Der Murray Cup

Das spannendste Rennen des Verse, seine Gladiatoren – und seine Schattenseiten

Von Robert Waters


Kapitel
Teil I

Hallo miteinander und erneut Willkommen zu GSN Spectrum Broadcastings fortlaufender Berichterstattung zum Murray Cup Race. Das MCR oder besser bekannt als “Der Cup”, ist eines der größten Sportevents in der UEE. Nahezu 100 Rennfahrer nehmen an dem zermürbenden Rennen der Classic Division in zehn Etappen teil, die sich im Ellis-System an vielen wundersamen Planeten vorbei- und durch zwei Asteroidengürtel hindurchschlängeln. Die Teilnehmer wetteifern dabei darum, wer der Schnellste und der Beste ist. Darin, sein Rennschiff in einer der feindlichsten Umgebungen des Empires zusammenzuhalten. Der diesjährige Wettbewerb verspricht, einer der härtesten zu werden. Die Top 25 sind dabei und sie nehmen an einem Meet-und-Greet mit Medien und Sponsoren im Sportatrium von GSN im Orbit über Green teil. Und obwohl viele zum Rennen kommen, werden nur wenige als echte Anwärter auf den Titelgewinn gesehen. Sie lauern nun auf ihre Chance auf Ruhm und Ehre.

Der diesjährige Favorit ist Ykonde Remisk. Einer, der alle überraschte, als er sowohl das Goss Invitational als auch das Cassini 500 gewonnen hatte. Er hat nun die große Chance beim MSR, seit zwölf Jahren der Erste zu sein, der die Triple Crown gewinnt.

Dann ist da noch Nyanāl Mo’tak Xu.oa, der beste Xi’an-Rennfahrer in der Geschichte dieses Sports. Wenn er sich durchsetzen kann, wird er der erste sein, der jemals drei MCRs in Folge gewonnen hat.

Auch Zogat Guul, der alte Haudegen der Tevarin, ist nicht zu unterschätzen. Diese Legende hat den MCR in seiner Geschichte öfter als jeder andere gewonnen. Aber Pech und Schicksal haben ihn seit nunmehr über fünf Jahren daran gehindert, ein großes Event für sich zu entscheiden. Ein zweiter Platz beim Cassini 500 hat seinen Namen jedoch wieder ins Rampenlicht gerückt. Kann er nun noch einmal gewinnen, bevor sein Name in Vergessenheit gerät?

Und schließlich hat die Newcomerin Hypatia Darring für Aufsehen gesorgt, als sie Remisk die Pole Position abgenommen hat. In ihrer kurzen Karriere hat sie bisher noch nie ein großes Rennen gewonnen, aber ihre konstanten Top 10 Platzierungen in den letzten zwei Jahren zeigen, dass ihre Pole-Position kein Zufall ist. Kann diese junge Rennfahrerin mit dem enormen Druck umgehen, der auf ihr lastet? Das wird nun die Zeit zeigen … aber gehen wir zuerst zurück zu GSN-Reporter Mike Crenshaw, der sich gerade einen Weg durch den Empfangsbereich bahnt, während wir sprechen. Wen hast Du jetzt für uns, Mike..?

*****

Hypatia Darring bemerkte die Frage des Reporters gar nicht, als sie über den geschäftigen Empfangsbereich starrte. Der Tevarin sah schlank und elegant aus, inmitten einer Schar von Reportern, die sich um ihn drängten. Ein Teil von ihr wollte sich dieser Menge einfach anschließen. Ich sollte eher das Bedürfnis haben, ihm in den Hintern zu treten, auf der letzten Etappe an ihm vorbeizuschießen und sein Schiff in einen Asteroiden zu jagen. Das wären die Gefühle einer großen Rennfahrerin, einer großen Konkurrentin, einer, die fokussiert ist und bereit zu gewinnen. Aber nein. So sehr sie sich auch bemühte, so konnte sie für diese Rennlegende, die nur ein paar Meter entfernt stand, nicht empfinden. Auf Cassini hätten sich ihre Wege kreuzen können. Aber zu ihrem großen Bedauern ergab sich keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Jetzt musste sie die Gelegenheit nutzen. Doch sie kämpfte dagegen an, einfach durch den Raum zu gehen, vorbei an den Medienvertretern, ihn zum Essen einzuladen und dabei zu bitten, das abgenutzte, verblichene Poster mit Eselsohren aus seiner Jungend zu signieren, das stolz neben seiner silbernen M50 stand und noch immer an ihrer Wohnzimmerwand hing.

Sie schüttelte den Kopf und blinzelte. “Tut mir leid, wie bitte?“

Mike Crenshaw räusperte sich. „Glauben Sie, Admiral Darring ist stolz auf seine Tochter?“ Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich zu einem Lächeln. “Natürlich ist er das. Warum sollte er das nicht sein?“

“Er hat mehr als einmal öffentlich erklärt, dass er glaubt, dass Sie Ihr Talent als Rennfahrerin verschwenden. Dass Sie diesen ganzen ‘Unsinn’ – sein Wort – aufgeben und eine passendere Karriere in der UEE Navy einschlagen sollten.”

„Mein Vater war noch nie jemand, der seine Meinung zurückhält”, sagte sie und machte ein paar zaghafte Schritte auf Guul zu. “Aber wenn Sie die Antwort auf diese Frage wirklich wissen wollen, sollten Sie ihn selbst fragen.”

Eine andere Reporterin kämpfte sich heran. „Alice Frannif, Terra Gazette … Ykonde Remisk die Poleposition abzunehmen, war eine großartige Leistung. Wie haben Sie das geschafft?”

Mit einem ehrlichen Lächeln sagte sie: „Glück.”

„Ach, kommen Sie, Hypatia”, sagte Crenshaw, der wieder das Wort ergriff. „Eine Zeit, die einen Punkt und fünf Sekunden vom Rekord entfernt ist, ist kaum Glück. Wie haben Sie das gemacht?”

Sie gluckste. „Geduld, Hingabe, Konzentration und ein großes Augenmerk auf Details. Das und die verdammt schnellste M50 auf der Rennstrecke. Alles Dinge, die mein Vater sicher zu schätzen wüsste.”

Die Reporter lachten und schrieben eilig Notizen auf. Darring machte noch ein paar Schritte auf Guul zu.

„Frau Darring”, mischte sich ein anderer Reporter ein, „Wie wollen Sie Ihr ‘Glück’, wie Sie es nennen, während des gesamten Rennens aufrechterhalten? Zehn Etappen auf Zeit, viele mit engem, gefährlichem Kurs, besonders durch die Asteroidengürtel. Sie werden sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einigen der besten Rennfahrer der Geschichte liefern. Wie wollen Sie als Neuling mit diesem Druck umgehen, Ihren guten Start beibehalten und schließlich den Pokal gewinnen?”

„Sie ist ein Naturtalent!”

Alle drehten sich um, auch Darring, und entdeckten Mo’tak Xu.oa, einen Xi’an, der in einem leuchtend violetten Overall inmitten einer Schar von Fans stand, die ihm zu jeder Veranstaltung folgten. Einige von ihnen waren ehemalige GSN-Reporter, die jetzt im Haus Xu.oa fest angestellt waren, gefangen von seinem Ruhm, seiner Bekanntheit und seinem Reichtum.

Darring behielt ihren finsteren Blick, als der stämmige Xi’an ein paar Meter von ihr entfernt stehen blieb. „Sie ist ein Naturtalent”, wiederholte Mo’tak, um sicherzustellen, dass die Reporter seine Antwort aufschrieben. Er war ein oder zwei Zentimeter kleiner als Darring, was immer noch ungewöhnlich groß für seine Rasse war. Seine kühlen, bernsteinfarbenen Augen musterten ihr Gesicht sorgfältig ab und seine kräftige Kiefermuskulatur ließ annähernd ein Lächeln erkennen. „Sie wird es gewinnen, weil sie die beste Rennfahrerin auf der Strecke ist.“

„Glauben Sie das wirklich?” fragte Crenshaw. „…ist sie wirklich ist die Beste?”

Mo’tak nickte langsam, diplomatisch, die Augen auf Darring fixiert. „Ich würde es nicht sagen, wenn ich nicht daran glauben würde.” Er blinzelte. „Wie geht es Ihnen, meine Liebe? Ausgeruht von den Strapazen auf Cassini?“

„Ausgeruht genug“, antwortete sie leise. Die Reporter beugten sich vor, um mithören zu können. „Aber das sollten Sie ja wissen.“

Mo’tak winkte ab, als wäre sie seine Untergebene. „Die Gefahren des Gewerbes, meine Liebe. Ich habe getan, was ich tun musste, um mir einen Vorteil zu verschaffen.“

Darring nickte. „Aber Sie haben nicht gewonnen, oder? Mich mit einem Manöver zu schneiden, dass technisch gesehen unzulässig war, hat Ihnen nur den dritten Platz eingebracht.“

„Trotzdem ein besseres Finish als Sie.“ Mo’tak gluckste. Seine Anhänger auch. „Der Cassini ist nicht so wichtig für mich, meine Liebe. Das MCR ist das Kronjuwel. Das werden Sie mit der Zeit verstehen … wenn Sie lange genug durchhalten.“

„Können wir ein Bild von Ihnen beiden bekommen, Seite an Seite?“, meldete sich ein Reporter. Die anderen folgten dem Wunsch mit überschwänglichem Nicken.

Mo’tak wandte sich an die Menge und prostete allen zu. „Natürlich dürfen Sie ein Foto machen”, sagte er und bot Darring wohlwollend seine Hand an. “Ich fühle mich geehrt, Teil dieser großen Tradition zu sein. Das MCR liegt mir sehr am Herzen, und mit einer so brillanten Konkurrenz wie Hypatia Darring, wird das diesjährige Rennen eines sein, an das man sich erinnert.”

Vorsichtig ergriff Hypatia seine breite Hand. Sie zwang sich, zu entspannen und wandte sich den Reportern zu, damit sie Fotos machen und ihre Fragen stellen konnten.

Doch dann begann Mo’tak zu drücken, und zu drücken, bis sie spürte, wie die Knochen in ihrer Hand unter dem Druck nachzugeben drohten. Sie drückte dagegen an, doch das brachte kaum Erleichterung, denn Mo’tak griff weiter fest zu. Nicht zusammenzucken, sagte sie zu sich selbst. Nicht weinen. Gib ihm nicht die Genugtuung. Aber der Schmerz breitete sich in ihrem Arm aus, in ihrer Schulter, in ihrem Nacken. Gott, er versucht, meine Hand zu brechen. Er ist…

Dann ließ er plötzlich los, und der Schmerz ließ nach. Sie seufzte und wischte sich mit der anderen Hand eine Schweißperle von der Stirn.

Crenshaw wollte gerade eine weitere Frage stellen, als jemand Ykonde Remisk entdeckte. Die Reporter huschten allesamt in seine Richtung.

Mo’tak gluckste an ihrer Seite. “Wir sind für sie nur so wichtig wie unser letzter Spruch.” Der Xi’an drehte sich wieder zu ihr um.

Diesmal reichte er ihr nicht die Hand. Er zwinkerte ihr zu. “…athl’ē’kol für Dich, meine eifrige Konkurrentin. Gute Reise. Wir sehen uns später.”

Mo’tak verschwand in den Armen seiner schwärmenden Fans. Als er wegging, zog Darring den Blick eines schlanken, mürrisch dreinblickenden Mannes auf sich, der alles wachsam zu beobachten schien. Er nickte ihr zu. Sie ignorierte ihn jedoch und stellte sich lieber vor, wie sie Mo’tak ein Messer in den Rücken stößt.

„Lassen Sie ihn nicht an sich heran.”

Die Stimme war sanft und liebenswürdig. Darring drehte sich zum Gruß um.

Da stand er und überragte sie mit einer stattlichen Körpergröße. In seinem Schatten fühlte sie sich wirklich klein, sowohl von Statur als auch von Standes her. Zogat Guul strahlte Freundlichkeit und eine Art stiller Erfahrung aus, die ihre Wut besänftigte. Sie reichte ihm demütig ihre wunde Hand. Er nahm sie bereitwillig an.

