Steves Wandlung

Teil III – Neue Freunde

Von EveryDayGamer

Der Anblick von New Babbage lässt uns beide kurz erstarren. Obwohl ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr hier war, kann ich mich noch sehr genau daran erinnern, wo Eddies Wohnung ist. Die besten Parties meines Lebens habe ich in dieser Stadt gemeinsam mit Eddie erlebt. „Können wir diesem Eddie trauen? Der Typ wirkt auf mich wie einer von den reichen Kids in Loreville mit ihren Mobiglas-X und Aparelli-Klamotten, die sich jedes Wochenende in den VIP Bars mit Jean-Luc besaufen.” Ich brauche einen Moment, dann antworte ich: „Ich weiß, es sieht so aus, nicht wahr? Es ist die perfekte Tarnung, die er sich über Jahre erarbeitet hat. Wir können ihm trauen. Er muss noch eine alte Rechnung begleichen und glaube mir, mit dieser kleinen Rettungsaktion sind wir noch lange nicht quitt.” Kaum ausgesprochen, geht auch schon die Tür der Terrasse auf und Eddie begrüßt uns mit drei kühlen Flaschen Schmolz.

„Ich frage am besten gar nicht, wie euch das Schicksal zu mir geführt hat. Du wirst schon deine Gründe haben. Hier Jungs, trinken wir erst einmal auf ein glückliches Wiedersehen. Schmolz!” Die Flaschenhälse klirren zusammen und es beginnt ein feuchtfröhlicher Abend wie in alten Zeiten. Nur kurz erwähne ich die Geschichte mit Hawk. Eddie willigt ein, mir erneut zu helfen. Zu meinem Erstaunen verträgt Steve  einiges und kann gut mithalten. Schließlich wird die Nacht immer verrückter, werden die Bars immer teurer, die Drogen abgefahrener, die Mädels wilder. Mein Gott, dieser Parr hat sich nicht eine Spur verändert. Doch was soll’s – gönnen wir uns diesen Lifestyle halt mal für eine Nacht. Für Steve ist es jedenfalls ein Fest, wie er noch nie zuvor eines gefeiert hat. Hin und wieder spendiert uns Eddie ein paar Minuten, wenn er nicht gerade anderweitig Smalltalk macht. „Hey Junah, Steve, ich möchte euch einen sehr guten Freund von mir vorstellen. Das ist Mr. Wally. Er und ich planen gerade, eine richtig coole Bar hier auf New Babbage. Das wird der Knaller! Schaut doch mal rein. Die Leute hier werden uns die Bude einrennen…”

Der nächste Morgen tut weh – ich wache mit den Kopfschmerzen des Jahrhunderts auf. Auf dem Weg zur Max fällt Steve in den Schnee und will offenbar aufgeben. „Junah, Herrgott, warum müssen wir so zeitig aufbrechen? Ach, ich bleibe einfach hier liegen”, stöhnt er. Ich gebe den strengen Vorsitzenden. „Auf, Soldat. Wer saufen kann, kann auch seinen Dienst verrichten”, befehle ich in gespieltem Ernst. Das erste Mal sehe ich den Wachmann von Loreville nicht standhaft und unbesiegbar. Wir beide kämpfen daher tapfer weiter gegen die Schwerkraft des Planeten an. Um seinen und meinen Kater zu besiegen, verabreiche ich uns schließlich jeweils zwei Clitar, die ein gewisser Doc Hyperion verschrieben hat. Diese Pillen wirken Wunder in jeder Lebenslage und vor allem nach durchzechten Nächten. Auf der Verpackung steht, dass sie eigentlich nur unter ärztlicher Aufsicht zu verabreichen seien. „Hoffentlich helfen die Tabletten, sonst werde ich wohl das erste Mal die Bordtoilette benutzen müssen.”

