Steves Wandlung

Wie ein Wächter Lorvilles das Leben lieben lernte

Von EveryDayGamer

Inhalt

„…und nun bitte ich Junah Radegast das Wort zu übernehmen. Wenn Sie so freundlich wären?” Die Blicke aller Anwesenden richten sich auf mich. Ich sitze in der vorletzten Reihe. Ich stehe auf und gehe unter den aufmerksamen Augen der Anwesenden Richtung Podium, erreiche die Empore der 890 Jump, bedanke mich bei meinem Vorredner und spreche mit entschlossener Stimme: „Es ist mir eine besondere Ehre das Wort zu erhalten. Ich möchte Ihnen Steve Camacho als einen sehr außergewöhnlichen Mann vorstellen, der uns künftig allen als leuchtendes Vorbild dienen sollte. Sein Name steht für den Willen, hinter den Horizont zu schauen, über Grenzen hinaus zu blicken, die wir uns oft selber auferlegen. Ich möchte Ihnen darüber berichten, wie ich ihm begegnet bin.” Ich fokussiere einen leeren Stuhl in der dritten Reihe des Publikums und beginne zu erzählen. Während ich den Gästen auf der 890 Jump in schönen Worten verpackt von Steves wundersamer Wandlung vorschwärme, tauchen in mir Bilder auf, wie es wirklich gewesen ist…

 

Die Flucht

Drei Monate zuvor. Es beginnt mit einem Job auf Loreville. Nichts außergewöhnliches. Es ist einer dieser Aufträge, wie man sie leicht über sein Mobiglas findet. In der Bar herrscht die gleiche Stimmung wie immer. Es ist düster, dreckig und laut – kurz: das übliche, heruntergekommene Flair, das Lorville nun mal so an sich hat. Ich entdecke Miles Eckhart sofort. Normalerweise mache ich ja keine Deals mehr mit Auftraggebern über das Mobiglas, allerdings hat mein letzter Auftrag so viele Ressourcen gefressen, dass ich nun genötigt bin, mir wenigstens mal anzuhören, was der alte Säufer anzubieten hat. Vor ihm steht ein Glas mit dem teuersten Whisky, den die Spelunke auszuschenken hat. Für gewöhnlich haben Auftraggeber wie Miles Eckhart persönliche Aufpasser um sich, meist unterbelichtete Gorillas – aber an diesem Tag steht da ein waschechter Lorville-Wächter von Hurston Dynamics.

Kaum am Tisch angekommen offeriert mir Eckhart ebenfalls einen Whisky, den ich aber ablehne. „Wie tief musst du eigentlich in der Scheiße stecken, dass du nochmal an meinem Tisch auftaucht, Junah? Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet du den Auftrag annimmst unter all den Freelancern, die sich so in Stanton tummeln. Ach ja, bevor ich es vergesse: Das ist Steve. Er ist hier um sicherzustellen, dass du nicht plötzlich ausflippst.” Ich versuche cool und geschäftlich zu wirken. „Beruhig dich, Miles.“

Steve fixiert mich mit den Augen und ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass er nicht eine Sekunde zögern würde abzudrücken, sollte Eckhart es wollen. Dieser aber lächelt nur, dann räuspert er sich. „Ich will dir sagen, worum es geht. Seit dein Freund Hawk auf der Suche nach seinen verschwundenen Eltern ist, habe ich keine Nummer Eins mehr. Vorerst. Er hat doch glatt die ganze Kohle seiner Eltern auf den Kopf gehauen und hat offenbar mit den falschen Leuten Geschäfte gemacht. Hab’ außerdem gehört, dass er auch noch diesem Schmierlappen Dimitri ein Vermögen schuldet. Herrje, wie dumm kann man sein? Würde mich nicht wundern, wenn Dimitri zufällig selber etwas zu tun hat mit dem Verschwinden von Hawks Eltern im Vega-System. Aber, wie auch immer. Derzeit bleibt alles an mir hängen, wenn du verstehst, was ich meine. Und da kommst du ins Spiel.”

„Wir wäre es, wenn du mal zum Punkt kommst”, unterbreche ich ihn. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie sich der Wachmann aufrichtet. „An deiner Stelle würde ich mich mal nicht so im Ton vergreifen”, sagt er. Eckhart hebt die Hand, so, als wollte er einen Hund zurückpfeifen. „Ist schon gut Steve, der gute alte J.R. und ich haben ebenfalls eine sehr lange Freundschaft auf die wir zurückblicken können, nicht wahr?” Der Sarkasmus in Eckharts Stimme ist nicht zu überhören. Der Fettsack nimmt einen riesigen Schluck von seinem Radegast und wischt sich den Rest mit dem Handballen vom Mund. „Das mochte ich schon immer an dir. Du bist kein Fan von Smalltalk. Wie ich. Nun, ich habe eine äußerst delikate Angelegenheit, die ich lieber gestern als heute von meinem Tisch haben möchte. Der Auftraggeber steht wie immer nicht zur Diskussion. Ist ne knifflige Sache, die Belohnung ist aber überdurchschnittlich, wenn nicht sogar außergewöhnlich hoch.”

Immer wenn Eckhart das Wort “knifflig” in den Mund nimmt, bekomme ich ein ganz mieses Gefühl. Meistens enden solche Aufträge im Klescher Gefängnis. „Okay, Miles, wo ist der Haken und wie hoch ist die Bezahlung?” Eckhart blickt mir direkt in die Augen. „Das wird dir nicht schmecken. Ich sag’s gerade raus: Dimitri will, dass Hawk das Schicksal seiner Eltern teilt. Er will, dass Hawk auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Irgendwie denkt Dimitri wohl, dass er sich dann Night Industries unter den Nagel reißen kann. Keine Ahnung, was er mit dem Laden von Hawks Eltern will.“ Eckhart schüttelt den Kopf. „Wie auch immer. Ich weiß, du wirst jetzt gleich sagen, das kann nicht mein Ernst sein, aber lass mich….“

„…wie viel?”, falle ich ihm ins Wort.  „Fünfzigtausend”, erwidert er. Als Eckhart die Summe nennt, zuckt Steve kurz. „Okay. Schick mir die Daten auf mein Mobi“, sage ich. Ich stehe auf, verlasse Eckharts Tisch und schlendere rüber an den Tresen. Eckhart blickt mir kurz hinterher, scheint sprachlos zu sein. Er hat offenbar nicht damit gerechnet, dass ich meinen alten Kumpel so schnell über die Klinge springen lassen würde. Kaum habe ich am Tresen einen Drink bestellt, spüre ich plötzlich wie jemand hinter mir steht. „Du lieferst deinen Freund für fünfzigtausend Creds aus? Einfach so?” Ich drehe mich um. Hinter mir steht der Wächter Lorvilles. In voller Rüstung und die Waffe fest im Anschlag. Ich blicke ihm direkt in das getönte Visier. „Keine Ahnung, was du von mir willst. Schätze, in Sachen Diskretion musst du noch einiges lernen…”.  

