Lehrjahre

Nur wer sich die Hände schmutzig macht, lernt sein Geschäft – für den Traum auf einer Carrack. 

Von Knecht 218
Inhalt

Der Job

Hurston, Lorville, August 2942

„Hey Piccard! Träumen Sie etwa?“

Ich zuckte verdutzt zusammen. Ich wurde schon ewig nicht mehr mit meinem Nachnamen angesprochen. Langsam klärte sich mein Blick. Um mich herum war der Lärm der Werft zu hören. Ich erwischte mich, wie ich verträumt den Arbeitern zusah.

„Piccard! Nun machen Sie schon! Hier unterschreiben! Oder wissen Sie nicht, wie das geht?“

Mr. Scar schnipste genervt mit den Fingern und fuchtelte mit seinem Stift vor meinem Gesicht. Ich nahm den Stift und unterschrieb fix auf dem Tablet.

Mr. Scar rieb sich die Hände.

„…nun, ich begrüße Sie recht herzlich als neuen Mitarbeiter auf meiner Werft. Die Scrapper ist eine der besten Werften auf Hurston und wir sind stolz, dass wir speziell von Anvil Aerospace dafür beauftragt wurden, ihre Schiffe zu reparieren und umzubauen.

Er machte eine kurze Pause.

„…wir schaffen es sogar, viele unserer Teile aus ehemaligem Schrott selbst herzustellen. So können wir fast alles fertigen, was unsere Kunden wollen“, schloss Mr. Scar.

Ich freute mich riesig und konnte es kaum erwarten, meine Erfahrungen durch die Bastelstunden mit meinem Vater, nun effektiv in den Bau eines meiner Lieblingsschiffe fließen zu lassen…

*****

„Also kann ich dich echt nicht umstimmen? Du willst lieber im Dreck dieser Werft schuften, obwohl du in einer von Origins Spitzen-Fertigungshallen lernen könntest? Origin hat auch viele coole Schiffe, die ihre Crew immer sicher durchs All bringen. Überleg es dir doch noch einmal.“

Mein Vater sah mich halb genervt, halb verwundert an,  als ich ihm von meinem Vertrag mit Scrapper berichtete. Begeisterung sah anders aus. Aber wer konnte es ihm verübeln? Ich, sein Sohn, der Sohn eines geschätzten Ingenieurs von Origin Jumpworks, weigerte sich, in die Fußspuren seines Vaters zu treten und begann stattdessen lieber ein schlecht bezahltes Leben in einer dreckigen, lauten und unzivilisierten Werft. Dort, wo angeblich nur Tagelöhner, Streuner und Gesindel schufteten und sich ausbeuten ließen. Doch ich wollte nur eines – und endlich würde sich dieser Traum erfüllen. Endlich würde ich an einer echten Carrack arbeiten können. Einem echten Raumschiff. Nicht nur an Daddys Speeder oder an Alltagshelfern wie einem Reinigungs-Roboter. Nein, ein Raumschiff, das den Strapazen des Weltraums standhalten und seine Crew beschützen und in die entlegensten Galaxien vordringen würde. Wer weiß, was das Schiff, an dem ich bauen würde, alles erleben würde?

Voller Energie und mit meinem ersten Lohnvorschuss ging ich zu „Tammany and Son’s“ um mir meine Arbeitskleidung zu kaufen. Erst nach einem halben Jahr würde Scrapper mir meine Arbeitskleidung stellen, sofern ich so lange durchhielt. Denn die Erfahrung zeigte schließlich, dass nur wenige die ersten Wochen blieben. Viele kündigten bereits nach kürzester Zeit, doch Scrapper war die einzige Werft auf Hurston, die hauptsächlich mit Anvil zusammenarbeitete und dies war somit meine einzige Chance, endlich an meinem Traumschiff arbeiten zu können.

