Die Grube

Um aus dem im Klescher-Gefängnis fliehen zu können, ist Timing alles. Nur: Wie misst man etwas, wenn man der Zeit beraubt ist? Ein langjähriger Häftling lernt sie zu überlisten und bricht spektakulär gemeinsam mit einem jungen Insassen aus.

Von MortalMando

Teil I: Sieben

„Der erste und wesentliche Faktor ist Kontrolle. Der zweite Faktor ist Zeit. Beides wurde dir bei deiner Anreise genommen. Stattdessen haben sie dir einen abgewetzten Overall gegeben, den schon tausend Männer vor dir getragen haben. Das Einzige was daran neu ist, ist deine persönliche Identifikationsnummer, die in liebevoller Handarbeit durch die automatisierten Drohnen in den Fertigungsstätten von Hurston Dynamics gepresst wurde.“ Der Mann mit dem zerfurchten Gesicht grinste Aiden an und atmete tief durch, dann fuhr er fort. „Was sie dir mit der Aushändigung dieses Suites gegeben haben, ist das Versprechen dein Leben hier kontrollieren zu können bis du deine Zeit abgesessen hast.“

Beide Männer lehnten an einer mit Grünspan überzogenen Wand des Zellentrakts der Klescher Rehabilitation Facility, die unter den Häftlingen auch als „die Grube“ bezeichnet wurde. Das war ein Hinweis auf die Lebensumstände in dem Gefängnis, in dem der Abschaum des Stanton-Systems regelrecht „abgeladen“ wurde, damit die Insassen hier durch gemeinnützige Arbeit rehabilitiert werden konnten. Zumindest war das die Formulierung, die regelmäßig mit den so genannten „Regeln zur sozialen Wiedereingliederung“ über die Lautsprecher zu hören war, welche großzügig an den Terminals in der Mitte des Raumes verbaut worden waren. Der ältere Mann, der neben Aiden in der stickigen und schwefelhaltigen Luft stand, hörte auf den Namen „Sieben“. Aiden hatte sich immer für ein besonders smartes Kerlchen gehalten und auch wenn er bereits früh in seiner Jugend in den Slums von ArcCorp gelernt hatte, wie man Menschen dazu motivieren konnte, mehr Informationen preiszugeben als sie eigentlich wollten, so sprach kaum einer der Insassen mit ihm über Nummer Sieben.

Nein, Aiden hatte nicht viel über Nummer Sieben herausfinden können, außer, dass der Inhaftierte bereits deutlich länger hier war als die meisten anderen Gefangenen und dass er offenbar gemieden wurde. Es waren zwei Fakten, die Aiden bereits in der ersten Woche beobachtet hatte, als er hier noch ein Frischling gewesen war. Das aber war mittlerweile 103 Wochen her. In der Grube waren die Insassen anhand ihrer Inhaftierung numerisch gekennzeichnet worden. Die vollständige Identifikationsnummer von Sieben lautete 1-0-0-7. Er war ein deutlich älterer Mann als Aiden, der helle Haut, rabenschwarzes Haar, ein wettergegerbtes Gesicht und dunkle Augen hatte. Von ihm ging eine gewisse Präsenz aus, die Aiden bei den anderen Häftlingen so noch nicht beobachtet hatte.

Aufgrund der präzisen und sicheren Bewegungen, die Sieben machte, vermutete Aiden, dass er vielleicht einmal ein Angehöriger der Streitkräfte gewesen war oder zumindest in einem der gemischten Bataillone der UEE gedient hatte. Die gemischten Einheiten der UEE waren vor Jahrzehnten als Versuch des Empires aufgestellt worden, die Kluft zwischen Aliens und Menschen zu schließen – daher dienten auch Nicht-Menschen in den Kompanien. Nüchtern betrachtet waren diese Einheiten allerdings eher ein Sammelbecken für Söldner, Strafversetzte und solche Individuen gewesen, die den Militärdienst dem Gefängnis vorzogen. Betrachtete man die Fakten, so war der Dienst in einer der gemischten Einheiten bloß ein politischer Schachzug gewesen, den keiner der beiden Seiten ernst genommen hatte. Schlussendlich hatte sich das Konzept nicht durchgesetzt und die gemischten Einheiten wurden wenige Jahre nach der Aufstellung wieder aufgelöst.

Aiden räusperte sich und fragte sich, ob die Luftqualität hier jemals gut gewesen war. Dann sagte er: „Wenn du also sagst, wir haben keine Kontrolle, was ist dann mit der Zeit? Wir sind Gefangene an einem Ort, an dem es nur einen Ausgang gibt. In meinen Augen haben wir alle Zeit der Welt, bis wir hier raus kommen.“ Er zeigte kurz auf die automatische Tür in der Haupthalle, über der in großen Buchstaben „Inmate Processing“ zu lesen war. „Solange wir unsere Zeit hier nicht abgesessen haben, kommen wir nicht durch diese Tür in die Freiheit. Davon abgesehen schläft das Auge der Grube nie.“ Mit einer beiläufigen Handbewegung deutete er auf die zahlreichen automatisierten Geschütztürme, die an der großen Terminalsäule in der Mitte des Raumes und den Wänden verbaut waren. „Kontrolle ist Zeit.“ Sieben lehnte sich etwas weiter gegen die Zellenwand, sodass sein Gesicht kaum noch erkennbar war und Aiden nur noch aus der Dunkelheit von den durchdringenden Augen des Mannes angefunkelt wurde.

Aiden kannte einen ähnlichen Spruch, nur funktionierte der anders. Zeit ist Kontrolle – das leuchtete ihm ein, aber anders herum machte es für ihn wenig Sinn. „Hat dein Vater dir denn nichts beigebracht?“ Aiden spürte, wie eine Welle des Zorns durch seinen Körper schoss. Er wusste zwar nicht viel von seinem Vater, aber was wusste der Fremde, der ihm gegenüberstand, schon über ihn? Aidens Vater war Angehöriger der UEE gewesen oder zumindest hatte er ihm das als kleiner Junge stets erzählt, bevor er wieder monatelang weg gewesen war. Mittlerweile war sich Aiden aber nicht mehr sicher, was sein Vater genau gemacht hatte, denn er sprach niemals genauer darüber, genauso wenig wie seine Mutter.

„Hör zu Junge…“, Siebens Stimme durchschnitt Aidens Gedanken, „..wir werden heute unsere Flucht aus der Grube planen, aber damit du das überlebst, musst du verstehen warum Kontrolle gleich Zeit ist. Wenn du das verstanden hast, wirst du die Waffen unseres Feindes gegen ihn selbst einsetzen können; an einem Ort, an dem du keine Uhrzeit hast, an dem du niemals Tageslicht siehst und an dem der Feind denkt, alle Karten in der Hand zu haben. Wir werden dem Feind zeigen, dass er die Illusion der Kontrolle nicht für uns geschaffen hat, sondern für sich selbst.“

Zu Teil II

.
You cannot copy content of this page