Steves Wandlung

Wie ein Wächter Lorvilles das Leben lieben lernte

Von EveryDayGamer

Inhalt

„…und nun bitte ich Junah Radegast das Wort zu übernehmen. Wenn Sie so freundlich wären?” Die Blicke aller Anwesenden richten sich auf mich. Ich sitze in der vorletzten Reihe. Ich stehe auf und gehe unter den aufmerksamen Augen der Anwesenden Richtung Podium, erreiche die Empore der 890 Jump, bedanke mich bei meinem Vorredner und spreche mit entschlossener Stimme: „Es ist mir eine besondere Ehre das Wort zu erhalten. Ich möchte Ihnen Steve Camacho als einen sehr außergewöhnlichen Mann vorstellen, der uns künftig allen als leuchtendes Vorbild dienen sollte. Sein Name steht für den Willen, hinter den Horizont zu schauen, über Grenzen hinaus zu blicken, die wir uns oft selber auferlegen. Ich möchte Ihnen darüber berichten, wie ich ihm begegnet bin.” Ich fokussiere einen leeren Stuhl in der dritten Reihe des Publikums und beginne zu erzählen. Während ich den Gästen auf der 890 Jump in schönen Worten verpackt von Steves wundersamer Wandlung vorschwärme, tauchen in mir Bilder auf, wie es wirklich gewesen ist…

*****

I. Die Flucht

Drei Monate zuvor. Es beginnt mit einem Job auf Loreville. Nichts außergewöhnliches. Es ist einer dieser Aufträge, wie man sie leicht über sein Mobiglas findet. In der Bar herrscht die gleiche Stimmung wie immer. Es ist düster, dreckig und laut – kurz: das übliche, heruntergekommene Flair, das Lorville nun mal so an sich hat. Ich entdecke Miles Eckhart sofort. Normalerweise mache ich ja keine Deals mehr mit Auftraggebern über das Mobiglas, allerdings hat mein letzter Auftrag so viele Ressourcen gefressen, dass ich nun genötigt bin, mir wenigstens mal anzuhören, was der alte Säufer anzubieten hat. Vor ihm steht ein Glas mit dem teuersten Whisky, den die Spelunke auszuschenken hat. Für gewöhnlich haben Auftraggeber wie Miles Eckhart persönliche Aufpasser um sich, meist unterbelichtete Gorillas – aber an diesem Tag steht da ein waschechter Lorville-Wächter von Hurston Dynamics.

Kaum am Tisch angekommen offeriert mir Eckhart ebenfalls einen Whisky, den ich aber ablehne. „Wie tief musst du eigentlich in der Scheiße stecken, dass du nochmal an meinem Tisch auftaucht, Junah? Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet du den Auftrag annimmst unter all den Freelancern, die sich so in Stanton tummeln. Ach ja, bevor ich es vergesse: Das ist Steve. Er ist hier um sicherzustellen, dass du nicht plötzlich ausflippst.” Ich versuche cool und geschäftlich zu wirken. „Beruhig dich, Miles.“

Steve fixiert mich mit den Augen und ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass er nicht eine Sekunde zögern würde abzudrücken, sollte Eckhart es wollen. Dieser aber lächelt nur, dann räuspert er sich. „Ich will dir sagen, worum es geht. Seit dein Freund Hawk auf der Suche nach seinen verschwundenen Eltern ist, habe ich keine Nummer Eins mehr. Vorerst. Er hat doch glatt die ganze Kohle seiner Eltern auf den Kopf gehauen und hat offenbar mit den falschen Leuten Geschäfte gemacht. Hab’ außerdem gehört, dass er auch noch diesem Schmierlappen Dimitri ein Vermögen schuldet. Herrje, wie dumm kann man sein? Würde mich nicht wundern, wenn Dimitri zufällig selber etwas zu tun hat mit dem Verschwinden von Hawks Eltern im Vega-System. Aber, wie auch immer. Derzeit bleibt alles an mir hängen, wenn du verstehst, was ich meine. Und da kommst du ins Spiel.”

„Wir wäre es, wenn du mal zum Punkt kommst”, unterbreche ich ihn. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie sich der Wachmann aufrichtet. „An deiner Stelle würde ich mich mal nicht so im Ton vergreifen”, sagt er. Eckhart hebt die Hand, so, als wollte er einen Hund zurückpfeifen. „Ist schon gut Steve, der gute alte J.R. und ich haben ebenfalls eine sehr lange Freundschaft auf die wir zurückblicken können, nicht wahr?” Der Sarkasmus in Eckharts Stimme ist nicht zu überhören. Der Fettsack nimmt einen riesigen Schluck von seinem Radegast und wischt sich den Rest mit dem Handballen vom Mund. „Das mochte ich schon immer an dir. Du bist kein Fan von Smalltalk. Wie ich. Nun, ich habe eine äußerst delikate Angelegenheit, die ich lieber gestern als heute von meinem Tisch haben möchte. Der Auftraggeber steht wie immer nicht zur Diskussion. Ist ne knifflige Sache, die Belohnung ist aber überdurchschnittlich, wenn nicht sogar außergewöhnlich hoch.”

Immer wenn Eckhart das Wort “knifflig” in den Mund nimmt, bekomme ich ein ganz mieses Gefühl. Meistens enden solche Aufträge im Klescher Gefängnis. „Okay, Miles, wo ist der Haken und wie hoch ist die Bezahlung?” Eckhart blickt mir direkt in die Augen. „Das wird dir nicht schmecken. Ich sag’s gerade raus: Dimitri will, dass Hawk das Schicksal seiner Eltern teilt. Er will, dass Hawk auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Irgendwie denkt Dimitri wohl, dass er sich dann Night Industries unter den Nagel reißen kann. Keine Ahnung, was er mit dem Laden von Hawks Eltern will.“ Eckhart schüttelt den Kopf. „Wie auch immer. Ich weiß, du wirst jetzt gleich sagen, das kann nicht mein Ernst sein, aber lass mich….“

„…wie viel?”, falle ich ihm ins Wort.  „Fünfzigtausend”, erwidert er. Als Eckhart die Summe nennt, zuckt Steve kurz. „Okay. Schick mir die Daten auf mein Mobi“, sage ich. Ich stehe auf, verlasse Eckharts Tisch und schlendere rüber an den Tresen. Eckhart blickt mir kurz hinterher, scheint sprachlos zu sein. Er hat offenbar nicht damit gerechnet, dass ich meinen alten Kumpel so schnell über die Klinge springen lassen würde. Kaum habe ich am Tresen einen Drink bestellt, spüre ich plötzlich wie jemand hinter mir steht. „Du lieferst deinen Freund für fünfzigtausend Creds aus? Einfach so?” Ich drehe mich um. Hinter mir steht der Wächter Lorvilles. In voller Rüstung und die Waffe fest im Anschlag. Ich blicke ihm direkt in das getönte Visier. „Keine Ahnung, was du von mir willst. Schätze, in Sachen Diskretion musst du noch einiges lernen…”.  

„Eines weiß ich jedenfalls genau. Hier geht so einiges an Abschaum ein und aus. Und da gehörst du wohl dazu.“ Er setzt sich neben mich. „Nun ja, Miles amüsiert sich jetzt wahrscheinlich ne Runde in weiblicher Gesellschaft, der kommt sicher nicht vor zwei Stunden zurück.” Er macht eine Pause. „Es interessiert Dich wahrscheinlich einen Dreck, aber ich erzähle es dir trotzdem. Ich stehe den ganzen verdammten Tag in einer mordsschweren Rüstung an irgendeiner Ecke auf diesem Scheissplaneten. An mir rennen täglich tausende Leute vorbei. Keiner würdigt mich eines Blickes. Deshalb interessiert es auch keinen, was ich denke. Und doch kann ich kaum glauben, was hier eben passiert ist. Was bist du denn für ein Arschloch?“ Ich war perplex. „Hör mal gut zu….“

„Nein, Du hörst zu.“ Seine Stimme grollte. „Hurston Dynamics kontrolliert jeden Bereich meines Lebens! Die halten uns wie Vieh, verstehst du, während wir ihre verseuchte Luft atmen dürfen. Sie zahlen so viel, damit man nicht vor die Hunde geht, aber zu wenig, um es hier weg zu schaffen. Und dann kommst du daher, verrätst deinen Freund für fünfzig Riesen, ich stehe direkt daneben und soll die Klappe halten? Ich nehme an, du bist mit irgendeinem schönen Schiffchen hergekommen. Ich komme  mit der Kohle, die ich hier kriege nicht mal bis zum nächsten Mond.“ Ich glaube fest, als Nächstes eine Kugel durch Kopf zu bekommen. Was konnten die Wächter Lorvilles sonst schon? Dann aber steht der Wächter Lorvilles auf und geht. Und lässt mich verstört zurück. Ich kann ihm ja nicht erzählen, dass sich alles ganz anders verhält.

*****

Am nächsten Tag fühle ich mich völlig fertig. Ich habe wegen meines „Auftrages“ extrem schlecht geschlafen. Ich mache mich auf den Weg zum Raumhafen, will erst einmal so schnell wie möglich runter von dieser Kugel. In dieser Umgebung kann ich jedenfalls keinen klaren Gedanken fassen – und ich werde schließlich einen kühlen Kopf brauchen, um die Sache mit Hawk zu regeln. Mein Schiff wartet bereits im Hangar auf mich, ich laufe geistesabwesend zur Fahrstuhltür, als ich hinter mir eine Stimme höre.

„Ich hoffe, du erstickst an der Kohle. Das Blut deines Freundes wird jedenfalls für immer an deinen Händen kleben.” Ich drehe mich um. Der Wächter.  Aus mir bricht es heraus: „Jetzt hör mir mal genau zu! Du hast ja keine Ahnung. Du schwingst hier Reden von Ehre und Loyalität. Dabei hast du noch nicht einmal Loreville geschweige denn diesen Felsen verlassen. Wenn du auch nur ein wenig Mumm in den Knochen hättest, könntest du es locker hier raus schaffen. Aber alles, was ich sehe, ist nur ein Wachmann mit einem großen Mundwerk, der sich mit seiner Waffe ziemlich mächtig fühlt.” Ich vergesse, wie leichtsinnig ist, was ich ihm an den Kopf schleudere, hält er doch die ganze Zeit eine geladene Waffe in den Händen.

Er richtet sich gerade auf, sein Körper versteift sich. „Wie kannst du es wagen, meinen Mut in Frage zu stellen? Diese Uniform sollte dir eindeutig zeigen, dass diesen Job nur die Härtesten bekommen und auch dauerhaft behalten.” Ich höre zwar seine Worte, sie kommen aber bei mir nicht wirklich an. „Wenn du wirklich so ein harter Kerl bist, dann beweise es mir doch einfach. Steig mit in mein Schiff und ich zeige dir, wie es in der richtigen Welt zugeht. Aber vermutlich ziehst du es vor, dich hinter deiner Unform zu verstecken, anstatt dein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen!”

Zu meinem Erstaunen macht Steve ein paar große Schritte auf mich zu. Im ersten Moment denke ich, er will mich erschießen – doch dann gleite ich ein paar Minuten später mit Steve an Bord auf dem Copilotensitz in einer Freelancer Max aus dem Hangar. Ich fasse es nicht – ich habe eine schwere Aufgabe in eine Unlösbare verwandelt. Ich blicke hinüber zu ihm. Steve sitzt verkrampft in seinem Sitz. Ihm hat’s genau wie mir die Sprache verschlagen. Eine Kurzschlussreaktion. Anders ist es nicht zu erklären. Ich drücke den Schubregler nach vorn und lasse die vier Triebwerke das Schiff beschleunigen. Anstatt jedoch gleich in den Orbit zu steuern, senke ich die Nase des Schiffes bald wieder, fliege eine leichte Wende und steuere einen Landepunkt an der Küste an. „Was soll das werden? Ich denke, du willst Hurston verlassen?” Hinter Steves getöntem Visier erkenne ich ein ungläubiges Gesicht. „Das mache ich schon noch. Aber bevor wir das tun, sollten wir beide erstmal tief durchatmen und ein paar Dinge klären. Dafür suche ich uns jetzt einen ruhigen Ort.” Steve nickt und blickt Richtung Loreville, während ich die Freelancer auf einer Lichtung lande. Ich schalte die Triebwerke aus und laufe zur Laderampe. Steve folgt mir unaufgefordert. „Herrje, lässt du eigentlich auch mal deine Waffe liegen?”, frage ich ihn. „Nur wenn ich eine bessere finde.”

Das dichte Gras um uns herum reicht bis zur Hüfte und außer dem Wind in den Bäumen hört man nur  unsere Schritte auf dem Boden. „Hör zu – Steve. So heißt du doch? Ich will dich nicht in eine Situation mit hineinziehen, mit der wir beide nicht glücklich werden. Noch wäre es für dich nicht zu spät umzukehren. Vergiss, was ich vorhin gesagt habe.” Vielleicht wäre das der richtige Moment, uns mal in die Augen zu sehen. Aber Steve behält seinen Helm auf. Dafür sagt er nun etwas, womit ich nie gerechnet hätte: „Nein, du hast vollkommen Recht. Ich muss mein Leben selbst in die Hand nehmen, egal was das jetzt für Konsequenzen hat. Ich verspreche dir, dass ich zu keinem Zeitpunkt eine Last sein werde.” Ich traue meinen Ohren kaum. Das ist ein völlig anderer Mensch, der da jetzt mit ruhiger Stimme spricht. Dann fasse ich mich. „Gut, ich will nur sicher gehen, dass wir beide mit dieser Entscheidung leben können und ich glaube, du kannst mir sogar behilflich sein bei dem, was ich vorhabe. Das ist meine Bedingung. Was sagst du?“ Für einen Moment blickt er auf die Silhouette von Loreville. „Keinefalls mache ich bei der Ermordung deines Freundes mit.“

Ich lächle. Hatte ich bis eben noch befürchtet, dass dies lediglich die geschickt eingefädelte Flucht eines Hurston-Dynamics-Wachmannes sein könnte, war ich nun erleichtert. „Sei unbesorgt. Das war nie meine Absicht – und das wird deine erste Lektion werden. Echte Freunde lassen sich hier draußen gegenseitig nie im Stich, verstehst du? Unter keinen Umständen würde ich Hawk ausliefern. Aber hätte ich den Auftrag nicht angenommen, dann würde Eckart einen anderen finden, der den Job erledigt. Zeit gewinnen, verstehst du?“ Steve nickt. „Ich musste es ihm nur glaubhaft genug rüberbringen.”

Steve atmet tief aus, seine Anspannung lässt spürbar nach. „Also, lass uns wieder einsteigen und verschwinden. Alles Weitere wird sich finden”, sage ich. Steve zögert kurz. „Oh, eine Sache noch. Ich bin noch nie im Weltraum gewesen. Wie benutzt man eigentlich das Klo ohne Schwerkraft? Ich grinse und klopfte ihm auf die Schulter. „Gar nicht.” Dann klettern wir zurück in die Freelancer.