Mr. Scar konnte es kaum glauben, als ich mich bewarb, hielt es anfangs sogar für einen schlechten Scherz. Und doch war er heilfroh, als ich meinen Vertrag unterschrieb. Deshalb gab er mit sogar einen Lohnvorschuss, um mich einzukleiden und mir eine adäquate Bleibe in Lorville zu organisieren. Mit bequemen und zugleich robusten Sachen ging ich zurück an die Arbeit. Toller Arbeit, wie sich schnell zeigen sollte…

Anstatt an einer Carrack zu arbeiten, zeigte man mir nämlich, wie ein Schaufler, eine Art Bagger, bedient wurde und ich durfte Schrottteile, welche frisch angeliefert wurden, zu den Wühlern bringen. Diese Maschinen und deren Arbeiter sortieren anschließend die gelieferten Schrottteile, um sie entsprechend weiter zu verarbeiten. Meine Motivation fand daher ein rapides Ende.

Wenn mal keine neuen Lieferungen kamen, durfte ich mit meinem Schaufler auf der anderen Seite der Wühler arbeiten.Dort wurden Metallteile, welche die Maschinen nicht erfassen konnten, von Mitarbeitern per Hand sortiert und in die jeweiligen Brennöfen geladen. Die maschinellen Wühler waren zwar über Fließbänder mit den Öfen verbunden. Die Mitarbeiter, die die Teile sortieren mussten, warfen sie aber nur auf große Haufen, welche ich anschließend zu den Öfen fahren musste. Ungeschützt wäre es in der Nähe dieser Öfen viel zu heiß für Menschen, selbst die kleine Kanzel des Schauflers kam mir wie ein Pizzaofen vor.

Eines Tages, ich war gerade wieder dabei, Schrott in einen der Brennöfen zu werfen, stockte plötzlich mein Schaufler. Irgendetwas schien ihn zu blockieren, denn ich konnte ihn nicht zurückfahren. Um das Hindernis, welches ich nicht recht sehen konnte – mein Sichtfeld glich eher einem Sehschlitz – zu umfahren, fuhr ich ein Stück vorwärts, näher an den Ofen heran. Ich schlug das Lenkrad voll ein und wollte gerade rückwärts fahren, als der Alarm meines Schauflers losging.

Erschrocken blickte ich nach vorn und sah, wie der linke Greifarm Feuer gefangen hatte. Ich war zu dicht an den Brennofen herangefahren! Hastig trat ich aufs Gaspedal und holpernd setzte der Schaufler zurück. In sicherer Entfernung zum Brennofen schaltete ich den Schaufler aus, sprang aus der Kanzel, griff zu einem Feuerlöscher und löschte es. Doch der Schaden war schon angerichtet und ich spürte die spöttischen Blicke meiner Kollegen im Nacken. Recht schnell entdeckte ich ein kleines Leck an der Hydraulikleitung.

Das Öl darin hatte das Gelenk des Greifarms benetzt, dann Feuer gefangen und die Hitze ließ nun das Gelenk schmelzen. Frustriert und beschämt, gleich in meiner ersten Woche den ersten Schaden verursacht zu haben, erklärte ich dem mir zugeteilten Abteilungsleiter, was geschehen war und fragte, was ich nun machen solle.

„Ganz einfach: Auseinander bauen, kaputtes Teil in den Wühler werfen, ein Ersatzteil aus dem Lager holen und wieder einbauen“, antwortete York.

Das war leichter gesagt als getan. Ich hatte vorher noch nie einen Schaufler auseinander gebaut, was York auch bemerkte, als er grimmig seine Arbeit unterbrach, um mir zu helfen. Dankbar folgte ich seinen Anweisungen, nahm das verformte Gelenk mit zum Lager, wo man mir ein neues aushändigte – das ich zu meiner Überraschung aber bezahlen musste.

„Denkst du etwa, nur weil du neu bist, fallen Ersatzteile vom Himmel? Die Sachen kosten ein Schweinegeld! Also sieh zu, wie du das Geld rankriegst. Als Frischlings-Bonus gestatte ich dir anzuschreiben. Normalerweise kostet dich das zehn Credits pro Tag Verzögerung. Aber da du noch kein Geld bekommen hast, bekommst du bis zum ersten Lohn Aufschub. Ab dann geht dein Zähler los. Und nun scher dich raus.“

Ich fühlte mich betrogen und ausgenutzt.

