Die Grube

Teil II: Zeit

„Das Wesentliche an der Gefangenschaft ist Kontrolle. Wenn du in diese Situation kommst, und das wirst du, ist es das Ziel deines Geiselnehmers, dir so schnell wie möglich die Kontrolle und Orientierung zu entziehen. Dabei ist es seine Absicht, dich ständig zu verunsichern, um dir die Fähigkeit des Widerstandes zu nehmen. Das passiert zum einen auf der physischen Ebene, auf der er versuchen wird, dich körperlich zu isolieren und Kontakt mit anderen bestraft, zum anderen auf der psychischen Ebene. Er wird versuchen, dich immer wieder durch willkürliche Anweisungen zu verunsichern. Fragen sind etwa: „Wo bin ich? Ist es Tag oder Nacht? Wann bekomme ich etwas zu trinken? Wann darf ich schlafen? Darf ich sprechen – wenn ja mit wem?” Alle diese Methoden sollen dir das Gefühl der Ohnmacht vermitteln und deinen Geist brechen. Wenn du dir darüber klar wirst, kannst du in deinem Geist den Widerstand formen und bist nicht länger von deinem Geiselnehmer gefangen, sondern er mit dir.” – Der Commander.

Aiden saß dem deutlich älteren Mann, der auf den Namen „Sieben” hörte, an einem der Tische im zentralen Raum der Klescher Rehabilitation Facility, kurz KRF, gegenüber. Da es ein Redeverbot unter den Häftlingen während der Pausen gab, schwiegen sich die Männer gegenseitig an. Auch an den anderen Tischen redeten die Mithäftlinge nicht. Lediglich die Essgeräusche, das Husten der Insassen und das systematische Piepen der automatisierten Überwachungsanlagen unterbrachen die Stille. Die schwefeldurchsetzte Luft machte den Männern das Atmen ohne den im Helm integrierten Filter schwer, den sie nur zum Essen oder zum Schlafen ablegten. Untereinander scherzten die Häftlinge manchmal, dass der Schwefel, der durch jede Ritze in der Wand im KRF zu kommen schien, von außen aus großen Tanks in den Zellentrakt gepumpt wurde und die Anlage eigentlich auf einer der habitablen Zonen mit sauberer Luft auf Microtech stand.

Natürlich war diese Vermutung unbegründet, denn Aiden hatte bei seiner Verlegung in die KRF einen Blick aus dem Fenster der Cutlass erhaschen können, in der er mit einigen anderen Häftlingen transportiert wurde. Er wusste daher, dass sie auf Aberdeen waren. Dennoch verstand er diese Behauptung, denn mit jedem Tag in der Grube, gewann dieser Gedanke mehr an Realität.

Mit einem knappen Grinsen schob sich Aiden einen weiteren Löffel Brei in den Mund. Insgesamt war das System, was KRF den Insassen aufzwang, sehr undurchsichtig. Außerhalb der Minen herrschte ein striktes Redeverbot. Wann gearbeitet und geschlafen werden musste, schien beinahe dem Zufall überlassen. Manchmal hatte Aiden das Gefühl, dass er nur zwei bis drei Stunden Schlaf bekam, bevor die Sirene im Hauptraum die Häftlinge weckte. Andere Male schien es, als würde er beinahe acht Stunden schlafen können, bevor er wieder in die dunklen Tunnel und Stollen der Mine geschickt wurde. Es war schwer zu sagen, wann genau die durchdringende Sirene im Hauptraum wieder ertönte, um die Männer zur Arbeit zu befehlen. Kurzum, die Männer waren in einem willkürlichen System gefangen, das anscheinend vom Computer im Hauptraum kontrolliert wurde.

Aiden rümpfte die Nase um den omnipräsenten Schwefelgeruch aus seinen Nasenlöchern zu bekommen. Eine Angewohnheit, die sich viele der anderen Mitinhaftierten hier in ähnlicher Art und Weise angeeignet hatten. Wie konnte es nur so weit kommen? Er wusste aus seiner Gerichtsverhandlung, dass er zu vier Jahren und drei Monaten verurteilt worden war. Mittlerweile wusste er aber nicht mehr, wie lange er bereits inhaftiert war. Sein Entlassungstag hätte gestern sein können oder erst nächstes Jahr. Er hatte das Zeitbewusstsein verloren. Ohne zu wissen, welcher Tag war und wie lange er in der Grube mit den anderen schuftete; Aiden war sich sicher, dass es sein Schicksal war, Steinbrocken mit dem OreBit zu zerkleinern und einzusammeln, bis er hier schlussendlich zugrunde ging. Der Gedanke trieb ihm das Blut aus dem Gesicht und Aiden musste sich unwillkürlich an dem Tisch festhalten, an dem er saß. Sieben, der ihm immer noch gegenüber saß, schien diesen kleinen Schwächeanfall bemerkt zu haben, denn er ergriff Aidens Hand, schaute ihn mit seinem durchdringenden Blick an und flüsterte drei Worte kurz bevor die schrille Sirene wieder ertönte und die Häftlinge zum Arbeiten aufforderte. “In die Grube.” Mit einem Mal waren Aidens schicksalsergebene Gedanken wie weggefegt. Woher wusste er das?