Der Autopilot bringt uns langsam aus der Atmosphäre in den Orbit, während ich nach hinten gehe, um nach Steve zu sehen, der an der offenen Ladeluke zusieht, wie die Millionenstadt Lorville immer kleiner wird. „Unfassbar“, erfährt es Steve schließlich. „So habe ich es mir immer erträumt. Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages einmal dieses Drecksloch verlassen würde. Ich frage mich, wie werden wohl die anderen Planeten aussehen, Junah.“ Zum ersten Mal nennt er mich bei meinem Vornamen. Ich blicke ihn an. „Du wirst Augen machen mein Freund, du wirst Augen machen.”

 

II. Maia

„…es ist eine lange Reise bis nach Microtech. Lass uns versuchen, wenigstens eine Mütze voll Schlaf zu bekommen.” Steve nickt und wir gehen gemeinsam in den hinteren Crewbereich der Freelancer Max. Die Matratzen des Schiffes sind zwar bequem, aber laden nicht gerade dazu ein, länger als sechs Stunden auf ihnen zu liegen. Ich schätze, das ist auf den industriellen Schiffen wohl auch genauso gewollt. Steve wird seine erste Nacht im Weltall ohnehin nicht so leicht wegstecken. An die künstliche Schwerkraft, die Trägheitsdämpfer und das Summen der Komponenten muss man sich schließlich auch erst einmal gewöhnen.

Der Alarm des Bordcomputers schrillt durch das ganze Schiff, als wir uns Microtech nähern. Ich erschrecke mich so sehr, dass ich mir den Kopf an der Leiter meines Bettes stoße. Als mein Blick wieder klar wird, sehe ich auf das leere Bett neben mir, das Steve ganz nach militärischer Art gemacht hat. Nicht ein Bettzipfel hängt irgendwo über. Mit einem Kaffee in der Hand betrete ich schließlich das Cockpit und sehe Steve auf dem Copilotensitz, wie er soeben die Geschichte von Microtech studiert.

„Moin Steve, ich dachte mir schon, dass du nicht schlafen kannst.” Er blickt mich an. Zu meiner Überraschung sieht er aus wie frisch aus dem Ei gepellt. „Guten Morgen Junah, ich habe wie immer meine exakten 300 Minuten geschlafen – wie jeden Tag. Mehr brauche ich nicht.” Ich frage mich, ob die Wächter von Loreville alle solche programmierten Maschinen sind oder ob ich an den einzigen „Cyborg“ der Galaxis geraten bin.

„Ich  sehe mir gerade die Aufzeichnungen über diesen Planeten an. Da ist wohl einiges schief gelaufen beim Terraforming, was? Wir hatten in der Ausbildung das Thema zwar einmal angeschnitten, aber ich habe das Meiste wieder vergessen, da es für meinen Job nicht weiter wichtig war.” Ich nicke und nehme einen weiteren Schluck Kaffee, während eine dritte Stimme an Bord ertönt. „Allerdings, das Terraforming hat diesen Planeten in ein Gefrierfach verwandelt.” Der Wächter zuckt zusammen, schaut sich voller Panik um und will schon zu seiner Waffe greifen, als ich ihn gerade noch beruhigen kann.

„Was zum…was ist das?” Sein Blick ist eine Mischung aus Ungläubigkeit und Entsetzen. „Bleib cool Steve, das ist nur Maia, die K.I. meines Schiffes.” M.A.I.A. schaltet sich wieder ein. „Wir hatten das Thema schon einmal, Captain. Ich mag es nicht wenn man mich als künstlich bezeichnet.” Steves Blick wechselt von erschrocken zu fassungslos. „Warum war sie still, als wir gestartet sind. Warum meldet sie sich erst jetzt?” Ich blicke Steve an und mache eine ausladende Handbewegung. „Nun…Maia ist sehr vorsichtig, wem sie sich offenbart. Da künstliche Intelligenzen in der UEE unerwünscht sind, ist es sozusagen ihr  Selbsterhaltungstrieb, der Sie erstmal schweigen lässt, wenn eine unbekannte Person das Schiff betritt. Sie flog uns aber die ganze Zeit im Quantumtravel bis nach Microtech. Ohne sie könnte ich niemals so viele Aufträge annehmen.”

„Ihr Name ist Maia? Wieso hat Sie nichts gesagt? Ich saß sicher eine Stunde hier allein im Cockpit”, fragt Steve weiter. „Nun, sie ist so programmiert, dass sie auf Sprache reagiert. Ich denke, du hättest einfach etwas sagen sollen…aber ich verstehe deine Verwirrung.” Ich setze mich auf den Pilotensitz und amüsiere mich über den Gesichtsausdruck des Wächters. „Maia, bring uns runter auf Microtech. Ich gebe dir dafür nun die Koordinaten.” Kurze Pause. Dann sagt sie: „Aye Captain, ich setze den Kurs.”

Die Freelancer macht eine sanfte Kurve nach Steuerbord und wir treten in Microtechs Atmosphäre ein. Die vorderen Schilde fangen an zu glühen und während das ganze Raumschiff ächzt und knarzt unter der Belastung des Übertritts vom Nichts in Luft, höre ich Steve schreien: „Was macht das verdammte Ding denn? Oh Gott, wir werden sterben!” Er klammert sich an seinen Sitz, als könnte dies sein Leben retten. Ich warte noch einige Minuten bis das flammenlodernde Schauspiel vor der Cockpitscheibe nachlässt und man wieder sein eigenes Wort versteht.  „Mein Fehler. Ich hatte ganz vergessen, dass Du ja noch nie im Weltall warst. Wir sind gleich da und steuern nun New Babbage an, die Hauptstadt des Planeten, um dort Informationen zu sammeln. Ich bin mir sicher, dass  Hawk hier noch einmal seine Vorräte auffrischt,  bevor er Stanton verlässt. Wir müssen ihn unbedingt erwischen, sonst wird es eine lange Schnitzeljagd bis Vega.“ Ich nehme noch einen Schluck Kaffee, dann fahre ich fort. „Bevor wir aber landen, machen wir noch einen Zwischenstopp. Da du noch nie was anderes gesehen hast als Hurston, will ich dir zeigen, wie schön es hier auch sein kann. Nicht alle Regionen Microtechs sind nämlich betroffen von dieser Eiseskälte. Wenn man weiß wo, erwischt man einen Fleck, wo das Terraforming durchaus funktioniert hat. Die Zeit haben wir sicher noch.”

Schweigend fliegen wir durch die dichte Wolkendecke. Als wir sie durchstoßen, offenbart sich uns in der Ferne ein schneefreies Tal. Ich übernehme die letzten Kilometer die Kontrolle von M.A.I.A. und bringe uns auf einem Hügel in der Mitte des Tals sicher hinunter. Wir steigen aus. Steve wundert sich über vierzehn Grad Außentemperatur. Die Sonne wärmt uns noch mehr, ein leichter Wind weht über die Ebene. Es ist, ohne Zweifel, ein friedlicher Ort. „Ich kann es kaum glauben. Es sieht einfach atemberaubend aus, Junah. Danke, dass du dir die Zeit nimmst, mir das zu zeigen. Frische Luft zu atmen, ist ein Privileg für die oberen Zehntausend in Loreville.”

„Dieser Ort hat bis jetzt noch jeden begeistert. Zu meinem Glück konnte ich die Koordinaten von einem Barkeeper auf ArcCorp für ein paar Credits kaufen.“ Der Wächter schaut mich an und holt tief Luft:  „Junah, da hinten auf den Bergen – ist das Schnee? Könnten wir noch einen kurzen Umweg machen? Seit ich ein Kind war, habe ich immer davon geträumt, einen Schneeball zu werfen.” Ich lächele. „Klar, die paar Minuten haben wir sicher noch. Maia, bereite das Schiff für den Start vor!” Es ertönt die sanfte Stimme der K.I. „…auch wenn ich nur eine K.I. bin, so würde ich es doch sehr begrüßen, ab und an mal ein Bitte zu hören, Captain.” Ich ringe mit meiner Fassung. „Maia, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um eine Diskussion dieser Art zu führen!” Steve hält sich den Bauch vor Lachen. Na bitte – und ich dachte schon, ich wäre an einen Roboter geraten. „Also diese Maia gefällt mir immer besser…”

Bis zum nächsten Gipfel ist es nur ein Katzensprung. Wir erreichen das Ziel im Handumdrehen, ich parke die Freelancer im Hover-Mode an einem Bergkamm. Als ich sehe, wie der Wächter das erste Mal in seinem Leben Schnee durch seine Hände rieseln lässt, kommt mir ein Gedanke: Haben wir uns schon so sehr an den Anblick dieser vermeintlich einfachen Dinge gewöhnt, dass wir den Blick für die Schönheit darin verloren haben? Braucht es wirklich eine eiskalte Tötungsmaschine aus Loreville, damit mir, damit uns das wieder bewusst wird? Ich blicke Steve an und räuspere mich. „…und was sagst du, mein Freund?”

Er formt aus dem Schnee einen Ball und wirft ihn, soweit er kann. „An diesen Tag werde ich mich noch lange erinnern“, sagt er dann. „Aber es sieht so aus, als würde da hinten ein Sturm aufkommen. Wir sollten lieber schnell zum Raumhafen, um deinen Freund noch zu erwischen.” Ich nicke. „Du hast Recht. Lass mich noch schnell ein paar Fotos machen und dann geht es los.” Man sollte nie unterschätzen, wie schnell ein Gewitter auf Microtech aufziehen kann. Durch die großen Temperaturunterschiede bewegen sich die Luftmassen manchmal schneller als einem lieb sein kann – und  mit diesem Gedanken im Kopf erfasst auch schon eine starke Windböe das Schiff, sodass wir nicht mehr an Bord können – die Einstiegsluke liegt für uns plötzlich zu hoch.

„Maia, halte doch einfach das Schiff ruhig!” Doch offenbar schmollt meine K.I. nun plötzlich: „Och, immer bin ich Schuld. Ein Bitte habe ich heute auch nicht von dir gehört! Ich schalte mich offline!” Ich blicke einen Moment sprachlos auf mein Mobiglas. Dann schreie ich es an. „Maia! Das ist jetzt nicht dein Ernst?” Steve kugelt sich vor Lachen. Schließlich wende ich mich ihm zu. „Ich glaube, du verstehst den Ernst der Lage nicht. Bis wieviel Grad unter Null hält deine Rüstung?” Stolz schwingt in seiner Stimme mit, als er antwortet. „Minus sechzig Grad.“ Ich schüttele den Kopf. „Na dann bräuchtest du davon zwei, um diesen Sturm zu überstehen. Ich lege lieber auch meine Rüstung an – um wenigstens ein paar Stunden überleben zu können.” Daraufhin vergeht Steve das Lachen genauso so schnell wie es gekommen ist. „Ja aber…also sag mir jetzt nicht, dass sich dein komischer Computer wirklich abgeschaltet hat und wir nicht mehr zurück ins Schiff kommen?” Ich klicke meinen Helm fest. „Doch, genau das. Verdammte Scheiße!“

Innerhalb von Minuten fällt die Temperatur schließlich auf minus fünfzig Grad. Ich versuche, mich bei M.A.I.A. zu entschuldigen, aber sie bleibt stumm. Vielleicht hätte ich sie in letzter Zeit nicht immer wieder so herablassend behandeln sollen – auch wenn sie nur aus Schaltkreisen besteht. Unsere einzige Hoffnung ist jetzt ein Kommunikationssatellit, der in einigen Stunden über uns stehen wird, um dann um Hilfe zu rufen. „Junah, ich sage es ja nur ungern, aber du hättest deine K.I. nicht verärgern sollen.” Ich atme schwer. „Danke Mann, das weiß ich.” Ich überlege fieberhaft, wen ich auf Microtech um Hilfe bitten könnte. Schließlich fällt mir jemand ein, der mir noch einen Gefallen schuldet – groß genug, um uns aus diesem Schlamassel zu holen: Eddie Parr. Und es wird höchste Zeit. Es wird jetzt immer ungemütlicher, der Wächter kriegt auch schon das Zittern.

Endlich ist der Satellit in Reichweite. Ich brülle gegen den Sturm in mein Mobiglas. „Eddie…Eddie Parr! Kannst du mich hören?”. Der Wind peitscht mittlerweile Eisbrocken gegen die Visiere unserer Helme. „Junah, bist du das? Schön, von dir zu hören! Ich kann dich kaum verstehen, die Verbindung bricht ständig ab. Meine Güte, wo bist du denn?” Die Interferenzen verzerren Eddie´s Bild und Ton. „Eddie, kannst du uns helfen? Wir stecken hier in einem Sturm fest. Ich schicke dir jetzt die Koordinaten! Beeil dich bitte, wir haben nicht mehr viel Zeit!” Meine Hand zittert unaufhörlich, als ich den Standort durchgebe. Es sind jetzt um die minus achtzig Grad. Steve wirkt sichtlich nervös, dann fragt er: „Ist auf diesen Eddie auch Verlass?” Ich versuche mit den Schultern zu zucken, aber es fällt mir schwer. „Keine Ahnung. Ich habe ihn schon seit paar Jahren nicht mehr gesehen. Ich sag mal so, er schuldet mir noch einen großen Gefallen. Das wäre jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.”

Die Anzeige auf meinem Anzug zeigt an, dass mir noch zwanzig Minuten bleiben, bis ich erfriere. Was für eine beschissene Info. Niemand sollte wissen, wie lange er noch zu leben hat. Steve klopft mir kräftig auf die Schulter, mein ganzer Körper schmerzt vor Kälte. Dann sagt er plötzlich: „Hey, ich sehe da hinten Lichter. Es ist auf jeden Fall ein Raumschiff. Steh’ auf, Junah!” Ich raffe mich auf, um im nächsten Moment festzustellen, dass in der Ferne tatsächlich das wunderbare tiefe Dröhnen von Triebwerken zu hören ist, die gegen den Sturm ankämpfend immer näher kommen. Die grellen Suchscheinwerfer wirken auf mich wie ein warmer Sonnenaufgang. „Ja, das ist Eddie! Ich dachte schon, wir werden hier tiefgefroren.” Ich werde gerufen. „Eddie, bitte sag mir, dass du das bist!” Die Antwort kommt prompt. „Hey, hat hier jemand ein Taxi bestellt? Na klar, bin ich das. Was macht ihr denn da unten?“ Als er nah genug ist, öffnet Eddie die hintere Luke. „Steigt schnell ein. Es wird immer kälter. Ich hab die Heizung schon voll aufgedreht. Over und Out.”

Eddie´s Schiff macht eine beherzte Kurve, die Rampe ist bereits geöffnet. Wir machen einen Sprung und sind in Sicherheit. Die Türen schließen sich, als ein gut aussehender Typ in Microtech-Klamotten den Frachtraum betritt. „Na, das war aber Rettung in letzter Minute. Schön dich zu sehen, Junah. Was macht ihr zwei Pechvögel denn hier mitten in einem Blizzard? Herrje, ist das etwa ein Hurston-Dynamics-Wachmann? Und ist das da deine Max, die da vor uns gerade im Sturm davon treibt?”

