, so weit“, erwidert der Arbeiter und hebt kurz den Kopf. „Jeden Tag der gleiche Mist. Außer natürlich…die Vanduul…“

„…macht euch Angst, oder?“

Die Wache nickt und bringt mich auf den neuesten Stand, vielleicht hat sie einfach Langweile: So hätten die Übergriffe aus dem benachbarten Virgil-System in letzter Zeit deutlich zugenommen. Bislang handelt es sich bei den Attacken aber nur um kleine Raubzüge, deren Kennzeichen mit denen keiner bekannten größeren Clans übereinstimmen.  Allgemeine Hoffnung auf Levski ist, dass es sich lediglich um kleine Plünderer-Clans handelt, die gezwungen sind, ihr Glück in Nyx zu versuchen, und nicht um Spähtrupps größerer Clans, die das System für eine Invasion auskundschaften – trotz Großkampfschiff, das ja ebenfalls bald eintreffen soll.

„Sieht beschissen aus“, sagt der Arbeiter schließlich und beißt von seinem Pausenbrot ab. „Wir patrouillieren mittlerweile sogar gemeinsam mit den Moraines im System, um nach den Vanduul Ausschau zu halten und viele laufen auch auf Levski pausenlos mit gezogener Waffe herum.“

„Moraines, wer ist das?“, frage ich.

„Die hiesigen Piraten.“

Ich nicke und verarbeite die neuen Informationen.

„Alles Idioten da oben“, sagt der Arbeiter schließlich, macht eine Kopfbewegung zur Decke und steht auf.

Offenbar ist seine Pause vorbei.  

Wie hatte die Allianz offiziell in der „Vox Populi“ klargestellt? Selbst wenn sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sollten und ein Vanduul-Kingship in Nyx auftaucht, die Peoples Alliance wird sich  nicht an die UEE wenden, um Hilfe zu erbitten. Zuletzt hat die UEE Söldner von InterSec Defense Solutions in Nyx eingesetzt, um das Empire vor der aufkommenden Bedrohung durch die Vanduul zu schützen, ohne dabei offiziell die Unabhängigkeit der Enklave zu verletzen.

Ich stimme dem Arbeiter zu: Idioten.

Wenn wirklich ein Vanduul-Großkampfschiff in Nyx eindringt und die Peoples Alliance keine schlagkräftige Hilfe holt, machen die Monster aus ihrem Asteroiden Sternenstaub – Ablehnung der UEE hin oder her.

Ich verabschiede mich, doch dann drehe ich mich noch mal um.

„Viel Glück…übrigens, weißt du, wo das Admin Office ist?“

„Wir haben keines“, erwidert die Wache noch mit vollem Mund.

„Ich suche jemanden…“

„Frag mal am Tresen von Teach‘s Ship Dealer, die sind am besten vernetzt.“

Bei „Teachs Ship Dealer“ geht es zwei Ebenen höher ebenfalls eher geruhsam zu. Generell scheint es, dass sich auf Levski die Menschen nicht zu sehr stressen, abgesehen natürlich von der allgemeinen Bedrohungslage durch die Vanduul. In der riesigen Halle sind Schiffe ausgestellt, die vor allem Arbeitstiere sind – Freelancer, Prospectoren und andere. Mit Schickimicki kann man in Nyx nicht viel anfangen.

Ich laufe direkt zum Counter.

„Hi, ich bin Teach – was soll es denn sein?“, begrüßt mich der Verkäufer ohne Umschweife.

„…nur eine Auskunft, ich suche jemanden….“

„Name?“

Ich zögere kurz.

„…Smith…“

„Kenne ich nicht – vielleicht hat er dir eine Nachricht hinterlassen…wie ist denn dein Name?“

Ich zögere erneut.

„Brubacker, John“, sage ich so leise wie möglich.

„Code?“

„Wie bitte?“

„Dein Code?“

Für einen Moment weiß ich nicht, was er von mir will, dann fällt es mir ein.

„9955.“

Der Verkäufer tippt auf seinem Terminal, dann piept es auf meinem Mobiglas – darauf ist ein Augen-Symbol zu sehen. Ich zeige es dem Verkäufer.

„Wow, muss ja extrem wichtig sein, Retinascan-verschlüsselt.“

Ich klicke das Symbol an und an dessen Stelle erscheint ein kleiner Scanner.

„Könntet ihr eigentlich mein Schiff durchchecken, es bräuchte einen  kompletten Systemcheck, fliegt immer in die falsche Richtung, wenn ich Schub gebe…“

Teach nickt lächelnd, ich übermittle ihm die Daten der Hornet.

„Klar. Und wenn du mal ein neues Schiff brauchst oder ein Upgrade, du weißt, wo du uns findest…“

Ich suche mir eine ruhige Ecke und öffne die Nachricht. Ich halte das Mobiglas direkt an mein Auge, sodass ein kleiner Retinascanner meine Iris scannen kann. Ich hatte keine Ahnung, dass ein Mobiglas über solche Funktionen verfügt – aber man lernt ja nie aus. Es wird ein Schloss eingeblendet, das sich mit einem Piepton öffnet, dann kann ich Smith‘ Nachricht lesen. 

Ich blicke hinaus auf die monströse Industrie-Anlage, die sich für viele Menschen Heimat nennt. Neben mich stellen sich zwei Leute und plaudern über irgendwelche Nebensächlichkeiten.

„Wo kann man hier raus?“, grätsche ich dazwischen.

„Da hinten, der Aufzug bringt dich direkt nach oben. Helm nicht vergessen.“

Der eine Typ lächelt.

„Danke“, erwidere ich knapp.

Nach Smith Nachricht will ich nur eines: allein sein, keinen Menschen sehen.

Draußen angekommen, laufe ich schnellen Schrittes die riesige Anlage ab – und erst jetzt wird mir klar, wie unfassbar groß sie eigentlich ist. Fördertürme ragen weit ins tiefe Blau des Himmels. Ein Wunder, dass das alles immer noch halbwegs funktioniert. Manches sieht aber auch schon recht altersschwach aus.

Immer wieder blicke ich zurück, während über mir Schiffe auf Levski ankommen und abfliegen. Das Ganze hat etwas von einem Bienenstock. Ich passiere riesige Landepads, dann springe ich spontan einfach über eine Brüstung ins Nichts und lasse mich über die Station treiben – so wie meine Gedanken.

Ich lasse meine Augen wandern, lasse alles an mir vorbeiziehen wie ein übergroßes Panorama. Immer wieder ergeben sich neue Ausblicke, Levski offenbart seine ganze Pracht und was die Menschen erreichen können, wenn sie nur wollen. Die Basis erstreckt sich auf dem Asteroiden bis zum Horizont und darüber hinaus. Wie viele Besucher haben das schon mal gemacht, so einfach frei um die Station zu schweben?

Ich wette, die allerwenigsten.

.

Das Wiedersehen

Ich habe fest geschlafen, auch wenn ich wild geträumt habe. Das klingt alles so verrückt, was ich so nach und nach erfahre, so abgefahren, dass ich längst nicht mehr weiß, was ich davon überhaupt noch glauben soll.

Ich öffne Smith‘ Nachricht erneut und lese sie noch einmal in Ruhe.

Zeitreisen – theoretisch sind sie gar nicht möglich, das heißt in die Zukunft schon, aufgrund der Einstein‘schen Relativitätstheorie. Wenn sich etwas sehr schnell bewegt, vergeht für das entsprechende Objekt die Zeit langsamer. Dadurch ist man selbst in die Zukunft gereist, wenn man wieder auf den normalen Zeitverlauf abbremst. Doch Reisen in die Vergangenheit – sie sind eigentlich nicht möglich, wie anschaulich ein einfaches Gedankenexperiment zeigt: Bringt man in der Vergangenheit den eigenen Vater um, bevor man selbst gezeugt wurde, hätte man nie existiert, hätte ergo aber auch die Zeitreise nie antreten können, um ihn zu töten.

Und doch spricht Smith davon, dass die Vanduul in die Vergangenheit reisen könnten, um die Menschheit auszulöschen, bevor wir auf sie treffen. Doch würde es ihnen gelingen, so dürfte ich hier nicht mehr sitzen, um mir darüber Gedanken zu machen. Kurzum: Es kann ihnen bisher nicht gelungen sein. Irgendetwas muss passieren, dass es verhindert – aber was und wie?

Es ist zum Verrücktwerden, wenn man genauer darüber nachdenkt.

Ich trete aus dem Hab – draußen wartet Killer.

„Morgen, ich habe einen Namen für unser Schiff.“

„Ach ja?“

Killer grinst über beide Ohren.

„Ich habe über die erste Mondlandung nachgelesen, wie du mal gesagt hast.“

„Super…und?“

„Der erste Mensch war Neil Armstrong, der zweite Buzz Aldrin…also Buzz One.“

„Buzz One?“

„Ja, er hatte den Namen, weil seine kleine Schwester, statt Brother immer Buzz gesagt. Als sie noch  klein waren.“

„Okay, also Buzz One.“

Wir laufen zum Grand Barter Markt.

Killer wird bereits erwartet.

„Morgen, willst du uns wieder aushelfen?“

Vor dem Stand steht eine Menschenschlange.

Killer nickt eifrig.

„…dann komm. Es gibt viel zu tun.“

Der Verkäufer lächelt.

Ich lasse Killer glücklich zurück und laufe weiter über Markt. Überall husten sich die Menschen die Seele aus  dem Leib. Irgendwas muss in der Luft liegen. Ich setze mich an einen Tresen und bestelle etwas zu trinken. Vor mir liegt eine aufgeschlagene Ausgabe der „Vox Populi“. Eine Überschrift lautet passend: „Eine unsichere Zukunft.“

Hinter mir höre ich plötzlich Huskys Stimme. Ich drehe mich um – und traue meinen Augen nicht: Nur ein paar Meter weiter entfernt steht er beisammen mit Alaska und Pike. Was zum Teufel machen die auf Levski? Ich drücke den Rücken durch, atme tief durch, ahne, was gleich kommen wird, dann stehe ich auch schon bei ihnen. Soeben fragt Alaska, wo denn der Reporter sei…

„Ex-Reporter“, antworte ich hinter seinem Rücken.

Alaska dreht sich um.

„Bru…“

„Hallo.“

„Was macht ihr denn hier?“

„Wir haben…“

Doch Pike unterbricht ihn.

Geheimnisse, wie es scheint.

Wir setzen uns alle an einen völlig verdreckten Tisch und in den folgenden Augenblicken herrscht  Sprachlosigkeit. Alle erwarten offenbar große Antworten von mir.

„…da kommt auch Zero.“

Ich drehe mich um und sehe ihn eine Treppe heruntersteigen – ein richtiges Familientreffen. Dann geht es auch schon los. Wieder ist es Alaska, der alles ganz genau wissen will und verlangt geradezu, dass ich die Hosen runterlasse. Sofort fühle ich mich wie auf einer Anklagebank. Ich blicke mich um, Menschen strömen an uns vorbei.

„…okay, aber nicht hier.“

„Ich weiß, wo wir hingehen“, sagt Zero.

Wir verlassen gemeinsam den Grand Barter, biegen in einen alten Bergbautunnel ein und stehen irgendwann in einer aufgegebenen Kontrollstation. Ich hole tief Luft, sortiere meine Gedanken, dann berichte ich von den „Schwertern der Zeit“, von der Vanduul-Nachricht, die meinen Tod fordert und dass sie offenbar vorhaben, eine Art Zeitmaschine zu stehlen – und wie krass unglaubwürdig mir das alles selbst vorkommt. Und doch: Angesichts eines gekreuzigten Vanduuls in Jorrits Folterkeller, der Vanduul- und Menschen-Gene kreuzen wollte, um einen neuen Übermenschen zu schaffen, angesichts von Sam und angesichts eines Vanduul-Raumschiffes, das mit menschlichem Gewebe gefüttert wurde – was klingt da noch seltsam?

Alaska unterstellt mir Märchen und Räuberpistolen. Ich verstehe den Mann einfach nicht. Habe ich nicht tausendmal gesagt, dass jeder freiwillig in diesen Kampf zieht? Dass man besser aussteigen sollte? ASD hat uns vom Haken gelassen, nun habe ich ihnen außerdem alles erzählt, was ich weiß  – was bin ich ihnen denn noch schuldig? Irgendwie kommt mir Alaska tief gekränkt vor. Klar, er hat sein altes Leben hinter sich gelassen, sucht neue Anker im Leben und wir scheinen alles zu sein, was er derzeit hat  – doch für nichts eigne ich mich derzeit schlechter als dafür. Dann ergreift Zero das Wort.

„…und warum hast du über all das nicht berichtet?“

„Weil zu diesem Zeitpunkt niemand wusste, dass ein Großkampfschiff nach Nyx unterwegs ist“, erkläre ich. Weil wir fünf selbst bei Onyx vielleicht die Kettenreaktion ausgelöst haben und als Nächstes vielleicht Milliarden Menschen auf dem Gewissen haben, weil ich sie auch schützen wollte  – vor allem aber, weil Smith es brutal einforderte. Ein Mann, den ich zwar kaum kenne, der mir aber aus freien Stücken schon zweimal das Leben gerettet hatte.

Doch Zero winkt ab.

„Vanduul-Attacken sind in Nyx überhaupt nichts Besonderes. Du hast den Schwanz eingekniffen und Hermie ist umsonst gestorben.“

Mir fehlen die Worte.  

Ich habe im Dreck gelegen und um Hermie geheult – wie könnte ein Zeitungsartikel den Tod eines Freundes irgendwie rechtfertigen? Und was hat das eine überhaupt mit dem anderen zu tun?

„…deine einzige Aufgabe war, das an die Öffentlichkeit zu bringen.“

Mir wird schwarz vor Augen – und ich werde ohnmächtig.

Als ich wieder aufwache, bin ich im Krankenhaus – und nur Husky steht vor mir.

Ich muss hier dringend raus.

An uns läuft ein Typ in einem Schutzanzug vorbei, der einen Pilz ins Krankenhaus trägt. Die anderen sind verschwunden.

„Los, wir schnappen uns die Superhornet und checken mal, was an dieser ganzen verdammten Geschichte dran ist. Sonst verliere ich noch den Verstand.“

Wir marschieren in den Hangar, ziehen uns um. Teach hat das Schiff mittlerweile durchgecheckt und ein Update aufgespielt, sodass alles wieder einwandfrei funktionieren sollte. Ich starte die Systeme und in der Tat – alles fährt sauber hoch. Ich  checke unterdessen noch einmal die Infos, die im Spectrum zu Nyx stehen: Gerade in letzter Zeit hat Nyx als Transitsystem an zusätzlicher Bedeutung gewonnen, was wiederum bedeutet, dass der Wert der Fracht, die zu jedem Zeitpunkt durch das System transportiert wird, erheblich sein kann. Auch ist Nyx als Zwischenstopp auf dem so genannten Castra-Stanton-Run aktuell extrem wichtig.

Liegen hier die tieferen Gründe, warum die Vanduul genau hier immer wieder zuschlagen? Aus anthropologischer Sicht verhalten sich die Vanduul schließlich wie klassische Jäger und Sammler. Mit anderen Worten: Taucht irgendwo eine potentielle Beute auf, können sie gar nicht anders, als ihr nachzujagen – wie Katzen einer Maus. Es liegt in ihrer Natur, in ihren Genen. Und wenn stimmt, was Zero sagt, dass die Attacken in Nyx aus dem benachbarten Virgil-System nichts Besonderes sind, was hat sich dann grundlegend geändert, dass nun ein Großkampfschiff Kurs auf das System genommen hat? Ist es vielleicht ein anderer Clan – agieren die Clans doch alle unabhängig voneinander? Und wenn wirklich stimmt, was Smith sagt, so schweben wir alle in höchster Gefahr – sie werden nicht eher ruhen, bis sie haben, was sie wollen…

Die Superhornet ist mittlerweile hochgefahren, ich behalte meine Gedanken für mich. Wenn uns etwas noch verrückter macht, dann ist es reines Rätselraten. Ich nehme auf dem Co-Pilotensitz Platz. Ich lasse Husky ans Steuer, er ist noch nie eine Superhornet geflogen.

„Los geht’s“, sage ich.

„Hier drin ist viel mehr Platz, als ich gedacht habe“, freut er sich.

„Klar, ist ein Super-Schiff. Buzz One übrigens. Den Namen hat sich Killer überlegt.“

Wir verlassen den Hangar und ich blicke wieder nach draußen auf Levski, das hinter uns schnell kleiner wird – die ganzen Aufbauten krallen sich regelrecht an den vernarbten Felsen – nicht nur die Menschen haben auf Delamar Zuflucht gefunden, sondern das Leben selbst in einem sonst weitgehend lebensfeindlichen System.

„Wo wollen wir konkret hin?“, fragt Husky.

 „Zero hatte von einem rötlichen Nebel gesprochen, aus dem heraus die Vanduul angreifen sollen. Vielleicht halten wir danach mal Ausschau.“

Husky checkt sein Mobiglas.

„Oh, Hockrow ersucht uns wieder um Unterstützung.“

Ich stöhne – der Arm dieser ominösen Agentur reicht echt verdammt lang.

„Schick mir mal weiter, was sie wollen.“

Ich lese das Missionsbriefing – gleich in der Nähe wird eine Freelancer angegriffen, ob wir spontan zur Hilfe eilen könnten. Außerdem werde ein gewisser Scot Deepak im Glaciemring vermisst. Wahrscheinlich beides Vertragspartner von Hockrow.

„Lass uns mal nachsehen, was da los ist. Vielleicht bringt uns das auf die richtige Spur.“

Husky nickt kurz, wir gehen in den Quantumflug, dann hat uns der riesige Ring aus Milliarden und Abermilliarden Asteroidensplittern verschluckt und wir sehen in der Ferne die Freelancer, die von kleineren Schiffen umkreist und beharkt wird.

„Schnell, vielleicht ist es noch nicht zu spät.“

Wir werfen uns sofort ins Getümmel, geben den Angreifern Zunder und retten die Freelancer vor der Zerstörung. Der Pilot bedankt sich kurz, dann ist er auf und davon.

So leicht kann es manchmal sein.

Bei Mr. Deepak kommen wir hingegen zu spät – die Cat ist bereits in der Mitte auseinandergebrochen und schwebt wie ein Tier, dem man das Genick gebrochen und das man dann zum Sterben zurückgelassen hat, in den Weiten des Alls. Die Angreifer sind bereits auf und davon.

„Verdammt!“

„Vielleicht lebt an Bord noch jemand.“

Wir verlassen de „Buzz One“ und schweben hinüber. Doch das Schiff hat bereits jegliche Lebensenergie verloren. Wir untersuchen es innen wie außen, schweben hinein, schließlich finden wir eine Leiche – offenbar Mr. Deepak selbst.

Husky macht ein Foto und schickt es der Agentur.

Damit ist unser Job erledigt.

„Waren das vielleicht die Vanduul?“, fragt Husky über Funk.

„Ich denke nicht“, antworte ich, „eher dieselben Piraten, die wir eben ausgeschaltet haben.“

Ich denke daran, was ich über das System gelesen hatte – Überfälle sind in Nyx an der Tagesordnung. Wir kehren zur Superhornet zurück.

„Und jetzt?“

„…sollten wir vielleicht erstmal zurück nach Levski – wir haben kaum noch Quantumfuel. Außerdem haben wir auch was abbekommen.“

„Dann los. Ich fliege“

Der Rückflug gestaltet sich ereignislos, das System ist einfach riesig. Wenn man irgendwo verschwinden will, ist Nyx perfekt geeignet. Ich lande und lasse den Stationsservice seinen Job erledigen. Die Treffer, die wir abbekommen haben, haben nicht die Hülle durchschlagen und keine lebenswichtigen Systeme getroffen.

„Hockrow hat sich schon wieder gemeldet. Eine weitere vermisste Person in einem abgelegenen Teil des Rings – Dylan Wilshire. Und hier steht, dass man vermutet, dass es diesmal keine Outlaws waren.“

„Abflug.“

Erneut rasen wir durch den Glaciemring und finden schließlich eine weitere zerstörte Caterpillar. Wie beim ersten Mal ist der Pilot umgebracht worden, eine verlassene Corsair schwebt zudem über dem Schiff.

„Verflucht, was ist hier denn passiert?“

Husky schwebt hinüber, ich bleibe zur Sicherheit in der „Buzz One“ und scanne unablässig die Gegend. Ich sehe Husky zu, wie er um die beiden Schiffe schwebt, alles so gut es geht untersucht. Schließlich kehrt er zurück. Ganz sicher waren es diesmal keine Outlaws – sie hätten niemals eine Beute wie eine noch funktionierende Corsair einfach im Raum zurückgelassen. Und doch sind weit und breit keine Vanduul zu sehen. Irgendwie habe ich das Gefühl, wir jagen auch unseren eigenen Gespenstern, unseren eigenen Ängsten nach.

„Wir steuern mal den Pyro-Jumppoint an, verlassen den Sprung aber vorher, vielleicht bringt uns das näher an den Nebel ran“, schlage ich vor.

Husky stimmt zu, aber ich sehe, dass ihm dabei alles andere als wohl ist. Wenn wir aber irgendwie vorankommen wollen, müssen wir ein Risiko eingehen. Ich gehe in den Quantumflug, breche den Flug aber wieder nach einer Minute ab. In der Ferne wabert undeutlich der rötliche Nebel.

Ein Nebel des Unheilvollen.

Virgil, ein System voller Monster – wann werden wir den Vanduul zum ersten Mal leibhaftig begegnen?

„Lass uns umkehren. Das reicht erstmal.“

Wir fliegen zurück nach Levski – und jeder hängt seinen Gedanken nach. 

Monster-Dämmerung.

Ich lande und stelle das Triebwerk der „Buzz One“ ab.

Kaum habe ich die Hornet verlassen, überkommt mich ein unkontrollierbarer Hustenreiz.

„…was ist das denn?“

Es wird immer schlimmer.

Wir ziehen uns um und laufen zur Schleuse.

Menschen mit aufgerissenen Augen huschen an uns vorbei. Irgendwas stimmt ganz gewaltig nicht. Auf einem Monitor zeigt der Sender SSN/CatTV eine Live-Übertragung.

Auf Levski ist eine Seuche ausgebrochen – und wir sind mittendrin.

.

Die Pilz-Seuche

Mein Kopf dröhnt, als wollte er zerspringen.

Auf meinem Magen scheint ein tonnenschweres Gewicht zu liegen.

Ich huste mir die Seele aus dem Leib.

Molina-Schimmel, so heißt die Krankheit, die mich kalt erwischt hat. Seit Tagen liege ich im Bett, komme kaum noch hoch. Killer ist mit der Familie des Werkstattmeisters im Wohnbereich auf Levski in Quarantäne und in Sicherheit. Wenigstens hat es ihn nicht erwischt – zumindest noch nicht.

Erneut kämpft sich ein Hustenreiz meine Kehle hoch. Ich krümme mich und halte mir den Bauch…wie es heißt, seien schon mehrere Menschen daran gestorben – der erste war ein gewisser Samuel Molina, ein Wartungsingenieur auf Levski. Nach ihm ist die Pilz-Seuche benannt – schöne Ehre.

Wie es ferner heißt, seien defekte Luftfilter eines Unternehmens namens Gyson Inc. daran schuld. Klar, schlechte hygienische Bedingungen und Feuchtigkeit in den tiefen Stollen des Asteroiden, kaputte, stillstehende Ventilatoren, ein ständiges Kommen und Gehen von tausenden Menschen ohne ärztliche Untersuchung auf diesem Steinbrocken – alles keine möglichen Gründe… Dafür müsste man ja selbst die Verantwortung übernehmen. Stattdessen hat eine externe Firma Mist gebaut.

