
– Die Jahre 2948 / 2949 –
Von einem lange verschollenen Schiff im Stanton-System gerettet, findet John Brubacker den Weg zurück ins Leben – in ein Leben, das mit seinem früheren nichts mehr gemein hat. Aber: Was hat es zu bedeuten, dass ausgerechnet er nach einem 700 Jahre währenden Kryostase-Schlaf wieder aufwacht, während der Rest der Crew verstorben ist? Was hat das unbekannte Universum mit ihm vor? Die Hürden scheinen riesig – und die Antworten liegen irgendwo da draußen…
Prolog
02 / 01 / 2948: Ich blicke hinüber zu meinem alten Schiff. Von seiner Schönheit ist nicht mehr viel übrig – Sonnenwinde, Mikrometeoriten und UV-Strahlung haben der Hülle zugesetzt. Wir waren zu Fünft gestartet. Neben dem Piloten waren ein Co-Pilot an Bord, ein Systemingenieur und ein Navigator. Und ich als Beobachter.
„…eine lange Zeit. Dafür hat sie gut durchgehalten.“
Ich nicke gedankenverloren.
„…in den Archiven habe ich nichts gefunden. Das heißt, nur einen kleinen Vermerk, in dem das Verschwinden der Rangeen als Totalverlust von Ihrer Gesellschaft verbucht wurde.“
Ich drehe mich um.
„…In der Aufregung, dass das Kolonieschiff verloren ging, achtete niemand…nun…auf ein Beobachterschiff.“
„Und die Artemis?“
„Man hat nie wieder von ihr gehört. Aber Sie…Sie sind wieder zurück.“
„In einem fremden Universum.“
„In einem neuen Leben.“
Die Reise bis zum Rand des Sonnensystems sollte nur drei Wochen dauern. Dort sollte die „Artemis“ verabschiedet werden. Eigentlich zu kurz für einen Kälteschlaf. Aber Mission Command hatte darauf bestanden, dass wir in die Kryokapseln steigen. Auch drei Wochen, so hieß es, könnten in so einer Blechbüchse verdammt lang werden. Dann aber muss es eine Fehlfunktion gegeben haben.
„Wer hat mich gefunden?“
„Ein medizinisches Versorgungsschiff der UEE. Sie hatten Glück. Bis auf Ihre Kryokapsel war Ihr Schiff tot. Ihre Retter sind bei einem Patroullienflug nach Neujahr mit der Nase drauf gestoßen.“
„UEE…wo sind wir überhaupt?“
„Port Olisar“, sagt die Advocacy-Mitarbeiterin, „im Stanton-System.“
Nie davon gehört. Siebenhundert Jahre sind eine lange Zeit.

Zwei Tage später.
Ich wandle seit Tagen wie ein Geist über die mir fremde Station, blicke immer wieder durch die riesige Panoramascheibe und beobachte an- und abfliegende Schiffe. Um mich herum, lauter mir unbekannte Menschen, die ihren persönlichen Geschäften nachgehen. Eines hat sich jedenfalls nicht geändert: die Eile, der Glaube, immer irgendwo hinzumüssen. Ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben still. Ich schaue und nehme doch nicht wahr. Ich bin am Leben, das ist es, was zählt. Um mich herum nimmt die Realität erst langsam Gestalt an.

Ich habe mir vorgenommen, regelmäßig festzuhalten, was passiert und was mir durch den Kopf geht. Die ersten Tage sind vergangen. Die Schmerzen im Körper lassen nach. Das Zeug, das einem in den Arm gespritzt wird, um die Körperfunktionen während der Kryostase aufrecht zu erhalten, habe ich fast ausgeschieden. Ich habe außerdem auf der Krankenstation von Port Olisar diverse medizinische Tests über mich ergehen lassen. Ich habe meinen langen Winterschlaf besser überstanden als gedacht.
Nach ein paar Tagen haben sie mir dann meine Habseligkeiten in die Hand gedrückt, mir alles Gute gewünscht – und das war’s. Was soll jetzt aus mir werden? Ich habe nicht die geringste Ahnung. Eine gute Nachricht aber gibt es doch: Ich bin reich, oder sagen wir – vermögend. Ich hatte vor meinem Abflug meine gesamte Barschaft in den Raumschiffhersteller RSI gesteckt.
Es gibt ihn immer noch – und das will nach siebenhundert Jahren etwas heißen. Sie haben sich breit aufgestellt. Irgendwann sind die Aktien wohl durch die Decke gegangen. Nachdem meine Personalien zweifelsfrei festgestellt waren, durfte ich einen Blick in mein Depot werfen. Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen.
Ich spiele mit dem so genannten Mobiglas herum, das ich seit zwei Tagen trage. Es sieht aus wie ein Mode-Gimmick, ist aber ein feines Stück Technik. Alles, was man wissen muss, ist auf Fingerdruck abrufbar – Geld, Aufträge, Nachrichten. Ein Smartphone des Jahres 2948.
Nur kein eigenes Leben.
Aufgelesen
<klick> …Wiedergabe…
„…na, ja, ich bin vor gut zehn Minuten aufgewacht. Dann sind Sie rein gekommen und seitdem schauen Sie mich … können Sie mal das Licht runterdrehen? Ich hab’ brüllende Kopfschmerzen.“
Unbekannte Stimme: „Wir haben Sie gefragt, ob Sie den Recrutierungs-Button bewusst gedrückt haben?
„…also, wenn Sie mich so direkt fragen: Nein, ich weiß nicht, ob ich den Knopf gedrückt habe. Aber sonst säßen Sie ja wohl kaum hier, oder?“
Unbekannte Stimme: „Noch einmal: Ihr Name?“
„John Brubacker.“
Unbekannte Stimme: „Und woran können Sie sich erinnern? Eines nach dem anderen.“
„…so weit ich mich erinnere, war es eine Werbe-Comm. Ich wollte sie schon löschen, doch dann las ich: „Crash – Search and Rescue“. Musste erstmal grinsen wegen des Namens. Im Anhang dann ein paar Videos mit ein paar Dogfights. Jedenfalls verging mir das Grinsen. Ich wusste nicht, dass man mit einer Hornet so fliegen kann…und da habe ich spontan gedacht…“
<klick> Wiedergabe stopp.
Beide Recruiter mustern mich eingehend.
„…eigentlich sind Sie zu alt“, sagt er eine. „Es gibt eine biologische Grenze für die Arbeit im Cockpit.“
Er macht ein Dateivermerk. Beim Hinausgehen dreht sich der zweite Recruiter um.
„Wissen Sie, wir suchen immer gute Leute. Aber, merken Sie sich: Das bedeutet noch gar nichts. Es ist nur der erste Schritt. Aber wenn Sie sich darauf einlassen, kann es für Sie vielleicht der erste Schritt in ein neues Leben sein. Unabhängig davon, wer oder was Sie früher einmal waren.“
Journal-Eintrag 28 / 01 / 2948
Vor drei Wochen bin ich dem Tod von der Schippe gesprungen. Jetzt haben mich Söldner aufgelesen. Das hätte ja nicht besser laufen können. Ich hatte eigentlich vorgehabt, irgendwie auf die Erde zurückzukehren. Das hat sich wohl erstmal erledigt.
Flugübungen
„Brubacker!“
Mein Flugbuddy steht am Fuß der Leiter meiner Hornet und brüllt meinen Namen.
Langsam klettere ich die Leiter meiner Maschine hinab.
„Was ist dein Problem?“
„Welches Problem?“
„Das frage ich dich. Wir haben nicht einen Dogfight gewonnen.“
Auf dem Flugdeck der „Florence Nightingale“ versteht man kaum sein eigenes Wort, aber mein Trainingspartner ist so aufgebracht, dass sich sogar Mechaniker umdrehen, die zwei Reihen weiter Maschinen für die nächsten Piloten-Anwärter fertig machten. Ich fühle mich unwohl. Wir sind soeben von einem Übungsflug zurückgekehrt. Tjosten, Rotationsflug und ein wenig kämpfen mit Partner und Übungsmunition standen auf dem Programm.
„Wenn man dir zusieht, denkt man, du hast überhaupt keine Ahnung, wohin du fliegst. Das dürfte dir nicht passieren. Nicht wenn du im Simulator trainiert hättest. Und du bist genauso lange hier wie ich. Von deiner Kommunikation will ich gar nicht erst reden…“
„Hey, ich habe trainiert.“
„Unsinn. Du bist mindestens ein Drittel weniger geflogen als alle anderen.“
„Der Arena Commander…“
„…der Arena Commander ist ein Spielzeug. Checkst du etwa meine Logs?“
Mein Partner dreht sich um und geht ohne ein weiteres Wort davon. Insgeheim weiß ich: Er hat Recht. Ich würde selbst keinen Pfifferling auf meine Flugkünste geben. Und es stimmt ja auch. Ich war noch nie der Fleißigste. Immer nur das Nötigste. Meist auf den letzten Drücker. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen. G-Safe, Comstab, ESP – ich hatte die Schiffssysteme schnell verstanden. Andererseits…
Ich fühle mich ausgelaugt. Das Packen meiner Habseligkeiten innerhalb weniger Stunden in dem schäbigsten Loch, das man auf Port Olisar mieten konnte, die Formalitäten, die Überprüfung, dass ich kein Pirat war, die Einweisung auf der „Florence Nightingale“ – es war viel gewesen in den ersten Wochen. Viele unbekannte Gesichter, das Gerede über das High Command, die Pflicht-Stunden im Sim, der Befehlston…hatte ich mich tatsächlich freiwillig als Söldner gemeldet? Was ist bloß aus dem Mann geworden, dessen Name früher einmal überall stand? Dessen Meinung gefragt war? Hier bin ich nur noch ein Niemand. Aber vielleicht ist das ja ganz gut so….und doch…tief im Innern weiß ich, dass ich meine Vergangenheit nie ganz abstreifen können werde.
Ich schüttle den Kopf, um die Bilder zu verscheuchen.

Ein paar Tage später.
„Hochziehen!“
Die Stimme des Flight-Instructors dröhnt in meinem Helm. Er checkt den rechten Monitor in seinem Cockpit. Er sieht, wie mein Kopf nach rechts weggeknickt im Helm liegt, mein Mund ist leicht geöffnet, meine Augen flirren – ganz so, als wäre noch Leben in ihnen. Doch der Instructor weiß: Es ist nur das leichte Zittern des Triebwerks, das sich durch den Rumpf des Raumschiffes fortpflanzt und das meine Augenlider tanzen lässt.
„Brubacker!“
„….ugh…“
„Hochziehen. Und volle Schubdüsen. Sofort!“
Meine rechte Hand liegt schlaff auf dem Steuerknüppel. Es dauert einen Atemzug, dann habe ich ihn wieder fest umklammert und ziehe so kräftig, wie ich kann. Unterdessen kämpft sich mein Bewusstsein zurück an die Oberfläche. Wohl mehr instinktiv bediene ich die Schubdüsen. Als hätte ihr jemand einen Tritt verpasst, zieht meine Übungshornet steil nach oben. Der riesige Felsbrocken, auf den das Schiff eben noch zugerast ist, verschwindet aus meinem Sichtfeld. Noch immer fühle ich mich benommen. Nur Augenblicke später trudelt die Hornet in den leeren Raum darüber.
Der Flug-Ausbilder stöhnt und seufzt in einem Atemzug. Es ist ein Laut, in dem vieles mitschwingt. Und doch: Er hatte den Job nicht übernommen, um die Büttel immer sofort hinzuwerfen, selbst bei den schwierigen Fällen. „Ruhig atmen“, sagt er halb zu sich selbst, halb zu mir. Wie in Trance fliege ich eine weite Kurve, zurück zum Atmosphären-Umwandler, dem Startpunkt der Flugübung.
Seit gut einer Stunde üben wir im „Arena Commander“, einer Simulation, die sich so real anfühlt, dass man schon nach wenigen Minuten glaubt, im echten All zu fliegen. Physikalische Gesetze werden naturgetreu wiedergegeben – Beschleunigungen, Drehmomente, Fliehkräfte. Sogar Bewusstseinszustände übertragen sich auf die Piloten.
Man nimmt in dem Simulator Platz, schnallt sich an und setzt einen Helm auf, in den mit Hilfe von Mikrokameras das gesamte Abbild des Weltalls samt Raumschiffcockpit projiziert wird. Sensoren lesen Gehirnströme aus und geben Impulse, reizen den Gleichgewichtsnerv im Innenohr so, dass Bewegungseindrücke ans Gehirn übermittelt werden. Jedes Manöver fühlt sich absolut echt an, die Illusion ist perfekt.
Kurzum: Gefahr für Leib und Leben besteht nicht. Es wäre für mich auch schwierig gewesen, fünfmal hintereinander zu sterben. Dreimal bin ich in der vergangenen Stunde in der Simulation an Asteroiden zerschellt. Einmal habe ich einen virtuellen Schlaganfall erlitten, weil der Redout so extrem war, dass in meinem Kopf eine Ader geplatzt ist. Und einmal habe ich die Hornet so hart herumgerissen, dass ich mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe des Cockpits geschlagen bin und ich mir das Genick brach.
„Haben Sie etwas gesagt?“
„Nein. Noch einmal von vorn.“
Ich richte meine Maschine erneut aus und gebe Vollschub.
„Moment…ich wollte noch einmal…“
Der Instructor hält inne, schürzt die Lippen.
„Brubacker… Du, ich werde Dich einfach Bru nennen. Brubacker dauert einfach zu lang. Erst recht, wenn Du wieder wegkippst.“
Ich starre einen Moment in den Raum, der scheinbar unendlich vor mir liegt.
Bru.
In meiner Kindheit hatten mich alle so genannt. Ich lächle.
„Gehen wir die Übung noch einmal in Ruhe durch“, sagt er.
Vollschub, Decoupeln, 180-Grad-Wende, mit dem Heck voraus, eincoupeln, nirgendwo gegen knallen, wach bleiben. Ich lausche den Anweisungen und schwöre mir: Diesmal werde ich das Bewusstsein nicht verlieren. Dann lasse ich die Hammer-Propulsion-TR4-Triebwerke meiner virtuellen Schulungs-Hornet erneut aufjaulen.
Journal-Eintrag 02 / 05 / 2948
Ich habe mich im Simulator übergeben. Das wird nichts. Nicht an vorderster Front. Ich werde mein Abschiedsgesuch bei einreichen. Es ist vielleicht Zeit, mir ein eigenes Schiff zuzulegen.
Die Fast-Rettung
„…aber Sie wissen schon, dass wir ein Rettungsdienst sind und keine Sterbebegleitung?”
Ich blicke betreten zu Boden.
„…und das ist das einzige, was Ihnen eingefallen ist?”
Ich zucke mit den Achseln.
„Die Zeit wurde knapp und meine Schiffe…“
Der Chief of Staff macht eine Handbewegung, die mich sofort zum Schweigen bringt.
„Wissen Sie, ich hatte schon vorher Kopfschmerzen. Jetzt habe ich das Gefühl, mir platzt gleich der Schädel.”
Old Spice seufzt tief.
„Wenn Sie also jetzt gehen, dann schließen Sie bitte leise die Tür. Und ich meine leise.“
Ich schleiche zur Tür des Büros des Chief of Staff, drücke behutsam die Klinke hinunter, schlüpfe schließlich durch den Spalt und ziehe die Tür hinter mir zu. Old Spice zieht unterdessen aus einer Stim-Schachtel einen seiner letzten Glimmstängel. Er lehnt sich auf seinem Bürostuhl zurück, legt den Kopf in den Nacken, nimmt einen Zug. Dann stößt er erst einen, danach einen zweiten Kringel in die Luft.
„Rauchzeichen“, sinniert er und grinst, „vielleicht hättet ihr es damit mal probieren sollen.“
Zwei Stunden zuvor.
„Franky? Franky, kannst du mich hören? Wie sieht’s mit dem Sauerstoff aus?”
Es knackt in der Leitung.
„…bin bei 80 Prozent.“
Ich höre eine Stimme hinter mir.
„Hallo Sie? Darf ich mal fragen, was Sie da machen? He, Sie da!”
Ich spüre, wie mit dem Fuß gegen mein Bein gestoßen wird. Sehen kann ich es nicht, denn ich stecke mit meiner vorderen Körperhälfte in einem Kabelschacht.
„Moment, da will jemand was.“
Ich ziehe den Kopf heraus und erkenne eine Frau, vielleicht Anfang vierzig. Sie ist hübsch, scheint aber sehr streng zu sein.
„Ist ein Notfall”, sage ich und stecke den Kopf wieder in den Kabelschacht.
„Ich will jetzt sofort wissen, was Sie da machen!”
Ich krauche wieder hervor und seufze: „Ich habe den Router fürs Kommunikationsnetzwerk der Station neu gebootet. Ich kann mir gerade nicht leisten, dass alles erst in ein paar Stunden wieder geht.“
„Ich glaub’, Sie spinnen”, sagte die Dame. „Sie können hier doch nicht die Station auseinanderbauen!”