„Bin ich froh dich zu sehen! Das hier ist Steve. Er ist in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Fast wären wir drauf gegangen in der Kälte. Und ja, das ist unser Schiff.” Ich zittere am ganzen Körper und  kriege die Worte gerade noch so über die Lippen. „Hätte euch Maia nicht retten können? Nein, lass mich raten – sie zickt wieder herum?” Ich nehme meinen Helm ab und greife zu dem heißen Kaffee, den Eddie mir reicht. „Sie hat ihren eigenen Kopf entwickelt und das geht manchmal eben auch nach hinten los. Kannst du mich zum meinem Schiff bringen? Das hätte jetzt die höchste Priorität. Ach, und hast du eigentlich noch die Penthousewohnung über den Dächern von New Babbage mit Blick zum Raumhafen hinüber?“ Parr nickt. „Klar, die gebe ich doch nicht her.” Ich nicke. „Fein, dann lass uns dort treffen und wir bereden alles Weitere in Ruhe. Danke dir noch einmal für die Hilfe, Eddie. Komm, Steve, lass’ uns zurück in die Ragnarok. Ach ja, so heißt mein Schiff, falls du dich das gerade fragst.”

Mit sicheren Manövern fliegt uns Eddie zur Rampe der Ragnarok. Ohne Mühe schaffen wir es an Bord, wo ich direkt ins Cockpit gehe, um M.A.I.A. zu falten. „Willkommen zurück Commander”, sagt sie mit ruhiger Stimme. „Was fällt dir eigentlich ein? Wir wären da draußen fast drauf gegangen durch deinen Egotrip!” M.A.I.A. lässt sich durch mich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. „Entspannen Sie sich Captain! Ich hatte ihre Lebensanzeige ständig im Blick. Es bestand eine 92,3prozentige Wahrscheinlichkeit, dass Sie Eddie Parr um Hilfe bitten würden. Ohne diese Extremsituation hätten Sie das wahrscheinlich nicht getan. Aber wir sind schließlich auf jede Hilfe angewiesen, um Hawk zu finden, nicht wahr? Ich mache hier nur meinen Job. Das möchte ich nur mal erwähnen.” Ich kann kaum an mich halten vor Wut, da klopft mir Steve auf die Schulter. „Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie cool ich deine Maia finde?” Mir fehlen die Worte – diese K.I. macht echt, was sie will. Ich verstehe jetzt sogar, warum die UEE keine mehr verwendet. Anscheinend ist künstliche Intelligenz nicht in jeder Lage eine große Hilfe – gerade, wenn es um Entscheidungen über Leben und Tod geht. Das Militär und Hurston Dynamics  haben deshalb nur Verwendung für gehorsame Lämmer, die keine Fragen stellen, denke ich mir insgeheim.

 

III. Neue Freunde

Der Anblick von New Babbage lässt uns beide kurz erstarren. Obwohl ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr hier war, kann ich mich noch sehr genau daran erinnern, wo Eddies Wohnung ist. Die besten Parties meines Lebens habe ich in dieser Stadt gemeinsam mit Eddie erlebt. „Können wir diesem Eddie trauen? Der Typ wirkt auf mich wie einer von den reichen Kids in Loreville mit ihren Mobiglas-X und Aparelli-Klamotten, die sich jedes Wochenende in den VIP Bars mit Jean-Luc besaufen.” Ich brauche einen Moment, dann antworte ich: „Ich weiß, es sieht so aus, nicht wahr? Es ist die perfekte Tarnung, die er sich über Jahre erarbeitet hat. Wir können ihm trauen. Er muss noch eine alte Rechnung begleichen und glaube mir, mit dieser kleinen Rettungsaktion sind wir noch lange nicht quitt.” Kaum ausgesprochen, geht auch schon die Tür der Terrasse auf und Eddie begrüßt uns mit drei kühlen Flaschen Schmolz.

„Ich frage am besten gar nicht, wie euch das Schicksal zu mir geführt hat. Du wirst schon deine Gründe haben. Hier Jungs, trinken wir erst einmal auf ein glückliches Wiedersehen. Schmolz!” Die Flaschenhälse klirren zusammen und es beginnt ein feuchtfröhlicher Abend wie in alten Zeiten. Nur kurz erwähne ich die Geschichte mit Hawk. Eddie willigt ein, mir erneut zu helfen. Zu meinem Erstaunen verträgt Steve  einiges und kann gut mithalten. Schließlich wird die Nacht immer verrückter, werden die Bars immer teurer, die Drogen abgefahrener, die Mädels wilder. Mein Gott, dieser Parr hat sich nicht eine Spur verändert. Doch was soll’s – gönnen wir uns diesen Lifestyle halt mal für eine Nacht. Für Steve ist es jedenfalls ein Fest, wie er noch nie zuvor eines gefeiert hat. Hin und wieder spendiert uns Eddie ein paar Minuten, wenn er nicht gerade anderweitig Smalltalk macht. „Hey Junah, Steve, ich möchte euch einen sehr guten Freund von mir vorstellen. Das ist Mr. Wally. Er und ich planen gerade, eine richtig coole Bar hier auf New Babbage. Das wird der Knaller! Schaut doch mal rein. Die Leute hier werden uns die Bude einrennen…”

Der nächste Morgen tut weh – ich wache mit den Kopfschmerzen des Jahrhunderts auf. Auf dem Weg zur Max fällt Steve in den Schnee und will offenbar aufgeben. „Junah, Herrgott, warum müssen wir so zeitig aufbrechen? Ach, ich bleibe einfach hier liegen”, stöhnt er. Ich gebe den strengen Vorsitzenden. „Auf, Soldat. Wer saufen kann, kann auch seinen Dienst verrichten”, befehle ich in gespieltem Ernst. Das erste Mal sehe ich den Wachmann von Loreville nicht standhaft und unbesiegbar. Wir beide kämpfen daher tapfer weiter gegen die Schwerkraft des Planeten an. Um seinen und meinen Kater zu besiegen, verabreiche ich uns schließlich jeweils zwei Clitar, die ein gewisser Doc Hyperion verschrieben hat. Diese Pillen wirken Wunder in jeder Lebenslage und vor allem nach durchzechten Nächten. Auf der Verpackung steht, dass sie eigentlich nur unter ärztlicher Aufsicht zu verabreichen seien. „Hoffentlich helfen die Tabletten, sonst werde ich wohl das erste Mal die Bordtoilette benutzen müssen.”

Eddie und Mr. Wally kommen kurz vor unserem Abflug zum Startplatz, um uns zu verabschieden. Die letzte Nacht hat ein wenig an der harten Schale von Steve gekratzt und es kam offenbar eine recht amüsante und witzige Persönlichkeit zum Vorschein, die bei den zwei Partytieren wohl gut ankam. „Also ich muss schon sagen, ihr zwei müsst unbedingt wieder vorbei schauen, spätestens wenn Eddie und ich die neue Bar hier auf New Babbage eröffnen. Vor allem dieser Teufelskerl hier.” Eddie klopft Steve so hart auf die Schulter, dass er fast das Gleichgewicht verliert. „Steve, wenn ich dir bei uns einen Job anbieten kann, dann lass es mich wissen. Junah, pass gut auf ihn auf, ja?” Dann nimmt mich Eddie ein paar Schritte zur Seite und übergibt mir einen Datenstick mit folgenden Worten: „Ich habe hier noch schnell meine Kontakte im Raumhafen spielen lassen. Unser gemeinsamer Freund hat sich tatsächlich schon vor mehreren Tagen in New Babbage angemeldet. Seine Ankunft ist heute in vier Tagen. Er reist unter dem Decknamen Mylo Morgenstern. Hat ihm aber nicht viel geholfen. Ich schätze, unser Hawk wird nachlässig auf seine alten Tage. Er hat sogar vergessen, seine Schiffs-ID zu fälschen. Das heißt aber auch, wenn ich ihn so einfach in den Stationslogs finden konnte, dann können es andere auch. Also sei bitte vorsichtig.”

„Mach ich, danke dir Eddie. Steht in den Logs auch, von wo er anreisen wird?”, frage ich zurück. „Soweit ich das hier sehen kann, kommt er aus ArcCorp. Vermutlich deine beste Chance, wenn du ihn wirklich finden willst.” Ich nicke. „Und noch etwas. Er reist nicht allein. Seine Reservierung bezieht sich auf zwei Personen.” Mit diesen Worten im Kopf lassen wir Microtech hinter uns. Die Entfernung zu ArcCorp beträgt knapp 60 Millionen Kilometer. Nach den vergangenen ereignisreichen Tagen mit Steve will ich ihn nicht gleich in das nächste Abenteuer stürzen. Wir sitzen gemeinsam im Cockpit der Max. „Hey Steve, sag mal, was hältst du davon, für ein paar Tage mal in einem richtigen Bett auf einem Mond zu schlafen? Mein Onkel Ben hat eine kleine Hydrofarm auf Daymar und da gerade keine Saison ist, hat er jede Menge Platz frei in den Mitarbeiterunterkünften. Auf dem Weg dahin legen wir noch einen Stopp auf Port Olisar ein, um neue Ausrüstung zu kaufen. Vielleicht finden wir für dich auch mal eine andere Rüstung. Was sagst du?”

„Ich könnte ein richtiges Bett vertragen – aber wenn du glaubst, ich kaufe mir eine Jahrmarktsrüstung, wie ihr sie tragt, dann hast du dich geschnitten, mein Freund.” Ich wende mich meiner K.I. zu. „Maia, setze bitte einen Kurs nach Port Olisar. Initiiere Sprung!” So schnell wie sonst nie antwortet sie: „Aye aye, Captain – und danke für die Bitte.” Ich lasse den letzten Satz von M.A.I.A. unkommentiert, da ich viel zu erschöpft bin, um mich jetzt mit meiner K.I. zu streiten. Als ich die Crewkabine betrete, schnarcht der Wächter bereits wie ein Holzfäller bei der Arbeit. Ich schätze, auch die härtesten Soldaten stecken eine Nacht in New Babbage nicht so leicht weg. Der Gedanke ist so beruhigend, dass auch ich ohne Mühe bald daraufhin einschlafe.

Diesmal werde ich nicht vom Schiffsalarm geweckt, sondern von den Landekufen der Ragnarok, als sie auf dem Landingpad aufsetzen. Ich laufe vor ins Cockpit und sehe, wie der Wächter auf dem Pilotensitz konzentriert die Umgebung nach Hindernissen absucht. Zu meinem Erstaunen nehme ich eine heitere Konversation mit M.A.I.A. wahr. „Danke für die saubere Landung, Maia.” „Aber sehr gerne, lieber Steve.” Ich stutze. „Was geht hier vor? Wie hast du die Landung mit Maia ganz allein hinbekommen?” Steve dreht sich zu mir. „Während du wie ein Baby geschlafen hast, haben wir uns ein wenig unterhalten. Ich muss schon sagen – sie ist eine herausragende Persönlichkeit. Mit ihrer Hilfe war es ein Kinderspiel, den Landevektor zu berechnen. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich deinen Platz ohne zu fragen einfach so übernommen habe.”

Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Nun ja…dass wir sicher gelandet sind, ist schon mal durchaus positiv. Das nächste Mal möchte ich dich aber bitten, keine Alleingänge zu unternehmen. Nicht jede Station ist so gut ausgerüstet wie Port Olisar mit seinem Instrumentenlandesystem. Das hätte auch anders ausgehen können. Nicht vergessen Steve: Mein Schiff, meine Regeln. Und es kann immer nur einen Captain geben, sonst funktioniert das Ganze nicht.” Ich warte auf seine Reaktion. „Aye aye Captain”, antwortet Steve mit militärischem Unterton schließlich. Ich weiß nicht, ob er das ganz ernst meint.

Wir betreten die Raumstation durch eine der Luftschleusen. Es sind viele Menschen unterwegs – viele kommen, um sich auszurüsten für Mining- und Bountymissionen. Die lukrativen Handelswege locken in diesem Teil des Stanton-Systems immer wieder Piratenabschaum an, der sich in der Nähe auf der alten Bergbaustation Grimhex tummelt. Gleichzeitig ist deshalb aber auch immer äußerste Vorsicht geboten. Wir sind jedoch nur aus einem Grund hier. Ich möchte Steve für eine andere Rüstung begeistern, da es auf Dauer doch etwas auffällig ist, in einer Hurston-Dynamics-Rüstung durch die Gegend zu stolzieren. „Hier in diesem Shop bekommst du die besten Rüstungen, die es rund um Crusader zu kaufen gibt. Ich selber rüste mich hier auch immer mit Rüstungen aus und sie haben auch faire Preise. Was denkst du?”

Steve mustert die ausgestellte Ware mit kritischem Blick. Ich habe das Gefühl, er weiß ganz genau, auf welche Details er achten muss. Er klopft hier und da auf die Verbindungen der Panzerplatten, schaut auf die Polsterung der Gelenke und prüft das Gewicht in der ausgestreckten Hand. „Und?”, frage ich. Seine Antwort ist deutlich: „Junah, ganz ehrlich? Das ist alles Schrott.” Ich schaue ihn mit großen Augen an. „Die Rüstungen sind bestenfalls B-Ware und kein Vergleich zu dem, was ich trage. Jetzt wird mir auch klar, warum ihr alle die Rüstung so oft wechselt. Weil sie unbequem sind und ihr müsst sie auch ständig neuen Gegebenheiten anpassen. Das kommt für mich nicht in Frage. Gibt es hier eigentlich auch einen Waffenladen?”

„Ja, den gibt es gleich hier gegenüber”, antworte ich. Wir laufen hinüber, werfen dabei kurz einen Blick aus dem Panoramafenster auf den Gasriesen Crusader. „Gut, dann hoffe ich, auf dem zivilen Markt wenigstens  eine vernünftige Pistole zu finden, da ich bei unserer Flucht aus Loreville meine im Spind liegen ließ.” Schließlich kann sich Steve für eine S38 begeistern, die seiner Meinung nach die beste Projektilhandfeuerwaffe ist, die ausgestellt ist. An der Kasse kaufen wir noch ein paar Medpens und ein paar OxyPens, als er mich fragend anschaut: „Sag mal, ich kann mir das alles eigentlich gar nicht leisten, da ich hier keinen Zugang auf meine Finanzen von Hurston Dynamics habe. Wir müssen uns dafür eine Lösung überlegen…ich kann dir ja nicht die ganze Zeit über auf der Tasche liegen.” Ich bezahle, dann erwidere ich: „Alles zu seiner Zeit, mein Freund. Fürs Erste mach dir mal über so etwas keine Gedanken und außerdem winkt uns ja noch die satte Belohnung von Miles, schon vergessen?” Mit der Aussage kann ich ihn beruhigen und wir gehen zurück zur Ragnarok.

