Steves Wandlung

Teil II – Maia

Von EveryDayGamer

„…es ist eine lange Reise bis nach Microtech. Lass uns versuchen, wenigstens eine Mütze voll Schlaf zu bekommen.” Steve nickt und wir gehen gemeinsam in den hinteren Crewbereich der Freelancer Max. Die Matratzen des Schiffes sind zwar bequem, aber laden nicht gerade dazu ein, länger als sechs Stunden auf ihnen zu liegen. Ich schätze, das ist auf den industriellen Schiffen wohl auch genauso gewollt. Steve wird seine erste Nacht im Weltall ohnehin nicht so leicht wegstecken. An die künstliche Schwerkraft, die Trägheitsdämpfer und das Summen der Komponenten muss man sich schließlich auch erst einmal gewöhnen.

Der Alarm des Bordcomputers schrillt durch das ganze Schiff, als wir uns Microtech nähern. Ich erschrecke mich so sehr, dass ich mir den Kopf an der Leiter meines Bettes stoße. Als mein Blick wieder klar wird, sehe ich auf das leere Bett neben mir, das Steve ganz nach militärischer Art gemacht hat. Nicht ein Bettzipfel hängt irgendwo über. Mit einem Kaffee in der Hand betrete ich schließlich das Cockpit und sehe Steve auf dem Copilotensitz, wie er soeben die Geschichte von Microtech studiert.

„Moin Steve, ich dachte mir schon, dass du nicht schlafen kannst.” Er blickt mich an. Zu meiner Überraschung sieht er aus wie frisch aus dem Ei gepellt. „Guten Morgen Junah, ich habe wie immer meine exakten 300 Minuten geschlafen – wie jeden Tag. Mehr brauche ich nicht.” Ich frage mich, ob die Wächter von Loreville alle solche programmierten Maschinen sind oder ob ich an den einzigen „Cyborg“ der Galaxis geraten bin.

„Ich  sehe mir gerade die Aufzeichnungen über diesen Planeten an. Da ist wohl einiges schief gelaufen beim Terraforming, was? Wir hatten in der Ausbildung das Thema zwar einmal angeschnitten, aber ich habe das Meiste wieder vergessen, da es für meinen Job nicht weiter wichtig war.” Ich nicke und nehme einen weiteren Schluck Kaffee, während eine dritte Stimme an Bord ertönt. „Allerdings, das Terraforming hat diesen Planeten in ein Gefrierfach verwandelt.” Der Wächter zuckt zusammen, schaut sich voller Panik um und will schon zu seiner Waffe greifen, als ich ihn gerade noch beruhigen kann.

„Was zum…was ist das?” Sein Blick ist eine Mischung aus Ungläubigkeit und Entsetzen. „Bleib cool Steve, das ist nur Maia, die K.I. meines Schiffes.” M.A.I.A. schaltet sich wieder ein. „Wir hatten das Thema schon einmal, Captain. Ich mag es nicht wenn man mich als künstlich bezeichnet.” Steves Blick wechselt von erschrocken zu fassungslos. „Warum war sie still, als wir gestartet sind. Warum meldet sie sich erst jetzt?” Ich blicke Steve an und mache eine ausladende Handbewegung. „Nun…Maia ist sehr vorsichtig, wem sie sich offenbart. Da künstliche Intelligenzen in der UEE unerwünscht sind, ist es sozusagen ihr  Selbsterhaltungstrieb, der Sie erstmal schweigen lässt, wenn eine unbekannte Person das Schiff betritt. Sie flog uns aber die ganze Zeit im Quantumtravel bis nach Microtech. Ohne sie könnte ich niemals so viele Aufträge annehmen.”

„Ihr Name ist Maia? Wieso hat Sie nichts gesagt? Ich saß sicher eine Stunde hier allein im Cockpit”, fragt Steve weiter. „Nun, sie ist so programmiert, dass sie auf Sprache reagiert. Ich denke, du hättest einfach etwas sagen sollen…aber ich verstehe deine Verwirrung.” Ich setze mich auf den Pilotensitz und amüsiere mich über den Gesichtsausdruck des Wächters. „Maia, bring uns runter auf Microtech. Ich gebe dir dafür nun die Koordinaten.” Kurze Pause. Dann sagt sie: „Aye Captain, ich setze den Kurs.”