„Eines weiß ich jedenfalls genau. Hier geht so einiges an Abschaum ein und aus. Und da gehörst du wohl dazu.“ Er setzt sich neben mich. „Nun ja, Miles amüsiert sich jetzt wahrscheinlich ne Runde in weiblicher Gesellschaft, der kommt sicher nicht vor zwei Stunden zurück.” Er macht eine Pause. „Es interessiert Dich wahrscheinlich einen Dreck, aber ich erzähle es dir trotzdem. Ich stehe den ganzen verdammten Tag in einer mordsschweren Rüstung an irgendeiner Ecke auf diesem Scheissplaneten. An mir rennen täglich tausende Leute vorbei. Keiner würdigt mich eines Blickes. Deshalb interessiert es auch keinen, was ich denke. Und doch kann ich kaum glauben, was hier eben passiert ist. Was bist du denn für ein Arschloch?“ Ich war perplex. „Hör mal gut zu….“

„Nein, Du hörst zu.“ Seine Stimme grollte. „Hurston Dynamics kontrolliert jeden Bereich meines Lebens! Die halten uns wie Vieh, verstehst du, während wir ihre verseuchte Luft atmen dürfen. Sie zahlen so viel, damit man nicht vor die Hunde geht, aber zu wenig, um es hier weg zu schaffen. Und dann kommst du daher, verrätst deinen Freund für fünfzig Riesen, ich stehe direkt daneben und soll die Klappe halten? Ich nehme an, du bist mit irgendeinem schönen Schiffchen hergekommen. Ich komme  mit der Kohle, die ich hier kriege nicht mal bis zum nächsten Mond.“ Ich glaube fest, als Nächstes eine Kugel durch Kopf zu bekommen. Was konnten die Wächter Lorvilles sonst schon? Dann aber steht der Wächter Lorvilles auf und geht. Und lässt mich verstört zurück. Ich kann ihm ja nicht erzählen, dass sich alles ganz anders verhält.

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Am nächsten Tag fühle ich mich völlig fertig. Ich habe wegen meines „Auftrages“ extrem schlecht geschlafen. Ich mache mich auf den Weg zum Raumhafen, will erst einmal so schnell wie möglich runter von dieser Kugel. In dieser Umgebung kann ich jedenfalls keinen klaren Gedanken fassen – und ich werde schließlich einen kühlen Kopf brauchen, um die Sache mit Hawk zu regeln. Mein Schiff wartet bereits im Hangar auf mich, ich laufe geistesabwesend zur Fahrstuhltür, als ich hinter mir eine Stimme höre.

„Ich hoffe, du erstickst an der Kohle. Das Blut deines Freundes wird jedenfalls für immer an deinen Händen kleben.” Ich drehe mich um. Der Wächter.  Aus mir bricht es heraus: „Jetzt hör mir mal genau zu! Du hast ja keine Ahnung. Du schwingst hier Reden von Ehre und Loyalität. Dabei hast du noch nicht einmal Loreville geschweige denn diesen Felsen verlassen. Wenn du auch nur ein wenig Mumm in den Knochen hättest, könntest du es locker hier raus schaffen. Aber alles, was ich sehe, ist nur ein Wachmann mit einem großen Mundwerk, der sich mit seiner Waffe ziemlich mächtig fühlt.” Ich vergesse, wie leichtsinnig ist, was ich ihm an den Kopf schleudere, hält er doch die ganze Zeit eine geladene Waffe in den Händen.

Er richtet sich gerade auf, sein Körper versteift sich. „Wie kannst du es wagen, meinen Mut in Frage zu stellen? Diese Uniform sollte dir eindeutig zeigen, dass diesen Job nur die Härtesten bekommen und auch dauerhaft behalten.” Ich höre zwar seine Worte, sie kommen aber bei mir nicht wirklich an. „Wenn du wirklich so ein harter Kerl bist, dann beweise es mir doch einfach. Steig mit in mein Schiff und ich zeige dir, wie es in der richtigen Welt zugeht. Aber vermutlich ziehst du es vor, dich hinter deiner Unform zu verstecken, anstatt dein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen!”

Zu meinem Erstaunen macht Steve ein paar große Schritte auf mich zu. Im ersten Moment denke ich, er will mich erschießen – doch dann gleite ich ein paar Minuten später mit Steve an Bord auf dem Copilotensitz in einer Freelancer Max aus dem Hangar. Ich fasse es nicht – ich habe eine schwere Aufgabe in eine Unlösbare verwandelt. Ich blicke hinüber zu ihm. Steve sitzt verkrampft in seinem Sitz. Ihm hat’s genau wie mir die Sprache verschlagen. Eine Kurzschlussreaktion. Anders ist es nicht zu erklären. Ich drücke den Schubregler nach vorn und lasse die vier Triebwerke das Schiff beschleunigen. Anstatt jedoch gleich in den Orbit zu steuern, senke ich die Nase des Schiffes bald wieder, fliege eine leichte Wende und steuere einen Landepunkt an der Küste an. „Was soll das werden? Ich denke, du willst Hurston verlassen?” Hinter Steves getöntem Visier erkenne ich ein ungläubiges Gesicht. „Das mache ich schon noch. Aber bevor wir das tun, sollten wir beide erstmal tief durchatmen und ein paar Dinge klären. Dafür suche ich uns jetzt einen ruhigen Ort.” Steve nickt und blickt Richtung Loreville, während ich die Freelancer auf einer Lichtung lande. Ich schalte die Triebwerke aus und laufe zur Laderampe. Steve folgt mir unaufgefordert. „Herrje, lässt du eigentlich auch mal deine Waffe liegen?”, frage ich ihn. „Nur wenn ich eine bessere finde.”

Das dichte Gras um uns herum reicht bis zur Hüfte und außer dem Wind in den Bäumen hört man nur  unsere Schritte auf dem Boden. „Hör zu – Steve. So heißt du doch? Ich will dich nicht in eine Situation mit hineinziehen, mit der wir beide nicht glücklich werden. Noch wäre es für dich nicht zu spät umzukehren. Vergiss, was ich vorhin gesagt habe.” Vielleicht wäre das der richtige Moment, uns mal in die Augen zu sehen. Aber Steve behält seinen Helm auf. Dafür sagt er nun etwas, womit ich nie gerechnet hätte: „Nein, du hast vollkommen Recht. Ich muss mein Leben selbst in die Hand nehmen, egal was das jetzt für Konsequenzen hat. Ich verspreche dir, dass ich zu keinem Zeitpunkt eine Last sein werde.” Ich traue meinen Ohren kaum. Das ist ein völlig anderer Mensch, der da jetzt mit ruhiger Stimme spricht. Dann fasse ich mich. „Gut, ich will nur sicher gehen, dass wir beide mit dieser Entscheidung leben können und ich glaube, du kannst mir sogar behilflich sein bei dem, was ich vorhabe. Das ist meine Bedingung. Was sagst du?“ Für einen Moment blickt er auf die Silhouette von Loreville. „Keinefalls mache ich bei der Ermordung deines Freundes mit.“

Ich lächle. Hatte ich bis eben noch befürchtet, dass dies lediglich die geschickt eingefädelte Flucht eines Hurston-Dynamics-Wachmannes sein könnte, war ich nun erleichtert. „Sei unbesorgt. Das war nie meine Absicht – und das wird deine erste Lektion werden. Echte Freunde lassen sich hier draußen gegenseitig nie im Stich, verstehst du? Unter keinen Umständen würde ich Hawk ausliefern. Aber hätte ich den Auftrag nicht angenommen, dann würde Eckart einen anderen finden, der den Job erledigt. Zeit gewinnen, verstehst du?“ Steve nickt. „Ich musste es ihm nur glaubhaft genug rüberbringen.”

Steve atmet tief aus, seine Anspannung lässt spürbar nach. „Also, lass uns wieder einsteigen und verschwinden. Alles Weitere wird sich finden”, sage ich. Steve zögert kurz. „Oh, eine Sache noch. Ich bin noch nie im Weltraum gewesen. Wie benutzt man eigentlich das Klo ohne Schwerkraft? Ich grinse und klopfte ihm auf die Schulter. „Gar nicht.” Dann klettern wir zurück in die Freelancer.

Der Autopilot bringt uns langsam aus der Atmosphäre in den Orbit, während ich nach hinten gehe, um nach Steve zu sehen, der an der offenen Ladeluke zusieht, wie die Millionenstadt Lorville immer kleiner wird. „Unfassbar“, erfährt es Steve schließlich. „So habe ich es mir immer erträumt. Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages einmal dieses Drecksloch verlassen würde. Ich frage mich, wie werden wohl die anderen Planeten aussehen, Junah.“ Zum ersten Mal nennt er mich bei meinem Vornamen. Ich blicke ihn an. „Du wirst Augen machen mein Freund, du wirst Augen machen.”

