Die Erpressung

Letzte Ausfahrt ArcCorp: Ein neues Leben zu beginnen ist alles andere als einfach

Von Will Weissbaum

(übersetzt von Brubacker)

Mit einer Hand an der Steuerung beugte sich Berkley vor und griff nach dem kleinen Lebensmittelpaket, das er unter der Radaranzeige verstaut hatte. Im Lauf der Jahre, in denen er oft lange Strecken zurückgelegt hatte, hatte er gelernt, dass man MREs nicht so heiß essen sollte, wie es die Anweisungen auf der Rückseite empfahlen. Dadurch wurden die Aromen nur noch stärker. Das Einzige, was noch schlimmer als Mist war, war schließlich dampfender Mist.

Sie bei Zimmertemperatur zu essen, war aber auch nicht gut. Sicher, der Geschmack wurde abgeschwächt, aber die Konsistenz war dann so, als würde man auf einer feuchten Socke kauen. Nein, die beste Lösung war, sie sanft auf etwa 62 Grad Celsius zu erwärmen, das heißt auf genau jene Temperatur, die sein veraltetes und zur Überhitzung neigendes Radargerät normalerweise anzeigte.

Beim Auspacken der ReadyMeal-Packung schlug ihm das konzentrierte Aroma direkt ins Gesicht. Warum musste es ausgerechnet heute ein „Beef Chunk“-Tag sein? Er sagte sich immer wieder, dass er aufhören sollte, die billigste Sorte zu kaufen. Das sparte auf die Dauer zwar Credits, aber es endete immer damit, dass er am Ende des Monats drei Packungen mit der Geschmacksrichtung „Beef Chunk“ hintereinander verdrücken musste. Doch nun sollte sich das ganze Sparen endlich auszahlen.

Berkley dachte darüber nach, seinen nagenden Hunger einfach zu ignorieren, aber bei einem so großen Geschäft konnte er nicht riskieren, abgelenkt und gereizt zu sein. Ursprünglich hatte er vorgehabt, sich zur Feier des Tages ein nettes Essen zu gönnen, aber weil er jetzt in einem der berüchtigten Staus von ArcCorp festsaß, waren die Beef Chunks nun einmal die einzige Option. Die regionalen News hatten bisher nichts über die Ursache des Staus verlauten lassen, aber er war nicht allzu überrascht, als der Alarm zum ersten Mal ertönte. ArcCorp schien immer doppelt so viele Landeunfälle zu haben wie jeder andere Hafen, den er anlief. Das lag zum Teil an der schieren Anzahl der Schiffe, die den Planeten täglich ansteuerten. Die Rechnung war einfach: Mehr Schiffe, mehr Unfälle. Berkley war allerdings der Meinung, dass ein Grund auch die Flugroute war, die sich fast jedes Mal änderte, weil ein paar neue Wolkenkratzer errichtet worden waren.

Schnell schob er sich einen weiteren großen Bissen in den Mund und lenkte sich vom Geschmack ab, indem er zum Horizont blickte, wo die Skyline von Area17 winkte. Er war versucht, sein Glück herauszufordern und dort zu landen, aber er widerstand. Wenn er jetzt dorthin flöge, würde er ganz hinten in der Warteschlange landen, und er hatte schon genug Zeit vergeudet. Außerdem war sein Treibstoffvorrat fast erschöpft – eine weitere Sache, die er zu korrigieren gedachte, sobald er bezahlt worden war. Nein, es war besser, den Kurs beizubehalten und in Area18 auszuharren. Außerdem hoffte Berkley, dass die Luftverkehrskontrolle bald mehr Schiffe durchlassen würde, jetzt, da sich der beißende schwarze Rauch, der vom Wrack weit vor ihm aufstieg, langsam verzogen hatte.

