Steves Wandlung

Wie ein Wächter Lorvilles das Leben lieben lernte

Teil I – Durchgebrannt

Von EveryDayGamer

„…und nun bitte ich Junah Radegast das Wort zu übernehmen. Wenn Sie so freundlich wären?” Die Blicke aller Anwesenden richten sich auf mich. Ich sitze in der vorletzten Reihe. Ich stehe auf und gehe unter den aufmerksamen Augen der Anwesenden Richtung Podium, erreiche die Empore der 890 Jump, bedanke mich bei meinem Vorredner und spreche mit entschlossener Stimme: „Es ist mir eine besondere Ehre das Wort zu erhalten. Ich möchte Ihnen Steve Camacho als einen sehr außergewöhnlichen Mann vorstellen, der uns künftig allen als leuchtendes Vorbild dienen sollte. Sein Name steht für den Willen, hinter den Horizont zu schauen, über Grenzen hinaus zu blicken, die wir uns oft selber auferlegen. Ich möchte Ihnen darüber berichten, wie ich ihm begegnet bin.” Ich fokussiere einen leeren Stuhl in der dritten Reihe des Publikums und beginne zu erzählen. Und während ich den Gästen auf der 890 Jump in schönen Worten verpackt von Steves wundersamer Wandlung vorschwärme, tauchen in mir Bilder auf, wie es wirklich gewesen ist…

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Drei Monate zuvor. Es beginnt mit einem Job auf Loreville. Nichts außergewöhnliches. Es ist einer dieser Aufträge, wie man sie leicht über sein Mobiglas findet. In der Bar herrscht die gleiche Stimmung wie immer. Es ist düster, dreckig und laut – kurz: das übliche, heruntergekommene Flair, das Lorville nun mal so an sich hat. Ich entdecke Miles Eckhart sofort. Normalerweise mache ich ja keine Deals mehr mit Auftraggebern über das Mobiglas, allerdings hat mein letzter Auftrag so viele Ressourcen gefressen, dass ich nun genötigt bin, mir wenigstens mal anzuhören, was der alte Säufer anzubieten hat. Vor ihm steht ein Glas mit dem teuersten Whisky, den die Spelunke auszuschenken hat. Für gewöhnlich haben Auftraggeber wie Miles Eckhart persönliche Aufpasser um sich, meist unterbelichtete Gorillas – aber an diesem Tag steht da ein waschechter Lorville-Wächter von Hurston Dynamics.

Kaum am Tisch angekommen, offeriert mir Eckhart ebenfalls einen Whisky, den ich aber ablehne. „Wie tief musst du eigentlich in der Scheiße stecken, dass du nochmal an meinem Tisch auftauchst, Junah? Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet du den Auftrag annimmst unter all den Freelancern, die sich so in Stanton tummeln. Ach ja, bevor ich es vergesse: Das ist Steve. Er ist hier um sicherzustellen, dass du nicht plötzlich ausflippst.” Ich versuche cool und geschäftlich zu wirken. „Beruhig dich, Miles“, sage ich.

Der Wächter fixiert mich mit den Augen und ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass er nicht eine Sekunde zögern würde abzudrücken, sollte Eckhart es wollen. Dieser aber lächelt nur, dann räuspert er sich. „Ich will dir sagen, worum es geht. Seit dein Freund Hawk auf der Suche nach seinen verschwundenen Eltern ist, habe ich keine Nummer Eins mehr. Vorerst. Er hat doch glatt die ganze Kohle seiner Eltern auf den Kopf gehauen und hat offenbar mit den falschen Leuten Geschäfte gemacht. Hab’ außerdem gehört, dass er auch noch diesem Schmierlappen Dimitri ein Vermögen schuldet. Herrje, wie dumm kann man sein? Würde mich nicht wundern, wenn Dimitri zufällig selber etwas zu tun hat mit dem Verschwinden von Hawks Eltern im Vega-System. Aber, wie auch immer. Derzeit bleibt alles an mir hängen, wenn du verstehst, was ich meine. Und da kommst du ins Spiel.”