 

Maia

„…es ist eine lange Reise bis nach Microtech. Lass uns versuchen, wenigstens eine Mütze voll Schlaf zu bekommen.” Steve nickt und wir gehen gemeinsam in den hinteren Crewbereich der Freelancer Max. Die Matratzen des Schiffes sind zwar bequem, aber laden nicht gerade dazu ein, länger als sechs Stunden auf ihnen zu liegen. Ich schätze, das ist auf den industriellen Schiffen wohl auch genauso gewollt. Steve wird seine erste Nacht im Weltall ohnehin nicht so leicht wegstecken. An die künstliche Schwerkraft, die Trägheitsdämpfer und das Summen der Komponenten muss man sich schließlich auch erst einmal gewöhnen.

Der Alarm des Bordcomputers schrillt durch das ganze Schiff, als wir uns Microtech nähern. Ich erschrecke mich so sehr, dass ich mir den Kopf an der Leiter meines Bettes stoße. Als mein Blick wieder klar wird, sehe ich auf das leere Bett neben mir, das Steve ganz nach militärischer Art gemacht hat. Nicht ein Bettzipfel hängt irgendwo über. Mit einem Kaffee in der Hand betrete ich schließlich das Cockpit und sehe Steve auf dem Copilotensitz, wie er soeben die Geschichte von Microtech studiert.

„Moin Steve, ich dachte mir schon, dass du nicht schlafen kannst.” Er blickt mich an. Zu meiner Überraschung sieht er aus wie frisch aus dem Ei gepellt. „Guten Morgen Junah, ich habe wie immer meine exakten 300 Minuten geschlafen – wie jeden Tag. Mehr brauche ich nicht.” Ich frage mich, ob die Wächter von Loreville alle solche programmierten Maschinen sind oder ob ich an den einzigen „Cyborg“ der Galaxis geraten bin.

„Ich  sehe mir gerade die Aufzeichnungen über diesen Planeten an. Da ist wohl einiges schief gelaufen beim Terraforming, was? Wir hatten in der Ausbildung das Thema zwar einmal angeschnitten, aber ich habe das Meiste wieder vergessen, da es für meinen Job nicht weiter wichtig war.” Ich nicke und nehme einen weiteren Schluck Kaffee, während eine dritte Stimme an Bord ertönt. „Allerdings, das Terraforming hat diesen Planeten in ein Gefrierfach verwandelt.” Der Wächter zuckt zusammen, schaut sich voller Panik um und will schon zu seiner Waffe greifen, als ich ihn gerade noch beruhigen kann.

„Was zum…was ist das?” Sein Blick ist eine Mischung aus Ungläubigkeit und Entsetzen. „Bleib cool Steve, das ist nur Maia, die K.I. meines Schiffes.” M.A.I.A. schaltet sich wieder ein. „Wir hatten das Thema schon einmal, Captain. Ich mag es nicht wenn man mich als künstlich bezeichnet.” Steves Blick wechselt von erschrocken zu fassungslos. „Warum war sie still, als wir gestartet sind. Warum meldet sie sich erst jetzt?” Ich blicke Steve an und mache eine ausladende Handbewegung. „Nun…Maia ist sehr vorsichtig, wem sie sich offenbart. Da künstliche Intelligenzen in der UEE unerwünscht sind, ist es sozusagen ihr  Selbsterhaltungstrieb, der Sie erstmal schweigen lässt, wenn eine unbekannte Person das Schiff betritt. Sie flog uns aber die ganze Zeit im Quantumtravel bis nach Microtech. Ohne sie könnte ich niemals so viele Aufträge annehmen.”

„Ihr Name ist Maia? Wieso hat Sie nichts gesagt? Ich saß sicher eine Stunde hier allein im Cockpit”, fragt Steve weiter. „Nun, sie ist so programmiert, dass sie auf Sprache reagiert. Ich denke, du hättest einfach etwas sagen sollen…aber ich verstehe deine Verwirrung.” Ich setze mich auf den Pilotensitz und amüsiere mich über den Gesichtsausdruck des Wächters. „Maia, bring uns runter auf Microtech. Ich gebe dir dafür nun die Koordinaten.” Kurze Pause. Dann sagt sie: „Aye Captain, ich setze den Kurs.”

Die Freelancer macht eine sanfte Kurve nach Steuerbord und wir treten in Microtechs Atmosphäre ein. Die vorderen Schilde fangen an zu glühen und während das ganze Raumschiff ächzt und knarzt unter der Belastung des Übertritts vom Nichts in Luft, höre ich Steve schreien: „Was macht das verdammte Ding denn? Oh Gott, wir werden sterben!” Er klammert sich an seinen Sitz, als könnte dies sein Leben retten. Ich warte noch einige Minuten bis das flammenlodernde Schauspiel vor der Cockpitscheibe nachlässt und man wieder sein eigenes Wort versteht.  „Mein Fehler. Ich hatte ganz vergessen, dass Du ja noch nie im Weltall warst. Wir sind gleich da und steuern nun New Babbage an, die Hauptstadt des Planeten, um dort Informationen zu sammeln. Ich bin mir sicher, dass  Hawk hier noch einmal seine Vorräte auffrischt,  bevor er Stanton verlässt. Wir müssen ihn unbedingt erwischen, sonst wird es eine lange Schnitzeljagd bis Vega.“ Ich nehme noch einen Schluck Kaffee, dann fahre ich fort. „Bevor wir aber landen, machen wir noch einen Zwischenstopp. Da du noch nie was anderes gesehen hast als Hurston, will ich dir zeigen, wie schön es hier auch sein kann. Nicht alle Regionen Microtechs sind nämlich betroffen von dieser Eiseskälte. Wenn man weiß wo, erwischt man einen Fleck, wo das Terraforming durchaus funktioniert hat. Die Zeit haben wir sicher noch.”

Schweigend fliegen wir durch die dichte Wolkendecke. Als wir sie durchstoßen, offenbart sich uns in der Ferne ein schneefreies Tal. Ich übernehme die letzten Kilometer die Kontrolle von M.A.I.A. und bringe uns auf einem Hügel in der Mitte des Tals sicher hinunter. Wir steigen aus. Steve wundert sich über vierzehn Grad Außentemperatur. Die Sonne wärmt uns noch mehr, ein leichter Wind weht über die Ebene. Es ist, ohne Zweifel, ein friedlicher Ort. „Ich kann es kaum glauben. Es sieht einfach atemberaubend aus, Junah. Danke, dass du dir die Zeit nimmst, mir das zu zeigen. Frische Luft zu atmen, ist ein Privileg für die oberen Zehntausend in Loreville.”

„Dieser Ort hat bis jetzt noch jeden begeistert. Zu meinem Glück konnte ich die Koordinaten von einem Barkeeper auf ArcCorp für ein paar Credits kaufen.“ Der Wächter schaut mich an und holt tief Luft:  „Junah, da hinten auf den Bergen – ist das Schnee? Könnten wir noch einen kurzen Umweg machen? Seit ich ein Kind war, habe ich immer davon geträumt, einen Schneeball zu werfen.” Ich lächele. „Klar, die paar Minuten haben wir sicher noch. Maia, bereite das Schiff für den Start vor!” Es ertönt die sanfte Stimme der K.I. „…auch wenn ich nur eine K.I. bin, so würde ich es doch sehr begrüßen, ab und an mal ein Bitte zu hören, Captain.” Ich ringe mit meiner Fassung. „Maia, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um eine Diskussion dieser Art zu führen!” Steve hält sich den Bauch vor Lachen. Na bitte – und ich dachte schon, ich wäre an einen Roboter geraten. „Also diese Maia gefällt mir immer besser…”

Bis zum nächsten Gipfel ist es nur ein Katzensprung. Wir erreichen das Ziel im Handumdrehen, ich parke die Freelancer im Hover-Mode an einem Bergkamm. Als ich sehe, wie der Wächter das erste Mal in seinem Leben Schnee durch seine Hände rieseln lässt, kommt mir ein Gedanke: Haben wir uns schon so sehr an den Anblick dieser vermeintlich einfachen Dinge gewöhnt, dass wir den Blick für die Schönheit darin verloren haben? Braucht es wirklich eine eiskalte Tötungsmaschine aus Loreville, damit mir, damit uns das wieder bewusst wird? Ich blicke Steve an und räuspere mich. „…und was sagst du, mein Freund?”