In diesem Moment rasten zwei Schiffe an ihm vorbei auf das Wrack zu, wobei ihre Regtags jeden in der Umgebung darauf hinwiesen, dass es sich um BlacJac-Sicherheitsschiffe handelte. Unwillkürlich verkrampfte Berkley beim Anblick ihrer blinkenden Lichter. Das erklärte, warum es so lange dauerte. Wenn BlacJac involviert war, handelte es sich nicht nur um irgendeinen Rumpfbastler. Das Unternehmen stellte den größten Teil der Sicherheit auf ArcCorp, also war es sicher, dass das, was auch immer passiert war, wahrscheinlich von finsterer Natur war. Vielleicht ein schief gelaufener Raub oder ein besonders dreister Schmuggler. Was auch immer es war – Berkley mochte es nicht, in der Nähe eines solchen Tatorts zu sein. Ein weiteres BlacJac-Schiff flog vorbei. Verdammt, er könnte hier noch länger festsitzen, als er ursprünglich gedacht hatte.

Er streckte die Hand aus, verband sich wieder mit dem lokalen Netzwerk und aktualisierte den TDD-Kurs erneut. Sein Herz sank zusammen mit der Trendlinie, die  auf seinem Bildschirm erschien. Allein in der Zeit, in der er hier saß, hatten dutzende Frachtkisten in seinem Laderaum an Wert verloren.  Berkley hatte vorausgesagt hatte, dass der Preis für Agricium auf ArcCorp in die Höhe schießen würde, nachdem ein Komponentenhersteller angekündigt hatte, dass er die Produktion in seiner Fabrik erhöhen würde. Nur schien der Höhepunkt bereits überschritten zu sein.

Obwohl der Ankaufskurs immer noch nahe dem Rekordhoch lag, schrumpfte Berkleys Chance auf echte Gewinne rapide… nicht, dass seine Gewinnspanne überhaupt sonderlich groß gewesen wäre. Er hatte einfach keine Zeit mehr, sich weiter umzusehen, wenn er die Situation ausnutzen wollte, und so hatte er spontan viel zu viel für das Agricium bezahlt. Berkley hatte so ziemlich jeden Credit, den er besaß, plus einen ziemlich großen Kredit darauf verwettet, dass er in der Lage sein würde, das Land zu verkaufen, bevor die Blase platzte. Nach einem Jahr, in dem er von der Hand in den Mund gelebt und sich gerade so durchgeschlagen hatte, war er bereit, etwas zu seinen Gunsten zu tun. Sein letztes großes Geschäft hatte er getätigt, als er richtig eingeschätzt hatte, dass die Lil’ Morps von Sakura Sun in diesem Jahr das beliebteste Geschenk zum Bürgertag sein würden.

Ein paar Missgeschicke, etwa zwei größere Motorschäden und ein unangenehmes Missverständnis mit einer Anwaltskanzlei im letzten Jahr hatten ihn dann aber doch schlechter dastehen lassen als zu Beginn. Der Brocken Knorpel, auf dem er soeben herumkaute, erinnerte ihn daran. Ja, es war schwer gewesen, optimistisch zu bleiben, nachdem er sein Leben praktisch von Grund auf neu aufbauen musste, aber der Handel hatte ihm etwas gegeben, auf das er sich konzentrieren konnte. Wenn man offen für neue Möglichkeiten war, konnte man eine schlecht laufende Sache gegen etwas Besseres eintauschen. Das war es, was er mit seinem Leben anstrebte. Das heutige Geschäft würde ihm genug einbringen, um den Großteil seiner Schulden und ausstehende Anwaltskosten zu begleichen. Wenn das geklärt wäre, könnte er alles andere in den Ausbau seines Geschäfts stecken. Vielleicht fand er sogar jemanden, mit dem er fliegen konnte. Vielleicht konnte er sich sogar eine bessere Marke  Fertiggerichte leisten, dachte er, als er einen weiteren Bissen herunter würgte.

Bevor er den Bissen hinunterschlucken konnte, zwitscherte der ATC von Area18 in sein Funkgerät. Er warf die halbfertige Packung Essen auf den leeren Copilotensitz und öffnete den Kanal.

„Go for Good Haven.”

“Hey Good Haven, Sie haben Landeerlaubnis”, informierte der müde Fluglotse.

“Pad 2-0-6.”

“Fantastisch”, sagte Berkley, und sein Enthusiasmus machte die massive Apathie des Lotsen mehr als wett. “Könnten Sie auch vier oder fünf Frachtabfertiger zu mir schicken? Ich habe es ein bisschen eilig.”

“Nun, Sie haben sich einen schrecklichen Tag ausgesucht, um in Eile zu sein. Ich werde frühestens in einer Stunde jemanden entbehren können.”