Eddie und Mr. Wally kommen kurz vor unserem Abflug zum Startplatz, um uns zu verabschieden. Die letzte Nacht hat ein wenig an der harten Schale von Steve gekratzt und es kam offenbar eine recht amüsante und witzige Persönlichkeit zum Vorschein, die bei den zwei Partytieren wohl gut ankam. „Also ich muss schon sagen, ihr zwei müsst unbedingt wieder vorbei schauen, spätestens wenn Eddie und ich die neue Bar hier auf New Babbage eröffnen. Vor allem dieser Teufelskerl hier.” Eddie klopft Steve so hart auf die Schulter, dass er fast das Gleichgewicht verliert. „Steve, wenn ich dir bei uns einen Job anbieten kann, dann lass es mich wissen. Junah, pass gut auf ihn auf, ja?” Dann nimmt mich Eddie ein paar Schritte zur Seite und übergibt mir einen Datenstick mit folgenden Worten: „Ich habe hier noch schnell meine Kontakte im Raumhafen spielen lassen. Unser gemeinsamer Freund hat sich tatsächlich schon vor mehreren Tagen in New Babbage angemeldet. Seine Ankunft ist heute in vier Tagen. Er reist unter dem Decknamen Mylo Morgenstern. Hat ihm aber nicht viel geholfen. Ich schätze, unser Hawk wird nachlässig auf seine alten Tage. Er hat sogar vergessen, seine Schiffs-ID zu fälschen. Das heißt aber auch, wenn ich ihn so einfach in den Stationslogs finden konnte, dann können es andere auch. Also sei bitte vorsichtig.”

„Mach ich, danke dir Eddie. Steht in den Logs auch, von wo er anreisen wird?”, frage ich zurück. „Soweit ich das hier sehen kann, kommt er aus ArcCorp. Vermutlich deine beste Chance, wenn du ihn wirklich finden willst.” Ich nicke. „Und noch etwas. Er reist nicht allein. Seine Reservierung bezieht sich auf zwei Personen.” Mit diesen Worten im Kopf lassen wir Microtech hinter uns. Die Entfernung zu ArcCorp beträgt knapp 60 Millionen Kilometer. Nach den vergangenen ereignisreichen Tagen mit Steve will ich ihn nicht gleich in das nächste Abenteuer stürzen. Wir sitzen gemeinsam im Cockpit der Max. „Hey Steve, sag mal, was hältst du davon, für ein paar Tage mal in einem richtigen Bett auf einem Mond zu schlafen? Mein Onkel Ben hat eine kleine Hydrofarm auf Daymar und da gerade keine Saison ist, hat er jede Menge Platz frei in den Mitarbeiterunterkünften. Auf dem Weg dahin legen wir noch einen Stopp auf Port Olisar ein, um neue Ausrüstung zu kaufen. Vielleicht finden wir für dich auch mal eine andere Rüstung. Was sagst du?”

 

„Ich könnte ein richtiges Bett vertragen – aber wenn du glaubst, ich kaufe mir eine Jahrmarktsrüstung, wie ihr sie tragt, dann hast du dich geschnitten, mein Freund.” Ich wende mich meiner K.I. zu. „Maia, setze bitte einen Kurs nach Port Olisar. Initiiere Sprung!” So schnell wie sonst nie antwortet sie: „Aye aye, Captain – und danke für die Bitte.” Ich lasse den letzten Satz von M.A.I.A. unkommentiert, da ich viel zu erschöpft bin, um mich jetzt mit meiner K.I. zu streiten. Als ich die Crewkabine betrete, schnarcht der Wächter bereits wie ein Holzfäller bei der Arbeit. Ich schätze, auch die härtesten Soldaten stecken eine Nacht in New Babbage nicht so leicht weg. Der Gedanke ist so beruhigend, dass auch ich ohne Mühe bald daraufhin einschlafe.