Er formt aus dem Schnee einen Ball und wirft ihn, soweit er kann. „An diesen Tag werde ich mich noch lange erinnern“, sagt er dann. „Aber es sieht so aus, als würde da hinten ein Sturm aufkommen. Wir sollten lieber schnell zum Raumhafen, um deinen Freund noch zu erwischen.” Ich nicke. „Du hast Recht. Lass mich noch schnell ein paar Fotos machen und dann geht es los.” Man sollte nie unterschätzen, wie schnell ein Gewitter auf Microtech aufziehen kann. Durch die großen Temperaturunterschiede bewegen sich die Luftmassen manchmal schneller als einem lieb sein kann – und  mit diesem Gedanken im Kopf erfasst auch schon eine starke Windböe das Schiff, sodass wir nicht mehr an Bord können – die Einstiegsluke liegt für uns plötzlich zu hoch.

„Maia, halte doch einfach das Schiff ruhig!” Doch offenbar schmollt meine K.I. nun plötzlich: „Och, immer bin ich Schuld. Ein Bitte habe ich heute auch nicht von dir gehört! Ich schalte mich offline!” Ich blicke einen Moment sprachlos auf mein Mobiglas. Dann schreie ich es an. „Maia! Das ist jetzt nicht dein Ernst?” Steve kugelt sich vor Lachen. Schließlich wende ich mich ihm zu. „Ich glaube, du verstehst den Ernst der Lage nicht. Bis wieviel Grad unter Null hält deine Rüstung?” Stolz schwingt in seiner Stimme mit, als er antwortet. „Minus sechzig Grad.“ Ich schüttele den Kopf. „Na dann bräuchtest du davon zwei, um diesen Sturm zu überstehen. Ich lege lieber auch meine Rüstung an – um wenigstens ein paar Stunden überleben zu können.” Daraufhin vergeht Steve das Lachen genauso so schnell wie es gekommen ist. „Ja aber…also sag mir jetzt nicht, dass sich dein komischer Computer wirklich abgeschaltet hat und wir nicht mehr zurück ins Schiff kommen?” Ich klicke meinen Helm fest. „Doch, genau das. Verdammte Scheiße!“

Innerhalb von Minuten fällt die Temperatur schließlich auf minus fünfzig Grad. Ich versuche, mich bei M.A.I.A. zu entschuldigen, aber sie bleibt stumm. Vielleicht hätte ich sie in letzter Zeit nicht immer wieder so herablassend behandeln sollen – auch wenn sie nur aus Schaltkreisen besteht. Unsere einzige Hoffnung ist jetzt ein Kommunikationssatellit, der in einigen Stunden über uns stehen wird, um dann um Hilfe zu rufen. „Junah, ich sage es ja nur ungern, aber du hättest deine K.I. nicht verärgern sollen.” Ich atme schwer. „Danke Mann, das weiß ich.” Ich überlege fieberhaft, wen ich auf Microtech um Hilfe bitten könnte. Schließlich fällt mir jemand ein, der mir noch einen Gefallen schuldet – groß genug, um uns aus diesem Schlamassel zu holen: Eddie Parr. Und es wird höchste Zeit. Es wird jetzt immer ungemütlicher, der Wächter kriegt auch schon das Zittern.

Endlich ist der Satellit in Reichweite. Ich brülle gegen den Sturm in mein Mobiglas. „Eddie…Eddie Parr! Kannst du mich hören?”. Der Wind peitscht mittlerweile Eisbrocken gegen die Visiere unserer Helme. „Junah, bist du das? Schön, von dir zu hören! Ich kann dich kaum verstehen, die Verbindung bricht ständig ab. Meine Güte, wo bist du denn?” Die Interferenzen verzerren Eddie´s Bild und Ton. „Eddie, kannst du uns helfen? Wir stecken hier in einem Sturm fest. Ich schicke dir jetzt die Koordinaten! Beeil dich bitte, wir haben nicht mehr viel Zeit!” Meine Hand zittert unaufhörlich, als ich den Standort durchgebe. Es sind jetzt um die minus achtzig Grad. Steve wirkt sichtlich nervös, dann fragt er: „Ist auf diesen Eddie auch Verlass?” Ich versuche mit den Schultern zu zucken, aber es fällt mir schwer. „Keine Ahnung. Ich habe ihn schon seit paar Jahren nicht mehr gesehen. Ich sag mal so, er schuldet mir noch einen großen Gefallen. Das wäre jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.”

Die Anzeige auf meinem Anzug zeigt an, dass mir noch zwanzig Minuten bleiben, bis ich erfriere. Was für eine beschissene Info. Niemand sollte wissen, wie lange er noch zu leben hat. Steve klopft mir kräftig auf die Schulter, mein ganzer Körper schmerzt vor Kälte. Dann sagt er plötzlich: „Hey, ich sehe da hinten Lichter. Es ist auf jeden Fall ein Raumschiff. Steh’ auf, Junah!” Ich raffe mich auf, um im nächsten Moment festzustellen, dass in der Ferne tatsächlich das wunderbare tiefe Dröhnen von Triebwerken zu hören ist, die gegen den Sturm ankämpfend immer näher kommen. Die grellen Suchscheinwerfer wirken auf mich wie ein warmer Sonnenaufgang. „Ja, das ist Eddie! Ich dachte schon, wir werden hier tiefgefroren.” Ich werde gerufen. „Eddie, bitte sag mir, dass du das bist!” Die Antwort kommt prompt. „Hey, hat hier jemand ein Taxi bestellt? Na klar, bin ich das. Was macht ihr denn da unten?“ Als er nah genug ist, öffnet Eddie die hintere Luke. „Steigt schnell ein. Es wird immer kälter. Ich hab die Heizung schon voll aufgedreht. Over und Out.”

Eddie´s Schiff macht eine beherzte Kurve, die Rampe ist bereits geöffnet. Wir machen einen Sprung und sind in Sicherheit. Die Türen schließen sich, als ein gut aussehender Typ in Microtech-Klamotten den Frachtraum betritt. „Na, das war aber Rettung in letzter Minute. Schön dich zu sehen, Junah. Was macht ihr zwei Pechvögel denn hier mitten in einem Blizzard? Herrje, ist das etwa ein Hurston-Dynamics-Wachmann? Und ist das da deine Max, die da vor uns gerade im Sturm davon treibt?”

„Bin ich froh dich zu sehen! Das hier ist Steve. Er ist in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Fast wären wir drauf gegangen in der Kälte. Und ja, das ist unser Schiff.” Ich zittere am ganzen Körper und  kriege die Worte gerade noch so über die Lippen. „Hätte euch Maia nicht retten können? Nein, lass mich raten – sie zickt wieder herum?” Ich nehme meinen Helm ab und greife zu dem heißen Kaffee, den Eddie mir reicht. „Sie hat ihren eigenen Kopf entwickelt und das geht manchmal eben auch nach hinten los. Kannst du mich zum meinem Schiff bringen? Das hätte jetzt die höchste Priorität. Ach, und hast du eigentlich noch die Penthousewohnung über den Dächern von New Babbage mit Blick zum Raumhafen hinüber?“ Parr nickt. „Klar, die gebe ich doch nicht her.” Ich nicke. „Fein, dann lass uns dort treffen und wir bereden alles Weitere in Ruhe. Danke dir noch einmal für die Hilfe, Eddie. Komm, Steve, lass’ uns zurück in die Ragnarok. Ach ja, so heißt mein Schiff, falls du dich das gerade fragst.”