Berkley machte ein paar schnelle Berechnungen in seinem Kopf.

“Wie viele Credits, um ein paar Leute eher zu bekommen?“

“Das liegt nicht in meiner Hand. Wir haben eine volle Hull, die entladen wird, und BlacJac hat die meisten unserer Mitarbeiter requiriert, um sich um ihr Chaos zu kümmern, also wird es mehr als nur Credits brauchen, um etwas zu bewirken. Das Beste, was ich im Moment tun kann, ist, einen Bot zu Ihrer Bude zu schicken. Wenn das nicht reicht, müssen Sie einfach warten.”

Die Frachttransferdrohnen waren normalerweise in Ordnung, aber dank der strengen Sicherheitsprotokolle waren sie nicht die beste Option, wenn man einen Frachtraum schnell leeren wollte. Dafür brauchte man die gute alte menschliche Missachtung jeglicher Sicherheit.

“Ja, der Bot wird dann wohl genügen müssen.”

“Seien Sie vorsichtig und genießen Sie Ihren Aufenthalt auf ArcCorp”, sagte der Fluglotse, bevor er das Gespräch beendete.

Berkley tippte auf sein Navi und holte Landeplatz 206 auf den Bildschirm. Er neigte den Steuerknüppel nach vorn und spürte, wie die Schubdüsen zupackten, als er sich vorsichtig in den Strom der Schiffe einreihte, die auf die Oberfläche zusteuerten. Die Kontrollen reagierten durch das Gewicht des vollen Laderaums träge – eine Erinnerung daran, besonders vorsichtig zu fliegen.

Vor ihm löste sich das chaotische städtische Flickwerk langsam in ein kompliziertes Raster aus Fabriken und Lagerhäusern auf, während er sich weiter näherte. Manchmal hörte man, dass die Menschheit mit einem Virus verglichen wird. Der Anblick der überwältigenden Ausdehnung von ArcCorp ließ Berkley denken, dass dieser Vergleich nicht allzu weit hergeholt war.

Er passte seinen Kurs an und steuerte auf das Herz von Area18 zu, einen dichten Wald aus hoch aufragenden Wolkenkratzern. Er kämpfte gegen die Flut von blinkenden Lichtern und Werbetafeln, die die Gebäude säumten. Als er um einen Turm herumsteuerte, wartete auf der anderen Seite ein fünfzig Stockwerke hohes Hologramm einer Frau, die sich soeben in eine riesige animierte Nudelschachtel verwandelte.

Wo andere Welten vielleicht aus Sicherheitsgründen Zurückhaltung geübt hätten, begrüßte ArcCorp das Konsumverhalten seiner Bürger offen mit beiden Armen. Es war nicht zu übersehen, dass ArcCorp in einem Sitzungssaal von einer Gruppe Führungskräften gegründet worden war. Nahezu alles auf der Oberfläche des Planeten war der Industrie und der Generierung von Credits gewidmet. Und in diesem Moment stand Berkley auf dieser Liste.

Kaum hatten die Landestützen auf der Landebahn aufgesetzt, stand Berkley aus seinem Sitz auf. Da die Gebäude einen Großteil des natürlichen Lichts reflektierten, war es in der Stadt selbst ziemlich kühl, es sei denn, die Sonne stand direkt über ihr. Als er die Ladeluke herunterließ, war er erfreut, dass die Drohne schon wartete. Nicht erfreut war er hingegen darüber, dass es sich um ein veraltetes Modell handelte, das wahrscheinlich älter war als er selbst. Das Entladen seines Schiffes würde noch länger dauern, als er angenommen hatte. Reflexartig überprüfte er erneut den TDD-Status. Der Abwärtstrend nahm an Tempo zu. Wie viele andere Händler waren auf ArcCorp gerade dabei, Agricium zu entladen? Bei diesem Tempo würde er so gut wie sicher Geld verlieren, wenn die Ladung erst einmal vom Schiff in ein Zolllager gebracht war.

“Hey, suchen Sie Hilfe?”

Berkley drehte sich um und sah eine Frau auf ihn zukommen. Sie sah aus, als hätte sie schon bessere Tage gesehen, aber er stellte sich vor, dass sie wahrscheinlich das Gleiche dachte, so abgenutzt und fleckig war seine Jacke.