„Wie wäre es, wenn du mal zum Punkt kommst”, unterbreche ich ihn. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie sich der Wachmann aufrichtet. „An deiner Stelle würde ich mich mal nicht so im Ton vergreifen”, sagt er. Eckhart hebt die Hand, so, als wollte er einen Hund zurückpfeifen. „Ist schon gut Steve, der gute alte J.R. und ich haben ebenfalls eine sehr lange Freundschaft auf die wir zurückblicken können, nicht wahr?” Der Sarkasmus in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Der Fettsack nimmt einen unnormal großen Schluck von seinem Radegast und wischt sich den Rest mit dem Handballen vom Mund. „Das mochte ich schon immer an dir. Du bist kein Fan von Smalltalk. Wie ich. Nun, ich habe eine äußerst delikate Angelegenheit, die ich lieber gestern als heute von meinem Tisch haben möchte. Der Auftraggeber steht wie immer nicht zur Diskussion. Ist ne knifflige Sache, die Belohnung ist aber überdurchschnittlich, wenn nicht sogar außergewöhnlich hoch.”

Immer wenn Eckhart das Wort “knifflig” in den Mund nimmt, bekomme ich ein ganz mieses Gefühl. Meistens enden solche Aufträge im Klescher Gefängnis. „Okay, Miles, wo ist der Haken und wie hoch ist die Bezahlung?” Eckhart blickt mir direkt in die Augen. „Das wird dir nicht schmecken. Ich sag’s gerade raus: Dimitri will, dass Hawk das Schicksal seiner Eltern teilt. Er will, dass Hawk auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Irgendwie denkt Dimitri wohl, dass er sich dann Night Industries unter den Nagel reißen kann. Keine Ahnung, was er mit dem Laden von Hawks Eltern will.“ Eckhart schüttelt den Kopf. „Wie auch immer. Ich weiß, du wirst jetzt gleich sagen, das kann nicht mein Ernst sein, aber lass mich….“

„…wie viel?”, falle ich ihm ins Wort.  Eckhart stutzt kurz. „Fünfzigtausend”, erwidert er dann.

Als Eckhart die Summe nennt, zuckt Steve kurz. „Okay. Schick mir die Daten auf mein Mobi“, sage ich. Ich stehe auf, verlasse Eckharts Tisch und schlendere rüber an den Tresen. Eckhart blickt mir kurz hinterher, scheint sprachlos zu sein. Er hat offenbar nicht damit gerechnet, dass ich meinen alten Kumpel so schnell über die Klinge springen lassen würde. Kaum habe ich am Tresen einen Drink bestellt, spüre ich plötzlich wie jemand hinter mir steht. „Du lieferst deinen Freund für fünfzigtausend Creds aus? Einfach so?” Ich drehe mich um. Hinter mir steht der Wächter Lorvilles. In voller Rüstung und die Waffe fest im Anschlag. Ich blicke ihm direkt in das getönte Visier. „Keine Ahnung, was du von mir willst. Schätze, in Sachen Diskretion musst du noch einiges lernen…”, sage ich.  

„Eines weiß ich jedenfalls genau. Hier geht so einiges an Abschaum ein und aus. Und da gehörst du wohl dazu.“ Er setzt sich neben mich. „Nun ja, Miles amüsiert sich jetzt wahrscheinlich erst mal eine Runde, der kommt sicher nicht vor zwei Stunden zurück.” Er macht eine Pause. „Es interessiert Dich wahrscheinlich einen Dreck, aber ich erzähle es dir trotzdem. Ich stehe den ganzen verdammten Tag in einer mordsschweren Rüstung an irgendeiner Ecke auf diesem Scheißplaneten. An mir rennen täglich tausende Leute vorbei. Keiner würdigt mich eines Blickes. Deshalb interessiert es auch keinen, was ich denke. Und doch kann ich kaum glauben, was hier eben passiert ist. Was bist du denn für ein Arschloch?“ Ich bin perplex. „Hör mal gut zu….“

