Lehrjahre

Nur wer sich die Hände schmutzig macht, lernt sein Geschäft – für den großen Traum. 

Von Knecht 218

Hurston, Lorville, August 2942

„Hey Piccard! Träumen Sie etwa?“

Ich zuckte verdutzt zusammen. Ich wurde schon ewig nicht mehr mit meinem Nachnamen angesprochen. Langsam klärte sich mein Blick. Um mich herum war der Lärm der Werft zu hören. Ich erwischte mich, wie ich verträumt den Arbeitern zusah.

„Piccard! Nun machen Sie schon! Hier unterschreiben! Oder wissen Sie nicht, wie das geht?“

Mr. Scar schnipste genervt mit den Fingern und fuchtelte mit seinem Stift vor meinem Gesicht. Ich nahm den Stift und unterschrieb fix auf dem Tablet.

Mr. Scar rieb sich die Hände.

„…nun, ich begrüße Sie recht herzlich als neuen Mitarbeiter auf meiner Werft. Die Scrapper ist eine der besten Werften auf Hurston und wir sind stolz, dass wir speziell von Anvil Aerospace dafür beauftragt wurden, ihre Schiffe zu reparieren und umzubauen.

Er machte eine kurze Pause.

„…wir schaffen es sogar, viele unserer Teile aus ehemaligem Schrott selbst herzustellen. So können wir fast alles fertigen, was unsere Kunden wollen“, schloss Mr. Scar.

Ich freute mich riesig und konnte es kaum erwarten, meine Erfahrungen durch die Bastelstunden mit meinem Vater, nun effektiv in den Bau eines meiner Lieblingsschiffe fließen zu lassen…

*****

„Also kann ich dich echt nicht umstimmen? Du willst lieber im Dreck dieser Werft schuften, obwohl du in einer von Origins Spitzen-Fertigungshallen lernen könntest? Origin hat auch viele coole Schiffe, die ihre Crew immer sicher durchs All bringen. Überleg es dir doch noch einmal.“

Mein Vater sah mich halb genervt, halb verwundert an,  als ich ihm von meinem Vertrag mit Scrapper berichtete. Begeisterung sah anders aus. Aber wer konnte es ihm verübeln? Ich, sein Sohn, der Sohn eines geschätzten Ingenieurs von Origin Jumpworks, weigerte sich, in die Fußspuren seines Vaters zu treten und begann stattdessen lieber ein schlecht bezahltes Leben in einer dreckigen, lauten und unzivilisierten Werft. Dort, wo angeblich nur Tagelöhner, Streuner und Gesindel schufteten und sich ausbeuten ließen. Doch ich wollte nur eines – und endlich würde sich dieser Traum erfüllen. Endlich würde ich an einer echten Carrack arbeiten können. Einem echten Raumschiff. Nicht nur an Daddys Speeder oder an Alltagshelfern wie einem Reinigungs-Roboter. Nein, ein Raumschiff, das den Strapazen des Weltraums standhalten und seine Crew beschützen und in die entlegensten Galaxien vordringen würde. Wer weiß, was das Schiff, an dem ich bauen würde, alles erleben würde?

Voller Energie und mit meinem ersten Lohnvorschuss ging ich zu „Tammany and Son’s“ um mir meine Arbeitskleidung zu kaufen. Erst nach einem halben Jahr würde Scrapper mir meine Arbeitskleidung stellen, sofern ich so lange durchhielt. Denn die Erfahrung zeigte schließlich, dass nur wenige die ersten Wochen blieben. Viele kündigten bereits nach kürzester Zeit, doch Scrapper war die einzige Werft auf Hurston, die hauptsächlich mit Anvil zusammenarbeitete und dies war somit meine einzige Chance, endlich an meinem Traumschiff arbeiten zu können.

Mr. Scar konnte es kaum glauben, als ich mich bewarb, hielt es anfangs sogar für einen schlechten Scherz. Und doch war er heilfroh, als ich meinen Vertrag unterschrieb. Deshalb gab er mit sogar einen Lohnvorschuss, um mich einzukleiden und mir eine adäquate Bleibe in Lorville zu organisieren. Mit bequemen und zugleich robusten Sachen ging ich zurück an die Arbeit. Toller Arbeit, wie sich schnell zeigen sollte…

Anstatt an einer Carrack zu arbeiten, zeigte man mir nämlich, wie ein Schaufler, eine Art Bagger, bedient wurde und ich durfte Schrottteile, welche frisch angeliefert wurden, zu den Wühlern bringen. Diese Maschinen und deren Arbeiter sortieren anschließend die gelieferten Schrottteile, um sie entsprechend weiter zu verarbeiten. Meine Motivation fand daher ein rapides Ende.