“Sind Sie vom Landedienst?”, fragte Berkley.

“Mehr oder weniger.”

Die Antwort weckte Berkleys Argwohn.

“Wie viel weniger?”

“Hören Sie, Stac und ich versuchen nur, ein paar ehrliche Lorbeeren zu ernten. Wenn Sie die Hilfe nicht wollen, ist das in Ordnung. Wir können gehen.”

Berkley wollte gerade fragen, wer Stac war, als er eine weitere Frau sah, die sich seinem Landepad näherte. An ihrem kontrollierten Gang konnte er erkennen, dass sie wusste, was sie tat. Er nahm einige schnelle Schätzungen vor. Wenn die Drohne auf Hochtouren lief und die beiden zusammenarbeiteten, konnte er das ganze Schiff entladen bis er am TDD ankam. Er wusste, dass er sich vor Fremden in Acht nehmen sollte, aber andererseits war es vielleicht an der Zeit, dass er heute endlich mal eine Pause einlegte. Außerdem wusste er es zu schätzen, wenn Menschen sich bemühten, ihren Lebensunterhalt ehrlich zu verdienen.

Sie stellten sich einander formell vor, und nach kurzem Feilschen überwies er Camari und Stac die Hälfte des vereinbarten Preises, den Rest sollte er schicken, wenn sie fertig waren. Es schmerzte ihn, so wenig Geld auf seinem Konto zu haben, aber als Berkley sah, wie schnell sie die erste Palette abräumten, wusste er, dass das Geld gut angelegt war. Selbst der Roboter war nicht so langsam, wie er befürchtet hatte. Da seine kostbare Fracht nun in guten Händen war, überließ er sie sich selbst und machte sich auf den Weg zum Zoll.

Die Tatsache, dass er bei der Sicherheitskontrolle überhaupt nicht aufgehalten wurde, reichte aus, um ihn davon zu überzeugen, dass sich sein Glück vielleicht wirklich zu wenden begann. Als er nach draußen trat, verwandelte sich das dumpfe Brummen in das Tosen einer Stadt, die vor Aktivität nur so strotzte. Um ihn herum strömten die Menschen in einem scheinbar endlosen Strom. Verkäufer und leitende Angestellte in frischer Kleidung mischten sich mit Spediteuren und Fabrikarbeitern in schmierigen Overalls. Ein paar Banu bahnten sich ihren Weg durch die Menge und verkauften heißen Tee aus Spendern, die sie auf dem Rücken trugen. Über den Köpfen dröhnten grelle Neonreklamen mit Slogans und Werbesprüchen über den Lärm der Menschen hinweg, die ihrerseits noch lauter schrien, um gehört zu werden. Wenn man dann noch den ständigen Schiffsverkehr dazu mischte, war es so überwältigend, dass man schon nach wenigen Sekunden den Lärm mehr durch den Körper pulsieren spürte, als dass man ihn überhaupt noch hören konnte.

Vor sich sah Berkley die große, sich drehende Zahnradskulptur, die das Zentrum der Stadt markierte, und ihm wurde klar, dass er sich von den Menschenmassen hatte abdrängen lassen, als er an der Reihe war. Er drängelte sich durch den Strom der Fußgänger zurück zum Handels- und Entwicklungszentrum. Unter der Skulptur verschnaufte er einen Moment und fragte sich, ob sie die Harmonie der Stadt darstellen sollte, in der alle zusammenarbeiteten, oder ob sie andeuten sollte, dass sie alle nur Rädchen in einer großen Maschinerie waren. Wer weiß, vielleicht brauchte ArcCorp einfach nur etwas, womit man einen Haufen zusätzlicher Zahnräder beschäftigen konnte.