„Nein, Du hörst zu.“ Seine Stimme grollt. „Hurston Dynamics kontrolliert jeden Bereich meines Lebens! Die halten uns wie Vieh, verstehst du, während wir ihre verseuchte Luft atmen dürfen. Sie zahlen so viel, damit man nicht vor die Hunde geht, aber zu wenig, um es hier weg zu schaffen. Und dann kommst du daher, verrätst deinen Freund für fünfzig Riesen, ich stehe direkt daneben und soll die Klappe halten? Ich nehme an, du bist mit irgendeinem schönen Schiffchen hergekommen. Ich komme  mit der Kohle, die ich hier kriege, nicht mal bis zum nächsten Mond.“ Ich glaube fest, als Nächstes eine Kugel durch Kopf zu bekommen. Was konnten die Wächter Lorvilles sonst schon? Dann aber steht der Wächter Lorvilles auf und geht. Und lässt mich verstört zurück. Ich kann ihm ja nicht erzählen, dass sich alles ganz anders verhält.

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Am nächsten Tag fühle ich mich völlig fertig. Ich habe wegen meines „Auftrages“ extrem schlecht geschlafen. Ich mache mich auf den Weg zum Raumhafen, will erst einmal so schnell wie möglich runter von dieser Kugel. In dieser Umgebung kann ich jedenfalls keinen klaren Gedanken fassen – und ich werde schließlich einen kühlen Kopf brauchen, um die Sache mit Hawk zu regeln. Mein Schiff wartet bereits im Hangar auf mich, ich laufe geistesabwesend zur Fahrstuhltür, als ich hinter mir eine Stimme höre.

„Ich hoffe, du erstickst an der Kohle. Das Blut deines Freundes wird jedenfalls für immer an deinen Händen kleben.” Ich drehe mich um. Der Wächter.  Aus mir bricht es heraus: „Jetzt hör mir mal genau zu! Du hast ja keine Ahnung. Du schwingst hier Reden von Ehre und Loyalität. Dabei hast du noch nicht einmal Loreville geschweige denn diesen Felsen verlassen. Wenn du auch nur ein wenig Mumm in den Knochen hättest, könntest du es locker hier raus schaffen. Aber alles, was ich sehe, ist nur ein Wachmann mit einem großen Mundwerk, der sich mit seiner Waffe ziemlich mächtig fühlt.” Ich vergesse, wie leichtsinnig es ist, was ich ihm an den Kopf knalle, hält er doch die ganze Zeit eine geladene Waffe in den Händen.

Er richtet sich gerade auf, sein Körper versteift sich. „Wie kannst du es wagen, meinen Mut in Frage zu stellen? Diese Uniform sollte dir eindeutig zeigen, dass diesen Job nur die Härtesten bekommen und auch dauerhaft behalten.” Ich höre zwar seine Worte, sie kommen aber bei mir nicht wirklich an. Stattdessen herrsche ich ihn an: „Wenn du wirklich so ein harter Kerl bist, dann beweise es mir doch einfach. Steig mit in mein Schiff und ich zeige dir, wie es in der richtigen Welt zugeht. Aber vermutlich ziehst du es vor, dich hinter deiner Uniform zu verstecken, anstatt dein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen!”

Zu meinem Erstaunen und Entsetzen macht Steve ein paar große Schritte auf mich zu. Im ersten Moment denke ich, er will mich erschießen. Doch dann gleite ich ein paar Minuten später mit Steve an Bord auf dem Copilotensitz in einer Freelancer Max aus dem Hangar. Ich fasse es nicht – ich habe aus einer schweren Aufgabe eine Unlösbare gemacht. Ich blicke hinüber zu ihm. Steve sitzt verkrampft in seinem Sitz, ihm hat’s genau wie mir die Sprache verschlagen. Eine Kurzschlussreaktion. Anders ist es nicht zu erklären. Ich drücke den Schubregler nach vorn und lasse die vier Triebwerke das Schiff beschleunigen. Anstatt jedoch gleich in den Orbit zu steuern, senke ich die Nase des Schiffes bald wieder, fliege eine leichte Kurve und steuere einen Landepunkt an der Küste an. „Was soll das werden? Ich denke, du willst Hurston verlassen?” Hinter Steves getöntem Visier erkenne ich ein ungläubiges Gesicht. „Das mache ich schon noch. Aber bevor wir das tun, sollten wir beide erstmal tief durchatmen und ein paar Dinge klären. Dafür suche ich uns jetzt einen ruhigen Ort.” Steve nickt und blickt Richtung Loreville, während ich die Freelancer auf einer Lichtung lande. Ich schalte die Triebwerke aus und laufe zur Laderampe. Steve folgt mir unaufgefordert. „Herrje, lässt du eigentlich auch mal deine Waffe liegen?”, frage ich ihn. „Nur wenn ich eine bessere finde.”

