Im Bauch des Verse

In einer Raffinerie entsteht der Wohlstand von morgen – unter großer Hitze und entsetzlichem Lärm
Von John Brubacker

Im Bauch des Verse rumort es. Es brodelt und blubbert, es gurgelt und gluckst. Und es ist heiß. So heiß, dass man sich am liebsten alle Klamotten vom Leib reißen möchte. Der Schweiß fließt am Körper den Rücken hinunter, er tropft von der Stirn in die Augen, der Mund ist trocken und ausgedörrt. Es wirkt, als hätte sich das Innerste nach Außen verkehrt – Rohre, wohin man blickt. Sie verlaufen horizontal, vertikal, kreuzen sich, laufen zusammen und auseinander oder verlieren sich in der riesigen Halle im Hitzedunst in der Ferne. Außerdem ist es entsetzlich laut. Nein, dies kein Ort, an dem man länger als unbedingt nötig bleiben möchte.

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Statt auf Hochglanz polierter Showrooms der großen Waffenhersteller des Stanton-Systems mit geschniegelten, wohlwollend lächelnden Herrn hinter ordentlich aufgeräumten Tresen, ist hier alles roh, brutal, gewalttätig. Eine Erz-Raffinerie ist alles andere als ein Ort für Feingeister. Das Leben selbst ist hier am Werk. Sicher: Vieles ist längst automatisiert. Die Zeiten, in denen Menschen wie auf der Erde selbst an Hochöfen stehen mussten, um aus geschmolzenem Metall Stahlträger zu ziehen, sind längst vorbei – und doch: Ohne auf Effizienz getrimmte Produktionslinien, ein choreographiertes Ballett aus riesigen Stahlkesseln, Verdampfern, Verdichtern, Schiebern, kleinen wie großen Tanks wäre das Verse, wie wir es heute kennen, nicht denkbar – anfangen vom Mobiglas bis hin zum Großkampfraumschiff.

Alles naselang stolpert man über Warnschilder, die auf dies und jenes hinweisen, während man seinen Weg durch das Labyrinth sucht, das die Raffinerie im Innersten aufspannt und es gleichzeitig zusammenhält. Es geht Leitern hinauf und hinab, vorbei an vermummten Mitarbeitern unter hitzebeständigen Schutzanzügen, dann schnurgerade lange Gänge entlang, bis man plötzlich vor einem der riesigen Kessel steht, in den wie aus heiterem Himmel plötzlich in einem Feuerstrahl geschmolzenes Erz spritzt. Es ist gleichzeitig ein letzter und erster Akt. Ein letzter Akt, weil nach all der Mühsal da draußen, einsam mit einer Prospector auf einem Mond beim Mining, hier das gewonnene Erz nun seiner Bestimmung zugeführt wird: etwas zu werden, sich zu transformieren und neue Gestalt anzunehmen. Ein erster Akt, weil sich das geschmolzene Rohmetall nun durch dicke wie dünne Rohre quetschen und winden muss, um zu Legierungen weiter veredelt zu werden. Auf gewisse Weise ist es auch ein Geburtsprozess.

Fünf solcher Raffinerien gibt es im Stanton-System – jede hat ihre Stärken und Schwächen. Manche raffinieren schneller, dafür aber mit geringem Output, andere setzen auf das gegenteilige Konzept. Allen gemeinsam ist jedoch das zugrunde liegende Verfahren – schmelzen, reinigen, veredeln. Kurzum: Mehrwert schaffen. Überall finden sich Schemata, wie der Prozess genau abläuft, gleichwohl ist dieser nur von Fachleuten der Raffinerie zu verstehen. Klar aber ist: Der Prozess ist aufwändig, langatmig – und energieintensiv. Und: An jedem Punkt der Wertschöpfungskette steht eines über allem: Gewinnmaximierung. Hier, in einer Raffinerie wird manifest wie nirgendwo sonst: Beim Empire des Jahres 2952 handelt es sich um ein ultra-kapitalistisches System.