Mit sicheren Manövern fliegt uns Eddie zur Rampe der Ragnarok. Ohne Mühe schaffen wir es an Bord, wo ich direkt ins Cockpit gehe, um M.A.I.A. zu falten. „Willkommen zurück Commander”, sagt sie mit ruhiger Stimme. „Was fällt dir eigentlich ein? Wir wären da draußen fast drauf gegangen durch deinen Egotrip!” M.A.I.A. lässt sich durch mich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. „Entspannen Sie sich Captain! Ich hatte ihre Lebensanzeige ständig im Blick. Es bestand eine 92,3prozentige Wahrscheinlichkeit, dass Sie Eddie Parr um Hilfe bitten würden. Ohne diese Extremsituation hätten Sie das wahrscheinlich nicht getan. Aber wir sind schließlich auf jede Hilfe angewiesen, um Hawk zu finden, nicht wahr? Ich mache hier nur meinen Job. Das möchte ich nur mal erwähnen.” Ich kann kaum an mich halten vor Wut, da klopft mir Steve auf die Schulter. „Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie cool ich deine Maia finde?” Mir fehlen die Worte – diese K.I. macht echt, was sie will. Ich verstehe jetzt sogar, warum die UEE keine mehr verwendet. Anscheinend ist künstliche Intelligenz nicht in jeder Lage eine große Hilfe – gerade, wenn es um Entscheidungen über Leben und Tod geht. Das Militär und Hurston Dynamics  haben deshalb nur Verwendung für gehorsame Lämmer, die keine Fragen stellen, denke ich mir insgeheim.

Neue Freunde

Der Anblick von New Babbage lässt uns beide kurz erstarren. Obwohl ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr hier war, kann ich mich noch sehr genau daran erinnern, wo Eddies Wohnung ist. Die besten Parties meines Lebens habe ich in dieser Stadt gemeinsam mit Eddie erlebt. „Können wir diesem Eddie trauen? Der Typ wirkt auf mich wie einer von den reichen Kids in Loreville mit ihren Mobiglas-X und Aparelli-Klamotten, die sich jedes Wochenende in den VIP Bars mit Jean-Luc besaufen.” Ich brauche einen Moment, dann antworte ich: „Ich weiß, es sieht so aus, nicht wahr? Es ist die perfekte Tarnung, die er sich über Jahre erarbeitet hat. Wir können ihm trauen. Er muss noch eine alte Rechnung begleichen und glaube mir, mit dieser kleinen Rettungsaktion sind wir noch lange nicht quitt.” Kaum ausgesprochen, geht auch schon die Tür der Terrasse auf und Eddie begrüßt uns mit drei kühlen Flaschen Schmolz.

„Ich frage am besten gar nicht, wie euch das Schicksal zu mir geführt hat. Du wirst schon deine Gründe haben. Hier Jungs, trinken wir erst einmal auf ein glückliches Wiedersehen. Schmolz!” Die Flaschenhälse klirren zusammen und es beginnt ein feuchtfröhlicher Abend wie in alten Zeiten. Nur kurz erwähne ich die Geschichte mit Hawk. Eddie willigt ein, mir erneut zu helfen. Zu meinem Erstaunen verträgt Steve  einiges und kann gut mithalten. Schließlich wird die Nacht immer verrückter, werden die Bars immer teurer, die Drogen abgefahrener, die Mädels wilder. Mein Gott, dieser Parr hat sich nicht eine Spur verändert. Doch was soll’s – gönnen wir uns diesen Lifestyle halt mal für eine Nacht. Für Steve ist es jedenfalls ein Fest, wie er noch nie zuvor eines gefeiert hat. Hin und wieder spendiert uns Eddie ein paar Minuten, wenn er nicht gerade anderweitig Smalltalk macht. „Hey Junah, Steve, ich möchte euch einen sehr guten Freund von mir vorstellen. Das ist Mr. Wally. Er und ich planen gerade, eine richtig coole Bar hier auf New Babbage. Das wird der Knaller! Schaut doch mal rein. Die Leute hier werden uns die Bude einrennen…”

Der nächste Morgen tut weh – ich wache mit den Kopfschmerzen des Jahrhunderts auf. Auf dem Weg zur Max fällt Steve in den Schnee und will offenbar aufgeben. „Junah, Herrgott, warum müssen wir so zeitig aufbrechen? Ach, ich bleibe einfach hier liegen”, stöhnt er. Ich gebe den strengen Vorsitzenden. „Auf, Soldat. Wer saufen kann, kann auch seinen Dienst verrichten”, befehle ich in gespieltem Ernst. Das erste Mal sehe ich den Wachmann von Loreville nicht standhaft und unbesiegbar. Wir beide kämpfen daher tapfer weiter gegen die Schwerkraft des Planeten an. Um seinen und meinen Kater zu besiegen, verabreiche ich uns schließlich jeweils zwei Clitar, die ein gewisser Doc Hyperion verschrieben hat. Diese Pillen wirken Wunder in jeder Lebenslage und vor allem nach durchzechten Nächten. Auf der Verpackung steht, dass sie eigentlich nur unter ärztlicher Aufsicht zu verabreichen seien. „Hoffentlich helfen die Tabletten, sonst werde ich wohl das erste Mal die Bordtoilette benutzen müssen.”

Eddie und Mr. Wally kommen kurz vor unserem Abflug zum Startplatz, um uns zu verabschieden. Die letzte Nacht hat ein wenig an der harten Schale von Steve gekratzt und es kam offenbar eine recht amüsante und witzige Persönlichkeit zum Vorschein, die bei den zwei Partytieren wohl gut ankam. „Also ich muss schon sagen, ihr zwei müsst unbedingt wieder vorbei schauen, spätestens wenn Eddie und ich die neue Bar hier auf New Babbage eröffnen. Vor allem dieser Teufelskerl hier.” Eddie klopft Steve so hart auf die Schulter, dass er fast das Gleichgewicht verliert. „Steve, wenn ich dir bei uns einen Job anbieten kann, dann lass es mich wissen. Junah, pass gut auf ihn auf, ja?” Dann nimmt mich Eddie ein paar Schritte zur Seite und übergibt mir einen Datenstick mit folgenden Worten: „Ich habe hier noch schnell meine Kontakte im Raumhafen spielen lassen. Unser gemeinsamer Freund hat sich tatsächlich schon vor mehreren Tagen in New Babbage angemeldet. Seine Ankunft ist heute in vier Tagen. Er reist unter dem Decknamen Mylo Morgenstern. Hat ihm aber nicht viel geholfen. Ich schätze, unser Hawk wird nachlässig auf seine alten Tage. Er hat sogar vergessen, seine Schiffs-ID zu fälschen. Das heißt aber auch, wenn ich ihn so einfach in den Stationslogs finden konnte, dann können es andere auch. Also sei bitte vorsichtig.”

„Mach ich, danke dir Eddie. Steht in den Logs auch, von wo er anreisen wird?”, frage ich zurück. „Soweit ich das hier sehen kann, kommt er aus ArcCorp. Vermutlich deine beste Chance, wenn du ihn wirklich finden willst.” Ich nicke. „Und noch etwas. Er reist nicht allein. Seine Reservierung bezieht sich auf zwei Personen.” Mit diesen Worten im Kopf lassen wir Microtech hinter uns. Die Entfernung zu ArcCorp beträgt knapp 60 Millionen Kilometer. Nach den vergangenen ereignisreichen Tagen mit Steve will ich ihn nicht gleich in das nächste Abenteuer stürzen. Wir sitzen gemeinsam im Cockpit der Max. „Hey Steve, sag mal, was hältst du davon, für ein paar Tage mal in einem richtigen Bett auf einem Mond zu schlafen? Mein Onkel Ben hat eine kleine Hydrofarm auf Daymar und da gerade keine Saison ist, hat er jede Menge Platz frei in den Mitarbeiterunterkünften. Auf dem Weg dahin legen wir noch einen Stopp auf Port Olisar ein, um neue Ausrüstung zu kaufen. Vielleicht finden wir für dich auch mal eine andere Rüstung. Was sagst du?”