Lange Schlangen bildeten sich vor dem TDD. Einen Moment lang befürchtete er, dass die Leute darauf warteten, Zugang zu den Rohstoffhandelseinrichtungen zu erhalten, doch dann stellte er erleichtert fest, dass die meisten wegen Jobwells dort waren. Selbst bei den vielen Möglichkeiten, die Area18 zu bieten hatte, schien es nie genug davon zu geben. Es kamen so viele Menschen auf der Suche nach Arbeit nach ArcCorp, dass es sich die Arbeitgeber leisten konnten, wählerisch zu sein. Für jede freie Stelle gab es dutzende Bewerber, und selbst dann handelte es sich meist nur um kurzfristige, schlecht bezahlte Jobs. Trotzdem meldeten sich jeden Tag mehr Leute. Berkley war dankbar, dass er für sich einen Weg gefunden hatte, der ihn bisher von den Mühen des Überlebens als Tagelöhner verschont hatte. Mit einem freundlichen Nicken zu den Wartenden ging er schnell an der Schlange vorbei und in die TDD selbst.

Es war ein erstaunlich großer Raum für so viele Menschen, die sich stritten. Die hohe, geschwungene Decke verschluckte die Geräusche der in rasantem Tempo verhandelten Geschäfte. Er entdeckte Agricium auf der großen Anzeigetafel und stellte erfreut fest, dass sich der Preis stabilisiert hatte. Es war zwar kein so großer Gewinn, wie er ursprünglich gehofft hatte, aber alles in allem würde er mit einem schönen, ordentlichen Plus hinausgehen. Vielleicht würde er nach dem Abschluss des Geschäfts als Erstes etwas trinken gehen. Oder sich eine Dusche gönnen. Schwer zu sagen, was er mehr brauchte. Er loggte sich am Kiosk ein, rief sein Konto auf und spürte, wie sich sein Magen umdrehte. Die Inventarliste war leer. Vielleicht waren sie einfach noch nicht mit dem Entladen fertig.

Er wartete eine Minute und starrte auf den Ticker. Der Preis hatte wieder zu fallen begonnen. Er tippte auf dem Bildschirm auf Aktualisieren. Nichts. Dann durchbrach eine kleine Stimme in Berkleys Hinterkopf die wachsende Panik, die er verspürte. Sie wies ihn darauf hin, dass nicht einmal die erste Palette, die er beim Entladen beobachtet hatte, aufgelistet war. Berkley war bereits auf dem Weg zum Ausgang. Als er zu Rampe 206 zurückkehrte, stellte er fest, dass Camari und Stac verschwunden waren und sein Schiff geleert worden war. Der BlacJac-Sicherheitsoffizier, der ein paar Stunden später auftauchte, um seinen Bericht entgegenzunehmen, bestätigte dies.

“Ja, es sieht so aus, als hätten sie alles mitgenommen”, sagte Officer Frobisher und leuchtete unnötigerweise mit einer Taschenlampe in den Laderaum.

 “Ein kleiner kostenloser Rat für Sie. Stellen Sie das nächste Mal nur geprüfte Arbeiter ein.”

“Ich werde versuchen, daran zu denken”, sagte Berkley.

“Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, mein Eigentum wiederzubekommen?”

“Nun, das hängt jetzt von Ihnen ab, nicht wahr?”

“Wie meinen Sie das?”

“Verlorenes Eigentum zu finden ist nicht einfach. Wir werden viele Stunden mit Nachforschungen, Gesprächen mit Verdächtigen, der Suche nach Hinweisen und dergleichen zubringen. Das alles kostet Credits”, erklärte Frobisher.

“Versuchen Sie ernsthaft, mich zu erpressen?”

“Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen, Sir. Ich will nur dafür sorgen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird, so gut ich kann. Es wäre eine Schande, wenn ich abgelenkt würde”, sagte Frobisher und ging die Schiffsrampe hinunter zu Berkley. “Hier steht zum Beispiel, dass Sie vor einem Jahr wegen Schmuggels verhaftet wurden. Ich frage mich, ob das etwas mit dem zu tun hat, was hier vor sich geht. Woher weiß ich überhaupt, dass es hier eine Fracht gab? Das Ganze könnte ja auch ein Versicherungsbetrug sein, den Sie abziehen wollen.”

Als er hörte, dass sein Schmuggelregister erwähnt wurde, wusste Berkley, dass er zwei Möglichkeiten hatte. Erstens: Er konnte weiter protestieren und würde wahrscheinlich als Verdächtiger verhaftet werden. Wenn er erst einmal in Gewahrsam war, bestand zwar die Chance, dass er irgendwann wieder herauskam, aber mit seiner Vergangenheit und der Tatsache, dass das Gesetz auf ArcCorp von privaten Sicherheitsfirmen wie BlacJac gehandhabt wurde, war dies ein riskanteres Unterfangen, als es für einen unschuldigen Mann im Empire gut war.