„Lassen Sie sich von diesem aufgeblasenen Trottel nicht unter die Haut fahren. Er ist berüchtigt für seine Psychospielchen.” Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, dann nahm er Haltung an, ganz so, als würde er einen Offizier begrüßen. Er streckte seine Brust heraus, die in einen bequem sitzenden schwarz-goldenen Halbmantel gehüllt war. „Mein Name ist Zogat -“

„Ich weiß, wer Sie sind”, unterbrach Darring, sogleich verlegen über ihre eigene Unhöflichkeit. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen. Ein Wunsch, den ich seit meiner Kindheit habe.”

„Und ich habe Ihre Karriere mit großem Interesse verfolgt.” Er nahm sie am Arm und führte sie langsam zu einem Tisch mit Bowle und einer Auswahl Häppchen aus Meeresfrüchten. „Sie steigen in der Branche immer weiter auf. Ihr Name ist in vieler Munde. Ihr fünfter Platz bei Cassini war ziemlich beeindruckend, besonders für jemanden, der noch so jung ist.”

„Danke, aber noch beeindruckender wäre gewesen, wenn Mo’tak mich nicht abgedrängt und ich gewonnen hätte.”

„Sie haben ihn zu nahe herankommen lassen”, sagte er ohne Bosheit oder Vorwurf im Ton. „Sie hatten die Innenbahn, aber Sie sind langsamer geworden, um sich mit ihm anzulegen.”

„Er hat mich genervt!”

Guul blieb stehen, “Eine solche Reaktion mag in den kleinen Kreisverkehr-Rennen wie Cassini gut gehen. Aber nicht hier. Hier fliegt man für emotionales Verhalten raus oder bezahlt mit dem Leben. Es gibt zwar einige Etappen auf der Strecke, in denen es eng zugeht, in denen man um die Position rangeln muss. Aber insgesamt zählt vor allem Geschwindigkeit … Geschwindigkeit und Zeit. Erinnern Sie sich, Hypatia, an die wichtigste Regel beim Murray Cup: Geschwindigkeit ist Leben.” Er neigte den Kopf zur Seite. „Geschwindigkeit ist Leben … oder bedeutet den Tod, wenn Sie in die falsche Richtung fliegen.”

Sie lachte darüber und ließ seine ernst gemeinten Worte verhallen. „Wir sollten jetzt nicht mehr davon sprechen”, meinte er und nahm den Weg zum Essenstisch wieder auf. „Es gibt später noch Gelegenheit, uns zu unterhalten, wenn sich die ganzen Neunaugen“ – er meinte die zahlreich vertretenen Reporter – „verlaufen haben und nicht mehr so neugierig sind.“ Er ignorierte das Winken eines Reporters in der Nähe. „Jedes Wort, das wir hier sprechen, wird interpretiert und umgedeutet bis sie uns am Ende noch zu einem Liebespaar in der Öffentlichkeit machen.“

Darring zwang sich zu einem schiefen Lächeln. “Tut mir Leid … Sie sind nicht mein Typ.”

Guul stieß ein herzhaftes Lachen aus. Er schüttelte den Kopf. “Die Geschichte meines Lebens.” Er beschleunigte seinen Schritt in Richtung Essen. “Und jetzt kommen Sie und gönnen Sie mir ein Glas von dem größten Geschenk, das die Menschheit der Galaxie gemacht hat.”

“Was ist das?” fragte Darring.

Guul schmatzte mit den Lippen. “Limonade.”

*****

Mo’tak zerdrückte die dünne Schale der Jumbo-Garnele in seinem Mund. Er machte sich nicht die Mühe, sie zu schälen, wie es schwache Menschen taten. Verflucht sei dieses Menschenessen sowieso! Was würde er nicht dafür geben, wieder im Familienkomplex zu sein und sich an riesigen Händen voller fermentierter Nadelfische satt zu essen. Ihre Gallenblasen hatten eine Galle, die so süß – nein, süßer – war, als alles, was ein Mensch je zusammenbrauen konnte. Nichts auf dem Tisch vor ihm war seiner Meinung nach wirklich genießbar, aber er ertrug es so gut er konnte und lächelte bescheiden, während er dieses oder jenes Gericht für die Medien in die Hand nahm. Mo’tak nickte einer menschlichen Reporterin zu, als sie vorbeiging.

Die Menschen hatten ihren Nutzen.

So hatte er etwas davon, stand in der Mitte des Medienrummels. Aber warum umringten ihn die Reporter nicht, stellten ihm nicht die gleichen Fragen, flehten ihn an, seine Geheimnisse für den Sieg des Rennens preiszugeben, so wie sie Darring gefragt hatten? Diese verdammten Menschen und ihr Minderwertigkeitskomplex! Unwillig, die Überlegenheit der Xi’an anzuerkennen. Mo’tak war der beste Rennfahrer, der je in ein Cockpit geklettert war, und sein perfekt modifizierter 350r mit dem violetten Rumpf und den verstärkten, goldgestreiften Flügeln würde das schaffen, was kein anderer Rennfahrer je geschafft hatte: das MCR dreimal hintereinander zu gewinnen. Weder Remisk, noch Guul, noch Darring konnten ein solches Kunststück vollbringen. Also, warum drängten sich die GSN nya-osen’p.u nicht um ihn herum?

Aber vielleicht war das auch besser so, überlegte er, steckte sich noch eine Garnele in den Mund und nippte an einem warmen Bier ohne Schaum. Lass Ykonde Remisk seinen Moment im Rampenlicht. Sollen die Medien doch ihre Lieblinge haben. Denn wenn sie fallen, wenn sie dem Hype nicht gerecht werden, wird Mo’taks Sieg umso größer erscheinen. Ja, lass sie sich sonnen … und dann lass sie fallen. Und ich werde dafür sorgen, dass sie hart fallen.

“Ist alles an seinem Platz?”, fragte er flüsternd einen seiner Untergebenen an seiner Seite.

“Ja, Sir. Ihre Wartungscrews sind nach Ihren Vorgaben und den Richtlinien des MCR im Ellis-System verteilt.”

Mo’tak kratzte sich frustriert am Hals. “Das ist nicht das, was ich meinte.”

Der Untergebene schluckte und wackelte mit dem Kopf. „Ja, die Sache, von der wir gesprochen haben, ist auch erledigt. Aber ich würde davon abraten, Sir. Das Risiko ist zu groß, und außerdem ist Mo’tak auf so etwas nicht angewiesen. Er ist der beste Rennfahrer auf der Strecke.”

„Ich bezahle Sie nicht für Ratschläge und Lob. Ich bezahle, damit Sie tun, was man Ihnen sagt. Gehen Sie jetzt und stellen sicher, dass alles so vorbereit ist, wie ich es angewiesen habe.” Er stellte sein Bier ab. „Und ich werde gehen und den ‘Favoriten’ an seine Verpflichtung mir gegenüber erinnern.”

Der Diener nickte und lief los, seine ihm aufgetragene Pflicht zu erfüllen. Mo’tak seufzte tief. Dann setzte er ein fröhliches Gesicht auf und schritt zuversichtlich auf den Medientumult um Ykonde Remisk zu.

*****

Sie liebte ihre Origin M50 Turbo mehr als das Leben. Zerschrammt, zerkratzt, mit rot-weißer Farbe bemalt, um eine Hülle zu verdecken, die einen Integritäts-Sweep nötig gehabt hätte. Aber dafür war nach Cassini keine Zeit mehr gewesen. Sie hatte auch noch nicht genug Credits für solche Reparaturen gewonnen, nicht bei den Kosten für die Transportschiffe und ihre Boxencrew. Aber was soll’s? Der Stromgenerator war in Ordnung, die Triebwerke neu und erstklassig. Sie bezweifelte, dass irgendein Racer, egal wo, da mithalten konnte. Sicherlich konnte sie keiner der anderen vierundzwanzig Herausforderer– einschließlich Guul –auf gerader Strecke schlagen. Aber das MCR hatte nur wenige Geraden. Und die Integrität des Rumpfes war wichtig.

Während der Crew-Chief ihr den letzten Systemcheck ins Ohr ratterte, rief Darring die Karte für die erste Etappe auf. Sie erschien mit hellem Blinken und zeigte Zeile für Zeile eine Reihe von Ringen, die sich durch den niedrigen Orbit über Ellis III schlängelten. Darring studierte jeden dieser Ringe sorgfältig, erinnerte sich daran, welche groß und welche klein waren, wo sich die Kameras und Zeitmessbojen befanden. Alle Teilnehmer mussten innerhalb einer “unsichtbaren” Spur bleiben, die durch die Ringe verlief; wenn ein Teilnehmer die Spur verließ, verlor er oder sie Zeit. Diese erste Etappe wurde sowohl mit Zeitmessung als auch mit Extrapunkten für den ersten, zweiten und dritten Platz gewertet. Die Pole-Position zu haben, gab ihr also einen Vorteil. Aber für wie lange? Darring lehnte sich in ihrem Sitz vor und studierte die Strecke genau.

Sie war einer Strecke des Goss Invitational nicht unähnlich und sie hatte reichlich Erfahrung mit dieser Art von Läufen. Ihre M50 war für anstrengende Kurven durch enge Stellen gebaut. Aber wie gut würde sie später abschneiden, wenn die Strecken anstrengender und tödlicher wurden?

Von Ellis III sprangen die Rennfahrer nach Ellis IV, wo der so genannte Seahorse Shuffle stattfand. Dann weiter zu Ellis V und der “Noble Endeavour”. Danach ging es durch den ersten von zwei Asteroidengürteln, einen Kurs, der “The Sorrow Sea” genannt wurde und wo die Hüllen früherer Rennschiffe noch als Hindernisse umherschwebten. Dann ging es um den Gasriesen Walleye herum, wo Schiffe durch eine unbedachte Bewegung leicht auseinandergerissen werden konnten. Es folgte eine längere Etappe durch den äußeren Asteroidengürtel – ehemals Ellis XI – und schließlich nach Ellis XII. Dann verlagerte sich das Rennen zurück in Richtung des Zentrums des Systems, um bei Ellis VIII zu enden. Sie hatte dieses Rennen schon einmal bestritten, aber noch nie als echte Teilnehmerin, und so hatte sie sich Zeit gelassen, war jede Etappe langsam und gleichmäßig geflogen, wie ein Marathonläufer, um alle Einzelheiten zu lernen. Doch dieses Mal war der Druck groß. Sie hatte die Pole-Position inne, den Spitzenplatz. Jetzt war alles anders.

Die Stimme des MCR-Starters knisterte über die Kommunikationsverbindung. „Rennfahrer, fertig machen zum Start.”

Darring klappte die Karte zu, bestätigte zusammen mit den anderen Rennfahrern die Standardvereinbarung zu den MCR-Regeln und -Vorschriften, schnallte sich an und sprach ein kleines Gebet. Sie war beileibe nicht religiös, aber sie dachte, es könne nicht schaden. Das Gebet beruhigte ihre Nerven, als sich die Tore des Startträgers zum Weltraum hin öffneten.

Sie konnte Ellis III durch das Tor sehen. Der Planet war wunderschön, grün, die Umlaufbahn gespickt mit Korvetten und Vergnügungsschiffen der Wohlhabenden, die gekommen waren, um das Rennen aus nächster Nähe zu verfolgen. Es würde viele Zuschauer entlang der Strecke geben, eine Menge Medien. Darring musste sie alle einfach aus ihrem Kopf verdrängen. Sie konzentrierte sich auf Zogat Guuls Worte – Geschwindigkeit ist Leben – und schaute durch eine ihrer Cockpitscheiben nach hinten. Sie versuchte, einen Blick auf die aufgerüstete Hornet des Tevarin zu erhaschen. Aber er war zu weit hinten. Alles, was sie sehen konnte, war die M50 von Ykonde Remisk mit ihren grellen goldenen und blauen Verzierungen. Sie bemerkte, dass er zu nah an ihr dran war; laut Vorschrift gab es einen bestimmten Abstand, den die Rennfahrer vor dem Start einhalten mussten: das Privileg der Pole Position.