Wenn mal keine neuen Lieferungen kamen, durfte ich mit meinem Schaufler auf der anderen Seite der Wühler arbeiten und die Metalle, welche die Maschinen nicht sortiert bekamen und stattdessen die Mitarbeiter per Hand sortierten, in die jeweiligen Brennöfen laden. Die maschinellen Wühler waren zwar über Fließbänder mit den Öfen verbunden. Die Mitarbeiter, die die Teile, welche die Maschinen nicht zuordnen konnten, sortieren mussten, warfen sie aber nur auf große Haufen, welche ich anschließend zu den Öfen fahren musste. Ungeschützt wäre es in der Nähe dieser Öfen viel zu heiß für Menschen, selbst die kleine Kanzel des Schauflers kam mir wie ein Pizzaofen vor.

Eines Tages, ich war gerade wieder dabei, Schrott in einen der Brennöfen zu werfen, stockte plötzlich mein Schaufler. Irgendetwas schien ihn zu blockieren, denn ich konnte ihn nicht zurückfahren. Um das Hindernis, welches ich nicht recht sehen konnte – mein Sichtfeld glich eher einem Sehschlitz – zu umfahren, fuhr ich ein Stück vorwärts, näher an den Ofen heran. Ich schlug das Lenkrad voll ein und wollte gerade rückwärts fahren, als der Alarm meines Schauflers losging.

Erschrocken blickte ich nach vorn und sah, wie der linke Greifarm Feuer gefangen hatte. Ich war zu dicht an den Brennofen herangefahren! Hastig trat ich aufs Gaspedal und holpernd setzte der Schaufler zurück. In sicherer Entfernung zum Brennofen schaltete ich den Schaufler aus, sprang aus der Kanzel, griff zu dem Feuerlöscher, der gleich neben ihr hing und löschte das Feuer. Doch der Schaden war schon angerichtet und ich spürte die spöttischen Blicke meiner Kollegen im Nacken. Recht schnell entdeckte ich ein kleines Leck an der Hydraulikleitung.

Das Öl darin hatte das Gelenk des Greifarms benetzt, dann Feuer gefangen und die Hitze ließ nun das Gelenk schmelzen. Frustriert und beschämt, gleich in meiner ersten Woche den ersten Schaden verursacht zu haben, erklärte ich dem mir zugeteilten Abteilungsleiter, was geschehen war und fragte, was ich nun machen solle.

„Ganz einfach: Auseinander bauen, kaputtes Teil in den Wühler werfen, ein Ersatzteil aus dem Lager holen und wieder einbauen“, antwortete York.

Das war leichter gesagt als getan. Ich hatte vorher noch nie einen Schaufler auseinander gebaut, was York auch bemerkte, als er grimmig seine Arbeit unterbrach, um mir zu helfen. Dankbar folgte ich seinen Anweisungen, nahm das verformte Gelenk mit zum Lager, wo man mir ein neues aushändigte – das ich zu meiner Überraschung aber bezahlen musste.

„Denkst du etwa, nur weil du neu bist, fallen Ersatzteile vom Himmel? Die Sachen kosten ein Schweinegeld! Also sieh zu, wie du das Geld rankriegst. Als Frischlings-Bonus gestatte ich dir anzuschreiben. Normalerweise kostet dich das zehn Credits pro Tag Verzögerung. Aber da du noch kein Geld bekommen hast, bekommst du bis zum ersten Lohn Aufschub. Ab dann geht dein Zähler los. Und nun scher dich raus.“

Ich fühlte mich betrogen und ausgenutzt.

„Ja, Derek ist keiner, mit dem man gerne verhandelt. Er weiß, wie er aus dem Leid anderer Profit schlagen kann. Niemand kann ihn deshalb leiden, was ihn aber reichlich wenig kümmert. Und Scar freut sich, dass die Firma nicht auf den Kosten unserer Fehler sitzen bleibt. Sei froh, dass es nur 2.500 Credits sind. Die solltest du schnell zusammen haben“, besänftigte mich York.

 „…und wie soll ich das anstellen? Ich bin Lehrling! Ich bekomme 5.000 Credits im Monat und davon ging bereits die Hälfte für den Vorschuss wegen Arbeitskleidung drauf. 1.000 Credits zahle ich für meine Bleibe und Essen fällt hier leider auch nicht vom Himmel, wie Derek sagen würde.“

York sah mich mitleidig an.