„Ja, Derek ist keiner, mit dem man gerne verhandelt. Er weiß, wie er aus dem Leid anderer Profit schlagen kann. Niemand mag ihn, was ihn aber reichlich wenig kümmert. Und Scar freut sich, dass die Firma nicht auf den Kosten unserer Fehler sitzen bleibt. Sei froh, dass es nur 2.500 Credits sind. Die solltest du schnell zusammen haben“, besänftigte mich York.

 „…und wie soll ich das anstellen? Ich bin Lehrling! Ich bekomme 5.000 Credits im Monat und davon ging bereits die Hälfte für den Vorschuss wegen Arbeitskleidung drauf. 1.000 Credits zahle ich für meine Bleibe und Essen fällt hier leider auch nicht vom Himmel, wie Derek sagen würde.“

York sah mich mitleidig an.

„Ja, das ist natürlich doof. Nun ja, vielleicht hätte ich da was für dich. Heute Abend sollen neue Lieferungen kommen. Wenn du länger bleibst und diese gleich abarbeitest, könnten die Wühler die Teile über Nacht sortieren. Das hieße für meine Leute morgen weniger Arbeit. Ich bin mir sicher, da würde für dich bestimmt etwas abfallen.“

Da ich jeden verdammten Credit gebrauchen konnte, nahm ich diese Gelegenheit dankbar an. Am wenigsten wollte ich bereits in der ersten Woche schließlich zurück zu meinen Eltern dackeln, um nach Geld oder um Hilfe zu betteln. Bestimmt würden sie mir ohne zu zögern helfen. Vielleicht würde ich mir einen „Ich habe dir doch gesagt, Origin wäre besser“-Blick von meinem Vater einfangen, aber ich war erst 15 Jahre jung und naiv.

Fast erwachsen musste ich doch langsam auf meinen eigenen Beinen stehen können, auch wenn man mal hinfällt. Dann heißt es eben aufstehen, Kleidung richten und weiter geht’s. So machte ich bereits in meiner ersten Woche Überstunden, um meine Schulden abzuzahlen. Und immerhin wusste ich nun, wie man einen Schaufler repariert und durch meine Bereitschaft, nachts zu arbeiten, machte ich mich so auch bekannter – und beliebter. Ich war zwar noch immer der Neue, aber wenigstens wussten jetzt alle, dass ich nicht sofort zu Daddy rannte, wenn es mal Probleme gab.

Durch die kühlere Nachtluft und die Ruhe, da viele Maschinen standen, war es deutlich entspannter, nachts zu arbeiten. Aber auch gefährlicher! Die meisten Lampen wurden im Nachtbetrieb ausgeschaltet und anders als am Tag waren auch deutlich weniger Arbeiter in der Werft, wodurch Hilfe im Notfall erst viel später kam. Angeblich war es sogar schon vorgekommen, dass nachts jemand verunfallte und erst am nächsten Morgen gefunden wurde. Aber den Gefahren zum Trotz, trat ich meine Arbeit an, drehte „Radio Infinity“ richtig laut auf und genoss jeden kühlen Luftzug.

Am nächsten Morgen fand ich einen Umschlag in meinem Spind. Über die Nacht hatte ich mir tatsächlich 800 Credits dazu verdient. Mit der Steigerung meines Rufes bekam ich bereits in der darauf folgenden Woche erneut die Möglichkeit, mir etwas dazu zu verdienen. Ich arbeitete immer öfter nachts und nutzte tagsüber die freie Zeit, mehr von meinen Kollegen zu lernen. Ehe ich meinen ersten Scheck von Scrapper erhielt, konnte ich bereits meine Schulden bei Derek abzahlen, die durch weitere Pannen mittlerweile auf fast 12.000 Credits angestiegen waren. Viel wichtiger war aber, ich wurde von meinen Kollegen akzeptiert.