„Ich könnte ein richtiges Bett vertragen – aber wenn du glaubst, ich kaufe mir eine Jahrmarktsrüstung, wie ihr sie tragt, dann hast du dich geschnitten, mein Freund.” Ich wende mich meiner K.I. zu. „Maia, setze bitte einen Kurs nach Port Olisar. Initiiere Sprung!” So schnell wie sonst nie antwortet sie: „Aye aye, Captain – und danke für die Bitte.” Ich lasse den letzten Satz von M.A.I.A. unkommentiert, da ich viel zu erschöpft bin, um mich jetzt mit meiner K.I. zu streiten. Als ich die Crewkabine betrete, schnarcht der Wächter bereits wie ein Holzfäller bei der Arbeit. Ich schätze, auch die härtesten Soldaten stecken eine Nacht in New Babbage nicht so leicht weg. Der Gedanke ist so beruhigend, dass auch ich ohne Mühe bald daraufhin einschlafe.

Diesmal werde ich nicht vom Schiffsalarm geweckt, sondern von den Landekufen der Ragnarok, als sie auf dem Landingpad aufsetzen. Ich laufe vor ins Cockpit und sehe, wie der Wächter auf dem Pilotensitz konzentriert die Umgebung nach Hindernissen absucht. Zu meinem Erstaunen nehme ich eine heitere Konversation mit M.A.I.A. wahr. „Danke für die saubere Landung, Maia.” „Aber sehr gerne, lieber Steve.” Ich stutze. „Was geht hier vor? Wie hast du die Landung mit Maia ganz allein hinbekommen?” Steve dreht sich zu mir. „Während du wie ein Baby geschlafen hast, haben wir uns ein wenig unterhalten. Ich muss schon sagen – sie ist eine herausragende Persönlichkeit. Mit ihrer Hilfe war es ein Kinderspiel, den Landevektor zu berechnen. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich deinen Platz ohne zu fragen einfach so übernommen habe.”

Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Nun ja…dass wir sicher gelandet sind, ist schon mal durchaus positiv. Das nächste Mal möchte ich dich aber bitten, keine Alleingänge zu unternehmen. Nicht jede Station ist so gut ausgerüstet wie Port Olisar mit seinem Instrumentenlandesystem. Das hätte auch anders ausgehen können. Nicht vergessen Steve: Mein Schiff, meine Regeln. Und es kann immer nur einen Captain geben, sonst funktioniert das Ganze nicht.” Ich warte auf seine Reaktion. „Aye aye Captain”, antwortet Steve mit militärischem Unterton schließlich. Ich weiß nicht, ob er das ganz ernst meint.

Wir betreten die Raumstation durch eine der Luftschleusen. Es sind viele Menschen unterwegs – viele kommen, um sich auszurüsten für Mining- und Bountymissionen. Die lukrativen Handelswege locken in diesem Teil des Stanton-Systems immer wieder Piratenabschaum an, der sich in der Nähe auf der alten Bergbaustation Grimhex tummelt. Gleichzeitig ist deshalb aber auch immer äußerste Vorsicht geboten. Wir sind jedoch nur aus einem Grund hier. Ich möchte Steve für eine andere Rüstung begeistern, da es auf Dauer doch etwas auffällig ist, in einer Hurston-Dynamics-Rüstung durch die Gegend zu stolzieren. „Hier in diesem Shop bekommst du die besten Rüstungen, die es rund um Crusader zu kaufen gibt. Ich selber rüste mich hier auch immer mit Rüstungen aus und sie haben auch faire Preise. Was denkst du?”

Steve mustert die ausgestellte Ware mit kritischem Blick. Ich habe das Gefühl, er weiß ganz genau, auf welche Details er achten muss. Er klopft hier und da auf die Verbindungen der Panzerplatten, schaut auf die Polsterung der Gelenke und prüft das Gewicht in der ausgestreckten Hand. „Und?”, frage ich. Seine Antwort ist deutlich: „Junah, ganz ehrlich? Das ist alles Schrott.” Ich schaue ihn mit großen Augen an. „Die Rüstungen sind bestenfalls B-Ware und kein Vergleich zu dem, was ich trage. Jetzt wird mir auch klar, warum ihr alle die Rüstung so oft wechselt. Weil sie unbequem sind und ihr müsst sie auch ständig neuen Gegebenheiten anpassen. Das kommt für mich nicht in Frage. Gibt es hier eigentlich auch einen Waffenladen?”

„Ja, den gibt es gleich hier gegenüber”, antworte ich. Wir laufen hinüber, werfen dabei kurz einen Blick aus dem Panoramafenster auf den Gasriesen Crusader. „Gut, dann hoffe ich, auf dem zivilen Markt wenigstens  eine vernünftige Pistole zu finden, da ich bei unserer Flucht aus Loreville meine im Spind liegen ließ.” Schließlich kann sich Steve für eine S38 begeistern, die seiner Meinung nach die beste Projektilhandfeuerwaffe ist, die ausgestellt ist. An der Kasse kaufen wir noch ein paar Medpens und ein paar OxyPens, als er mich fragend anschaut: „Sag mal, ich kann mir das alles eigentlich gar nicht leisten, da ich hier keinen Zugang auf meine Finanzen von Hurston Dynamics habe. Wir müssen uns dafür eine Lösung überlegen…ich kann dir ja nicht die ganze Zeit über auf der Tasche liegen.” Ich bezahle, dann erwidere ich: „Alles zu seiner Zeit, mein Freund. Fürs Erste mach dir mal über so etwas keine Gedanken und außerdem winkt uns ja noch die satte Belohnung von Miles, schon vergessen?” Mit der Aussage kann ich ihn beruhigen und wir gehen zurück zur Ragnarok.

Voll ausgerüstet verlassen wir Port Olisar und setzen einen Kurs auf Daymar. Die fröhliche Stimme meines Onkels Ben ertönt über die Bordlautsprecher, als wir im Anflug sind. Gleich nach der Landung werden wir von Ihm und Tante May empfangen. Ich erkläre beim gemeinsamen Abendessen die Lage. Beide willigen ein, Steve ein Quartier zu überlassen, bis die Saison auf der Hydrofarm wieder beginnt, solange er bei kleinen Reparaturarbeiten auf der Farm mit anpackt. „Dein Onkel und deine Tante scheinen ganz nette Menschen zu sein. Sie erinnern mich ein wenig an meine Eltern, als sie noch lebten. Mach dir keine Sorgen. Ich werde helfen und anpacken, wo ich nur kann. Das ist das Mindeste was ich zurückgeben kann.” Seine Stimme klingt seltsam ernst.

„Ihr werdet gut miteinander auskommen, da habe ich keine Bedenken. Schau mal das große Display an der Wand. Damit erreichst du mich immer – egal, wo ich mich gerade im System befinde. Onkel Ben hat heimlich eines der stärksten Kommunikationrelays verbaut, die es gibt. Die Komponenten hat er wohl von einer Javelin besorgt, die mal irgendwo in der Nähe abgestürzt ist.” Es folgt eine kurze Einweisung durch meine Verwandten, wie sich Steve auf ihrer Farm verhalten soll, dann verabschiede ich mich vorerst von dem Wächter. „Ich werde in drei Tagen wieder hier sein, hoffentlich mit Hawk in Begleitung.” Steve blickt mich an. „Soll ich dich nicht vielleicht doch begleiten?” Ich schüttele den Kopf. „Lieber nicht, die auf ArcCorp verstehen leider keinen Spaß, wenn es um Deserteure geht. Sie würden dich umgehend melden. Du kannst dich hier auf der Farm ein paar Tage entspannen. Ich werde dich und deine Fähigkeiten noch früh genug brauchen, Soldat.” Als ich die Luftschleuse der Max betrete sieht mir Steve nach. „Du Junah, ich hab mich bis jetzt noch nicht bedankt für all das.” Ich winke zurück. „Und das musst du auch nie!” Dann bin ich auf und davon.