KRF war keine Maximum Level Prison Anlage, wie das Redrock, von dem er bereits auf den Straßen von ArcCorp gehört hatte. Die Kids, mit denen Aiden in den Slums aufgewachsen war, erzählten viele Geschichten über allerlei Unsinn. Eine davon hatte er aufgeschnappt, nachdem er und seine Gang ein paar ahnungslose Touristen beklaut hatten, die sich in die unteren Ebenen der Stadt verirrt hatten. Cake war eines dieser Kids gewesen. Ein Junge, so dünn und ausgemergelt, dass ihn alle nur Cake nannten, weil er so aussah als hätte er noch nie ein Stück  Kuchen gegessen. Trotz seiner dünnen Statur war Cake ein lebhafter Bursche, der kaum jünger war als Aiden selbst. Obwohl Cake nie die Klappe halten konnte und ständig irgendeinen Unsinn erzählte, war er mit der Zeit ein Freund geworden. Er war auch derjenige, der Aiden allerlei Horrorgeschichten über Maximum-Level-Prison-Anlagen wie Redrock erzählte. Damals tat er das Gerede seines Freundes einfach nur ab, ohne zu hinterfragen woher Cake das Wissen darüber hatte. Obwohl Aiden wusste, dass Cake selber niemals gesessen hatte, stellte er langsam fest, dass diese beiden Vollzugsanlagen nicht sonderlich unterschiedlich waren. Oftmals zwängte sich Aiden der Eindruck auf, dass Cake eine zu lebhafte Fantasie hatte. Hier im KRF gab es solche kindlichen Fantasteleien jedoch nicht und er vermisste das Gerede mit seinen alten Freunden zunehmends.

Offene Gespräche waren hier im KRF nicht möglich, zumindest nicht innerhalb der Anlage selbst. Es dauerte nie lange, bis sich die automatischen Überwachungsdrohnen einschalteten, wenn die Inhaftierten anfingen, miteinander Gespräche zu führen. Der einzige Ort, an dem das möglich war, waren die Tunnel, in denen die Insassen ihre Schuld ableisten mussten. Im Grunde war auch das Reden in den Tunneln kaum möglich. Bei der harten Arbeit war der Sauerstoff zum Atmen sehr kostbar.

“Woher wusstest du, wann die Essenspause zu Ende war?” Aiden stieß die Worte förmlich heraus, während die beiden Männer mit ihrem OreBit einen Hadanitbrocken schnitten. “Jedes System hat Sicherheitslücken. Die meisten Festungen wurden in der Vergangenheit wie in der Gegenwart dazu gebaut, die Menschen daran zu hindern, sie zu betreten. Diese hier wurde gebaut, damit du sie nicht verlassen kannst. Was diese Systeme allerdings verbindet, ist eine wesentliche Sache: Sie wurden von Menschen geplant.” Siebens Worte klangen angestrengt.

Die beiden Männer unterhielten sich leise weiter, denn in den Tunneln wurde das Redeverbot der KRF nicht durchgesetzt. Sieben fuhr fort:  „In einem Abstand von drei Minuten und dreißig Sekunden rotieren die automatischen Überwachungsanlagen der KRF einmal um ihre eigene Achse. Dabei laufen die Bewegungssensoren auf den Geschütztürmen leicht versetzt voneinander. Wenn man die Geschütze zu einer Einheit von drei Anlagen zusammenfasst, bedeutet das, dass die Geschütze auf der runden Plattform in der Mitte des Zellentrakts genau so laufen, dass sie den gesamten Raum in einem Winkel von 210 Grad überwachen können.” Aiden dachte nach. Ihm war schon ziemlich früh aufgefallen, dass die automatisierten Sicherheitsanlagen im zentralen Zellentrakt in einem stets wiederkehrenden Rhythmus aufeinander abgestimmt waren. Welchem Muster dieses System folgte, war ihm jedoch nicht klar. Die eigentliche Frage war jedoch, wie konnte Sieben dieses System entschlüsseln? Keiner von den Inhaftierten hatte eine Uhr um die Zeit dafür zu messen.