Die Freelancer macht eine sanfte Kurve nach Steuerbord und wir treten in Microtechs Atmosphäre ein. Die vorderen Schilde fangen an zu glühen und während das ganze Raumschiff ächzt und knarzt unter der Belastung des Übertritts vom Nichts in Luft, höre ich Steve schreien: „Was macht das verdammte Ding denn? Oh Gott, wir werden sterben!” Er klammert sich an seinen Sitz, als könnte dies sein Leben retten. Ich warte noch einige Minuten bis das flammenlodernde Schauspiel vor der Cockpitscheibe nachlässt und man wieder sein eigenes Wort versteht.  „Mein Fehler. Ich hatte ganz vergessen, dass Du ja noch nie im Weltall warst. Wir sind gleich da und steuern nun New Babbage an, die Hauptstadt des Planeten, um dort Informationen zu sammeln. Ich bin mir sicher, dass  Hawk hier noch einmal seine Vorräte auffrischt,  bevor er Stanton verlässt. Wir müssen ihn unbedingt erwischen, sonst wird es eine lange Schnitzeljagd bis Vega.“ Ich nehme noch einen Schluck Kaffee, dann fahre ich fort. „Bevor wir aber landen, machen wir noch einen Zwischenstopp. Da du noch nie was anderes gesehen hast als Hurston, will ich dir zeigen, wie schön es hier auch sein kann. Nicht alle Regionen Microtechs sind nämlich betroffen von dieser Eiseskälte. Wenn man weiß wo, erwischt man einen Fleck, wo das Terraforming durchaus funktioniert hat. Die Zeit haben wir sicher noch.”

Schweigend fliegen wir durch die dichte Wolkendecke. Als wir sie durchstoßen, offenbart sich uns in der Ferne ein schneefreies Tal. Ich übernehme die letzten Kilometer die Kontrolle von M.A.I.A. und bringe uns auf einem Hügel in der Mitte des Tals sicher hinunter. Wir steigen aus. Steve wundert sich über vierzehn Grad Außentemperatur. Die Sonne wärmt uns noch mehr, ein leichter Wind weht über die Ebene. Es ist, ohne Zweifel, ein friedlicher Ort. „Ich kann es kaum glauben. Es sieht einfach atemberaubend aus, Junah. Danke, dass du dir die Zeit nimmst, mir das zu zeigen. Frische Luft zu atmen, ist ein Privileg für die oberen Zehntausend in Loreville.”

„Dieser Ort hat bis jetzt noch jeden begeistert. Zu meinem Glück konnte ich die Koordinaten von einem Barkeeper auf ArcCorp für ein paar Credits kaufen.“ Der Wächter schaut mich an und holt tief Luft:  „Junah, da hinten auf den Bergen – ist das Schnee? Könnten wir noch einen kurzen Umweg machen? Seit ich ein Kind war, habe ich immer davon geträumt, einen Schneeball zu werfen.” Ich lächele. „Klar, die paar Minuten haben wir sicher noch. Maia, bereite das Schiff für den Start vor!” Es ertönt die sanfte Stimme der K.I. „…auch wenn ich nur eine K.I. bin, so würde ich es doch sehr begrüßen, ab und an mal ein Bitte zu hören, Captain.” Ich ringe mit meiner Fassung. „Maia, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um eine Diskussion dieser Art zu führen!” Steve hält sich den Bauch vor Lachen. Na bitte – und ich dachte schon, ich wäre an einen Roboter geraten. „Also diese Maia gefällt mir immer besser…”

Bis zum nächsten Gipfel ist es nur ein Katzensprung. Wir erreichen das Ziel im Handumdrehen, ich parke die Freelancer im Hover-Mode an einem Bergkamm. Als ich sehe, wie der Wächter das erste Mal in seinem Leben Schnee durch seine Hände rieseln lässt, kommt mir ein Gedanke: Haben wir uns schon so sehr an den Anblick dieser vermeintlich einfachen Dinge gewöhnt, dass wir den Blick für die Schönheit darin verloren haben? Braucht es wirklich eine eiskalte Tötungsmaschine aus Loreville, damit mir, damit uns das wieder bewusst wird? Ich blicke Steve an und räuspere mich. „…und was sagst du, mein Freund?”