Seit die Reclaimer auf Port Olisar landen darf, fällt auf der Station ständig irgendwo was aus. Nicht, dass es vorher besser gewesen wäre, aber nun ist es wirklich zum Heulen. Die Riesenpötte schütteln die ganze Station so durch, dass sich Steckverbindungen lösen, Sicherungen rausfliegen, Türen nicht mehr öffnen, die Terminals verrücktspielen.
„Authentification failed”, heißt es an einem Tag, „Disconnect” an einem anderen.
Kurzum: Es ist ein reines Glücksspiel geworden, ob man von der Station runterkommt. Vom Kommunikationsnetzwerk ganz zu schweigen. Es bricht in schöner Regelmäßigkeit zusammen.
„…nee, ich bin erstmal froh, dass ich wieder mit dir sprechen kann. Bis eben ging gar nichts. Funk tot, Chat tot…”
„Sie kommen jetzt sofort hoch und erklären mir…”
„…habe ich schon probiert. Disconnect, dreimal, dann Shutdown. Ohne Notöffnung würde ich nicht mal aus dem Schiff kommen. Keine Ahnung, wie sie das hier noch jemandem erklären wollen. Wie sieht dein Sauerstoff aus?”
Es dauert einen Moment, bis Franky antwortet.
„50 Prozent. Ist da aber voll der schöne Sonnenuntergang, ist ja vielleicht auch mein letzter.”
„Wir müssen uns dringend was einfallen lassen“, sage ich.
Ich ziehe meinen Kopf aus dem Kabelschacht, weil sich der Router gefangen hat und das Kommunikationsnetzwerk einigermaßen stabil zu laufen scheint.
„Sie reden jetzt sofort mit mir!”, fordert die Dame. Sie mustert mich streng. Dann fällt ihr Blick auf das kreisrunde Logo meiner Organisation, das auf mein Hemd gestickt ist. Plötzlich macht sie auf dem Absatz kehrt und eilt davon.

Büro des Chief of Staff.
Vor dem Chief of Staff des Crash-Corps stapeln sich die Papierberge. So sehr er auch ranklotzt — es scheint einfach nicht weniger zu werden. Hinter der Organisation liegen harte Zeiten und das High Command hatte daher beschlossen, auf der Raumstation ein kleines Büro anzumieten, um die Sache wieder in Schwung zu bringen. Auf dem Tisch des Chief of Staff stapeln sich Organigramme für die künftige Struktur des Corps, Eingaben, dazwischen lieg das neue Manifest.
„Irgendwo muss man ja mal anfangen”, sagt Old Spice laut zu sich selbst als die Tür zu seinem kleinen Büro auffliegt.
„Mr. Spice…“, sagt die Sicherheitsoffizierin, „Sie müssen sofort mitkommen.“
Sie atmet laut ein und aus.
„Da…da ist ein Mann, der macht sich an meiner Station zu schaffen. Es muss einer Ihrer Leute sein.“
Ihr Blick fällt auf das riesige offizielle Logo des Corps, das hinter dem Chief of Staff an der Wand hängt. Sie fasst sich und sagt: „Wenn Sie Ihr Büro auf Port Olisar behalten wollen, kommen Sie besser mit.”
Ein paar Minuten später erreichen sie die Plattform.
„Sehen Sie, er tut es schon wieder”, sagt die Sicherheitsoffizierin, kaum dass sie angekommen sind. Ich kann sie nicht sehen, dafür aber umso besser hören.
,,…vielleicht könntest du ein großes SOS in den weichen Sand laufen”, schlage ich vor.
„Einen Versuch ist es wert”, antwortet Franky. „Es dauert aber ein paar Minuten. Ich melde mich wieder.”
„…und dann klettere mal auf einen Hügel. Schau mal, wie es von oben aussieht. Ob man es sehen kann.“
Ich höre, wie er keucht, wie er Buchstaben in den staubigen Sand zu kratzen scheint und wie seine Füße anschließend auf felsigem Untergrund Halt suchen, während er irgendwo nach oben klettert. Schließlich scheint er innenzuhalten.
„ Und?“, frage ich.
Franky atmet schwer.
Schließlich sagte er: ,,…C….S”

„So ein Mist.”
„Sauerstoff?”
„30 Prozent.”
„Brubacker, was zum… kommen Sie da raus!“
Old Spice brüllt.
Er hat mich mittlerweile mehrfach aufgefordert, aus dem Schacht herauszukommen. Ich erschrecke, denn die Stimme des Chief of Staff kann einem einen Heidenschreck einjagen.
„Was zum Henker ist hier los?”, fragt Old Spice.
Ich erkläre alles und sofort ist der Chief of Staff hellwach. Plötzlich knackt es wieder im Headset.
„Da ist eine Cutless“, sagt Franky plötzlich.
„Wo soll denn jetzt eine Cutless herkommen?“, frage ich zurück. „Und wie ist dein Sauerstoff?”
Es dauert einen Moment, dann antwortet Franky wieder.
„20 Prozent.”
„…dann ist da keine Cutless. Das ist die einsetzende Hypoxie. Du hast Wahnvorstellungen.”
Die Sicherheitsoffizierin blickt mich an, als hätte sie es mit einem Irren zu tun.
„Franky? Vielleicht will dich auch jemand abknallen. Franky?”
Die Verbindung ist erneut unterbrochen. Ich werfe mich wieder auf den Boden und krieche erneut in den Kabelschacht, um ein drittes Mal den Reboot-Knopf zu drücken. Entgeistert verfolgt Old Spice das Geschehen.
„Franky? Wo biste?“
Es knackt erneut im Headset.
„In der Cutless”, antwortet er schließlich.
Ich schäle mich wieder aus dem Kabelschacht und Old Spice stellt an meinem Headset auf Laut, sodass er alles mithören kann.
„Echt?”
„Ja, der muss meinen Notfall-Beacon gesehen haben.“
„…den du vor einer Stunde abgeschickt hast?”
„Ja, krass, oder?”
„Und was passiert jetzt?”
„Wir nehmen Kurs auf Port Olisar. Wir sind in ein paar Minuten da.“
„…und dein Sauerstoff?”
„Ist wieder bei 100 Prozent.”
Mir fällt ein Stein vom Herzen.
„Woher wissen Sie überhaupt, dass man da das Kommunikationsnetzwerk neu booten kann?”, fragt mich die Sicherheitsoffizierin.
Sie kneift die Augen zusammen. Das würden sonst nur die Service-Techniker wissen.
„Das würde mich auch mal interessieren“, ergänzt der Chief of Staff.
Ich blicke die Sicherheitsoffizierin mitleidig an.
„Ich bin auf dieser öden Station schon so oft aufgewacht, dass ich jede Ecke kenne. Diese Knotenpunkte gibt es überall.“
„Öde Station?”, echot die Offizierin. Sie atmet schwer. „Mir reicht es jetzt und außerdem ist ja jetzt auch Ihr Chef da. Ich gehe davon aus, dass er sich um alles Weitere kümmern wird.“
Sie streckt sich und schreitet von dannen.
„…und sehen Sie zu, dass von dieser Schweinerei hier nachher nichts mehr zu sehen ist!“
Ich sehe, wie Old Spice ergeben nickt. Dann wendet er sich an mich.
„Und jetzt ab in mein Büro. Und sagen Sie Ihrem Freund, er soll gleich hinterherkommen, wenn er gelandet ist.“
Augenblicke später erreichen wir das Büro des Chief of Staff. Während ich in der Mitte des kleinen Raumes stehen bleibe, umkurvt Old Spice geschickt die Papierberge und nimmt auf seinem alten Bürostuhl Platz. Er schließt die Augen. Es wird höchste Zeit, dass die Academy wieder ihre Pforten öffnet — und sei es nur, um uns beizubringen, nicht unter vollem Schub der Manöver-Düsen auf einen Planeten runter zu kacheln, um anschließend ohne Sprit dazustehen. Über eine gelungene Kommunikation will er gar nicht erst nachdenken. Dann schaut er mir tief in die Augen und liest mir die Leviten.

Zehn Minuten später.
Vor der Tür wartet anschließend Franky.
„Wie lief’s?“, fragt er.
„Kleines Donnerwetter würde ich sagen.“
Ich hatte mir für den Chief of Staff gleich nach meiner Rekrutierung drei Donnerwetter-Stufen überlegt. Kleine Donnerwetter gibt es immer wieder mal, mittlere, wenn mal richtig was daneben geht und große bei Dingen, die dem Ethos des Corps zuwiderlaufen. Dann kann der alte Hund fuchsteufelswild werden. Franky selbst hat Old Spice nur kurz nach seinem Wohlbefinden befragt, dann war er entlassen worden.
„Komm, lass uns auf diesem fliegenden Schrotthaufen was zu trinken finden.”
Franky nickt.
„Ich gebe einen aus. Hast du eigentlich schon einen Partner für die Academy?“
„Nee, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“
Old Spice drückt unterdessen seine Stim aus. Er hat sie bis auf den Stummel niedergeraucht. Sein Grinsen geht in ein heiseres Kichern über.

Journal-Eintrag 22 / 09 / 2948
Alles, was rund Crusader Rang und Namen hat, ist da –- „M.E.R.C.“, „Ihope“ oder die „Deep Dive Cooperation“. Mir sagt das alles nichts, außer: Allein ist man in diesem Universum verloren. Nur in einer Gemeinschaft überlebt man. So viel habe ich mittlerweile begriffen. Ich schaue durch die Panoramascheibe von Port Olisar. Sie reflektiert das rege Treiben der Con 42. Mein Blick fällt auf ein Logo und einen Schriftzug – spiegelverkehrt zwar, aber dennoch leicht zu entziffern: „Phoenix“. Der Name passt zur mir. Ich bin ja auch wieder auferstanden, wenn man so will. Ich gehe hinüber.
Ein Waffenunternehmen. Der Stand, den das Unternehmen aufgebaut hat, ist mit Abstand der größte der Messe. Sogar einen eigenen Schießstand hat das Unternehmen. Jeder der weiß, wie man eine Waffe hält, probiert sich aus. „Pew Pew“ heißt das. Eine schöne Umschreibung für ein Loch in Brust oder Helm. In Schaukästen liegen Waffen aus, die das Unternehmen im Angebot hat. Krieg geht eben immer. Daran hat sich in den vergangenen siebenhundert Jahren nichts geändert. Nach ein paar Minuten sitze ich bei einem Recrutierungsgespräch für eine Organisation, meinem zweiten innerhalb weniger Monate. Ich hoffe, diesmal läuft es besser.

Journal-Eintrag 17 / 11 / 2948
Meine erste Mission für “Phoenix Interstellar” wurde gecancelt. Ich habe keine Ahnung, wieso. Vielleicht sollte ich mir erst einmal ein paar ordentliche Rüstungsteile zulegen? Ich werde nach Port Olisar zurückfliegen, da kenne ich mich mittlerweile aus – aber nicht ohne mich vorher noch ein wenig auf Hurston umzuschauen. Es ist mir schleierhaft, wie man einen ganzen Planeten so runterrocken kann. Aber das ist eben das Resultat, wenn die Industrie machen kann, was sie will. Rund um Lorville sieht es aus wie ein einziges Verbrechen gegen die Natur.
Fliegt man aber weiter raus, gibt es durchaus auch schöne Ecken. Ich habe sogar ein paar lauschige Fleckchen mit Bäumen und Sträuchern entdeckt. Nur ins Wasser darf man nicht gehen. Es hat eine ungesunde Farbe. Es würde mich wundern, wenn darin noch etwas lebt. Mein erster fremder Planet – und dann dies. Dafür erlebe ich ein paar spektakuläre Sonnenaufgänge. Eine fremde Sonne vor einem fremden Sternenhimmel!

Journal-Eintrag 24 / 11 / 2948
Ich drehe das Ticket zur Intergalaktischen Luft- und Raumfahrtmesse in den Fingern. Lorville auf Hurston – ich kann mir kaum einen dreckigeren Ort vorstellen, um auf Hochglanz polierte Raumschiffe auszustellen. Aber es hilft nichts: Ein fliegbarer Untersatz muss her.
Heute ist RSI dran, die Mutter aller Raumschiffhersteller. Ich finde, sie haben ein gelungenes Design und mir wird klar, warum sie so beliebt sind – und mich so reich gemacht haben: Es sind funktionale Schiffe mit viel Platz, robust noch dazu. Sie sind geeignet für alle möglichen Einsätze. Ich lasse meine Augen durch die Halle schweifen.
Es ist wie auf einer Brautschau. Auf den ersten Blick ist man schnell verliebt, aber dann denkt man: zu groß, zu klein, zu dick, zu teuer. Ich bin ständig hin- und hergerissen. Ich amüsiere mich über die leeren Flaschen in der Bar in einem Luxus-Modell namens Constellation Phoenix. Vielleicht liegen bei RSI jetzt lauter Dockarbeiter in einer Ecke. „Männer, wir fliegen zur Expo. Das muss alles weg. Prost!“
Auch in der Zukunft verstehen die Herren Raumschiffhersteller eben etwas von Business. Das zeigt sich auch daran, dass auf allen Schiffen über die Firmen hinweg die Bedienung fast identisch ist. Der Umstieg von einem Schiff auf ein anderes ist so keine große Sache. „Miet mich“ steht überall draußen drauf. Wenn Du erst einmal im Pilotensitz gesessen hast, sitzen auch die Credits anschließend lockerer.

Journal-Eintrag 26 / 11 / 2948
Ich unterschreibe auf der Expo Verträge für ein paar Raumschiffe. Der Verkaufsagent versichert mir, dass ich die Schiffe jederzeit wechseln könne. Es sei klug, sich so breit aufzustellen. Schließlich wisse man nie, wohin einen der Weg eines Tages führen werde. Ich könnte ihm eine reinhauen. Schließlich besitzt er als Sicherheit nun meine Aktien-Optionen. Und versichert sind die Schiffe ja auch noch.
Ich bekomme eine Nachricht von Vooslo, wie ich Neuling bei „Phoenix Interstellar“. Er fragt, ob wir uns gemeinsam mal ans Mining wagen wollen – jetzt wo ich ebenfalls stolzer Besitzer einer Prospector sei. Ich muss nicht lang überlegen. Zum besten Fighterpiloten des Universums habe ich nicht getaugt. Vielleicht bin ich ja ein Miner?
Ich kann aber auch dringend ein wenig Bargeld gebrauchen. Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, komme ich an viele Aktienoptionen nicht ohne Weiteres heran. Ich darf sie zwar als Sicherheit für Raumschiffe hinterlegen, in Geschäften kaufen kann ich dafür aber nichts. Anders gesagt: Ich bin wohlhabend, aber fast pleite. Ich komme um harte Arbeit nicht herum. Es ist aber vielleicht auch nicht das Schlechteste, die Knochen nach siebenhundert Jahren Tiefschlaf mal wieder ein wenig in Schwung zu bringen.