Das dichte Gras um uns herum reicht bis zur Hüfte und außer dem Wind in den Bäumen hört man nur  unsere Schritte auf dem Boden. „Hör zu – Steve. So heißt du doch? Ich will dich nicht in eine Situation mit hineinziehen, mit der wir beide nicht glücklich werden. Noch wäre es für dich nicht zu spät umzukehren. Vergiss, was ich vorhin gesagt habe.” Vielleicht wäre das der richtige Moment, uns mal in die Augen zu sehen. Aber Steve behält seinen Helm auf. Dafür sagt er nun etwas, womit ich nie gerechnet hätte: „Nein, du hast vollkommen Recht. Ich muss mein Leben selbst in die Hand nehmen, egal was das jetzt für Konsequenzen hat. Ich verspreche dir, dass ich zu keinem Zeitpunkt eine Last sein werde.” Ich traue meinen Ohren kaum. Das ist ein völlig anderer Mensch, der da jetzt mit ruhiger Stimmer spricht. Dann fasse ich mich. „Gut, ich will nur sicher gehen, dass wir beide mit dieser Entscheidung leben können und ich glaube, du kannst mir sogar behilflich sein bei dem, was ich vorhabe. Das ist meine Bedingung. Was sagst du?“ Für einen Moment blickt er auf die Silhouette von Loreville. „Keinesfalls mache ich bei der Ermordung deines Freundes mit.“

Ich lächle. Hatte ich bis eben noch befürchtet, dass dies lediglich die geschickt eingefädelte Flucht eines Hurston-Dynamics-Wachmannes sein könnte, war ich nun erleichtert. „Sei unbesorgt. Das war nie meine Absicht – und das wird deine erste Lektion werden. Echte Freunde lassen sich hier draußen gegenseitig nie im Stich, verstehst du? Unter keinen Umständen würde ich Hawk ausliefern. Hätte ich den Auftrag nicht angenommen, dann würde Eckhart einen anderen finden, der den Job erledigt. Zeit gewinnen, verstehst du?“ Steve nickt. „Ich musste es ihm nur glaubhaft genug rüberbringen.”

Steve atmet tief aus, seine Anspannung lässt spürbar nach. „Also, lass uns wieder einsteigen und verschwinden. Alles Weitere wird sich finden”, sage ich. Steve zögert kurz. „Oh, eine Sache noch. Ich bin noch nie im Weltraum gewesen. Wie benutzt man eigentlich das Klo ohne Schwerkraft? Ich grinse und klopfte ihm auf die Schulter. „Gar nicht.” Dann klettern wir zurück in die Freelancer.

Der Autopilot bringt uns langsam aus der Atmosphäre in den Orbit, während ich nach hinten gehe, um nach Steve zu sehen, der an der offenen Ladeluke zusieht, wie die Millionenstadt Lorville immer kleiner wird. „Unfassbar“, erfährt es Steve schließlich. „So habe ich es mir immer erträumt. Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages einmal Hurston verlassen würde. Ich frage mich, wie werden wohl die anderen Planeten aussehen, Junah.“ Zum ersten Mal nennt er mich bei meinem Vornamen. Ich blicke ihn an. „Du wirst Augen machen mein Freund, du wirst Augen machen.”

Zu Teil II

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