Er formt aus dem Schnee einen Ball und wirft ihn, soweit er kann. „An diesen Tag werde ich mich noch lange erinnern“, sagt er dann. „Aber es sieht so aus, als würde da hinten ein Sturm aufkommen. Wir sollten lieber schnell zum Raumhafen, um deinen Freund noch zu erwischen.” Ich nicke. „Du hast Recht. Lass mich noch schnell ein paar Fotos machen und dann geht es los.” Man sollte nie unterschätzen, wie schnell ein Gewitter auf Microtech aufziehen kann. Durch die großen Temperaturunterschiede bewegen sich die Luftmassen manchmal schneller als einem lieb sein kann – und  mit diesem Gedanken im Kopf erfasst auch schon eine starke Windböe das Schiff, sodass wir nicht mehr an Bord können – die Einstiegsluke liegt für uns plötzlich zu hoch.

„Maia, halte doch einfach das Schiff ruhig!” Doch offenbar schmollt meine K.I. nun plötzlich: „Och, immer bin ich Schuld. Ein Bitte habe ich heute auch nicht von dir gehört! Ich schalte mich offline!” Ich blicke einen Moment sprachlos auf mein Mobiglas. Dann schreie ich es an. „Maia! Das ist jetzt nicht dein Ernst?” Steve kugelt sich vor Lachen. Schließlich wende ich mich ihm zu. „Ich glaube, du verstehst den Ernst der Lage nicht. Bis wieviel Grad unter Null hält deine Rüstung?” Stolz schwingt in seiner Stimme mit, als er antwortet. „Minus sechzig Grad.“ Ich schüttele den Kopf. „Na dann bräuchtest du davon zwei, um diesen Sturm zu überstehen. Ich lege lieber auch meine Rüstung an – um wenigstens ein paar Stunden überleben zu können.” Daraufhin vergeht Steve das Lachen genauso so schnell wie es gekommen ist. „Ja aber…also sag mir jetzt nicht, dass sich dein komischer Computer wirklich abgeschaltet hat und wir nicht mehr zurück ins Schiff kommen?” Ich klicke meinen Helm fest. „Doch, genau das. Verdammte Scheiße!“

Innerhalb von Minuten fällt die Temperatur schließlich auf minus fünfzig Grad. Ich versuche, mich bei M.A.I.A. zu entschuldigen, aber sie bleibt stumm. Vielleicht hätte ich sie in letzter Zeit nicht immer wieder so herablassend behandeln sollen – auch wenn sie nur aus Schaltkreisen besteht. Unsere einzige Hoffnung ist jetzt ein Kommunikationssatellit, der in einigen Stunden über uns stehen wird, um dann um Hilfe zu rufen. „Junah, ich sage es ja nur ungern, aber du hättest deine K.I. nicht verärgern sollen.” Ich atme schwer. „Danke Mann, das weiß ich.” Ich überlege fieberhaft, wen ich auf Microtech um Hilfe bitten könnte. Schließlich fällt mir jemand ein, der mir noch einen Gefallen schuldet – groß genug, um uns aus diesem Schlamassel zu holen: Eddie Parr. Und es wird höchste Zeit. Es wird jetzt immer ungemütlicher, der Wächter kriegt auch schon das Zittern.

Endlich ist der Satellit in Reichweite. Ich brülle gegen den Sturm in mein Mobiglas. „Eddie…Eddie Parr! Kannst du mich hören?”. Der Wind peitscht mittlerweile Eisbrocken gegen die Visiere unserer Helme. „Junah, bist du das? Schön, von dir zu hören! Ich kann dich kaum verstehen, die Verbindung bricht ständig ab. Meine Güte, wo bist du denn?” Die Interferenzen verzerren Eddie´s Bild und Ton. „Eddie, kannst du uns helfen? Wir stecken hier in einem Sturm fest. Ich schicke dir jetzt die Koordinaten! Beeil dich bitte, wir haben nicht mehr viel Zeit!” Meine Hand zittert unaufhörlich, als ich den Standort durchgebe. Es sind jetzt um die minus achtzig Grad. Steve wirkt sichtlich nervös, dann fragt er: „Ist auf diesen Eddie auch Verlass?” Ich versuche mit den Schultern zu zucken, aber es fällt mir schwer. „Keine Ahnung. Ich habe ihn schon seit paar Jahren nicht mehr gesehen. Ich sag mal so, er schuldet mir noch einen großen Gefallen. Das wäre jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.”