Ich öffne mein Mobiglas.

Während ich halb im Koma lag, haben sich die anderen diverse Nachrichten geschrieben.

Ich huste ein weiteres Mal, dass die Wände meines engen Habs zu wackeln scheinen. Dann lese ich.

Ich huste so stark, dass ich mich fast übergeben muss.

Jorrit…Vanduul-Technologie…der ganze Irrsinn holt uns wieder ein…ich versuche mich zu konzentrieren und klare Gedanken zu fassen. Liegt hier der Grund, warum mich Smith auf Levski sehen wollte? Weil Jorrits Spur im Verborgenen hierher führt? Warum will sich Alaska schon wieder so in die Bresche werfen? Und wer zum Henker ist Marrick?

Ich schreibe eine Nachricht und die Antwort folgt prompt:

Ich falle zurück aufs Bett – doch sofort kreisen meine Gedanken um diese Neuigkeiten. Husky und ich sind im Auftrag von Hockrow noch vor wenigen Tagen ebenfalls Frachtern zur Hilfe geeilt. Wurden hier vielleicht Lieferungen abgefangen, vielleicht mit geheimer Vanduul-Technologie? Oder sollten Beweise vernichtet werden? Klingt arg weit hergeholt – oder doch nicht? Ausgerechnet jetzt, da ich all meine geistigen Kräfte brauche, ereilt uns so eine verdammte Seuche.

Ich drücke mich hoch.

Auch die „New United“, das offizielle Organ der UEE, hat bereits über die Seuche berichtet. Das halbe Verse ist aufgerufen, dringend benötigte Hilfsmittel nach Levksi zu liefern – ein Appell, der offenbar nicht auf taube Ohren stößt. Solidarität mit den Abtrünnigen von Levski – ich ringe mir ein Grinsen ab, bevor mich der nächste Anfall beutelt.

Dabei ist die Seuche nicht nur auf Levski begrenzt, wie es aussieht. Auch in Stanton sind bereits erste Krankheitsfälle aufgetreten. Curelife entwickelt offenbar gezielt eine antimykotische Behandlung. Gyson will Ersatzfilter liefern. Auch werden diverse biologische Proben benötigt, um die Seuche in den Griff zu kriegen. Und wie es scheint, gibt es auch Nutznießer: Angeblich sehen die Moraines aktuell ihre Stunde schlagen. Eine geschwächte People‘s Alliance würde ihre Macht im System stärken – sie überfallen Frachter und entführen sogar Erkrankte in Kryokapseln, um Lösegeld zu erpressen.

Ich öffne noch einmal das Mobiglas – das Journal explodiert geradezu vor Hilferufen und Aufträgen zur Bewältigung der Krise. Verdammt, ich muss zu den anderen. Ich ziehe mir mühsam einen Undersuit samt Helm an und schleppe mich mehr schlecht als recht aus dem Hab.

„Wo seid Ihr“, tippe ich unter Schmerzen ins Mobiglas direkt an Husky.

„Im Café Musain“, antwortet er sofort.

Ich nehme den Fahrstuhl, der mich eine Etage tiefer bringt, laufe über den fast leeren Grand Barter Markt. An den Wänden kleben Plakate mit Krankheitssymptomen, die vor der Seuche warnen. Direkt daneben hängt jedoch ein Plakat, das offenbar jemand aufgehängt hat, der es vermeintlich besser weiß.

„Lasst Euch nicht verarschen. Die UEE steckt hinter dem Molina-Schimmel. Die unternehmerfreundliche faschistische Pseudo-Regierung ermordet uns – während sie vorgeben, unsere Retter zu sein. Das eigentliche Gift ist ihre Gier. Die reale Bedrohung ist ihre Heuchelei.“

Ich schüttle den Kopf, schon die Wortwahl spricht Bände.

Ich erreiche schnell das Café. Vor mir liegt am Boden eine nackte Leiche. Unbeteiligt davon sitzen Menschen ohne jeglichen Schutz am Tresen und trinken Bier.

„Mann, was ist denn hier passiert?“

„Wissen wir nicht“, sagt Pike, der nur ein paar Meter entfernt steht. Husky wartet neben ihm. Beide tragen einen Mundschutz.

„Und wo ist Alaska?“

„Kommt auch gleich.“

Ich wende mich an die Leute am Tresen.

„…aber ihr wisst schon, dass hier eine Seuche ausgebrochen ist?“

Der Barbesucher blickt nicht mal von seinem Bier auf.

„Wissen wir. Aber nicht hier. Soweit kommen die Sporen nicht.“

„…und der Typ hier, der hinter euch liegt?“

Der Typ zuckt die Achseln.

„Nicht mein Bier.“

Ich bin geschockt von so viel Idiotie und Desinteresse und wende mich wieder Pike und Husky zu, als Alaska auftaucht. Wir machen ein wenig Smalltalk. Wir alle spüren: Zwischen uns liegen immer noch  unausgesprochene Dinge in der Luft – doch offenbar will niemand riskieren, dass unsere Runde  komplett explodiert.

„Wir sollten uns mal anschauen, wo der ganze Scheiß herkommt.“

Niemand ist von der Idee wirklich begeistert, doch vielleicht hilft diese Bedrohung, uns als Gruppe wieder zusammenzubringen. Wir kehren dem Café den Rücken, durchqueren den Markt und stoßen rasch auf Absperrbänder und Warnschilder – wir biegen um zwei Ecken, dann breitet sich das Ausmaß der Seuche direkt vor uns aus: Ganze Pilzkolonien bevölkern Wände und Böden.

Mir wird schlagartig klar, wo ich mich angesteckt habe: Bei meinem Ausflug in die Katakomben der Station. Dort war ich das erste Mal auf die Pilze gestoßen – ungeschützt und direkt. Innerhalb weniger Tage haben sie nun ganz Levski befallen. Seuchenbekämpfer versuchen Proben zu nehmen und dem grassierenden Problem irgendwie Herr zu werden.

„Das ist absolut widerlich“, sage ich, während mich unter meinem Helm gleichzeitig ein neuer Hustenanfall schüttelt.

Wir blicken uns um und müssen erkennen: Es ist alles noch viel schlimmer als gedacht. Die Sporen breiten sich immer weiter aus. Millionen fliegen durch die Luft. Die kleinsten Killer sind mitunter eben am gefährlichsten – und wenn es mit diesem exponentiellen Wachstum so weiter geht, ist Levski in wenigen Wochen unbewohnbar.

„Und jetzt?“, frage ich in die Runde.

„…helfen wir. Ist doch klar“, antwortet Husky bestimmt.

Das Auftragsjournal ist mit Hilfegesuchen unterdessen immer weiter angeschwollen.

„Hier ist von FTL Courier Services ein Transportschiff mit Medikamenten verloren gegangen. Wir könnten uns aufmachen, es zu suchen.“

Alles nickt und gemeinsam machen wir uns auf den Weg zu Huskys „Frost.“  

An Bord marschieren wir alle direkt auf die Krankenstation und dekontaminieren uns in der Schleuse. Als einziger lasse ich lieber den Helm auf, weil mich die Krankheit ja bereits erwischt hat und ich die anderen nicht anstecken will.

Pike und Alaska besetzen die Türme, ich nehme neben Husky Platz, dann sind wir auch schon unterwegs. Jeder wartet mehr oder weniger ruhig darauf, dass wir unser Ziel erreichen. Mir geht unterdessen das wirre Plakat nicht aus dem Kopf – Nyx, das ist nach wie vor ein so genanntes ungeclaimtes System, das heißt, es gehört niemanden und ist wie Pyro freier wilder Westen des Weltraums. Weder zählt es zum Territorium der UEE noch gehört es der People‘s Alliance, auch wenn sie das sicher anders sehen. Jetzt, da mit der Genesis-Technologie plötzlich Terraforming im Schnelldurchlauf möglich zu werden scheint, ruft es natürlich viele auf den Plan. Die Kunst ist es nun, die einzelnen Motivationen zu erkennen und…

„…wir sind da“, meldet Husky.

Vor uns schwebt eine komplett zerstörte Constellation im Raum.

„Ich gehe rüber“, sage ich.

Ich muss mich dringend bewegen, die Lungen durch Bewegung lüften.

„Ich komme mit“, sagt Alaska.

Gemeinsam schweben wir hinüber zum Schiff. Innen ist es komplett ausgebrannt. Irgendwas Heftiges muss es getroffen haben. Wir durchsuchen das Wrack, dann entdecke ich in der Cockpitsektion eine Kiste mit Medikamenten.

„Ich hab‘s gefunden.“

Was auch immer in diesem kleinen Medi-Paket drin ist, vielleicht hilft es, ein paar Menschen das Leben zu retten.

„Zurück nach Levski.“

So schnell es geht, machen wir kehrt und fliegen zurück. Husky nimmt sogar den kurzen Weg, den Hintereingang der Station quer durch den riesigen Felsen. Kaum sind wir angekommen, bringen wir die Medikamente zur Krankenstation, wo sie bereits sehnsüchtig erwartet werden. Überall um uns herum krümmen sich die Menschen und husten – und ich spüre ebenfalls, wie es mir wieder schlechter geht.

Die kurze Anstrengung war offenbar schon zu viel.

„Leute, ich muss zurück ins Bett.“

Die anderen nicken und wir verabschieden uns direkt vor dem Eingang zu den Habs. Ich schleppe mich in meine kleine Kemenate, krauche stöhnend zurück ins Bett, schließe die Augen – und habe das Gefühl: Jetzt geht es erst so richtig los.

*****

Zwei Tage später.

Ein unfassbarer Hustenfanfall reißt mich aus einem tiefen Schlaf.

Mein Mobiglas piept.

Friedrich…über ihn ist ein Artikel in der „Terra Gazette“ erschienen.

Es ist unglaublich, was der Mann öffentlich auf sich nimmt. Gleichzeitig ist es großes Kino, wie er alle an der Nase herumführt, auch wenn der Image-Schaden, den er damit für Nordlicht Aviation in Kauf nimmt, riesig ist… Nicht mehr lange, dann werde ich endlich wieder direkt mit ihm sprechen können.

Mein Mobiglas piept erneut. Alaska hat eine längere Nachricht geschrieben.

Ich schüttle müde den Kopf – warum hat Alaska nicht gleich noch dazu geschrieben, dass er mich für einen Spinner hält? Ich huste mir erneut die Seele aus dem Leib. Aber vielleicht findet er ja tatsächlich etwas heraus. Denn  grundsätzlich hat er natürlich recht: Was Smith mit seiner Zeitreise andeutet, ist schlicht hanebüchen.

Ich drücke mich mit letzter Kraft hoch.

Meine Brust brennt wie Feuer, ich unterdrücke einen Würgereiz.

Die Seuche scheint mittlerweile meinen ganzen Körper befallen zu haben – ich muss ins Krankenhaus und zwar sofort. Doch im Hospital stehen die Schlangen bis zum Zugang. Ein Dispatcher läuft die röchelnde Menschenschlange auf und ab.

„Jeder, der sich noch halbwegs auf den Beinen halten kann – bitte suchen Sie anderweitig Hilfe. Wir sind komplett dicht“, wiederholt er stoisch.

Triage – das ist, was hier läuft.

So schlimm ist es mittlerweile.

Ich verlasse die Schlange und drehe um.

„Seid ihr auf den Beinen? Wo seid ihr?“, schreibe ich Husky.

„Grand Barter Markt“, kommt es umgehend zurück.

Ich lehne mich kurz an ein Geländer, dann mache ich mich auf den Weg, der plötzlich gefühlt zehnfach so lang zu sein scheint. Wie beim letzten Mal trage ich Undersuit und Helm, um die anderen zu schützen. Vor dem Fahrstuhl treffe ich auf Alaska und gemeinsam steuern wir den Markt an. Ich ringe mir ein paar Begrüßungsworte ab. Im Grand Barter Markt angekommen, blicke ich mich um – die Station scheint sich rasend schnell zu leeren. Wahrscheinlich haben sich alle Bewohner in ihre Mäuselöcher verkrochen.

Ich atme schwer. Vor meinen Augen verschwimmt die Umgebung.

„Das Krankenhaus nimmt keinen mehr….“, flüstere ich.

„Wir müssen dich woanders hinbringen…“ erwidert Husky.

„…Stanton“, ergänzt Pike.

„Und wir versuchen dabei gleich noch anderen zu helfen.“

Husky checkt sein Mobiglas, das immer noch vor Hilfegesuchen überquillt.

Um die Opferzahlen runterzubringen, werden besonders schwer betroffene Bewohner mittlerweile sogar in Kryopods eingefroren, damit ihre Erkrankung nicht fortschreitet, bevor sie die nötige Behandlung erhalten. Zwölf Personen sollen nach New Babbage ausgeflogen werden, damit sie dort behandelt werden können. Außerdem sollen luftdicht verpackte Proben des Schimmelpilzes nach New Babbage gebracht werden, damit dort an einem Gegenmittel geforscht werden kann. Husky nimmt beide Aufträge von Covalex Shipping an. Ironie der Geschichte: Heute das größte Cargo-Unternehmen im Verse, ist Covalex einst aus einem Schmugglerring hervorgegangen, der in seiner Frühzeit auch für das Messer-Regime tätig war…

Wir machen uns auf den Weg in Huskys Hangar. Unter Schmerzen setze ich einen Fuß vor den anderen. Als wir dort ankommen, sind die Proben und die Kryopods mit Menschen bereits angeliefert. Ich gehe näher ran und werfe einen Blick auf die tiefgefrorenen Bewohner Levskis. Damit sie die Umgebung nicht mit Pilzsporen kontaminieren, sind sie extra noch einmal in eine Folie eingeschweißt, wie durch kleine Fenster zu erkennen ist.

Wie nur konnte es so schnell soweit kommen?

Durch den Anblick fühle mich gleich noch ein wenig kränker und außerstande, den anderen zu helfen.

„Leute, ich gehe bereits aufs Schiff und lege mich auf die Krankenstation.“

Ein weiterer Hustenanfall schüttelt mich.

„Alles klar, Bru.“

Ich betrete die „Frost“, werfe einen kurzen Blick in den Laderaum und steuere dann gezielt die Krankenstation an. Über Funk höre ich, wie sich die anderen mit den unhandlichen Kryopods abmühen. Irgendwann haben sie es jedoch geschafft und ich spüre, wie wir abheben. Alaska will uns unbedingt etwas erzählen. Ich wuchte mich unter Aufbietung aller Kräfte hoch und schwanke ins Cockpit – soeben erreichen wir das Nyx/Pyro-Jumpgate.

„Wir suchen uns drüben in Pyro ein ruhiges Fleckchen“, sagt Husky gerade.

Ich nehme den Fahrstuhl auf die obere Brücke und blicke auf das näher kommende Wurmloch. Aus dieser Perspektive habe ich es noch nie gesehen. Ich stehe da, muss nichts tun, außer mich ganz den nun folgenden Eindrücken hinzugeben. Nur Sekunden später fliegen wir augenscheinlich durch einen Tunnel, auch wenn ich weiß, dass das eine Illusion ist. In Wirklichkeit wird um uns herum der dreidimensionale Raum gefaltet, wie ein Stück Papier, sodass Ein- und Austrittspunkt quasi übereinander liegen. Lichtjahre entfernte Orte fallen in einem Punkt zusammen – ein Naturphänomen, im Jahr 2271 mit dem ersten Sprungpunkt von Sol nach Croshaw entdeckt, wodurch interstellares Reisen überhaupt erst möglich wurde.

Ich habe die Augenlider halb geschlossen, versuche es intuitiv zu begreifen. Es hat etwas von einer Blutader, durch die wir rasen – eine Ader, die zwei Organe in einem riesigen Organismus verbindet. Vielleicht ist es ja wirklich so.

Dann höre ich einen Knall und wir sind da.

Husky steuert die „Frost“ weg vom Sprungpunkt und ich mache mich mit Trippelschritten auf in die Messe. Wir setzen uns, dann ergreift Alaska das Wort. Mögliche Zeitreisen – darum soll es gehen. Er referiert in den folgenden Minuten von  Tachyonen-Strahlung, Möbius-Bändern, Torsionen und einer von der Wissenschaftsgemeinde für verrückt erklärten Forscherin, die sogar Zeitreisen in die Vergangenheit theoretisch für möglich hält.

Ich versuche so gut es geht zu folgen.

Es hat Alaska einfach keine Ruhe gelassen, offenbar hat er seinen Chefphysiker getroffen. Für einen Wissenschaftler muss zwei und zwei eben immer vier ergeben – egal unter welchen Umständen. Nichts darf das eigene gefügte Weltbild ins Wanken bringen, es sei denn, es gibt einen Beweis oder zumindest eine logische theoretische Erklärung. Ich sinniere, während ich weiter zuhöre – warum nur macht er es sich so schwer? Gilt nicht für uns alle, dass es Dinge gibt, die den eigenen Horizont übersteigen? Doch das menschliche Beharrungsvermögen ist eben riesig. Als er fertig ist, frage ich eher aus einer Laune heraus und sicher, dass er das verneinen wird: „…aber meinen Namen hast du dort nicht erwähnt, oder?“

Für eine Sekunde wirkt er konsterniert und stottert aus dem Konzept gebracht sichtlich herum.

„Na, ja, ich habe schon gesagt, dass Du eine Theorie hast und dass eine Zeitreise der Vanduul theoretisch….“

Ich starre ihn einen Moment ausdruckslos an, mir fehlen einfach die Kraft und die Worte.

„Ich lege mich wieder hin“, sage ich schließlich matt und stehe auf.

„Es war ein Fehler“, höre ich noch.

Auf dem Weg zur Medbay schreibe ich Husky eine Privatnachricht.

„Wir müssen reden. Allein.“

Als Husky kurz nach mir auf der Krankenstation eintrifft, versuche ich mich gerade unter Schmerzen aufs Bett zu legen.

„Wie naiv ist der eigentlich?“

Ich kann meine Enttäuschung kaum im Zaum halten. 

„Ich erzähle unter höchster Not und weil er einfach nicht von mir ablässt, alles, was ich weiß, dass die Vanduul mich ghosten wollen – und er geht damit hausieren und nennt sogar meinen Namen…“

Ein Hustenanfall  scheint mir die Lunge zu zerfetzen.

Husky sucht die richtigen Worte, dass Alaska eben Wissenschaftler sei und die so ticken…ich schüttle den Kopf und fühle mich verraten – erst recht nach seinen ganzen verbalen Attacken. Märchenstunde, Räuberpistole – was hatte er mir nicht alles an dem Kopf geworfen…

„…flieg das Schiff, bring uns nach Microtech“, sage ich lauter als gewollt.

Husky kehrt auf die Brücke zurück. Ich liege auf dem Medibett der „Frost“ und starre an die Decke.

Mein Kopf will zerplatzen, so fühlt es sich zumindest an, während das Schiff erneut durch den Quantumtunnel rast. Gedanken und Fragen gehen wild durcheinander und ich versuche, die Geschehnisse irgendwie vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ich drücke gekränkte Eitelkeiten und vermeintliche Verletzungen bewusst weg und versuche mich auf das Wichtige zu konzentrieren – auf das, was aktuell um uns herum passiert.

Nach seiner Entdeckung im Jahr 2582 versucht das UEE das System Nyx zunächst wirtschaftlich nutzbar zu machen, doch das Terraforming scheitert. Ein Startup verspricht dann vor kurzem im Handumdrehen alle Fehler zu korrigieren. Ein Felsen, eben noch kaum betretbar, blüht plötzlich auf. Auf Levski schießen gleichzeitig giftige Pilze aus dem Boden und die Frage steht im Raum: Ist womöglich etwas auf die Station gelangt, das auch dort extrem beschleunigtes Wachstum ermöglicht? Vielleicht sogar beabsichtigt, um die Station innerhalb kürzester Zeit zu entvölkern?

Ich hebe unter starkem Pochen schmerzerfüllt den Arm und öffne die Galactapedia:  Gyson Inc. ist eine umstrittene Firma mit mittelmäßigem Ruf, die einst zwar den legendären „Ready-Up“-Helm auf den Markt brachte, die aber auch durch diverse Skandale wegen geringer Produktqualität erschüttert wurde. Kurzum: eine Firma, bei der es nicht verwundern würde, wenn sie eine solche Katastrophe zu verantworten hätte.

Ich lasse den Arm wieder sinken.

In jedem Fall ist es wohl ein „glücklicher Zufall“ aus Sicht der UEE. Würde sie aber soweit gehen und den Tod von tausenden Menschen in Kauf nehmen und vielleicht sogar zu Sabotage greifen, um den Stachel aus dem Fleisch eines nunmehr strategisch wichtigen Systems zu ziehen?

Zero würde das wohl sofort unterschreiben.

In jedem Fall sind die Vanduul für die UEE ein Spitzenvorwand, um Nyx nun offiziell zu claimen – vielleicht als neue Frontlinie, als Brückenkopf…in der „Terra Gazette“ hatte der UEE-Senat öffentlich angekündigt, darüber diskutieren zu wollen. Und welche Rolle spielen die Vanduul selbst? Wollen sie die neue Technologie vielleicht selbst haben? Weil sie den Menschen Möglichkeiten eröffnet, Territorien schnell zurückzuerobern? Fakt ist: Nyx steht aktuell einer doppelten Bedrohung  durch die Vanduul und die UEE gegenüber. Wie zwei Güterzüge rasen sie ungebremst aufeinander zu – mit Levski zwischen ihnen als Rammbock. Das Ganze hat das Potenzial einen neuen Krieg heraufzubeschwören.

Ich schließe die Augen.

Einheimische durch einen externen Feind schwächen, Hilfe ungefragt entsenden, Führungspersonen entfernen, umliegendes Land zum Schutz annektieren und kolonisieren, Kommunikation über alle Geschehnisse kontrollieren, einen neuen Status Quo schaffen… Klingt das nicht wie aus dem Lehrbuch für Eroberungen?

Ich denke an die Menschen, die unten im Frachtraum der „Frost“ in den Kryopods liegen…alles pure Paranoia? Zusammengesponnenes Zeug im Delirium? Wenn an all dem etwas dran ist, gehen wir ihnen womöglich genauso auf den Leim, wie sie es möchten. Und wenn sich dann irgendwann der Staub gelegt hat, wer wird in Nyx und in den umliegenden Systemen dann das Sagen haben? Plötzlich wird mir klar: Der Schlüssel für all dies liegt auf Nyx I, beziehungsweise die Genesis-Technologie ist der Schlüssel. Doch aktuell ist der Planet strengstes Sperrgebiet. Wir müssen dahin – irgendwie und zwar bald wenn wir echte Antworten bekommen wollen.  

Husky kehrt zurück.

„Wir sind gleich da…wie geht’s dir?“

Meinem Hals entringt sich kaum ein Röcheln.

„Halte durch.“

Ich spüre, wie das Schiff abbremst, erneut beschleunigt, dann passieren wir offenbar den zweiten Sprungtunnel nach Stanton. In den Tiefen des Schiffes heulen die Maschinen auf – nächster Quantumjump. Ich lasse meine Gedanken einfach kommen und gehen…Jorrit, Mensch-Vanduul-Mischwesen, Aufbruch des Menschen zu den Sternen…Zeitreisen, um alles zu resetten…Nebel umfängt mich und ich verliere das Gefühl für die Zeit.

Husky kehrt erneut zurück.

„Wir sind gelandet, die anderen laden alles aus. Komm, ich helfe dir hoch.“

Ich versuche zu nicken, aber es gelingt mir nicht.

Als ich endlich sitze, dreht sich alles.