Früher, in der Schule, war ich ständig gehänselt worden, nur weil ich schlauer als andere war. Hier konnte ich nun durch mein schnelles Lernvermögen punkten. Bereits in jungen Jahren hatte ich mehr Ahnung von Mathe und Technik als die meisten Anderen in meiner Klasse. Und natürlich machte mich das zum typischen Außenseiter. Während Faraday, Maxwell und McCarthy meine engsten Vertrauten waren, wenngleich schon lange verstorben, verlor ich zunehmend den Kontakt zu Gleichaltrigen. Oft lief ich damals von zu Hause weg. Zum einen hatte ich Angst vor meinen Mitschülern und wollte nicht so schwächlich erscheinen, zum anderen schlummerte in mir das Herz eines Abenteurers, der nach den Sternen greifen wollte…  

Mit der Zeit lernte ich immer mehr über die verschiedenen Materialien, die wir als Rohstoffe nutzten. Von weichen Kunststoffen, die man gut zum Verkleiden von Zwischenräumen nutzen konnte, bis hin zu widerstandsfähigen Metallen, die ein Raumschiff vor feindlichem Beschuss schützen, bekam ich alles unter meine Finger. Wenn ich etwas Leerlauf hatte, half ich den Kollegen, um mehr über die Materialien zu lernen oder übernahm Wartungs- und Reparaturaufgaben.

Bereits nach den ersten beiden Monaten machte mir meine Arbeit sogar richtig Spaß. Ich nahm meine Aufgaben ernst, egal was sie mir auftrugen. Zwar war ich mir ziemlich sicher, dass sie mich mit der einen oder anderen Aufgabe auch schikanieren wollten oder testeten, wann ich aufgeben würde. Doch da täuschten sie sich! Schließlich hatte ich einen Traum! Eines Tages würde ich an Bord einer Anvil Carrack als Techniker arbeiten und die endlosen Weiten des Weltraums erkunden…

*****

Werft

 Auf der Werft

So langsam bekam ich einen routinierten Tagesablauf. Pünktlich um sechs Uhr morgens klingelte stets der Wecker. Müde kroch ich dann aus dem Bett, stellte schlaftrunken die Kaffeemaschine an und weiter ging’s unter die Dusche. Dann zog ich mich an und machte mich anschließend auf den Weg zur Arbeit. Unterwegs holte ich mir immer bei Freds Teigwaren-Stand ein paar Brötchen für den Tag und fuhr mit der Tram zusammen mit anderen Workern zur Arbeit.

Nur selten erwischte ich einen der wenigen Sitzplätze, denn die Bahn war irgendwie immer voll. Morgens erkannte man ganz klar die beiden Lager der Menschen, die in der Stadt lebten – die einen waren motiviert, gesprächig und über ihr Mobiglas schon früh im Geschäft. Die anderen sahen aus, als hätten sie nachts zu lange und zu tief ins Glas geschaut. Sie schauten griesgrämig aus ihrer Wäsche und außer einem Brummen oder Knurren bekamen sie kaum einen Ton heraus. Und dann gab es da noch mich, irgendetwas dazwischen. Verschlafen und müde, aber auch schon aufmerksam und neugierig.

Interessiert beobachtete ich stets die Leute um mich herum, sah ihnen zu, was sie so machten oder lauschte ihren Gesprächen. Ich selbst war mit meinen Gedanken immer überall und nirgends. Um mich herum das geschäftige Treiben der Fahrgäste, die an den Stationen ein- und ausstiegen. Für Jemanden, der schon lange in einer Großstadt lebt, wahrscheinlich Alltag. Meine Eltern wohnten aber außerhalb der Stadt in einer kleinen und ruhigen Siedlung. Es waren verschiedene Welten. An den Fahrgästen erkannte man immer genau, wie weit wir uns vom Zentrum der Stadt entfernten. Anfangs, in der Nähe vom Lorville-Tower, waren viele Geschäftsleute in der Tram. Je weiter der Zug aber durch die Frachthäfen in Richtung Randbezirke fuhr, umso weniger Geschäftsleute waren im Zug. Dafür stieg die Zahl der Arbeiter.