Sie knirschte mit den Zähnen und fluchte leise vor sich hin. Irgendjemand hatte bereits gegen die Regeln verstoßen.

“Hypatia Darring … Sie dürfen starten.”

Sie wartete nicht, bis der Sprecher zu Ende gesprochen hatte. Darring jagte mit maximal zulässiger Höchstgeschwindigkeit aus dem Tor des Trägerschiffes.

Durch einen engen Kanal voller Medien und Zuschauer an den Seiten, flog sie die Eröffnungsrunde. Der Rest der Rennfahrer folgte dahinter, einen nach dem anderen aus dem Trägerschiff. Jeder behielt seine vorgegebene Position in der Linie bei. Vor ihr flog funkelnd das Pacecraft mit blinkend rotem Licht. Die Nervosität trieb ihr Schweiß auf die Stirn. Ihr Crew-Chief gab letzte Kommentare und Anweisungen. Sie schaltete ihn ab und konzentrierte sich auf die vor ihr liegende Strecke.

In ihrem Ohr zählte der MCR-Starter herunter – zehn, neun, acht … Darring zog nach links und versuchte, direkt hinter dem Pacecraft zu bleiben. Ykonde Remisk war direkt an ihrem Heck, die Nase seines Schiffs gefährlich nah. Zurück! murmelte Darring. Sie wollte ihre Kommunikationsverbindung einschalten und sich auf seine Frequenz stellen. Es war zwar nicht regelwidrig, mit anderen Rennfahrern zu sprechen, aber die Offiziellen rieten davon ab, da sie befürchteten, dass häufige Gespräche während des Rennens zu Ablenkungen führen könnten, die wiederum zu Unfällen und Verletzungen führen würden. Außerdem gab es genug Gespräche zwischen den Rennfahrern und ihren Crews. Trotzdem wollte Darring einen Kanal öffnen und Remisk ins Ohr schreien: “Geh‘ mir aus dem Nacken!

Fünf … vier … drei …

Der Pacer flog die letzte Kurve, um die ihm nachfolgenden Racer damit auf den ersten Ring auszurichten. Die Piloten waren voller Anspannung. Darring gab etwas Gas, um sich dem Pacer noch weiter zu nähern. Sie flog etwas rechts von ihm, um Remisk daran zu hindern, im letzten Moment des Starts noch an ihr vorbeizuziehen. Ihr Herz raste, ihre Hände zitterten auf dem Joystick. Sie versuchte, sich auf das kleine Ding zu konzentrieren, das in ihrem Sichtfenster wuchs und wuchs: Der erste Ring, dessen rotierende Lichter um einen holografischen Rahmen wirbelten und den Beginn der Strecke anzeigten.

 … Zwei … eins …

Die roten Lichter am Pacer schalteten auf grün, er brach die Formation und fiel schnell nach links weg.

Darring presste sich in ihren Sitz, zündete ihre Triebwerke und schoss durch den ersten Ring.

*****

Die blinkenden Lichter der Ringe schmerzten in ihren Augen. Sie rasten an ihr vorbei und sie konzentrierte sich auf sie, zu sehr und zu besorgt um ihre Zeit und ihre Position. Beim letzten Zeitmesser war sie bereits auf den dritten Platz gefallen. Sie hatte sich zu viele Gedanken über den Spritverbrauch gemacht und einem Piloten mit einer übertakteten Avenger die Innenbahn überlassen. Eigene Schuld.

Ihr Crew-Chief schrie sie an. Sie ignorierte ihn. Er war ein alter Freund ihres Vaters von der Akademie. Er hatte natürlich Recht. Sie war jedoch nicht in der Stimmung, sich von ihm anschreien zu lassen. Außerdem war die Avenger kein Problem, sie konnte sie jederzeit überholen.

Der eigentliche Fokus ihrer Aufholjagd musste auf Ykonde Remisk liegen.

Der schmierige Mistkerl hatte sie gegen die linke Wand des Tunnels gedrängt, durch den sie gerade rasten. Ihr Flügel hatte tatsächlich die Holo-Ebene durchbrochen. Die Stimme vom MCR kam über Comm … „Zehn Sekunden zu Ihrer Zeit hinzugefügt.” Verdammt! Remisks Gedrängel verstieß nicht gegen die Regeln. Sein Schiff hatte ihres nicht berührt. Aber das war auf jeden Fall ein dreckiges Spiel und gegen Fair-Play im Wettbewerb. Sie hatte auch keinen Ausweg aus dem Pick-und-Roll gefunden. Es war, als ob Remisk und der Avenger-Pilot unter einer Decke steckten, was sie nicht im Geringsten überraschen würde.

Sie konzentrierte sich wieder und stieß mit der M50 nach vorn, tauchte unter die Avenger und glitt dann im Tiefflug an ihr vorbei. Die Avenger versuchte, ihr in den Rücken zu fallen und ihren rechten Flügel so nach unten zu richten, dass Darrings Sicht verdeckt würde, aber Darring sah es voraus. Sie wich aus, behielt gelassen ihre Position. Inzwischen hatte der Avenger-Pilot den Fokus auf die Bahn vor ihm verloren. Er merkte nicht, wie schnell sich der nächste Ring links näherte. Darring gab Schub und wich im letzten Moment nach links aus, um der Avenger aus dem Weg zu gehen. Sie nahm Kurve und Ring perfekt. Die Avenger sah es aber zu spät. Der Pilot versuchte noch zu korrigieren, streifte aber den Ring mit dem linken Flügel. Er durchbrach die Holo-Ebene des Flugtunnels, übersteuerte und endete mit unkontrollierbarem Spin im Nichts.

Friss das!

Sie hoffte, dass Guul irgendwo hinter ihr jubeln würde. Sie konnte fast hören, wie er mit klangvoller Stimme ein Loblied auf sie sang. Der Gedanke gefiel ihr, aber das eigentliche Problem lag jetzt direkt vor ihr.

Remisk hatte sein Schiff die ganze Zeit über mit voller Geschwindigkeit angetrieben. Wie war das möglich? fragte sie sich. Sicher, er hatte seine M50 wie alle anderen umgebaut und alles Überflüssige für zusätzlichen Treibstoff und Kühlung entfernt. Aber er musste nach so starker und ständiger Beschleunigung inzwischen auf dem Zahnfleisch gehen. Eine andere Erklärung gab es nicht. Er müsste bald ausbrennen, und je früher, desto besser.

Sie ignorierte die anderen drei Rennfahrer direkt  hinter ihr. Sie nahm den nächsten Ring und den nächsten und ließ ihr Schiff dabei von den starken Trägheitskräften ziehen und vorwärtstreiben. Das war der beste Weg, Überhitzung zu vermeiden. So hatte sie es bei den Rennen um den Saturn gelernt. In den Kurven den Schub loslassen und dann das Raumschiff mit Höchstgeschwindigkeit in den Vektor driften. Dann hatte man anschließend wieder ausreichend Schub, die paar Millisekunden aufzuholen, die man durch die Drift verlor. Rennen zu fliegen, war ein Spiel mit Millisekunden, und jede einzelne zählte.

Sie nutzte ihren Vorteil auf der letzten Geraden. Vor den letzten Kurven und durch die letzten drei Ringe. Sie rückte dicht hinter Remisk auf. Es war nicht mehr viel Zeit übrig. Sie musste jetzt ihren Zug machen, wenn sie das Rennen gewinnen wollte.

Sie versuchte nach oben und über sein Schiff zu kommen. Aber er bewegte sich sofort, um sie zu blocken. Sie versuchte es nach unten. Er genauso, in perfektem Gleichklang. Sie bewegte sich nach links, nach rechts, und jedes Mal bewegte sich Remisk sofort mit, um zu kontern. Ihre Schiffe waren gleich groß. Wie macht er das nur?

Er war ein großartiger Rennfahrer. Daran gab es keinen Zweifel. Er war kräftig gebaut, athletisch und hatte einen kühlen Kopf. Remisk wäre ohne Klugheit und Präzision auf der Rennstrecke nicht dahin gekommen, wo er jetzt war. Aber seine Bewegungen, seine Instinkte waren fast übernatürlich, so als ob seine Sinne verstärkt wären. Aber das war unmöglich.

Jeder Rennfahrer wurde vor dem Rennen einer strengen medizinischen Untersuchung unterzogen, um sicherzustellen, dass man keine Drogen zu sich genommen hatte. Und auf der Strecke wurden weitere Tests durchgeführt, um sicherzustellen, dass auch nach der ersten Etappe keine Drogen eingenommen worden waren. Remisk war einfach so gut.

Dann muss ich besser sein.

Sie steuerte ihre Triebwerke bis ans Limit, überschritt die sicheren Grenzwerte, sehr zum Ärger ihres Teamchefs. Er flehte sie an, sich zurückzuhalten, den zweiten oder dritten Platz zu belegen, nicht zu riskieren, das Schiff so frühzeitig und für so wenig Lohn in die Luft zu jagen. Kleine Belohnung, von wegen!

Sie hatte die Pole Position eingenommen. Und sie wollte allen zeigen, dass das kein Zufall war, dass Hypatia Darring hier war, um zu bestehen. Sie würde ihrem Vater und den Medien – kein Wasser auf die Mühlen gießen.

Sie flog eine Fassrolle und ließ sich von der Rotation ihrer M50 dadurch wie eine Schraube weiter vorwärts treiben. Remisk befürchtete offenbar, geschnitten zu werden und bewegte sich leicht nach links. Darring stürzte sich auf ihn, setzte ihr Schiff neben Remisk und verharrte einen Moment. Dann gab sie wieder Schub und spürte sogleich, wie ihre Triebwerke voller Unmut aufheulten. Der Steuerknüppel zitterte, die Warnungen vor Überhitzung der Maschinen schrillten. Sie konnte es im ganzen Körper spüren. Es gab kein vergleichbares Gefühl in der ganzen Galaxis. Das war etwas, das ihr Vater vergessen hatte. Er war in seiner Jugend selbst ein guter Kampfpilot gewesen. Aber er hatte zu viel Zeit seines Lebens in langsamen Riesen wie Zerstörern, Kreuzern und Schlachtschiffen verbracht. Er hatte vergessen, wie es war, das Kribbeln zu spüren, wenn starke G-Kräfte daran zerrten, einem die Haut von den Knochen zu reißen. Guul verstand es. Remisk verstand es ganz sicher. Und sogar dieser erbärmliche Mistkerl Mo’tak verstand die Ekstase schierer Geschwindigkeit.

Sie zog nach vorn, nahm den nächsten Ring fehlerfrei, rollte durch einen weiteren Ring, der unmittelbar danach auftauchte. Nun zeichnete sich der letzte Ring bereits groß in der Ferne ab. Ihr Crew-Chief, dessen Haltung sich plötzlich änderte, bellte ihr “Go! Go!” ins Ohr. Sie lächelte. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen. Sie hatte es auf jeden Fall verdient, hier bei den Großen mitzufahren.

Remisk überließ er ihr offensichtlich den ersten Platz. Sie hielt ihren Kurs, ließ die Warnsysteme brüllen. Sie kicherte wie ein Kind und nahm das Lob ihres Chefs entgegen. Die blinkenden Lichter des letzten Rings machten sie dieses Mal nicht nervös. Im Gegenteil: sie grüßte sie freudig.

Dann tauchte ein Schatten über ihr auf und verdunkelte das Cockpit. Es war Remisk, seine M50 kam zurück und überholte ihr Schiff. In ihrer Freude hatte Darring nicht bemerkt, dass sie mit dem Daumen den Druck auf den Gashebel etwas gelockert hatte und sie so langsamer geworden war. Langsam genug, dass Remisk sein Schiff über ihren Rumpf setzen und sich mit seinen Haupttriebwerken direkt vor ihrem Cockpit platzieren konnte. Darring versuchte, Geschwindigkeit und Kurs zu halten, aber Remisk gab Vollschub und schleuderte einen gelben Feuerstrahl über ihre Cockpitfenster hinweg.