Diesmal werde ich nicht vom Schiffsalarm geweckt, sondern von den Landekufen der Ragnarok, als sie auf dem Landingpad aufsetzen. Ich laufe vor ins Cockpit und sehe, wie der Wächter auf dem Pilotensitz konzentriert die Umgebung nach Hindernissen absucht. Zu meinem Erstaunen nehme ich eine heitere Konversation mit M.A.I.A. wahr. „Danke für die saubere Landung, Maia.” „Aber sehr gerne, lieber Steve.” Ich stutze. „Was geht hier vor? Wie hast du die Landung mit Maia ganz allein hinbekommen?” Steve dreht sich zu mir. „Während du wie ein Baby geschlafen hast, haben wir uns ein wenig unterhalten. Ich muss schon sagen – sie ist eine herausragende Persönlichkeit. Mit ihrer Hilfe war es ein Kinderspiel, den Landevektor zu berechnen. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich deinen Platz ohne zu fragen einfach so übernommen habe.”

Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Nun ja…dass wir sicher gelandet sind, ist schon mal durchaus positiv. Das nächste Mal möchte ich dich aber bitten, keine Alleingänge zu unternehmen. Nicht jede Station ist so gut ausgerüstet wie Port Olisar mit seinem Instrumentenlandesystem. Das hätte auch anders ausgehen können. Nicht vergessen Steve: Mein Schiff, meine Regeln. Und es kann immer nur einen Captain geben, sonst funktioniert das Ganze nicht.” Ich warte auf seine Reaktion. „Aye aye Captain”, antwortet Steve mit militärischem Unterton schließlich. Ich weiß nicht, ob er das ganz ernst meint.

Wir betreten die Raumstation durch eine der Luftschleusen. Es sind viele Menschen unterwegs – viele kommen, um sich auszurüsten für Mining- und Bountymissionen. Die lukrativen Handelswege locken in diesem Teil des Stanton-Systems immer wieder Piratenabschaum an, der sich in der Nähe auf der alten Bergbaustation Grimhex tummelt. Gleichzeitig ist deshalb aber auch immer äußerste Vorsicht geboten. Wir sind jedoch nur aus einem Grund hier. Ich möchte Steve für eine andere Rüstung begeistern, da es auf Dauer doch etwas auffällig ist, in einer Hurston-Dynamics-Rüstung durch die Gegend zu stolzieren. „Hier in diesem Shop bekommst du die besten Rüstungen, die es rund um Crusader zu kaufen gibt. Ich selber rüste mich hier auch immer mit Rüstungen aus und sie haben auch faire Preise. Was denkst du?”

Steve mustert die ausgestellte Ware mit kritischem Blick. Ich habe das Gefühl, er weiß ganz genau, auf welche Details er achten muss. Er klopft hier und da auf die Verbindungen der Panzerplatten, schaut auf die Polsterung der Gelenke und prüft das Gewicht in der ausgestreckten Hand. „Und?”, frage ich. Seine Antwort ist deutlich: „Junah, ganz ehrlich? Das ist alles Schrott.” Ich schaue ihn mit großen Augen an. „Die Rüstungen sind bestenfalls B-Ware und kein Vergleich zu dem, was ich trage. Jetzt wird mir auch klar, warum ihr alle die Rüstung so oft wechselt. Weil sie unbequem sind und ihr müsst sie auch ständig neuen Gegebenheiten anpassen. Das kommt für mich nicht in Frage. Gibt es hier eigentlich auch einen Waffenladen?”