Die Anzeige auf meinem Anzug zeigt an, dass mir noch zwanzig Minuten bleiben, bis ich erfriere. Was für eine beschissene Info. Niemand sollte wissen, wie lange er noch zu leben hat. Steve klopft mir kräftig auf die Schulter, mein ganzer Körper schmerzt vor Kälte. Dann sagt er plötzlich: „Hey, ich sehe da hinten Lichter. Es ist auf jeden Fall ein Raumschiff. Steh’ auf, Junah!” Ich raffe mich auf, um im nächsten Moment festzustellen, dass in der Ferne tatsächlich das wunderbare tiefe Dröhnen von Triebwerken zu hören ist, die gegen den Sturm ankämpfend immer näher kommen. Die grellen Suchscheinwerfer wirken auf mich wie ein warmer Sonnenaufgang. „Ja, das ist Eddie! Ich dachte schon, wir werden hier tiefgefroren.” Ich werde gerufen. „Eddie, bitte sag mir, dass du das bist!” Die Antwort kommt prompt. „Hey, hat hier jemand ein Taxi bestellt? Na klar, bin ich das. Was macht ihr denn da unten?“ Als er nah genug ist, öffnet Eddie die hintere Luke. „Steigt schnell ein. Es wird immer kälter. Ich hab die Heizung schon voll aufgedreht. Over und Out.”

Eddie´s Schiff macht eine beherzte Kurve, die Rampe ist bereits geöffnet. Wir machen einen Sprung und sind in Sicherheit. Die Türen schließen sich, als ein gut aussehender Typ in Microtech-Klamotten den Frachtraum betritt. „Na, das war aber Rettung in letzter Minute. Schön dich zu sehen, Junah. Was macht ihr zwei Pechvögel denn hier mitten in einem Blizzard? Herrje, ist das etwa ein Hurston-Dynamics-Wachmann? Und ist das da deine Max, die da vor uns gerade im Sturm davon treibt?”

„Bin ich froh dich zu sehen! Das hier ist Steve. Er ist in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Fast wären wir drauf gegangen in der Kälte. Und ja, das ist unser Schiff.” Ich zittere am ganzen Körper und  kriege die Worte gerade noch so über die Lippen. „Hätte euch Maia nicht retten können? Nein, lass mich raten – sie zickt wieder herum?” Ich nehme meinen Helm ab und greife zu dem heißen Kaffee, den Eddie mir reicht. „Sie hat ihren eigenen Kopf entwickelt und das geht manchmal eben auch nach hinten los. Kannst du mich zum meinem Schiff bringen? Das hätte jetzt die höchste Priorität. Ach, und hast du eigentlich noch die Penthousewohnung über den Dächern von New Babbage mit Blick zum Raumhafen hinüber?“ Parr nickt. „Klar, die gebe ich doch nicht her.” Ich nicke. „Fein, dann lass uns dort treffen und wir bereden alles Weitere in Ruhe. Danke dir noch einmal für die Hilfe, Eddie. Komm, Steve, lass’ uns zurück in die Ragnarok. Ach ja, so heißt mein Schiff, falls du dich das gerade fragst.”

Mit sicheren Manövern fliegt uns Eddie zur Rampe der Ragnarok. Ohne Mühe schaffen wir es an Bord, wo ich direkt ins Cockpit gehe, um M.A.I.A. zu falten. „Willkommen zurück Commander”, sagt sie mit ruhiger Stimme. „Was fällt dir eigentlich ein? Wir wären da draußen fast drauf gegangen durch deinen Egotrip!” M.A.I.A. lässt sich durch mich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. „Entspannen Sie sich Captain! Ich hatte ihre Lebensanzeige ständig im Blick. Es bestand eine 92,3prozentige Wahrscheinlichkeit, dass Sie Eddie Parr um Hilfe bitten würden. Ohne diese Extremsituation hätten Sie das wahrscheinlich nicht getan. Aber wir sind schließlich auf jede Hilfe angewiesen, um Hawk zu finden, nicht wahr? Ich mache hier nur meinen Job. Das möchte ich nur mal erwähnen.” Ich kann kaum an mich halten vor Wut, da klopft mir Steve auf die Schulter. „Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie cool ich deine Maia finde?”, fragt er plötzlich. Mir fehlen die Worte – diese K.I. macht echt, was sie will. Ich verstehe jetzt sogar, warum die UEE keine mehr verwendet. Anscheinend ist künstliche Intelligenz nicht in jeder Lage eine große Hilfe – gerade, wenn es um Entscheidungen über Leben und Tod geht. Das Militär und Hurston Dynamics  haben deshalb nur Verwendung für gehorsame Lämmer, die keine Fragen stellen, denke ich mir insgeheim.

Zu Teil III

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