Darring rollte nach links. Ein schwerer Fehler. Sie versuchte, ihre Position wiederzufinden, drückte ihren Daumen tief in den Gashebel, aber es war zu spät. Ykonde Remisk fuhr als Erster durch den letzten Ring. Die Avenger und ein weiterer Racer belegten die Plätze zwei und drei, während Darring, deren Schiff unkontrolliert durch den letzten Ring rollte, nur knapp noch den vierten Platz belegte.

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Teil II

Sie sprang aus ihrem Racer, rannte quer durch die Trägerbucht, fand Remisk inmitten einer Mediengruppe und schlug mit den Fäusten auf sein bis dahin fröhliches Gesicht ein.

Er duckte sich gerade noch rechtzeitig weg.

Einer von Remisks Crew packte Darring und hielt sie zurück. „Du Scheißkerl! Du hättest mich umbringen können”, schrie sie.

Remisk, die Attacke auf sich schon verdaut, blieb ruhig und cool vor der Menge. Er rückte seinen Kragen zurecht und antwortete lächelnd: „Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Darring. Ich bin ein sauberes Rennen geflogen.”

„Du hast versucht, mich bei lebendigem Leibe zu verbrennen!”

Schock und Bestürzung machten sich auf den Gesichtern der Versammelten breit.

Aus dem Augenwinkel konnte Darring einen Beamten vom MCR sehen, der mit besorgten Gesichtsausdruck auf sie zukam. Aber das war ihr egal. Sie befreite sich aus dem Griff des Crewman und holte erneut zum Schlag aus. Remisk erwischte aber ihren Arm und hielt ihn fest.

„Halt dich zurück, Darring”, sagte er, „oder ich lege Beschwerde ein.”

„Ich werd‘ eine einreichen, die für Deinen Rausschmiss sorgt, Du billiger –”

„Leute, kommt schon, lasst uns zivilisiert bleiben.”

Mo’tak drängte sich durch die Menge, stellte sich neben Remisk und wartete, bis einer der offiziellen Regelbeauftragten vom MCR eintraf. Dann fuhr er fort. „Hören Sie, was ich zu sagen habe – ich kann Ihnen versichern, dass Herr Remisk aus meiner Sicht keine Regel verletzt hat. Tatsächlich war sein Manöver nicht nur in seiner Einfachheit brillant, sondern auch Ausdruck respektvollen Umgangs und der Fairness  in diesem Sport. Remisks Schiff hat das von Frau Darring zu keinem Zeitpunkt berührt. Er zeigte unglaubliche Sorgfalt bei dem Manöver. Das kann ich bezeugen.”

„Küss meinen – das kannst Du.“

Guul schritt ein und nahm Remisks Hand von Darrings Arm. Er flüsterte ihr ins Ohr. “Kommen Sie, lassen Sie uns gehen. Nicht hier, nicht so.”

Mo’tak gluckste. “Sie sollten auf ihn hören, junge Frau. Guul ist ein weiser Mann.”

Guul ignorierte Mo’tak und zog Darring durch die Menge. “Ich sagte, lassen Sie uns gehen.”

Sie lenkte ein und sie gingen aus der Trägerbucht und in einen langen, schmalen Korridor, der zu einem kleinen Atrium mit Stühlen und Tischen führte. Von dort konnte man über Ellis III sehen. Im Orbit des Planeten war eine Menge los. Das Rennen mit den verbleibenden Racer-Gruppen auf den unteren Positionen der Rangliste ging weiter. Es war ein schönes Schauspiel. Das Licht der Ringe auf dem Kurs pulsierte und die Rennfahrzeuge rauschten als kleine Punkte mit beeindruckender Geschwindigkeit hindurch.

Als Darring das sah, begann sich ihre Wut allmählich zu legen.

„Setzen Sie sich Hypatia”, sagte Guul während er einen Stuhl von einem Tisch weg zog. Darring setzte sich, verschränkte die Arme und schaute weiter auf das Rennen.

Guul setzte sich ihr gegenüber hin, vorsichtig, denn der Stuhl war für Menschen gemacht. Er musste sich mehr oder weniger hineinbiegen. „Und jetzt sagen Sie mir … was sollte das alles?”

Darring antwortete zunächst nicht. Stattdessen erwiderte sie Guuls strengen Blick. Dann blinzelte sie, seufzte und sagte: „Er hat betrogen. Er hat mich zuerst geschnitten und mir dann auch noch sein Treibwerksfeuer quasi ins Gesicht geblasen.”

„Das ist kein Verstoß gegen die Regeln. Und das wissen Sie auch.”

„Nun, sollte es aber.”

„Wissen Sie”, sagte Guul kopfschüttelnd und lehnte sich zurück. „Ich hätte nicht gedacht, dass eine Draufgängerin wie Sie so auf die Regeln pocht.”

Darring lächelte schließlich. „Wohl ein Überbleibsel der Erziehung meines Vater. „Spiel‘ nach den Regeln, Hypatia“ und ahmte dabei die Stimme ihres Vaters nach. „Gewinn‘ stets nach den Regeln und niemand kann Dir hinterher den Sieg wegnehmen.”

„Nobel”, meinte Guul. „Aber im Rennsport ein bisschen naiv. Es gibt Regeln und es gibt es Regeln. Aber ziehen Sie so was wie vorhin, auch noch vor Zeugen, noch einmal ab, und Sie sind diejenige, die rausgeworfen wird. Nicht Remisk.”

Darring wischte seine Warnung beiseite. „Er ist ein Trottel. Und Mo’tak auch.”

„Das stimmt zwar. Aber im Moment können Sie nichts tun. Die werden tun, was sie tun müssen, um zu gewinnen und Sie müssen einen kühlen Kopf bewahren. „Außerdem”, sagte Guul, sein Blick wurde ernster, auf die vorbei rasenden Rennfahrer gerichtet, „möchte ich, dass mein letztes Rennen gegen die Besten stattfindet. Und wenn Sie rausgeschmissen werden, dann wird es nur eins gegen Möchtegerns und Ehemalige.”

Darring runzelte die Stirn mit Sorge. „Warum ist das Ihr letztes Rennen? Sie haben doch noch viele Jahre vor sich.”

Guul nickte. “Viele Jahre vielleicht, aber nicht als Rennfahrer. Jedes Gelenk schmerzt, die Knochen sind brüchig und meine Augen lassen nach. Es ist an der Zeit.”

Darring saß still da. Wollte nicht sprechen. Und auch nicht akzeptieren, dass ihr Held dem Ende seiner Karriere nahe war. Sie hatte ihn gerade erst kennengelernt. Wie konnte er jetzt bald aufhören wollen, wo sie doch so viel mit ihm zu besprechen hatte? So viel zu lernen? Danach würde er wahrscheinlich nach Hause zurückkehren, wo auch immer das war. Und sie würde ihn nie wieder sehen. Während dieses Rennens würde die Zeit so kostbar sein. Wann würde sie eine weitere Gelegenheit haben, mit ihm zu sprechen, von ihm zu lernen? Wenn das sein letzter Cup ist, dachte sie, dann sollte ich mich vielleicht ein bisschen zurückhalten. Ihm ein oder zwei Siege gönnen. Ihn die Führung übernehmen lassen, wenn –

 „Was  soll der Blick?”

Sie drehte sich zu ihm um und zuckte unschuldig mit den Schultern. “Welcher Blick?”

Guul beugte sich vor. „Sie denken darüber nach, mich beim Rennen vorzulassen, richtig? ‚Gib dem alten Tevarin noch einen Sieg.’ Nun, vergessen Sie den Quatsch, Hypatia. Tevarin sind Kämpfer und wir haben ein Sprichwort: ‘Ehre Deinen Feind, lobe ihn, wenn es sein muss, aber verpasse nie die Chance, ihn zu töten.’ Hier sind Sie und ich Freunde. Da draußen”, sagte er und deutete auf das Rennen, „sind wir Feinde. Versprechen Sie mir, dass Sie, wenn wir in der letzten Runde Kopf an Kopf liegen und Sie die Chance haben, zu gewinnen, das auch tun. Ich will keine Gnade, kein Pardon. Denn dann weiß ich wenigstens, dass ich  gegen die Beste verloren habe, wenn es soweit ist. Versprechen Sie mir das.”

Sein Gesichtsausdruck war so ernst, dass Darring wusste, er würde sie nicht eher hier weg lassen, bis sie aufrichtig ihr Wort  gegeben hatte. Sie nickte also.

„Ich verspreche es.”

Guul stand auf. „Prima. Jetzt schulde ich Ihnen ein Abendessen. Hungrig?”

„Verhungert!”

Sie gingen gemeinsam durch den Gang und bogen in Richtung Messe ab. Die Idee, ordentlich zu essen, bevor sie sich auf den Weg nach Ellis IV machten und auch die Gelegenheit zu nutzen, sich etwas Zeit zum Ausruhen zu gönnen, war gut. Die nächsten Etappen des Rennens würden noch schwierig genug werden. Und außerdem musste Darring bald zu ihrem Crew-Chief, um herauszufinden, ob ihr Antrieb ernsthaft beschädigt worden war oder nicht. Ein Gespräch, auf das sie sich nicht gerade freute.

„Ihr Crewchef sollte sich mit meinem unterhalten”, sagte Guul. „Er ist ein alter M50-Pilot und schon so lange dabei wie ich –”  

Guul sprach den Satz nicht zu Ende. Sie waren um eine Ecke gebogen und sahen drei Typen in dunkler Kleidung im fahlen Licht des Korridors. Und die drei zögerten nicht.

Einer zog ein Messer und holte zum Hieb gegen Darrings Kehle aus. Instinktiv lehnte sie sich zurück. Was für ein brutaler Angriff. Sie spürte noch den Luftzug an ihrem Kinn und taumelte zurück gegen die Wand. Der Angreifer verfehlte sein Ziel zum Glück.

Die anderen beiden stürzten sich sofort auf Guul. Obwohl er eben  noch über Schmerzen in den Knochen geklagt hatte, bewegte er sich schnell, überwältigte einen im Schwitzkasten und wehrte gleichzeitig die Fäuste des anderen ab. Darring versuchte, ihm zu Hilfe zu kommen, aber ihr Angreifer war noch nicht fertig mit ihr. Er griff sie erneut mit seinem Messer an, dieses Mal ihren Bauch. Sie wehrte seinen Arm jedoch ab. Das hatte sie in der Grundausbildung gelernt. Dann versetzte sie ihm einen ordentlichen Faustschlag in die Niere.

Als der Mann zurücktaumelte erkannte Darring sein Gesicht. Er gehörte zu Mo’taks Gefolge. Er war derjenige, der seinen Boss abgeschirmt und ihr zugenickt hatte, als der Xi’an weggegangen war. Sie knirschte mit den Zähnen und trat ihm mit dem Stiefel heftig in den Schritt. Er ging in die Knie. Sie schlug ihm noch zweimal ins Gesicht, bevor er sich mit ausgestrecktem Bein drehte und ihr die Füße unter sich weg zog. Darring knallte mit der Hüfte hart auf den Korridorboden.

Nun war er auf ihr, aber sie zog ihre Knie schnell hoch und schleuderte ihn damit über sich hinweg. Darring stand auf, wollte ihm hinterher, als ein anderer der Angreifers über sie hinwegflog und gegen die Wand krachte. Sie schaute zu Guul. Er machte das Gesicht des dritten Angreifers  gerade zu Hackfleisch. Die andern beiden gaben sich blutüberströmt geschlagen und rannten auf und davon.

Guul ließ den dritten Mann los und drückte ihn zurück gegen die Wand. Darring versuchte, ihn zu halten, doch trotz seiner Verletzungen entkam er ihrem Griff. Er konnte noch nach seinem Messer greifen, bevor er den Korridor in die entgegengesetzte Richtung seiner Komplizen hinunter und davonrannte.

Darring lief zu Guul. Er war an der Wand heruntergerutscht und hielt sich eine blutige Wunde quer über den Bauch. Sie schob seine Hand weg, um sich die Verletzung anzusehen. „Bastarde”, sagte sie und half ihm auf die Beine. „Verdammte Mistkerle. Kommen Sie, wir bringen Sie ins Krankenhaus.”