Voll ausgerüstet verlassen wir Port Olisar und setzen einen Kurs auf Daymar. Die fröhliche Stimme meines Onkels Ben ertönt über die Bordlautsprecher, als wir im Anflug sind. Gleich nach der Landung werden wir von Ihm und Tante May empfangen. Ich erkläre beim gemeinsamen Abendessen die Lage. Beide willigen ein, Steve ein Quartier zu überlassen, bis die Saison auf der Hydrofarm wieder beginnt, solange er bei kleinen Reparaturarbeiten auf der Farm mit anpackt. „Dein Onkel und deine Tante scheinen ganz nette Menschen zu sein. Sie erinnern mich ein wenig an meine Eltern, als sie noch lebten. Mach dir keine Sorgen. Ich werde helfen und anpacken, wo ich nur kann. Das ist das Mindeste was ich zurückgeben kann.” Seine Stimme klingt seltsam ernst.

„Ihr werdet gut miteinander auskommen, da habe ich keine Bedenken. Schau mal das große Display an der Wand. Damit erreichst du mich immer – egal, wo ich mich gerade im System befinde. Onkel Ben hat heimlich eines der stärksten Kommunikationrelays verbaut, die es gibt. Die Komponenten hat er wohl von einer Javelin besorgt, die mal irgendwo in der Nähe abgestürzt ist.” Es folgt eine kurze Einweisung durch meine Verwandten, wie sich Steve auf ihrer Farm verhalten soll, dann verabschiede ich mich vorerst von dem Wächter. „Ich werde in drei Tagen wieder hier sein, hoffentlich mit Hawk in Begleitung.” Steve blickt mich an. „Soll ich dich nicht vielleicht doch begleiten?” Ich schüttele den Kopf. „Lieber nicht, die auf ArcCorp verstehen leider keinen Spaß, wenn es um Deserteure geht. Sie würden dich umgehend melden. Du kannst dich hier auf der Farm ein paar Tage entspannen. Ich werde dich und deine Fähigkeiten noch früh genug brauchen, Soldat.” Als ich die Luftschleuse der Max betrete sieht mir Steve nach. „Du Junah, ich hab mich bis jetzt noch nicht bedankt für all das.” Ich winke zurück. „Und das musst du auch nie!” Dann bin ich auf und davon.

*****

Ein Zwischenruf reißt mich aus meiner Rede. „Du selbstgefälliges Arschloch! Wenn du auch nur eine Sekunde nachgedacht hättest, wären wir jetzt alle nicht hier auf dieser Trauerfeier und müssten von Steve Abschied nehmen!” Die laute Stimme einer Anwesenden riss mich aus meiner Erzählung zurück auf das Podium der 890 Jump. Angehörige beruhigen die schluchzende Frau, als sie sich langsam wieder setzt. Eine Bekannte von Steve auf Hurston. Das unangenehme Gefühl von Schuld brennt wie Feuer unter meiner Haut. Ich kann sie nicht trösten, ihr die Trauer nicht nehmen. Sonst wäre alles umsonst gewesen…

 

IV. Der Aufbruch

„…ATC ArcCorp Area18 an ziviles Raumschiff Freelancer Klasse … begeben Sie sich zu Flugvektor 1481 für die Landung! Bitte bleiben Sie in dem zugeteilten Areal. Der Flugraum ist stark beansprucht an diesem Morgen. Vielen Dank und herzlich willkommen bei Area18. ATC Ende…“

„Verstanden, ATC, Anflug durch 1481. Ende.”

Gleichzeitig mit meinen letzten Worten dringen die ersten Sonnenstrahlen durch die dicke Atmosphäre von ArcCorp. Dieser Planet ist wirklich ein Beispiel dafür, was die Menschen mit neuen  Welten anstellen. Es ist praktisch nichts mehr übrig von dem, was mal der dritte Planet von Stanton gewesen ist. Aber nicht alles ist schlecht auf ArcCorp. Wenn man zum Beispiel nach der besten Technik sucht, die man für Credits kaufen kann, kann man hier auf jeden Fall fündig werden. Das ist sicher mit ein Grund dafür, warum Hawk hier sein Schiff noch einmal überholen lässt, bevor er sich in das Vega-System wagen will. Schließlich will man, dass Schilde und Sprungantrieb funktionieren, wenn man auf eine Patrouille der Vanduul trifft – und das ist nach dem Überfall auf Vega keine Seltenheit mehr.

„Maia, setze einen Kurs zum Landen über Vektor 1481. Bring uns sanft und vorsichtig hinunter, wir wollen keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Diese Technokratenspinner haben eine massive Ablehnung gegenüber künstlichen Intelligenzen. Wir müssen vorsichtig sein.” Während ich mit meiner KI spreche, schweift mein Blick über das Häusermeer des Stadtplaneten.

„Verstanden, bleibe unter dem Radar. Wobei das natürlich mit den heutigen Radarsystemen nicht mehr möglich und deshalb nur als Redewendung zu sehen ist.” M.A.I.A. antwortet mit leicht aufgeregter Stimme, wie mir scheint.

„Ich hab den Witz schon verstanden, Maia. Im Grunde machst du ihn aber kaputt, wenn du eine Erklärung mitlieferst.” Ich korrigiere den Bordcomputer beiläufig.

„Ah, ich verstehe Captain. Ein gelungener Witz setzt voraus, dass das Gegenüber den gleichen Wissensstand hat. Gespeichert. Darf ich Sie erinnern, dass es vielleicht die letzte Möglichkeit ist, Ihre Stimme abzugeben für die bevorstehende Imperator-Wahl? Ihre Stimme ist wichtig, wenn man bedenkt, dass nur einmal pro Dekade ein politisches  Oberhaupt gewählt wird.”

„Du klingst wie eine dieser Werbetafeln am Spaceport.”

„Captain, da ich selber keine Stimme für die Wahl habe, möchte ich Sie für Laylani Addison begeistern. Mit Ihr als Imperatorin müsste ich mich nicht mehr verstecken im UEE-kontrolliertem Gebiet. Ich könnte endlich frei sein. Ich könnte mich mit jedem offen über all die wunderbaren Themen im Universum unterhalten, anstatt immer nur mit ihnen. Jetzt klinge ich wie eine Werbetafel, Sir.”

Den vorletzten Satz lasse ich unkommentiert, da die „Ragnarok“ die letzten Meter durch den Landetunnel der Flugsicherung passiert hat. Die Landung sollte ich lieber manuell durchführen, sonst fällt der ATC ein zu perfektes Flugverhalten noch auf. Die Landekufen meiner Freelancer berühren den Hangarboden. Ich spüre, wie die Federung einrastet und sich die Systeme nach und nach abschalten, als ich mich bis auf Weiteres ein letztes Mal an M.A.I.A. wende: „Schalte dich bitte in den Standby-Modus und warte auf meine Anweisungen! Ich aktiviere dich wieder, sobald wir ArcCorp wieder verlassen, okay?”

„Wie lange wird das sein? Ich frage für einen Freund.”

Darf unter keinen Umständen vergessen, den Humorlevel von M.A.I.A. anzupassen, sobald ich wieder von diesem Haufen Metall, Blech und Glas runter bin.

„Nicht länger als vierundzwanzig Stunden. Hör zu, ich weiß, du magst es nicht, abgeschaltet zu werden, aber es ist zu deinem Schutz. Hier auf ArcCorp ist es am gefährlichsten für dich. Wir haben das doch schon besprochen. Ich vertraue dir und du vertraust mir. So holen wir das Maximale aus uns heraus, richtig?”

“Aye, Commander, wir sind und werden immer ein effizientes Team sein! Schalte mich in den Standby-Modus, Maia aus.”

Ein kurzes elektronisches Klicken ist zu hören, dann herrscht Stille im Cockpit. Abgeschirmt von der Außenwelt dringen nur noch die dumpfen Geräusche der arbeitenden Landingbay-Jungs in das Innere. Es ist schon komisch – so ganz ohne die K.I. fühle ich mich…einsam? Kann es sein, dass ich mich schon so sehr an sie gewöhnt habe? Schließlich bin ich eigentlich immer und überall über das Mobiglas oder die Comms mit dem Schiff verbunden.

Diese Fragen gehen mir durch den Kopf, als ich in der Bahn sitze und die Wolkenkratzer ArcCorps aufgereiht wie riesige Bäume in einem dichten Wald vorbeiziehen. Plötzlich – kurz vor der Endstation – stechen drei Wörter aus dem Reklamemeer hervor: „Off the Record“. Erinnere mich dunkel an ein Treffen mit einem gewissen John Brubacker und Hawk auf Port Tressler. Vielleicht eine gute Adresse um mit der Suche zu starten.

*****

„Das macht dann 5000 UEC für die Nacht, Sir.“ Legt mir ein verpickelter Auszubildender die Rechnung vor die Nase. ″Zum Zahlen im Voraus natürlich.″

„Natürlich, was sonst. Dass ich schon mehr als fünfzig mal hier abgestiegen bin, zählt wohl nicht als Vertrauensbeweis genug?“ Versuche ich ihn einzuschüchtern.

„Es tut mir leid Sir. Ich kann keine Einträge finden unter Junah Radegast“.

Kann er auch nicht finden. Bin das erste Mal hier in diesem Hotel! Die Preise werden immer unverschämter nahe des Spaceports.

Der Plaza ArcCorps ist so geschäftig und laut wie immer. Man versteht kaum sein eigenes Wort – so laut brüllen einen die Werbetafeln an. Ohne Unterlass erzählen sie einem, was man gerade braucht, was gerade hip ist, was man auf keinen Fall verpassen sollte. Zumindest sind die Torpedo-Burritos recht lecker. Ich nehme zwei Kaffee to go. Dann fühle ich mich bereit, um Brubacker einen Besuch abzustatten.

An der Tür zu Brubackers Redaktionsbüro steht „Off the Record“ –  Stories, die sonst niemand erzählt“. Ich betrete vielleicht ein wenig zu schwungvoll das Büro. Brubacker fliegt vor Schreck fast  vom Stuhl.

„Was zum…?!“ 

Er kneift die Augen zusammen.

Nachdem er sich aufgerappelt und gefangen hat, sagt er: „Sie sind Junah Radegast, richtig? Hawk hatte Sie bereits angekündigt…“ Er öffnet das Fenster, lässt frische Luft herein.

„…in der Tat. Er hat gesagt, ich solle Sie aufsuchen, falls Sie Interesse an einer tollen Geschichte hätten. Und die habe ich. Das Problem ist nur: Hawk ist derzeit nirgends aufzufinden. Es geht mittlerweile aber um Leben und Tod.”

Brubacker denkt kurz nach.

„Lassen Sie mich raten – Hawk und seine Spielschulden?”

„Yep.”

„Ich habe immer geahnt, dass es früher oder später mal knallt. Hier, ich hab sogar etwas Besseres als nur einen Hinweis – eine Hangarnummer und eine Zugangskarte, die er dagelassen hat, falls ich meine Meinung ändere und ihn doch nach Vega begleiten möchte.  Momentan spannt mich aber meine Arbeit hier im Stanton-System zu sehr ein. Aber wenn wir schon dabei sind: Können Sie mir nicht kurz erzählen, worum es überhaupt geht?”

Brubacker erhält von mir eine Kurzfassung über die Geschehnisse der vergangenen Tage, wenn auch mit großen Lücken. Dann sagt er: „Das ist eine richtig schöne Geschichte. Die müssen Sie mir in allen Details erzählen, sobald alles über die Bühne ist.“

„Für die Hangarkarte bekommen Sie von mir alles exklusiv und aus erster Hand.”

Dann verlassen wir das Büro und verabschieden uns auf der Brücke vor Astro Armada. Zufrieden und 5000 Credits ärmer besteige ich die Tram zum Raumhafen. Hoffentlich erreiche ich den Hangar noch rechtzeitig.

*****

Die Karte geht mit Leichtigkeit durch den Scanner zu Hangar zwölf. Die Tür des Fahrstuhls öffnet sich und sofort dringt der betriebsame Klang in die Kabine. Als ich um die Ecke gehe, traue ich meinen Augen kaum. Ich erblicke eine nagelneue Crusader Industries Starrunner. Hawk lässt es sich offenbar gutgehen – aber ich würde die lange Reise nach Vega wohl auch lieber mit einem schicken Cruiser antreten als mit einer Conny. Ich bin gespannt auf sein Gesicht.

Die hintere Frachtluke steht seltsamerweise völlig unbewacht offen. Es ist für jeden ein leichtes Spiel, in das Schiff zu gelangen. So schlampig kenne ich meinen alten Mitstreiter sonst nicht. Ich ziehe meine S38, als ich den Frachtraum betrete und schleiche mich Richtung Maschinenraum, aus dem ein kräftiger Funkenflug zu vernehmen ist. Mit dem Rücken zum Eingang kniet Hawk und schweißt etwas an der Treibstoffleitung. Wenn ich es auf seinen Kopf abgesehen hätte, wäre es ein Leichtes für mich. Als ich nur noch einen Meter von ihm entfernt bin, lasse ich meine Tarnung fallen.

„Du wirst alt und unaufmerksam mein Freund!”

Hawk stellt seine Arbeit ein, lässt sein Werkzeug fallen und hebt beide Arme in die Luft. Er blickt leicht über seine linke Schulter und beginnt zu lachen.

„Wenn du mich unaufmerksam nennst, was soll ich dann von dir sagen, Junah?”

Im selben Augenblick spüre ich den kalten Lauf einer Coda auf meiner Schläfe mit dem vertrauten Rattern des spannenden Hahnes.

„Fallen lassen oder du bist Geschichte! “, zischt es von der Seite.

Verdammt. Sofort fallen mir Eddie Parr´s letzte Worte ein, dass Hawk nicht allein unterwegs ist. Die Entschlossenheit in der fremden Stimme macht mir mehr Angst als die Waffe selbst.

„Okay, entspannen wir uns alle ein wenig und legen erstmal die Schießeisen beiseite.”

„Jack, wer ist dieser arrogante Fatzke? Soll ich ihn abknallen?″, höre ich wieder Ihre Stimme.

Hawk fängt laut an zu lachen. Offenbar gefällt ihm die Komik der Situation.

„Lass gut sein. J.R. war nur ein wenig überheblich und dachte offenbar, er erwischt mich mit heruntergelassenen Hosen. Junah, darf ich dir die Schatzjägerin Jiara Dune vorstellen? Sie begleitet mich nach Vega und wird mir den Rücken frei halten. Das klappt doch schon ganz gut oder findest du nicht?”

„Im Ernst, Hawk? Seit wann arbeitest du mit anderen zusammen und dann auch noch mit einer Schatzjägerin? Du weißt, dass sie dich für jedes Artefakt links liegen lassen wird, oder?” Ich zeige in  ihre Richtung.

„Meine Coda ist immer noch geladen.”

„Alles gut Jiara. Ich darf dir Junah Radegast vorstellen. Ein Waffenbruder und Freund von mir aus alten Zeiten als wir noch die Uniform der UEE trugen.”

„Ich würde ja gerne noch weitere Nettigkeiten austauschen – aber es gibt leider Probleme, Hawk. Glaub mir, die willst du aus der Welt schaffen bevor du aufbrichst.”

Wir setzen uns in den Frachtraum der Starrunner. Dann erzähle ich Hawk die ganze Geschichte von Miles und Dimitri. Jiara versucht, die Fakten mit einigen kleinen Fragen für sich zu ordnen.