„Ja, das ist natürlich doof. Nun ja, vielleicht hätte ich da was für dich. Heute Abend sollen neue Lieferungen kommen. Wenn du länger bleibst und diese gleich abarbeitest, könnten die Wühler die Teile über Nacht sortieren. Das hieße für meine Leute morgen weniger Arbeit. Ich bin mir sicher, da würde für dich bestimmt etwas abfallen.“

Da ich jeden verdammten Credit gebrauchen konnte, nahm ich diese Gelegenheit dankbar an. Am wenigsten wollte ich bereits in der ersten Woche schließlich zurück zu meinen Eltern dackeln, um nach Geld oder um Hilfe zu betteln. Bestimmt würden sie mir ohne zu zögern helfen. Vielleicht würde ich mir einen „Ich habe dir doch gesagt, Origin wäre besser“-Blick von meinem Vater einfangen, aber ich war erst 15 Jahre jung und naiv.

Fast erwachsen musste ich doch langsam auf meinen eigenen Beinen stehen können, auch wenn man mal hinfällt. Dann heißt es eben aufstehen, Kleidung richten und weiter geht’s. So machte ich bereits in meiner ersten Woche Überstunden, um meine Schulden abzuzahlen. Und immerhin wusste ich nun, wie man einen Schaufler repariert und durch meine Bereitschaft, nachts zu arbeiten, machte ich mich so auch bekannter – und beliebter. Ich war zwar noch immer der Neue, aber wenigstens wussten jetzt alle, dass ich nicht sofort zu Daddy rannte, wenn es mal Probleme gab.

Durch die kühlere Nachtluft und die Ruhe, da viele Maschinen standen, war es deutlich entspannter, nachts zu arbeiten. Aber auch gefährlicher! Die meisten Lampen wurden im Nachtbetrieb nicht eingeschaltet und anders als am Tag waren auch deutlich weniger Arbeiter in der Werft, wodurch Hilfe im Notfall erst viel später kam. Angeblich war es sogar schon vorgekommen, dass nachts jemand verunfallte und erst am nächsten Morgen gefunden wurde. Aber den Gefahren zum Trotz, trat ich meine Arbeit an, drehte „Radio Infinity“ richtig laut auf und genoss jeden kühlen Luftzug.

Am nächsten Morgen fand ich einen Umschlag in meinem Spind. Über die Nacht hatte ich mir tatsächlich 800 Credits dazu verdient. Mit der Steigerung meines Rufes bekam ich bereits in der darauf folgenden Woche erneut die Möglichkeit, mir etwas dazu zu verdienen. Ich arbeitete immer öfter nachts und nutzte tagsüber die freie Zeit, mehr von meinen Kollegen zu lernen. Ehe ich meinen ersten Scheck von Scrapper erhielt, konnte ich bereits meine Schulden bei Derek abzahlen, die durch weitere Pannen mittlerweile auf fast 12.000 Credits angestiegen waren. Viel wichtiger war aber, ich wurde von meinen Kollegen akzeptiert.

Früher, in der Schule, war ich ständig gehänselt worden, nur weil ich schlauer als andere war. Hier konnte ich nun durch mein schnelles Lernvermögen punkten. Bereits in jungen Jahren hatte ich mehr Ahnung von Mathe und Technik als die meisten Anderen in meiner Klasse. Und natürlich machte mich das zum typischen Außenseiter. Während Faraday, Maxwell und McCarthy meine engsten Vertrauten waren, wenngleich schon lange verstorben, verlor ich zunehmend den Kontakt zu Gleichaltrigen. Oft lief ich damals von zu Hause weg. Zum einen hatte ich Angst vor meinen Mitschülern und wollte nicht so schwächlich erscheinen, zum anderen schlummerte in mir das Herz eines Abenteurers, der nach den Sternen greifen wollte…  

Mit der Zeit lernte ich immer mehr über die verschiedenen Materialien, die wir als Rohstoffe nutzten. Von weichen Kunststoffen, die man gut zum Verkleiden von Zwischenräumen nutzen konnte, bis hin zu widerstandsfähigen Metallen, die ein Raumschiff vor feindlichem Beschuss schützen, bekam ich alles unter meine Finger. Wenn ich etwas Leerlauf hatte, half ich den Kollegen, um mehr über die Materialien zu lernen oder übernahm Wartungs- und Reparaturaufgaben.

Bereits nach den ersten beiden Monaten machte mir meine Arbeit sogar richtig Spaß. Ich nahm meine Aufgaben ernst, egal was sie mir auftrugen. Zwar war ich mir ziemlich sicher, dass sie mich mit der einen oder anderen Aufgabe auch schikanieren wollten oder testeten, wann ich aufgeben würde. Doch da täuschten sie sich! Schließlich hatte ich einen Traum! Eines Tages würde ich an Bord einer Anvil Carrack als Techniker arbeiten und die endlosen Weiten des Weltraums erkunden…

Fortsetzung folgt

You cannot copy content of this page