Guul schüttelte den Kopf und schob sie weg. „Nein. Bringen Sie mich einfach zu meiner Mannschaft. So schlimm ist es nicht. Ich habe schon Schlimmeres erlebt.”

„Aber wir müssen jemandem davon erzählen. Sagen Sie ihren Leuten, dass Remisk und Mo’tak dahinter stecken.”

„Woher wissen Sie das?”

„Einer der Männer … Ich habe ihn neulich in Mo’taks Gang gesehen.”

Er nickte. „Ok, aber Sie können das nicht beweisen.”

„Kommen Sie schon Guul”, sagte sie. Wut stieg in ihr auf. „Stellen Sie sich nicht dumm. Sie wissen doch, wer dahintersteckt.”

„Da mögen Sie Recht haben, aber die sind viel zu schlau, um Beweise herumliegen zu lassen. Und wenn Sie sich irren, dann wirft es nur ein schlechtes Licht auf Sie. Besonders nach dem unprovozierten Angriff auf Remisk. Außerdem hat Mo’tak zu viele Freunde unter den MCR-Funktionären. Die Geschichte wird schon vertuscht noch bevor wir versuchen, Sie ans Licht zu bringen.” Er deutete den Korridor hinunter, in Richtung Atrium und hinaus in den Weltraum. „Nein, wir schlagen sie da draußen.”

Darring nickte zögerlich. Ihr gefiel das nicht, sie beließ es aber dabei. Das Wichtigste war jetzt, Guul zu jemand zu bringen, der helfen konnte.

Sie legte ihren Arm um seine Taille und half ihm zurück zu seiner Mannschaft.

*****

„Sie kommen zu spät”, sagte Mo’tak und setzte sich leise in die Dunkelheit des Raumes. Remisk verlor keine Zeit, seiner Aufregung freien Lauf zu lassen.

„Das muss aufhören, Mo’tak. Das geht zu weit.”

„Was denn?”

„Sie hätten getötet werden können. Alle beide. Das ist nicht das, was wir ausgemacht haben.”

„Was haben wir denn ausgemacht?”

„Sabotage ist in Ordnung. Einen Motor beschädigen, eine Treibstoffleitung verstopfen, einen Flügel verbeulen oder einen Rennfahrer mit verbotenem Manöver abdrängen. Das ist alles in Ordnung. Gewinnen oder verlieren, Erfolg oder Scheitern, das ist alles Teil des Spiels. Aber Menschen zu töten, das ist eine ganz andere Sache.”

Mo’tak gluckste. „Was würden Sie lieber tun? Den letzten Kurs nur mit mir bestreiten oder auch mit Guul und Darring? Der Tevarin ist ein Biest und Darring ist viel besser, als man ihr zutraut. Wenn die beiden im Rennen bleiben, wird der Name Remisk in die Geschichte eingehen, als jemand, der zwar die Chance hatte, aber daran gescheitert ist, die Triple Crown zu gewinnen.” Und dachte sich insgeheim, Du wirst trotzdem scheitern. Aber erst sobald ich mit Guul und Darring fertig bin.

“Es ist vorbei, Mo’tak”, meinte Remisk  mit ablehnender Haltung. “Ich werde Ihre Drecksarbeit nicht mehr machen.”

Mo’tak schaltete eine Deckenlampe auf einem Tisch an seiner Seite ein. Im Lichtschein tauchte eine kleine, goldfarbene Schachtel auf, die er vorsichtig öffnete. Eine kleine Spritze lag in der Mitte. Er nahm sie in die Hand und hielt sie so, als würde er sie verabreichen wollen. „Oh, ich denke, das werden Sie. Sie werden noch einiges für mich erledigen. Und wenn nicht, werde ich dem MCR-Komitee wohl mitteilen müssen, was sich in dieser Nadel befindet.”

„Was ist das?”

Mo’tak zuckte mit den Schultern. „Das, was Ihnen eine fast übermenschliche Fähigkeit gegeben hat. Die Fähigkeit, das Vorhaben anderer während des Rennen bereits im Voraus zu erkennen.”

„Das ist eine Lüge! Ich habe noch nie in meinem Leben Drogen genommen.”

„Ich habe das lange, sehr lange geplant, Remisk. Also lassen Sie es mich Ihnen erklären. Ein junger, erfolgreicher Pilot will sich einen Namen machen. Er gewinnt das Goss Invitational um eine Nasenlänge voraus und glaubt nun, er habe eine Chance auf die Triple Crown. Also geht er zu einem kleinen Dealer und fragt:  ‚Haben Sie etwas, das von Scannern nicht entdeckt werden kann?‘ Der Dealer gibt ihm das hier. Etwas das ich ihm vorher gegeben habe – ein  Xi’an-Gemisch namens e’tâm. Für uns erzeugt es nur einen milden meditativen Zustand, wenn es aber in das menschliche Gehirn gelangt, so erzeugt es einen Zustand des Hyperbewusstseins, eine fast außersinnliche Wahrnehmung. MCR-Scanner können es mit ihren jetzigen Einstellungen nicht erkennen. Und Sie nehmen schon seit Monaten Mikrodosen davon.”

„Sie sind ein Lügner!”

Mo’tak ignorierte die Anschuldigung. „Und hier ist der Haken. Hier ist genug drin, um Sie bis zum Ende des Rennens am Leben zu halten. Nehmen Sie es, und Sie werden wieder gesund. Wenn nicht, werden Sie irgendwo um Ellis IX, während Ihr Schiff von den Gravitationskräften des riesigen Gasballs angezogen wird, auf Entzug gehen, in einen tiefen Schlaf fallen und von den Gezeitenkräften zerrissen.” Mo’tak hielt die Spritze hoch, damit Remisk sie sehen konnte, und ließ ein paar Tropfen aus der Nadelspitze tropfen. „Wie wollen Sie sich entscheiden, mein Freund? Leben oder Tod?”

Remisk stand lange Zeit in der Dunkelheit. Dann schließlich krempelte er seinen Ärmel hoch. Er machte den Unterarm frei. „Sie Mistkerl.”

Mo’tak stach die Nadel ein. „Nein, Remisk. Das bin ich nicht. Ich bin nur ein Geschäftsmann, der seine Investition schützt.”

Er verabreichte die gesamte Dosis, dann legte er die leere Spritze in die goldene Schachtel. Remisk stand auf und krempelte seinen Ärmel herunter und wollte gehen, doch Mo’tak stoppte ihn.

„Oh”, sagte er, griff in eine Tasche und holte eine silberne Kapsel hervor. Er warf sie Remisk zu. „Bringen Sie das zu unserem Mann in Darrings Mannschaft und sorgen Sie dafür, dass er es an der besprochenen Stelle einbaut. Wir wollen doch sichergehen, dass die Neue eine angenehme Fahrt durch den Boneyard hat.”

Remisk ging. Mo’tak verweilte in der Dunkelheit, kaute auf der Innenseite seiner linken Wange und dachte über die Zukunft nach. Er seufzte. Er hätte sich nie auf Remisk verlassen sollen, auf einen Menschen. Man konnte ihnen nie trauen. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nie gute Erfahrungen mit Menschen gemacht. Nicht als Rennfahrer, nicht während seiner Jahre im Militärdienst, nicht als junger Erwachsener und schon gar nicht als Kind. Als menschliche Piraten seine Familie in alle Richtungen verjagt und seine Mutter getötet hatten. Es gab keinen unter ihnen, der etwas taugte.

Aber Remisk … konnte man ihm zutrauen, den Auftrag gegen Darring zu erledigen? Mo’tak zuckte mit den Schultern. Es spielte sowieso kaum eine Rolle. Ob er es tat oder nicht, Remisks Zeit im Rennen neigte sich dem Ende zu. Mit der Dosis, die ich ihm gegeben habe, dachte Mo’tak, stand auf und verließ den Raum, wird auch er den Boneyard nicht überleben

*****

Hallo miteinander und erneut Willkommen zu GSN Spectrum Broadcastings fortlaufender Berichterstattung zum Murray Cup Race. Nach einem rauen Start, bei dem Hypatia Darring für ihr unsportliches Verhalten verwarnt und gemaßregelt wurde, haben sich die Dinge beruhigt. Darring hat einen kühlen Kopf bewahrt und sich mit einem beeindruckenden Kopf-an-Kopf-Rennen um Ellis V gegen den Veteranen Zogat Guul zurück ins Rennen gekämpft. Obwohl die beiden Berichten zufolge eng befreundet sind, schenken sie sich nichts, wenn sie sich ihren Weg durch die gefährlichen Kurse bahnen. Doch nun steht der umstrittenste Teil des Rennens an. Die “Sorrow Sea”, oder wie die meisten Rennfahrer sie nennen, der “Boneyard”, zeichnet sich groß im Cockpitfenster ab. Kann jemand den zerbrochenen Rümpfen und Asteroiden die diesen Kurs so gefährlich machen, trotzen? Finden wir es heraus…

 *****

Mo’tak befand sich links, Guul rechts von Darring und irgendwo hinter ihr lauerte Remisk auf seinen Angriff. So ging es schon einige Zeit, sie raste hin und her zwischen den zerbrochenen Hüllen von Schiffen früherer Rennfahrer und den tonnenschweren Asteroiden, von denen einige so groß waren, dass ihre Schwerkraft am Schiff zerrte. Ihr Radar zeigte den Boneyard in all seiner Pracht an und es gab viele Wege durch die Hindernisse. Manche kürzer, manche länger. Es handelte sich um einen Zeitfahrkurs. Doch die Bahnen verengten sich hier und da, was die Piloten zwang, sich sehr nahe zu kommen, mit der Gefahr sich zu rammen. Das machte diesen Kurs zu einem der tödlichsten des Rennens. Die zerbrochenen Rümpfe der Rennfahrzeuge sprachen eine deutliche Sprache.

Sie wich nach links aus und nahm einen der kürzeren Wege. Das würde sie näher an die Ziellinie bringen. Aber die Hindernisse hier lagen dicht an dicht. Sie brach nach links weg und raste durch ein breites Loch in einem alten Rumpf. Der Racer direkt hinter ihr brach ebenfalls die Formation, flog aber einen anderen Weg. Bei ihrer Geschwindigkeit konnte Darring nicht erkennen, ob es sich dabei um Remisk handelte oder nicht. Aber einer weniger im dichten Gedränge war gut.

Mo’tak flog immer noch links von ihr. Guul hatte ebenfalls die Formation verlassen und einen längeren Weg gewählt. Einen mit weniger Trümmern. Sie sah ihn als kleines rotes Signal auf dem Radar und mehrere andere, die ihn von allen Seiten anpeilten. Sie wusste, er steckt in Problemen, wenn einer der anderen Racer ihn vom Kurs abdrängen wollte. Seine getunte Hornet würde Schwierigkeiten mit zu vielen Hindernissen bekommen, aber gerade deshalb hatte er auch eine längere Strecke gewählt. Er war schließlich kein Idiot.

Mo’tak drehte seine 350r scharf und schoss über sie hinweg. Bilder von Remisks Abgasstrahl schossen ihr durch den Kopf, aber diesmal ignorierte sie ihre Gefühle und hielt den Kurs.

Geschwindigkeit ist Leben.

Ein Banu-Rennfahrer in einer aufgerüsteten Avenger schloss gleichauf neben sie. Es waren nur wenige Banu im Rennen. Darring konnte sich nicht an den Namen dieses einen erinnern, aber sie erinnerte sich an den markanten grün-schwarz gestreiften Rumpf. Er versuchte, sie in die Kraterseite eines Asteroiden voraus zu zwingen. Darring nahm den Daumen vom Schubhebel, tat so, als würde sie langsamer werden und dem Banu erlauben, ihre Position einzunehmen. Im letzten Moment jedoch gab sie Vollschub, zog scharf nach oben, so dass die Unterseite ihrer M50 nur wenige Zentimeter am Kraterboden vorbeischrammte und wirbelte damit so viel Staub auf, dass die Avenger hinter ihr jede Sicht verlor. Der Banu musste scharf nach links abdrehen, was Darring einen Vorteil verschaffte.