Ich schleppe mich durch die „Frost“, schwanke die Rampe hinunter und erspähe eine Liege. Meine Knie werden weich. Sofort lege ich mich wieder hin und beobachte aus den Augenwinkeln, wie Alaska und Pike die Kryopods und Proben in den Frachthangar schaffen. Irgendwann haben sie es und ich sehe halb ohnmächtig, wie eingefrorene, in Plastik verschweißte, lebendige Menschen im Frachtaufzug hinter einer Stahlplatte wer weiß wohin in der Tiefe verschwinden.

Es ist ein verstörender Anblick.

„Jetzt zu dir…“

Husky schnappt sich meine Liege und schiebt sie Richtung Fahrstuhl.

Ich spüre, wie meine Atmung flacher wird.

Es geht zu Ende.

„Nein…“, sage ich leise.

Doch niemand hört es.

Gemeinsam bugsieren sie die Liege in den Fahrstuhl, dann schließt sich die Tür. Irgendwann geht es aufwärts, wo mich die anderen wieder in Empfang nehmen.

„Wir müssen uns so unauffällig wie möglich benehmen“, stöhne ich leise über unseren Helmfunk.

Wenigstens funktioniert mein Verstand noch.

Wir passieren eine Wache, die uns argwöhnisch beäugt, ich drücke so gut es geht den Rücken durch und versuche eine halbwegs gerade Körperhaltung einzunehmen. Das Atmen fällt mir wieder ein wenig leichter. Dann erreichen wir die Bahn – und ich ahne, die Fahrt wird schrecklich werden. Ich soll mich nicht irren – die Beschleunigung presst mir den Rest der Luft aus der Lunge und ich muss mich hinlegen…die Kurven fühlen sich an, als würde ich mit fünf Promille eine Achterbahn hinuntersausen.

„…wann ist der Scheiß vorbei?“, stammle ich kaum hörbar.

„Gleich, Bru.“

Endlich hält die Bahn an, eine Sekunde länger und ich hätte einfach aufgegeben. Ich stehe mit letzter Kraft auf und ich schleppe mich durch den Lobbybereich. Hinter mir lachen irgendwelche Typen. Das war mir noch nie aufgefallen, aber das Aspire Grand-Hotel und das Krankenhaus von New Babbage teilen sich eine große Lobby – perfekt für Viren beim Ausbruch einer Seuche.

Pike besorgt uns ein Zimmer.

„Dritter Stock, Behandlungsraum zehn.“

Husky stützt mich, die grellen Lichter des Krankenhauses rauben mir fast den Verstand…schließlich sind wir da und ich falle aufs Bett. Kaum hat das Medibett seine Arbeit aufgenommen, sehe ich auch schon das ganze Ausmaß des Befalls – mein gesamter Körper scheint dem Tode geweiht. Meine Lunge leuchtet puterrot.

„Ach du Scheiße.“

Ich schiebe den Regler für Antimykotika mit letzter Kraft nach ganz vorn, der die Sporen in einer ersten Behandlung abtöten soll. Es dauert einen Moment, dann piekst es überall in meinem Körper – es ist, als würde ihm pures Gift entzogen. Ein Timer zeigt an, dass ich drei Minuten still liegen muss. Das Pieksen schwillt immer weiter an, es kribbelt innen wie außen an meinem Körper, dann lässt es langsam wieder nach. Ich spüre regelrecht, wie meine Körperkräfte zurückkehren – und mit ihr meine Wut auf Alaska. Das Medibett zeigt an, dass ich die Prozedur später mit Abständen noch viermal wiederholen muss, um Immunität zu erlangen.  Schließlich stehe ich auf, dann bricht sich in mir alles Bahn und ich packe mir den Herrn Wissenschaftler.  

„…wofür hältst du das alles hier eigentlich? Für eine Art Kaffeefahrt, bei der wir uns die Lebensbeichten abnehmen? Für eine Therapiegruppe, bei der wir uns bei Verspannung gegenseitig massieren?“, fahre ich ihn in einer Mischung aus Krächzen und überschlagender Stimme hart an.

Ich weiß, ich vergreife mich in dem Moment extrem im Ton, ganz sicher spricht aus mir auch der Schock, dem sicheren Tod wahrscheinlich im allerletzten Moment von der Schippe gesprungen zu sein – aber ich muss das klären. Hier und jetzt, bevor wir auch nur einen weiteren Schritt gemeinsam machen. 

„…den Wissenschaftler, der du warst, gibt es nicht mehr“, herrsche ich ihn weiter an. „Du hängst in der ganzen Scheiße bis zur Halskrause mit drin. Kehre zu deinen Büchern zurück, kleiner Hobbit oder erobere den Arkenstein. Aber erwähne nie wieder anderen Leuten gegenüber, was ich euch in allerhöchster Geheimhaltung erzähle, weil ihr es unbedingt wissen wollt – und sprich nie wieder so mit mir, wie du es getan hast.“

Bei Alaska weiten sich die Augen. Er muss denken, ich habe endgültig den Verstand verloren oder er hält mich nur noch für ein absolutes Arschloch. Aber ich kann einfach nicht mehr an mich halten.

Ich verlasse den Raum.

Emotional erleichtert irgendwie, aber auch unfassbar frustriert.

Die anderen reden leise miteinander.

 „…wir müssen zurück aufs Schiff, ich brauche ein weiteres Bett“, grätsche ich dazwischen.

„Hier ist ein Bett“, sagt Pike ungerührt.

„Herr, wirf Hirn vom Himmel“, sage ich nur noch genervt.

Keinesfalls dürfen sie uns erwischen, wie wir mit Sporen an unseren Klamotten, sprich: einer todbringenden Pilz-Krankheit quer durch ihr wunderschönes auf Hochglanz poliertes New Babbage latschen…bestenfalls stecken sie uns für Wochen in Quarantäne. Schlimmstenfalls landen wir auf Nimmerwiedersehen einfach im Knast.

Wortlos sitzen wir Minuten später in der Bahn zurück getrennt voneinander.

Doch noch ist es nicht vorbei. Auf der Rampe der „Frost“ geraten Alaska und ich erneut heftig aneinander. Ein Wort gibt das andere, mir rutschen ein paar deftige Beleidigungen raus – „er wird erst begreifen, womit wir es zu haben, wenn ihn ein Vanduul in den Arsch beißt“ etwa. Doch ich dringe einfach nicht zu ihm durch.

„Ich habe mich entschuldigt. Was soll ich denn noch tun?“, sagt er irgendwann.

Ich bin mit meinem Latein am Ende.

Plötzlich wird mir klar: Alaska hält das Ganze nach wie vor für eine Art Exkursion. Er sitzt geistig immer noch in seinem Lehnstuhl. Er beobachtet das alles aus einer erhöhten Warte als Wissenschaftler – klar, auch persönlich betroffen, wenn mal die Kugeln pfeifen, aber für ihn ist der Wahnsinn um uns herum immer noch irgendwie abstrakt. Die echte Gefährdungslage sieht er nicht.

„Geh“, sage ich irgendwann. „Bitte geh.“

Ich steuere die Kabine an und lege mich mit dröhnenden Kopfschmerzen ins Bett.

Mein Mobiglas piept.

Zu spät.

Ich muss daran denken, was Smith mir bei unserem vorletzten Treffen gesagt hatte. Es findet einen Rennen um Land statt – und jeder will das beste Blatt im Jahrtausendspiel. Es wird mit allem gekämpft, was das Arsenal hergibt.

Und wir werden dabei zerrieben.

Journal-Eintrag 18 /02 / 2956

Das Gerät piept – die letzte Behandlung ist abgeschlossen.

Ab sofort bin ich immun gegen die Pilzsporen.

Das Medibett auf der Krankenstation der „Frost“ senkt sich, fast fühle ich mich wie wiedergeboren. „Alliance Aid“, die Organisation, die versucht, die Seuche in den Griff zu bekommen, bietet auf allen Stationen für gelandete Schiffe mit Medibetten ein Software-Update an, das unter Zugabe der entsprechenden Medikamente das Sporengift aus dem Körper holt – offenbar ein Teil ihrer offiziellen Eindämmungsstrategie. Während ich geschlafen habe, hat Husky das Update aufgespielt und alles eingestellt.

Jetzt noch ein paar Kopfschmerztabletten und der Spuk ist zumindest für mich persönlich vorbei. Ich denke an die Menschen, die wir in den Kryopods hergebracht haben.

Beileibe nicht jeder hat so viel Glück.

Ich richte mich auf.

Die anderen schlafen oder sind irgendwo unterwegs.

Ich verlasse den Hangar und mache mich auf den Weg nach New Babbage. Meinen Helm klemme ich hinten an den Anzug. So errege ich am wenigsten Aufsehen, ein einfacher Besucher – mehr nicht. Die Bahnfahrt fühlt sich wieder normal an, zwar immer noch schnell – aber kein Vergleich zur Höllenfahrt vor wenigen Tagen.

Ich komme an, um mich herum: vermeintlich heile Welt. Es wird getratscht, gelacht, Kaffee getrunken, Sport getrieben. Ich schaue mich um – Nyx ist für diese Menschen weit weg, wie offenbar jegliche Krise. Vielleicht verlassen sie sich einfach auf die UEE Navy, die mit den Vanduul schon die heißen Eisen aus dem Feuer holen wird. Vielleicht wollen die Menschen aber auch einfach nicht wahrnehmen, was um sie herum passiert. Vogel-Strauß-Taktik, eine nur allzu menschliche Reaktion. Wer kann sich schon rund um die Uhr das Elend des gesamten Universums geben? 

Vielleicht stimmt auch einfach mit mir etwas nicht – seit Monaten bin ich im Dauer-Panik-Modus. In meinem Leben jagt  ein drohendes Unheil das nächste. Ich verscheuche die trüben Gedanken, laufe in die Apotheke und nehme ein paar „Relief“-Tabletten. Damit sollten die restlichen Symptome der Pilz-Erkrankung ausgemerzt werden können.

Danach schreibe ich Husky an, vielleicht ist er ja wach, was er sofort bestätigt.

„Guten Morgen! Ich bin bei den Commons nahe der Hangars. Ich habe mir eben ein Bike geliehen, brauche dringend frische Luft.“

„Warte, ich komme zur Dir.“

Ich nehme die nächste Bahn.

„Danke für das Vorbereiten des Medibetts“, sage ich, als wir uns kurz darauf gegenüberstehen.

Er nickt – und macht gleichzeitig ein betrübtes Gesicht.

„Geht‘s dir wieder besser?“

Ich recke den Daumen nach oben.

„Bru…“

„Ja…?“

„Es läuft nicht gut.“

Er macht eine kurze Pause.

„Wir brechen auseinander, wenn das so weiter geht.“

Ich ahne sofort, worauf er hinauswill.

„…es war krass, was du Alaska an den Kopf geworfen hast…so kenne ich dich gar nicht…“

Ich nicke.

„Ja, ich weiß…“

„Er ist nicht verkehrt. Klar, er hätte das nicht sagen dürfen mit der Zeitreise und den Vanduul….aber er kann auch nicht aus seiner Haut raus, wie keiner von uns.“

Husky hat recht, ich habe eine Kopfwäsche verdient.

„…er stellt die richtigen Fragen.“

Ich nicke erneut.

Wir laufen paar Meter.

Ich versuche mir noch irgendeine Rechtfertigung zurecht zu legen, als über uns riesig die neuesten SSN-News aufploppen. Ein ASD-Logo wird eingeblendet, dann folgt eine Übertragung aus dem UEE-Senat. Imperatorin Addison spricht vor den Vertretern der verschiedenen Sternensysteme. Aus den Lautsprechern sind Ansager und Addison nur schwer zu verstehen – doch was ich höre, bestätigt mich in allem. Sofort bin ich wieder in meinem Tunnel.

In dem Newsflash wird gesagt, dass Dr. Logan Joritt unabhängig und von ASD nicht autorisiert an unethischen Experimenten mit einem gefangenen Vanduul gearbeitet hat und daher ASD die Lizenz entzogen werden soll und es Sanktionen geben könnte. In einer Live-Schalte erklärt Addison dann, dass die Regierung aktuell keine Anstrengungen mehr investiert, um die Regen-Krise zu lösen. Ich glaube zunächst, mich verhört zu haben. Wir steuern die nächste Lounge an und holen uns den Newsflash auf unsere Mobigläser. Doch ich habe mich nicht getäuscht.

„Da haben wir’s“, sage ich leise.

Ich schaue mir den Newsflash ein drittes Mal an, dann schüttle ich den Kopf und ich weiß: Unsere Gegner sitzen im UEE-Senat selbst. Daran kann es nach diesen Nachrichten keinen Zweifel mehr geben. Kein Wort darüber, dass ASD versucht hat, Menschen und Vanduul-Gene zu kreuzen, um ein neues Mischwesen zu schaffen und wie nah sie da dran waren, kein Wort über ein Vanduul-Schiff, das mit Leichen gefüttert wurde, kein Wort über Experimente mit einem riesigen Vanduul-Reaktorkern, kein Wort zu hunderten Toten in Onyx…und dass Jorrit keineswegs aufgrund all der Dinge, die wir da unten gefunden haben, nur allein gehandelt haben kann – wir haben die Sprachlogs gehört.

Ich spule noch mal zurück – erst jetzt fällt es mir auf. Die News behaupten, dass die Vanduul-Experimente in Pyro und nicht in Stanton stattgefunden haben, eine glatte Lüge – damit knüpfen sie nahtlos an das an, was schon seit Monaten klar ist. Tenor: In Pyro, leider ein System außerhalb der Kontrolle der UEE, sind ein paar schreckliche Dinge gelaufen, wie ein paar vermeintliche Verstöße gegen Tierschutz…aber: Man steht den Dingen quasi machtlos gegenüber, weil sie deshalb außerhalb der UEE-Gerichtshoheit geschehen sind. 

 „Ist das zu fassen?“, sage ich zu Husky, der ein paar Meter entfernt von mir steht.

Entweder haben sie bei SSN /CatTV genauso einen Maulkorb bekommen wie ich oder sie haben keine Ahnung, wovon sie reden.

„Der Senat will ASD abschirmen, wirft der Öffentlichkeit dafür nun einen Brocken hin und zieht den Karren so aus dem Fokus und dem Scheinwerferlicht. Es ist eine Beruhigungspille, mehr nicht. Und Bioticorp wollen sie offenbar auch schützen“, sagte ich schließlich.

Husky nickt zögerlich.

Ich sehe ihm deutlich an, dass er sich auf sein Bike wünscht.

„…verdammt, wir waren dort unten, wir haben gesehen, was dort wirklich geschah. Den ganzen Wahnsinn…“

Mein Mobiglas piept.

Eine Nachricht von Zero.

Keine Ahnung, was mit Zero los ist – offenbar fühlt er sich nur noch von Feinden umzingelt.  Wenigstens bin ich mit dem Gefühl nicht allein. Von seinem Ton aber ganz zu schweigen, ich habe keine Ahnung ob sich Smith und Friedrich überhaupt kennen. Und die verhasste UEE ist plötzlich Zeros Kronzeuge?

„Ich muss jetzt dringend biken. Die X1 steht schon bereit“, sagt Husky.

Ich blicke auf.

„Das Rentnerbike? Keine Nox?“

„Alle ausgeliehen.“

Ich lächle.

„Hey, ich bleibe hier – nächstes Mal.“

Husky grinst zurück, nickt und macht sich auf den Weg.

Ich sortiere meine Gedanken und schreibe eine Nachricht an alle mit meinen Schlussfolgerungen, ergänzt mit der Bitte, sich doch endlich mal wieder einzukriegen….

Ich drücke auf Senden.

Husky hat recht.

Wir brechen auseinander.

Die einfache Wahrheit ist: Was auch immer hier passiert oder auch nicht, wir sind dem nicht gewachsen.

*****

Zwei Tage später.

Ich sitze auf einer Nox, New Babbage wischt wie ein undeutlicher Schatten an mir vorbei – endlich fahren wir mal wieder auf Bikes aus. Husky hat die öde X1 gegen eine Nox eingetauscht und umkreist mich wie ein Jäger seine Beute.

„Wir knallen bestimmt gleich voll zusammen!“, kreische ich, als er mich ein weiteres Mal nur um Haaresbreite verfehlt.

Wie zum Trotz dreht er das Tempo hoch. Er ist ganz in seinem Element.

Ich ducke mich tiefer in den Sitz und gebe ebenfalls Vollgas – genauso hatte auch unsere Umrundung um den ganzen Planeten begonnen…

„Weißt du noch…?“, fragt Husky.

Er hat meine Gedanken erraten.

„Klar. Das war ein Wahnsinns-Trip“, antworte ich wie aus der Hüfte geschossen.

Doch uns erneut einfach davonzustehlen – das funktioniert diesmal nicht. Über uns liegt ein gewaltiger Schatten, eine übermächtige Bedrohung, der wir uns stellen müssen, ob wir nun wollen oder nicht. 

Ich denke an die anderen. Warum nur halten Menschen – einmal gefasst – so sehr  an ihren Meinungen fest? Damit die Welt schön geordnet und übersichtlich bleibt? Die Welt ist aber nun einmal nicht schwarz-weiß, sondern grau. Sie ist komplex und kompliziert….Ich brauche echte Freunde, die zu mir und zu Husky halten und  keine Unterstellungen, Vorhaltungen oder Vorwürfe. Zweimal habe ich versucht zu erklären, was geschehen ist und was meine Gründe waren, warum ich die anderen nicht sofort in alles eingeweiht habe…und doch: Zero kapselt sich ab, Alaska sitzt in seinem Elfenbeinturm und Pike macht den Eindruck, als würde er sich ganz woanders hinwünschen.

Erneut scheint Husky meine Gedanken erraten zu haben.

„Ist echt sauschwer, alles beisammen zu halten“, sagt er.

Ich nicke unter meinem Helm und beobachte ihn, wie er nahe der Stadt in einem Eiskanal verschwindet, ein Flüsschen, das sich wahrscheinlich einst malerisch durch die Landschaft schlängelte, bevor der Terraforming-Unfall zumindest auf dieser Seite Microtechs alles für immer gefror und nur noch die Erinnerung an bessere Zeiten übrig blieb.

Ich folge Husky weiter, dann sind wir wieder raus aus der Eisrinne und biken Richtung Raumhafen. Wir folgen einer Hochbahnstrecke, die aber im Nichts endet – vielleicht ein nie vollendeter Ausbau, der zu besseren Zeiten neue Distrikte für New Babbage erschließen sollte.

„Schau die Stahlträger und Stützen an – gigantisch“, schwärmt Husky.

Wir rasen unter ihnen durch, dann locken uns die Berge.

„Wollen wir da rauf?“

Ich folge Huskys Blick.

Vor uns liegt eine Bergkette.

„Na klar.“

New Babbage und der große See, an den die Stadt grenzt, liegen ein paar Kilometer hinter uns.  Husky fährt voraus und bald erklimmen unsere Maschinen wie Bergziegen erst Hügel um Hügel, dann Berg um Berg. Die Sonne gleißt vom Himmel, Nebelschwaden ziehen gleichzeitig vorbei – mit anderen Worten: Es ist wunderschön – doch irgendwann ist Husky verschwunden.

„Husky..?“

„Ja, ich bin hier…oha…da ist ein Tal des Todes.“

Ich habe keine Ahnung, wo er ist und versuche, mir von einem kleineren Berg aus einen Überblick zu verschaffen.

„…ist das steil, ich bin gespannt, ob die Nox das schafft.“

„Husky, bau bloß keinen Mist…“

„Bin gleich oben…“

Ich versuche, ihn in die Ferne zu erspähen – vergebens.

„Wo bist du?“

„Auf dem höchsten Berg weit und breit – was für eine Aussicht!“

„…etwa auf dem Mount Everest da hinten?“

Der Berg sieht in seinem Profil genauso aus, wie der höchste Berg der Erde.

„Yep, ganz genau. Komm hier rauf!“

„Husky, echt Mann…“

Ich wende die Nox und weiß kurz darauf, was Husky mit dem Tal des Todes gemeint hat – bevor man den Berg bezwingen kann, muss man erst ein extrem tiefes Tal durchqueren. Ich stürze die Nox in die Tiefe und schließe dabei die Augen. Wie oft waren wir auf unserer großen Microtech-Tour aus dem Nichts heraus explodiert?

Als ich die Augen wieder öffne, klettert die Nox auf der anderen Seite des Tals bereits wieder brav bergauf. Ich lasse ein paar riesige Felsen rechts liegen, die den direkten Aufstieg versperren und finde eine Flanke, die gemächlich nach oben führt. In Serpentinen führe ich die Nox weiter hinauf,  der man die Anstrengung auch durchaus anmerkt. Der Motor ächzt und stottert – aber sie gibt nicht auf. Eine Kurve noch, eine zweite und eine dritte – dann sehe ich Husky schließlich oben auf der Bergspitze stehen. Ich geselle mich zu ihm und lächle.

Gemeinsam blicken wir stumm für einen Moment hinüber zum entfernten New Babbage an diesem wunderschönen Tag. Alles fühlt sich leicht und frei an – warum kann es nicht einfach so bleiben?

Die Leichtigkeit des Seins.

„Wow, das hat sich gelohnt.“

Husky nickt und grinst.

„Und jetzt das kommt das Beste…“

Ehe ich mich versehe, stürzt er sich mit seiner Nox an der steilsten Flanke in die Tiefe und mir bleibt fast das Herz stehen.

„Huskyyyy….“

Husky jauchzt und schreit.

Auf einem Vorsprung bringt er die Nox zum Stehen.

„Jetzt du! Los, nur Mut.“

Ich schüttle den Kopf, doch dann lasse ich meine Nox ebenfalls einfach über die Klippe kippen. Kurz habe ich Angst, dass ich hinter mir eine Schneelawine auslösen könnte, aber rasch hat mich der Adrenalinkick ebenfalls fest im Griff.

„Wahnsinn…“, sage ich, als ich wieder neben Husky stehe.

Zwei, drei Mal geht es weiter im Rausch bergab, dann erreichen wir wieder die Ebene von New Babbage. Bald wird der Wald lichter und wir nähern uns der Stadt. Schließlich sind wir körperlich geschafft und durchgefroren, aber glücklich zurück in New Babagge und geben unsere Leihmaschinen ab.

„Ich nehme mir noch ein paar Stunden im Hab, um fit für die Rückreise zu sein“, sage ich.

Husky nickt

„Ich gehe schon aufs Schiff und überwache die Lieferung der Medikamente.“

Kaum bin ich allein im Hab im Aspire Grand, piept mein Mobiglas.

Ich öffne die Nachricht und lese: „Sehr geehrter Herr Asada…“

Ich klicke die Nachricht weg, offenbar ein Irrläufer, dann öffne ich sie aus reiner Neugier noch einmal…

Ich verstehe kein Wort.

Im Anhang sind zwei Schriftstücke und ein paar Fotos.

Anatol Annal?

Ich blicke auf die Fotos – was für ein hässlicher Typ. Ich checke mein Konto und traue meinen Augen nicht – der Anwalt hat mir eine halbe Million Credits überwiesen.

„Heilige Scheiße“, entfährt es mir leise.

Anatol Annal, was für eine Name…Sachen gibt’s…

*****

Ein paar Stunden später.

Der eingestellte Alarm auf meinem Mobiglas piept – Zeit aufzustehen und mich zur „Frost“ zu begeben. Ich drehe mich noch einmal für fünf Minuten auf die Seite und schließe die Augen. Was wird uns zurück in Nyx erwarten? Wie wird das alles weitergehen?