Journal-Eintrag 04 / 12 / 2948
Mining – wie langweilig wird das wohl werden? Auf Steine starren und diese erhitzen bis sie zerspringen. Falsch gedacht. Wie ein Kaninchen auf die Schlange starre ich seit Minuten auf den Rock Energy Level. Fällt er, erhitzt sich der Stein nicht genügend und ich kann hier hocken bis ich Moos ansetze. Rutscht er in den roten Bereich, wird es gefährlich. Dann fliegt mir der Brocken um die Ohren.
Yela, hier kannst Du nicht viel machen, ausser die Erde aufzuschweißen. Ein Mond, der um Crusader kreist – kalt, unwirtlich, einsam. Vooslo ist auf Abstand gegangen. Sollte ich mich anstellen wie der erste Mensch und zuviel Laser-Energie in den Brocken jagen, so kriegt auch er eine Klamotte durch die Frontscheibe. Er hat mir für den Anfang einen Stein rausgesucht, den er bereits vorgeknackt hatte. Endlich, er zerbricht. In vier der fünf Bruchstücke ist der Mineraliengehalt null, in einem ist ein wenig Agricium enthalten – das bringt rund 1000 Credits.
Nach knapp einem Jahr habe ich eines verstanden: Man muss offen sein für jede Gelegenheit, die sich bietet. Wer überleben will, muss alle Professionen beherrschen. Auch das Bedienen eines Mininglasers kann über Leben oder Tod entscheiden.

Journal-Eintrag 10 / 12 / 2948
Lorville – was für ein Moloch. Zwischen Wolkenkratzern, die scheinbar bis zum Himmel reichen, wirken die Menschen verloren, gehetzt und immer auf dem Sprung. Wer hierher kommt, der hat etwas zu erledigen, einen Deal zu machen, einen Auftrag anzunehmen oder abzuschließen. Wer hier arbeitet, weil er es muss, der hat keine bessere Alternative gefunden. Muße, Kurzweil, Entspannung – wer das in Lorville sucht, der ist am falschen Ort.
Die ganze Stadt ist ein einziger Spagat – ein Spagat zwischen schäbigen Ecken, dunklen Gassen, Schrottplätzen, Kneipen auf der einen Seite – und Protz und schamloser Zurschaustellung von Macht im Hauptquartier von Hurston Dynamics auf der anderen Seite. Vom Umland gar nucht erst zu reden. Wer seinen Dreck, Abfall und Müll derart ungeniert und rücksichtslos vor den Stadtmauern entsorgt, dem dürfte jede Moral fehlen.
Auch wenn die Werbeplakate von Hurston Dynamics anderes verkünden – als Individuum ist man hier nicht viel wert. Das zeigt sich auch in der Ruppigkeit der Wachen, die hier an jeder Ecke postiert sind. Bleibt man nur einen Augenblick zu lange stehen, wird man weitergescheucht. Nur deine Arbeitskraft, die will das Unternehmen natürlich haben. Und wenn du nicht mehr kannst, dann wirst du eben wieder fit gemacht – das riesige Krankenhaus im Innenstadtbereich zeugt von dem Umstand, dass die Menschen hier wohl nicht viel mehr sind als Arbeitsbienen.
Monopolbildungen, Zusammenballungen und Konzentration in ungesunder Größe – das ist nichts Neues. Hier aber kann man sehen, was passiert, wenn einem Unternehmen ein ganzer Planet gehört. Sie haben ihn in einen Müllhaufen verwandelt – in einer Mischung aus Größenwahn, Profitgier, Rücksichtslosigkeit und Desinteresse.
Good fire, bad fire
Den ersten trifft es kurz vor dem Bunker-Eingang. Eine Flaksalve reisst Daymen von den Füßen. Sie hat die Vorhut gebildet. Geschockt sitzen Vooslo und ich in unserem Ursa Rover und blicken auf unsere Kameradin, die wenige hundert Meter vor uns zusammengebrochen ist.
Wir denken fieberhaft nach. Näher ran, unsere Kameradin retten? Sicher – aber wie, ohne uns selbst in Gefahr zu bringen? Ich suche auf dem vor mir liegenden Gelände nach Deckung, als sich das Flakgeschütz neu ausrichtet und nun unseren Rover aufs Korn nimmt.
„Wir müssen hier raus, sofort.“
Vooslo springt von seinem Fahrersitz auf, ich hechte hinterher. Kaum sind wir zur Seitentür hinaus, schlägt auch schon die nächste Salve ein. Wir springen hinter einen Felsen, während das gepanzerte Fahrzeug in Stücke fliegt als wäre es aus Pappe.
Eine brutale Fehleinschätzung hat zu der katastrophalen Lage geführt. Wir wussten zwar, dass die Bunker-Flakgeschütze noch aktiv waren. Alle drei waren wir aber überzeugt davon, dass sie nur den Himmel scannen würden. Wer würde hier draußen, in der weiten Einöde Hurstons, zwischen Dreck und Kontaminierung, schon freiwillig am Boden unterwegs sein? Bei unserer Annährung hatten wir uns daher in Sicherheit gewähnt.
Jetzt sitzen wir in der Falle, einer kampfunfähig.

Rund 20 Minuten zuvor.
Die Constellation geht in den Landemodus. „Wenn wir hier runtergehen, ist das Schiff sicher“, sagt Vooslo.
Nur Sekunden später hat es Halt auf dem felsigen Untergrund gefunden.
„Drei Klicks sollten reichen.“
Ich stehe aus meinem Co-Pilotensitz auf, gehe in den Frachtraum und lasse den Ursa Rover auf der Laderampe hinunter.
Das Schiff ist eine gute Wahl für den Einsatz. Mit seinem starken Scanner war der Eingang zu der unterirdischen Anlage leicht zu finden – mehr noch: Derzeit sind so viele Constellations über Hurston unterwegs, dass wir nicht weiter auffallen. Wir wollen einen Bunker inspizieren, eine Sicherheitsanlage, die von Hurston Dynamics einst genutzt worden war, um an der Oberfläche Waffentests durchzuführen. In Lorville geht das Gerücht um, dass die Einrichtung verlassen ist.
Unsere offiziell als Ausflug deklarierte Unternehmung dient in Wirklichkeit jedoch der Aufklärung: Mit welchen Methoden testet der mächtige Hurston-Dynamics-Konzern seine Produkte? Die weithin kaputte Landschaft gibt darüber nur indirekt Aufschluss. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, hat unser Verwaltungs-Team, in dessen Aufgabenbereich solcherart Jobs fallen, auf Begleitschiffe des Wachschutzes verzichtet – der größte Fehler, wie sich noch zeigen soll. Denn wie sich herausstellt, ist die Anlage verlassen, aber weiterhin bewacht. Die Firma hat fünf großkalibrige Automatik-Geschütze aufgestellt, die Eindringlinge sofort unter Feuer nehmen. Wer lässt sich schließlich gern handzahm seine Geheimnisse entreissen?

Vooslo steuert den Ursa geschickt über das geschundene Land, vorbei an Felsen und Kakteen, die selbst in dem verseuchten Boden noch Nährstoffe finden, als es in unseren Headsets knackt.
„…habe die Anlage in Sicht.“
Tenna Daymen ist mit einer Terrapin von Lorville aus gestartet. Sie hat die Aufgabe, den Luftraum über dem Bunker nach möglichen Feindkontakten zu scannen. Vooslo und ich wollen unterdessen auf dem Boden vorrücken.
„Niemand zu sehen“, sagt Daymen, „ich lande und schaue mich schon mal um.“
Nur Sekunden später gehen ihre letzten Worte im Lasergewitter der Flakgeschütze unter.
Entsetzt kauern wir hinter einem Felsen und blicken uns durch unsere Helme an. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen, doch die Szenerie ist trotzdem gespenstisch hell erleuchtet. Die Landescheinwerfer der Terrapin tauchen die Umgebung in grelles Flutlicht. Nicht dass die Flakgeschütze Licht brauchen würden, um uns zu finden – sie reagieren allein auf Bewegung – wir fühlen uns so aber noch schutzloser, als wir es ohnehin schon sind.
„Wir müssen zum Schiff“, keucht Vooslo.
Wir rennen hinüber, die Waffen im Anschlag, wenn auch mehr zur eigenen Beruhigung, denn natürlich richten sie gegen die Flakgeschütze nichts aus. Daymens Schiff steht in vermeintlich sicherer Entfernung.
„Wir müssen die Flaks aus der Luft bekämpfen.“
Vooslo hat die Führung unseres Zweierteams übernommen. Außer Atem erreichen wir die Terrapin, stehen schließlich wie betäubt davor: Die Tür lässt sich nicht öffnen. Eigentlich müssten wir Zugang haben, in unserer Einheit hat jeder Zugriff auf alle Fahrzeuge.
„Verdammt“, stößt Vooslo hervor.
Es gerät immer mehr außer Kontrolle.
In der Entfernung ist zu hören, wie sich eine Flak neu ausrichtet. Instinktiv wissen wir: Die Terrapin ist nun aufgeschaltet. Unsere Bewegungen haben dafür gesorgt, dass das Schiff ins Visier des Geschützes geraten ist. Ich spüre Panik – ein Gefühl, das nicht trügen soll. Die Nacht zerspringt in tausend Farben, als der Laser direkt neben uns auf die Hülle des Schiffes trifft.
„Weiter“, brüllt Vooslo. „Wenn die Terrapin hochgeht, sind wir tot. Rüber zu dem Felsen dort.“
Erneut rennen wir um unser Leben.
„Wohin?“
In meinem Helm höre sich meine Stimme unnatürlich laut an.
„…zurück zur Conny?“
„Zu weit. Das schaffen wir in unseren schweren Rüstungen nie.“
In der Tat sind wir jetzt schon völlig fertig. Ich schwitze unter der dicken Panzerung, mein Herz schlägt mir bis zum Hals.
„Wir müssen näher an die Station ran.“
Ich stoppe mitten im Lauf.
„…den Flaks entgegen?“
Vooslo nickt.
„Es ist die einzige Chance. Es gibt viele Felsen auf dem Weg. Wir rennen, wenn sie im Suchmodus sind und verstecken uns, wenn sie beginnen, uns als Ziel aufzuschalten. Sind wir einmal im Bunker, können wir versuchen, von dort aus um Hilfe zu rufen.“
Mal geduckt, mal im Sturmschritt, arbeiten wir uns vor. Hören wir die Mechanik der Flakgeschütze, springen wir hinter einen Felsen. Kehrt Stille ein, rennen wir weiter. Wir haben es fast geschafft, als weitere Explosionen die Nacht zerreissen. Ein Geschütz der Anlage nach dem anderen geht hoch. Ich traue meinen Augen nicht – eine fremde Constellation beharkt mit ihren schweren Waffen die Abwehrtürme.
„Sie schießt uns den Weg frei“, brülle ich.
Vooslo sieht kurz hinüber, rennt dann jedoch weiter. Er scheint etwas zu ahnen. Sekunden später erreichten wir den Bunker. Die Constellation hat mittlerweile die letzte Flak zerstört, nun gilt ihre Aufmerksamkeit uns beiden. Wie ein Raubtier, das neue Beute sucht, dreht sich das Schiff in unsere Richtung.

„In den Bunker“, brüllt Vooslo.
Wir stürmen vorwärts auf die Plattform des Fahrstuhls, der uns in sichere Tiefe bringen soll. Vooslo hämmert auf den Fahrstuhlknopf. Ich ziele unterdessen mit einer Pistole nach oben, während sich die Plattform senkt. Jeden Moment erwarten wir einen Kugelhagel.
„Wir brauchen Kontakt nach Lorville“, keucht Vooslo, „eine funktionierende Konsole.“
Wir hetzen durch die Gänge der alten Anlage. Doch obwohl sie so weit noch intakt zu sein scheint, finden wir nichts, das noch betriebsbereit ist. Hurston Dynamics hat alles abgeschaltet. Der Bunker ist tot.
Schließlich hält Vooslo inne.
„Stop“, sagt er. „Wie viele sind in der Regel auf einer Conny?“
Ich sehe ihn fragend an.
„Drei bis vier Mann. Nicht mehr.“
Vooslo kontrolliert das Magazin seiner Karna-Waffe.
„Ich habe noch drei Granaten und rund 260 Schuss.“
Ich drehe in meiner Hand meine Laser-Pistole hin und her und verfluche meine Dummheit. Meine SMG habe ich auf dem Schiff gelassen.

„Ich habe noch zwei Magazine.“
Wir blicken uns an.
„Volles Risiko“, sagt Vooslo. „Wir müssen uns den Weg freischießen.“
Ecke für Ecke schleichen wir zurück.
„Hast Du gehört, ob der Fahrstuhl heruntergekommen ist?“
Ein Laserschuss verfehlt mich nur knapp.
„Da sind sie.“
„Granate!“
Vooslo zündet einen Sprengsatz.
Ich springe in Deckung, bin aber eine Sekunde zu spät. Der Lichtblitz blendet mich und ich spüre wie es mir fast das Trommelfell zerreisst. Der Widerhall in der Anlage ist ohrenbetäubend.
„Ausser Gefecht“, bringe ich gerade noch hervor.
Ich spüre, wie mein Mobiglass vibriert. Eine Nachricht. Mit letzter Kraft öffne ich sie.
„Peace, Bunker Hurston“, lese ich leise ab.
Ich zeige auf mein Mobiglas.
„Bleib cool -“
„Bleib du auch cool, wenn du um die Ecke kommst.“
Ich höre, wie sich Vooslo langsam vorantastet.
Es ist ein einzelner Mann.
„Ich bringe Euch zu Eurer Constellation“, ist das letzte, was ich mitbekomme, dann verliere ich das Bewusstsein.
Journal-Eintrag 12 / 12 / 2948
So ein einfacher Einsatz. Und wir rennen rein wie Mäuse in eine Mausefalle. Ich brauche dringend ein Marine-Training. Und ich muss fitter werden. Sonst krieg’ ich noch einen Herzkasper unter der Rüstung. Ich bin jetzt in der Verwaltungsabteilung bei „Phoenix Interstellar“ gelandet.

Journal-Eintrag 14 / 12 / 2948
Es sagt sich so leicht dahin: Man wirft alles hin, trennt sich von allem, was einen belastet und beginnt ein neues Leben. Theoretisch klingt das toll. Wie oft habe ich das früher selber gesagt. Leinen kappen, jeden Ballast über Bord werfen. Nur noch das tun, was man wirklich möchte.
Aber wenn es dann tatsächlich passiert, dann ist es völlig anders. Man weiß nicht wohin mit sich. Alle Menschen, die man kannte – tot. Dinge, an denen man sich innerlich aufrichten konnte – weg. Sinnhafte Aufgaben – keine. Stattdessen: Einsamkeit. Es wird einem gesagt, dass ein gewisses Risiko besteht, wenn man in eine Kryokapsel steigt.
Das Risiko, dass man nicht mehr aufwacht, sei minimal. Dass man erst siebenhundert Jahre später wieder aufgetaut werden könnte, hat niemand erwähnt. Vor dem Verrücktwerden hat mich bislang wohl nur bewahrt, dass ich auch schon in meinem alten Leben eher ein Einzelgänger war, der sich nie groß an etwas gebunden hatte. Sind wahrscheinlich meine indianischen Wurzeln.
Mittlerweile habe ich die wichtigsten Meilensteine dieser langen Zeit nachgelesen: Neso-Dreieck, Entdeckung von Sprungpunkten und des Croshaw-Systems zu Beginn der interstellaren Ausbreitung des Menschen, die Gründung der UNE und sogar das Zusammentreffen mit außerirdischen Rassen, die Messer-Diktatur. Es überfordert meinen Verstand.
Meine Großeltern hatten noch erlebt, wie der Mensch ins Sonnensystem aufbrach. Ich bin nun in ein Universum hineingeworfen worden, das keine Grenzen mehr kennt. Den Menschen machen seine Beziehungen aus. Es hat jetzt ein Jahr gedauert, bis ich die Gewissheit innerlich an mich heranlassen konnte, dass mein früheres Leben unwiederbringlich verloren ist.
Wie aber knüpft man wieder an?