Dann ergreift Hawk das Wort: „Dieses miese Schwein!” Er wirft sein Bier an die Wand seines neuen Schiffes.

„Diesmal ist Dimitri zu weit gegangen. Wenn er, wie du sagst, auch mit dem Verschwinden meiner Eltern zu tun hat, dann lege ich ihn um! Danke dir, Junah, dass du bei Miles so schnell geschaltet hast. Ich stehe in deiner Schuld.”

„Lass gut sein. Du weißt, wir haben uns damals in der Einheit geschworen, dass wir immer auf einander aufpassen werden.”

Jiara steht auf und hebt die Arme: „Ich möchte ja euren Bromance-Moment nicht kaputt machen aber wieso schnappen wir uns diesen Dimitri nicht einfach und dann können wir unsere Reise fortführen wie geplant?”

Hawk kratzt sich am Kinn und blickt hinüber zur Schatzjägerin: „Das ist leichter gesagt als getan. Der Bunker von diesem Drecksack wird schwer bewacht. Wenn wir Glück haben sind es nur sechs bis acht Wachen. Dicke Rüstungen. Große Waffen. Da haben wir, so wie wir hier stehen, keine Chance.”

„… hey du Held, was ist mit deinem neuen Freund Steve?“ Jiara wendet sich an mich. „Mit ihm dürften wir doch wohl bessere Karten haben…”

„Das mag sein. Aber er ist kein Söldner und auch nicht mein Schoßhund. Ich kann nicht für ihn sprechen. Da müssen wir ihn wohl selber fragen. Er ist auf Daymar und ruht sich auf der Farm meines Onkels aus.”

„Also schön. Dann lasst uns nach Daymar aufbrechen. Aber wir nehmen die Ragnarok. Nichts für ungut, Hawk, ich habe die Broschüre der Starrunner gelesen und sie ist einfach eine lahme Ente. Ich schlage vor, ihr besorgt euch Ausrüstung und dann treffen wir uns in dreißig Minuten bei meinem Schiff in Hangar acht.“ Ich blicke fragend in die Runde. Hawk geht einen Schritt auf Jiara zu.

„Bereite dich auf heftigen Feuerwechsel vor!”

 

V. Luftkampf

„Pünktlich auf die Minute. Ich schätze, das werden wir auch nicht mehr los aus der Zeit in der Navy, was?”

Ich empfange die beiden am Fahrstuhl.

„Das und Betten machen am Morgen”, erwidert Hawk.

Ich schnappe mir eine schwere Ausrüstungstasche von Hawk und wir gehen zusammen in den Hangar, wo sich meine Freelancer Max noch im Dornröschenschlaf befindet. Als Jiara die Ragnarok erblickt, lässt sie ihre Rüstung auf den Boden fallen.

„Mit der Schrottmühle fliegst du die ganze Zeit im Verse umher? Du bist mutiger als ich dachte.” Der Sarkasmus in ihrer Stimme ist kaum zu überhören.

„Keine Frage, die Max ist ein wenig in die Jahre gekommen, aber sie steckt voller Überraschungen. Du wirst schon sehen.”

Als wir das Schiff betreten rümpft Jiara provokativ die Nase, was ich jedoch ignoriere. Hawk fühlt sich gleich wie zuhause und verstaut seine Ausrüstung.

„Junah, da kommen gleich die Erinnerungen wieder. Sag mal, wie geht es Maia? Ist sie noch aktiv?”

„Noch nicht. Du weißt – die ArcCorp-Leute.”

„Ah ja, richtig…”

Wir werfen noch einen letzten Blick auf den Dschungel aus Häusern und Werbetafeln von ArcCorp, bevor wir die Atmosphäre hinter uns lassen und in einen stabilen Orbit um den Planeten einschwenken. Hawk übernimmt das Steuer, damit ich einen kleinen geheimen Schalter unter der Cockpitkonsole erreichen kann. Die MFD´s flackern kurz für einen Augenblick, bis schließlich wieder alles ganz normal aussieht. Wieder auf meinem Platz, wandert mein Blick auf den Copilotensitz, wo Hawk schon ahnt, was jetzt kommt.

„Maia, kannst du mich hören? Bist du wieder da?”

Jiara lehnt sich vor und flüstert Hawk ins Ohr: „Ich glaube dein Kumpel hier hat richtig einen an der Waffel. Sag mal wie lange habt ihr euch nicht mehr gesehen?”

Dann ertönt die mir so vertraute Stimme der KI: „Moin Commander, wie geht es Ihnen? Oh, wir haben Besuch. Schön Sie wieder zu sehen, Kapitän Hawkins. Ist es sicher zu reden?”

„Was zum..?” Jiaras Gesichtsausdruck spricht Bände.

„Keine Sorge Maia, die Schatzjägerin gehört zu ihm. Es ist sicher.”

Jiara schnauft.

„Eine A.I.? Künstliche Intelligenzen sind im UEE-Gebiet nicht ohne Grund verboten. Muss ich euch zwei Helden an die Artemis erinnern?”

„Also ich muss doch sehr bitten! Mich mit den primitiven Schaltkreisen meines Vorgängers J.A.N.U.S. auf der Artemis zu vergleichen…” M.A.I.A. fällt ihr ins Wort.

„Ladies, wir haben noch genug Zeit, das zu bereden. Maia, setze bitte einen Kurs nach Daymar. Direkter Anflug, ohne Crusader anzusteuern. Wir wollen erstmal keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Ich bin mir sicher, Dimitris Lakaien sitzen an allen wichtigen Kontrollpunkten.”

Jiara steht direkt neben meinem Pilotensitz.

„Ein direkter Anflug? Willst du uns eigentlich umbringen?”

Hawk richtet das Wort an Jiara.

„Jetzt mach mal einen Punkt, setz dich wieder hin und halte mal die Klappe für einen Moment. Junah vertraue ich zu hundert Prozent und du hast recht, ohne eine KI wie Maia würden wir auf der Oberfläche aufschlagen wie rohe Eier in einer Pfanne. Wir haben das schon öfter gemacht. Sie hat sich noch nie verrechnet – ähm, richtig Junah?”

„Naja, hätte sie es bisher schon getan, dann wäre ich jetzt nicht mehr hier.”

„Auch wahr.”

Das ganze Schiff fängt an zu ruckeln und zu arbeiten, als der Quantumdrive hochfährt. Hinzu kommt ein immer lauter werdendes Pfeifen und Summen der Spulen, als ich meinen Blick auf die Jägerin in der zweiten Reihe richte und schreie: „Das ist schon etwas Anderes als in diesen neuen gedämpften Schlitten von Crusader Industries, was?”

Sie ringt sich ein müdes Lächeln ab.

„Sprung!”

Die Reise selbst ist angenehm und ruhig. Wir nutzen die Zeit, um unsere Ausrüstung zu überprüfen. Wir munitionieren uns auf, zerlegen und reinigen unsere Waffen, bevor wir zur Übung einige Schüsse aus dem Frachtraum in die Weiten des Weltraums abfeuern. Es ist sogar noch ein wenig Zeit für alte Geschichten und ein kühles Bier an der Frachtluke, während das sonderbar schöne Schauspiel des Quantenfeldes an uns vorbei zieht. 

Fünfhunderttausend Kilometer vor dem Ziel ertönt das Alarmsignal im ganzen Schiff. Wir hören und spüren, wie die Triebwerke mit aller Kraft das Bremsmanöver einleiten. Am Backbord-Fenster zieht Crusader als lang gezogener Strich vorbei. Mit geübtem Blick kann man sogar Cellin und Yela erkennen.

Jiara legt sich dir Gurte an und murmelt vor sich hin: „Jetzt sterbe ich hier noch mit den zwei Witzfiguren und alles was von uns noch übrig sein wird passt in ein Schuhkarton.”

Meine Hand umklammert das Steuer, fest entschlossen, es herumzureißen, falls doch etwas schief gehen sollte. Aber die Sorge ist unbegründet. M.A.I.A. hat uns bis auf 100 Klicks an die Oberfläche von Daymar heran geflogen. Ich sehe hinüber zu Hawk, er hebt nur den Daumen. Die Jägerin atmet tief durch.

„Gut gemacht, Maia. Bitte setze einen Kurs zu Onkel Ben. Erlaubnis für automatische Landung erteilt.”

„Aye, Captain, wird erledigt.”

„War doch ganz gut, oder? Vor allem sind wir so erst einmal unentdeckt und haben einen kleinen Vorsprung. Was meinst du?” Ich blicke in die zweite Reihe hinter Hawk.

„Wenn du glaubst, du kannst mich mit dieser Cowboynummer beeindrucken, hast du dich geschnitten.” Jiara öffnet ihren Gurt und verschwindet im hinteren Teil des Schiffes.

„Du, sag mal Hawk …”

„…sie ist die Richtige für den Job im Vega-System. Glaub mir, wenn es hart auf hart kommt, willst du lieber auf ihrer Seite stehen”, beruhigt mich mein alter Freund.

Die Ragnarok landet ein wenig außerhalb der Farm, damit wir nicht so viel Staub aufwirbeln. Staub ist auf Daymar das am meisten gehasste Übel der Bewohner, noch vor Spinnen. Wir laufen hinüber zum Haupthaus, wo sich mein Onkel und Hawk sofort umarmen. Unter anderen Umständen wäre es ein fröhliches Wiedersehen von alten Bekannten gewesen, aber schnell wird uns klar, dass wir nicht zum Kaffee trinken gekommen sind. Hawk und ich laufen zu den Quartieren. Die Tür öffnet sich und wir erwischen Steve bei seinen täglichen Übungen.

„So viel Disziplin hatten wir beide auch mal Hawk, weißt du noch?”

„Ich kann mich erinnern. Und jetzt schau dich mal an, Junah. Um wie viele Nummern musstest du deine Rüstung schon erweitern?“ Dann schaut Hawk auf Steve.

„Hallo Steve, mein Name ist Jack Hawkins. Junah hat mir schon viel über dich erzählt. Ich will auch gleich zum Punkt kommen. Da ist dieser Typ namens Dimitri, der…”

Noch bevor Hawk jedoch seinen Satz beenden kann, ertönt die Stimme des Wächters: „Ich weiß, wer du bist. Ich stand gleich neben Eckhart als Junah den Auftrag auf deinen Kopf angenommen hat. Wann geht’s los?”

Der Wächter schnappt sich seine Waffe, drückt rasch ein neues Magazin hinein und lädt schwungvoll durch: „Ich nehme an, ihr wisst, wo er zu finden ist?”

„Na, das ging ja leichter als gedacht.”

*****

„Hallo Steve, mein Name ist Jiara. Schön, dich kennen zu lernen.”

Ihre Stimme klingt so freundlich, dass Hawk und ich uns anblicken und zugleich die gleichen Wörter sagen: „Die Uniform!” Steve reicht ihr die Hand mit folgenden Worten: „Eine Schatzjägerin? Ihr wisst, dass sie euch für jedes Artefakt links liegen lassen wird, oder?”

Der Abschied von Bens Farm fällt mir wie immer schwer. Als die Sonne Stantons den Horizont des Mondes berührt, taucht sie das Umland in ein Feuerrot, das seinesgleichen sucht. Unsere Gruppe besteht nun aus vier Abenteurern, es dürften aber auch nicht viel mehr sein, da das Schiff nur vier Sitzplätze hat. Meine Gedanken kreisen hin und her, als wir geschlossen zur Max laufen. Sich auf eine Mission vorzubereiten, mochte ich noch nie. Meine Stärke war es schon immer, eher blitzschnell auf neue Situationen zu reagieren. Da hat man keine Zeit, darüber nachzudenken, was alles schief laufen könnte. Hawk weiß das natürlich und versucht, mich abzulenken, als wir den Rand der Stratosphäre erreichen.

„Sag mal, was ist eigentlich aus dir und der Kleinen von Grim Hex geworden?”

Noch bevor ich antworten kann, ertönt M.A.I.A. und ein Warnsignal.

„Captain, ich orte zwei schnelle Jäger auf Abfangkurs. Zeit bis zum Rendezvous dreißig Sekunden, Quantumdrive ist bei maximaler Geschwindigkeit bereit in achtundfünfzig Sekunden. Wie möchten Sie fortfahren?”

„Verdammt! Wie konnten Sie uns so schnell finden?”, fragt Hawk.

„Steve! Hinten ist ein Geschützturm. Rein mit dir und gib ihnen Saures!”

„Roger.”

Er rennt mit schnellen Schritten über den Metallboden in den Frachtraum.

„Jiara, du übernimmst die Schildsteuerung. Hawk du das Powermanagment!”

„Aye.”

„Maia, können wir sie abhängen?”

„Negativ, Captain. Laut Scans handelt sich um zwei Aegis Dynamics der Titan-Klasse. Es ist unmöglich, ihnen im Atmosphärenflug zu entkommen.”

„Na schön, dann eben auf die harte Tour!”

Kaum habe ich meinen Satz beendet, wird das Schiff auch schon von den ersten Salven erschüttert. Der verkohlte Geruch der Schildgeneratoren, wenn sie unter Volllast arbeiten, ist mir schon immer ätzend in die Nase gestiegen. Meine ersten Schüsse treffen, da sie sich auf uns zu bewegen, dennoch kratzen sie kaum ihre Schilde an. Auf lange Sicht werden sie uns austänzeln. Die Max kann gut einstecken, aber Wendigkeit wird von Werk aus nicht mitgeliefert.

„Vordere Schilde sind runter auf vierzig Prozent.“

Das Pfeifen der Aegis-Jets ist laut und bedrohlich, als sie an uns vorbeidonnern.

„Wow, Junah, hast du das gesehen? Die eine hat einen EMP aktiviert. Das sind Profis. Wenn uns das Ding trifft, dann fallen wir zu Boden wie ein Sack Steine!” Hawk blickt den Angreifern hinterher. Von hinten ist das Rattern von Doppelgattlings zu hören. Ich grinse und denke, Steve ist wohl ganz in seinem Element. Das verschafft uns ein wenig mehr Zeit, wenn der tote Winkel zum Heck hin  abgedeckt ist. Auf dem Radar sehe ich, wie sich die beiden Angreifer hinter uns aufteilen.

Ich reiße das Steuer herum, um es wenigstens mit einem der Angreifer aufzunehmen und ein paar Treffer zu landen. Hawk gibt mir mehr Energie auf die Waffen.

„…ich ziehe sie vom Antrieb ab, wir können mit der Kiste sowieso nicht weglaufen.”

Die Titan vor mir versucht, in Schussposition zu gelangen, hat aber die G-Kräfte unterschätzt und bei ihrem Wendemanöver mächtig Energie eingebüßt. Ein Atmosphärenkampf läuft eben anders als ein Kampf im Vakuum. Da ich nun von oben auf die Titan hinunterstürze, habe ich einen taktischen Vorteil und komme mit der Nase schneller in Feuerstellung. Schließlich habe ich das Ziel erfasst.

„Gib mir maximale Waffenenergie…Feuer!”