Ich fürchte mich vor dem Aufeinandertreffen mit Alaska – eine Entschuldigung ist fällig, so viel ist klar. Und ich will endlich raus aus dem schneeweißen Undersuit, den ich schon seit unserem Aufbruch trage. Klar, ich hätte mir ein paar Klamotten in New Babbage kaufen können, aber je weniger sich nachvollziehen lässt, dass ich überhaupt hier war, umso besser. Die Bikes hatte Husky auf seinen Namen gemietet.

Ich stemme mich hoch, blicke mich noch einmal um, dann verlasse ich das Hab. Wahrscheinlich ist es das letzte Mal für sehr lange Zeit, dass ich hier war. Ich nehme den Fahrstuhl, laufe durch die Lobby des Aspire Grand, eine Bahn wartet bereits. Ich blicke vorne aus der gläsernen Kanzel, während sie auf den Raumhafen zurast – es fühlt sich an, als würde ich den Zug aufs Schafott nehmen.

An der „Frost“ sind Husky und Alaska bereits mit ihren Multitools zugange. Riesige Medi-Container stapeln sich im Frachtaufzug.

„Hi, Alaska“, bringe ich heraus.

„Hallo Bru.“

„Wir müssen uns nachher mal unterhalten…“

Er nickt kurz, wendet sich dann wieder der Verladung zu.

„Hat noch jemand ein Multitool? Dann kann ich mit anpacken…“

Husky und Alaska verneinen – ein weiteres Mal bin ich zur Untätigkeit verdammt. Ich checke mein Mobiglas, wo ich das Gerät eventuell im Raumhafen kaufen kann. Dabei fällt mir ins Auge, dass ich einen Crimestat habe…

„Hey, was ist das denn?“

Mir fällt partout nicht ein, wo ich mir den Crimestat eingefangen haben könnte. In jedem Fall hat New Babbage doch registriert, dass ich hier war.

„Verdammt“, sage ich, „…ich versuche mal, einen Crimestat loszuwerden.“

„Alles klar, wir machen hier weiter.“

„Wo ist eigentlich Pike?“

Husky zuckt mit den Schultern.

„Keine Ahnung, ich habe ihn schon angepingt. Hat sich bisher aber nicht zurückgemeldet.“

Ich wette, er hat sich richtig abgeschossen. Ein Lächeln huscht mir über das Gesicht – irgendwie ist es ja auch das Beste, was man in unserer Situation hin und wieder machen kann.

„Probiere es noch mal. Sonst müssen wir ohne ihn los.“

Ich verlasse den Hangar und mache mich auf den Weg in die Empfangshalle des Raumhafens. Ich laufe zu einem Counter, doch der Mitarbeiter ist total gestresst und hört kaum zu.

„Wie bitte? Bitte überprüfen sie  das selbst… wir können ihnen nicht helfen…sie sehen doch, was hier los ist…“, sagt er zu einem Besucher.

Hinter mir bildet sich eine Schlange. Offenbar wollen eine Menge Menschen plötzlich das Stanton-System verlassen und haben alle möglichen Fragen. Gleich bin ich dran.

„Was ist denn los?“, frage ich die Person hinter mir.

„Es heißt, dass sich die Molina Mold auf New Babbage ausbreitet. Offenbar hat sie einer heimlich eingeschleppt.“

Ich spitze die Ohren. Überall sprechen die Menschen darüber, wie es soweit kommen konnte und wie man sich dagegen schützen kann. Ich blicke mich hektisch um, ob ich irgendwo an einem Automaten den Crimestat auf die Schnelle loswerde, aber ich sehe weit und breit lediglich Terminals, an denen man nur die Klamotten wechseln kann.

Egal, zurück zum Schiff und dann weg von hier. Ich verlasse die Schlange.

Als ich wieder im Hangar bin, verladen Husky und Alaska soeben die letzten Kisten.

„Erfolgreich gewesen?“

Ich schüttle den Kopf.

„Muss so gehen…was von Pike gehört?“

„Nope.“

Ich gehe an Bord, laufe vorbei an den riesigen Kisten mit Medikamenten, den Antimykotika. Husky fährt unterdessen das Schiff hoch und holt die Startgenehmigung ein.

„Wir könnten in Lorville noch einen Zwischenstopp einlegen. Die haben wohl brandneue Filter“, sagt er über Funk.

„Klar, wenn‘s hilft.“

Instinktiv weiß ich sofort, dass es nicht an den Filtern gelegen hat, dass die Seuche ausgebrochen ist. Aber wie es scheint, will man unbedingt daran festhalten. Ich rufe mir den Auftrag auf – dahinter steckt diesmal nicht Covalex, sondern eine gewisse Ling Familiy. Das riecht eher danach, dass hier jemand als Trittbrettfahrer ein paar schnelle Credits machen will – vielleicht sehe ich mittlerweile aber auch überall nur noch Gespenster…

Während Husky die „Frost“ aus dem Orbit steuert, laufe ich in die Messe, wo Alaska bereits wartet. Ich setze mich ihm gegenüber.

„Es tut mir leid, ich habe mich total im Ton vergriffen“, sage ich.

Alaska blickt mich ruhig an, dann nickt er und ergreift das Wort.

„Ja, das mit der Zeitreise der Vanduul hat mir einfach keine Ruhe gelassen. Ich weiß, ich kann meinen Standpunkt manchmal nur schwer vermitteln und ich habe Angst davor, was kommt, will aber auch wissen, was hinter all dem steckt…“

Wir blicken uns in die Augen.

Irgendwie verstehe ich ihn, andererseits fällt es mir aber auch schwer.

„Wir sollten uns erstmal auf das vor uns Liegende konzentrieren und uns an die Fakten halten. Alles Weitere wird sich finden“, sage ich schließlich und stehe auf.

Das Gröbste zwischen uns ist abgeräumt, wir sind eben alle an verschiedenen Punkten auf dieser gemeinsamen Reise. Als ich zum kleinen Fenster der Messe hinausschaue, sehe ich, dass wir unterdessen bereits auf dem Teasa Spaceport in Lorville gelandet sind, Husky hatte bei der „Frost“ offenbar den Turbo reingehauen.

„Husky…?“

„Ist fast alles verladen. Sind nur ein paar Kisten. Wir können gleich weiter.“

„Sehr gut.“

Nur Minuten später heben wir wieder ab, Husky zieht die „Frost“ wie eine Rakete steil nach oben, sodass wir uns festhalten müssen. Dann gehen wir auch schon in den Quantumflug über – Ziel: das  Sprungtor nach Pyro.

„Und wenn wir da sind, wie soll es dann weitergehen?“, fragt Husky plötzlich. „Ich meine, wenn wir die Sachen abgeliefert haben…ich habe gelesen, im System sind Söldner unterwegs, die im Auftrag der UEE für Sicherheit sorgen. Intersec oder so…“

„Nie gehört…“, sage ich.

„Aber vielleicht wissen die ja was mit den Vanduul los ist…und vielleicht kann man deren Funk abhören…“

Ich will noch etwas antworten, doch mittlerweile haben wir das Jumpgate erreicht, das sich in diesem Moment öffnet. Alle weiteren Gedanken gehen im Getöse des Sprungs unter, dann erreichen wir wieder Pyro.

„Lass uns darüber später sprechen und jetzt erstmal hier sauber durchkommen.“

Husky nickt.

Ich konzentriere mich lieber auf das Hier und Jetzt, dann habe ich eine Idee.

„Bevor wir einfach nur durch Pyro rasen, lasst uns mal eine Station anfliegen. Ich hatte vorhin mit halbem Ohr ein Gespräch mitgeschnitten, dass man hier Anzüge kaufen kann, die speziell gegen die Sporen schützen sollen. In jedem Fall wären die für euch gut. Ich sollte ja mittlerweile immun sein.“

Die anderen nicken. Nächstes Ziel: Starlight.

Husky nimmt Kurs auf die Station, kurz darauf bringt er die „Frost“ sauber runter, an der Frontseite des Hangars steht in riesengroßen Buchstaben: „FYA“.

„Weiß jemand, was das bedeutet?“, fragt Husky.

Nur eine Sekunde später beantwortet er sich die Frage selbst: „Fuck you all.“

Pyro eben.

Wir marschieren flott durch die Station und mich umfängt sofort wieder das alte, abstoßende Gefühl. Der Dreck und der Schmutz sind beinahe unerträglich. Dann erreichen wir den Klamottenladen. Doch Anti-Sporen-Spezial-Schutzanzüge gibt es auf Starlight nicht.

„Wahrscheinlich müssen wir auf eine Station, die Arbeitsanzüge verkauft, also eine Station mit Cargo- oder Raffinerie-Deck“, schlussfolgert Alaska.

Wir wollen die „Frost“ mit unserer wertvollen Fracht sowieso nicht lange allein lassen, schon gar nicht in Pyro, also kehren wir um und sind nur ein paar Minuten später wieder unterwegs.

„Probieren wir es auch noch auf Orbituary“, schlägt Husky vor.

Es ist eine Pyro-Stippvisite im Schnelldurchlauf – und auf „Orbituary“ werden wir tatsächlich fündig: Es gibt spezielle Anzüge im Cargo-Bereich, Alaska hatte recht. Ich nehme gleich zwei Stück für den Fall der Fälle.

„Und jetzt zurück nach Nyx. Auf Levski warten sie sicher händeringend auf die Medikamente“, sagt Husky.

Ich setze mich im Cockpit auf den Copiloten-Sitz und starre hinaus ins rötlich schimmernde All. Husky beherrscht die „Frost“ perfekt. Hatte er vor nicht allzu langer Zeit noch schweißnasse Hände beim Durchqueren eines Wurmlochs, so durchfliegt er sie mittlerweile fast traumwandlerisch. Ich bin verdammt froh, ihn an meiner Seite zu haben.

Kaum haben wir Nyx erreicht, schreibe ich Killer an und frage ihn, wie es ihm geht. Kurz darauf pingt mein Mobiglas – alles okay bei meinem Ziehsohn. Er ist nach wie vor bei dem Sohn des Werkstattmeisters, die Nachricht ist nur kurz.

„Ich habe einen neuen Freund gefunden. Voll cool hier.“

Ich lächle. Die Jugend blickt anders aufs Leben und auf Katastrophen – Gott sei Dank. Killer soll jede Minute genießen. Unterdessen gehen wir wieder in den Quantumflug über und legen die restliche Strecke nach Levski zurück. Als wir im Anflug sind, sieht eigentlich alles aus wie immer. Husky legt einen gekonnten Sinkflug hin, dann landen wir auch schon. Auf Levski liegt mein gesamter persönlicher Kram. Wenigstens beim Ausladen der Container werde ich helfen können.

Doch kaum hat Husky die Triebwerke abgestellt, wird unser Schiff beschlagnahmt. Im Hangar warten bereits Sicherheitsleute. Wir werden vom Schiff gescheucht und sollen am Eingang auf weitere Infos warten. Ist in den Containern vielleicht irgendetwas anderes drin? Werden wir gleich festgenommen? 

Plötzlich winkt uns einer der Sicherheitsleute heran.

„Wir haben die Ladung gecheckt. Ihr könnt ausladen. Danke für Eure Hilfe bei der Bekämpfung der Seuche.“

Offenbar nutzen Schmuggler die Pilz-Katastrophe, um alles Mögliche von und nach Levski zu bringen. Jedes an- und abfliegende Schiff wird daher überprüft. Ich hole mein Multitool und wir machen uns ans Werk. Container um Container, Kiste um Kiste bringen wir per Traktorstrahl in den Frachtaufzug. Keine Ahnung, was Cargo-Hauler an diesem Job so lieben, ich habe bereits nach diesem Umladen genug.

Der Aufzug verschwindet in der Tiefe – Job erledigt. Wir erhalten unsere Belohnung und in unsere Inventare wird eine „Alliance Aid“-Jacke geliefert, damit sind wir nun offiziell Teil des Levski-Rettungsteams.

„Wir sollten mal checken, ob sich die Lage verschlimmert hat“, schlage ich vor, „ist auch eine Gelegenheit, gleich mal unsere Spezial-Anzüge auszutesten.“

Wir ziehen uns um und sehen kurz darauf selbst aus wie Aliens. Wir nehmen den Fahrstuhl hinauf in die Lobby und sofort stolpern wir über einen weiblichen Körper, der vor uns nackt auf dem Boden liegt.

„Verdammt.“

Husky und Alaska versuchen die Frau wiederzubeleben, vergebens.

Ich habe das Gefühl, während unserer Abwesenheit ist es schlimmer geworden – und wie sich kurz darauf zeigt, ist es sogar viel schlimmer geworden. Die Pilze breiten sich rasant aus, wachsen mittlerweile auch an Decken und sie sind zudem viel größer geworden. Mit natürlichem Wachstum ist das nicht zu erklären. Die Sporendichte ist so hoch, dass sich ein regelrechter Nebel bildet, der in den Gängen wabert. Gleichzeitig ist das bei unserem Aufbruch allgegenwärtige Husten der Menschen leiser geworden – Levksi verwandelt sich vor aller Augen in ein offenes Grab.

Geschockt stolpern wir durch die befallenen Stollen und Abteilungen. Selbst die Seuchenbekämpfer scheinen aufzugeben, nur auf einen einzelnen treffen wir, auch er krümmt sich trotz Schutzanzug.

Ich reiße einen Pilz ab und betrachte ihn eingehend.

Was nur bringt die Pilze dazu, so rasant zu wachsen?

Der Genesis-Effekt.

„Hey, ihr da – macht euch nützlich.“

Ein vorbeihetzender Seuchenbekämpfer deutet auf drei Feuerlöscher, die in einer Ecke stehen.

„Da drin ist das Antimykotikum. Sprüht damit alles ab, euch selbst und auch die Personen, auf die ihr trefft. Nicht die Pilzkolonien selbst. Das ist aussichtslos.“

Wir schnappen uns die Flaschen und legen los. Erst sprühen wir uns gegenseitig ab, dann nehmen wir uns den Grand Barter Markt vor – offenbar geht es nur noch darum, das Allerschlimmste zu verhindern. Jeder einzelne Mensch kann nun betroffen sein, egal wo er sich auf Levski aufhält. 

Wir sprühen überall hin, in alle Ecken, in alle Läden und auf Menschen. Irgendwann sind die zweckentfremdeten Löscher leer. Erschöpft lassen wir die Geräte sinken – damit hatte keiner von uns gerechnet. Lange können wir auf Levski nicht mehr bleiben.

„Lasst uns auf der Frost schlafen, dort ist es sicherer als in den Habs“, sage ich.

Die anderen stimmen mir zu und so kehren wir zurück. Wir dekontaminieren uns an Bord, dann nimmt sich jeder eine Koje.

Es ist eine Katastrophe.

***** 

Journal-Eintrag 01 / 03 / 2956

Ich öffne den Anhang der Nachricht mit Auszügen des Sitzungsprotokolls des UEE-Senats vom August 2955 zur „Second Life Initative“ – also zu der Zeit, als die Regen-Krise gerade ihren Höhepunkt erfuhr, während wir durch das Pyro-System tobten und lange bevor wir bei Onyx einstiegen.

Ich lasse den Arm sinken – „mehr Schaden als Nutzen“…das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Das Sol-System ist die Wiege der Menschheit. Von der Erde aus wird nun offen dafür gestritten, die im Grunde segensreiche Technik der Regeneration weitgehend zurückschrauben, mehr noch: ihre Forschungen daran quasi zu beenden, sie zumindest mit riesigen Auflagen zu belegen. Liegt hier wohlmöglich der Keim für eine neue Diktatur, wie Smith andeutet? Vielleicht weil die Erde ihre Macht zu verlieren droht und sie so zurückgewinnen will?

Ich scrolle weiter durch das UEE-Senats-Protokoll. Senator Caldwell aus dem Rhetor-System wird Zweckentfremdung der Mittel unterstellt, der Vertreter des Fora-Systems will die Gelder lieber umleiten und für vermeintlich Sinnvolleres einsetzen – aber keiner spricht sich so vehement gegen die allgemeine Regeneration aus wie die Sol-Vertreterin…Politik ist seit jeher ein schmutziges Geschäft in dem mit den härtesten Bandagen gekämpft wird. Ein Basar der Eitelkeiten. Wer sich in diese Schlangengrube begibt, der kommt darin um.

Mir fallen fast die Augen zu und ich „schlenke“, eine Mischung aus schlafen und denken – geheime Mächte wollen eine neue Herrscherdynastie errichten? Die Imprint-Technologie soll als Verstärker genutzt werden um die Menschheit zur dominanten Spezies im Universum zu machen? Keine Ahnung, was ausgerechnet ich dagegen ausrichten soll…

Ich gähne herzhaft.

Den anderen werde ich davon erstmal nichts erzählen.

Ich drehe mich zur Wand, schließe die Welt aus.

Intersec – richtig, die wollte ich noch checken, ich öffne mit letzter Kraft die Galactapedia und lese, während mir die Augen bereits halb zufallen.

Die sorgen in Nyx für Ordnung? Sicher, um die richtig bösen Jungs zu bekämpfen, braucht man halbwegs böse Jungs…Dann fällt mir – warum auch immer – Anatol Annal wieder ein. Herrje, in dem ganzen Stress habe ich vollkommen vergessen, Husky von der halben Million zu erzählen. Anatol Annal….was für ein Name…grinsend lasse ich mich wieder sinken und schlafe schließlich vollkommen erledigt ein.

.

Banditen

Ich vertrete mir die Beine.

Huskys „Frost“ steht vor mir sicher im Hangar von Levski. Selbst durch die dicken Felswände der Asteroidenstation ist zu hören, wie aus benachbarten Hangars Schiffe starten und landen. Die Menschen bieten alle Kräfte auf, um die Pilzseuche auf Levski in den Griff zu kriegen.  Irgendwie ist es ein schönes Gefühl, nicht allein mit den Sorgen der Welt zu sein.

Die  Frage ist, ob das reichen wird.

Die meisten haben schließlich nicht die geringste Ahnung, dass sie nicht nur gegen eine unsichtbare Sporen-Gefahr kämpfen,  sondern es gleichzeitig mit extrem mächtigen Gegnern zu tun haben, die im Hintergrund die Fäden ziehen.

Ich lasse meine Gedanken schweifen.

Während wir fort waren, haben Outlaws den Konflikt zwischen der UEE und Levski angeheizt. Und wenn dann alle halbtot am Boden liegen, dann kommen die Vanduul und erledigen den Rest…Himmel…die Vanduul…! Mir fällt es wie Schuppen von den Augen und ich bleibe einen Moment stehen – machen die nicht ab und zu mit Piraten Deals? Darüber hatte ich schon gelesen. Sie hassen die Menschen zwar abgrundtief, aber wenn es ihnen dann doch mal nützt, springen selbst sie über den eigenen Schatten…die Outlaws stehen als Söldner im Dienste der Vanduul…ich könnte mich ohrfeigen, dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin…

Wenn wir irgendwie weiterkommen wollen, müssen wir wohl die Kröte schlucken und uns mit Intersec einlassen. Wir müssen herausfinden, was die Piraten in diesem System wirklich treiben, wir müssen tiefer hinein in diesen Sumpf aus Verrat und Konspiration. Ich setze einen Schritt vor den anderen, ohne richtig wahrzunehmen, wohin ich eigentlich laufe, nehme unterbewusst den Fahrstuhl hinauf in die Lobby und kaum habe ich ihn verlassen, werde ich schon wieder mit dem Antimykotikum abgesprüht.

„Alles klar, Jungs, das genügt wohl“, sage ich irgendwann.

Die freiwilligen Helfer lassen von mir ab. Ich gehe noch ein paar Schritte weiter, um den Kopf freizubekommen, dann kehre ich zurück auf die „Frost“. Ich treffe die anderen in der Messe des Schiffes.

„Morgen zusammen.“

„Morgen, Bru.“

Ich schiebe meine trüben Gedanken beiseite.

Zu meiner Überraschung ist Pike an Bord.

„Hallo, wie kommst du denn hierher?“

Pike berichtet, dass er sich auf Microtech richtig die Kante gegeben hat, dann als blinder Passagier zurück nach Nyx gelangt sei – ein glücklicher Zufall. So recht kann er sich an alles aber nicht erinnern.

„Das Glück ist mit Betrunkenen und Kindern“, denke ich mir.

Jedenfalls sind wir wieder alle beisammen – und nach ein wenig Smalltalk holt uns die aktuelle Situation wieder ein.

„Ist es technisch möglich, Intersec abzuhören?“, wende ich mich an Husky, der die Idee aufgebracht hatte.

„Ich habe darüber nachgedacht, aber mir fällt keine einfache Lösung ein. Aber sie bieten derzeit Aufträge für Freiwillige an. Vielleicht können wir so ihr Vertrauen gewinnen. Sie haben heute einen guten Ruf. “

Mir gefällt die Idee nicht sonderlich. Ich habe eher das Gefühl, dass uns hier der lange Schatten der Messer-Dynastie einholt und sich am Horizont ein neuer Schatten bereits erhebt…aber das behalte ich lieber für mich.

„Ich glaube nicht so recht an die Wandlung vom Saulus zu Paulus“, antworte ich schließlich. „Aber klar, wenn es hilft…auf Abstand sollten wir in jedem Fall bleiben.“

Husky checkt den aktuellen Auftrag, den Intersec anbietet.

„…okay, die wollen, dass man einen Sektor in Nyx patrouilliert. Offenbar haben sie dort Feindkontakte registriert und glauben, dass Piraten Vorbereitungen für einen Angriff auf eine UEE-Einrichtung planen.“

„Das könnten wir machen, ohne uns gleich mit ihnen zu verbrüdern“, sage ich und erläutere meine Überlegungen, dass Piraten  außerdem vielleicht den Boden für die Vanduul in Nyx bereiten – etwas, dem wir so auf den Grund gehen könnten. Ich erwarte heftigen Widerstand gegen diese These, doch es bleibt ruhig.

„Ich habe kein eigenes Schiff“, wirft Pike schließlich ein.

„…dann fliegst du bei mir mit. Ich habe eine Superhornet, du bedienst das Geschütz.“

Husky nimmt seine „Shadowfax“. Bleib nur noch Alaska, von dem ich mich frage, ober er der Richtige für den Job in einem Solo-Fighter ist. 

„Intersec stellt sogar einen Fighter, eine Arrow“, sagt Husky.

„Dann nehme ich die“, sagt Alaska.

Offenbar hat er sich entschieden, den Weg konsequent weiter mitzugehen.

Wir ziehen uns um und machen uns auf zu unseren Schiffen.

„Wer ist eigentlich Marrick?“, frage ich Pike, während wir zu meinem Hangar laufen. „…den hattest du in einer Nachricht erwähnt…“

Pike stutzt kurz.

„Ah, richtig…also…Alaska, Zero und ich hatten Leute aus Lorville rausgeschmuggelt, die dort von Hurston Dynamics verfolgt wurden und haben sie nach Levski gebracht…das war, bevor wir uns wiedergetroffen haben. Marrick ist ein alter Freund von mir.“

Das war offenbar das Geheimnis, das sie bei unserem ersten Wiedersehen nicht erzählen wollten.

„Verstehe…aber von unseren ganzen Problemen weiß er nichts…?“

Pike schüttelt den Kopf.

Ich lasse es dabei bewenden, denn noch so ein Streit wie mit Alaska würde uns wohl endgültig entzweien. Pike klettert auf den Co-Pilotensitz der „Buzz One“, ich fahre das Schiff hoch, dann hole ich die Startgenehmigung ein und kurz darauf sind wir auf dem Weg zu unserem Einsatzgebiet.