Das Komische war, dass Berkley nicht einmal eine Versicherung für die Ladung hatte. Nicht, dass das wirklich eine Rolle gespielt hätte. Sie würden einfach etwas anderes finden, das sie ihm anhängen könnten, und das Ergebnis wäre immer noch, dass er sein Eigentum nicht zurückbekäme. Er war schon einmal in seinem Leben inhaftiert worden. Das wollte er nicht noch einmal erleben. Die andere Möglichkeit war, Frobisher zu bestechen. Berkley vermutete, dass er nicht genug Geld hatte, um seinen Fall tatsächlich untersuchen zu lassen, aber vielleicht würde er genug haben, um Frobisher zum Einlenken zu bewegen. Es überraschte ihn nicht wirklich, dass auf ArcCorp sogar die Polizei eine gewinnorientierte Einrichtung war.

Am Ende kostete die Bestechung weniger Geld, als Berkley vermutet hatte, aber immer noch genug, dass er jetzt offiziell pleite war. Er hatte immer geglaubt, dass seine Haltung, die Vorsicht in den Wind zu schlagen, zu seinen besseren Charaktereigenschaften gehörte. Aber jetzt, wo er in der dunklen Koje eines Schiffes lag, das er sich nicht leisten konnte, begann er, auf eine sehr wenig hilfreiche Weise an sich zu zweifeln. Wahrscheinlich hätte er die Versicherung abschließen sollen, anstatt die Fracht zu verdoppeln. Wahrscheinlich hätte er nicht zwei zufällige Leute anheuern sollen, um sein Schiff zu entladen, ohne sie gründlich zu überprüfen. Wahrscheinlich hätte er nicht zustimmen sollen, ein Paket für einen Freund auszuliefern, ohne genau zu wissen, was sich darin befand.

Vor ein paar Stunden war er mit einem Schiff voller Möglichkeiten auf ArcCorp angekommen, und jetzt war er mittellos. Er besaß zwar ein eigenes Raumschiff, hatte aber nicht genug Credits, um seine Landegebühren zu bezahlen. Und selbst wenn, hatte er nicht genug Geld, um Treibstoff zu kaufen und irgendwohin zu fliegen. Er konnte sich kein Geld leihen, weil sein Kreditrahmen ausgeschöpft war. Er konnte versuchen, einen Job zu finden, aber mit seiner Vorstrafe gab es kaum Arbeit, für die er qualifiziert war. Die Verträge, die er bekommen konnte, reichten kaum zum Leben, geschweige denn für die Flucht.

Nun, er könnte vielleicht jemanden finden, der sein Schiff kaufte. Das würde ihm ein paar Credits einbringen, aber dann säße er immer noch auf ArcCorp fest, ohne einen Job und dann auch ohne einen Platz zum Schlafen. Es gab zumindest noch eine Sache, die er heute erreichen konnte. Er stieß sich von der Koje ab, drehte sich um und ging, um sein letztes Geld für einen Drink auszugeben.

Einige der hilfsbereiten Leute, die immer noch in der Jobwell-Schlange anstanden, waren so freundlich, ihm eine Bar zu zeigen, in der er sich zu einem vernünftigen Preis besaufen konnte. Das „G-Loc“ war die Art von Lokal, die darauf spezialisiert war, einen in Ruhe zu lassen. Es gab Sataball-Poster an der Wand, eine fast leere Tanzfläche, auf der populäre Musik von vor fünf Jahren gespielt wurde, die laut genug war, um Gespräche privat zu halten, und die Getränkeauswahl reichte von billig und trinkbar bis hin zu erstklassigen Flaschen, die aber vor allem zur Schau gestellt wurden.

Berkley sah sich um. Zwei Personen, die von Tüten und Kisten umgeben waren, stießen auf ihren erfolgreichen Einkaufsbummel an. Ein alter Tierarzt saß allein an einem hohen Tisch und lachte laut über den Werbespot auf dem Videobildschirm. Eine Gruppe Fabrikarbeiter in passenden ArcCorp-Uniformen saß dicht gedrängt in der Ecke und betrachtete schweigend ihre Biere.