Ich sehe, wie die meisten Projektile die Schilde durchschlagen und in die äußere Hülle eindringen, wo sie großen Schaden anrichten. Die Titan zieht schwarzen, dicken Rauch hinter sich her.

„Glückwunsch, Captain, Sie haben die Kühlsysteme und den Haupttreibstofftank beschädigt”, meldet M.A.I.A.

Die Freude währt jedoch nur kurz, weil der andere Fighter mittlerweile in aller Ruhe in eine gute Schussposition gelangt ist. Es folgt eine Explosion, der rechte Flügel meiner Max samt Raketen geht zum Teufel. Über Funk meldet sich Steve: „Hey, der meint es ernst und er ist verdammt gut!”

Ich trete auf die Bremse, der Verfolger zieht über uns hinweg und fällt direkt vor meine Kanonen. Ich will schon abdrücken doch beim Vorbeiflug erkenne ich etwas auf dem Rumpf. Es ist ein Totenkopf mit einem roten Barett.

„Maia, einen Kanal zum Schiff vor uns öffnen.”

„Was zum Teufel machst du da? Du hast ihn vor der Nase, drück ab!” Jiara schreit fast.

„Ruhe!”

Dann ist die Verbindung hergestellt. Es ist „Fresh as Ice“, ein alter Bekannter.

„Fresh, warum bin ich nicht überrascht?”

Die knabenhafte Stimme eines Ausnahmetalentes von einem Piloten ist über die Coms zu hören.

„Na, Junah, altes Haus. Du weißt, es ist nichts Persönliches. Es geht nur ums Geschäft. Um der alten Zeiten willen, verschonen wir euer Schiff, wenn du mir mein Bounty aushändigst.”

„Ha, das glaubst du doch selbst nicht, dass ich meinen Freund Hawk an euch geldgeile Kopfgeldjäger einfach so ausliefere…“

Im Radar sehen wir, wie die zwei Titans uns wieder in die Zange nehmen. Eine lädt ihr EMP  auf.

„…vor einer Sekunde hätten wir dir noch die Wahl gelassen, aber dass Jack Hawkins mit an Bord ist, ist ja wie ein verdammter Sechser im galaktischen Lotto. Wir sind nicht hier wegen Hawk, wir wollen das fette Kopfgeld auf den Wächter kassieren. Aber gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu erschlagen…nun, heute ist wohl unser Glückstag…”

„Na, komm schon Fresh, ich zahle dir das Doppelte und wir vergessen die ganze Sache, ok?”

„Ha, Constantin Hurston hat vorhergesagt, dass du uns so ein Angebot machen würdest und deswegen ein Kopfgeld auf zweihundertfünfzigtausend UEC ausgeschrieben. Dein blinder Passagier hat den kleinen Constantin offenbar richtig verärgert.”

Fresh klingt amüsiert. Ich schalte die Verbindung stumm.

„Verdammter Mist, die sind gar nicht hinter dir her, Hawk. Die wollen Steve!” Ich schaue hinüber zu Hawk der mit großen Augen das MFD anstarrt. Schließlich aktiviere ich das Voice wieder.

„Hör zu Fresh…”

Noch bevor ich meinen Gedanken formulieren kann, fällt er mir ins Wort.

„Spar dir die Mühe, Junah. Unsere Bekanntschaft ist mir einfach keine viertel Million wert. War nett, dich gekannt zu haben. Over and out.”

Die zwei Jäger beschleunigen, um uns endgültig den Todesstoß zu verpassen. Nur wenige Augenblicke entscheiden zwischen Angriff oder Flucht. Das war wohl schon zu Zeiten so, als wir noch auf der Erde in Höhlen lebten. Zögern ist oft gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Ich packe das Steuer mit beiden Händen, richte das Schiff in Richtung der Titan, die soeben ihr EMP auflädt und gebe Vollgas.

„Hawk, transferiere die verbliebene Energie der Waffen auf die Antriebe.” Von ihm höre ich nur ein kurzes „Aye“.

„Hawk, das willst du doch nicht machen, oder?”

Wir sitzen in der Falle. Das Schiff vor uns mit der geladenen EMP und Fresh auf unserer Sechs. Steve hat die ganze Zeit mitgehört und hat den Finger immer noch am Abzug.

„Wie schon gesagt, ich vertraue Junah”, erwidert Hawk mit ruhiger Stimme.

Noch zehn Sekunden, bis das EMP in Reichweite ist.

„Hey, Radegast, wie wäre es jetzt mit einpaar von deinen Zaubertricks, die diese Schrottkiste angeblich so wertvoll machen!” Die Jägerin faucht die Worte fast.

„Maia, Ausweichmanöver Junah drei Strich eins ausführen auf mein Kommando. Haltet euch gut fest.”

Noch drei Sekunden.

„Jetzt!”

Die Ragnarok rollt um hundertachtzig Grad, dann zündet sie den Nachbrenner und geht in einen Sturzflug. Die hohen G-Kräfte pressen uns hart in unsere Sitze. Dabei aktivieren wir gleichzeitig das Störfeld und blenden so die Sensoren unserer Gegner. Der EMP-Jäger ist völlig überrumpelt, zündet in Panik vorzeitig sein elektromagnetisches Feld – aber wir sind schon außer Reichweite. Fresh kann nicht mehr rechtzeitig abdrehen und fliegt voll in den eigenen elektromagnetischen Puls und verliert sämtliche Kontrolle über sein Schiff. Als die Manövriertriebwerke wieder reagieren, ist es zu spät. Die Titans rammen sich gegenseitig und beide gehen in Flammen auf. Die zwei brennenden Rümpfe taumeln in einem Todestango gen Wüstenboden. Als ich die Max grade noch vor einer Bergspitze abfangen kann, sehe ich wie zwei Schleudersitze die Wracks verlassen.

„Uff, das war knapp. Geht es allen gut?”

„Ich glaube, ich habe mir die Nase gebrochen”, ruft Steve aus dem Geschützturm.

 

VI. Dimitri

 

Die Ragnarok ist schwer beschädigt. Steve und Jiara löschen die kleineren Brände im Frachtraum, während Hawk und ich versuchen, das Schiff in der Luft zu halten. Wenn wir den Orbit erreichen sollten, dann laufen wir wenigstens nicht mehr Gefahr abzustürzen. Jetzt machen sich Hawks exzellente Fähigkeiten als Ingenieur bezahlt. Er weiß ganz genau, welche Relais in welcher Reihenfolge zu überbrücken sind, damit das Bordnetz stabil bleibt. Dann mache ich eine Borddurchsage.

„Hier spricht Ihr Kapitän. Herzlich willkommen bei Radegast Air. Bitte genießen Sie den Flug und die wunderschöne Aussicht durch die faustgroßen Löcher in unserer Hülle. Im Ernst Leute – legt eure Raumanzüge an, es sieht so aus, als würden wir es doch noch in den Weltraum schaffen.”

Nach einigen Minuten vorsichtigen Manövrierens und gelungenen Powermanagements erreichen wir den Weltraum. M.A.I.A. steuert uns in ein Asteroidenfeld, damit wir vor feindlichen Scannern versteckt sind, bis wir die nötigsten Reparaturen erledigt haben. Schließlich sind alle leckenden Leitungen geflickt, die Löcher notdürftig versiegelt.

Den Sprung nach Hurston, wo alles begann, wollen wir bald wagen. Aber erst einmal wollen wir kurz verschnaufen, um die Ereignisse der letzten Stunde zu besprechen. Dafür treffen wir uns alle im Cockpit. Meine Hand fängt unkontrolliert an zu zittern, da das Adrenalin nachlässt und mir wird klar,  wie knapp wir einem Absturz auf Daymar entkommen sind.

Der Wächter richtet sich die Nase mit einem Knacks und schaut mich an: „Das war das absolut heftigste Flugmanöver, das ich je miterlebt habe. Wir haben zwar in der Ausbildung einige verrückte Sachen bei simulierten Landeoperationen in einer Valkyrie gemacht – aber das war Kinderkarussell gegen das eben. Gut gemacht, Junah.”

„Danke nicht mir. Die meiste Arbeit und die Blumen gehen an Maia”, antworte ich.

„Ah ok, dann vergiss es. Danke Maia, dass du uns den Hintern gerettet hast.”

„Gern geschehen Steve, stets zu Ihren Diensten.”

Was würde ich dafür geben, wie die KI keine Todesangst zu verspüren…auf der anderen Seite lässt uns genau diese Angst die Sinne schärfen und Dinge tun, die wir uns normalerweise nicht mal vorstellen können. Meine Hand zittert immer noch.

Jiara ergreift das Wort: „Das war klasse gemacht. Aber ich weiß auch, wer Maia die Manöver beigebracht hat – danke, Junah.“

„Das war reiner Selbsterhaltungstrieb. Ihr habt Glück, dass ich so an meinem Leben hänge. Hawk, öffne mal das Handschuhfach vor dir. Darin müsste noch eine fast volle Flasche Radegast sein.”

„Nein, Jiara hat recht. Das war klasse reagiert, wie in alten Zeiten bei der Squadron, Junah.”

Hawk sucht nach der Flasche.

„Ah, da ist sie. Du hast immer noch keine Lust, dein Erbe anzutreten und Schnapsbrenner zu werden?”

„Pfff.”

„Aber jetzt mal Klartext. Habe ich das richtig verstanden? Die Kopfgeldjäger waren hinter Steve her?” Jack blickt mich irritiert an.

„Es sieht ganz danach aus. Normalerweise würde ich kein Wort von dem glauben , was die so erzählen, aber in diesem Fall kommt die Info direkt von Fresh und traurigerweise war dieser Mistkerl bis jetzt immer ehrlich zu mir. Ich verstehe allerdings nicht, warum Constantin Hurston so ein übertrieben hohes Kopfgeld aussetzt, um einen entflohenen Wachmann von Hurston Dynamics zu beseitigen. Steve hast du eine Idee?” Wir schauen ihn alle fragend an.

Der Wächter kratzt sich am Kopf und das erste Mal sehe ich ihn nach Worten ringen.

„Also die Sache ist so…ich bin schon seit so vielen Jahren dabei und habe so einiges an Drecksarbeit für diesen aufgeblasenen Schmierlappen erledigen müssen, immer nur damit er bei seiner hochnäsigen Familie gut dasteht. Ihr müsst verstehen, dieser Kerl schläft fast nie. Das macht kein menschlicher Körper auf Dauer mit. Glaubt mir, Drogen für ihn zu beschaffen, war noch das Harmloseste….”

Jiara ergreift das Wort.

„Eine Viertelmillion UEC für ein paar Insiderinformationen, die er mit Leichtigkeit dementieren kann? Erscheint mir ein wenig übertrieben. Überleg mal Steve, da muss es noch um mehr gehen, wenn er praktisch das ganze Stantonsystem auf dich hetzt. Bei zweihundertfünfzigtausend Creds müsste auch ich keine zweimal überlegen…”

Steve druckst ein wenig herum.

„…na ja, da gibt es schon eine Sache, die ihm garantiert nicht passt. Als einer seiner engsten Vertrauten, gab er mir sämtliche Sicherheitsberechtigungen für Loreville und die Zugangscodes zu allen HD-Bunkern auf dem Planeten. Wenn ich wollte dann…”

„Die Zugangscodes“. Wir sprechen das Wort alle gleichzeitig aus.

„Ja, damit kann ich bereits aus der Ferne, sofern das Signal stark genug ist, die Bunkerverteidigung und die Radarsysteme deaktivieren und alle Türen überbrücken – wieso?”

„Mal abgesehen davon, dass Hurston Dynamics seine sensiblen Daten in diesen Bunkern speichert…wer diese Informationen besitzt, der hat die ganz Firma bei den Eiern. Kein Wunder, dass Hurston dich ohne Gnade verfolgen lässt. Für unsere Mission aber ist es ein gewaltiger Vorteil, denn Dimitri hält sich in einem der ausgemusterten Bunker versteckt. Hawk – was meinst du?”

„Nun, wenn wir das Überraschungsmoment für uns nutzen, dann könnten wir die ersten zwei bis drei Wachen überwältigen, bevor sie sich sammeln und eine vernünftige Verteidigung organisieren. Somit würde es vier zu sechs stehen. Ich jedenfalls würde mein Geld auf uns wetten.”

„Hör mal Steve, ich verspreche dir, wir lassen uns etwas einfallen, sobald wir die Sache mit Dimitri erledigt haben. Okay, mein Freund?”

„Klar, ich mache mir aber weniger Sorgen darum, sondern eher darüber, dass ich mich wieder zurück auf diesen Müllplatz begeben muss. Gerade jetzt, da ich die Schönheit der anderen Planeten und Monde kennengelernt habe. Auf der anderen Seite kann ich es kaum erwarten, ein paar bösen Jungs kräftig in den Arsch zu treten.”

Es ist einfach unglaublich. Wenn man diesem Teufelskerl so zuhört, könnte man echt meinen, dass wir eine Chance haben. Denn mir geht es gar nicht gut bei dem Gedanken, der Elite unter Dimitri´s Söldnern entgegen zu treten. Bei Hawk weiß ich, dass er bis zur letzten Patrone kämpfen wird. Die Schatzjägerin kann ich nicht einschätzen. Ich speise M.A.I.A. die Koordinaten ein und beim zweiten Versuch gelingt uns der Übergang in den Quantumjump. Ich weiß nicht, ob ich die Ragnarok noch einmal zusammenflicken kann oder mir lieber gleich ein neues Schiff zulege. M.A.I.A. kann ich leicht auf einen Datenpod laden. Das wäre nicht das Problem…

„Hawk, Jiara – die Sensoren zeigen mir, dass der rechte Landefuß verzogen ist. Könnt ihr beide mal nachsehen, ob ihr das hinbekommt, bis wir ankommen? Außerdem habe ich eine Idee, wie wir Steve helfen können und das möchte ich mit ihm in Ruhe bereden.”

„Aye, wir schauen mal, ob sich da was machen lässt.“

Die beiden verlassen das Cockpit und die Tür zur Kabine schließt sich wieder.

„Schau Steve: Das wird keine einfache Nummer, da sauber wieder raus zu kommen. Das ist das höchste Kopfgeld, das ich je gesehen habe und einige der gefährlichsten Jäger werden immer hinter dir her sein. Und wenn die Nachricht auch noch in das Pyro-System gelangt, dann hast du den dortigen Piratenabschaum auch noch an der Backe.”

Der Wächter schaut mich ruhig und besonnen an.

„…es gibt da aber einen Ausweg, den ich aber erstmal mit dir allein besprechen will. Es wird jedoch kein Spaziergang.”

„Keine Sorge, Junah. Ich denke, bis jetzt wurde mein Vertrauen in dich belohnt.”

„Gut. Zuerst müssen wir uns vergewissern, dass die Möglichkeit offen ist. M.A.I.A. öffne einen Langstreckenkanal zu Eddie Parr auf Microtech.”

„Aye, Commander.”