Ich hänge meinen Gedanken nach – sind das wirklich die richtigen Schritte, die wir unternehmen? Tatsache ist: Auf Levski selbst kommen wir nicht mehr weiter, wie müssen den Kreis größer ziehen, vielleicht noch mehr als bisher das Unwahrscheinliche als wahrscheinlich annehmen. Und Tatsache ist auch: Nyx ist ein entscheidender Spielball in dieser intergalaktischen Verschwörung und geht in diesem Chaos garantiert vor die Hunde, wenn nicht bald die Wahrheit auf den Tisch kommt.

Meine Superhornet fällt aus dem Quantum – wir sind da.

Ich stelle an der „Buzz One“ diverse Monitore ein, um alle wichtigen Informationen im Blick zu haben – Feindaufschaltung, Scanning, Energieverteilung, Schilde. Alaska und Husky preschen unterdessen bereits vor und stoßen auf ausgesetzte Satelliten. Piraten sind jedoch nicht zu sehen. Sollen die Satelliten vielleicht Eindringlinge melden, das Gebiet sichern und schnell Verstärkung rufen? Das Ganze erinnert an ein Fischernetz, das auf hoher See ausgeworfen wurde.

„Vorsichtig, bleibt in Deckung der großen Felsen“, sagt Husky.

Wir fliegen vorsichtig voran, doch alles bleibt ruhig. Nachdem wir das Gebiet gescannt haben, wird uns ein neues zugewiesen, das gleiche Spiel beginnt von vorn. Vielleicht haben sie ihre Vorbereitungen bereits abgeschlossen – ein Gedanke, der aber schon beim nächsten Stopp widerlegt wird.

„Da sind sie“, sagt Husky plötzlich.

Um einen riesigen Asteroiden, fast so groß wie Delamar, kreisen die Outlaws wie die Fliegen, als wollten sie etwas beschützen. Lauter Feindkontakte ploppen rot auf meinem Radar auf.

„Wir müssen sie ausschalten“, sage ich, „koste es, was es wolle.“

Wir stürzen uns zu dritt ins Getümmel und bald fliegen uns feindliche Laserschüsse nur so um die Ohren. Mal nehmen wir die Verfolgung auf, mal werden wir verfolgt. Es sind alle möglichen Schiffe, die aus allen Rohren feuern – und ich erinnere mich an die Slicers, die verkappten Frontier Fighters, die damals in Stanton Privatschiffe gekapert und gestohlen haben…sehen wir sie hier  nun in den Händen von Piraten wieder? Endet hier eine alte Spur?

Es ist müßig, darüber nachzudenken.

Wir oder sie – das ist nun die Frage, denn melden Sie unsere Ankunft ihren Vanduul-Freunden, wird alles nur noch schlimmer.

„Ich hab‘ einen“, meldet Husky.

„Einer ist direkt vor meinen Augen eben voll in den Asteroiden gekracht“, sagt Alaska.

Wahrscheinlich sind sie sturzbetrunken, haben nicht mit ungebetenem Besuch gerechnet.

Gut, das macht es ein wenig leichter.

„Locken wir sie so nah an die großen Felsen, wie es nur geht“, sagt Husky, der so etwas wie das Kommando über uns übernommen hat.

Ein zweiter Pirat streift einen scharfkantigen Grat und geht ebenfalls in Flammen auf.

„Zwei sind noch übrig.“

Wir machen uns in der „Buzz One“ auf die Jagd, kassieren einige schwere Treffer. Es geht wild zwischen den Asteroiden hin und her, ich prügele die „Buzz One“ um die Kurven, dass uns schwindelig wird – schließlich explodiert ein weiterer Gegner nach einem Frontal-Treffer aus meinen Gatling-Kanonen direkt vor uns und wir rasen durch den Feuerball hindurch. Husky und Alaska haben unterdessen einen anderen Piraten ausgeschaltet.

Intersec meldet sich sofort, offenbar haben sie unseren Einsatz verfolgt, sie überweisen eine stattliche Belohnung und sagen, dass sie sich wieder melden würden. Ordentlich lädiert, aber auch erfolgreich, kehren wir nach Levski zurück. Wir haben ein Piratennest ausgeräuchert – schön, aber wirklich schlauer sind wir aus der Aktion nicht geworden.

„Und jetzt?“

Wir stehen unschlüssig in der Lobby der Station.

Der erste Kontakt mit Intersec war über Husky gelaufen, sein Mobiglas piept – Intersec will uns ein weiteres Mal einsetzen. Das ging schneller als gedacht. Vielleicht haben wir uns doch nicht allzu dumm angestellt oder die Piraten haben ihre Buddies informiert und planen eine Gegenoffensive.

Wie auch immer – diesmal wird es garantiert schlimmer.

„Sie sind jetzt gewarnt. Wir sollten daher vielleicht eine andere Taktik probieren“, sage ich.

 „Und die wäre?“ frage Husky.

„Wir nehmen die Frost, verteilen uns auf die Bordgeschütze. Damit bieten wir zwar ein größeres Ziel, aber wir müssen uns auch weniger koordinieren und sind schneller wieder raus, wenn es zu brenzlig wird.“

Zu meiner Überraschung stimmt Husky sofort zu. 

„Dann lasst uns an Bord gehen.“

Husky steuert das Schiff, wir anderen besetzen unterdessen die Kanonen. Kaum haben wir den Quantumflug bei unserem ersten Patrouillengebiet verlassen, schießen wir uns in sicherer Entfernung zum Ziel ein wenig ein. Ich drehe mich im Steuerbord-Turret wild um alle Achsen, es ist wie auf einer verrückten Achterbahn, dabei hält Husky das Schiff noch ruhig. Keine Ahnung, wie das wird, wenn er wilde Manöver fliegt.

„Alles klar?“, fragte Husky schließlich, „können wir loslegen?“

Alaska, Pike und ich bejahen.

Alaska sitzt im Backbord-Turret, Pike hat den unteren Turm des Schiffes besetzt. Wie beim ersten Mal treffen wir bei den ersten beiden Checkpoints  auf keine Feinde – und mir schwant plötzlich Böses: Der erste Kontakt mit den Piraten war nur noch ein zurückgelassener Sicherungstrupp – jetzt, nachdem sie wissen, dass wir hinter ihnen her sind, formieren sie sich, um vereint zuzuschlagen.

„Ich wette, am letzten Kontrollpunkt warten sie auf uns“, sage ich.

Kaum haben wir den Quantumflug erneut verlassen, explodiert das Radar nur so vor feindlichen Kontakten.

„Verdammt.“

Ich habe recht.

Für einen Moment steht im Raum, ob es vielleicht klüger ist, sich zurückzuziehen und Verstärkung anzufordern, dann aber nehmen wir den Kampf auf. Ich rotiere im Steuerbord-Geschütz, nehme alles aufs Korn, was mir vor die Flinte kommt. Die anderen manchen es genauso. Husky fliegt unterdessen selbst mit der trägen „Frost“ seine berüchtigten Manöver. So gelingt es uns tatsächlich, Gegner um Gegner auszuschalten – darunter eine Superhornet, eine Vanguard und sogar eine Mercury Starrunner. Das Überraschungsmoment liegt auf unserer Seite. Wahrscheinlich haben sie nicht damit gerechnet, dass ein einzelnes Schiff so verrückt sein würde, es mit einer ganzen Armada Piraten aufzunehmen.

Schweiß fließt mir von der Stirn, meine Hände halten verkrampft die Sticks fest, mit denen ich das Geschütz in alle Richtungen rotieren und zeitgleich Schüsse abgeben kann. Immer wieder bleibt mir mal die Luft weg, wird mir schwarz vor Augen – doch irgendwann meldet Husky aus dem Cockpit: „Das war der letzte – wir haben es tatsächlich geschafft!“

Wie erlöst lasse ich die Hände von den Sticks fallen und lehne mich erschöpft zurück.

„Wahnsinn, ich hoffe, das war es wert, dass Intersec uns nun mehr vertraut“, stammle ich.

Ich fahre das Turret zurück in seine Halterung und klettere hinaus. Benommen wanke ich durch das Schiff und lasse mich kurz darauf neben Husky im Cockpit in den Co-Pilotensitz fallen.

„Zurück nach Levski“, sage ich nur.

Husky nickt, ebenfalls erschöpft. Das war’s erstmal.

Zurück auf der Station untersuchen wir das Schiff auf Schäden – die gepanzerte Hülle der „Frost“ hat die meisten Laserschüsse jedoch absorbiert. An manchen Stellen sind ein paar Schmauchspuren zu sehen, aber sonst sieht das Schiff top aus. Wir laufen es zu viert auf der Oberseite ab.

„Lasst uns auch noch den Maschinenraum checken“, sagt Husky.

Wir folgen ihm, nehmen den Heck-Fahrstuhl hinab auf das technische Deck und stehen dann in den Eingeweiden des Schiffes. Auch hier sieht alles gut aus. Nur aus einem Lüfter qualmt es verdächtig.

„Das ist nichts, das hatte ich schon mal“, sagt Husky, als wir daran vorbeikommen.

Er nickt erleichtert und überprüft das Engineering-Terminal.

„Es ist nichts kaputt, was ich nicht schnell reparieren könnte.“

Wir laufen zurück in die Messe zu einer kurzen Nachbesprechung. Das hat besser geklappt, als gedacht. Wir halten es recht kurz. Dann beschließen wir, uns wieder hinzulegen. Wir alle ahnen – so einfach wird es nicht bleiben und wir werden unsere Kräfte noch brauchen.

Huskys Mobiglas piept auf dem Weg zu den Kojen, er hält kurz inne und leitet uns dann die Nachricht weiter.

Wie es scheint, haben wir das Vertrauen von Intersec  gewonnen – und wie es ferner scheint, können wir auch als Gruppe immer noch halbwegs gut zusammenarbeiten, trotz aller Streits der vergangenen Tage.

Ich ziehe mich aus, laufe ins Bad und checke mein Spiegelbild.

Ich sehe müde aus, aber irgendwie auch ziemlich gut.

Zumindest mein Oberkörper.

Himmel, ich habe schon wieder vergessen, Husky von der halben Million und von Anatol Annal zu erzählen…

„Schau dich nicht so selbstverliebt an. Wir haben alle den gleichen Körper“, ruft Pike von der Liege herunter, der mich offenbar beobachtet.

„Träum weiter“, gebe ich nur zurück.

Niemand wird zurückgelassen – bei der Hautpflege.

Journal-Eintrag 11 / 03 / 2956

Ich setze den Helm auf, die Luft entweicht aus der Schleuse und ich betrete das Äußere Levskis. Ich gehe ein paar Schritte und sauge tief die Luft in meinem Raumanzug ein, als würde ich auf Microtech in luftiger Höhe eine kühle Abendbrise genießen – und nicht mitten in einem riesigen heruntergekommenen Industriekomplex in einem umkämpften Sternensystem stehen. 

Ich blicke hinauf an den Himmel, hinaus ins All.

Nicht mehr lange und ich werde auf leibhaftige Vanduul treffen. Auf eine gewisse Weise und tief im Innern weiß ich, dass mein gesamtes Schicksal direkt mit ihnen verknüpft ist. Ich atme erneut durch und laufe los, ein kleiner Abendspaziergang. Ich gehe ein paar Stufen hinunter und stutze: Direkt vor mir wächst eine Pilzkolonie. Ich knie mich hin und untersuche sie. Es sind die gleichen Pilze, die auch in der Station wachsen. Sporen überleben schon mal im freien Weltall, aber ausgewachsene Pilze brauchen Sauerstoff zum Wachsen und Gedeihen – wie ist das möglich?

Stehe ich hier vor einem direkten Beweis, dass mit den Pilzen grundsätzlich etwas nicht stimmt? Hohe Feuchtigkeit, Nährstoffe im Überfluss  und Wärme, die Haupttreiber für übermäßiges Wachstum, gibt es im Weltall jedenfalls nicht… Sind sie vielleicht gentechnisch manipuliert, um selbst schlimmsten Widrigkeiten wie einem Vakuum widerstehen zu können und kommen vielleicht nur mit ein paar Spurenelementen aus? Sehe ich hier das Gleiche, was auch Jorrit beim Menschen probiert hatte – die Beschleunigung der Evolution?

Ist das im Kern der Genesis-Effekt?

Jedenfalls hat es keine defekten Filter gebraucht, damit sie sich auch außerhalb der Station festsetzen.

Einmal mehr wird mir klar: Wir müssen nach Nyx I, wenn wir das Rätsel lösen wollen.

Ich stehe auf und marschiere eine Runde über die Station. In einer Ecke finde ich eine zweite Kolonie. Gedankenverloren blicke ich sie eine Weile an. Irgendwie sind die Pilze das perfekte Sinnbild für den Zustand, in dem auch ich mich befinde – sie sind weder Pflanze noch Tier, echte Zwitterwesen und innerlich genauso zerrissen wie ich.

In meinem Kopf existiert ein großes schwarzes Loch, wie in dieser ganzen verdammten Geschichte. Auf wen kann ich wirklich zählen, wenn es nun hart auf hart kommt? Wem vertraue ich rückhaltlos, wenn wir das Geheimnis nun immer weiter lüften? Im Grunde nur auf Husky und Friedrich. Doch was ist mit Smith? Er kann natürlich ein falsches Spiel spielen. Aber bislang hat er mir immer geholfen, wenn es wirklich eng wurde – als eine Art graue Eminenz, ein guter Geist. „Schwerter der Zeit“, die über Jahrtausende den Frieden im Universum bewahren? Ich möchte gern daran glauben. Smith hatte gesagt, dass ich beim großen Krieg dabei war…

Das Ganze ist wie ein Puppentheater – irgendjemand zieht Fäden, drückt Knöpfe und wir bewegen uns. Vielen wird in dieser Geschichte übel mitgespielt.

So wie den Pilzen wahrscheinlich auch.

Eine Stunde später.

Mein Mobiglas piept.

Im Postfach ist die neueste Ausgabe der „Vox Populi“.

Ich klicke sie weg. Ich werde sie später lesen. Zunächst kehre ich in den Hangar der „Frost“ zurück, wo ich Husky vorfinde, der schwer am Ackern mit großen Kisten ist.

„Was machst du?“

„Ich bereite die Frost für unseren nächsten Einsatz vor. Ich habe alles noch mal gecheckt, lade gerade ein paar Vorräte und für den Fall der Fälle auch Waffen ein.“

Offenbar konnte er auch nicht schlafen.

„Gute Idee.“

Ich laufe zu meinem Stationsinventar und packe ebenfalls eine Kiste – Medipistolen, Waffen, zwei Multiools, Klamotten. Auch probiere ich nochmal einen festen Kampfanzug, der mir bereits in Onyx gute Dienste geleistet hatte. Fast fühlt es sich an, als würden wir erneut in den Krieg ziehen – und irgendwie ist es ja auch so. Nur dass sich unsere wahren Gegner einfach nicht zu erkennen geben wollen.

Ich erzähle Husky von meinen Vakuum-Pilzen, was sie bedeuten könnten – doch er hört nur mit halbem Ohr zu.

„Ja, Bru…klingt krass, was du erzählst“, sagt er irgendwann. „…ist alles echt komisch.“

Eine natürliche Reaktion. Ich verstehe es ja selbst nicht. Wir bugsieren die Kisten ins Schiff, dann ist alles soweit erledigt.

„Ruhen wir uns noch Runde aus, bevor es losgeht.“

Wir kehren zurück in unsere Kojen, als mein Mobiglas piept.

Smith.

Was für ein Päckchen? Und ich soll mich in Sicherheit bringen – meint Smith das ernst? Oder ist das Sarkasmus? Und natürlich kann ich mich noch an die Universal Claim Company erinnern. Ich öffne die „Vox Populi“-Ausgabe und lese den betreffenden Artikel.

Auf Nyx I sind bereits Menschen zu Gange und es werden Claims abgesteckt? Sogar befestigte Siedlungen? Ich dachte, der Planet sei Sperrgebiet? Und was wollen sie schützen? Doch kann man der „Vox Populi“ wirklich einfach so glauben? Während ich grübele und Husky sich ausruht, mache ich mich auf den Weg zu Levskis Waffenladen „Conscientious Objects“ – ich brauche eh noch ein wenig mehr Munition. Hinter dem Tresen steht Alex, der Besitzer. Ich drücke mich erst eine wenig an den Wänden entlang, die vor klein- und großkalibrigen Waffen nur so strotzen.

„Was darf es denn sein?“

„Ich…nur Munition für ein P4-Gewehr und ich habe eine Nachricht…“

„Ich verkaufe dir alles, damit wir es den verdammten korrupten Regierungsschweinen endlich heimzahlen können. Die bringen uns hier noch mit ihren Scheiß-Pilzen um…“

Er beugt sich vor.

„Und, schon die Neuigkeiten von Nyx I gehört?“

Ich nicke.

„Ja…mich hatte die Seuche auch schon erwischt“, biege ich das Gespräch ab.

Er beruhigt sich, sein Gesicht nimmt wieder eine normale Farbe an.

„Also, was darf es sein?“

Ich lege die Munition auf den Tisch.

„…und ich habe eine Nachricht, Code 4233.“

Alex greift wortlos unter seinen Tresen und gibt mir mit der Munition ein Päckchen.

„Keine weiteren Fragen.“

Ich stecke die Munition und das Päckchen wortlos ein und laufe in eine dunkle Ecke der Station. Ich öffne das Päckchen. Es ist ein Mobiglas. Ich drehe es in der Hand. Das klassische Microtech-Logo fehlt, eine Seriennummer ebenso, dafür liegt in dem Päckchen eine handschriftlich geschriebene Notiz:

Jaybee One…

Ich stecke das Mobiglas ein und laufe zurück zum Schiff.

Als ich den Hangar erreiche, kommt mir Husky atemlos entgegen.

„Bru, verdammt, wo steckst du denn? Intersec hat sich gemeldet….“

Er holt tief Luft.

„…sie haben wohl hinter den Feindlinien, wo wir gegen die Banditen gekämpft haben, einen Schwarzmarkt entdeckt. Ich wette, den haben die Piraten beschützt….und…“

Husky muss sich offenbar erst sortieren.

„…du…du…wirst es nicht glauben – offenbar wird dort mit Vanduul-Technologie gehandelt, die an ASD und Onyx in Stanton geliefert wird. Wir haben eine heiße Spur!“

Für einen Moment weiß ich nicht, ob ich mich freuen soll oder nicht.

„Alles klar, Husky, bereite das Schiff vor. Wir starten so bald wie möglich.“

.

Die Vanduul

Die Vanduul!

Jetzt zählt jede Minute. Durch unsere bisherigen Angriffe sind sie schließlich vorgewarnt. Wahrscheinlich packen sie schon ihre Sachen, während wir hier noch reden und Zeit vertrödeln. Ich gehe an Bord. Die anderen sind mittlerweile aufgewacht – und auch Zero ist an Bord.

„Leute, ich muss euch unbedingt etwas zeigen. Ist auf meinem Schiff“, sprudelt es aus ihm heraus.

Ich nehme ihn kaum wahr, blicke mich hektisch um – haben wir alles? Ist an alles gedacht? Ich drehe mich zu Zero um.

„Zero – leider keine Zeit“, sage ich geistesabwesend, „wir müssen sofort los.“

Er wirkt enttäuscht, fast sauer.

„Gut, dann muss ich damit allein weitersehen…“

„Ein paar Minuten haben wir noch“, sagt Husky über Funk. „Ich bleibe an Bord.“

Alaska, Pike und ich rennen in Zeros Hangar. Außer Atem kommen wir dort an, dann stehen wir auch schon in Zeros „White Rabbit“. Zero öffnet die Geheimtür zum Schmugglerversteck des Schiffes und wir stehen vor einer Kryokapsel – und darin liegt ein toter Vanduul.

Damit hätte ich nie gerechnet, schon gar nicht jetzt.

„Schaut euch das Logo an. Es ist Vanduul-Sprache und heißt ASD“, sagt Zero.

Sprachlos, regelrecht geschockt, stehe ich vor dem toten Monster.

„Wo hast du das her?“, stammle ich.

„Die werden mittlerweile gehandelt.“

Stumm stehe ich vor dem Alien.

Reicht das als Beweis? Ist das bereits der fehlende Baustein, den Hockrow brauchte? Sind alle weiteren Ermittlungen damit hinfällig? Für einen Moment bin ich geneigt, Husky Bescheid zu geben, dass er die Maschinen der „Frost“ wieder runterfahren kann. Dann wird klar: Nichts hat sich geklärt. Lebewesen in Kryokapseln, feindlich oder nicht, tot oder lebendig, werden verschachert, verschoben, und sind nicht viel mehr als Bauernopfer in einer gigantischen Verschwörung. Jeden kann es treffen, jederzeit und überall. Alles ist derzeit möglich.

„Der Händler hat sie von einem Schwarzmarkt und er hat auch gesagt, dass er dort lebendige Vanduul gesehen hat.“

In mir versteift sich alles.

„Wir müssen mit eigenen Augen sehen, was dort geschieht“, sage ich schließlich und wir rennen zurück zur „Frost“, Zero inklusive.

Nur so wird sich dieser Nebel lüften.

Wir gehen an Bord und Husky bringt die „Frost“ aus dem Hangar.

Die anderen besetzen die Geschütze und ich setze mich neben meinen kleinen Stiefbruder. Schlagartig wird mir die ganze Tragweite klar. Wenn wir dort eintreffen und wenn wir wirklich auf lebende Vanduul treffen, so werden nicht nur wir sie am Haken haben, sondern sie auch uns – begeben wir uns einmal auf diesen Pfad, werden die Vanduul für jeden von uns zu einer ganz persönlichen Geschichte. Es wird nicht mehr rein akademisch sein, wie die Betrachtung eines schrecklichen Stilllebens in Jorrits Folterkeller. 

 „Banditen!“

Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch und blicke zur Frontscheibe hinaus.

Die Geschütze der „Frost“ sind bereits zum Leben erwacht. Ich stehe auf und wanke wie benommen durch das Schiff.

„Bru, geh nach oben auf die Kampfbrücke! Besetze das obere Geschütz!“

Ich habe das Gefühl, wie durch Watte zu laufen.

„Ja…alles klar…mach ich…“

Wie lange ist es jetzt her, dass ich die „Clarke I“ hatte? Ich taumle durch das Schiff, suche das verdammte obere Geschütz. Ich finde es erst nach einer gefühlten Ewigkeit. Es fühlt sich an, als hätte ich nach Jahren endgültig eine Tür in meine verschwommene Vergangenheit geöffnet und als würde ich darin nun hilflos mit ersten Schritten umherstolpern.

„Bru…hast du das Geschütz besetzt?!“

Ich höre die anderen im Funk.

Es wild geschossen, ein Pirat nach dem anderen haucht sein Leben aus. Ich komme wieder zu Sinnen.

„Mit dem oberen Geschütz stimmt irgendwas nicht“, antworte ich mühsam.

Ich klicke an den Schaltern rum, aber es will einfach nicht. Irgendwie kriege ich das Geschütz nicht unter Energie.

„Du kannst das hintere Geschütz übernehmen, wir wechseln“, schlägt Pike über Funk vor.

„Okay, versuchen wir’s.“

Ich renne nach hinten und bemanne das Heck-Geschütz. Das feindliche Feld ist soweit bereits geräumt – nur ein Schiff ist noch übrig, eine widerspenstige Caterpillar. Seit Minuten liefert sich die „Frost“ mit dem Frachtschiff, das einen Haken nach dem anderen schlägt, ein Dauergefecht.

„Unsere Schilde sind runter“, schreit Husky. Er knallt den Afterburner rein.

Ich versuche mich zu konzentrieren.