Ich kann auch dreckig spielen!

Sie lachte ihrem Crew-Chief ins Ohr. Der allerdings warnte sie, es langsam anzugehen, nicht zu riskieren, dass ihre Wasserstoffaufnehmer verstopften. Er machte sich insbesondere Sorgen um den Antrieb. Nach der Überbeanspruchung um Green herum, war er neu eingestellt worden – und es war noch viel Rennstrecke übrig. Auch war der Crew-Chief besorgt wegen Ellis IX, dem Gasriesen, der ernsthaften Stress auf den Rumpf ausüben würde. Er wollte nicht, dass ihr Motor noch ein zweites Mal ausfiel. Aber sie hatte ihren Spaß. Sie genoss die Sorrow Sea, den Boneyard, in all seiner Schönheit und all seiner Gefahr.

Nur Mo’tak ärgerte sie jetzt noch. Der Rest der Konkurrenz war zurückgefallen oder hatte andere Routen genommen. Die Strecke, die jetzt noch vor ihr lag, war immer noch knifflig, aber es war ihre. Sie beherrschte sie, lehnte sich in den Gurten zurück und ließ der Maschine freien Lauf.

Dann fiel Mo’tak zurück. Sein Signal auf dem Radar hörte auf, rot zu blinken. Von ihm ging keine Gefahr mehr aus. Sie flog jetzt frei und die Ziellinie war nah.

Plötzlich blinkte ein Warnlicht auf den Monitoren der Motorenkühlung auf. Sie schaute nach unten und sah, dass die Wärmeabgabe ihres Motors stark abgesunken war. Sie drückte auf die Bedienelemente, tippte auf die Schalttafeln, doch es begannen nur weitere Warnlampen zu blinken.

Irgendetwas stimmte nicht mit ihrem Treibstoff. Die Temperatur stieg an, zu schnell, zu heiß, und das Kühlsystem konnte die überschüssige Wärme nicht mehr schnell genug abführen. Die Hitze drohte ihr Triebwerk zu verbrennen, der Rumpf wackelte, erzitterte und sie wurde fest nach vorn in die Gurte gedrückt.

Sie tippte auf die Kommunikationsverbindung. „Hier stimmt etwas nicht! Triebwerk erreicht kritische Hitze.”

„Überprüfe das Wärmeablass-Überbrückungsventil an der –“

Sie versuchte zu tun, was der Crew-Chef sagte. Doch bevor sie dazu kam, explodierte alles um sie herum. Feuer  im Cockpit! Sie geriet in Panik, versuchte, das Feuer mit den Handschuhen zu löschen. Doch das brachte nichts. Die Flammen wurden immer größer und bahnten sich einen Weg unter ihren Overall. Flammen durchdrangen das Futter am Hals und verbrannten ihr Gesicht und Schultern.

“Bruch der Energieversorgung droht!”, schrie das Sicherheitssystem. “Bruch der Energieversorgung!”

Mit brennenden Schmerzen griff Darring unter ihren Sitz, tippte auf das Schleudersitzpad und sprengte ihre Cockpitverkleidung ins All. Die Triebwerke unter dem Sitz zündeten und schossen sie im Stuhl festgeschnallt aus dem Cockpit. Sie rang nach Luft.

Fünf Sekunden später explodierte ihre M50 in tausend Teile. Dann verlor sie das Bewusstsein.

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Teil III

Darring erwachte in einem ruhigen, hygienischen Raum mit weißen Wänden und piepsenden Monitoren. Sie lag in einer Medbay-Wanne in einem blassen, zähflüssigen Gel. An ihrem Hals und ihrer Brust befanden sich Überwachungskabel. Sie hob ihren Arm aus der Flüssigkeit und versuchte, sich aufzusetzen. Eine starke Hand hielt sie davon ab.

„Noch nicht”, sagte die Stimme. “Nicht, bis der Arzt es erlaubt.”

Sie legte den Kopf zurück an die Wannenwand und blinzelte wiederholt, bis die Gestalt über in ihr Gesichtsfeld kam.

„Zogat…”, sagte sie, ihre Stimme knackte, ihre Kehle war trocken und teigig.

“Wo … wo …”

“Carrier-Krankenstation”, antworte er, “im Orbit über Ellis VIII.”

Sie versuchte, sich erneut aufzusetzen und spürte einen tiefen Schmerz in der Schulter, als sie ihre Arme bewegte. Sie griff über ihre Brust und fühlte eine Schicht verbrannter Haut, weich und geschmeidig, aber wenigstens immer noch vorhanden. Schreckliche Erinnerungen fluteten zurück.

“Mein Schiff?”

Guul nickte.

“Unwiederbringlich verloren. Es ist jetzt ein Teil der Sorrow Sea.”

Darring massierte ihre schmerzende Schulter.

„Was ist passiert?”

„Sie wissen es nicht genau. Aber Ihr Schiff erfuhr plötzlich einen rapiden Temperaturanstieg, der das Kraftwerk entzündete. Es ist ein Wunder, dass es nicht explodiert ist, während Sie noch angeschnallt waren.”

„Wissen sie, was es verursacht hat?”

„Sie konnten bisher nicht genug vom Rumpf und von den Überwachungsgeräten bergen, um die genaue Ursache zu kennen. Aber …”

Er hielt inne.

„… Remisk hat gestanden.”

„Was?”

„Er hat es gestanden. Er hat eine Reporterin angegriffen. Er sagt, er habe eine Art Kapsel in Ihren Tank gesteckt – oder besser gesagt, er hatte jemanden aus Ihrer Crew dafür angeheuert. Er hat sogar gestanden, diese Schläger gegen uns geschickt zu haben.”

Sie nickte und spürte einen Moment der Erleichterung.

„Dann ist Mo’tak auch erledigt.”

Guul blickte nach unten. Er schüttelte den Kopf.

„Nein, Hypatia. Mo’tak hat nichts gestanden und Remisk hat auch niemanden verraten. Er ist plötzlich katatonisch geworden, kann nicht mehr sprechen, sich nicht mehr bewegen. Er ist auf irgendetwas drauf, aber es kann nicht nachgewiesen werden. Sie fürchten, er stirbt, bevor er verhört wird. Er ist raus, aber Mo’tak ist noch drin und hat Remisk zudem öffentlich mit den stärksten Worten verurteilt. Das Rennen wurde für ein paar Tage ausgesetzt, damit alle Crews einen Check ihrer Schiffe durchführen können. Dann wird es wieder aufgenommen.”

Er schüttelte den Kopf.

„Es gibt drei Dinge, die in der Galaxie sicher sind, wie ihr Menschen sagen würdet: Tod, Steuern und der MCR. Das Rennen wird weitergehen.”

Darring schloss die Augen und legte den Kopf noch einmal zurück. Sie kämpfte mit den Tränen.

„Ja, aber für mich ist es vorbei.”

Plötzlich öffnete sich die Zimmertür und herein kam Mo’tak, aufrecht und stolz, in einem frischen Overall aus Gold und Lila. Drei Reporter folgten ihm, einer mit einer Kamera. Dann sagte er: “Ah, ich bin so froh, Sie wach zu sehen. Sie haben uns alle Sorgen gemacht.”

„Da wette ich drauf.“

Sie wollte genau diese Worte sagen, aber der starke Druck, den Guul mit seiner Hand auf ihren Arm ausübte, empfahl etwas anderes. Sie zwang ihre Wut nieder und versuchte zu lächeln.

“Es scheint, als ob das Schicksal auf meiner Seite ist.”

Mo’tak nickte.

“In der Tat. Und wie es scheint, hat Ihnen auch die Glücksgöttin einen Gefallen getan. Ich helfe Ihnen, in das Rennen zurückzukehren. “

Darring starrte ihn immer noch wütend an.

 Mo’tak schien überrascht: “Hat es Ihnen Ihr Freund noch nicht erzählt?”

“Das wollte ich gerade”, sagte Guul.

“Nun, dann lasst es mich mit Stolz sagen, damit es alle hören.”

Mo’tak stellte sich mitten zwischen die Reporter. Der Xi’an räusperte sich.

“Ich und der Konzern der Xu.oa-Familie möchten die Handlungen von Ykonde Remisk nochmals aufs Schärfste verurteilen. Seine feigen Angriffe sind unvereinbar mit dem, worum es mir und dem MCR geht. Als Geste des guten Willens und des gesunden Wettbewerbs spende ich daher meinen persönlichen M50, damit Hypatia Darring wieder am Rennen teilnehmen kann.”

Es dauerte einen Moment, bis sich die Ankündigung in Darrings Kopf festgesetzt hatte. Um die Sache zu verdeutlichen, aktivierte sich ein Bildschirm, der eine saubere, in Gold und Lila gehaltene M50 zeigte. Das Schiff war wunderschön. Darring liebte es auf Anhieb, machte sich aber Sorgen über Mo’taks Motivation.

“Auf keinen Fall”, bellte sie und zog sich in der Wanne hoch.

“Da stecke ich nicht einen Zeh rein.”

Guul übte erneut Druck auf ihren Arm aus.

“Was Mrs. Darring damit sagen will, ist, dass es ihr eine Ehre wäre, Ihr Geschenk anzunehmen, und dass sie sich auf einen weiteren Wettbewerb in den kommenden Tagen freut.”

“Hey”, sagte sie und zog ihren Arm weg. “Antworten Sie nicht für mich. Ich bin kein Kind, verdammt!”

“Nun, lassen wir Mrs. Darring und Mr. Guul in Ruhe”, sagte Mo’tak. “Offensichtlich haben sie viel zu besprechen.”

Er beugte sich über Darrings Wanne und starrte ihr in die Augen, seinen Mund nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. “Ich bin froh, dass es Ihnen gut geht. Bitte nehmen Sie mein Angebot an. Es wäre eine Schande, jemanden mit so viel Talent zu verlieren.”

Mo’tak  huschte hinaus, ließ aber das Bild des M50 auf dem Bildschirm zurück. Als sich die Tür schloss, wandte sich Darrings sofort an Guul.

“Sie antworten nicht für mich.”

Guul schüttelte den Kopf.

“Wenn Sie dieses Angebot von Mo’tak ablehnen, hat er dreifach gewonnen: indem er Remisk los wird, indem er Sie los wird und indem er Ihren Ruf weiter schädigt. Beim Rennsport geht es ebenso sehr um Ihr öffentliches Image wie um Ihr Können. Sie haben bereits einen schlechten Ruf. Beschädigen Sie ihn nicht noch mehr, indem Sie ungnädig sind.”

“Aber es ist sein Schiff”, sagte sie und zeigte auf den Videobildschirm. “Er hat bestimmt etwas damit gemacht.”

Guul schüttelte den Kopf.

“Nein, so dumm ist er nicht. Es ist zu viel ist vorgefallen. Er kann es sich nicht leisten, dieses Geschenk anzubieten und es zugleich zu sabotieren. Er hat alles getan, was er tun kann. Es geht nur noch darum, wer der Beste ist. Es gibt noch viele Rennen, Hypatia. Gehen Sie da raus und beweisen Sie allen, beweisen Sie Mo’tak, dass Sie sich nicht aufhalten lassen, sondern dass Sie die Beste sind.”

Trotz der Logik in seinen Worten, wollte Darring Mo’taks Geschenk immer noch ablehnen. Andererseits wäre es schön, Mo’tak mit seinem eigenen Schiff zu schlagen. Aber es ging nicht nur darum, aufzustehen und sich ins Cockpit zu schnallen. Jeder M50 hatte seine eigenen Macken, seine eigene Persönlichkeit. Es gab immer Probleme mit der Balance, dem Schub und der Drift, die erlernt werden mussten. Die Cockpit-Anzeigen mussten nach eigenen Vorlieben konfiguriert werden, was einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Und es konnte Wochen dauern, bis sie sich an den Steuerknüppel und das Gaspedal gewöhnt haben würde. Darrings hatte vielleicht 48 Stunden, um das alles zu schaffen. Ihre Verbrennungen heilten zwar, aber ihr Fleisch stach immer noch unter ihren Bewegungen. Mo’tak wollte sie zum Scheitern verurteilen. Er brauchte das Schiff nicht zu sabotieren, wurde ihr schließlich klar. Ihr momentaner Zustand reichte aus, um sie langsamer zu machen. Und jetzt nutzte Guul ihre neue Freundschaft aus. Er hatte kein Recht, öffentlich für sie zu sprechen. Guul mag mich bewundern, dachte sie, als sie sich hochzog und auf den Rand der Wanne setzte. Jetzt muss er mich respektieren.