*****

Wir nähern uns Dimitris Bunker von Osten her, die aufgehende Sonne im Rücken, damit uns eventuelle Wachen nicht sofort erspähen können. Unsere Rüstungen sitzen. Waffen, Magazine, Granaten und Medpens sind ausgerüstet. Das Herz pumpt mit Adrenalin angereichertes Blut durch die Adern. Die Gefäße weiten sich, die Wahrnehmung wird schärfer. Hunger und Durst sind Zustände, die der Körper bei so einer Anspannung als nebensächlich einstuft. Keiner sagt etwas, jeder ist nur auf seine Aufgabe konzentriert.

Steve hat schon vor einiger Zeit damit begonnen, die Radarsysteme sowie Verteidigungstürme zu deaktivieren. Uns bleibt nicht viel Zeit, bevor wir mit unserer Zaubernummer auffliegen. Einem  Beschuss der Türme hält das Schiff sicher nicht länger als paar Sekunden stand.

„Maia, was sagen die Scanner?”

„Die Scans zeigen, dass sie alle noch gemütlich beim Frühstück sitzen, Sir. Mit anderen Worten, sie haben keine Ahnung davon, dass wir kommen.”

Tatsächlich habe ich den Humorlevel von M.A.I.A. nicht gesenkt, denn mir gefällt es, wie sie bei solchen Situationen antwortet. Es hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Das Fahrwerk ist draußen und wir steuern einen Punkt gleich hinter einigen Containern an.

„Hawk, habt ihr das hinbekommen mit dem rechten Fahrwerk?”

„Na klar doch, besser als neu.”

Die Federung rastet ein, als wir den Boden berühren. Es ist nur das Abkühlen der Triebwerke zu hören, als plötzlich von rechts ein Knacken und Ächzen zu vernehmen ist. Kurz darauf neigt sich das gesamte Schiff nach Backbord und bleibt mit Schlagseite liegen.

„Ups.”

„Sie wird es überleben”, erwidere ich. „Jetzt konzentrieren wir uns zunächst auf die Mission. Durchladen und entsichern.”

Steve bildet die Speerspitze, Hawk und ich sichern die Seiten des Bunkers und Jiara hält uns den Rücken frei. Alles ist ruhig. Offenbar haben wir Glück mit der Ankunftszeit. Selbst der Eingang ist nur mit inaktiven Kameras gesichert. Wir vergewissern uns noch ein zweites Mal, ob die Luft rein ist und laufen dann geschlossen zum Fahrstuhl, der uns in die unteren Ebenen bringt. Steve gibt den Sicherheitscode ein und der Aufzug setzt sich in Bewegung. Die Jägerin steht aufgeregt neben mir, als ich sie frage: „…eine Armbrust? Dein Ernst?”

„Du wirst schon sehen, wozu sie gut ist. Warte es nur ab.”

Kaum ausgesprochen rastet der Fahrstuhl ein. Der erste Bandit weiß gar nicht, wie ihm geschieht, so schnell trifft ihn der Pfeil aus der Armbrust und schleudert ihn meterweit nach hinten an die Wand.

„Noch Fragen?”, flüstert Jiara.

Ich schüttele den Kopf und wir gehen alle mit den Waffen im Anschlag vorsichtig vor zum Bunkereingang. Immer noch ist kein Alarm zu hören. Es sind noch sieben Wachen übrig. Zwei große Kistenstapel geben uns perfekte Deckung, um die Lage zu sondieren. Hawk und Steve bilden die Vorhut, Jiara und ich sind etwas dahinter. Die Ruhe ist unerträglich. Ich persönlich mag es nicht, so herumzuschleichen wie Diebe in der Nacht. Aber mit dieser Ruhe wird es eh bald vorbei sein.

Hawk gibt mir Handzeichen. Zwei Wachen voraus auf der obersten Ebene, einer links, der andere rechts. Wir beide wissen, was zu tun ist und nehmen die schallgedämpften Scharfschützengewehre in Position – ein Simultanschuss auf zwei verschiedene Ziele. Das mussten wir bei der Ausbildung bis zum Erbrechen üben. Vorsichtig legen wir die Sniper auf die Kisten. Hawk gibt sein Ok. Sein Ziel ist im Visier und er zählt mit den Fingern am Griff bis auf Null.

Schuss. Schön leise, die Patronen fangen wir mit dem rechten Handschuh auf, damit sie uns beim Fallen nicht verraten. Mein Ziel geht, nicht ganz geräuschlos, wie ein nasser Sack zu Boden. Hawk freut sich über seinen Abschuss. Leider hat er ihn zu weit oben getroffen, so dass der leblose Körper über das Geländer fällt – direkt auf den Frühstückstisch von Dimitri und seinen besten Leibwächtern. Eine Weile starren die Wachen die Leiche an, bevor nur noch das Brüllen von Dimitri zu hören ist:

„Seid ihr alle blind? Alarmiert sofort die anderen. Wird’s bald!”

„Verfluchter Mist“, jammert Hawk.

„Ach, mir ist dieses Geschleiche eh nix.”

Ich schnappe mir die Jägerin und gehe mit ihr rechts in Deckung. Die anderen gehen links herum und versuchen, die Treppe zu sichern. Von unten hören wir schnelle Schritte und Momente später fliegen uns die ersten Kugeln um die Ohren. Doch es ist nichts weiter als Sperrfeuer, denn sie haben keine Ahnung, wo wir sind.

Zwei aufgescheuchte Wachen kommen die Treppe hoch. Hawk und Steve verlassen beide gleichzeitig ihre Deckung und eröffnen mit kurzen gezielten Salven ihrerseits das Feuer. Die beiden haben keine Chance. Nun liegen sie mit dem Gesicht nach unten auf den Stiegen. Es sind noch drei Wachmänner übrig, die Dimitri beschützen. Hawk rückt vor und ist fast unten, da signalisiert mir Jiara, ich solle allein weitergehen. Ich springe über den Handlauf und schließe zu den Jungs auf. Hinter einer Säule finden wir Deckung.

Und doch werden wir gesichtet und die Geschosse schlagen im direkten Umkreis ein. Wir sitzen fest. Steve nimmt eine Granate in die Hand und entsichert sie. Ohne uns vorher Bescheid zu geben, lehnt er sich einmal kurz raus, um beim zweiten Mal einen gezielten Wurf nach rechts zu machen, wo sich zwei Angreifer hinter einer Mauer verschanzt haben. Die Granate fliegt oben an die Decke und prallt hinter die Deckung der Männer. Als sie hochgeht, erbebt der ganze Bunker und man spürt die Druckwelle bis in den Magen. Steve rennt im Augenblick der Explosion los und springt über die Mauer, wo er die bewusstlosen Wachen entwaffnet.

Nun ist nur noch einer übrig, der Dimitri beschützt. Die beiden haben sich auf der gegenüberliegenden Seite verschanzt. Bei dem Versuch, näher heran zu kommen, wird Hawk an der linken Schulter getroffen und geht zu Boden. Steve gibt sofort Sperrfeuer, damit ich Hawk in Sicherheit ziehen kann.

„Wie schlimm ist es?”, frage ich ihn.

„Es brennt wie Hölle, aber ich werde es überleben.”

In der darauf folgenden kurzen Feuerpause vernehmen wir die aufgeregte Stimme Dimitis, der aus seiner Deckung heraus schreit: „Hey, ihr Arschlöcher, ihr habt vielleicht Nerven hier aufzutauchen. Meine Männer sind in diesem Augenblick unterwegs hierher und machen euch kalt. Oder wir regeln das mit Creds. Ich habe Geld, viel Geld. Es lässt sich doch sicher eine Lösung finden, oder?”

Hawk zieht sich hoch, sodass er sich im Sitzen die linke Schulter halten kann und antwortet: „Nein, du Scheißkerl, wir sind nicht hier wegen Kohle!”

„Jack? Jack Hawkins, bist du das? Was zum Teufel ist in dich gefahren, hier so einen Aufstand zu machen. Kommst hier her mit deinen Freunden und störst mich und meine Jungs beim Frühstücken. Was soll der Scheiß?”

„Jetzt tu nicht so überrascht, Dimitri. Eckhart hat mir alles gesagt…ich kann noch gut eins und eins zusammen zählen. Dafür wirst du jetzt bezahlen!”

„Jack, mein Junge, du nimmst das alles viel zu persönlich. Du weißt, in unserem Geschäft da ist nun mal kein Platz für Sentimentalitäten. Aber das spielt jetzt eh bald keine Rolle mehr, denn in wenigen Augenblicken rückt hier eine halbe Armee ein und die machen dich und deine kleine Bande fertig. Weißt du, im Grunde sparst du mir sogar fünfzigtausend Creds, weil ich dich jetzt selber erledigen kann.”

Dimitri und sein Leibwächter lehnen sich mit ihren Gewehren an Kisten und wollen gerade das Feuer eröffnen, als von oben nur das helle Pfeifen eines Bolzens zu hören ist, der in den Unterarm von Dimitri einrastet und Ihn mit der Kiste fixiert. Wenige Sekunden später sehe ich nur, wie sich die Jägerin kopfüber an einem Seil hinunter lässt und mit einem gezielten Schuss aus ihrer Coda den letzten verbliebenen Personsnchützer zu Fall bringt. Er hat keine Chance, sein Visier zersplittert und er geht zu Boden.

„…dass ihr coolen Gangster nie nach oben seht”, sagt sie, während sie die auf dem Boden liegende Waffe, unerreichbar für Dimitri, beiseite schiebt. Dieser schreit und zappelt. Er versucht verzweifelt, den Bolzen aus seinem Arm zu ziehen. Doch es ist vergebens, er hat sich praktisch durch den Knochen mit der darunter liegenden Kiste verbunden.

„Was für eine Hexe bist du denn?”

„Halts Maul, sonst endest du wie dein Kollege neben dir.”

Hawk hält sich unterdessen die Schulter, die dringend verarztet werden muss.

„Hör zu Jack, wir können das doch regeln, oder? Du und ich zusammen. Wie früher. Was sagst du?”

„Ich sage, du schuldest mir einige Antworten. Und wenn du alle Details ausgespuckt hast, mal sehen, vielleicht lasse ich dich dann am Leben.”

„Woher kommt denn plötzlich der ganze Mut? Denkst du, nur weil du hier mit deiner kleinen Bande aufgekreuzt bist, kannst du solche Reden schwingen? Als du immer wieder Geld gebraucht hast für deine Casinos, da kamst du ständig auf allen Vieren zu mir gekrochen. Weißt du, eines musst du mir aber erklären. Ich verstehe, dass du deinen alten Kumpel Junah und den Wachmann um Hilfe gebeten hast – aber dann noch eine Schatzjägerin? Du weißt, dass sie dich für jedes Artefakt links liegen lassen wird?”

„Ich kann diesen Mist langsam nicht mehr hören!”

Jiara nimmt ihre Coda und verpasst ihm mit dem Griff eins ins Gesicht. Das Knacken, als das Nasenbein bricht, erinnert mich komischerweise an das Aufbrechen von Erdnüssen.

„Hey Steve, ich glaube wir lassen die Drei hier mal ihr kleines Wiedersehen alleine feiern. Wir schauen mal nach, was es mit dieser Verstärkung auf sich hat. Die Coms bleiben an, falls sich oben etwas tut, okay?”

Hawk nickt nur kurz, als wir die Szenerie verlassen. Obwohl es mich brennend interessiert, was der winselnde Kerl zu sagen hat, müssen wir die Gelegenheit ergreifen, um das Ding mit Hurston und Steve ins Rollen zu bringen. Auf dem Weg nach oben blicke ich Steve an: „Du erinnerst dich noch daran, was wir auf dem Weg hierher besprochen haben?”

„Klar.“

VII. Der Deal

Die Sonne steht hoch über dem Bunker auf Hurston als auch Hawk und die Schatzjägerin wieder ans Tageslicht kommen. Hawk drückt sich den notdürftigen Verband fest gegen die Schulter, während ihn die Jägerin beim Laufen stützt.

„Ich hoffe. du hast deine Antworten gefunden, die du für deine Reise brauchst mein Freund.″

Hawk kneift die Augen zusammen und schaut mir ins Gesicht.

„Das habe ich. Hör mal, das, was da unten passiert ist…„

„…bleibt genau da, wo es hingehört. In diesem Bunker!″

Ich greife ihm unter die andere Schulter und wir suchen uns einen schattigen Platz, wo wir in aller Ruhe seine Wunde verarzten können. Einen Erste-Hilfe-Koffer habe ich aus der „Ragnarok“ geholt.

„Jetzt halt schon still, du Mädchen! Du hast Glück: Es ist ein glatter Durchschuss. Das wäre dann Nummer sieben?″ Ich drücke das Wundengel tief unter die obere Hautschicht.

„Acht, um genau zu sein – wenn man den Granatensplitter mitzählt.″

Es ist schön zu sehen, dass Hawks Humor wieder da ist. „Ich hätte das ohne eure Hilfe nicht geschafft. Hast du gesehen, wie Steve die Handgranate über zwei Ecken hinter die Deckung geworfen hat? So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Und dann stürmt er auch noch in der gleichen Sekunde los. Apropos Steve, wo ist er überhaupt?″ Hawk mustert die Umgebung.

Im selben Moment hört man aus der Ferne die vier mächtigen Triebwerke der Freelancer Max, wie sie unter Vollgas näher kommen. Es klingt wie der Donner eines in der ferne tobenden Gewitters. Wir stehen auf und suchen den Himmel ab. Dann sehen wir sie. Der Himmel ist wolkenlos und man erkennt mühelos die vier schwarzen Abgasstrahlen.

„Da hinten.″

Ich zeige mit dem Finger Richtung Westen. „Während ihr noch im Bunker wart, stellte sich heraus, dass keine halbe Armee unterwegs war, um diesem Mistkerl zu beschützen. Allerdings hatte M.A.I.A. zwei Jäger auf Abfangkurs auf den Langstreckensensoren.″

„Fresh und Forgeman?″, fragt Hawk.

„Gut möglich. Die beiden sind wie Kampfhunde. Einmal angebissen, lassen sie nicht so schnell ab. Auf jeden Fall bestand Steve darauf, ihnen allein entgegen zu treten. Er möchte nicht, dass wegen ihm andere in Gefahr geraten. Ich habe versucht, ihn aufzuhalten – aber keine Chance. Ich konnte gerade noch den Verbandskasten aus dem Schiff holen.″

Jiara schaut mich vorwurfsvoll an.

„Du weißt, dass er kein Kampfpilot ist und du hast ihn dennoch alleine fliegen lassen?″

„Er ist nicht allein. Er hat Maia zur Unterstützung.″

Nur einen Augenblick später donnert die Max mit vollen Nachbrennern über unsere Köpfe hinweg – dicht gefolgt von dem Pfeifen der zwei Jets, die sie verfolgen.