Nicht nur die Haltestellen wurden düsterer und dreckiger, auch den Fahrgästen sah man ihre harte Arbeit und das genauso harte Leben an. Einige kannte ich vom Sehen her von der Werft, andere waren mir völlig fremd. Kurz vor acht Uhr hielt der Zug dann in der Nähe von Scrapper, der Werft, an die ich meine Seele verkauft hatte, wie einige witzelten. Es waren noch ein paar hundert Meter Fußweg zwischen Lagerplätzen und Haufen von Rohstoffen hindurch. Weit über mir leuchtete das Licht Stantons, das den Tag erhellte. Das Brummen dutzender Raumschiffe, Laster und Schwebefahrzeuge erfüllte die Luft. Es war laut, dreckig und für viele bestimmt ungemütlich, aber ein Freigeist wie ich, der jahrelang nur Luxus, Sauberkeit und Ordnung gekannt hatte, genoss diesen Trubel der einfachen Leute.

Pünktlich um acht Uhr war ich an diesem Morgen auf der Werft, meldete mich bei York, meinem direkten Vorarbeiter, stempelte mich ein und holte meine Schlüssel. Ich schloss die Garage zu meinem Schaufler auf, zog mir drinnen meine Arbeitskleidung an und legte meine Brötchen auf einen kleinen Tisch, der in der dunkelsten und hintersten Ecke stand. Darüber hing ein Poster einer Carrack, wie sie in einem Asteroidenfeld mit ausgefahrenen Scanner-Antennen auf Expeditionstour war. Nach einer kurzen stillen Minute atmete ich tief durch, stieg auf den Schaufler und löste die Feststellung, um gleich danach wieder herauszuspringen. Mit einem kräftigen Schubser rollte der Schaufler quietschend langsam aus der Garage. Ich schloss die Garage, nachdem er draußen war, und rannte meinem noch immer rollenden Schaufler hinterher. Nach wenigen Metern holte ich ihn ein, sprang in die Kanzel und startete den Motor.

Ein lautes Dröhnen ließ die Maschine erbeben und dicke Rußwolken wurden am Heck aus den Rohren geblasen – das war der Grund, warum ich meinen Schaufler aus der Garage rollen ließ, anstatt ihn gleich in der Garage zu starten, wie es alle anderen Fahrer machten. Auch hier war ich eigen, aber nachdem ich an meinem ersten Tag meine gesamte Garage zugeräuchert hatte und überall schwarzer, ekliger Ruß klebte, beschloss ich, den Schaufler nie wieder in der Garage zu starten. Später beim Zurückfahren und Abstellen war das nicht mehr so schlimm, da der Schaufler, wenn er erstmal heiß gelaufen war, seine Abgase selbst reinigte und den Ruß sogar als Festbrennstoff mitverwendete. Nur beim Anlassen blies er eben erst einmal kräftig alles durch.

Zu Beginn prüfte ich alle Funktionen und Systeme durch und fuhr quer über die Außenanlage der Rohstoffverarbeitung, um zum Wareneingang zu gelangen. Hier kamen rund um die Uhr Lieferanten und brachten alles Mögliche, was wir einschmelzen oder anderweitig als Rohstoff zur Weiterverarbeitung nutzen sollten. Diese Rohstoffe wurden von den Wühlern zerkleinert und sortiert, damit sie anschließend in die entsprechenden Schmelzöfen transportiert werden konnten.

Diese „Never-Ending-Story“ war meist eintönig. Ich fuhr zu einer gefüllten Ladebucht, positionierte mich zwischen dieser und den Wühlern und schaufelte die Schottteile grob sortiert in die Wühler. Hierbei musste ich vor allem darauf achten, dass keine gefährlichen Gegenstände dazwischen lagen. Nicht selten wurden ganze Flügel von Raumjägern abgeladen und die Raketen oder Waffen hingen noch an ihnen. Solche Teile müssen dann sauber und vorsichtig beiseite geschafft werden, sodass andere Arbeiter diese dann von Hand demontieren konnten. Auch Inneneinrichtungen von Raumschiffen versuchte ich von der Schiffshülle zu trennen oder sortierte sie aus, da man die Sitze beispielsweise wieder verwenden konnte. Nicht selten nahmen Mitarbeiter noch brauchbare Ausstattungsteile mit nach Hause, um diese in ihren Speedern einzubauen oder sie funktionierten sie als Sitzecke um. So fuhr ich den ganzen Vormittag von einer vollen Bucht zur nächsten, sortierte die Materialien in die Wühler und gab die leere Bucht wieder frei, damit der nächste Lieferant seinen Schrott in die Bucht abwerfen konnte.