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Ein Zwischenruf reißt mich aus meiner Rede. „Du selbstgefälliges Arschloch! Wenn du auch nur eine Sekunde nachgedacht hättest, wären wir jetzt alle nicht hier auf dieser Trauerfeier und müssten von Steve Abschied nehmen!” Die laute Stimme einer Anwesenden riss mich aus meiner Erzählung zurück auf das Podium der 890 Jump. Angehörige beruhigen die schluchzende Frau, als sie sich langsam wieder setzt. Eine Bekannte von Steve auf Hurston. Das unangenehme Gefühl von Schuld brennt wie Feuer unter meiner Haut. Ich kann sie nicht trösten, ihr die Trauer nicht nehmen. Sonst wäre alles umsonst gewesen…

 

Der Aufbruch

„…ATC ArcCorp Area18 an ziviles Raumschiff Freelancer Klasse … begeben Sie sich zu Flugvektor 1481 für die Landung! Bitte bleiben Sie in dem zugeteilten Areal. Der Flugraum ist stark beansprucht an diesem Morgen. Vielen Dank und herzlich willkommen bei Area18. ATC Ende…“

„Verstanden, ATC, Anflug durch 1481. Ende.”

Gleichzeitig mit meinen letzten Worten dringen die ersten Sonnenstrahlen durch die dicke Atmosphäre von ArcCorp. Dieser Planet ist wirklich ein Beispiel dafür, was die Menschen mit neuen  Welten anstellen. Es ist praktisch nichts mehr übrig von dem, was mal der dritte Planet von Stanton gewesen ist. Aber nicht alles ist schlecht auf ArcCorp. Wenn man zum Beispiel nach der besten Technik sucht, die man für Credits kaufen kann, kann man hier auf jeden Fall fündig werden. Das ist sicher mit ein Grund dafür, warum Hawk hier sein Schiff noch einmal überholen lässt, bevor er sich in das Vega-System wagen will. Schließlich will man, dass Schilde und Sprungantrieb funktionieren, wenn man auf eine Patrouille der Vanduul trifft – und das ist nach dem Überfall auf Vega keine Seltenheit mehr.

„Maia, setze einen Kurs zum Landen über Vektor 1481. Bring uns sanft und vorsichtig hinunter, wir wollen keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Diese Technokratenspinner haben eine massive Ablehnung gegenüber künstlichen Intelligenzen. Wir müssen vorsichtig sein.” Während ich mit meiner KI spreche, schweift mein Blick über das Häusermeer des Stadtplaneten.

„Verstanden, bleibe unter dem Radar. Wobei das natürlich mit den heutigen Radarsystemen nicht mehr möglich und deshalb nur als Redewendung zu sehen ist.” M.A.I.A. antwortet mit leicht aufgeregter Stimme, wie mir scheint.

„Ich hab den Witz schon verstanden, Maia. Im Grunde machst du ihn aber kaputt, wenn du eine Erklärung mitlieferst.” Ich korrigiere den Bordcomputer beiläufig.

„Ah, ich verstehe Captain. Ein gelungener Witz setzt voraus, dass das Gegenüber den gleichen Wissensstand hat. Gespeichert. Darf ich Sie erinnern, dass es vielleicht die letzte Möglichkeit ist, Ihre Stimme abzugeben für die bevorstehende Imperator-Wahl? Ihre Stimme ist wichtig, wenn man bedenkt, dass nur einmal pro Dekade ein politisches  Oberhaupt gewählt wird.”

„Du klingst wie eine dieser Werbetafeln am Spaceport.”

„Captain, da ich selber keine Stimme für die Wahl habe, möchte ich Sie für Laylani Addison begeistern. Mit Ihr als Imperatorin müsste ich mich nicht mehr verstecken im UEE-kontrolliertem Gebiet. Ich könnte endlich frei sein. Ich könnte mich mit jedem offen über all die wunderbaren Themen im Universum unterhalten, anstatt immer nur mit ihnen. Jetzt klinge ich wie eine Werbetafel, Sir.”

Den vorletzten Satz lasse ich unkommentiert, da die „Ragnarok“ die letzten Meter durch den Landetunnel der Flugsicherung passiert hat. Die Landung sollte ich lieber manuell durchführen, sonst fällt der ATC ein zu perfektes Flugverhalten noch auf. Die Landekufen meiner Freelancer berühren den Hangarboden. Ich spüre, wie die Federung einrastet und sich die Systeme nach und nach abschalten, als ich mich bis auf Weiteres ein letztes Mal an M.A.I.A. wende: „Schalte dich bitte in den Standby-Modus und warte auf meine Anweisungen! Ich aktiviere dich wieder, sobald wir ArcCorp wieder verlassen, okay?”

„Wie lange wird das sein? Ich frage für einen Freund.”

Darf unter keinen Umständen vergessen, den Humorlevel von M.A.I.A. anzupassen, sobald ich wieder von diesem Haufen Metall, Blech und Glas runter bin.

„Nicht länger als vierundzwanzig Stunden. Hör zu, ich weiß, du magst es nicht, abgeschaltet zu werden, aber es ist zu deinem Schutz. Hier auf ArcCorp ist es am gefährlichsten für dich. Wir haben das doch schon besprochen. Ich vertraue dir und du vertraust mir. So holen wir das Maximale aus uns heraus, richtig?”

“Aye, Commander, wir sind und werden immer ein effizientes Team sein! Schalte mich in den Standby-Modus, Maia aus.”

Ein kurzes elektronisches Klicken ist zu hören, dann herrscht Stille im Cockpit. Abgeschirmt von der Außenwelt dringen nur noch die dumpfen Geräusche der arbeitenden Landingbay-Jungs in das Innere. Es ist schon komisch – so ganz ohne die K.I. fühle ich mich…einsam? Kann es sein, dass ich mich schon so sehr an sie gewöhnt habe? Schließlich bin ich eigentlich immer und überall über das Mobiglas oder die Comms mit dem Schiff verbunden.

Diese Fragen gehen mir durch den Kopf, als ich in der Bahn sitze und die Wolkenkratzer ArcCorps aufgereiht wie riesige Bäume in einem dichten Wald vorbeiziehen. Plötzlich – kurz vor der Endstation – stechen drei Wörter aus dem Reklamemeer hervor: „Off the Record“. Erinnere mich dunkel an ein Treffen mit einem gewissen John Brubacker und Hawk auf Port Tressler. Vielleicht eine gute Adresse um mit der Suche zu starten.

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„Das macht dann 5000 UEC für die Nacht, Sir.“ Legt mir ein verpickelter Auszubildender die Rechnung vor die Nase. ″Zum Zahlen im Voraus natürlich.″

„Natürlich, was sonst. Dass ich schon mehr als fünfzig mal hier abgestiegen bin, zählt wohl nicht als Vertrauensbeweis genug?“ Versuche ich ihn einzuschüchtern.

„Es tut mir leid Sir. Ich kann keine Einträge finden unter Junah Radegast“.

Kann er auch nicht finden. Bin das erste Mal hier in diesem Hotel! Die Preise werden immer unverschämter nahe des Spaceports.

Der Plaza ArcCorps ist so geschäftig und laut wie immer. Man versteht kaum sein eigenes Wort – so laut brüllen einen die Werbetafeln an. Ohne Unterlass erzählen sie einem, was man gerade braucht, was gerade hip ist, was man auf keinen Fall verpassen sollte. Zumindest sind die Torpedo-Burritos recht lecker. Ich nehme zwei Kaffee to go. Dann fühle ich mich bereit, um Brubacker einen Besuch abzustatten.