Aiden bemerkte, wie seine Atmung schwerer wurde. Die Männer waren seiner Schätzung nach schon mehrere Minuten in dem der Mining-Tunnel und der Sauerstoff in den Exotanks war begrenzt. Zeit war nicht nur ein wesentlicher Faktor, wenn es darum ging die Sicherheitssysteme zu überlisten, sondern auch um in den Tunneln am Leben zu bleiben. Den letzten Satz dachte er in einer lebensverachtenden Weise, wie man ihn sich wohl nur hier in der Grube oder im Weltall bei entweichender Luft aneignen konnte. Mit einem Piepen meldete sich sein Oxiassist am Handgelenk. Es war das einzige Sicherheitssystem, das den Insassen bei der Arbeit in den Minen eine Hilfe war. Scherzhaft nannten die Häftlinge den Oxiassist „Onkel”, weil das System das Sauerstoff-Kohlendioxid-Verhältnis in dem orangenen Sträflingsanzug überwachte und sich dann meldete, wenn der Häftling zu viel Kohlendioxid ausatmete oder der Anzug undicht war. Somit war Onkel der einzige außer einem selbst, der an dem Weiterleben der Gefangenen interessiert war. Aiden beruhigte sich und fing an, seine Atemzüge langsam und gepresst durch die Lippen auszuatmen. Eine Technik, die er anfänglich von Sieben gelernt hatte und die dafür sorgte, den Puls zu beruhigen.

„Wir haben noch etwa 13 Minuten.” Sieben schien Aidens Unruhe bemerkt zu haben und schon wieder gab er eine präzise Zeit an. Aiden war verblüfft. „Wie machst…du das? Ich meine, woher kannst du genau bestimmen, wie lange…wir noch Sauerstoff haben, geschweige denn…wie lange eines der Augen  rotiert?” Er versuchte immer noch, seine Atmung zu beruhigen und presste die Worte zwischen seinen salzigen Lippen hervor. Im KRF war es wie in jeder Sicherheitseinrichtung. Alles bekam von den Inhaftierten einen neuen Namen. Der Oxiassist war „Onkel”, die Mining Tunnel „Grube”, die Zellen „Box”, die Essensspender, die jeden Tag die gleiche Protein-Haferbreimischung servierten „Buffet” und die automatisierten Geschütztürme im Zellentrakt hießen eben „Augen”.

Sieben hob die Hand um Aiden zu bedeuten, dass er seine Luft sparen solle. „Der Schwefel in der Luft greift die Bewegungsapparate der Augen an und setzt sich wie feiner Sand zwischen die Bolzen und Gelenke. Das sorgt dafür, dass sich wiederkehrende Ablauffehler in dem ansonsten so synchronen Bewegungsrhythmus der Geschütze einschleichen. Nach sieben Vollrotationen entsteht dadurch ein Zeitfenster von vier Sekunden, bevor die Anlage wieder durch ihr automatisches Protokoll justiert wird. Wir haben also alle 12,5 Minuten ein Zeitfenster von vier Sekunden, in denen wir uns im Sensorschatten der Augen bewegen können, bevor das System sich wieder synchronisiert.” Mittlerweile war Aidens Helm von innen beschlagen, aber auch ohne dass er den Gesichtsausdruck von Sieben richtig erkennen konnte, wusste er, dass er ihn angrinste. „Ich habe aber lange gebraucht, um zu erkennen, wann der Zyklus von vorne beginnt.”

Aiden war sprachlos. Onkel hatte sich wieder beruhigt und das Piepen in Aidens Helm war genauso wie die toxische Sauerstoff-Kohlendioxid-Mischung abgeklungen. Das, was folgte, fuhr dem Jungen aus den Straßen von ArcCorp aber direkt ins Mark. Es lag nicht an der düsteren Atmosphäre in der Grube, in der die üblichen Schwefelpartikel wie ein dünner Vorhang schwebten oder an den pulsierend roten Lichtern, die von den OreBits auf den Steinen und an den Wänden reflektiert wurden. Es lag daran, dass Sieben nun ein Gedicht rezitierte, welches Aidens Mutter ihm beigebracht hatte, als er noch mit seinen Eltern auf Selene im Vega System lebte, kurz bevor die Vanduul das System mit Blut überzogen.

 

“Wir schwören auf unsere Brüder,

getauft durch Krieg und Leid.

Schritt für Schritt in voller Zahl.

 

Wir schwören auf unsere Waffen,

geschmiedet in den Feuern der Tiefe.

Schritt für Schritt in vollster Qual.

 

Wir schwören auf unsere Sinne,

gefeilt durch ewiger Dunkelheit.

Schritt für Schritt gehen wir zusammen.

 

Wir schwören auf unseren Verstand,

bewerten wie schwarze Raben.