Wie immer und überall im Verse gilt es, eine gescheite und wohl kalkulierte Kosten-Nutzen-Rechnung zu machen – auch in den hinteren Verkaufsräumen der Raffinerie, in denen man sich fürs Mining ausrüsten oder seine gewonnenen Erze und Mineralien zur Weiterverarbeitung ins System speisen kann. Wer sich durch die Terminals mit ihren Zahlenkolonnen und Berechnungsformeln ackert, merkt schnell:  Es ist ein kompliziertes Geschäft. Man braucht viel Erfahrung, die sowohl diesseits als auch jenseits des an die Station angeflanschten Industrie-Komplexes sowie auch beim Prozessvorgang selbst erst nach und nach gewonnen werden muss – mit kleinen seismischen Bomben etwa, händisch platziert, die fast schon automatisch die Felsbrocken im All in die Luft jagen. Mit besonders starken Lasern, die sich innerhalb von Sekunden bis ins Herz eines Felsens fressen. Mit Handmining-Geräten, um auch noch das letzte bisschen Profit aus einem Stück Stein zu extrahieren.

So läuft man beeindruckt und bewusst der um einen wallenden Kräfte durch die riesigen Hallen, fast ehrfürchtig – und doch geerdet: Nichts im Verse fällt vom Himmel, alles ist menschengemacht, dem Verse oft unter widrigsten Bedingungen abgetrotzt: Kristalle, Mineralien, Erze. Dazu zählt etwa  Quantanium, ein instabiles Mineral, das auf Asteroiden abgebaut und zu Quantentreibstoff veredelt werden kann. Einmal abgebaut, zerfällt Quantanium mit der Zeit. Mechanische Belastung, zum Beispiel durch heftige Stöße, beschleunigt den Abbau. Die Zerfallsprodukte können ab einer bestimmten Konzentration sogar Explosionen verursachen. Solche kritischen Material-Eigenschaften müssen bei der Weiterverarbeitung natürlich bedacht und beachtet werden – schon ein geringes Leck in einer Leitung, verursacht durch ein kleine, unbemerkte Verpuffung, kann katastrophale Folgen haben.

Andere Bodenschätze der verschiedenen Planeten und Monde sind hingegen handzahmer und ungefährlicher – wie Laranit, ein leicht radioaktives, kristallines Mineral. Wegen seiner schwarzen Färbung mit dunkelroten Schlieren findet es sogar Verwendung als Schmuckstück. In großen Mengen kann es jedoch wiederum auch zu Verstrahlung führen: „Vorsicht radioaktiv“-Warnzeichen deuten innerhalb der Raffinerie jedenfalls darauf hin. Gold indes hat im 30. Jahrhundert nichts von seiner Faszination eingebüßt, die es seit jeher schon auf den Menschen ausübt. Dennoch muss sich das Metall seinen begehrten Status mit dem Aufbruch des Menschen ins All mit anderen Bodenschätzen teilen.

Man könnte den Reigen der im Verse abbaubaren Stoffe samt ihrer Eigenschaften noch lang und breit erörtern. Ihre klangvollen Namen Dolivin, Agricium, Bexalit,  Hephaestanite oder Korundium verraten aber selbst schon viel über die Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit des Universums und seiner Schätze. Wichtiger ist indes: Letztlich kommen all diese Grundbaustoffe des Wohlstandes hier zusammen, feiern quasi ein kurzes Stelldichein, wo auch immer sie herstammen, gleichzeitig jedoch reduziert auf ihre molekularen wie spezifischen Eigenschaften und ein paar Zahlenwerte – nur um dann wieder auseinanderdividiert und auf jeweils eigenem Wege weiterverarbeitet zu werden. Die Raffinerie ist der Ort, an dem man gewahr wird: Ohne sie geht nichts im modernen Universum. Sie schaffen den Wohlstand von morgen. Mehr noch: Sie sind die Ursuppe, aus der das gesamte Leben gestrickt ist – eine Ursuppe, die gluckst und gluckert im Bauch des  Verse. Der Rest da draußen ist Gestein, Helium, Wasserstoff, ein paar Edelgase und der Willen, sich das Universum untertan zu machen.

Danke an Zero Sense für seinen Input bei unserem gemeinsamen Besuch in der Raffinerie.

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