Die Max zieht die Nase steil nach oben und versucht, schnell an Höhe zu gewinnen. Vergebens. Sie ist für solche Manöver nicht gebaut. Als Nächstes sehen wir das Abfeuern sämtlicher Waffen und die Raketen der Verfolger. Die Projektile schlagen in die „Ragnarok“ ein und durchlöchern sie wie ein Sieb. Deutlich zu erkennen ist, wie sich große Teile der Hülle als wäre das Schiff aus  Blätterteig. Das helle Aufblitzen der Gegenmaßnahmen erkennen wir ebenfalls mit bloßem Auge, ehe das Schiff versucht, den abgefeuerten Raketen mit einer Linkskurve zu entkommen. Zwei bis drei Raketen schlucken den Köder. Und doch: zu wenig. Die verbleibenden vier schlagen ein und das Schiff zerplatzt in einem mächtigen Feuerball aus roten und blauen Flammen. Die Druckwelle erreicht uns mit einigen Millisekunden Verzögerung. Dann sehen wir nur noch eine schwarze dicke Rauchwolke, an der Stelle, an der unser Freund Steve seinen letzten Kampf für uns bestritt.

„Oh mein Gott, nein!″

Jiara schreit laut auf. „Steht doch da nicht so nutzlos rum, tut doch etwas!″

Doch Hawk und ich stehen einfach nur da. Wir haben schon zu viele unserer Kameraden fallen sehen, als dass wir noch zu solchen emotionalen Ausbrüchen in der Lage wären. Jiaras Wut und Trauer entladen sich wie ein Vulkanausbruch. Unser Blick ist indes auf die rauchenden Trümmer gerichtet, die Richtung Boden taumeln – das eine schneller, die anderen etwas langsamer. Es ist ein schauriger Anblick.

„Er gab sein Leben, um unseres zu verschonen. Wir werden dich immer in unseren Herzen tragen Steven Kamacho.″ Diese Worte habe ich schon so oft sagen müssen, dass sie klingen wie leere Worte. Hawk richtet sich kurz auf und salutiert in Richtung der Rauchwolke am Himmel. „Ich habe ihn zwar nur kurz gekannt, aber ich hatte das Gefühl, dass er ein feiner Kerl war. Tut mir leid, dass es für ihn so enden musste. Was machen wir jetzt?″ Die Jägerin weint unterdessen immer noch und bringt keine Worte heraus.

„Das ganze Verse hätte ihn gejagt. Er wäre nirgendwo länger als paar Tage sicher gewesen. Er hat das gewusst und das größtmögliche Opfer gegeben. Sein Leben.”  

Ich richte meinen Blick auf Hawk. „Wir sollten zusehen, dass wir hier wegkommen. Hast du die Zugangskarte zu Dimitris Cutlass?″

„Natürlich, wohin denn so schnell?″

„Schon vergessen? Es ist immer noch ein Kopfgeld von fünfzigtausend Creds auf dich ausgeschrieben. Wir sollten das schnellstmöglich mit Eckhart klären, wenn wir schon auf Hurston sind. Oder soll ich dich abknallen und die Kohle kassieren?″

„Wohl kaum. Aber du hast recht, meine Reise nach Vega wird angenehmer, wenn mich keine Bountyhunter verfolgen. Flieg du, ich glaube, ich muss hier noch jemandem trösten.″

Wir laufen zu Dimitris Cutlass, als Jiara einen mittelgroßen Koffer in meiner Hand bemerkt.

„Junah, was ist das?″, fragt sie, während wir die Rampe hochlaufen.

„Nichts, was dich beunruhigen sollte. Ein Verlust ist schon hart genug.″

*****

 „Lorville Landing Services an Cutlass Black 837 im Landeanflug, bitte kommen.″

„Hier ist die Black 837, was können wir für Sie tun?″ Ich melde ich mich über die Coms.

„Sie werden umgeleitet in den privaten Hangar von Miles Eckhard. Bitte folgen Sie dem Richtstrahl 1598. ATC Ende.″

„Sieht so aus, als würde uns der Boss höchstpersönlich in seinem Hangar abholen. Na, wenn das mal keine herzliche Begrüßung ist. Hast du gehört Hawk?″

Hawk hebt den Daumen.

„Gut, dann müssen wir wenigstens nicht in dieses Drecksloch von Bar, wo er sich sonst immer rumtreibt!″

Das Schiff dreht eine sanfte Kurve und wird zu einem der übergroßen Hangars geleitet, die Eckhart sein Eigen nennt. Normalerweise stehen hier seine großen Vergnügungsdampfer, aber heute ist der ganze Hangar leer und wir haben so viel Platz zum Landen, dass ich sogar noch provokativ eine Runde vor dem Aufsetzen drehen kann.

„Hey, Hawk, überlass mir das Reden. Du musst einfach nur alles bestätigen, was ich sage und ganz wichtig ist, dass du das Kopfgeld für Steve beanspruchst.″

„Was soll ich machen?! Kommt nicht in Frage.″

„Vertrau mir einfach.″

Hawk nickt kurz, dann öffnet sich die Laderampe und wir laufen sie hinunter, wo uns Miles Eckhart und seine Wachen schon erwarten. Die mächtigen Tore schließen sich und man kann endlich wieder sein eigenes Wort verstehen, als Eckhart den Dialog mit folgenden Worten eröffnet:

„Jack, Junah. Da sind ja meine zwei Goldjungen. Endlich wieder vereint, als Team ich hoffe. Nun ihr seid wieder back in Business. Oho, und wen haben wir denn hier? Eine Schatzjägerin? Ich hoffe ihr wisst, dass….″ Bevor er seinen Satz beenden kann, schreit Jiara laut auf.

„Halts Maul, ich bin es leid! Hawk ich warte im Schiff.″ Jiara dreht sich auf dem Absatz um und klettert zurück in die Cutlass.

„Was für ein Temperament!“ Eckhart grinst seine Wachen an. „Gehört sie jetzt etwa fest zu eurer Truppe?″

Ich ignoriere seine Frage, sage stattdessen: „Hallo Miles, nette Begrüßung. Ich kann mich nicht erinnern, dass du mich schon jemals in deinen Privat-Hangar eingeladen hast. Ach, und: Dass wir jemals wieder für dich arbeiten, kannst du dir gleich in deine nicht vorhandenen Haare schmieren. Wir haben die Schnauze voll von deinen gewissenlosen Aufträgen. Wir sind fertig mit dir!″

Miles Eckhart holt tief Luft. „Junah, Junah. Du verstehst das alles völlig falsch. Als Auftrag seid ihr nur eine Nummer, die erledigt werden muss, verstehst du? Ihr müsstet das doch am besten wissen, dass wir uns in diesem Geschäft keine Gefühlsduselei leisten können. Weil man dann anfängt Dummheiten zu machen. Nehmen wir zum Beispiel dich, Junah. Was hast du dir dabei gedacht, diesen Wachmann zu entführen? Unser lieber Constantin war darüber gar nicht erfreut. Ich konnte ihn nur mit sehr viel Mühe davon überzeugen, dich nicht auch noch gleich mit auf die schwarze Liste zu setzen, also wäre wohl eher ein wenig Dankbarkeit angebracht.″

„Ich soll dir dankbar sein? Deine Witze werden immer schlechter, Miles. Aber lassen wir das Gerede. Als Erstes wirst du den Auftrag löschen, was Hawk angeht, denn die Tatsache, dass wir mit Dimitris Schiff hier sind, sollte dir wohl zeigen, dass er es sich – sagen wir mal – anders überlegt hat.″

„Verstehe. Wenn am Ende keiner die Prämie zahlt, ist es auch kein Bounty mehr . Hawk alter Junge, freut mich, dich in einem Stück zu sehen.″

Ich nehme aus dem Augenwinkel wahr, wie Hawk zu seiner Waffe greifen will. Ich kann ihn gerade noch daran hindern, denn sofort nehmen Eckharts Bewacher Position ein. Hawk nimmt leicht seine Waffe runter, dann spricht er Eckhart direkt an: „Ich bin fertig mit dir, Miles. All die Jahre, die ich für dich gearbeitet habe und dann hast du die Nerven, ein Kopfgeld auf mich ausgerechnet an Junah zu vergeben? Eines Tages erwische ich dich mal ohne deine Wachen!″

„Drohst du mir etwa?“ Eckhart knurrt die Worte fast. „Was wollt ihr eigentlich hier? Ihr verschwendet meine Zeit!″

Ich öffne mein Mobiglas und blättere in meinen Einträgen: „Hawk ist hier, um das Kopfgeld für den entflohenen Wächter Steve Kamacho zu kassieren. Wir haben den Abschuss auf Band und seine verkohlte Erkennungsmarke, sicher findest du auch noch DNA darauf. Hier, du kannst es gleich überprüfen.″

Ich überreiche Eckhart unter den ungläubigen Blicken Hawks die Erkennungsmarke, der sie weiterreicht.

„Nicht so schnell, Radegast. Meine zwei neuen Asse Fresh und Forgeman beanspruchen den Abschuss ebenfalls für sich. Wem soll ich jetzt glauben, hm?″

Einer der Wachmänner geht auf Eckhart zu: „Die DNA ist übereinstimmend, es handelt sich um Steve Kamacho, Sir.″

Eckhart starrt uns einen Moment mit offenem Mund an. „Na schön, Junah, ich kenne deine Tricks. Also nenn mir einen Grund, warum ich euch den Abschuss und somit die Viertelmillion zusprechen soll?″

„Ganz einfach, Miles. Diesen fetten Hangar und deinen Lebensstil der letzten Jahre hast du uns zu verdanken. Jetzt hast du mal die Gelegenheit, ein wenig Dankbarkeit zu zeigen.″

Eckhart hält einige Sekunden inne. Er blickt sich langsam um und antwortet dann: „ Na schön ihr zwei Helden, der Abschuss geht auf eure Kappe. Allerdings werde ich die Hand für euch bei Fresh und Forgman nicht ins Feuer legen. Die werden nicht sonderlich erfreut sein zu hören, dass ihnen das Kopfgeld des Jahrhunderts weggeschnappt wurde.″

„Mach dir darüber keine Gedanken. Die beiden lässt du mal unsere Sorge sein. Haben wir einen Deal?″

„Deal – unter einer Bedingung. Die Familie des Wächters hängt mir seit seinem Verschwinden in den Ohren, was mit ihm geschehen ist. Außerdem musste ich Constantin Hurston versprechen, die Sache zu regeln, ohne die Firma damit in Verbindung zu bringen. Meinen Glückwunsch, Junah. Du hast die ehrenvolle Aufgabe, es den Hinterbliebenen mitzuteilen, dass ihr lieber Steve nicht mehr ist. Außerdem wirst du noch eine richtig schöne Grabrede auf seiner Beerdigung halten.″

Ich balle einen kurzen Moment meine Faust, bevor ich einschlage.

„Einverstanden, Miles. Transferiere die Belohnung auf Hawks Konto. Wir sind dann fertig hier.″

Eckhart und seine Wachen ziehen ab und werden immer kleiner in dem riesigen Hangar, als sich Hawk schließlich zu mir dreht.

„Woher zum Teufel hast du gewusst, dass er auf den Deal eingehen wird?″

„Habe ich nicht. Aber eines Tages müssen wir uns eben alle fragen, warum wir da stehen, wo wir gerade sind und wem man es zu verdanken hat. Das Konzept des Selfmademan ist eine Lüge. Niemand schafft es allein. Miles ist zwar ein Schwein, aber er weiß ganz genau, dass er ohne uns immer noch ganz unten in der Gilde wäre.″

„Mag sein, Junah. Aber das war trotzdem hoch gepokert. Und was machen wir mit diesen zwei Kopfgeldjägern? Die lassen sich mit Worten ganz sicher nicht vertrösten.″

„Mir fällt schon was ein. Kannst du mir aber erstmal die Hälfte des Kopfgeldes überweisen? Ich möchte für Steves Familie eine würdige Beerdigung organisieren. Ich denke da an eine schöne Beisetzung auf Microtech und vielleicht eine Trauerfeier auf einer 890 Jump. Wie klingt das für dich?″

„Klingt angemessen. Jiara und ich kommen natürlich auch. Microtech ist sowieso unser letzter Halt, bevor wir Stanton verlassen.″

Mit diesen Worten verlässt Jack Hawkins zusammen mit der Jägerin Hurston. Schweren Herzens führen mich meine Schritte zu Steves Familie, der ich nur noch mein Beileid aussprechen kann.

*****

Einige Tage später endet meine Erzählung auf dem Podium der 890 Jump vor den Trauergästen. Unter den Gästen befindet sich auch Jack Hawkins in Begleitung der Schatzjägerin. Auch John Brubacker ist der Einladung gefolgt. Nach der Rede treffen wir uns am Panoramafenster des Luxusliners, wo Brubacker das Wort ergreift. „Eine schöne Rede und eine schöne Beerdigung, die Sie da organisiert haben. Ich hoffe, Sie halten Ihr Wort bezüglich der Story…!?“

„Das tue ich. Ich habe Sie extra eingeladen, um Ihnen die gesamte Geschichte exklusiv zu erzählen.“

Dann kommen Hawk und Jiara hinzu. „Schön, dass auch ihr kommen konntet. Hey Leute, ich habe einen Vorschlag. Hawk, du kannst dich sicher noch an Eddie Paar erinnern, oder?″

„Klar doch!″

„Er und sein neuer Geschäftspartner haben eine neue Bar auf New Babbage aufgemacht. Nennt sich Wally´s Bar. Wie wäre es, wenn wir den Abend dort ausklingen lassen?″

„Klingt gut.″

„Klar, warum nicht, habe Eddie auch schon seit Jahren nicht mehr gesehen.″

*****

Die neue Bar in Microtech ist gerammelt voll und erfreut sich großer Beliebtheit. Genau der richtige Ort, um auf andere Gedanken zu kommen. Jiara, Jack, Brubacker und ich sitzen auf einer der Boxen und trinken einen nach dem anderen aufs Haus. Eddie winkt fleißig seine Mitarbeiter an unseren Tisch, sobald ein Glas auch nur den Anschein macht, sich zu leeren. Ich habe Brubacker alles erzählt. Schließlich lehnt er sich vor: „Vielen Dank.“ Er klickt auf seinem Aufnahmegerät die Stopp-Taste. „Ich werde sie umgehend bearbeiten. Eine Frage hätte ich aber doch noch: Woher hattet ihr die Erkennungsmarke von Steve? Er ist doch vor euren Augen mit deinem Schiff explodiert.″

Völlig überrascht von der Frage, setze ich mein Glas Radegast Whisky ab:

„Also, na ja…″

Auch Hawk nimmt sofort Witterung auf.

 „Ja, und weißt du, was noch komisch ist? Du hast nicht eine Träne verloren wegen Maia…″

Jiara schlägt mit der Hand auf den Tisch.

„Der Datenpod, als wir die Cutlass bestiegen haben…“

Die Drei schauen mich in Erwartung einer Antwort an. Ich nehme einen kräftigen Schluck von meinem Whisky.

„Ach, wisst ihr, ihr könnt ja Theorien aufstellen, wie ihr wollt. Bei dem ganzen Trubel von Kopfgeld hier und Explosionen dort – ist denn noch niemandem der neue DJ hier in Wally´s Bar aufgefallen?″

„Was, welcher DJ?“ Jack schaut nach oben. „ Ach, der da…stimmt, er hat einen echt coolen Beat drauf. Wie heißt er denn?″

Ich antworte mit einem fetten Grinsen.

„DJ Steve!″

Ende
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