Das hintere Geschütz funktioniert. Ich rotiere ein wenig zur Eingewöhnung, Husky nimmt wieder den Kampf auf und dann habe ich die Cat im Visier und gebe ihr Zunder. Immer wieder bricht sie jedoch aus und ich verliere sie aus dem Fadenkreuz. Am Knüppel der Cat muss ein Piloten-Ass sitzen, der den fliegenden Ziegelstein manövrieren kann wie ein Kampfschiff. Ich checke mein Radar – die Schilde der Cat sind bereits runter, der Lack mehr als nur ab, doch der Pirat will einfach nicht aufgeben.

Immer wieder erwischen uns volle Breitseiten.

„Vielleicht sollten wir….“

Boom!

Doch es ist nicht die Cat, die explodiert. Die Explosion kam aus dem Innern der „Frost“.

„Was zum…?!“

„…die Flake ist in die Luft gegangen“, ruft Pike.

Huskys Rennschiff! Ein direkter Treffer muss die Panzerung der „Frost“ durchschlagen haben. Ich weiß, was Husky das Schiff bedeutet hat. Jahrelang war er darauf unterwegs, ist Rennen geflogen, hat sie überall mit hingenommen. 

„Wir müssen die Trümmerteile im Hangar loswerden, sonst zerschlagen sie die Frost.“

Ich höre, wie das obere Hangartor  geöffnet wird.

„…alles draußen.“

Zur Angst vor den Vanduul kommt nun die Wut auf die Piraten – der Verlust von Huskys Rennschiff stachelt mich regelrecht an und holt mich zurück in die Realität. Ich setze mich in meinem Geschütz aufrecht hin und nehme die Cat wieder unter Beschuss. Ich kneife die Augen zusammen, versuche alles andere für den Moment zu verdrängen.

„Gleich…gleich haben wir dich!“, murmle ich.

Kaum habe ich es ausgesprochen, geschieht es auch schon: Die Cat explodiert. Wir haben ihr alle gemeinsam den Rest gegeben. Einmal mehr kommt mir in den Sinn, dass es sich um gestohlene Privatschiffe handelt, mit denen wir es hier zu tun haben – welcher Pirat fliegt schon eine Cat im Dogfight?

Wir haben es geschafft – der Weg zur verlassenen Raumstation, auf der der Schwarzmarkt sein soll, ist frei. Intersec schickt uns sofort die genauen Koordinaten. Ich verlasse den Geschützturm und kehre auf das Habitatdeck zurück – plötzlich steigt mir schwarzer Rauch in die Nase. Verdammt, diesmal haben sie uns schlimmer erwischt als beim letzten Mal. Vor dem Eingang zur Krankenstation verwandelt sich der Rauch in beißenden, schwarzen und heißen Qualm, der aus einer Lüftung quillt. Noch brennt es nicht, aber sicher bald.

„Husky, komm her! Im Schiff qualmt es – und wie!“

Ich schnappe mir den Feuerlöscher und versuche den Qualm damit irgendwie abzukühlen. Husky kommt dazu, nickt kurz und rennt weiter ins Heck zum Engineering-Terminal. Ich höre über Funk hektisch gesprochene Worte: „Wir müssen das Schiff reparieren, zumindest notdürftig.“

Verflucht, jede Sekunde, die wir verstreichen lassen, ist zu viel. Doch was nützt es: Wenn vor Ort wirklich Vanduul sind, machen sie aus uns sofort Hackfleisch, sobald wir dort mit einem halb kaputten Schiff eintreffen.

„Pyro-Gateway, das liegt quasi auf dem Weg“, sagt Husky, der offenbar die Systemkarte gecheckt hat. Ich höre mit halbem Ohr zu während ich den Qualm weiter kühle, wie sich Husky mit Pike berät, dann ist es beschlossen – Notreparatur auf dem Gateway. Der Qualm lässt nach, vielleicht hat es nur eine Dichtung getroffen, die nun weggeschmort ist. Ich laufe ins Cockpit und lasse mich neben Husky in den Co-Pilotensitz fallen, das Gateway ist bereits in Sicht.

„Scheiße, Husky. Tut mir leid wegen der Flake“, sage ich.

Husky nickt stumm.

„Wir kaufen dir ein neues, besseres Rennschiff. Versprochen.“

Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Wir wussten, worauf wir uns hier einlassen. Wir wussten, was uns erwarten würde. Und wir hatten uns in Pyro das Versprechen gegeben, durch alles gemeinsam durchzugehen. Draußen checken Reparaturdrohnen unterdessen das Schiff, die internen Systeme werden geprüft.

„Leute, kommt mal! Die verdammten Pilze wachsen auch auf der Frost.“

Wovon zum Henker spricht Pike? Gemeinsam mit Husky laufe ich nach hinten und tatsächlich – an den warmen Lüftungsrohren sprießen die verdammten Dinger und wachsen fröhlich vor sich hin. Wenigstens ein paar Sporen müssen wir eingeschleppt haben. Husky schimpft und holt einen Feuerlöscher, in den er in weiser Voraussicht offenbar das Antimykotikum abgefüllt hatte. Er rückt den Pilzen zu Leibe, dann reißt er sie ab und desinfiziert die Stelle noch einmal.

Die Stationskontrolle meldet sich, Husky spricht kurz mit ihr.

„Alles erledigt. Wir können wieder los.“

Die anderen besetzen wieder die Geschütze, ich begebe mich erneut auf die obere Kampfbrücke der „Frost“. Es ist nur ein kurzer Quantumflug, dafür fliegen wir bis in die äußere Randzone des Nyx-Systems, in den so genannten Keeger-Asteroiden-Gürtel. Er ist seit Jahren bereits ein beliebter Unterschlupf für Gesindel, das seine Geschäfte lieber im Verborgenen tätigt und es geht schon lange das Gerücht um, dass dort verlassene Bergbauplattformen Schmugglern dienen.

Als wir aus dem Quantumflug fallen, wissen wir, warum die Banditen diesen Ort für ihre illegalen Geschäfte gewählt haben – die Station ist inmitten eines riesigen Asteroidenfelds kaum auszumachen. Wer nicht weiß, wonach er suchen soll, übersieht sie glatt.

„Versuchen wir unser Glück“, sagt Husky.

Er leitet eine weite Kurve um die Station ein und ich starre gebannt und wie das Kaninchen auf die Schlange nach draußen auf die langgezogene Station, die sich kaum vom restlichen All abhebt.

„Da leuchtet etwas hell und komisch“, meldet Alaska.

Ich erkenne es sofort – so grell leuchten nur die Triebwerke eines Vanduul-Jägers. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ich will die anderen warnen, dass wir ab sofort extrem vorsichtig sein müssen, da sehe ich den Vanduul-Jäger auch schon direkt auf uns zukommen. Er feuert…ich schließe die Augen…

Jaybee One…bleiben Sie in Formation…nicht ausbrechen…halten Sie….
Marsh…Himmel…sie sind hinter mir her…Marsh….
Jaybee One…Jaybee…

„Bru..?“

Ich öffne die Augen.

„Ja, bin hier.“

Vor mir entspinnt sich ein Kampf – nur greifen uns diesmal keine von Menschen gebauten Raumschiffe an, keine Fake-Vanduul-Nachbauten, sondern Raumschiffe aus einer anderen, fremden Welt, die noch nie ein Mensch betreten hat. Zero, Pike und Alaska nehmen wieder den Kampf auf. Wie es scheint, haben die Vanduul nicht mit unserem Eintreffen gerechnet oder sie sind noch jung und unerfahren. Schneller als ich erwartet hätte, explodiert ein Jäger nach dem anderen. 

„Wir haben sie ausgeschaltet. Das ging leichter als gedacht“, sagt Pike.

„Was hatten wir auf dem Radar?“, frage ich.

„Zwei Blades, eine Glaive und eine Scythe. Vier waren es insgesamt.“

Ich rufe mir das Geheimdokument ins Gedächtnis, das Smith mir zugeschickt hatte: Glaive und Scythe sind mittelgroße Fighter, die auch frei im Raum operieren können, die Blade ist normalerweise auf einem  Carrier stationiert. Heißt das etwa, das sich irgendwo hier, im tieferen Asteroidenfeld des Keeger-Belts ein Vanduul-Trägerschiff versteckt hält?

Für einen Moment herrscht Ruhe im Schiff, dann ergreift Zero das Wort.

„Ich will wissen, ob da wirklich ein Vanduul an Bord war, nicht wieder nur ein menschlicher Pirat.“

Gemeinsam mit Pike macht er sich auf den Weg hinaus ins All. Ich zögere – will ich dort wirklich mit hinaus und einem Vanduul, der eben noch gelebt hat, direkt in die Augen sehen? Seine Ängste überwindet man nur, wenn man sich ihnen stellt, heißt es nicht so? Und wenn es doch nur Menschen waren und alle Aufregung umsonst?

„Ich komme auch gleich“, sagte ich schließlich.

Husky bugsiert die „Frost“ näher an die Trümmerteile. Ich überwinde mich und gehe ebenfalls in den Außenbordeinsatz.

Im Funk höre ich Zero: „Verdammt, das ist wirklich ein Vanduul…“

Nur Momente später schweben wir zu dritt direkt neben dem Alienmonster, das bei der Explosion aus seinem Schiff geschleudert wurde. Die Augen hat der Vanduul weit aufgerissen, er trägt eine Art biomechanischen Panzer und fletscht die Zähne – ein wahrgewordener Albtraum. Selbst Zero ist geschockt, der noch vor wenigen Tagen gesagt hatte, dass Vanduul-Angiffe in Nyx nichts Besonderes seien. Hier draußen, in der Kälte des Alls, von Angesicht zu Angesicht, sieht die Sache anders aus. Wir halten ehrfürchtig Abstand, als könnte der Vanduul in jedem Moment wieder erwachen und einen von uns mit  seiner Klauenhand packen. Pike stupst ihn schließlich an.

„Mausetot“, sagt er.

Der Vanduul fängt an, sich zu bewegen. Ich zucke innerlich zusammen, doch jegliches Leben ist aus ihm gewichen, es ist nur noch die Gravitation, die seine monströsen Gliedmaßen bewegt. Fast wirkt es für einen Moment so, als würde er im All tanzen und uns verhöhnen.

„Alles klar bei euch da draußen?“, fragt Husky.

„Ja, alles klar“, antwortet Zero. „Was machen wir mit ihm? Wollen wir ihn mit an Bord nehmen?“

Kurz darauf bugsieren Pike und Zero den Vanduul durch die seitliche Eingangsschleuse auf die „Frost.“ Mir ist übel, doch ich interveniere nicht – wer weiß, welche tieferen Erkenntnisse wir aus einem Vanduul gewinnen können, der nicht zu Tode gefoltert wurde. Kaum sind wir wieder alle an Bord, folgt der nächste Schritt – die Infiltration. Husky schleicht mit der „Frost“ fast im Schneckentempo voran, um ja nur niemanden aufzuschrecken. Je näher wir kommen, umso gigantischer wird die Station und schließlich wird mir klar: Es ist die gleiche Bauart wie in Pyro – nur dass diese Station noch intakt ist und nicht bereits halb auseinanderfällt.

„So sahen die Stationen in Pyro früher auch alle aus“, sage ich.

Mit wieviel Hoffnung, Wünschen und guten Vorsätzen war die Expansion der Menschheit einst ins All gestartet…heute sehen wir davon allenfalls noch einen müden Schatten. Wir passieren riesige Andockklammern für Frachtcontainer, Ausleger und Kräne – die Station war früher Heimat und Servicestation für Bergleute, die  Nyx lebenswert machen sollten.

„Ich versuche das Schiff so nah wie möglich an die großen Stahlträger der Station zu bringen“, sagt Husky.

Wir warten und hoffen, dass uns niemand auf der Station auf dem Radar hat, dann stellt Husky die Maschinen ab und wir legen den Rest des Weges im Raumanzug zurück. Die Station ist absolut gigantisch, muss früher tausende Menschen beherbergt haben; das wird erst jetzt so richtig deutlich. Ich drehe eine Extra-Runde, dann hole ich die anderen ein, die einen offenen Hangar entdeckt haben.

„Hier geht’s rein, Bru.“

Pike winkt mich heran und kurz darauf stehe ich neben den anderen.

„Hier sind wir richtig“, sagt Husky. „Schaut euch mal die riesigen Wandbilder der Vanduul an.“

Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Noch ist alles ruhig – irgendwie zu ruhig.

Wir nehmen unsere Waffen in den Anschlag, dann steuern wir den Fahrstuhl an, der uns ins Atrium der Station bringt. Werden wir gleich lebenden, riesigen Vanduul gegenüberstehen?

Die Tür öffnet sich – nichts. Es sieht aus wie auf jeder anderen Station. Unaufgeräumter vielleicht, aber nicht weiter ungewöhnlich. Ein Laser sperrt einen Teilbereich ab, doch der Weg in die Empfangshalle ist frei. Geduckt und jeden Moment puren Horror erwartend, rücken wir  im Gänsemarsch vor. Dann erreichen wir eine Treppe. An ihrem oberen Ende lodert ein Feuer. Noch sind keine Schüsse gefallen – ich schleiche die Treppe hinauf und bleibe schließlich geschockt stehen. Direkt vor mir brennt eine Enterkapsel der Vanduul!

Sie haben die Station gekapert.

Im ersten Moment weiß ich nicht, wie ich das einordnen soll, dann ist mir klar: Sie bereiten eine Invasion vor – eine Invasion in ein von Menschen besiedeltes Sternensystem! Was sollte es sonst bedeuten? Ich kann kaum den Blick von der Kapsel lösen, in der mindestens fünf Vanduul die Station gestürmt haben dürften. Die Kapsel ist mit großer Wucht eingeschlagen, steckt mitten im Boden. Die folgenden Momente nach dem Einschlag, die Verwirrung und die Angst müssen entsetzlich gewesen sein. Ein Mensch ist auf der Kapsel aufgespießt, wie eine Trophäe.

Ich höre Stimmen – doch es sind keine Vanduul.

Menschen schießen auf uns – wahrscheinlich die Banditen, die mit den Vanduul gemeinsame Sache machen. Die wahren Bewohner der Station sind sicher längst umgebracht worden.

„Köpfe runter“, ruft Zero.

Wir springen über eine Brüstung.

Ein schriller Alarm ertönt, der fast unsere Trommelfelle platzen lässt.

Wir sind entdeckt worden.

Wir rennen eine Treppe ein weiteres Stockwerk hinauf, schießen zurück und suchen gleichzeitig Deckung. Zero und Plke preschen vor, sichern das Gelände. Dann höre ich, wie sich ein Schott schließt – offenbar sind die beiden in einen Nebenraum gestürmt und die Tür hat sich hinter ihnen geschlossen. Die beiden besten Schützen unserer Truppe sind eingesperrt, Alaska, Husky und ich müssen sie retten. Ich blicke mich panisch um. Das Gebrüll der Gegner wird immer lauter – sie haben uns gleich.

„Hier lang“, ruft Husky, „da hinten steht was von Wartungsbereich.“

Alaska und ich folgen ihm, Husky findet einen Schalter, legt ihn um und der Alarm verstummt, auch die Panzertür öffnet sich wieder. Mittlerweile fallen von überall her Schüsse.

„Wir müssen uns zurückziehen“, schreit Zero.

Wir  hetzen den gleichen Weg zurück, den wir gekommen waren, lassen das Chaos hinter uns und sind nur wenige Minuten später wieder auf der „Frost“. Husky bringt uns so schnell er kann von der Station weg. Mitten im tiefen Raum stoppt er das Schiff und wir treffen uns in der Messe. Mich lässt der Umstand nicht los, dass die Vanduul offenbar eine Invasion planen oder mitten drin sind. Wie es aussieht, schützen die Banditen die Vorbereitungen ihrer neuen Freunde. Doch warum wird von hier mit Vanduul-Leichen gehandelt – ist das ihre Art mit ihren Verstorbenen umzugehen? Oder werden die Vanduul auch selbst gejagt?

„Wir sollten das alles Hockrow melden. Auch deinen Vanduul“, sage ich zu Zero.

Er nickt.

Keine Ahnung, ob sich die Agentur damit zufrieden gibt, aber mehr können wir im Moment nicht tun.

Ich räuspere mich.

„Ich möchte noch etwas loswerden“, beginne ich schließlich.

Ich atme tief durch.

Dann erläutere ich, dass wir alle nur noch aus unterschiedlichen Gründen und Motivationen beisammen sind, dass ich kein Reporter mehr bin, nicht vorhabe, das an die Öffentlichkeit zu bringen und jeder für sich klären muss, warum er weiter diesen Weg gehen will. Die Vanduul wollen mich ghosten, sie sind der Grund, warum ich seit Jahren nicht Herr über mein eigenes Schicksal bin. Husky steht mir zur Seite. Die anderen nicken, aber ihnen wird offenbar nicht klar, was ich damit sagen will: Wir werden schon bald getrennte Wege gehen müssen.

„Was machen wir jetzt eigentlich mit dem Vanduul in der Schleuse?“, fragt Alaska.

„Wir werfen ihn hinaus ins All“, sagt Pike.

Gemeinsam laufen wir zur Schleuse und entsorgen ihn. Kann man auch mit den Vanduul Mitleid haben? Im Hintergrund leuchtet der rötliche Nebel des Virgil-Systems.

Stumm schwebt der tote Vanduul dem Nebel entgegen. 

Journal-Eintrag 15 / 03 / 2956

Ich schreibe Smith eine Nachricht.

Die Antwort folgt umgehend.

 Verflucht, ausgerechnet jetzt, ein Sonnensturm.

*****

Einen Tag später.

„Pack deine Sachen, wir müssen so schnell wie möglich hier abhauen!“

Killer steht direkt vor mir und blickt mich mit großen Augen an.

„Wieso? Was ist denn los?“

„Wir werden verfolgt.“

„Verfolgt? Von wem?“

„Von…kann ich dir grad nicht sagen…“

„Ich will aber noch nicht weg. Matheo und ich…“

„Wer ist Matheo?“

„Mein neuer Freund.“

„Ah…okay. Trotzdem…“

Mein Mobiglas piept.

Die Nachricht ist nur kurz – aber bestimmt.

Der Advocay-Agent – was will ausgerechnet der jetzt?

Minuten später steht er vor mir, die Hände vor der Brust verschränkt, seine Augen funkeln.

„Killer, pack weiter deine Sachen…“

Schuster blickt mich wütend an, dann ergreift er ohne weitere Umschweife das Wort.

„Mr. Brubacker – das kann alles nicht wahr sein…“

„Was kann nicht wahr sein?“

„Sie treffen auf die Vanduul und geben uns nicht Bescheid.“

„Warum sollte ich das tun?“, gebe ich eine Spur zu pampig zurück.

„…vielleicht, weil ganze Sternensysteme bedroht sind? Und weil wir alles darüber wissen müssen…“

Ich schweige für einen Moment.

„Sie werden mir jetzt sofort alles erzählen oder sie landen unverzüglich in Klescher.“

Schusters Stimme nimmt einen bedrohlichen Unterton an.

Was soll’s, früher oder später wird er sowieso alles herausfinden. Ich berichte von dem Schwarzmarkt auf der geheimen Piratenstation, von der Vanduul-Enterkapsel, von Zeros Vanduul-Leiche. Irgendwann nickt Schuster und mir wird klar: Nichts von alldem ist ihm neu.

„…und jetzt fliegen wird da gemeinsam hin.“

„Aber ich kann jetzt hier nicht weg.“

„Doch, Sie können…die Advocacy muss wissen, was dort geschieht.“

Killer ist fertig mit Packen. Ich nicke Schuster kurz zu und laufe zu ihm.

„Ich muss noch mal los…bin in spätestens drei Stunden wieder da. Geh schon mal auf die Frost.“

„Kann ich nicht lieber zu meinem Freund?“

„Nein, bleib‘ auf dem Schiff! Hey, wir biken demnächst. Versprochen.“

Killers Miene hellt sich ein wenig auf, dann kehre ich zu dem Agenten zurück.

Ich fühle mich komplett überrumpelt.

„Ich habe in Ihre Akte geschaut. Sie haben eine beeindruckende Vita bei der Navy – also: Zeigen Sie mal, was Sie so drauf haben.“

„Meine Akte?“

„Ja, Sie waren mal ein guter Mann, sind sogar ausgezeichnet worden…“

Schuster weiß eindeutig mehr über mich, als ich auch nur ahne. Ich schleppe nur ein großes schwarzes Loch mit mir herum, das sich mein Gedächtnis nennt.

„Wir können los“, sage ich schließlich und ärgere mich gleichzeitig, dass ich so schnell nachgebe.

„Ich fliege mit meiner Arrow, sie steht im Nachbarhangar. Machen Sie ebenfalls Ihr Schiff klar.“

Schuster deutet mit dem Zeigefinger unmissverständlich rüber zur „Buzz One“.

Ich nicke ergeben, mache kehrt und fahre das Schiff hoch. Minuten später haben wir Levski verlassen und sind auf dem Weg zu der geheimen Piratenstation. Mittlerweile habe ich mich wieder gefangen.

„…woher haben Sie überhaupt gewusst, wo ich bin? Und wann bekomme ich meine Shack One wieder?“, frage ich genervt von diesem überstürzten und erzwungenen Aufbruch.

Ich höre, wie Schuster unter seinem Helm Luft holt.

„Wir haben unsere Quellen. Wir sind die Advocacy, Mr. Brubacker, nicht irgendwelche Idioten. Und nein, Sie bekommen Ihr Schiff noch nicht wieder, die Auswertung dauert an. Sie sind sowieso viel zu glimpflich davongekommen.“

Das hatte ich schon einmal von ihm gehört.

„Eines wollen wir doch mal klarstellen…“, setze ich erneut an und blicke hinaus in die Weite des Alls. „…ich lasse mich von Ihnen nicht ständig behandeln wie einen Schuljungen. Ich habe als Journalist nur meine Arbeit gemacht. Diese Dinge würden im Verborgenen alle nicht so gedeihen, wenn die Advocacy ihren Job ordentlich erledigen würde…“

Im Funk ist es ruhig. Offenbar denkt Schuster über meine Worte nach.

„Wissen Sie eigentlich etwas über die Piraten?“, frage ich schließlich.

„Sie nennen sich Shattered Blades. Sie handeln illegal mit Vanduul-Technologie.“

Erneut macht Schuster eine Pause.

„Und wir müssen herausfinden, wer hier wen jagt.“

„Moment…soll das etwa heißen, dass die Vanduul die Opfer sind und….“

Wir fallen aus dem Quantumflug. Vor uns liegt in der Ferne die Piratenstation.

„Versuchen wir unser Glück erst auf der Nebenstation auf dem Asteroiden“, sagt Schuster und geht nicht weiter auf mich ein.

Anscheinend weiß er genau, wohin er möchte. Doch wofür braucht er mich dann? Wir nähern uns langsam der Station, die wir bei unserem ersten Besuch zwar registriert, aber nicht betreten hatten. Doch offenbar sind wir nicht vorsichtig genug.

„Da kommen sie schon!“

Schuster dreht von einer Sekunde zur nächsten mit seiner Arrow ab und nimmt einen Vanduul-Jäger nach dem anderen aufs Korn. Anscheinend haben sie die Lücke, die wir gerissen hatten, wieder geschlossen. Ich jage Schuster hinterher, aber meine Zielaufschaltung spinnt. Offenbar hat die „Buzz One“ bei unseren letzten Einsätzen mehr abbekommen als ich dachte.

„Verflucht, nicht jetzt…!“

Ich blicke frustriert auf die kleine Arrow, die um die Vanduul-Jäger tanzt und einen nach dem anderen geschickt ausmanövriert. Nach wenigen Minuten treibt im All nur noch Vanduul-Schrott.