– Jahr 2949 –
Die Saisei
Die Sonne geht soeben am Horizont über Arial unter. Schatten bemächtigen sich nach und nach der hügeligen Landschaft unter uns. Leider haben wir keine Muße, das Naturschauspiel zu genießen – denn um uns herum brennt die Luft. Wir sind zu zweit ausgeschickt worden, um die Daten und unseren Mann zu sichern, doch nun zerschneiden Laser der Vanduul die Schwärze der Nacht. Wie Geier stürzen sie sich auf uns.
Ich ziehe meine Superhornet scharf nach links, kuppele das Triebwerk aus, drehe mich auf der Stelle und kuppele wieder ein. Doch ich bin zu langsam – die Scythe ist schon vorbei, auf der Jagd nach Superfly, meinem Wingman. Der Schutzschild seiner Hornet blitzt auf. Ich bin einen Moment geblendet, als mein Schiff nur einen Moment später erzittert. Eine zweite Scythe hat mir eine Breitseite verpasst. Ich gebe Vollschub, um aus der Situation zu entkommen, rotiere gleichzeitig, um einen Blick auf den Grund zu erhaschen.
Noch ist nicht alles verloren.
Wenige Augenblicke nur, dann wären wir mit der „Saisei“, einem Prototypen-Bergbauschiff, und unserem Mann an Bord, den alle nur „Bear“ nennen, einem großen kräftigen Kerl, auf und davon gewesen. Zwei Frachter haben die Vanduul zuvor bereits vernichtet, der Schaden ist also schon angerichtet.
Vom Abbau eines besonderen Erzes, Bexalit, von dem es auf Arial hohe Vorkommen geben soll, kann keine Rede mehr sein. Nun gilt es nur noch Schlimmeres zu verhindern. Ich erblicke die Prospector schemenhaft, Bear hat alle Systeme heruntergefahren, um sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Mehr kann er nicht tun. Würde er aufsteigen, würde er leuchten wie eine angestrahlte Christbaumkugel. Da könnte er sich auch gleich selbst erschießen. Kurzum: An eine sichere Eskortierung nach Aberdeen, wie wir es geplant hatten, aus den Klauen der Vanduul, ist nicht mehr zu denken. Schlimmer noch: Superfly und ich kämpfen plötzlich selbst ums Überleben.
„Wir müssen hier weg“, brülle ich in meinen Helm.
Superfly wackelt kurz mit den Flügeln seiner Maschine, als Zeichen dafür, dass er zwar verstanden, aber keine Zeit zu reden hat.
„Einer muss runter, Bear aufsammeln und die Daten retten. Die haben nur auf uns gewar…“
Ein gleißender Lichtschein, kurz, aber schmerzvoll in meinen Augen, erleuchtet kurz die Landschaft, gefolgt von einem Donner, der die Cockpit-Anzeigen meiner Hornet tanzen lässt.
„….nein!“
Trümmer der Prospector fliegen einen Moment später in alle Richtungen. Soeben ist das Schiff, zu dessen Begleitschutz wir abkommandiert worden waren, explodiert. Im Sturzflug hatte eine Scythe das Schiff ins Visier genommen und darauf gefeuert. Das Schiff, die Daten – verloren. Bear ist tot.
Zeit, lange darüber nachzudenken, habe ich jedoch nicht. Ich lasse die Hornet nach unten durchsacken und gebe Vollschub. Mein Blick fällt auf die Statusanzeige des Schiffes. Ich habe ordentlich etwas abbekommen. Das De-Briefing im Hauptquartier von Phoenix Interstellar kann ich mir jetzt schon lebhaft vorstellen. Sicher, bei einem Einsatz gibt es nie eine Garantie auf Erfolg. Irgendetwas kann immer schief gehen. Wir aber kriechen wie geprügelte Hunde davon.
„Hast Du einen erwischt?“
„Einen“, kommt es schmallippig zurück.
Immerhin etwas.

Unter uns fließt die graue Landmasse wie zähflüssiger Teig dahin, noch wagen wir es nicht aufzusteigen. Doch die beiden übrig gebliebenen Scythes machen keine Anstalten, uns zu verfolgen. Das ist zwar alles andere als typisch für die Vanduul, aber uns soll es recht sein. Ich grübele, während ich durch die Atmosphäre aufsteige – etwas stimmt hier nicht. Ich knallte den Afterburner rein und ziehe die Maschine in den rettenden Weltraum über mir.

Einen Tag später.
„Sie beobachten und notieren. Mehr nicht.“
Ryan Lloyd, der Gründer von „Phoenix Interstellar“, selbst würde den zweiten Suchtrupp anführen. Sogar eine Valkyrie würde im Einsatz sein. Unter allen Umständen gilt es, das Pad mit den Bergbaudaten zu sichern. Vanduul wissen solche Daten zwar nicht zu schätzen – aber vielleicht würde der am Pad angebrachte Peilsender Piraten anlocken. “Phoenix Interstellar” bietet daher alles auf, was sich aktuell im Stanton-System aufhält – mehrere Schiffe und zwei voneinander unabhängig operierende Suchtrupps.
Unsere Mission beginnt auf Port Olisar nahe Crusader. Ich gehe an Bord einer Constellation Aquila – gemeinsam mit drei anderen. Tenna Daymen, eine kühl und unnahbar wirkende Pilotin, befehligt das Schiff. Sie ist meine Chefin. Es dauert nur Minuten, dann hat sie die Systeme des Schiffes hochgefahren und wir heben ab.

Ich sehe, wie der zweite Suchtrupp den Quantumsprung absolviert und sinniere darüber, was wir bei der Rettung besser hätten machen können, als ein Funkspruch die Stille an Bord unterbricht. Zunächst sollen wir einen Zwischenstopp auf einer „Rest & Relax“-Station einlegen, um dort auf weitere Instruktionen zu warten. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, damit unser Truppenmitglied Xagon in eine Arrow umsteigen und uns dann als Begleitschutz dienen kann. Ich blicke hinüber zu Superfly, meinem Wingman, auch er ist in Gedanken versunken.
Der Zwischenstopp läuft unproblematisch. Xagon steigt um und Minuten später hat uns der nächste Quantumsprung verschluckt. Ich laufe unruhig hinter Daymen auf und ab, mir ist alles andere als wohl dabei, den kritischen Beobachter zu spielen. Lieber würde ich selbst am Steuer eines Schiffes sitzen. Die Vorstellung, mir Notizen zu machen, während die anderen vielleicht in ein Feuergefecht verwickelt werden, erscheint mir verkehrt. Ich konzentriere mich auf das Bevorstehende, als ein weiterer Befehl von Mission Command unser Schiff erreicht – eine Zieländerung.
Zunächst sollen wir Comm-Array ST-61 ansteuern. Ein Techniker, der am Array arbeitet, soll uns bei der Triangulation zur Rettung der Daten helfen. Auf Arial ist gegenwärtig Nacht und das Datenpad könnte in einer Felsspalte oder sonst wo liegen. Obwohl es mit einem Peilsender ausgerüstet ist, ist es nur schwer zu finden. Kaum haben wir den Quantumsprung verlassen, richtet Daymen das Schiff neu aus.

Schon bald erblicken wir das Schiff des Technikers, den die Geschäftsleitung zuvor um Hilfe gebeten hat. Es ist eine kleine Herald, die mit offener Luke vor dem riesigen Satelliten schwebt. Ich beobachtete, wie Loyld und sein Trupp die Valykrie verlassen, um den Mann ausfindig zu machen. Ich sehe nur wenig, weil die riesigen Solarpanele des Arrays die Sonne reflektieren. Schließlich aber scheinen sie ihn an Bord zu haben – und die Geschichte wendet sich erneut. Es knackt in unseren Headsets und ich traue meinen Ohren nicht. Der Techniker hat mittlerweile nicht nur genau bestimmt, wo sich das Pad befindet, er hat aus dem Datenstrom des Arrays auch ein Notfallsignal gefischt – ein Signal mit der Signatur von Phoenix Interstellar…
Es muss Bear sein – nicht nur haben wir die „Saisei“ nicht beschützt, wir haben auch noch unseren Mann im Stich gelassen. Wie sich später herausstellen sollte, war Bear kurz vor der Explosion aus der Prospector gesprungen und im Schutz der Dunkelheit hinter ein paar Felsen in Deckung gegangen. Superfly und ich tauschen Blicke aus – einerseits sind wir natürlich froh darüber, andererseits: Wie sollen wir uns da rauswinden?

„Achtung, Konturenflug – um unter dem Radar zu bleiben“, sagt Daymen knapp.
Ich halte mich fest. Die Nase der Constellation kippt nach vorn, für meinen Geschmack ein wenig zu viel – als es auch schon passiert. Ein kreischendes Geräusch wandert durch das Schiff, während die Aquila über den felsigen Untergrund kratzt. Daymen dreht sich kurz um.
„Tiefer gehts nicht“, sagt sie und lächelt.
Sie ist eine gute Pilotin, hat uns souverän und ungesehen durch Hurstons Atmosphäre auf die Planetenoberfläche runtergebracht. Manchmal scheinen ihr aber ein wenig die Pferde durchzugehen. Für jemanden, der promoviert hatte und eigentlich eine Theoretikerin ist, nicht schlecht, denke ich und blicke auf die vorbeifliegende Felslandschaft.
Schließlich kommt unser Ziel in Sicht – eine alte Bunkeranlage nordöstlich von Lorville. Wie zur Hölle ist Bear von Arial nach Hurston gekommen? Er muss es nach der Landung der Vanduul irgendwie geschafft haben, sich eines ihrer Schiffe zu bemächtigen. Welche Erklärung soll es sonst geben? Dass ein einsamer Vanduul-Jäger nahe der Hochsicherheitszone von Lorville aber kaum lange eine Überlebenschance hatte, lag auf der Hand. Bear muss innerhalb weniger Tage ein zweites Mal abgeschossen worden sein.

Der zweite Phoenix-Suchtrupp ist kurz vorher eingetroffen und wie ein rettender Engel schwebt die Valkyrie am Himmel, als ein Schlag die Stille zerreisst. Vor unseren ungläubigen Augen fallen die Trümmer des Schiffes zu Boden. Dann sehen wir, was die Valkyrie zerstört hat – eine Hammerhead, die bis zu diesem Moment für uns nicht sichtbar gewesen war. Daymen schaltet sofort in den Kampfmodus um.
Ich sehe im Visier ihres Helms, wie sich ihre Gesichtszüge verhärten. Dann feuert sie aus allen Rohren der Constellation – einem Schiff, das im Kampf sträflich unterschätzt wird. Erneut zerreisst ein lauter Knall die Luft. Trotz der gepanzerten Scheiben der Constellation spüre ich die Druckwelle im Magen. Die Hammerhead zerbricht in große Teile.
Niemand an Bord sagt etwas. Warum hat die Hammerhead uns nicht als Nächstes sofort aufs Korn genommen? Eine weitere Falle? Ich räuspere mich.
„Bear…“
So verstörend das Ganze auch ist, wir dürfen jetzt nicht unser Primärziel aus den Augen verlieren – die Rettung unseres Mannes und der Daten. Keinesfalls dürfen sie den Vanduul, den Piraten – oder wer auch immer hier am Werk ist – in die Hände fallen.
„Soll ich mit raus?“
Daymen setzt zur Landung an.
„Du bleibst hier. Und schön aufpassen.“
Daymen, Superfly und Khora rennen nur Momente später auf die Bunkeranlage zu, wenige Augenblicke später sind sie darin verschwunden. Ich stelle mein Headset lauter, um nichts zu verpassen – ich weiß noch, wie es in der Anlage aussieht. Mein letzter Auftrag mit Vooslo ist mir noch lebhaft in Erinnerung: Mit dem Fahrstuhl in die Tiefe, ein paar Mal links und rechts herum, vorbei an Lüftungsrohren und dann –
„…da ist jemand. Feuer!“
Mir läuft es kalt den Rücken runter. Ich höre, wie Schüsse durch das alte Gewölbe peitschen.
„Alles in Ordnung?“, schreie ich.
Obwohl die nachfolgende Stille nur Sekunden währt, kommt sie mir wie eine Ewigkeit vor. Dann höre ich: „Bear, hey…“ Ich halte den Atem an. Bears Brummen als Antwort ist undeutlich, aber immerhin ist er noch am Leben. Ich höre Daymen.
„Wo ist das Pad mit den Daten?“
„Dort drüben.“
Bear atmet schwer.
„Sind irgendwo noch weitere Vanduul?“
„Keine Vanduul“, höre ich Bear leise sagen, „nur Piraten. Ein Ablenkungsmanöver.“
Minuten später sind wir in der Aquila unterwegs nach Lorville, Bear geht es schlecht – zweimal ist er abgeschossen worden, dann hat er sich eine Kugel eingefangen. Er ist aber ein zäher Kerl und wird es überstehen. Ich sortiere meine Gedanken. Es ist gut, dass es keine Vanduul gewesen sind. Aggressiv, wie sie derzeit sind, wären wir sonst wahrscheinlich alle tot. Der Trick, sich als Vanduul auszugeben – er war jedoch nicht schlecht und hielt potenzielle Konkurrenten auf Abstand. Nur eines macht mir doch Sorgen – die Hartnäckigkeit der Piraten. Irgendjemand ist schließlich bereit, einen hohen Preis für die Daten von Phoenix Interstellar zu bezahlen. Nur: Wer soll das sein und was ist auf dem Pad drauf? Bergbau-Daten sind es sicher nicht.
Journal-Eintrag 20 / 01 / 2949
Nichts ist so, wie es scheint. Das gilt in den Weiten des Universums erst recht. Wer nicht stets alle Möglichkeiten in Betracht zieht, gerät schnell ins Hintertreffen. Wenn ich aus dem Vorfall etwas gelernt habe, dann dies: Immer einmal mehr umdrehen.

Journal-Eintrag 28 / 01 / 2949
Ich habe auf Spectrum ein irres Rennen gesehen – die Daymar-Rally, 300 Kilometer Staub fressen. Das hat mich an gute, alte Zeiten auf der Erde erinnert. Ich saß stundenlang gebannt vor meinem Mobiglas und switchte zwischen den Kanälen hin- und her. In drei Klassen rasten Bikes und Rover durch das teils wüstenartige, dann wieder zerklüftete Gelände des Crusader-Mondes. Die Veranstalter hatten im Vorfeld nichts Geringeres, als das schmutzigste Rennen aller Zeiten versprochen.
Raumschiffe begleiteten die Rennfahrer in der Luft, an Kontrollpunkten musste ein- und ausgecheckt werden. Eine Hatz durch die ödeste Ödnis. Der Star aber war ein Typ, der unterwegs einen Motorschaden an seinem Rover hatte und zu Fuß bis zum nächsten Pitstop rannte. Das war vielleicht eine Show. So sieht Hingabe fürs eigene Team aus.
Vielleicht bin ich hier irgendwann auch mal mit am Start. Das wäre jedenfalls ein großer Traum. Muss man aber das richtige Team für haben. Ich habe jedenfalls zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass dieses Leben auch meines werden könnte. Wenn die Menschen auch in der Zukunft bereit sind, sich so in den Dreck zu werfen, dann kann nicht alles verkehrt sein. Das hat jedenfalls ne Saite in mir zum Klingen gebracht.
Whisky mit Schuss
„Zugedröhnt bis unter den Helm.“
C.J. Hopper blickt fassungslos zur Frontscheibe der Constellation hinaus und schüttelt den Kopf. Die Avenger schlägt nur wenige hundert Meter entfernt Purzelbäume. Lobo sitzt unterdessen im Turret der Aquila und feuert auf das kleine, stromlinienförmige Schiff.
„Das haben sie jetzt davon“, sagt er.
Immer wieder flackert das Schutzschild der Avenger auf, wenn die nächste Salve den Fighter trifft. Plötzlich wissen wir, wohin die Piraten wollten.
„Weg hier!“
Doch es ist bereits zu spät – mit Karacho kommt die Avenger auf direktem Kollisionskurs auf uns zu. Nur Sekunden später hat sie unsere Constellation auch schon gerammt. Der Lärm der Explosion ist ohrenbetäubend, ein Flammenmeer züngelt um uns herum, als die Avenger in Einzelteile zerbricht. Dann kehrt Stille ein…

Ein paar Stunden zuvor.
Wieder mal Piraten. Obwohl „Phoenix Interstellar“ eigentlich ein Waffenhersteller ist, rückt das Unternehmen pausenlos wie die Feuerwehr aus. Unser kleines Kommando hat soeben den Sprung nach Daymar erfolgreich absolviert. C.J. Hopper dreht die Constellation Richtung Covalex Shipping Hub Gundo, einer verlassenen Station, die über dem Mond einsam ihre Bahnen zieht. Es ist eine Geisterstation, in der man jederzeit aus irgendeiner Ecke angegriffen werden kann.
Der Auftrag lautet, ein paar Transportkisten sicherzustellen, die dort illegal in einer dunklen Ecke zwischengelagert werden. In den Kisten, so steht es im Briefing, soll „Radegast“ lagern, der beste Whisky im Universum – versetzt allerdings mit einer Substanz, die einen sofort berauscht, sobald man am Glas genippt hat. Wir vermuten, dass dieser gepanschte Whisky in den Kneipen der Umgebung in Umlauf gebracht werden soll – betäubte Kneipenbesucher lassen sich schließlich bestens ausrauben.
C.J. Hopper und Lobo verlassen das Schiff und schweben durch eine zerbrochene Scheibe in das alte Observationsdeck.
„Hab’ sie gefunden“, kommt schließlich über Funk.
Nur ein paar Minuten später taucht C.J. mit einer Kiste zwischen seinen Händen aus der Tiefe der alten Station wieder auf. Alles ist soweit glatt gegangen – wir haben mit stärkerer Gegenwehr gerechnet, aber außer einer einzelnen Arrow, die das Turret unserer Constellation innerhalb von Minuten pulverisierte und einem versprengten Mann im Innern, war niemand vor Ort. Die Piraten sind sich ihrer Sache offenbar ziemlich sicher. Kaum sind C.J. Hopper und Lobo wieder an Bord, nimmt C.J. wieder auf den Pilotensitz Platz.
„Wir haben keine Zeit zu verlieren“, sagt er. „Das sieht aus, als wären manche Kisten schon weg. Wir müssen die umliegenden Reststops warnen.“
Er richtet das Schiff auf die nächst gelegene „Rest & Relax“-Station aus, bevor er den Quantum-Drive aktiviert. Ein Kollege der Forschungsabteilung soll dort einen Blick drauf werfen.
„Riecht ein wenig komisch hier, findet ihr nicht?“, fragt Lobo, nachdem er aus dem Turret heraus und auf das Hauptdeck des Schiffs gekommen ist.
Es ist der klassisch scharfe Geruch, den Whisky seit Jahrhunderten an sich hat – aber etwas zusätzlich Süßliches liegt noch darin, das nicht dazu passen will. In ein paar Minuten werden wir Gewissheit haben. C.J. Hopper landet das Schiff auf einer Außenplattform des Reststops, und kaum hatte er die Engines heruntergefahren, kommt auch schon unsere Verstärkung an Bord.