Je nach Auftragslage machte ich gegen zwölf Uhr meine Mittagspause. Hierfür fuhr ich zurück zu meiner Garage, stellte den Schaufler davor ab, holte meine Brötchen und setzte mich nach einer kleinen Kletteraktion auf dessen Dach. Hier hatte ich einen netten Ausblick und konnte den Maschinen und anderen Arbeitern bei Ihren Tätigkeiten zusehen. Etwa zur gleichen Zeit machten aber auch viele der anderen ihre Pause, sodass ich meine Kollegen in ihren kleinen Grüppchen zusammensitzen sah. Viele redeten über Gott und die Welt, ihre Familien oder was am Vortag passiert war. Ab und an wurden Speisen untereinander getauscht, was ihre Frauen sicher nicht erfahren sollten, und manchmal wurde auch gestritten. Egal, ob es um das vermeintlich bessere Essen eines Kollegen ging, um Spielschulden oder ob einfach Langeweile im Spiel war – einen Grund fand immer irgendwer, um seine Fausthiebe zu rechtfertigen. Etwa eine Stunde später machte ich mich wieder an meine Arbeit. Ich brachte meine Sachen wieder in die Garage, fuhr zum Tanken und anschließend zu meiner Ladebucht zurück.

Doch an diesem Tag sollte alles anders werden. Kurz bevor ich an den Wühlern vorbeifuhr, ließ ein lauter Knall alle aufschrecken. Neben den Wühlern, bei einer der Waffendemontagen, war es zu einer Explosion gekommen. Sofort rannten alle Kollegen in der Nähe zum Unfallort. Der Feueralarm wurde ausgelöst und Warnanlagen leuchteten und heulten ohrenbetäubend. Auch ich nahm sofort mit meinem Schaufler Kurs zur Unfallstelle. Für die Arbeiten am Schmelzofen gebaut, bot die Kanzel einen guten Schutz vor Flammen und kleinen Explosionen. Am Unfallort herrschte pures Chaos. Gut 20 Mitarbeiter versuchten gegen die Flammen anzukommen und einen Weg in ein kleines Gebäude zu finden. Das Gebäude, einer größeren Garage ähnlich, war halb eingestürzt und Flammen schlugen in alle Richtungen.

„Hilfe! So helft mir doch! Ich bin eingeklemmt!“, drangen Schreie aus dem Inneren.

Wo blieben bloß die Brandbekämpfer? Genau für solche Brände hatten wir nämlich eine extra ausgebildete Truppe. Die mussten doch schon längst hier sein, aber weit und breit gab es kein Anzeichen, dass sie unterwegs waren. Kurz entschlossen fuhr ich näher an das Haus heran und begann mit meinem Greifarm, die Trümmerteile beiseite zu räumen. Schnell schalteten drei Mitarbeiter und verteilten sich so an der Unfallstelle, dass sie mir weitere präzise Anweisungen geben konnten, um den verschütteten Mitarbeiter zu befreien. Nach wenigen Minuten hatten wir es gemeinsam geschafft. Vorsichtig brachte ich meinen Greifarm in Position und zusammen mit einer Metallplatte, auf der der Kollege lag, holte ich ihn aus dem Trümmerfeld.