„Wow, das haben Sie ja voll drauf“, sage ich anerkennend.

„Standard-Advocacy-Ausbildung. Nahkampf und Raumkampf“, erwidert Schuster trocken.

In seiner Stimme schwingt auch ein wenig Stolz mit.

„Lassen Sie uns jetzt die Station ansehen.“

Wir nähern uns dem Asteroiden, der Agent verlässt sein Schiff und schwebt hinüber zur Schleuse.

„Verdammt, wir brauchen eine Zugangskarte“, sagt er kurz darauf.

„…und die kriegen wir woher?“

„Von der Hauptstation.“

Ich schüttle den Kopf, dann steuere ich die riesige Raumstation an, die in der kleinen „Buzz One“ noch einmal gewaltiger wirkt als beim letzten Mal. Schuster ist nicht der Typ für ein Versteckspiel und fliegt direkt in einen geöffneten Hangar. Ich folge ihm. Wir landen nebeneinander unsere Schiffe, dann  marschieren wir auch schon zum Fahrstuhl, der hinauf ins Atrium führt. Ich bin gespannt, ob Schuster an der Waffe so gut ist wie im Jäger. In jedem Fall ist Schuster niemand, der große Zweifel aufkommen lässt. 

„Bleiben Sie direkt hinter mir.“

„Okay – aber wonach suchen wir eigentlich genau?“

Die Fahrstuhltür öffnet sich und schon steigen wir über eine erste Leiche hinweg.

Die Enterkapsel brennt noch immer, alles ist in einen rötlichen Schein getaucht. Ich erwarte, dass wir sofort angegriffen werden – doch stattdessen pflastern lauter tote Menschen unseren Weg. In der Ferne ertönen zwar immer noch Rufe, aber die umliegende Gegend scheint sicher zu sein. Irgendwer hat sich hier vor nicht allzu langer Zeit ausgetobt. Geduckt schleichen wir durch die Empfangshalle, dann ein Stockwerk höher. Es  ist überall das gleiche Bild. Schuster blickt sich ruhig um, nimmt alles in sich auf und analysiert die Lage.

„Agent Schuster….“, versuche ich es erneut.

Er ist ganz in sich versunken – wie ein Detektiv auf Spurensuche.

Als nächstes peilt er gezielt einen speziellen Security-Bereich an, als hätte er zuvor eine Überblickskarte der Station studiert, dann macht er sich mit einer Platine, die er einer toten Person am Boden entnimmt, erst an einem Rechner, dann an einem Serverrack zu schaffen.

„Ich sammle Informationen.“

Plötzlich höre ich hinter uns zwei Stimmen, eine davon kommt mir sehr vertraut vor. Als ich mich umdrehe, steht Ray Keaton vor mir. Jeden Moment rechne ich damit, dass er mir eine Kugel zwischen die Augen setzt. Er sieht aus wie immer – bis an die Zähne bewaffnet.

„Ray…das…das ist ja eine schöne Überraschung“, stottere ich.

„Bru, was führt dich hierher?“

„Ich…äh…und dich?“

„Wir sammeln Waffen ein und wollen sie verkaufen.“

Neben Ray steht ein weiterer vermummter, hoch gerüsteter Geselle, vielleicht ein Freund von ihm.

„…ein schöner Zeitvertreib“, sage ich.

Plötzlich wird mir klar: Ray Keaton und sein Kompagnon haben auf der Raumstation das Massaker angerichtet – die ganzen Leichen gehen auf ihr Konto.

„Himmel, Ray, habt ihr euch hier so ausgetobt?“

Ray nickt knapp.

Schuster ist unterdessen fertig mit seiner Recherche, dreht sich zu uns um.

„Ich habe einen alten Freund getroffen“, sage ich immer noch halb erstarrt.

Schuster hält Ray unbeabsichtigt eine Waffe unter die Nase.

„Runter damit“, sagt Ray sofort scharf.

Schuster bleibt jedoch einfach stehen, rührt sich nicht. Ich habe das Gefühl, es wird in dem Raum schlagartig kälter.

„Runter damit…“, wiederholt Ray schneidend.

Plötzlich macht Ray einen Satz nach vorn und haut dem Agenten mitten ins Gesicht. Ich bin so perplex, dass  mein Blick zwischen beiden mehrfach hin- und herwechselt. In jedem Moment erwarte ich, dass sie sich gegenseitig einfach erschießen.

„Ray…ruhig. Das ist ein Agent der Advocacy und…“

„…ist mir doch scheißegal, wenn der eine Waffe auf mich richtet. Außerdem kann ich die eh nicht leiden.“

„Ray…“

Das hat mir gerade noch gefehlt – dass hier, mitten auf einem Schlachtfeld zwischen Menschen und Vanduul, ein Hahnenkampf ausgetragen wird. Schuster sammelt sich, dann zischt er: „Du weißt wohl nicht, mit wem du dich anlegst…“

Irgendwo in der Nähe fallen Schüsse. Die Piraten haben uns entdeckt.

„Vielleicht sollten wir uns darauf konzentrieren, wo der echte Feind ist“, versuche ich zu vermitteln.

Beide blicken sich noch für einen Moment mit gegenseitiger Verachtung an, dann trennen sich unsere Wege wieder. Eine Sekunde länger und ich wäre allein auf der Station gewesen, umgeben von rauchenden Colts und toten Super-Egos. Ich laufe Schuster hinterher, Ray und seinen Kumpel verlieren wir aus den Augen.

„…die könnten uns nützlich sein“, sage ich schließlich in einem ruhigen Moment. „Ray ist zwar ein  Psycho, aber auch ein guter Schütze. Die könnten den Weg weiter für uns freiräumen…“

Schuster dreht sich um.

„In Ordnung. Aber keine Mätzchen mehr.“

„Und wonach suchen wir eigentlich?“, probiere ich es erneut.

„Wir suchen nach Leutnants dieser Piratengruppe. Sie besitzen Keys, mit denen wir verschlüsselte Dateien lesen können und mehr darüber erfahren, was hier genau läuft.“

„Verstehe…“

„Gut, dann folgen sie mir einfach weiter. Einen dieser Leutnants haben wir schon. Er lag im Sicherheitsbereich.“

Noch immer ist mir unklar, warum mich Schuster hergeschleppt hat, aber groß Zeit, darüber nachzudenken, habe ich nicht – zu sehr nimmt mich plötzlich der Anblick gefangen, als wir das Cargo Deck erreichen: In ihm stapeln sich lauter Kryokapseln und in fast allen sind Vanduul eingefroren – ein schockierender Anblick.

Ray taucht hinter uns auf, sie sind uns gefolgt.

„Schöner Anblick, oder? Warte ich richte mal eine Kapsel auf“, sagt Ray.

Mit seinem Traktorbeam stellt Ray eine Kryokapsel senkrecht hin – nun sehen wir dem toten Vanduul hinter Glas direkt ins Gesicht. Mir wird klar: Hier geht‘s um mehr als „nur“ Genexperimente zwischen zwei Spezies. Mit den Körpern selbst sollen Experimente gemacht werden. Gab es nicht Versuche mit Vanduul-Blut bei Enos? Lange ist das alles her und mir doch sofort wieder präsent. Schuster sucht nach weiteren Leutnants. Ich blicke mich unterdessen um – das Ganze ist darauf ausgerichtet, Vanduul-Leichen in Kryokapseln wie am Fließband zu produzieren. 

„Ich habe alles, was wir brauchen. Wir können weiter“, meldet Schuster.

Ich drehe mich zu Ray um.

„Hey, wie wäre es, wenn ihr euch  uns anschließt“, frage ich ihn, immer noch unter Schock.

Ray mustert mich, dann nickt er kurz.

„…dann ist auch alles von früher vergeben und vergessen“, ergänze ich.

„…und du schuldest mir was.“

Gemeinsam schleichen wir zu viert durch das riesige Innenleben der Station. Es gibt noch einen weiteren Cargobereich. Wir finden das gleiche Bild vor – massenhaft tote Vanduul in Kryokapseln. Das Ganze ist höchst professionell organisiert. Doch was zum Henker bedeutet das? Und wie passt das mit einer möglichen geplanten Invasion zusammen? Bin ich vielleicht auf dem völlig falschen Dampfer? Schuster checkt erneut die Lage, winkt uns zu – wir sollen ihm folgen.

„Alles gefunden?“, frage ich ihn.

„Ja, nächster Stopp ist die Polaris.“

Bei unserem ersten Besuch hatten wir ein angedocktes, brennendes Großkampfschiff gesehen, ihm unter dem Eindruck unseres ersten Vanduul-Kontakts aber zunächst keine weitere Beachtung geschenkt. Nun jedoch nehmen wir den Fahrstuhl hinaus auf ein Landepad und schweben hinüber. Ich denke an die anderen – was würden Zero, Alaska, Pike und Husky zu alldem sagen? Still schwebe ich über dem lodernden Schiff, das auf seinem Rücken ein riesiges Vanduul-Logo trägt. Ray findet eine geöffnete  Seitenschleuse.

„Hier geht’s rein.“

Kaum sind wir im Schiff, umfängt uns tosender, ohrenzerfetzender Alarm. Alles ist in rotes Licht getaucht und will uns augenscheinlich davor warnen, tiefer vorzudringen. Schuster ist jedoch ganz in seinem Element; ich trotte mittlerweile nur noch überfordert hinterher.

„Waffen hoch!“, sagt Ray.  „Wir öffnen jetzt das Schott vor uns.“

Kaum hat er den Schalter betätigt und ist die Tür zur Seite geglitten, geht der Tanz auch schon los. Ray macht seinem Ruf alle Ehre, Schuster zeigt ebenfalls keine Gnade. Nach und nach kämpfen wir uns durch das riesige Kampfschiff. Hinter jedem Schott verstecken sich weitere Gegnerwellen. Immer wieder werde ich fast tödlich getroffen und Ray oder Schuster müssen mich mit einem Medipen zurück auf die Beine holen. Mal rennen wir, dann verstecken wir uns, mal geht es treppauf, mal treppab. Sind diese riesigen Kampfschiffe schon verwirrend genug, wenn auf ihnen nicht gekämpft wird – habe ich jetzt das Gefühl, in eine riesige Falle getappt zu sein, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

„Ein Schott noch, dann müssten wir das Cockpit erreichen.“

Ray klärt einmal mehr auf und schießt uns den Weg frei, wir folgen, dann stehen wir tatsächlich auf der riesigen Brücke der Polaris. Ohne mit der Wimper zu zucken erschießt Schuster den Shattered-Blade-Leutnant und nimmt ihm eine weitere Entschlüsselungskarte ab.

„Wir haben alles. Damit können wir auf die Asteroidenstation.“

Ich bin fassungslos von so viel Kaltblütigkeit und Effizienz.

Wir treten den Rückweg an, doch mittlerweile haben die Piraten weiteren Alarm geschlagen und werfen uns alles entgegen. Aus allen Löchern scheinen immer neue Outlaws zu kriechen – doch sowohl Schuster als auch Ray und sein Kumpel halten dagegen. Wir passieren das Cargo-Deck, den Maschinenraum, mehrfach rennen wir im Kreis – doch irgendwann sehe ich endlich den Ausgang.

Dann schweben wir wieder im Weltall – auf dem Weg zurück zur Station, um unsere Schiffe zu holen. Ray fliegt wie ich ebenfalls eine Superhornet, allerdings den überarbeiteten Typ Mark II, der schlanker und moderner wirkt. Über der Station kreist bereits die nächste Welle Vanduul. Noch immer funktioniert meine Zielaufschaltung nicht und so versuche ich per Augenmaß, Vanduul ins Ziel zu nehmen – eine extrem schlechte Idee. Ich treffe sie viel zu wenig, eine Schwäche, die die Vanduul sofort ausnutzen. Immer und immer wieder steckt mein Schiff schwere Lasersalven ein, dann leuchten auch schon alle Bildschirme rot.

Plötzlich reißt es mir aus dem Nichts das ganze Heck ab – ein Volltreffer! Ich ziehe den Schleudersitz und werde aus dem Schiff katapultiert. Um mich herum schwirren die Vanduul und geben der „Buzz One“ den Rest. Mich ignorieren sie, vielleicht kann ihr Schiffsradar Personen nicht erfassen.  Instinktiv und wie ich einst gelernt habe, betätige ich die Anzugdüsen und entferne mich so schnell ich kann aus der Schlacht. Die Station ist rund zehn Kilometer entfernt.

Tausend Gedanken jagen mir durch den Kopf.

Vanduul lassen sich doch nicht einfach wie Gefrierfleisch abpacken und verschicken…

Ein Advocacy-Agent, der offenbar mehr weiß, als er zugibt…

Die „Buzz One“ – zerstört…

„Bru..alles klar bei dir?“

Zumindest Ray gelingt es, ein paar Vanduul auszuschalten.

„Ja…ich bin heil rausgekommen.“

Vor mir blitzt es grell auf – Schuster erleidet das gleiche Schicksal wie ich. Nun befinden wir uns zu zweit im All. Ich grinse – ganz so unverwundbar wie er tut, ist er eben doch nicht.

„Wie sieht es bei Ihnen aus?“

Keine Antwort.

„Brauchen Sie Hilfe?“

„Danke, ich schaffe es so.“

Ich schüttle den Kopf.

Plötzlich taucht ein Schatten über mir auf – Ray in seiner Superhornet.

„Steig ein, Bru. Ich bringe dich den Rest.“

Ich schwebe auf den Co-Pilotensitz, kurz darauf erreichen wir auch schon die Station, fast zeitgleich mit Schuster. Über uns kreisen immer noch die Vanduul. Diesmal sind es keine Anfänger mehr. Ray hat auf der Station noch eine Corsair zur Verfügung und wechselt das Schiff – Schuster und ich checken am Terminal, ob noch andere Schiffe zugänglich sind.

„Oh, hier ist noch eine Superhornet und ich kann darauf zugreifen“, sage ich.

Aus den Tiefen der Station wird das Schiff nach oben gefahren, sicher gehört sie jemandem, der irgendwo über uns im Atrium tot auf dem Boden liegt. Doch darauf können wir keine Rücksicht nehmen. Auch Schuster findet ein Schiff. Ich klettere in die fremde Hornet und mache mich erneut auf in den Kampf.

„Wir bleiben in Deckung der Station. Sobald wir im Schatten des Asteroiden sind, haben wir es geschafft“, sagt Schuster.

Zu dritt geben wir Vollgas – und Schusters Plan geht tatsächlich auf. Die Vanduul haben offenbar nicht damit gerechnet, dass jemand aus den abgeschossenen Schiffen lebendig rausgekommen ist. Noch immer kreisen sie um die Wracks, wie Aasgeier über einem toten Tier. Wir tauchen unterdessen im Schatten des riesigen Asteroiden unter – dann liegt auch schon der Eingang vor uns.

„Haben wir denn die Zugangskarte?“

„Haben wir…der letzte Leutnant hatte sie bei sich“, sagt Schuster.

Ray hat die Karte aus einer abgeschossenen Caterpillar gefischt, die nahe der Station im Raum schwebt. So viele Tote – alles nur für eine kleine Plastikkarte. Schuster schwebt erneut zum Tor, steckt die Zugangskarte in einen Schlitz und tatsächlich – das Tor öffnet sich. Ray und ich gleiten hinterher. In dem ganzen Durcheinander habe ich nicht mitgekommen, dass Rays Kumpel den Abflug gemacht hat. Wahrscheinlich wurde ihm die Sache einfach zu heiß – egal, wir gehen den Weg jetzt zu Ende.

Hinter einem weiteren Schott leuchtet es rot.

„Wollen wir da wirklich rein?“, fragt Ray.

Schuster beantwortet die Frage, indem er auf den Schalter drückt. Sofort werden wir wieder beschossen – was zum Henker  beschützen sie hier nur? Und hinter was ist Schuster her? Nicht mehr lange und ich werde es wissen. Alles in den vergangenen Stunden lief jedenfalls auf diesen Punkt zu. Auch diese Station ist mit Enterkapseln geentert worden, die Zugänge leuchten rot wie Portale direkt in die Hölle. Ich blicke nach vorn – und traue meinen Augen nicht: Hinter einer Absperrung hängt eine Person an einer Wand – durchbohrt von einem Vanduul-Speer.

Wir biegen um ein paar Ecken, erwehren uns immer wieder unserer Haut, dann stehe ich vor einer halb geschlossenen Barriere – davor liegt ein toter Vanduul und um ihn herum lauter tote Menschen, die ebenfalls von Vanduul-Speeren durchbohrt sind. Hier also sind sie direkt aufeinander getroffen. Doch noch immer ist unklar, warum… Plötzlich ein lauter Aufschrei und direkt neben mir stirbt Schuster. Ich springe hinter die nächste Deckung.

„Ray…siehst du irgendwas?“

„Nein, das muss ein Heckenschütze gewesen sein.“

Ich krieche zu Schuster – er ist tot. 

Irgendwo, weit entfernt, wird er als sein Imprint aufwachen und sich die Seele aus dem Leib fluchen.  Ich krieche weiter zu dem Vanduul, der noch im Tod zynisch zu Grinsen scheint. Er trägt noch sein traditionelles Messer. Ich nehme es ihm ab und drehe es in der Hand – es ist das Wichtigste, was ein Vanduul überhaupt besitzt. Bevor ein Vanduul  seiner Wege geht, erhält er das Messer von seinen Eltern. Dieses Messer ist zunächst der einzige Besitz. Alles, was der heranwachsende Vanduul erreicht, beginnt damit. Es ist ihm heilig und er bewahrt es für den Rest seines Lebens auf. Ich stecke das Messer ein – damit sind die Vanduul  wieder ein Teil von mir.

Hinter was nur war Schuster her?

Dann  entdecke ich es – auf einem Tisch steht ein Laptop, auf dem Daten und Mails gespeichert sind. Das muss es sein. Ich wette, darauf sind die Antworten, nach denen Schuster gesucht hat…alles andere sind nur Kollateralschäden. Ich nähere mich dem Laptop, als ich plötzlich eine vertraute Stimme im Ohr habe.

„Bru…?“

„Husky…?“

„Was zum Henker machst du hier?“

Keine Ahnung, wie er mich gefunden hat, doch nur Minuten später steht er neben mir, gemeinsam blicken wir auf den Laptop.

„Ich lade mal alles runter, dann können wir hier raus.“

Husky ist sichtlich geschockt angesichts des Horrors, der sich direkt vor seinen Augen entfaltet. Gemeinsam mit  Ray laufen wir so schnell wir können zurück zum Eingang.

„Vergiss nicht, du schuldest mir was“, sagt Ray und ist verschwunden.

„Lass uns hier bloß abhauen“, sage ich zu Husky, „ich erkläre dir alles unterwegs.“

Momente später entfliehen wir dem Horror.

*****

Journal-Eintrag 26 / 05 / 2956

Husky und ich sitzen in der Mannschaftsmesse der „Frost“ und gehen die Mails auf dem Laptop durch. Erst nachdem ich sie ein zweites Mal gelesen habe, ist mir klar, was auf der Station wirklich geschieht. 

„Krass, die Shattered Blades sind Piraten, die für Jorrit auf die Jagd nach Vanduul gegangen sind – und dabei offenbar sogar eine Driller geentert haben“, sagt Husky.

Ich nicke und lese den Mailverlauf ein drittes Mal.

Payday, Skutter, Carbine und Kneecap – offenbar die Decknamen der Piraten – unterhalten sich in ihrem Mailverlauf locker darüber, wie sie in der Luftschleuse der Driller gefangen waren, dass einer von ihnen während eines Kampfes mit einem Vanduul-Speer am Fuß verletzt wurde und wer schließlich mehr Vanduul fangen konnte…das Ganze liest sich wie ein normales, wenn auch illegales, Geschäft.  Ich frage mich, was zum Henker wollen private Käufer mit lauter Vanduul-Leichen in Kryokapseln – wollen sie sie zu Hause als Trophäen aufstellen?

In der zweiten Mail dann der für uns entscheidende Beweis: Sie haben die Vanduul tatsächlich für Jorrit gejagt, wobei diesem schließlich offenbar der Boden zu heiß wurde und er einfach zu einem Treffen nicht mehr auftauchte – vielleicht, weil er selbst bereits fliehen musste. Wo er heute steckt, wissen die „Shattered Blades“ nicht. Gleichzeitig haben sie es nach den Enthüllungen um Onyx – sofern man von echten Enthüllungen überhaupt sprechen kann – selbst mit der Angst bekommen. Sie sprechen jedenfalls davon, ob man die Spur zu ihnen zurückverfolgen könne. Der Hammer aber folgt in der nächsten Mail – anscheinend ist aktuell noch Größeres im Gange: Sie haben neue Käufer gefunden und sind an einem wesentlich größeren Deal dran.

Unter dem Strich liest sich das Ganze so: Die „Shattered Blades“ haben mit ihrer Vanduul-Jagd den Angriff der Driller auf Nyx überhaupt erst provoziert. Vielleicht haben sie ihr Blatt dann aber überreizt, sodass die Vanduul schließlich zurückgeschlagen haben. Außerdem muss ein Großkampschiff schon hier gewesen sein – woher sollten sonst die Enterkapseln auf der Station stammen? Mit anderen Worten: Die Menschen haben die Vanduul aus nackter Profitgier angelockt.

Dass es sich so herum verhält, darauf wäre ich nie gekommen.

Ich grübele und schüttle schließlich den Kopf: zu glatt, zu einfach – nicht bei alldem, was wir mittlerweile gesehen und erlebt haben. Dass die UEE ihre Mobilmachung mit der Rückkehr der Vanduul nach Nyx ganz wunderbar rechtfertigen kann, hat sich jedenfalls nicht geändert. Eher riecht das Ganze daher nach einer False-Flag-Aktion, nach einem Täuschungsmanöver, um so die wahre Täterschaft und die wahren Hintergründe zu verschleiern, um Gegenschläge zu rechtfertigen – was also, wenn die „Shattered Blades“ in Wirklichkeit für die UEE arbeiten, um so die Besetzung von Nyx zu rechtfertigen? Dazu würde jedenfalls die Aussage in den Mails passen, dass Jorrit mittlerweile als Sündenbock herhalten muss…

In mir verfestigt sich der Eindruck, dass wir über die private Hockrow-Agency die ganze Zeit der Advocacy in die Hände gespielt haben – seit wir unten in Jorrits Horror-Geheimlabor waren. Welches Interesse sollte Hockrow sonst an irgendwelchen Frachtern haben, die mitten in Nyx angegriffen werden, wenn darauf nichts für sie und die Advocacy Sicherheitsrelevantes zu finden war?

Kurzum: Was also, wenn Schuster auf der Station Beweise verschwinden lassen wollte, nachdem wir über Intersec dummerweise auf die illegale Raumstation gestoßen waren? Wahr ist doch: Vanduul lassen sich nicht fangen wie Karpfen in einem Karpfenteich…aber es lassen sich mit ihnen eben wunderbar Angst und Schrecken verbreiten.

Ich denke an den Advocacy-Agenten – wann wird er sich melden? Und wie wird er die Sache drehen?

Wahrscheinlich schon bald – und dann?

Keine Ahnung.

„Da ist alles extrem krass“, sage ich zu Husky.

Husky zieht sich nebenbei um und trägt wieder einen Raumanzug.

„Allerdings.“

„Hast du heute noch was vor?“

„Komm, ich möchte dir etwas zeigen, um auf andere Gedanken zu kommen.“

Wir laufen in den Hangar der „Frost“, dort steht eine halb zerstörte Pisces.

„Was ist das denn… der Ersatz für die Flake?“

Husky schüttelt den Kopf.