„Alle noch bei Sinnen?“
Xagon kommt ohne Umschweife zur Sache.
„Riecht ihr das nicht? Das Zeug dünstet aus. Raus mit der Kiste aus dem Schiff. Sofort.“
Die Jungs aus der Forschungsabteilung haben eben ein Näschen für seltsame, ungewöhnliche Dinge. C.J. Hopper und Lobo schnappen sich die Kiste und bringen sie in den Frachtraum der Constellation, Xagon spricht unterdessen mit dem Hauptquartier.
„Verstehe…“, höre ich, „…jetzt gleich?“
Dann wendet er sich uns zu.
„Ihr müsst wieder los. Das Zeug ist noch weit gefährlicher, als wir dachten.“
Mittlerweile sind Gerüchte im Umlauf, dass Piraten im Stanton-System etwas zusammenbrauen, das ganze Städte auslöschen könnte, wenn man es zum Beispiel ins Trinkwasser mischt. Es müssen die Piraten sein, denen wir auf der Spur sind.
„So verrückt ist niemand.“
„Das vielleicht nicht“, erwidert Xagon, „aber es ist ein wunderbares Erpressungsmittel.“
Er blickt auf sein Mobiglas, checkt seine Nachrichten und liest vor: „Yela. Deakens Research Outpost. Beeilen Sie sich, die Piraten werden bald auf und davon sein.“
Das Hauptquartier hat sich auf das Nötigste beschränkt. C.J. Hopper fährt die Engines hoch, kaum das Xagon das Schiff verlassen hat.
„Festhalten“, sagt er und rotiert das Schiff so schnell um die Hochachse, dass uns schwindelig wird. Dafür muss man nicht einmal etwas getrunken haben.
Yela – ein Mond, auf dem man nicht viel machen kann, außer sich den Hintern abzufrieren. Kein Wunder, dass ein paar Schmuggler vor Urzeiten hier mal Stantons einziges offiziell lizensiertes Drogenlabor eingerichtet haben. Gut, vielleicht nicht offiziell lizensiert, aber so was wie geduldet. Auch die Advocacy weiß: Räuchert man auch das letzte kleine bekannte Rattennest aus, so hat man es anschließend mit einer ganzen Plage zu tun.
Es war deshalb klug von den Piraten, auf Yela ihre gefährliche Droge zu synthetisieren, um damit – wenn es gut laufen würde – vielleicht ein paar schnelle Credits zu machen. Hier würden sie am wenigsten auffallen. Dass sie daran schon bald selber zugrunde gehen würden, daran dürften sie nicht im Traum gedacht haben. C.J. Hopper bringt das Schiff inmitten Yelas Asteroidenfeld zum Stehen.
„Langsame Annäherung“, sagt er. „Jetzt bloß nicht zu früh zu erkennen geben.“
Lobo und ich nicken.
„Schön langsam runter.“

Wir haben Glück: Noch liegt der Outpost auf der Nachtseite des Planeten, die Sonne wird erst in ein paar Stunden aufgehen. Weil der Posten selbst hell erleuchtet ist, würde es so außerdem ein Leichtes sein, die Piraten schon aus sicherer Entfernung zu sehen. C.J. Hopper scannt die Gegend.
„Hm…eine Nox, ein Ursa Rover und eine Avenger Titan“, sagt er.
Plötzlich setzt sich der Rover in Bewegung.
„Vielleicht ein Ablenkungsmanöver. Oder sie haben die Kisten da drin“, sage ich.
„…oder in der Avenger“, ergänzt Lobo.
C.J. Hopper kreist in einem Sicherheitsabstand über der Szenerie, als der Ursa schlagartig die Prioritäten klärt – er feuert aus allen Rohren. Lobo hechtet in den Turm und schießt zurück. Nach ein paar Sekunden ist der Rover nur noch qualmendes Altmetall.
„Fertig machen für Bodeneinsatz!“
C.J. setzt die Constellation sanft auf der Landeplattform des Outposts auf, wir machen die Waffen scharf und betreten zu dritt den Fahrstuhl. Kaum legen wir am Boden die ersten Meter zurück, startet die Avenger ihre Engines.
„Sie hauen ab. Zurück zum Schiff“, brüllt C.J. Hopper.
Weit kommen die Piraten jedoch nicht. Kaum im Cockpit zurück, blicken wir halb verwundert, halb belustigt auf das vor uns stattfindende Schauspiel. Die Avenger dreht Pirouetten, als hätte sie sonst was im Tank.
„Sieht fast so aus, als hätten sie dem armen Mädel selbst was von dem Zeug zu saufen gegeben“, sage ich.
Vielleicht ist bei dem Fluchtstart eine der Kisten irgendwo gegengeflogen und aufgeplatzt. Etwas in der Art musste geschehen sein. Nun also krepieren die Piraten an ihrem selbst synthetisierten Dreck, bis sie sich schließlich in einem letzten Akt des Hasses uns zuwenden. Nachdem die Avenger und mit ihr die Kisten explodiert sind, läuft an den Scheiben unserer geliebten Constellation die flüssige Synthi-Droge hinab.
„Der schöne Whisky“, jammert C.J. Hopper.
Lobo grinst.
„Da müssen wir wohl ins Trockendock“.
C.J. Hopper dreht das Schiff mit der Spitze in den Himmel und gibt Vollschub Richtung Port Olisar. Über Funk hören wir, dass die Advocacy mittlerweile die restlichen Kisten im Covalex Shipping Hub Gundo geborgen hat. Nach und nach machen wir uns einen Namen. Das aber wird wohl bedeuten, dass man uns noch öfter rufen wird.
Höchste Zeit, darauf mal einen kräftigen Schluck zu nehmen.
Journal-Eintrag 09 / 04 / 2949
Rauchen, saufen, sich Dinge in die Venen spritzen – daran hat sich nicht viel geändert. Wie hieß es schon zu meiner Zeit? Es gibt ein Recht auf Rausch. Kein Wunder, dass das Universums vor Kneipen nur so strotzt. Aber wie verdorben muss man sein, wenn man das ohne Rücksicht auf Verluste für sich ausnutzt, wie diese Piraten?

Journal-Eintrag 29 / 04 / 2949
ArcCorp – der ganze Planet ist eine einzige Stadt. Überhaupt scheint in der Zukunft für Geld alles möglich zu sein: Die vier Welten des Stanton-Systems sind an vier Unternehmen verkauft worden: Hurston Dynamics, Crusader Industries, ArcCorp und Microtech. Ihnen gehören ganze Planeten! Ist es Größenwahn oder Einfaltslosigkeit, dass die vier Welten ausgerechnet Hurston, Crusader, ArcCorp und Microtech heißen?
Dafür ist der Anflug auf ArcCorp spektakulär. Schon aus dem All sieht man die Aufteilung in Zonen – riesige Städte und großflächige Industriebrachen. Und dann, wie Nägel, bis zu 800 Meter hoch, wachsen einem plötzlich die Wolkenkratzer entgegen, wenn man auf die Planetenoberfläche hinunterfliegt. Vor allem nachts ist der Abstieg aus der Atmosphäre wohl nur mit wenig zu vergleichen: So weit das Auge reicht: unzählige Häuser, dazwischen Werbung, die zwischen den Gebäuden umher schwebt. Unterteilt ist der Planet in verschiedene Areas.

„Area 18“ lautet die Landezone, die für den allgemeinen Verkehr und Besuch freigegeben ist. Ich drehe meine kleine Aurora Richtung Riker Spaceport, den örtlichen Raumhafen. Um mich herum schwirren dutzende andere Schiffe. Die Landerlaubnis erfolgt prompt, bald schon hat der riesige Hangar mich und mein kleines Schiff verschluckt.
Ein Wunder folgt hier auf das nächste: Eine Antigrav-Bahn, die zwischen den Wolkenkratzern schwebt, bringt mich nach Downtown, wo flirrende Reklame und Gebäude direkt ineinander übergehen, wo arm und reich auf engstem Raum leben – in dunklen Seitengassen oder in protzigen Hochhäusern mit riesigen Glasfassaden. Shops, Bars und Buden: Jeder kann hier glücklich werden – oder auch unglücklich. Wer einen Auftrag sucht, schaut bei Jobwell vorbei und geht die Jobangebote durch. Wer es illegaler mag, der besucht Tecia Pacheco, die in einer Seitengasse auf Kundschaft wartet.

Ich blicke mich jedenfalls staunend nur erstmal um. Ich schlendere über die Plaza und lasse Geräusche und Gerüche auf mich wirken. Die Zukunft – sie schmeckt kalt und einsam einerseits. Niemand interessiert sich für einen, alle hetzen aneinander vorbei. Andererseits gibt es zahlreiche Vergnügungen. Dass eine Stadt einmal einen ganzen Planeten bedecken könnte – wahrgewordene Schreckensvision einerseits, Verlockung andererseits. Wie sehr so ein Städteplanet die Fantasie anregt, wird mir schlussendlich klar, nachdem ich wieder abfliege, diesmal bei Tageslicht. Der ganze Planet summt wie ein Bienenstock.
Noch ahne ich nicht, dass dieser Planet schon bald eine große Rolle für mich spielen wird.

Journal-Eintrag 24 / 06 / 2949
Ich rase wie von allen guten Geistern verlassen – Klamotten, die im Weg liegen, hin oder her. Mit rund 150 Stundenkilometern geht es über die karge Landschaft von Yela. Die Sonne geht soeben unter, der Scheinwerfer meiner Dragonfly erleuchtet immer nur die nächsten Meter. Regelmäßig haue ich dazu noch den Afterburner rein. Kurzum: Es ist ein ziemliches Vabanque-Spiel. Jeden Augenblick kann ich irgendwo gegen knallen.
Aber es nutzt nichts: Will ich wieder an C.J. Hopper herankommen, der rund drei Kilometer vor mir über die karge Eiswüste rast, so muss ich einen Zahn zulegen. So geht es meist mit dem Gashebel im Anschlag mal links und mal rechts um riesige Felsbrocken herum. Manchmal schleudert mich die geringe Gravitation des Mondes in die Luft, wenn ich über eine Klippe rase und die Dragonfly die Bodenhaftung verliert. Nein, ein solcher Gleiter ist nicht leicht zu kontrollieren.
Es ist keine offizielle Rallye, bei der wir fahren, sondern eine inoffizielle von „Phoenix Interstellar“: Mal in Bodenfahrzeugen gegeneinander antreten, mal schauen, ob und wie gut man die Cyclones und Dragonflys beherrscht. Yela eignet sich dafür perfekt: Der ganze Mond ist von Geröll übersät. Rund 100 Kilometer sollen wir laut Rennleitung bis zum ersten Zwischenziel zurücklegen.
Leider sind wir in unserer „Dragonfly“-Gruppe nur zwei Fahrer. Für einen ordentlichen Adrenalinschub reicht aber das dennoch aus – wer will schließlich nicht gewinnen? In einer zweiten Gruppe sollen später die klassischen Bodenfahrzeuge starten. Für den Fall, dass jemand liegen bleibt oder es unterwegs anderweitige Probleme gibt, sind ein paar Begleitschiffe in der Luft.
So rase ich über den Mond, hänge meinen Gedanken nach und versuche die Landschaft um mich herum instinktiv und intuitiv zu erfassen. Plötzlich meldet C.J. Hopper Probleme. Mehrfach ist er mit seiner „Fly“ jetzt schon irgendwo hängen geblieben, scheint plötzlich nur noch im Schneckentempo vorwärts zu kommen. Ich blicke auf das HUD – der Abstand zu meinem Vordermann schrumpft zusammen – schließlich überhole ich ihn.
Doch meine Freude soll nicht lange währen. Mittlerweile ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden. Ich betätige den Afterburner und nehme Anlauf auf einen Hügel, den ich nicht umfahren will, weil es zu viel Zeit kosten würde. Was ich nicht weiß: Direkt dahinter liegt ein tiefes Tal – und so mache ich einen Abflug. Inzwischen ist meine Dragonfly auch schon ganz schön ramponiert und als sie sich dem Boden nähert und schließlich unsanft aufschlägt, explodiert sie. Im letzten Moment kann ich abspringen. C.J. Hopper kann jetzt im Schritttempo ins Ziel fahren. Der Sieg ist ihm nicht mehr zu nehmen.
Ich setzte eine Funk-Boje und ein Begleitschiff holt mich ab. Ich werde einfach mehr üben müssen. Schließlich startet noch die zweite Gruppe der Cyclones. Aber da bin ich nur noch Beobachter. Spaß gemacht es hat trotzdem. Es ist eine Höllengaudi im Tiefflug über einen Mond zu rauschen, so viel steht mal fest.
Der schmale Grat der Legalität
Der Countdown zählt langsam herunter – ich liege flach auf dem Boden in einer Ecke des Raums und zähle mit. Jeden Moment kann jemand zur Tür hereinkommen und auf uns schießen. Ich ziele abwechselnd mal auf den einen, dann auf den anderen Eingang. Doch es geht alles glatt und es bleibt ruhig. Die Station Kareah, ein Außenposten von Crusader Security, die über dem Mond Cellin ihre Bahnen zieht, ist berühmt-berüchtigt.
Hat man einen so genannten Crimestat, also mal etwas Illegales getan, so kann man hier seine Weste reinwaschen. An einer Konsole startet man einen Countdown und der Computerhack löscht in der internen Datenbank der UEE alle Einträge, die Rückschlüsse auf eine schmutzige Vergangenheit ziehen lassen. Danach ist man auch nicht mehr Freiwild für alles, was ein Raumschiff fliegen kann.
Im Grunde hatte ich nichts Böses getan: Bei unserer internen Rallye bei „Phoenix Interstellar“ auf Yela wenige Tage zuvor hatte ich einem bewusstlosen Teilnehmer lediglich etwas „unsanft“ aus seinem Wagen geholfen – doch das reichte schon, damit das UEE-Netzwerk aktiv wurde und mir seitdem Boshaftigkeit unterstellt. Harmlose Intentionen erkennt das System nicht. Deshalb liegen Ishmee und ich nun in einer geschützten Ecke des Raumes und warten darauf, dass meine Entkriminalisierung über die Bühne geht.
Ishmee ist zu meinem Schutz mitgekommen – denn gerade auf Kareah kann man nie wissen, was einen erwartet. Oft postieren sich Sniper und blasen einem im letzten Moment des Countdown doch noch das Lebenslicht aus, während man selbst darauf hofft, wieder ein gesetzestreuer UEE-Bürger zu werden…
Zwei Tage später.
Ich muss an diese Szene denken, während ich in meiner Superhornet über Grimhex kreise, nun wieder legal und auf den Pfaden des Gesetzes unterwegs. Grimhex, das ist einer der verruchtesten Orte. Einst als Habitat für Bergbauleute errichtet und zwischen die Felsen über Yela gepresst, ist der Ort heute Unterschlupf für Gesindel aller Art. Aufmerksam höre ich dem Gespräch zu, das sich wenige Klicks unter mir zwischen meinem Kompagnon und einem zwielichtigen Vermittler entspannt – ja, der Grat der Legalität ist schmal und rutschig, wie ich mittlerweile aus eigener Erfahrung weiß.
„…für eine Prospector führe ich Euch hin“, sagt der Vermittler, nachdem er Minuten um den heißen Brei geredet hat.
Ich traue meinen Ohren nicht. Für ein Schiff, das Millionen wert ist, ein paar lumpige Informationen? Durch den luftleeren Raum schweben vertraute Bargeräusche herüber in mein Cockpit, Stimmen im Hintergrund, leise Musik. Dann höre ich meinen Partner sagen: „…aber keine Tricks. Schiff gegen Zieldaten. Wir sind mit einer Eskorte hier, die Sie stets im Blick hat.“
Damit bin wohl ich gemeint.