“Okay, Zogat”, sagte sie und sah sich nach einem Handtuch um. “Sie haben gewonnen. Ich werde sein Angebot annehmen. Ich werde ihm zeigen, dass ich die Beste bin, aber was noch wichtiger ist … ich werde es Ihnen zeigen.”

*****

…hallo und willkommen zu einer weiteren GSN Spectrum Übertragung des Murray Cup Rennens. Nach der Tragödie, die sich aus dem Sorrow Sea erhebt, Darrings Nahtoderfahrung und Remisks schockierendem Geständnis hat der Wettbewerb wieder an Fahrt aufgenommen. Vom Checkpoint in der Mitte der Strecke bis hin zu Ellis XII haben die Top-Racer ihr Können bis an die Grenzen ausgereizt. Hypatia Darring hat sich mit aller Macht zurückgemeldet, Mo’taks M50 angenommen und zwei der letzten drei Etappen durch den Asteroidengürtel und zurück zum letzten Kontrollpunkt bei Ellis VIII gewonnen. Besonders der Abschnitt um Ellis IX erwies sich als rau, als Darring langsamer wurde, um Mo’tak die Führung zu überlassen, während er Guuls Hornet verfolgte und ihn zwang, mit den erdrückenden Gezeitenkräften des Planeten zu kämpfen. Bei der anschließenden Pressekonferenz war zwischen den beiden nicht gerade Liebe zu spüren. Aber jetzt hat der Tevarin-Veteran alle noch einmal überrascht, indem er den letzten Hindernisparcours im äußeren Asteroidengürtel absolvierte und eine Raffinesse zeigte, die beweist, dass er als einer der besten Piloten, die jemals am Cup teilgenommen haben, in die Geschichte eingehen wird. Jetzt geht der Wettbewerb in seine letzte Etappe mit nur noch 65 Teilnehmern, und die ersten drei Positionen werden von Mo’tak, Darring und Guul gehalten. Können diese drei Kraftpakete durchhalten, oder wird jemand anderes an ihnen vorbeifliegen und sie alle schlagen? Die letzte Etappe steht an. Schalten wir zurück zu Mike Crenshaw, der mitten im Geschehen ist. Wie ist die Stimmung auf dem Träger, Mike?

 *****

Rohes Fleisch. Das war es, was Darring war. Nur ein roher Nerv. Guul hatte gehofft, ein wenig von seiner Erfahrung mit ihr zu teilen, sie etwas Weisheit zu lehren, in einem Sport, der genauso rau für den Geist wie für den Körper und den Verstand war. Und vielleicht hatte sie ein wenig gelernt. Sie flog bessere Rennen, manövrierte besser, nahm sich seine Philosophie offenbar zu Herzen … Geschwindigkeit ist Leben.

Aber wenn Zogat Guul über den Boden der Trägerbucht zu ihr hinüberschaute, während sie mit einem Tuch über die Unterseite ihrer geliehenen M50 wischte, konnte er nicht sagen, ob Darrings Verbesserung durch Können oder durch Wut motiviert war. Aber war das wirklich wichtig? Am Ende, wenn sie als Erste über die Ziellinie flog, würde alles auf einen Sieg hinauslaufen. Und das war einfach das ultimative Ziel von jedem in diesem Rennen. Als Siegerin nach Hause gehen … oder einfach nach Hause gehen.

“Hypatia Darring hat es auf Sie abgesehen, nicht wahr?”

Crenshaws Blick war fordernd, als hätte er soeben etwas unendlich Schlaues gesagt. Guul ging nicht auf den Köder ein.

“Sie ist eine harte Konkurrentin. Wie eine Tevarin zeigt sie ihrem Feind keine Gnade”, antwortete er.

Vielleicht war er zu heftig vorgegangen. War es, als er sie unterbrochen und im Krankenhaus öffentlich für sie gesprochen hatte? Sie sagte nichts, wenn er fragte. Stattdessen wechselte sie das Thema oder ging einfach weg. Sicherlich hatte sie erkannt, dass er recht hatte. Sie musste antreten. Sie musste Mo’taks Angebot annehmen und das Rennen beenden. Nicht nur für sich selbst, sondern für die Ehre ihrer Familie.

“Verschwinden Sie.”

Mo’tak erschien, dieses Mal allein, und schnippte mit den Fingern nach Crenshaw, als würde er eine Fliege zerquetschen.

“Ein Tevarin-Krieger wird sich nicht herablassen, eine so dumme Frage zu beantworten. Gehen Sie und belästigen Sie jemand anderen.”

Crenshaw zog ein reumütiges Gesicht, zog sich aber zurück. Als er weg war, kam Mo’tak auf Guul zu und reichte ihm die Hand.

“Viel Glück”, sagte er.

“Willst du mir die Hand brechen, so wie du versucht hast, die von Hypatia zu brechen?”

“Das würde mir im Traum nicht einfallen, mein Freund. Ich möchte dir nur eine sichere letzte Etappe wünschen. Dies ist dein letzter MCR, nicht wahr?”

Guul nickte.

“Und du bist bereit, alles zu gewinnen und als der größte Rennfahrer in der Geschichte des Sports in Erinnerung zu bleiben. Dafür wünsche ich Dir viel Glück.”

Guul nahm den Händedruck zögernd an. Mo’taks Finger waren fest, aber nicht wie ein Schraubstock. Er bewegte sich vorwärts, bis er direkt neben dem Tevarin stand. Mo’tak legte seine freie Hand auf Guuls Rücken.

“Sieh dir das alles ein letztes Mal an, Zogat. Alles davon. Die Bucht, die Rennfahrer, die Medien, das geschäftige Treiben der Crews. Du wirst es vermissen. Aber ich glaube, am meisten wirst du die junge Dame da drüben vermissen.”

Bevor Guul etwas sagen konnte, drückte Mo’tak seine Hand fest gegen den Hals des Tevarin. Guul spürte ein leichtes Zwicken. Eine warme Röte breitete sich auf seiner Haut aus.

“Was hast du getan?”

Mo’tak bewahrte seine Fassung und blickte weiter nach vorne, als würden sie ein angenehmes Gespräch führen.

“Gegen so erfahrene Rennfahrer wie dich und Darring zu gewinnen, ist eine große Ehre”, sagte er, als sich die Medien wieder um ihn scharten.

“Viel Glück da draußen, alter Freund.”

Guul rieb sich den Nacken. Der Xi’an hatte ihm etwas angetan, aber Mo’tak hatte wieder einmal seine Intrigen auf eine Art und Weise durchgeführt, die kaum Spuren hinterließ. Wenn Guul jetzt die MCR-Behörden herbeirief, konnten sie vielleicht etwas finden, aber wahrscheinlicher war, dass sich seine Anschuldigungen als unbegründet herausstellen würden. Er blickte auf alle, die sich anzogen, anschnallten und sich für die letzte Etappe bereit machten. Er konnte sich entscheiden, nicht zu starten. Wenn Mo’tak ihn betäubt hatte, wie er vermutete, dann wäre es ziemlich gefährlich, in sein Cockpit zu steigen. Aber er schob den Gedanken schnell beiseite. Er konnte jetzt nicht aussteigen, nicht, wenn das Ende so nah war. Es lag nicht an ihm. Er musste seinen eigenen Rat befolgen. Er musste das Rennen zu Ende bringen.

Er schaute zu Darring. Sie setzte gerade ihren Helm auf und machte sich bereit, in ihr Cockpit zu klettern. Er versuchte, ihre Aufmerksamkeit mit einem Winken zu erregen. Sie sah ihn nicht, oder sie ignorierte ihn. Was auch immer der Grund sein mochte, er war dankbar, dass er in der Dämmerung seiner Karriere die Gelegenheit hatte, gegen eine solche Kriegerin, eine solche Konkurrentin wie sie anzutreten. Geschwindigkeit ist Leben, dachte er, als er mit zitternden Händen seinen Helm aufsetzte. Aber wie immer konnte Geschwindigkeit auch den Tod bedeuten.

*****

Guul war knapp vor ihr, Mo’tak an ihrer Sechs. Sie war perfekt positioniert, um das unberechenbare Verhalten des Tevarin einschätzen zu können. Er hatte beschleunigt, verlangsamt, beschleunigt, als ob er nicht wusste, was er tun sollte. Oder vielleicht spielte er mit ihr, um ihre Entschlossenheit zu schwächen, sie zu zwingen, langsamer zu werden und mit seinen untypischen Bewegungen fertig zu werden, um so die Führung abzugeben. Aber das war dumm. Guul wollte genauso wenig wie sie, dass der rücksichtslose Xi’an gewann. Also, was war sein Spiel?

Sie flogen in einer hohen Umlaufbahn über Ellis VIII. Die letzte Strecke war eine lange Acht aus Ringen, die in leuchtenden Rot-, Grün- und Weißtönen aufblitzten. Es war ein gefährlicher Ort, denn die aus den Ringen kommenden Racer konnten ineinander knallen und ins All abprallen. Selbst wenn das eigene Schiff das überleben sollte, bedeutete die Zeit, die es bräuchte, um sich von einer solchen Kollision zu erholen, das Ende des Rennens.

Auf zwei orbitalen Tribünen direkt außerhalb des Kurses saßen Zuschauer und prominente Würdenträger, die gekommen waren, um am Ruhm des Siegers teilzuhaben. Der MCR ermöglichte es, die Energie und Aufregung der Zuschauer direkt in die Cockpits der Rennfahrer zu übertragen, während die GSN-Ansager über die letzten Runden im Sekundentakt berichteten. Einige Fahrer lebten von der Energie der Menschenmassen. Einige genossen den Lärm. Darring hingegen schaltete alles aus und konzentrierte sich stattdessen nur auf ihre Konkurrenten um sie herum. Sie manövrierte ihre M50 rechts neben Guul. Er schwang seine Hornet einen Hauch zu weit aus, und sie schlüpfte direkt neben ihn. Sein Flügel streifte die unsichtbaren Wände des Ringkurses und ließ die Spitze durch die Barriere schneiden wie die Flosse eines Hais durch eine Welle.

Dafür würde er eine Zeitstrafe kassieren, aber das schien ihm egal zu sein. Er wird alt, dachte sie und ließ ein Lächeln über ihre Lippen gleiten. Er kann die Strapazen einer so scharfen Kurve nicht mehr ertragen. Dann dachte sie, dass sie sich nicht freuen sollte. Sie wollte ihn schlagen, ihn dazu bringen, sie als Rennfahrerin zu sehen, als ebenbürtige Gegnerin, nicht als Hündchen, das man beraten muss. Aber sie wollte auch nicht, dass er das Rennen aufgab. Es war noch viel Strecke übrig, viele Kurven, und Mo’tak war ihnen direkt auf den Fersen. Der Xi’an drückte seine 350r nach unten, um direkt unter ihrem Bauch zu fliegen und einen Eindringling hinter ihm in einer aufgemotzten Avenger daran zu hindern, aufzuschließen.

Darring neigte sich nach rechts und spürte das Ziehen der starken G-Kräfte, obwohl sie fest in ihren Sitz geschnallt war. Ihre Haut war gut verheilt, aber jede Bewegung erinnerte sie doch an die Zerbrechlichkeit des Fleisches und ihre eigene Sterblichkeit.