Berkley saß an der Bar, trank einen brauchbaren Tequila Reposado und beobachtete einen betrunkenen Schlepper, der ganz allein auf der Tanzfläche herumtanzte. Er bat den Barkeeper, ihm Eis nachzufüllen, in der Hoffnung, dass der Drink dann noch ein bisschen länger hielt. Zu seiner Überraschung fügte der Barkeeper Eis und etwas mehr Tequila hinzu.

“Geht aufs Haus. Hier trinkt sowieso niemand das Zeug.”

“Danke. Du hast keine Ahnung, wie sehr ich das gebraucht habe.”

“Harter Tag?”

Obwohl er sich dabei wie ein Klischee vorkam, erzählte Berkley dem Barkeeper schließlich die ganze Geschichte, wie sein ganzes Leben aus den Fugen geraten war. Anstatt ihm mit einer weisen Weisheit zu helfen, nickte der Barkeeper Berkley schließlich aber nur freundlich zu und ging fort, um einen anderen Kunden zu bedienen. Man wusste, dass die eigenen Probleme ernst waren, wenn sogar der Barkeeper grimmig dreinschaute.

“Wissen Sie, was Sie falsch gemacht haben?”

Berkley drehte sich zu der griesgrämigen Frau um, die neben ihm saß. Sie betrachtete jedoch weiterhin aufmerksam ihren Rotwein, während sie ihn im Glas hin und her schwenkte.

“Ich weiß genau, was ich falsch gemacht habe. Und zwar gleich mehrfach”, antwortete Berkley.

“Du dachtest, diese BlacJac-Bastarde würden alles tun, um dir zu helfen, oder? Weit gefehlt.”

Sie nahm einen großen Schluck Wein.

“Die Einzigen, auf die sie achten, sind sie selbst. Viele Leute lernen diese Lektion auf die harte Tour.”

“Ja, wem sagst du das.”

“Ich habe nicht von dir gesprochen.”

Der betrunkene Tänzer stolperte und stieß ein Glas mit einem lauten Krachen um. Der Barkeeper fluchte leise vor sich hin und ging hin, um es aufzuwischen.

Als der Barkeeper außer Hörweite war, lehnte sich die Frau näher an Berkley heran und sagte: “Wenn du deine Ladung wirklich zurückhaben willst, kenne ich vielleicht jemanden, der dir helfen kann.”

“Ich habe kein Geld, um für Hilfe zu bezahlen.”

“So funktioniert sie nicht. Du hast gesagt, du hast geschmuggelt, richtig?”

“Ich sagte, ich wurde einmal wegen Schmuggels verhaftet. Aber das bin ich nicht mehr. Ich handle sauber.”

“Und wie ist das für dich bisher gelaufen?”

Der Stachel dieser Einschätzung schmerzte mehr, als Berkley zugeben wollte. Er hatte versucht, sein Leben anständig zu leben, und alles, was es ihm bisher eingebracht hatte, war ein Raub auf einem Landepad.

“Gut. Ich beiße an. Wer ist sie?”

“Sie sagt gerne, sie sei freiberufliche Zeitmanagerin, aber wichtig ist, dass es in der Area18 nicht viel gibt, wovon sie nicht weiß. Vielleicht organisiert sie gerade den Verkauf Deiner Fracht. Komm mit. Ich stelle Dich vor.”

Mit diesen Worten kippte die Frau ihren Drink hinunter und rutschte von ihrem Hocker. Sie ging zur Tür und drehte sich um, um zu sehen, ob Berkley ihr folgen würde. Er selbst war sich nicht sicher, ob er ihr folgen sollte oder nicht…

Das erste Mal, als er zum Verbrecher wurde, war ein Unfall gewesen. Einer, für den er anscheinend immer wieder bezahlt hatte. Vielleicht war es an der Zeit, dass er sich selbst ein wenig revanchierte.

Berkley kippte seinen Drink hinunter. Er stellte das Glas ab, gab dem Barkeeper sein letztes Guthaben, stand auf und war bereit alle Vorsicht in den Wind zu schlagen.

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