Kaum hatte ich ihn in meinen Fängen, kamen endlich auch die Brandbekämpfer an, verschafften sich rasch einen Überblick über die Lage und begannen mit ihrer Arbeit. Während sich der Großteil um die Brandbekämpfung und Kühlung der anderen Waffen kümmerte, liefen vier Sanitäter zu dem verunglückten Mitarbeiter, den ich soeben mit dem Greifarm in sicherer Entfernung abgelegt hatte. Sogleich wurde er medizinisch behandelt. Ich schaltete meinen Schaufler aus und kletterte aus der Kanzel, um nach dem Kollegen zu sehen. Doch ich kam kaum einen Meter weit, als mich ein Kollege an der Schulter herumriss, mit seiner rechten Hand ausholte, um mir mit einem High-Five zu gratulieren. Plötzlich standen immer mehr Männer um mich herum und jeder klopfte mir auf die Schulter oder den Rücken. Langsam, wie durch zähen Honig, bahnte ich mir einen Weg zu dem verunfallten Kollegen, um zu sehen, wie es ihm ging. Doch, ehe ich ihn erreichen konnte, wurde er in eine Cutlass Red gebracht und weggeflogen.

„Das war echt klasse von dir“, lobte einer meiner Kollegen, „du hast absolut ruhig einen kühlen Kopf bewahrt. Die Idee mit dem Schaufler war einfach genial. Du hast ein gutes Händchen an den Joysticks.“

„Dank dir wird er in ein paar Tagen wieder voll genesen sein“, ergänzte einer der Sanitäter, bevor er mit seinen Kollegen die Unfallstelle verließ. Als ich mich zu meinem Schaufler umdrehte, um meine Arbeit wieder aufzunehmen, erblickte ich York abseits, wie er angeregt mit zwei Kollegen diskutierte. Leider konnte ich nicht hören, was sie besprachen, aber York musste gemerkt haben, dass ich sie beobachtete, nickte mir zu und forderte beide auf, ihm zu folgen. Ich stieg wieder in mein Baby, ließ die Motoren aufheulen und fuhr wieder zurück an meine Arbeit.

Was für eine Mittagspause!

Gegen 14 Uhr hatte ich dann alle angelieferten Rohstoffe in die nimmersatten Wühler geschaufelt. Weitere Lieferungen waren für heute nicht angekündigt, wodurch mir bis zum Feierabend etwas Leerlauf blieb. Diese Zeiten nutzte ich generell, um mit dem Schaufler auf der anderen Seite der Wühler zu helfen und mehr über das Zerlegen von Schrottteilen zu lernen. Hierbei transportierte ich große Stücke oder half beim weiteren Zerkleinern. Anschließend warf ich die Teile entweder erneut in die Wühler oder direkt in den entsprechenden Schmelzofen. Die Öfen schmolzen selbst das härteste Metall. Die Hitze, die diese ausstrahlten, wäre ohne schutzisolierte Kanzel nicht zu ertragen gewesen. Mein Vorgänger musste bereits nach einem Monat die Werft verlassen.

Seine Haut konnte der Hitze schlicht nicht standhalten und verbrannte ständig. Anfangs war seine Haut nur gerötet, aber bereits nach zwei Wochen am Ofen kamen die ersten Blasen, die durch seine Kleidung aufscheuerten. Das austretende Wundwasser verdampfte regelrecht. Keiner konnte sich das erklären. Seine Schutzkleidung wies keine Mängel auf und auch sein Schaufler war intakt, aber trotzdem half alles nichts. Als ich davon hörte, lief mir ein Schauer den Rücken, da ich nun seinen Posten und somit seinen Schaufler übernommen hatte. Doch bei mir war bisher nichts zu sehen – keine Rötung, keine Blasen. Anfangs hatte ich mich täglich auf Rötungen untersucht und war erleichtert, dass es mir nicht so erging. Mittlerweile glaubte ich, dass sie einfach nur Märchen erzählt hatten.

Nachdem ich nachmittags meine Arbeiten erledigt hatte, fuhr ich meinen Schaufler zur Reinigung und spülte den Schmutz grob mit einer Reinigungslösung ab. Anschließend stellte ich den gereinigten Schaufler wieder in meine Garage, zog meine Schutzkleidung aus, nahm meine Sachen und ging zurück zu York. Bevor ich Feierabend machen durfte, meldete ich mich immer noch einmal bei ihm und erkundigte mich danach, ob er für die folgende Nacht wieder etwas für mich hatte. Diesmal hatte er jedoch keine Nachtlieferungen. Daher stempelte ich mich aus und mache mich auf den Weg zurück nach Lorville. An der Haltestelle traf ich wieder viele der Leute, die morgens mit mir hier ausgestiegen waren. Allen sah man den harten und langen Arbeitstag an. Manche erkannte ich vom Unfall heute Mittag wieder und wir tauschten kurze Blicke aus. Vereinzelt bekam ich noch ein Lob. Einige hatten sich auf der Arbeit umgezogen, andere trugen noch immer ihre schmutzigen Arbeitsklamotten. Alle waren wir müde und erschöpft.