“Dieses Mal wirst du nicht gewinnen, Mo’tak”, sagte sie in ihr Funkgerät. Nur ihr Crew-Chief konnte es hören, aber er bestätigten sie sofort. Er gab ihr Anweisungen, die sie klaglos akzeptierte und ihr Schiff nach links steuerte, als sie die Schleife verließen und auf die letzte Kreuzung zusteuerten. Guul kam wieder an ihre Seite, aber er bewegte sich immer noch seltsam und ließ seine Flügel beim Ausbalancieren wackeln. Sie schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf Mo’tak, dessen Triebwerk ein deutliches Ausbrennen zeigte. Er würde es jetzt nicht wagen, Illegales zu tun, nicht, wenn die gesamte Jury so aufmerksam zusah. Tatsächlich hatte sich Mo’tak seit seines Auftritts im Krankenhaus einigermaßen gut benommen. Er hatte seine Rennkünste für sich sprechen lassen. Vielleicht war er also doch kein so mieses Arschloch. Dennoch würde sie sein Geschenk nach dem Rennen nicht behalten.

Rote Punkte tanzten auf ihrem Radar und zeigten Gefahren an, als sie die Kreuzung überquerte. Sie driftete nach oben. Mo’tak folgte ihr, aber Guul schien damit zu kämpfen, nach oben zu driften, brauchte zu lange und ließ sein Fahrzeug wieder zurückfallen. Sie kämpfte gegen den Drang an, sich mit seinem Komm zu verbinden. Mo’tak versuchte, sie nach unten zu zwingen. Sie umklammerte ihren Steuerknüppel und bewegte sich mit ihm, ohne ihn einen Vorteil gewinnen zu lassen.

Die Blips auf dem Bildschirm wurden heller. Sie fokussierte sich, stieß ihre M50 nach vorne und flog direkt in die Kreuzung hinein. Zurückgebliebene Schiffe flogen im rechten Winkel an ihr vorbei und versuchten verzweifelt, mit dem Führungstrio mitzuhalten. Ein Schiff hätte fast ihren Flügel gestreift. Sie wich gerade noch rechtzeitig aus. Sie versuchte, Guul und Mo’tak in der Flut der purpurnen Flecken auf dem Bildschirm zu finden. Sie neigte sich nach links, nach rechts, wieder nach links. Darring flog aus der Kreuzung heraus, richtete ihr Schiff noch einmal aus und bereitete sich auf den Endanflug vor. Sie überprüfte ihr Radar. Es zeigte diejenigen an, die durchgekommen waren und die Verfolgung aufnahmen. Verdammt!

Mo’tak flog wieder direkt neben ihr, Guul war nicht weit hinter ihr, obwohl er immer noch kämpfte. Warum kann ich diese Bastarde nicht abschütteln? Schließlich machte Guul den Schritt, den sie erwartet hatte. Der Tevarin stieß seine Hornet nach vorn und schob sich mit solcher Geschwindigkeit zwischen sie und Mo’tak, dass er für eine Sekunde nur noch ein verschwommener Fleck war. Ihr Herz raste. Sie gab Gas, ließ sich direkt hinter ihn fallen und beobachtete, wie die Punkte auf ihrem Radar durch die lange, grün pulsierende Linie der Zielgeraden ersetzt wurden. Sie konnte ihre Aufregung kaum zügeln. Sie, Hypatia Darring, an zweiter Stelle auf der letzten Runde um Ellis VIII.

Es war die perfekte Position, um einen letzten Zug zu machen und alles zu gewinnen. Und da war Zogat Guul, der Meister, der sie anspornte, sie zwang, ihre alberne Fehde beiseite zu legen und ihn zu jagen, ihn zu jagen für den Ruhm, für die Berühmtheit, für die persönliche Befriedigung. Ein Lachen der reinen Freude legte sich auf ihre Lippen. Geschwindigkeit ist Leben. Sie gingen gemeinsam auf die Zielgerade. Eine volle Runde um die felsige Welt von Ellis VIII. Volles Tempo. Es gab nichts Vergleichbares in der Galaxie. Sie konnte ihre Aufregung nicht unterdrücken. Sie schrie in ihr Funkgerät. Mo’tak versuchte aufzuholen. Sie prügelte ihre M50 noch härter, hielt mit Guul Schritt, ließ sich von den grünen Lichtern des Radars nach vorn ziehen. Plötzlich aber wurde Guul langsamer, fiel neben sie, wurde weiter langsamer und überließ ihr die Führung. Blödsinn, dachte sie, und ihre Frustration wuchs, als ihm entgegenschrie:

“Was zum Teufel machen Sie da?”

Sie wurde mit Husten, Spucken und Stöhnen begrüßt. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.

“Ich bin froh, noch einmal mit Ihnen zu sprechen, Hypatia.“

Darring war ausser sich.

„Erinnern Sie sich, was ich Ihnen versprechen musste? Uns jetzt fallen Sie kurz vor dem Sieg freiwillig zurück. Erklären Sie das.”

Guul hustete. Es klang dick, blutig.

“Es ist nicht wichtig, dass ich gewinne, Hypatia. Ich habe in meinem Leben genug gewonnen. Es ist Zeit, dass andere glänzen. Es ist Zeit für dich, zu glänzen. Jetzt geh und schlag ihn. Und denk daran, was ich dir gesagt habe.”

Er kappte ihre Verbindung. Darring schrie auf, aber er war weg. Guul fiel zurück, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Gleichzeitig stürzte sich Mo’tak auf sie und übernahm die Führung. Sie gab Vollschub, bewegte sich in der Spur nach unten, platzierte ihr Schiff genau unter Mo’taks. Der schlanke, lange Körper seines 350r beschattete ihren kleineren M50. Es bestand kein Zweifel daran, dass sein Schiff die größere Ausdauer hatte –  in einem harten Zweikampf würde er siegen. Sie musste aus seinem Schatten, seinem Einfluss herauskommen.

Der einzige Weg, das zu tun, war … sie gab erneut Vollschub, doch nichts passierte. Sie versuchte es noch einmal. Ihre Armaturenbrett-Bedienelemente blinkten, einmal, zweimal, dann setzten sie aus –

“…was zum?”

Darrings Herz sank.

“Mo’tak!”

“In der Tat”, sagte er mit undeutlicher Stimme, “und jetzt, wo ich Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit habe, werde ich zurückfordern, was mir gehört.”

Nichts, was Darring tat, wurde vom Schiff registriert. Sie tippte auf Schalttafeln, betätigte Schalter, versuchte, einen MCR-Beamten über das Komm zu rufen. Nichts. Dafür reagierte die M50 schnell auf Mo’taks Fernsteuerung, die er offenbar heimlich installiert hatte. Er neigte sich nach links, sie tat das Gleiche. Er neigte sich nach rechts, sie folgte ihm. Schließlich setzte der Xi’an seinen 350r neben ihr ab, winkte ihr süffisant durch sein Cockpitfenster zu, befahl ihrem Schiff, sich leicht vorwärts zu bewegen, und sagte dann: “Ich lasse dich eine Weile die Führung übernehmen, meine Liebe, dann werde ich in letzter Minute dramatisch nach vorn ziehen und zum Sieg fliegen, während du außer Kontrolle gerätst, die königliche Tribüne rammst und Dutzende tötest. Man wird sich an dich als den Schlächter von Ellis erinnern.”

Sie schob und stieß den Steuerknüppel, hämmerte gegen das Armaturenbrett. Nichts.

“Ich werde dich zuerst töten, du erbärmlicher Mistkerl.”

“Und wie willst du das anstellen, meine Liebe? Du hast keine Kontrolle über irgendetwas … und dein Tevarin ist weg.”

Wie aufs Stichwort schoss ein heller Streifen an ihnen beiden vorbei, ein Schwall aus rotem und goldenem Düsenfeuer. Es brannte, sein Triebwerk war weit über die Grenzen der Integrität hinaus belastet. Darring blinzelte, um zu sehen, wer es war. Dann erkannte sie den blauen Tevarin-Schriftzug auf dem Rumpf. Guul. Seine Hornet raste vorwärts, voller Flammen und Wut. Darring konnte hören, wie Mo’tak unter seinem Atem fluchte. Sie versuchte erneut, die Kontrolle über das Schiff zu erlangen. Weiterhin nichts. Sie versuchte, nach Guul zu rufen, aber alles, was sie hören konnte, war Mo’taks aufgeregtes Gemurmel, während er ihrem Schiff befahl, sich zu bewegen und ihm vorauszufliegen.

Darring beobachtete wie Guul sein brennendes Schiff umdrehte, es perfekt auf ihr eigenes ausrichtete und direkt auf sie zusteuerte. Ihr Funkgerät knisterte mit einer anderen Stimme. “Bewegung!”, sagte sie, zerlumpt, undeutlich.

“Runter mir Dir”

“Ich kann nicht!”, schrie sie zurück, aber es kam keine Antwort.

Nur Mo’taks wahnsinniges Gackern war zu hören.

“Sag zu ihm, was du willst. Er kann dich nicht hören.”

Guul machte eine Linkskurve. Darrings Schiff bewegte sich zum Schatten der Hornet. Er neigte sich nach rechts, sie neigte sich ebenfalls. Guuls schwächer werdende Stimme flehte weiter, sie solle aus dem Weg gehen. Tränen liefen ihr über das Gesicht, ihre Stimme brach vor Anstrengung. Mo’tak lachte und lachte. Ihr Schiff drehte sich wie ein Korkenzieher um seine Längsachse. Sie schloss die Augen, wartete auf den Aufprall und flüsterte Guul leise zu:

“Es tut mir leid, es tut mir leid …”

Dann erinnerte sie sich. Unter dem Armaturenbrett eines jeden M50 befand sich eine Schalttafel, und darin ein von den Hauptstrom- und Kommandosystemen unabhängiger Schalter zur Stromabschaltung. Konnte Mo’tak diesen vergessen haben? Vielleicht, denn er war so töricht arrogant in seinen Intrigen und verbrachte zu viel Zeit in seiner 350r, um sich an alle Systeme seines zweiten Schiffes zu erinnern. Durch den schwindelerregenden Dunst ihrer Drehung hindurch griff Darring unter das Armaturenbrett, fand mit zitternden Fingern die Schalttafel, riss sie auf und legte den Schalter um.

“Du hast verloren, Mo’tak!”

Das Triebwerk starb sofort, und mit dem plötzlichen Mangel an Antrieb drehte sich ihr Schiff nach Backbord. Zogat Guul raste an ihr vorbei, traf Mo’taks Schiff genau vorne, explodierte beim Aufprall und schickte ihre zerschmetterten, brennenden Rümpfe ins Nichts. Darrings Cockpit erwachte in diesem Moment erneut zum Leben, ihr Steuerknüppel reagierte wieder. Sie brachte ihr Schiff aus dem Trudeln, zündete die Triebwerke neu und raste vor allen anderen über die Ziellinie. Ihre Boxencrew schrie genauso laut wie sie selbst, aber aus anderen Gründen. Sie freuten sich, waren begeistert, glücklich, dass ihre Rennfahrerin – der jüngste Mensch, der jemals den MCR gewonnen hatte – dies soeben vollbracht hatte. Darring jedoch war nicht deshalb glücklich.

Oh, sie war glücklich, dass sie gewonnen hatte, dass sie den Pokal geholt hatte, dass sie ihrem Vater bewiesen hatte, dass ihre Berufswahl doch nicht so dumm gewesen war. Sie lehnte ihren Kopf zurück und weinte. Sie weinte Freudentränen für Guul. Sie verstand jetzt seine Worte, die laut in ihrem Kopf widerhallten. Geschwindigkeit ist Leben, und ohne Geschwindigkeit gab es kein Leben. Das verstand sie jetzt. Der Cup war nur ein Rennen von tausend, die vor ihr lagen, und es würde kein wahres Glück geben, bis sie sie alle geflogen war und das Biest erlegt hatte, das vor ihr lag. In seinem feurigen Tod hatte Zogat Guul die Bestie endlich eingefangen. Jetzt war sie an der Reihe, es zu jagen, und sie würde es für ihn tun, für Guul … für immer. Jenseits der Ziellinie, jenseits der Tribünen, jenseits der Anerkennung und der jubelnden Fans, raste Hypatia Darring immer weiter ins Nichts hinaus.

– Ende –

 

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