Ich richte mich gerade auf, soweit es das Cockpit meiner Superhornet zulässt, blicke auf die Station hinab. Zwischen den dunklen Asteroiden dürften schon viele solcher Deals gemacht worden sein. Waffen, Schiffe, Menschenleben – irgendjemand glaubt eben immer, auf irgendetwas Anrecht zu haben. Oder an das Recht, es sich unter Umständen einfach nehmen zu können. So wie der Mann, hinter dem wir heute zu Fünft her sind. Unser Trupp besteht aus Xagon, C. J. Hopper, Witherhide, Lobo und mir.
Vor zwei Tagen war eines der Schiffe von „Phoenix Interstellar“ gestohlen worden – eine Drake Caterpillar. Vom Vorstand wird seitdem ein so genannter „Insider-Job“ vermutet, also dass jemand aus den eigenen Reihen bei günstiger Gelegenheit schwach wurde. Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, sind im Bordcomputer des Schiffes firmeneigene Sternenkarten mit sensiblen Daten gespeichert. Um sie geht es in erster Linie und weniger um das Schiff selbst, auch wenn der Vorstand natürlich zeigen muss, dass er solch ein Verhalten, geschweige denn einen Schiffsdiebstahl, weder toleriert noch akzeptiert.
Die Schiffsverwaltung der Station hat mittlerweile die Prospector zur Verfügung gestellt. Ich sehe, wie der zwielichtige Vermittler zum Cockpit marschiert, meine Kameraden ihrerseits zu ihren Schiffen, ebenfalls Superhornets.
„Folgt mir“, höre ich knapp über das Com, dann zischt der illegale Info-Broker durch das dichte Asteroidenfeld davon. Wo die gestohlene Cat samt Daten zu finden sein würde, will er nicht verraten.
Zu unserer Überraschung bleiben wir im Sektor, mehr noch – in direkter Umgebung. Es geht hinunter auf den Mond Yela. Ich springe ein paar kurze Distanzen, dann habe ich die Prospector direkt über der Mondoberfläche wieder eingeholt – wo wir schließlich beschossen werden.
Eine Falle!
Ich sag’s ja, denke ich, Piratenpack eben – und mache die Waffen meiner Hornet scharf. Doch plötzlich macht der Angreifer eine Kehrtwende und rast davon. Ich schmeiße den Afterburner an und jage hinterher. Schließlich geht er in den Landeanflug über und dann sehe ich am Boden auch schon die Cat – zerschmettert und zerbrochen, der Informationsbroker hat nicht zu viel versprochen. Ich kreise erneut über der Szenerie und bewache den Luftraum. Unterstützt werde ich dabei von Xagon in einer wendigen Arrow.
Ich sehe, wie sich unter mir ein Feuergefecht entwickelt. Lobo und Witherhide gehen runter und nehmen den Kampf Mann gegen Mann auf. Schließlich beobachte ich, wie sich der Dieb des Schiffes und der Daten mit erhobenen Armen ergibt. Wenigstens die Sternenkarten sind gerettet, auch wenn das Schiff selbst nur noch Schrott ist. Schließlich geht es unter Bewachung in einer Constellation zurück. Es scheint, als habe der Kollege gegen eine der höchsten Direktiven des Unternehmens verstoßen: „Kein Deal mit Piraten!“ Ein einfacher Computerhack wird diesmal allerdings nicht ausreichen, um seine Weste wieder reinzuwaschen.
Journal-Eintrag 03 / 07 / 2949
Ein gelöster Schuss und man steht auf der falschen Seite des Gesetzes! Ein kleiner Fehltritt und man hat das halbe Universum gegen sich! Die Verfolgung von Verbrechern wird in der Zukunft rigoros und konsequent gehandhabt. Kein Wunder: Das Weltall ist groß, die Möglichkeiten auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, sind unendlich. Die Strafverfolgungsbehörden sind da automatisch im Hintertreffen. Von einer Blacklist wieder runterzukommen, ist dafür mindestens ebenso schwer, wie echte Kriminelle dingfest zu machen. Ich sollte also besser zusehen, dass ich sauber bleibe.

Journal-Eintrag 08 / 07 / 2949
Ich schwebe langsam vorwärts. Vor mir steht kopfüber mein Kamerad Superfly – oder fliege ich falsch herum?
„Immer am Vordermann orientieren“, kommt der Befehl über das Headset.
Ich fliege hinterher, also gilt der Befehl mir. Ich drehe mich einmal um die eigene Achse, dann klären wir den dunklen und verwinkelten Raum in der verlassenen Raumstation Covalex Hub Gundo weiter auf. Aufklären, das heißt: Wir scannen systematisch alle Ecken, leuchten jedes noch so kleine, potentielle Versteck aus. Und davon gibt es viele auf der Station. Wir fliegen zwei Stockwerke ab, schweben durch alte Fahrstuhlschächte, scannen längst abgeschaltete Terminals.
„Wachschutztraining“ – das ist ein essentiell wichtiger Bestandteil bei „Phoenix Interstellar“. Es geht darum, sich verteidigen zu können, sowohl im All als auch auf dem Boden mit der Waffe im Anschlag, unabhängig davon, in welcher Abteilung man nun arbeitet. Auch ein Forscher muss seine Erkenntnisse unter Umständen mit Zähnen und Klauen verteidigen können.z6ein leichtes Unterfangen – denn plötzlich knallt es. Die Übungsmunition hat mich erwischt. Ishmee hat mir eine Kugel verpasst.
„Du bist tot“, sagt er. „Noch genauer und noch vorsichtiger beim nächsten Mal.“
Seine Aufgabe war, uns bei passender Gelegenheit auszuschalten. Also wiederholen wir die Übung noch einige Male: Zu zweit geht es vorbei an umgestürzten Schränken, Möbeln, flackernden Lichtern: In jedem Schatten kann der Feind stecken, wird uns eingetrichtert.
„Oft weiß man gar nicht, was einen getroffen hat und woher der Schuss kam“, ergänzt Lobo, der heute unser Ausbilder ist.
Er hat militärische Erfahrung. Klärt man zu zweit etwa einen Raum auf, so checkt der eine immer die linke, der andere immer die rechte Seite. Stets gelte es dabei, den Gesamtüberblick über die Situation zu behalten. Schließlich ist die Übungsstunde vorbei. Wir fliegen langsam zurück zum Ausgang der Station, ich blinzle in die Sonne Stantons und schwebe durch den Ausgang.
„Erneut tot“, höre ich in der Com.
Commander Jay hat mit einem Sniper-Gewehr auf dem Dach gewartet.
„Stets in Bewegung bleiben, den Kopf immer rotieren, nie in seiner Aufmerksamkeit nachlassen.“
Ich lerne: Relativ sicher ist man immer erst wieder auf einer patrouillierten Raumstation oder in einem von der UEE überwachten Raumgebiet. In großen Teilen des Alls ist man vor allem eines: Freiwild. Es sei denn, man kann sich wehren – oder noch besser: man dominiert den Raum. Um das zu lernen, ist es jedoch ein weiter Weg.

Journal-Eintrag 08 / 09 / 2949
Ich befinde mich gemütlich im Quantum-Drive-Flug und habe gerade die Füße hochgelegt – da rappelt es im Schiff als habe es einen Tritt bekommen. Schon ist es mit der Ruhe vorbei. Ich blicke durch die Cockpitscheibe und sehe mich drei schwer bewaffneten UEE-Jägern gegenüber. Fast fühlt es sich an wie in einem dieser alten Western-Filme, die auf den Holovids laufen: „Hände hoch!“
Jetzt heißt es, Engines runterfahren, bloß nicht rühren.
„Sie werden gescannt“, kommt über die Com.
Offenbar fahre ich die Maschinen nicht schnell genug herunter und habe daher immer noch leichte Fahrt im Schiff, denn schon wird das Feuer eröffnet.
„Ich habe Probleme mit meinen…“, brülle ich.
Der Rest geht im Lasergewitter unter. Sicher, diesen Satzbeginn dürften die Jungs von der Advocacy nicht zum ersten Mal gehört haben. Jeder Fluchtversuch fängt schließlich mit einer kleinen Bewegung an. Ich bin mit einer Aurora unterwegs, die drei Sabres der UEE zerblasen mich innerhalb eines Wimpernschlages zu Weltraumstaub. Ich gerate in Panik und gebe Vollgas. Zu meiner Überraschung hat die Patrouille offenbar nicht damit gerechnet, dass jemand mit so einem kleinen Schiff den Mut haben würde, abzuhauen, denn für ein paar Momente stehen sie unschlüssig und verdattert im Raum. Ich sehe vor mir das Asteroidenfeld, das den großen Reststop von Crusader umgibt.
Ich stelle mich im Schatten eines großen Felsbrockens für Stunden tot – schließlich ist es jetzt zu spät für weitere Erklärungen. Unter Flüchen, die ich über die Com höre, zieht die Patrouille schließlich ab, ich lande auf dem Reststop und mische mich unter die Leute. Scheint so, als wäre die Advocacy wegen irgendwas ziemlich nervös, wenn sie schon eine Herzattacke wegen einer Aurora kriegen. Vielleicht war es aber auch nur gekränkte Eitelkeit.

Journal-Eintrag 04 / 10 / 2949
Die gegnerische Hammerhead taumelt wie ein angeschlagener Boxer. Noch aber geht sie nicht zu Boden. Als wäre sie in Stroboskop-Licht getaucht, leuchten um sie herum pausenlos ihre Schilde auf. Gleichzeitig feuert auch sie aus allen Rohren. Drei der vier Türme dürften mindestens besetzt sein, schätzen wir. Immer wieder dreht sie Pirouetten um unsere Hammerhead. Es ist wie ein Tanz der Elefanten – wer würde zuerst in die Knie gehen?
Weil das Schiff von „Phoenix Interstellar“ voll besetzt ist, hat einer sie immer vor der Flinte – noch dazu beharkt ein einzelner Jäger das Schiff. Ich mag mir nicht vorzustellen, was auf dem Schiff los sein muss. Sicher, auch wir stecken Treffer ein, die Alarmsirenen heulen durch alle Gänge, Rauch breitet sich aus, Metall kreischt, während es sich verbiegt. Doch unser Adrenalinpegel ist so hoch, dass wir davon kaum etwas mitbekommen.
Er oder wir – das ist die Frage.
Ein harmloses, freundschaftliches Schulterklopfen zwischen zwei Großkampfschiffen ist zu einem gnadenlosen Schlagabtausch geworden, weil ab einem gewissen Zeitpunkt keiner mehr nachgeben wollte. Jarod dreht das Schiff gekonnt immer wieder so, dass der Gegner unsere volle Breitseite zu spüren bekommt. Minutenlang geht das so. Feuer schlagen aus den geborstenen Teilen des Schiffes – doch auch auf der anderen Seite denkt weiterhin niemand ans Aufgeben. Plötzlich zerbricht das Schiff in unmittelbarer Nähe in seine Einzelteile, die Schockwelle pflanzt sich durch den Raum bis in die Eingeweide unseres Schiffes fort.
Doch auch das spüren wir kaum. Denn unser Jubelgeschrei müsste man sogar noch auf der nahe gelegenen Station Port Olisar gehört haben. Aber die Euphorie verfliegt schnell – alle an Bord haben nun einen Crimestat. Und den gilt es, so schnell wie möglich wieder loszuwerden, will man nicht pausenlos die UEE im Nacken haben. Auf den Spaß folgt eben immer wieder auch der Kater.
Der Herzschlag von Daymar
Zum nunmehr dritten Mal springe ich zu kurz und stürze in das schwarze Loch, das sich vor mir auftut – und erneut ist der Aufprall hart und schmerzhaft.
„Mehr Anlauf nehmen und erst direkt an der Kante abspringen“, ruft André Tellerrand herunter.
Es klingt mir wie ein Hohn in den Ohren und ich will schon Passendes antworten, dann aber beiße ich mir auf die Lippen – denn es hilft ja alles nichts: Wollen wir gemeinsam wieder aus dieser Höhle heraus, so muss ich mich wohl mehr anstrengen. Ich klettere also zum dritten Mal wieder den Weg hinauf zum Sprungpunkt. Ein paar Meter muss ich kriechen, dann gebückt gehen, schließlich nach oben kraxeln. Dann stehe ich wieder an der Kante. Ich hole tief Luft, beuge mich nach hinten, dann sprinte ich los und schließe die Augen…
Eine halbe Stunde zuvor.
Unser Echo hallt tausendfach von den Wänden wieder. Wir führen uns wie Kleinkinder auf, die eben entdeckt haben, dass sie mit ihrer Stimme auch allerhand Unsinn verzapfen können. Vor wenigen Minuten waren wir nach der Landung mit unserer Valkyrie auf Daymar in die Höhle eingedrungen. Nun hat uns die Dunkelheit verschluckt. Wie tief es in den Untergrund gehen wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht – André Tellerrand, Lux Skywalker und ich, Männer von „Phoenix Interstellar“, sind zum ersten Mal unter der Oberfläche des Mondes.
Dabei sind wir beileibe nicht die ersten: Immer wieder stolpern wir über Kanister, Lichter und andere technische Hinterlassenschaften. Die Lampen unserer Helme leuchten mal hierhin und mal dorthin. Es ist eine bereits erforschte Höhle. Was hier früher gemacht wurde, wissen wir nicht. An den Wänden tanzen – mal lustig, mal gruselig – unsere Schatten.
„Wir müssen offenbar tiefer hinein, wenn wir den Mann finden wollen. Hier oben ist er nicht“, sagt Tellerrand.
Gemeinsam sind wir auf einer Mission unterwegs – einen Mann zu finden, der sich in der Höhle verirrt und vielleicht verletzt hat. Über das Mobiglas war sein Hilferuf übertragen worden.
Je tiefer es geht, umso beklemmender wird es. Entfernen wir uns nur wenige Meter voneinander oder sind durch einen Felsvorsprung voneinander abgeschnitten, so können wir einander kaum noch hören. Urängste steigen in mir hoch. Was könnte in der Tiefe lauern, was schon hinter der nächsten Ecke? Ein Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit umfängt uns, gleichzeitig scheint der Mond aber zu uns zu sprechen: Irgendwo in der Tiefe kracht ein Felsen herunter, dazwischen sind Wassertropfen zu hören, dann umgibt uns wieder nur Stille: Der Herzschlag von Daymar – er ist allgegenwärtig.