An der Tür zu Brubackers Redaktionsbüro steht „Off the Record“ –  Stories, die sonst niemand erzählt“. Ich betrete vielleicht ein wenig zu schwungvoll das Büro. Brubacker fliegt vor Schreck fast  vom Stuhl.

„Was zum…?!“ 

Er kneift die Augen zusammen.

Nachdem er sich aufgerappelt und gefangen hat, sagt er: „Sie sind Junah Radegast, richtig? Hawk hatte Sie bereits angekündigt…“ Er öffnet das Fenster, lässt frische Luft herein.

„…in der Tat. Er hat gesagt, ich solle Sie aufsuchen, falls Sie Interesse an einer tollen Geschichte hätten. Und die habe ich. Das Problem ist nur: Hawk ist derzeit nirgends aufzufinden. Es geht mittlerweile aber um Leben und Tod.”

Brubacker denkt kurz nach.

„Lassen Sie mich raten – Hawk und seine Spielschulden?”

„Yep.”

„Ich habe immer geahnt, dass es früher oder später mal knallt. Hier, ich hab sogar etwas Besseres als nur einen Hinweis – eine Hangarnummer und eine Zugangskarte, die er dagelassen hat, falls ich meine Meinung ändere und ihn doch nach Vega begleiten möchte.  Momentan spannt mich aber meine Arbeit hier im Stanton-System zu sehr ein. Aber wenn wir schon dabei sind: Können Sie mir nicht kurz erzählen, worum es überhaupt geht?”

Brubacker erhält von mir eine Kurzfassung über die Geschehnisse der vergangenen Tage, wenn auch mit großen Lücken. Dann sagt er: „Das ist eine richtig schöne Geschichte. Die müssen Sie mir in allen Details erzählen, sobald alles über die Bühne ist.“

„Für die Hangarkarte bekommen Sie von mir alles exklusiv und aus erster Hand.”

Dann verlassen wir das Büro und verabschieden uns auf der Brücke vor Astro Armada. Zufrieden und 5000 Credits ärmer besteige ich die Tram zum Raumhafen. Hoffentlich erreiche ich den Hangar noch rechtzeitig.

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Die Karte geht mit Leichtigkeit durch den Scanner zu Hangar zwölf. Die Tür des Fahrstuhls öffnet sich und sofort dringt der betriebsame Klang in die Kabine. Als ich um die Ecke gehe, traue ich meinen Augen kaum. Ich erblicke eine nagelneue Crusader Industries Starrunner. Hawk lässt es sich offenbar gutgehen – aber ich würde die lange Reise nach Vega wohl auch lieber mit einem schicken Cruiser antreten als mit einer Conny. Ich bin gespannt auf sein Gesicht.

Die hintere Frachtluke steht seltsamerweise völlig unbewacht offen. Es ist für jeden ein leichtes Spiel, in das Schiff zu gelangen. So schlampig kenne ich meinen alten Mitstreiter sonst nicht. Ich ziehe meine S38, als ich den Frachtraum betrete und schleiche mich Richtung Maschinenraum, aus dem ein kräftiger Funkenflug zu vernehmen ist. Mit dem Rücken zum Eingang kniet Hawk und schweißt etwas an der Treibstoffleitung. Wenn ich es auf seinen Kopf abgesehen hätte, wäre es ein Leichtes für mich. Als ich nur noch einen Meter von ihm entfernt bin, lasse ich meine Tarnung fallen.

„Du wirst alt und unaufmerksam mein Freund!”

Hawk stellt seine Arbeit ein, lässt sein Werkzeug fallen und hebt beide Arme in die Luft. Er blickt leicht über seine linke Schulter und beginnt zu lachen.

„Wenn du mich unaufmerksam nennst, was soll ich dann von dir sagen, Junah?”

Im selben Augenblick spüre ich den kalten Lauf einer Coda auf meiner Schläfe mit dem vertrauten Rattern des spannenden Hahnes.

„Fallen lassen oder du bist Geschichte! “, zischt es von der Seite.

Verdammt. Sofort fallen mir Eddie Parr´s letzte Worte ein, dass Hawk nicht allein unterwegs ist. Die Entschlossenheit in der fremden Stimme macht mir mehr Angst als die Waffe selbst.

„Okay, entspannen wir uns alle ein wenig und legen erstmal die Schießeisen beiseite.”

„Jack, wer ist dieser arrogante Fatzke? Soll ich ihn abknallen?″, höre ich wieder Ihre Stimme.

Hawk fängt laut an zu lachen. Offenbar gefällt ihm die Komik der Situation.

„Lass gut sein. J.R. war nur ein wenig überheblich und dachte offenbar, er erwischt mich mit heruntergelassenen Hosen. Junah, darf ich dir die Schatzjägerin Jiara Dune vorstellen? Sie begleitet mich nach Vega und wird mir den Rücken frei halten. Das klappt doch schon ganz gut oder findest du nicht?”

„Im Ernst, Hawk? Seit wann arbeitest du mit anderen zusammen und dann auch noch mit einer Schatzjägerin? Du weißt, dass sie dich für jedes Artefakt links liegen lassen wird, oder?” Ich zeige in  ihre Richtung.

„Meine Coda ist immer noch geladen.”

„Alles gut Jiara. Ich darf dir Junah Radegast vorstellen. Ein Waffenbruder und Freund von mir aus alten Zeiten als wir noch die Uniform der UEE trugen.”

„Ich würde ja gerne noch weitere Nettigkeiten austauschen – aber es gibt leider Probleme, Hawk. Glaub mir, die willst du aus der Welt schaffen bevor du aufbrichst.”

Wir setzen uns in den Frachtraum der Starrunner. Dann erzähle ich Hawk die ganze Geschichte von Miles und Dimitri. Jiara versucht, die Fakten mit einigen kleinen Fragen für sich zu ordnen.

Dann ergreift Hawk das Wort: „Dieses miese Schwein!” Er wirft sein Bier an die Wand seines neuen Schiffes.

„Diesmal ist Dimitri zu weit gegangen. Wenn er, wie du sagst, auch mit dem Verschwinden meiner Eltern zu tun hat, dann lege ich ihn um! Danke dir, Junah, dass du bei Miles so schnell geschaltet hast. Ich stehe in deiner Schuld.”

„Lass gut sein. Du weißt, wir haben uns damals in der Einheit geschworen, dass wir immer auf einander aufpassen werden.”

Jiara steht auf und hebt die Arme: „Ich möchte ja euren Bromance-Moment nicht kaputt machen aber wieso schnappen wir uns diesen Dimitri nicht einfach und dann können wir unsere Reise fortführen wie geplant?”

Hawk kratzt sich am Kinn und blickt hinüber zur Schatzjägerin: „Das ist leichter gesagt als getan. Der Bunker von diesem Drecksack wird schwer bewacht. Wenn wir Glück haben sind es nur sechs bis acht Wachen. Dicke Rüstungen. Große Waffen. Da haben wir, so wie wir hier stehen, keine Chance.”

„… hey du Held, was ist mit deinem neuen Freund Steve?“ Jiara wendet sich an mich. „Mit ihm dürften wir doch wohl bessere Karten haben…”

„Das mag sein. Aber er ist kein Söldner und auch nicht mein Schoßhund. Ich kann nicht für ihn sprechen. Da müssen wir ihn wohl selber fragen. Er ist auf Daymar und ruht sich auf der Farm meines Onkels aus.”

„Also schön. Dann lasst uns nach Daymar aufbrechen. Aber wir nehmen die Ragnarok. Nichts für ungut, Hawk, ich habe die Broschüre der Starrunner gelesen und sie ist einfach eine lahme Ente. Ich schlage vor, ihr besorgt euch Ausrüstung und dann treffen wir uns in dreißig Minuten bei meinem Schiff in Hangar acht.“ Ich blicke fragend in die Runde. Hawk geht einen Schritt auf Jiara zu.

„Bereite dich auf heftigen Feuerwechsel vor!”

Fortsetzung folgt

 

 

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