„Nein, das nicht….aber die habe ich ganz billig geschossen. Werde ich nun reparieren. Killer kann mir ja helfen.“

„Das ist eine gute Idee. So ist er beschäftigt“, antworte ich.

„Es ist eine Pisces in der Frachtvariante, falls wir demnächst mal etwas möglichst unbemerkt transportieren müssen.“

„Immer gut zu haben.“

Wir stehen in dem kleinen Schiff, das rot blinkt, aus Schläuchen quillt Dampf.

„…damit hast du aber noch ordentlich zu tun.“ 

Doch mir geht die Vanduul-Sache immer noch nicht aus dem Kopf – hatten die Vanduul nicht auch Familien in Nyx angegriffen, die Familie Albertson ausgelöscht, wie in der „Vox Populi“ stand? Wie passt das mit den Nachrichten auf dem Laptop zusammen? Es passt dann, wenn es eben doch noch einen anderen Grund für Überfälle und das Auftauchen der Driller gibt – und die Vanduul nicht nur reines Schlachtvieh sind.

Und das würde auch erklären, warum mich Schuster bei der ganzen Sachen dabei haben wollte – er wollte auf jeden Fall vermeiden, dass kompromittierende Informationen in die falschen Hände geraten, mich im letzten Moment vielleicht sogar selbst aus dem Weg schaffen…dann aber erwischte ihn ein Bandit, der nicht wusste, dass er den eigenen Mann erschoss…

Auf dem Rückweg zur Messe bleibe ich stehen.

Wie immer gilt: Ein Schritt nach dem anderen.

„Habe ich dir eigentlich schon von Anatol Annal erzählt?“

Husky verneint.

Ich grinse breit.

Dann berichte ich endlich von dieser seltsamen Geschichte und dem unverhofften Geldregen.

.

Lebenszeichen

Vanduul jagen mich kreuz und quer durch ein riesiges Schiff. Ich bin ganz allein. Um mich herum – viele tote Menschen. Es handelt sich um die Besatzung des Kreuzers. Irgendwo entweicht die Atmosphäre. Ich  höre leise aufgeregte Stimmen, dann verstummen auch sie… Ich renne, kann nicht mehr, versuche wieder zu Atem zu kommen, schwebe plötzlich im Weltall, um mich herum tobt immer noch die Schlacht…

Ich wache klitschnass auf.

Es ist die gleiche Vision, die ich auch schon in der Pilzhöhle in Pyro hatte.

Die Vanduul – sie sind endgültig in mein Leben zurückgekehrt.

Mein Mobiglas piept.

Die alte Leier also… als hätte er seit der uralten Entführungsgeschichte auf der „Renaissance“ an Zero einen Narren gefressen. Das klingt nicht nach einem Gefallen, eher nach Erpressung.

Typisch Ray eben.

Und ich schulde ihm was? Eher wären wir nun quitt, nach allem, was so war.

Ich klicke die Nachricht weg. Darum kümmere ich mich später.

Viel dringender: Ich muss von Levski runter. Die UCC ist hinter mir her, Schuster wird die ganze Sache und was wir auf der Station gesehen haben, nicht auf sich beruhen lassen. Ganz bestimmt will er die Informationen auf dem Laptop und die Vanduul wollen mich immer noch ghosten. Ich muss für eine Zeit lang untertauchen, so viel steht fest. Smith hatte mir geschrieben, dass ich auf eine gewisse „Breaker St…“ kommen soll, keine Ahnung wieso und was das ist, die Verbindung war abgebrochen.

Ich scrolle durch die Aufträge im Mobiglas – vielleicht ergibt sich ja irgendeine passende Gelegenheit…da, das klingt interessant. Offenbar ist die Crew eines Bergbauschiffes im letzten Moment an der Pilzseuche erkrankt und sie suchen nun dringend Ersatz. Das würde Platz für unsere  ganze Gruppe bieten. Einsatzgebiet: eine gewisse Breaker Station. Was für ein Zufall! Jetzt weiß ich wenigstens, wohin mich Smith haben will, nur warum ist noch unklar. Ich schnappe mir den Auftrag, bevor er anderweitig vergeben wird. Das Schiff sei auf einer Service-Station im Keeger-Gürtel zu übernehmen – und Eile sei geboten.

Ich schreibe eine Nachricht in unseren Chat.

Ich ziehe mich an, als mein Mobiglas erneut piept – was ist denn heute los?

F… Es kann sich nur um Friedrich handeln!

Sofort bin ich hellwach.

Haben Sie ihn etwa vorzeitig freigelassen?

Ich wuchte mich aus meiner Koje, das müssen wir noch zwischenschieben. Ich hetze durch die „Frost“, dann sehe ich eine weitere Nachricht – diesmal von Husky. Er ist für ein paar Stunden mit seiner „neuen“ Pisces unterwegs, will irgendwas testen und reparieren. Das Ding sei immer noch ein halbes Wrack und die Comms kaputt. Er ist für eine Weile nicht erreichbar und meldet sich, wenn er zurück ist.

Verdammt, ausgerechnet jetzt, da mich Friedrich kontaktiert hat.

Ich verlasse das Schiff und mache mich auf den Weg, um die anderen zu suchen. Hoffentlich laufe ich nicht direkt der UCC in die Arme. Mehrfach luge ich erst um Ecken. Ich treffe Pike und Alaska auf dem Grand Barter an einem Coffeeshop. Sie unterhalten sich gerade über ihren letzten gemeinsamen Run mit Zero – offenbar haben sie gemeinsam ein paar schnelle Credits gemacht, als sie an Sprungpunkten zerstörte Raumschiffe gesalvagt haben.                          

Geplündert würde es wohl eher treffen.

„Hallo Männer.“

Beide drehen sich um.

„Bru…“

„Friedrich hat sich gemeldet.“

„Wissen wir, wir haben die Nachricht auch bekommen“, sagt Alaska.

„Ich weiß, wo wir hinmüssen.“

Ich setze mich zu beiden.

„…und wohin?“

„Nicht hier. Lasst uns eine ruhige Ecke suchen. Muss ja nicht jeder mitbekommen.“

Zu dritt laufen wir in eine dunkle Kammer, dann erzähle ich von der riesigen Höhle auf Vuur in Pyro – und von meinen Erlebnissen mit Schuster. Beide hören gebannt zu, auch wenn die Erkenntnisse für Außenstehende wahrscheinlich nur schwer nachzuvollziehen sind.

„Lasst uns los und Friedrich treffen. Alles andere muss ein paar Stunden warten“, sage ich schließlich.

Beide nicken und wir machen uns auf in Alaskas Hangar, wo er ein neues Schiff zu stehen hat: eine RSI Intrepid, einen kleinen Flitzer. Keine Ahnung, woher er den hat. Wir rüsten uns noch kurz aus, dann sind wir auch schon unterwegs und Pike fliegt uns direkt zum Mond Vuur. Wie lange habe ich Friedrich jetzt nicht mehr gesehen? Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, wahrscheinlich auch, weil mittlerweile so unendlich viel passiert ist.

Pike bringt Alaskas Schiff auf direktem Weg runter zum Treffpunkt, dann sehen wir auf dem Mond auch schon einen kleinen hellen Fleck, der sich schnell zu Friedrichs 890 Jump „Nordlicht eins“ auswächst. Ich wundere mich, dass er mit seinem Flaggschiff angereist ist – und hat er nicht die Auflage, das Stanton-System nicht verlassen zu dürfen? Pike landet direkt neben dem riesigen Schiff, dann stehen wir uns nach kurzem Fußmarsch gegenüber. Keiner weiß im ersten Moment, was er so recht sagen soll.

„Gehen wir nach vorn in die Messe“, sagt Friedrich schließlich.

Wir nehmen alle Platz, dann eröffnet er uns, dass er aktuell wegen guter Führung Freigang habe und dass sein Verfahren einer Haftprüfung unterliegt. Mit der „Nordlicht eins“ sei er unterwegs, weil er das Schiff bei der Rückreise einem anderen Touristikunternehmen im Castra-System überlassen will – aktuell sieht sich Friedrich nicht imstande, seinen Geschäften wie gewohnt weiter nachzugehen.

„Bis auf Garnsky habe ich auch meine gesamte Belegschaft entlassen.“ 

Es fühlt sich an, als würde mir jemand zwischen die Beine treten. Die Konsequenzen aus dem ganzen Mist sind doch größer als gedacht…dafür werde seine Strafe wohl schon bald auf Bewährung ausgesetzt und in ein paar Monaten dürfte er wieder komplett frei sein. ASDs dunkle Machenschaften lassen seinen Einbruch insgesamt wohl in einem günstigeren Licht erscheinen. Zu meiner Überraschung weiß Friedrich von all den Dingen, die wir erlebt haben – von Onyx und Jorrits schrecklichen Experimenten.

„Smith hat mich soweit über alles aufgeklärt“, sagt er, auch über Smith‘ Theorie der möglichen Zeitreise eines Vanduuls sowie über meine Navy-Aufzeichnungen weiß Friedrich überraschenderweise Bescheid. Ich lächle, ein paar Gitterstäbe haben kluge Menschen eben noch nie davon abgehalten, weiter an Informationen zu kommen und ihre Fäden zu spinnen.

„In jedem Fall tut es verdammt gut, dich wiederzusehen“, sage ich schließlich und lasse das alles erstmal sacken. „Husky geht es übrigens auch gut. Ich passe auf ihn auf.“

Friedrich nickt und scheint sich ebenfalls ein wenig zu entspannen.

„Irgendwann machen wir wieder mit den Scenic Cruises weiter“, sage ich.

„Natürlich, ich habe noch nicht aufgegeben. Nur momentan sind eben sehr schwierige Zeiten.“

Wir blicken noch ein paar Minuten hinaus auf den öden Mond Vuur, dann trennen sich unsere Wege schon wieder und wir kehren zurück nach Levski. Friedrich muss sich  wieder im Klescher-Gefängnis melden.

Kaum sind wir in Levksi gelandet, verlasse ich die anderen. Ich schlendere solo über die Station, wahrscheinlich für lange Zeit das letzte Mal. Ich blicke mich um. Die Lage hat sich  beruhigt. 90 Prozent der Pilze sind quasi von heute auf morgen plötzlich eingegangen, das Leben kehrt auf die Station zurück, das Stimmengewirr ist wieder deutlich lauter, das andauernde Husten fast verschwunden.

Vielleicht wurde genug Antimykotikum gesprüht, vielleicht haben aber auch tatsächlich die neuen Filter geholfen – oder der Genesis-Effekt ist nicht so nachhaltig wie erhofft. Hier und dort sprießen noch ein paar Pilze und in Nebengängen fliegen noch  ein paar Sporen durch die Luft. Wie hatte Zero bei unserem letzten Treffen erklärt, nachdem ich von den Pilzen im Vakuum auf Levski erzählt hatte? Es sei eine andere Sorte, die dort draußen wächst. Dennoch: Pilze wachsen nicht im All, unter keinen Umständen kommen sie ohne Sauerstoff und Nährstoffe aus.

Vielleicht gilt aber auch Ockhams Gesetz, das besagt, dass bei mehreren möglichen Erklärungen für denselben Sachverhalt die einfachste Theorie zu bevorzugen ist, anders gesagt: Die einfachste Erklärung ist oft die wahrscheinlichste. Kurzum – es waren eben doch nur verstopfte Filter. Wie auch immer: In Jedem Fall hat die vorübergehende Pilzseuche ihren Zweck erfüllt – nämlich möglichst viel Unruhe und Verwirrung zu stiften. Levski ist deutlich geschwächt, die UEE-Navy hat einen Vorwand in das System einzumarschieren – und die Vanduul sind mit ihrer Driller immer noch im Anflug…

Nichts hat sich groß geändert.

Ich laufe ins „Café Musain“, in dem sogar der Barkeeper wieder bei der Arbeit ist und bestelle mir ein Bier. Ich zische es mit wenigen großen Schlucken weg. Auf dem Weg zurück zur „Frost“ sehe ich ein Gesicht in der Menge, das mir sofort bekannt vorkommt:

Honeywell von der UCC.

Sein breites, strahlendes Lächeln würde ich überall im Universum wiedererkennen.

Sie sind bereits hier!

Er unterhält sich angeregt mit den Bewohnern Levskis. Vielleicht sucht er Informationen, wie und wo er mich finden kann.

Ich drücke mich sofort in die nächste dunkle Ecke.

Wir müssen uns so schnell wie möglich startklar machen und dann weg von hier.

Mein Mobiglas piept.

Zero.

Mit zitternden Händen schreibe ich ihm zurück.

Danach schalte ich mein Mobiglas ab.

.

Breaker Station

Ich stehe vor der „Frost“.

Irgendwo im Hintergrund summt ein Stromaggregat.

Mein Atem kondensiert in der kühlen Steinhöhle.

Es sind ein paar Stunden vergangen.

Noch ist niemand in Huskys Hangar aufgetaucht.

Ich blicke auf mein Mobiglas und lasse es lieber ausgeschaltet – wer weiß, ob man es nicht irgendwie tracken kann. Garantiert hätte die UCC dafür die technischen Möglichkeiten, wenn sie so mächtig sind, wie Smith sagt.

Husky kommt die riesige Rampe des Schiffes herunter.

„Moin Bru, alles klar?“

Ich schüttle den Kopf und berichte von Honeywell und dass die UCC bereits auf Levski eingetroffen ist. Husky kann sich noch dunkel erinnern, denkt kurz nach, schließlich nickt er. Das ist das Wohltuende an ihm – man erklärt ihm die Lage, er nimmt sie in sich auf, und ist dann sofort bereit, das Nötige zu tun – ohne große Diskussionen.

„Wir müssen so bald wie möglich hier weg“, sage ich.

„Das Schiff ist soweit startklar.“

„Hatte ich dir den Miningauftrag mit der erkrankten Crew weitergeschickt?“

Husky nickt und öffnet ihn.

„Wir müssen nach QV Service-Station Theta. Da können wir das Mining-Schiff wohl übernehmen.“

„Dann lass uns unsere restlichen Sachen zusammenräumen und keine Minute mehr verlieren – Killer ist immer noch an Bord?“

„Yep.“

Wir laufen in die „Frost“, wo wir auf Alaska und Pike treffen. Ich berichte von der UCC, dass ich von einer weiteren ominösen Fraktion verfolgt werde und rechne mindestens mit ungläubigen Blicken. Doch Alaska nimmt es mehr oder weniger achselzuckend hin – wahrscheinlich hat er mich längst in eine passende Schublade gesteckt.

„Uns wurde auch ein wenig extra Mining-Equipment zur Verfügung gestellt, mit dem wir das Schiff noch ein wenig besser ausrüsten können“, sagt Pike.

„Fein.“

Wir verlassen das Schiff, packen ein paar Kisten zusammen – wer weiß, für wie lange wir Levski verlassen müssen. Ein paar Tage werden es mindestens sein. Als alles verstaut ist, starten wir auch schon. Husky fliegt seine „Frost“, ich sitze neben ihm auf dem Copiloten-Sitz. Einmal mehr rennen wir vor etwas davon, sind wir auf der Flucht vor jemandem – wie oft ist uns das nun schon so ergangen? Ich kann es kaum mehr zählen. Wir schweigen und blicken hinaus ins All.

„Killer hat mir übrigens super bei der Reparatur der Pisces geholfen“, bricht Husky die Stille.

Ich lächle.

„Schön zu hören. Das ist genau sein Ding.“

Dann fallen wir auch schon aus dem Quantumflug – wir befinden uns mitten in einem dichten Nebel, in der Ferne schält sich eine in einen Asteroiden gehauene Station heraus – im Grunde die gleiche Bauweise wie Levski, nur kleiner.

Husky landet das Schiff – natürlich mit ein paar artistischen Einlagen – dann blicken wir uns im Innern von „Service-Station Theta“ auch schon um – alles ist enger beisammen, es gibt ein paar Essensshops, ein Geschäft, in dem man sich ausrüsten kann, und natürlich fehlt auch ein Waffenladen nicht. Die Atmosphäre wirkt entspannt.

Ich hole mir ein Getränk, der Besitzer blickt mich an.

„Ich habe euch hier noch nie gesehen. Wo kommt ihr her?“

„Levski“, antworte ich zwischen zwei Schlucken.

Der Ladenbesitzer stutzt kurz.

Oh,…Scheiß-Zeit da drüben gehabt, oder? Die ganze Pilz-Sache…“

„…kann man so sagen“, erwidere ich, nicke ihm kurz zu und folge dann den anderen.

In einem Ausrüstungsshop kaufe ich mir einen gelben Mining-Anzug. In dem Geschäft gibt es alles, was das Miner-Herz begehrt. Wie es scheint, ist vieles in dieser Region auf den Bergbau ausgerichtet.

„Lasst uns mal checken, ob unser Schiff da ist.“

Die anderen nicken und ich steuere das örtliche Admin-Office an.

Der Mitarbeiter blickt nach meiner Anfrage kurz auf seinen Monitor, dann nickt er.

„Ja, hier steht, dass ein Miningschiff, eine Mole, zeitweise auf dich übertragen wird. Steht flugfertig im Hangar.“

„Danke.“

Die anderen stehen hinter mir.

„Ist alles klar soweit.“

Wir laufen zurück zu den Terminals – einmal war ich bereits auf einem Miningschiff unterwegs, doch das ist schon lange her. Mining wird einfach nie meine Profession werden. Im Hangar laufe ich um das orangene Ungetüm herum, ein Arbeitstier im klassischen Sinne. Ich bin froh, dass wir uns nur wenige Tage auf ihm verstecken werden, bis die Gefahr vorüber ist.

Pike baut die Bohrköpfe an, wir anderen bringen unser mitgebrachtes Hab und Gut auf das Schiff – noch immer ist nicht genau klar, was wir eigentlich machen sollen.

„…vielleicht machen wir einfach einen kleinen Ausflug, testen mal Schiff und Bohrköpfe“, schlägt Husky vor.

„Gute Idee.“

Das bringt uns auch auf andere Gedanken. Nur wenige Minuten später fliegen wir mit dem fremden Schiff hinaus in den Asteroidengürtel. Husky steuert das Schiff, Alaska und Pike besetzen die Bohr-Turrets und Pike scannt die Gegend nach lohnenswerten Mineralien. Schließlich wird er fündig.

Vor uns schwebt ein riesiger Felsen.

„Lindinium“ sagt Pike, „sehr wertvoll und nur selten zu finden.“

Wie es aussieht, haben wir Glück.

Alaska und Pike schalten ihre Bohrköpfe ein und halten drauf – doch an dem Felsen tut sich nichts.

„Verdammt, der ist kaum zu knacken“, meldet Pike schließlich frustriert.

„Lasst uns umkehren, wir müssen ja nur so tun, als würden wir minern, den Schein wahren.“

Die Diyo-Expedition kommt mir in den Sinn – und alles, was dabei schiefging. Doch Pike hat offenbar der Ehrgeiz gepackt.

„Nee, das will ich mir jetzt holen.“

Spricht‘s und ist schon aus dem Schiff raus, um im EVA an dem Felsen ein Gerät anzubringen, das die Eigenschwingungen des Felsens mit denen des Lasers synchronisieren soll. So soll sich die Widerstandsfähigkeit leichter brechen lassen – zumindest in der Theorie. Ich beobachte Pike, wie er vor unserer Cockpitscheibe an dem Brocken hantiert.

„Pass bloß auf.“

„Klar doch.“

Irgendwann hat Pike nach mehreren Versuchen das Tool an dem Felsen befestigt, es blinkt und Pike kehrt zurück. Sofort pumpen Alaska und er wieder Laserenergie in den Felsen. Nach kurzer Zeit beginnt er rot zu glühen.

„Das reicht. Weg mit der Energie!“, ruft Pike.

Offenbar war es gerade noch rechtzeitig – denn nur einen Moment später zerbricht der riesige Felsen in vier Teile, die die Laser in weitere kleine Bruchstücke zertrümmern. Ich blicke gedankenverloren zu – um wieviel friedlicher könnte dieses Universum sein, wenn es seine Energie nur auf Felsen und nicht auf Menschen richten würde…

Schließlich saugen Pike und Alaska die Bruchstücke ein – Job erledigt.

„Das Austauschen der Bohrköpfe hat sich jedenfalls gelohnt, ging alles viel schneller und leichter als  sonst“, sagte Pike während des Rückflugs.

Nicht nur an der Waffe, auch für das Mining scheint er ein gutes Händchen zu haben. Nachdem wir wieder auf der Service-Station gelandet sind, mache ich mich auf den Weg zu Huskys „Frost“. Killer wartet bereits. Ich spreche mit ihm, während er traurig aus der Wäsche schaut. Ich verspreche ihm einmal mehr, dass wir demnächst biken gehen werden und wir nur kurz einen Job erledigen müssen – von der UCC und Honeywell erzähle ich lieber nichts, um ihn nicht zu beunruhigen.

Killer haut sich aufs Bett und starrt zur Decke.

Ich kehre angespannt zu den anderen zurück, lange kann das so nicht mehr weitergehen. Zunächst aber müssen wir zu dieser ominösen Breaker-Station.

*****

Journal-Eintrag 26 / 04 / 2956

Ich stehe auf und drücke den Rücken durch – auf der harten Pritsche in der Mole kann kein Mensch schlafen. Keine Ahnung, wie das Deepspace-Miner länger als eine Woche durchhalten. Ich quetsche mich in meinen neuen Mining-Anzug und mache einen kleinen Spaziergang über die Station. Es ist mitten in der Nacht – und nur wenige Leute sind unterwegs.

Mein Mobiglas piept.

Eine Nachricht von SSN/Cat TV – auf dem Monitor ploppt ein völlig überdrehter Anden Arden auf, CEO von Schiffshersteller Drake Interplanetary. Er ist ganz aus dem Häuschen, dass die diesjährige Invictus Launch Week in wenigen Wochen aus dem Stanton-System in das Sol-System verlegt wurde und er nun mit einem neuen Schiff aus seinem Hause auf der so genannten Defensecon die ganze Aufmerksamkeit bekommt.

Klar, das kurbelt bestimmt seine Verkäufe an.

Im Laufband unter dem Video wird unterdessen davon gesprochen, dass die UEE nicht in Nyx intervenieren will, trotz aller Vorkommnisse. Intersec bereitet sich hingegen auf weitere Vanduul-Attacken vor.

Jeder interpretiert die Geschehnisse anders.

Keine Ahnung, was das bedeutet.

Vielleicht taucht hier wirklich bald ein großes Schiff der Vanduul auf – und vielleicht haben sie die Flottenwoche aus Sicherheitsgründen deshalb in das Heimatsystem der Menschen verlegt…

Ich beschließe, mir die Beine zu vertreten und verlasse die Station über das nächste Landepad. Im EVA schwebe ich schließlich um die Station herum, die sich als größer entpuppt, als es bei unserem Anflug zunächst den Anschein hatte. Sicher, auf eine gewisse Entfernung ist sie zwischen den riesigen Asteroiden des Keeger-Gürtels kaum auszumachen, aber aus der Nähe macht sie dann doch mehr her als zunächst gedacht.

Ich winke durch die Panoramascheibe den Menschen im Innern der Station zu, die meinen Ausflug  kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Für derlei  Späße haben sie hier offenbar keinen Sinn. 

Irgendwann kehre ich zurück auf die Station und lasse mich auf der Krankenstation durchchecken. Ich erhalte sofort ein Medibett – alles okay.

Ich scheine fit zu sein für alles, was auf uns zukommt.

Dann schreibe ich Zero eine Nachricht.

Ich starre hinaus. Wenige Stunden noch, dann fliegen wir wieder hinaus.

To be continued

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