Tellerrand reißt mich aus meinen Gedanken.
„Hier entlang“, sagt er und überholt mich, im Schlepptau Lux Skywalker, der immer wieder mal Probleme mit seinem Funkgerät hat und daher in der Dunkelheit gestikuliert. Ich folge beiden. Enge Passagen wechseln mit weiten ab, wir quetschen uns durch Spalten, krauchen auf dem Bauch unter tief hängenden Decken hindurch – nur um im nächsten Moment in riesigen Höhlen zu stehen. Dann blicken wir wieder in scheinbar bodenlose Abgründe, die plötzlich vor uns gähnen. Mal staunen wir ehrfürchtig, mal stolpern wir vorwärts. Mal stehen wir einfach nur da und lauschen.
Schließlich ruft Tellerrand, der mittlerweile die Führung übernommen hat, dass er die gesuchte Person gefunden hat: Und tatsächlich – da liegt sie. Tot.
„Wir sind zu spät gekommen“, sagt Lux, dessen Funkgerät wieder funktioniert.
Wir melden, dass wir den Mann namens Loto Balczeka in der Tiefe ausfindig gemacht haben. Unser Job ist damit erledigt – Sanitäter werden den Mann später abtransportieren, nachdem wir die Fundstelle markiert haben.
Ich sinniere darüber, was Balczeka hier unten gesucht haben könnte, an manchen Stellen sind mit einem Pyrotool immer noch ein paar wertvolle Mineralien zu finden, auch wenn die Höhle ansonsten komplett abgebaut scheint – vielleicht wusste Balczeka aber von einem weiteren, bisher noch nicht bekannten Fund? Oder vielleicht ist er angegriffen worden und konnte nur noch mit letzter Kraft einen Hilferuf absetzen? Oder er ist an der gleichen Stelle abgestürzt, an der auch ich mir nun die Zähne ausbeiße. Vielleicht ist er auch nur einfach unglücklich ausgerutscht. Doch für weitere Überlegungen bleibt keine Zeit, denn Tellerrand will zurück an die Oberfläche. Verständlich, haben wir unsere Valkyrie doch ohne weiteren Schutz zurückgelassen.

Und so springe ich ein drittes Mal…und als ich festen Boden unter den Füßen spüre, weiß ich instinktiv: Ich habe es im dritten Anlauf gepackt. Der glücklichen Rückkehr steht nichts im Weg – außer ein beschwerlicher Aufstieg. Mir schmerzen die Knochen und ich glaube, dass ich mir den Fuß verstaucht habe. Auch wenn mir alles andere als zum Klettern zumute ist – es hilft nichts: Langsam aber beständig müssen wir nun Vorsprung um Vorsprung zurück erklimmen.

Und so lichten sich die Wege langsam wieder, als es stetig bergauf geht, sie werden weiter, während wir die tiefsten Eingeweide der Höhle langsam hinter uns lassen. Moos, das in der Tiefe gelblich leuchtet, weist uns den Weg – auch die Natur drängt stets ins Helle. Schließlich stolpern wir über eine Wurzel und über die Hinterlassenschaften von Tieren, dann haben wir den Eingang der Höhle vor uns. Soeben geht Crusader auf, ein wunderschöner Anblick, während es in der Tiefe hinter uns bedrohlich grollt und uns das Gefühl beschleicht, wir wären Irgendetwas gerade so noch mal entkommen.
Journal-Eintrag 13 / 10 / 2949
Wer hätte gedacht, dass ich noch einmal ein Höhlenforscher werde? Ich jedenfalls nicht. Früher hatte ich schon Angst, wenn ich allein in den Keller gehen musste. Aber auf solcherlei Ängste nimmt das Universum keine Rücksicht. Der Ruf der Gefahr ist allgegenwärtig in der Zukunft – verlockend und angsteinflössend zugleich. Doch Ruhm und Reichtum wachsen auch im Jahr 2949 nicht auf Bäumen. Sondern wollen unter größten Anstrengungen erworben werden.

Journal-Eintrag 17 / 10 / 2949
Vanduul, Banu, Xian, Tevarin – das Weltall soll vor Aliens nur so wimmeln. Mir ist bislang keines begegnet. Vielleicht haben sie an Crusader kein Interesse oder das System ist schlicht zu gut bewacht. Wer weiß. Ich habe es bislang ja selbst auch noch nicht verlassen. Noch fühle ich mich für größere Sprünge nicht bereit. Ich habe immer noch damit zu tun, im Hier- und Jetzt anzukommen. Der große Vanduul-Angriff auf Vega im Jahr 2945 – er ist mir natürlich mittlerweile ein Begriff und hinter vorgehaltener Hand wird auch immer wieder darüber getuschelt, dass der nächste Angriff nicht weit entfernt sein könnte. Einen echten Vanduul habe ich bislang jedoch noch nicht gesehen.
Dass Aliens dennoch kein Hirngespinst sind, ist nun klar, seit ich selbst in einem waschechten Alien-Raumschiff geflogen bin – der Banu Defender. Es war ein komisches, fast irreales Gefühl. Das Schiff sieht fast so aus, als wäre es organisch gewachsen. Es hat nicht diesen gerade verbauten, kalten und abweisenden Stahl der menschlichen Schiffe – nein, rundliche Formen, die geschmeidig ineinander übergehen. Es riecht anders, fliegt anders – und es klingt auch wie aus einer fernen Welt. Die unidentifizierbaren Schriftzeichen an seiner Hülle tun ein Übriges. Auch im Quantum-Jump erzeugt es ein völlig anderes Lichtspiel.
Keine Frage: Ich habe das Gefühl, ich habe einen Schritt in ein größeres Universum getan. Nur wann wird mir zum ersten Mal ein echtes Alien gegenüberstehen – und wie wird das wohl sein?

Journal-Eintrag 18 / 10 / 2949
Alle auf einen einen! Um uns herum hat sich der Gesuchte perfekt geschützt. Johannssen, so der Name des Mannes, hinter dem wir her sind und auf den das Kopfgeld ausgesetzt ist, hat sich gut abgesichert. Wir sind mit einer Valkyrie, einer Constellation und noch ein paar anderen Begleitschiffen auf die Jagd gegangen – und jetzt knallt’s. Einen nach dem anderen zerlegt es, auch wenn die Gegenseite ebenfalls ordentlich einstecken muss. Eine Kopfgeldjagd klingt einfacher, als sie ist. Wer sagt schließlich, dass man nur hinter einer einzigen Person her ist und nicht hinter dem Kopf einer ganzen Bande? Der Auftrag hat darüber keine Auskunft gegeben. Die Kraftverhältnisse sind jedenfalls klar verteilt.
Ich sitze im Turm einer Constellation, Metro, mein Kollege von „Phoenix Interstellar“, steuert das Schiff. Um uns sausen die feindlichen Schiffe wie die Wespen. Ich rotiere den Turm so schnell ich kann und bis mir fast schwarz vor den Augen wird, schalte zwischen Schiffen hin und her, lande den einen oder anderen Treffer. Schließlich segnet Johannssen das Zeitliche, das Kopfgeld gehört uns und wird fair aufteilt. So kann es gehen, wenn man irgendwo reinrauscht, ohne sich vorher zu informieren, mit wem man es zu tun bekommt. Wer per Kopfgeld gejagt wird, hat schließlich meist nicht nur ein paar silberne Löffel geklaut.

Journal-Eintrag 23 / 10 / 2949
Wo ist die Kokosnuss, wo ist die Kokosnuss – wer hat die Kokosnuss geklaut? An dieses alte Kinderlied muss ich denken, während wir mit Fahrzeugen, darunter zwei schweren Ursa-Rovern, durchs Unterholz auf Hurston brettern. Irgendwo muss sich die verdammte Frucht doch versteckt haben. Unzählige Pflanzen müssen dran glauben, während wir über sie hinwegrasen. Ishmee, Xagon, Tellerrand und ich, allesamt von „Phoenix Interstellar“, sind dennoch nicht gewillt, so schnell aufzugeben. Das Objekt der Begierde hat eine rote Schale, einen weichen Fruchtkern, heißt Pitambu und wächst an einen kleinen Strauch.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass auf Hurston überhaupt noch etwas Essbares wächst, nach der Umweltkatastrophe, die der Konzern Hurston Dynamics hier zu verantworten hat. Genügsame Kakteen und leichtes Weidegras gibt es zuhauf, auch Wälder hin und wieder – aber essbare Früchte, die sind dann doch die Ausnahme.
Mit unterschiedlichen Schiffen waren wie nach Hurston gekommen, mitten hinein ins Outland – ein großes Aufgebot für eine kleine Frucht…um es kurz zu machen: Wir finden sie nicht. Kein Wunder: Schließlich starten wir unsere Suche mitten in der Nacht, wenn auch mit Scheinwerfer-Flutlicht. Als wir uns trennen, bin ich plötzlich ganz allein in der Wildnis, nur das Rauschen des leisen Windes umfängt mich – und sehe stehend auf einem Hügel vielleicht den schönsten Sonnenaufgang seit Jahren.
Erst nur Hauch, wird der Himmel nach und nach blutrot, dann steigt Stantons Sonne langsam hinter einem Berg auf. Immer höher und kräftiger, als habe sie sich aus dem Untergrund geschält. Während die anderen weiterhin über den Planeten hetzen, genieße ich die folgende Stunde. Sie bringt in mir eine lang verschollene Saite zum Klingen. Doch dann ist der besondere Moment vorbei. Schließlich ist es fast taghell und ich fahre glücklich zurück zum Outpost. Allein dieser Sonnenaufgang von Stantons Sonne war den Ausflug wert.

Journal-Eintrag 27 / 10 / 2949
Ich stehe vor dem Schiffsterminal und lausche angestrengt. Statt der üblichen Ansage, wohin mein Schiff auf Port Olisar geliefert wird, höre ich ein mysteriöses Radio-Signal: „…Achtung, Bewohner von Stanton, eine große Ungerechtigkeit wurde begangen…“
Und dann noch: „Schmerz, Tod, Dunkelheit.“
Der Rest der Übertragung geht im Rauschen unter. Viele Citizens haben dieses Signal mittlerweile gehört und zwar quer durch das ganze System auf den verschiedensten Stationen. Nur: Was hat es zu bedeuten? Deutet es auf einen baldigen Angriff hin? Möglichweise aus dem benachbarten Pyro-System, das wohl für hohe Piraten-Präsenz bekannt ist? Oder für einen Angriff der Vanduul?
Manche glauben sogar, dass Port Olisar kurz vor der Zerstörung stehen könnte. Mysteriöse Radiosignale sind immer etwas Aufregendes – daran hat sich nichts geändert, seit wir mit Teleskopen das erste Mal hinaus ins All gelauscht haben. Man merkt, wie das ganze System durch die geheimnisvolle Botschaft aufgewühlt ist, die Gerüchteküche brodelt und Verschwörungstheorien sind in Umlauf. Wie immer gilt es, auf alles gefasst zu sein.

Journal-Eintrag 24 / 11 / 2949
Wie schnell ist das Jahr vergangen – es ist schon wieder Messezeit. Ich kann mich noch erinnern, wie ich im vergangenen Jahr nach Lorville geflogen bin, um dort fabrikneue Schiffe zu bestaunen. Danach habe ich Nägel mit Köpfen gemacht und seitdem alles Mögliche ausprobiert: Ich hatte als Leih- und Leasingschiffe mittlerweile die Constellation, die Reliant Mako, das Mining-Schiff Prospector, eine kleine Aurora, eine Cutlass, und noch ein paar andere. Tolle Schiffe, doch bislang hat noch keines richtig gepasst.
Jetzt aber, so glaube ich, habe ich mein Traumschiff gefunden. Es ist teurer als alle, die ich bisher hatte – aber es scheint alles zu bieten, was man zwischen den Sternen braucht. Wie heißt es im Prospekt? „Gebaut, um in extremen Bedingungen zu überleben, macht es dieses sich selbst versorgende Explorer-Schiff möglich, sich in jedem Winkel des Universums wohl zu fühlen.“
Die Anvil Carrack.
Die International Aersopace Expo findet in diesem Jahr auf ArcCorp statt – ein wesentlich besserer Ort als das verdreckte Lorville. Im „Bevic“-Convention-Center zwischen unzähligen Hochhäusern des Planeten, sind erneut über eine Woche die schicksten Raumschiffe ausgestellt. Ich laufe zwischen ihnen hin und her – und doch habe ich nur noch Augen für eines: die Carrack. Zumindest sein kleines Begleitschiffchen, die Pisces, ist ausgestellt.
Wohl wegen irgendwelcher Lieferschwierigkeiten wird das Mutter-Schiff selbst nicht gezeigt. Den Kaufvertrag unterschreibe ich dennoch. Schließlich hat das Schiff alles, was es zum Glücklichsein braucht: Ein Begleitschiff, einen Rover, an Bord eine voll ausgestattete Küche, Escape-Pods, einen Drohnen-Launcher, einen Mannschaftsraum – und sogar einen Billardtisch für langweilige Stunden im All. Geliefert wird es im kommenden Februar. Ich kann es kaum erwarten.
Ein Heim zwischen den Sternen.
Süße Träume
Der Wecker klingelt und ich reibe mir die Augen. Verschlafen! Ich habe in meinen Klamotten geschlafen, es war spät geworden letzte Nacht. Ich war erst noch stundenlang auf der Expo, habe danach den Kauf meines neuen Schiffes in der lokalen Bar begossen – und das, nun ja, hat sich eben etwas hingezogen.
Die „Clarke“.
Ich wusste sofort, dass das Schiff so heißen würde. Arthur C. Clarke – Schriftsteller, Mathematiker, Physiker. Er schenkte der Menschheit die Kurzgeschichte „The Sentinel“, aus der dann „2001: Odyssee im Weltraum“ wurde, verfilmt von Stanley Kubrik. Ein Meilenstein der Erd-Filmgeschichte. Wer – wenn nicht er? Gut, Carl Sagan. Aber irgendwie ist mir Clarke näher. Ich hatte viel von ihm gelesen und bin mit meiner Entscheidung hochzufrieden.
Das grelle Neonlicht im Hab auf ArcCorp, das nun zu voller Stärke hochfährt, treibt die letzten Müdigkeitsfetzen davon. Ich denke an die „Clarke“, ein Schiff vom Typ Carrack, von Hersteller Anvil. Geschliffenes, kompaktes äußeres Design, funktionales Innendesign, platz- und raumsparend und doch durchdacht. Ich lächle erneut…
„Brubacker, wo stecken Sie denn?“
Ich höre die Stimme, die nicht gerade so klingt, als wäre sie entspannt, im Headset meines Helms, der vor meinem Bett liegt. Ich strecke die Glieder. So kann man einen auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Zu spät – wieder einmal. Ich öffne mein Mobiglas und gehe den Auftrag noch mal durch. Ein Mr. Castellac hat „Phoenix-Interstellar“-Vorstandsmitglied Commander Jay wohl auf einem Galadinner bei Hurston Dynamics kennengelernt.
Thema zwischen beiden war, wenn ich es richtig verstanden habe, ein neues, mit Hardanite beschichtetes Lenkwaffensystem. Castellac, so scheint es, will hierzu mit „Phoenix Interstellar“ zusammenarbeiten. Unser Auftrag nun: reichlich von dem Zeug zu besorgen. Es lässt sich per Mining aus Gestein rauslasern. Wenn wir davon genügend gesammelt haben, dürfen wir es zu Castellacs Privatyacht bringen. Die Reichen…
Aber was hilft’s. Ich greife nach meinem Helm und schnappe mir das Headset.
„Bin schon unterwegs“, sage ich.
Ishmee, neuerdings ebenfalls Vorstandsmitglied bei „Phoenix Interstellar“, der offenbar ebenfalls auf ArcCorp übernachtet hat, bietet mir an, mich aufzugabeln. Ich krame meine sieben Sachen zusammen, ziehe mich an und mache mich auf den Weg zum Riker Memorial Spaceport.
Kaum habe ich das stickige Hab verlassen, atme ich tief ein. Die Luft von ArcCorp ist schwer zu beschreiben: industriell-kalt, gleichzeitig angereichert mit allerlei Gerüchen. Eine Mischung aus Schmierfett, das vom Dumper’s Depot rüberweht und Bratfett der umliegenden Fressbuden. Ich kneife die Augen zusammen: Die rund um die Uhr lockenden grellen Werbereklamen stechen mir ins Auge. Zu viel für meinen Brummschädel. Ich senke den Kopf, gehe schnellen Schrittes an lauter Unbekannten vorbei, hinüber zur Transitbahn, die mich zum Spaceport bringt.
Die „Clarke“…
…war ganz schön teuer, das Schiff. Ich musste dem Verkäufer bei „Astro Armada“ dafür viele Aktien überschreiben. Egal, Papier kann man nicht essen und es bringt einen auch nirgendwo hin. Der Verkäufer war oberfreundlich. So ein Geschäft macht er wahrscheinlich auch nicht alle Tage. Aber: Das liegt nun hinter mir.
Es knackt im Headset.
„Ich muss los, kommen Sie hinterher. Wir sind auf Aberdeen. Ishmee out.“
Ich will noch etwas antworten, aber Ishmee hat schon abgeschaltet. War wohl etwas gestresst, der gute Mann. In der Schwebebahn huschen an mir die unzähligen Gebäude ArcCorps vorbei, doch bin ich sonst von der riesigen Steinwüste in der Aber-Millionen Citizens wohnen, immer wieder aufs Neue fasziniert, so habe ich diesmal keinen Blick dafür. Dann erreicht die Schwebebahn den Spaceport. Ich werde heute schon einmal ein wenig Carrack-Luft schnuppern.
Auch wenn die „Clarke“ erst in ein paar Wochen ausgeliefert wird, so darf ich doch schon mal ihr kleines Begleitschiffchen, die C8X Pisces ausführen. Habe mich auch bei ihr für die bessere Variante entschieden – sie hat vier statt zwei Laser. Wer weiß, wofür es eines Tages gut ist. Ich fordere das kleine Schiffchen über das Terminal an. Mir wird kurz darauf der Hangar genannt, in dem es steht. Wenige Minuten später fahre ich auch schon die Triebwerke hoch. Es summt wie ein Bienchen. Wie oft werde ich mit ihm noch einen fremden Planeten ansteuern, während die „Clarke“ im Orbit auf mich wartet? Der kleine Flitzer beflügelt meine Phantasie.
Leider ist das kleine Schiffchen (Notiz an mich selbst: Denke dir dafür noch einen passenden Namen aus) nicht das schnellste. Ich höre über Funk, wie die anderen über Aberdeen, einem Mond, der um Hurston kreist, runtergehen. Offenbar finden sie schnell eine Höhle, in der sie auf das begehrte Hardanite stoßen, denn schon kurz darauf höre ich, wie die Mininglaser angeworfen werden. Die Kollegen kommen schneller voran als gedacht, denn bald heißt es: Das sollte reichen.
„Sorry, dass ich zu spät komme…“