„Ja, den gibt es gleich hier gegenüber”, antworte ich. Wir laufen hinüber, werfen dabei kurz einen Blick aus dem Panoramafenster auf den Gasriesen Crusader. „Gut, dann hoffe ich, auf dem zivilen Markt wenigstens  eine vernünftige Pistole zu finden, da ich bei unserer Flucht aus Loreville meine im Spind liegen ließ.” Schließlich kann sich Steve für eine S38 begeistern, die seiner Meinung nach die beste Projektilhandfeuerwaffe ist, die ausgestellt ist. An der Kasse kaufen wir noch ein paar Medpens und ein paar OxyPens, als er mich fragend anschaut: „Sag mal, ich kann mir das alles eigentlich gar nicht leisten, da ich hier keinen Zugang auf meine Finanzen von Hurston Dynamics habe. Wir müssen uns dafür eine Lösung überlegen…ich kann dir ja nicht die ganze Zeit über auf der Tasche liegen.” Ich bezahle, dann erwidere ich: „Alles zu seiner Zeit, mein Freund. Fürs Erste mach dir mal über so etwas keine Gedanken und außerdem winkt uns ja noch die satte Belohnung von Miles, schon vergessen?” Mit der Aussage kann ich ihn beruhigen und wir gehen zurück zur Ragnarok.

Voll ausgerüstet verlassen wir Port Olisar und setzen einen Kurs auf Daymar. Die fröhliche Stimme meines Onkels Ben ertönt über die Bordlautsprecher, als wir im Anflug sind. Gleich nach der Landung werden wir von Ihm und Tante May empfangen. Ich erkläre beim gemeinsamen Abendessen die Lage. Beide willigen ein, Steve ein Quartier zu überlassen, bis die Saison auf der Hydrofarm wieder beginnt, solange er bei kleinen Reparaturarbeiten auf der Farm mit anpackt. „Dein Onkel und deine Tante scheinen ganz nette Menschen zu sein. Sie erinnern mich ein wenig an meine Eltern, als sie noch lebten. Mach dir keine Sorgen. Ich werde helfen und anpacken, wo ich nur kann. Das ist das Mindeste was ich zurückgeben kann.” Seine Stimme klingt seltsam ernst.

„Ihr werdet gut miteinander auskommen, da habe ich keine Bedenken. Schau mal das große Display an der Wand. Damit erreichst du mich immer – egal, wo ich mich gerade im System befinde. Onkel Ben hat heimlich eines der stärksten Kommunikationrelays verbaut, die es gibt. Die Komponenten hat er wohl von einer Javelin besorgt, die mal irgendwo in der Nähe abgestürzt ist.” Es folgt eine kurze Einweisung durch meine Verwandten, wie sich Steve auf ihrer Farm verhalten soll, dann verabschiede ich mich vorerst von dem Wächter. „Ich werde in drei Tagen wieder hier sein, hoffentlich mit Hawk in Begleitung.” Steve blickt mich an. „Soll ich dich nicht vielleicht doch begleiten?” Ich schüttele den Kopf. „Lieber nicht, die auf ArcCorp verstehen leider keinen Spaß, wenn es um Deserteure geht. Sie würden dich umgehend melden. Du kannst dich hier auf der Farm ein paar Tage entspannen. Ich werde dich und deine Fähigkeiten noch früh genug brauchen, Soldat.” Als ich die Luftschleuse der Max betrete sieht mir Steve nach. „Du Junah, ich hab mich bis jetzt noch nicht bedankt für all das.” Ich winke zurück. „Und das musst du auch nie!” Dann bin ich auf und davon.

Ein Zwischenruf reißt mich aus meiner Rede.

„Du selbstgefälliges Arschloch! Wenn du auch nur eine Sekunde nachgedacht hättest, wären wir jetzt alle nicht hier auf dieser Trauerfeier und müssten von Steve Abschied nehmen!” Die laute Stimme einer Anwesenden riss mich aus meiner Erzählung zurück auf das Podium der 890 Jump. Angehörige beruhigen die schluchzende Frau, als sie sich langsam wieder setzt. Eine Bekannte von Steve auf Hurston. Das unangenehme Gefühl von Schuld brennt wie Feuer unter meiner Haut. Ich kann sie nicht trösten, ihr die Trauer nicht nehmen. Sonst wäre alles umsonst gewesen…

– Fortsetzung folgt –

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