„So übel bist du ja gar nicht“, sagte einer neben mir.

Rumpelnd und quietschend kündigte sich die Bahn an, als sie sich der Haltestelle nährte. Nicht selten klemmten die Türen und wir quetschten uns in die Wagons. Nur wenige unterhielten sich, die meisten waren zu erschöpft und so lag eine drückende Stille über der Szenerie. Ich hatte nur einen Stehplatz bekommen und musste mich an einer Stange festhalten, um bei dem Gewackel nicht umzufallen. Nach etwa zehn Minuten erreichten wir den Rand von Lorville und drei weitere Wagons wurden dem Zug angehängt. Sofort strömten die verschiedensten Geschäftsleute in ihren Anzügen gekleidet, teilweise telefonierend oder ihre Aktentaschen umklammernd, in die Wagons. Anders als die eher still grummelnden Arbeiter, herrschte unter den Geschäftsleuten reges Treiben und Gerede. Nur wenige Sekunden später rumpelte die Bahn weiter, hielt hin und wieder an kleineren Haltestellen, bis sie nach weiteren 15 Minuten im Untergrund von Lorville ankam. Nach und nach wurden die Türen der Wagons geöffnet und wir ergossen uns über die Wege und durch die Gassen in die Stadt. Jeder steuerte nun sein individuelles Ziel an. Teilweise schlugen kleine Grüppchen direkt den Weg zur nächsten Bar ein, andere verschwanden auf mysteriöse Art und Weise in den dunklen Seitengassen, wieder andere gingen wie ich zu ihren Unterkünften.

Dort angekommen legte ich meine Kleider in den Reiniger und stellte mich unter die Dusche. Endlich Feierabend! Das prasselnde Wasser belebte meine Sinne. Wie neu geboren, obgleich noch immer erschöpft vom Tag, zog ich mir etwas Lockeres an und mischte mich auf den Straßen Lorvilles unter die Menschen. Ich suchte mir etwas Kleines zum Abendessen. Hin und wieder ließ ich mich auch auf eine Runde der vielen Glücksspiele ein. Vor allem das Hütchenspiel ist immer herrlich zu beobachten, da die meisten es scheinbar nicht schafften, der Kugel zu folgen. Dabei ist es doch super einfach! Einmal schien der Spieler seine eigenen Kugeln aus den Augen verloren zu haben, was mir einen besonders saftigen Sieg einbrachte, als ich auf den richtigen Becher zeigte. Aber man musste echt aufpassen – wenn man zu oft gewann, wurden sie misstrauisch und man sollte dann schnell und flink genug sein, um den gierigen Geldhaien zu entkommen.

Eher selten führte mich mein Weg auch mal in die örtliche Bar. Hier kann ich Whisky-Cola jedem empfehlen, da man dann beim Billard einfach mit jedem Stoß besser trifft. Aber ohne eine feste Clique war es leider recht schnell langweilig, sodass es mich früher oder später wieder zurück in meine Unterkunft zog, wo ich mir eine Lehraufzeichnung vornahm und mir vor dem Schlafengehen noch etwas über Bordsysteme oder die Beschaffenheit diverser Materialien aus dem Raumschiffsbau aneignete. Schließlich wollte ich nicht mein Leben lang nur Schaufler fahren. So galt mein letzter Gedanke des Tages oft auch weiterhin meinem Ziel, eines Tages als Techniker an Bord einer Carrack zu arbeiten und die Weiten des Universums zu bereisen.

Der Tag neigte sich dem Ende, bis mich der Wecker am nächsten Tag wieder um sechs Uhr aus dem Schlaf reißen würde.

Fortsetzung folgt

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