„…kommen Sie zum Comm Array ST1-13, dort können Sie umsteigen. Wir sind hier fertig. Wir fliegen dann gemeinsam zum Mond Wala zu unserem Kunden.“
Es geht also zurück nach ArcCorp. Nach einem kurzen Sprung habe ich auch schon das Ziel vor Augen – eine Valkyrie, mit der der Rest der Mannschaft zu der Mission aufgebrochen war. Auch eine Superhornet und eine Banu Defender sind noch mit dabei und umkreisen das kleine Schlachtschiff.
„Parken Sie Ihren kleinen Vogel und wechseln Sie auf die Valkyrie über!“
Es tut mir weh, meinen kleinen, neuen Flitzer im All zurückzulassen, aber nachdem ich bereits die Mission so verpatzt habe, will ich keinen weiteren Ärger provozieren.
„In Ordnung.“
Ich öffne die Heckluke und gehe hinaus ins All: EVA, eine Extra-Vehicular-Activity, ein Außenbordeinsatz. Gut, in diesem Fall soll ich nur das Schiff wechseln, aber das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Um mich herum dreht sich alles, immer wieder verliere ich den Eingang zur Valkyrie aus den Augen, dann verliere ich sogar fast das Bewusstsein. Man sollte eben nicht zuviel trinken, auch wenn es ein noch so schöner Anlass ist, wenn man danach auf Mission gehen soll.
„…das wird so nichts“, höre ich im Headset und ein anderer ergänzt: „Was ist denn mit dem los?“

Schließlich, ich merke es kaum, weil ich mittlerweile völlig orientierungslos durchs All taumle, nähert sich von hinten die Banu Defender – am Steuer Jarod, ein sauguter Pilot, der jedes beliebige Schiff feinfühlig und punktgenau steuern kann. Er öffnet seine Frontrampe und kurz darauf bin ich Innern des Alienschiffes. Die Welt hat wieder einen Boden. Wie beim ersten Mal bin ich fasziniert vom organischen Aussehen als wäre das Schiff auf natürliche Weise gewachsen. Meine Sinne beruhigen sich.
„Alles roger?“, fragt Jarod.
Ich recke den Daumen in die Höhe.

Gemeinsam geht es nach Wala. Castellacs’ Origin 890 Jump parkt hinter einem großen Felsen und ist trotz ihrer Größe erst auf den letzten Metern zu erkennen. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie selbst große Dinge auf Monden und Planeten plötzlich unscheinbar klein wirken. Wir landen mit der Defender auf dem Vordeck des Schiffes und gehen an Bord. Castellac ist hocherfreut über die pünktliche Lieferung.
Zur Belohnung dürfen wir uns sein Schiff ansehen – es ist riesig und lässt keine Wünsche offen. Pool, Konferenztisch, eine voll ausgestattete Küche, eine riesige Eignersuite – man gönnt sich ja sonst nichts. Und doch kann ich nur an ein Schiff denken: die „Clarke“. An die Reisen, die mich auf ihr erwarten werden. Ein so großes Schiff wie die Origin 890 Jump ist sicher schön, wenn man schon alles hat – aber irgendwie auch ein wenig langweilig. Höchste Zeit, mich um mein kleines Schiffchen zu kümmern, das ich im All zurückließ. Wie soll ich es bloß nennen?
Dann weiß ich es: „Charlie“. Dafür steht das Initial „C“ in Clarkes Namen.

Journal-Eintrag 05 / 12 / 2949
Ich hab’ noch gar nicht über meinen anderen Flieger gesprochen: eine Superhornet, der Fighter par exellence. Ein Panzer der Lüfte – und doch gleichzeitig wendig und schnell. In ihrem Schalensitz sitzt man tief und hat doch alles im Blick. Das Triebwerk wummert kraftvoll direkt hinter einem. Ich habe sie erstmal passend ausgerüstet und fünf Repeater-Kanonen zusätzlich erworben, die per Gimbal das Ziel automatisch verfolgen. Auch einen besseren Quantumdrive habe ich installieren lassen. Mit ihr werde ich sicher noch manche Auseinandersetzung bestreiten. Ich war auch die Superhornet zuvor erst mal eine Weile zur Probe geflogen. Nun habe ich mich nun endgültig für sie entschieden. Es war aber eigentlich von Anfang an klar, dass ich bei ihr bleiben würde. Ich hatte mich von der ersten Sekunde an direkt in sie verliebt.
Beide Schiffe habe ich übrigens mit der so genannten „Life Time Insurance“ erworben, ein Entgegenkommen der großen Versicherungsgesellschaften, falls man bei ihnen die ersten Verträge unterschreibt. Sie setzen offenbar darauf, dass man später über sie auch Waffen oder Ladung versichern wird. Na ja, sie werden das schon irgendwie kalkuliert haben. Ich jedenfalls muss mir um einen Ersatz der Schiffe, falls mal etwas passieren sollte, künftig also keine Gedanken machen. Ein gutes Gefühl. Drittes Schiff im Bunde ist eine kleine Dragonfly, mit der man dicht über der Erde fliegt. Es erinnert irgendwie an ein Pferd. Auch hier schlagen wieder mal meine Wurzeln durch. Und mit der „Clarke“ wird ja auch noch ein Ursa Rover mitgeliefert. Damit bin ich für jedes Abenteuer gut aufgestellt.

Journal-Eintrag 12 / 12 / 2949
Ich hatte einen Traum.
Ich liege auf meinem Bett, hellwach, als mich eine Stimme ruft. Eindringlich, immer wieder. Ich höre Trommeln in der Ferne. Ich höre Gesänge. Ich stehe aus meinem Bett auf und dann sehe ich es. Im Spiegel – ein uraltes Gesicht. Indianisch. Ich weiß, dass durch meine Adern Blut der Sioux fließt, habe aber nie etwas drauf gegeben. Ich verlasse das Hab, gehe hinaus auf den Flur und blicke auf Lorville. Fabrikschlote sind bis zum Horizont zu sehen. Alles ist wie immer. Im Fenster das gleiche Gesicht. Schemenhaft. Und dann weiß ich, was ich zu tun habe. Ich ziehe mich an und nehme die Perimeter-Line zum Außengate. Die Sonne geht soeben auf.
Ich rufe mir meine Dragonfly, ziehe mich bis auf die Unterhose aus, als würde ich alles von mir abstreifen. Dann rase ich über den geschundenen Planeten. Hinaus in die Wildnis. Ich denke an meine Vergangenheit, mein Reporterleben in der Provinz im Nirgendwo. Ich lasse all das hinter mir. Ich rase vorbei an all den Verbrechen gegen die Natur auf Hurston, an Müll- und Schrotthalden. Ein Akt der Reinigung, vielleicht.
Akita mani yo.
Als ich aufwache, ist es, als ob mich endlich ein Geist der Vergangenheit wachgerüttelt hat. Vielleicht war es kein dummer Zufall, dass ich als einziger den Unfall auf der „Rangeen“ überlebt hatte.
Akita mani yo – beobachte alles auf deinem Weg.

Journal-Eintrag 17 / 12 / 2949
Everus Harbor schwebt majestätisch über Hurston. Ich stehe am großen Panoramafenster und blicke hinab auf den Planeten. Schemenhaft ist dort unten das größte Gebäude des Planeten zu erkennen – das Hauptquartier von Hurston Dynamics. Ansonsten: Unberührte Fläche so weit das Augen reicht. Wolken ziehen langsam dahin. Der Anflug auf den Raumhafen in meiner „Charlie“ war ruhig und entspannt. Der Blick hinunter ist es ebenso. Schiffe kommen und gehen, im Innern der Station ist es geräumig und es gibt die üblichen Geschäfte, die zum Einkauf einladen – Casaba und wie sie alle heißen. Doch nach Bummeln ist mir nicht Zumute. Ich lasse meine Phantasie schweifen. Ich habe mir vorgenommen, heute mal Microtech zu besuchen, den vierten großen Planeten des Systems. Ich wende mich von Hurstons Anblick ab und laufe zum Terminal. Wenige Minuten später steht die „Charlie“ auf dem Landepad bereit.
Kaum stehe ich draußen auf dem Landpad gehe ich auch schon instinktiv in die Hocke: Feuerwerk! Und was für eines! Um mich herum zischen die Laserstrahlen und Schüsse der Verteidigungsanlagen der Station. Sie wehren einen Piratenangriff ab. Es stand in einer Nachricht, die über das Mobiglas kam: Es sei in naher Zukunft mit vermehrter Feindaktivität zu rechnen. Die Piraten umkreisen die Station in einer Constellation und in mehreren Buccs geschickt. Doch sobald sie sich den Abwehrtürmen nähern, werden sie sofort unter Feuer genommen.
Keine Ahnung, warum sie nicht lieber das Weite suchen. Vielleicht haben sie mit dem Stationsmanager noch ein Hühnchen zu rupfen. Doch scheinen sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht zu haben – denn schließlich folgen große Explosionen, die die Schiffe eines nach dem anderen zerreissen. Danach steht für mich fest: So ruhig und majestätisch die Stationen auch über den Planeten kreisen, so hart können sie auch zuschlagen, wenn sie bedroht werden. Angriff ist manchmal eben doch die beste Verteidigung.

Journal-Eintrag 28 / 12 / 2949
Klamotten zu finden, die zu einem passen – was gibt es Ätzenderes? Sie sollen bequem, aber auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein. Ich habe nun diverse Kleidungen und Rüstungen ausprobiert. Mal kam ich mir vor, wie ein wandelnder Roboter, der kaum noch Luft bekam, dann leuchtete ich in Orange und weiß wie eine Werbetafel. Die passende Rüstung zu finden ist ein weites Feld und das Universum lässt jeden nach seiner Facon glücklich werden. Manche tragen sogar komplett goldene Rüstungen, andere zeigen ganz offen, welchen Lebenswandel sie pflegen – und laufen ungeniert in Outlaw-Klamotten über offizielle Stationen. Und ich? Ich suchte, bis ich es schließlich fand – die Rüstung der Rust Society.
Seit über fünf Jahrhunderten machen die Mitglieder dieser Gesellschaft das Leben für ihre Mitglieder und die UEE nun schon besser. Sie teilen wertvolle Insiderinformationen über Systeme wie profitable Handelsrouten oder Gefahrenbereiche. Rot und braun – das ist ihre Farbe, in gedeckten Tönen. Nicht zu auffällig und doch aussagekräftig. Allein für sich ist jedes Mitglied dieser Gesellschaft ein unabhängiger Auftragnehmer, aber zusammen mit seinem riesigen Netzwerk an Wissen und Erfahrung machen es die Mitglieder der Rust Society zu einer verseweiten Gemeinschaft. Ja, das ist es. Ich denke ohnehin darüber nach, wieder mal meinen eigenen Weg einzuschlagen.

Journal-Eintrag 29 / 12 / 2949
„Um ehrlich zu sein, ist es ein wenig seltsam. Aufzuwachen, die Sonne am Zenit zu sehen und zu denken: ‚Jup. Das alles gehört uns.“ – Jeff Alfonz, CEO, microTech, 2928
So weit, so größenwahnsinnig. Wenigstens war es dem damaligen CEO noch bewusst. Mir geht dieses Zitat durch den Kopf, während ich die „Charlie“ langsam nach oben ziehe, über mir der riesige Ring der Port Tressler-Station, unter mir die endlose Schneewüste Microtechs. Er sieht von hier oben majestätisch aus, der äußere Planet des Stanton-Systems, offiziell Stanton IV genannt. Seine niedrigen Temperaturen sind das Ergebnis eines Fehlers während des Terraforming-Prozesses, der zu einer ungewöhnlich dichten Wolkenbildung führte. So zumindest steht es in der Galactapedia, die in das Mobiglas integriert ist.
Ich lenke die „Charlie“ von der Station weg und beginne mit dem Abstieg, bald schon hat mich diese dicke Wolkendecke verschluckt, dann gleitet die „Charlie“ auch schon über einer endlosen Schneewüste dahin. Ich habe einen Eintrittspunkt gewählt, der mich rund 100 Kilometer von New Babbage auf den Planeten gebracht hat – der Hauptstadt des Planeten. Endlose Wälder wechseln nun mit kahlen Felsen und schneebedeckten Gipfeln. Es ist, mit einem Wort gesagt, wunderschön.
Schließlich taucht am Horizont New Babbage auf – eine Stadt, die unter der allgegenwärtigen Schneedecke wie erstarrt und erfroren wirkt. Und doch ist es nur die halbe Wahrheit: Der Planet ist Microtechs Produktionsstätte des Mobiglas. Obwohl sich das kleine Handgadget zu einem omnipräsenten Produkt entwickelt hat, stellt Microtech eine große Vielfalt elektronischer Geräte her, inklusive zahlreicher Schiffssysteme. Diese Welt, so heißt es in der Galactapedia, ist ein guter Startpunkt, um nach fortgeschrittener Sensortechnologie zu suchen, die für den entscheidenden Vorteil während eines Dogfights sorgen könnte. Nun ja, gut zu wissen.

Ich drehe mit der kleinen „Charlie“ einen großen Bogen, bis schließlich die Sonne untergeht und steuere den riesigen Raumhafen an, der in einen Berg gehauen worden ist. Schließlich mache ich mich zurück auf den Weg nach Port Tressler. Mehr als ArcCorp oder Hurston bringt der Planet jedoch eine Saite in mir zum Klingen und ich werde wohl schon bald zurückkehren. Auch wenn der Planet zu großem Teil schneebedeckt ist, so sind es doch seine weiten Wälder und großen Steppen die mich rufen. Es sieht teilweise genauso aus wie in Kanada, meiner Heimat. Während ich aufsteige, werfe ich jedenfalls noch manchen Blick zurück.