Schritt für Schritt soll’n wir entflammen.

 

Wir schwören auf unseren Glauben,

gegründet durch ewige Trauer.

Schritt für Schritt in Hitze badend.

 

Wir schwören auf unseren Hass,

entwickelt durch den tobenden Sturm.

Schritt für Schritt an der Angst labend.

 

Wir schwören auf das Leben,

Lockend und doch unerwünscht.

Schritt für Schritt werden wir uns erheben.

 

Wir schwören auf den Tod,

Trotzend und doch willkommen.

Schritt für Schritt diesem entgegen. “

(Gedicht von “Arbo”)

Aiden starrte Sieben entrückt durch seinen beschlagenen Helm an. „Ich weiß mein Junge, es gibt viele Fragen, die du dir stellst”, sagte Sieben nach einer Pause. „Es ist kein Zufall, dass wir uns hier begegnet sind. Das Gedicht, das du aus deiner Kindheit kennst, erzählt die Geschichte der Helldiver, einer geheimen Gesellschaft, der auch deine Eltern angehört haben. Es ist eines von vielen Werkzeugen, die dir deine Eltern hinterlassen haben, weil sie dich auf die Welt vorbereiten wollten, in die du nun zwangläufig hineingestolpert bist.” Sieben packte Aiden am Arm und zwang den jungen Mann wieder in die Gegenwart. „Konzentriere dich, Aiden. Das Gedicht besteht aus acht Strophen, die alle zusammen in genau 60 Sekunden rezitiert werden. In dem Rhythmus, den dir deine Mutter vor dem Einschlafen beigebracht hat, dauert jede Strophe sieben Sekunden, jede Zeile ist zweieinhalb Sekunden lang, die Pausen zwischen den Strophen und den Zeilen ist gleichbleibend genau eine halbe Sekunde. Mit diesem Gedicht hat dir deine Mutter eine Uhr gegeben, die immer gleich geht, weil sich der Rhythmus, in dem du das Gedicht in deinem Geist aufsagst, nicht verändert. Ich habe dieses Gedicht eines Tages auch lernen müssen und es hat mir geholfen, an einem Ort die Zeit zu messen, an dem es keine Uhren gibt. Das ist dein Schlüssel in die Freiheit. Aiden?”

Siebens Worte rückten immer weiter in die Ferne. Aiden fühlte sich als hätte man ihm den felsigen Boden unter den Füßen weggezogen. Ein lautes Piepen machte sich in seinen Ohren breit. Was war passiert? Es war als hätte man ihm eine Faust in den Magen gerammt. Hatten seine Eltern gewusst, was auf Aiden zukommen würde und wenn ja, auf was genau wollten sie ihn vorbereiten? Aiden taumelte, ihm wurde plötzlich schwarz vor Augen und mit einem Mal stolperte er unkontrolliert nach hinten. Hätte Sieben ihn nicht gehalten, wäre er vermutlich in einen der scharfkantigen Hadanitbrocken gestolpert und hätte sich dabei den Helm aufgerissen. Ein Umstand, bei dem eine geringe Menge Schwefel in den Anzug hätte eindringen können, da der niedrige Luftdruck im Filtersystem nicht ausreichte, das schwerere Element längerfristig in Schach zu halten. In der Sicherheitseinweisung für Neuinhaftierte, oder “Tabsies” wie die älteren Häftlinge den Neuzugang nannten, sagte man einem, dass der faulige Geruch das letzte ist, was man wahrnimmt, bevor das Gas, so wie es in der Grube vorkam, wieder geruchslos wurde und einen tötete.

Aiden hörte in der Ferne einen schrillen Ton, der das Ende der Arbeitsschicht ankündigte und spürte, wie die Taubheit langsam wieder aus seinen Gliedern wich. Sieben hatte ihn fest am Arm gepackt und zog den immer noch taumelnden jungen Mann neben sich her. „Wir haben zwölf Minuten Zeit, bis das Signal zum zweiten Mal ertönt und wir uns in die Boxen aufmachen sollen. Heute Nacht wirst du deine Box jedoch nicht mehr betreten. Denk an meine Worte, wir haben vier Sekunden nach sieben Vollrotationen der Augen, in denen wir unbeobachtet sind.” Aiden, der zwar noch leicht benommen war, aber bereits wieder einen festeren Schritt einlegen konnte, nickte. „Wo ist der Ausgang, Sieben?” Der ältere Mann tätschelte ihn auf den Helm seiner Klescheruniform. Auch wenn Aiden diese brüderliche Geste nicht spürte, hörte er doch das dumpfe Geräusch. „Der Lüftungsschacht! Es geht durch den Lüftungsschacht!”

Fortsetzung folgt!

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