Der Bergkönig

Scenic Cruise: Wie Nordlicht Aviation im Stanton-System eine neue Heimat gefunden hat
Von Friedrich Winters

ÜBER CRUSADER IN DEN WOLKEN, 2951

Die „Nordlicht Eins“ gleitet friedlich durch Crusaders Atmosphäre – ein fantastisches  Naturschauspiel. Strahlend erhebt sich Stanton über den Horizont und tastet sich mit seinen Strahlen immer tiefer in die Wolkenformationen des rot schillernden Gasriesen vor. Ich sehe es, erkenne, wie schön es ist, doch es berührt mich heute kaum. Meine Gedanken kreisen. Die vergangenen Wochen waren ereignisreich und anstrengend. Ein Geschäftstreffen mit potentiellen Partnern und Kunden jagte das nächste, dazwischen quetschte ich die Vorarbeit für die kommenden Kreuzfahrttouren. Es war ein Marathon aus Erkundungsflügen, Verhandlungen und  Planungstreffen. Ich bin müde. Vielleicht werde ich alt. Vielleicht sollte ich aber auch nur ab und zu schlafen. Dann noch der Ärger mit Crusader. Diese selbstgerechten Schnösel! Erst machen sie auf Charity und dann wollen sie Orbitalbomber unters Volk bringen. Sicher hätte ich diplomatischer sein können und vielleicht hätte ich das wochenlange Landeverbot in Orison dann vermeiden können. Aber manchmal muss man mal offene Kritik äußern, ohne Rücksicht auf die negativen Folgen. Nun fliegt Nordlicht auch wieder zu dem Gasriesen. Ich blicke hinunter zu den Strukturen der Wolkenstadt. Gleich beginnt das Crew Meeting. Der Copilot macht ein paar Einstellungen, dann nickt er mir zu.

“Alles klar, Friedrich, ich bin so weit und ich glaube du musst nach unten.”

Ich richte das Schiff aus, transferiere ihm die Steuerung und klopfe dem Co-Piloten auf die Schulter.

“Dein Schiff.”

Dann mache ich mich auf den Weg zu der Konferenz ein Deck tiefer. Die Aussicht dort ist ähnlich spektakulär, doch auch hier hat keiner der Anwesenden einen Blick dafür. Ich lasse kurz den Blick über die Anwesenden schweifen. Kora Engström, Steven Torres und Laurin O’Graynes schauen mich erwartungsvoll an. Sie wirken angespannt und gereizt. Viel habe ich in den zurückliegenden Monaten von ihnen verlangt. Viel werden wir noch leisten müssen. Die meisten erklärten mich für verrückt, als ich vor ein paar Jahren beschloss, mit Nordlicht Aviation das Ellis-System hinter mir zu lassen und in Stanton einen Neuanfang zu wagen. “Du bist um die 80. Warum tust du dir das noch an? Lehn dich zurück. Lass los und tritt etwas kürzer. Was zum Teufel willst du mit einem Touristikunternehmen in Stanton, wenn du in Ellis etabliert bist?” Doch ich habe die Entscheidung, nach Stanton umzuziehen, nicht bereut. Ich hoffe, sie haben es nicht bereut mitzukommen.

Ich setze mich.

“Also gut Leute. Der Linienverkehr Port Tressler, Everus läuft so weit. Bajini und Orison stehen ab sofort zweimal wöchentlich auf dem Flugplan. Mit den Dockingtunneln gab es jetzt auch weniger Probleme. Nun wird es Zeit, unsere Kreuzfahrten wieder zu beginnen.”

“Friedrich, meinst du wirklich, es ist eine gute Idee, die Helldiver mit der Security zu beauftragen? Wir kennen diese Jungs kaum und ich fürchte, es wird auch teuer. Unsere Rücklagen schrumpfen bedenklich.”

Ich weiß genau, wie sehr es Kora wurmt, dass wir nun externe Sicherheitsdienstleister engagieren müssen.

“Kora. Steven. Ihr beide leistet hervorragende Arbeit, aber ihr wisst, wie unser Team seit dem Umzug geschrumpft ist. Stanton ist nicht Ellis. Wir brauchen Partner vor Ort. Das mag teuer sein, aber wenn wir hier bei der Sicherheit sparen, kann es Zwischenfälle geben. Ich riskiere nicht unseren Ruf. Das käme uns weit teurer zu stehen. Brubacker hat mir auch bestätigt, dass die Jungs ihr Handwerk verstehen.”

“Brubacker!”

Kora rollt mit den Augen. “Was hast du nur mit diesem Journalisten? Seine Geschichte klingt doch arg schräg. Ich könnte ein paar Advocacy-Kontakte nutzen und ihn etwas durchleuchten…”

Ich unterbreche sie, ruhig aber bestimmt. “Nein. Das will ich nicht. Kümmere du dich mit Laurin um mehr Unterstützung für die Sicherheitspetition an Pax Humana. Ich wüsste nicht, warum John mir einen Bären aufbinden sollte.”

“John. Aha, soweit ist es…”

Ich überhöre Koras Kommentar und fahre fort.

“…also wie gesagt. Ich habe nicht den Eindruck, dass John falsch spielt. Aber lassen wir das. Das Thema ist erledigt. Weiter. Wie steht es mit der ENOK?”

Die Stimmung ist angespannt. Jetzt, da wir über John Brubacker reden, muss ich dran denken, wie ich uns beide mit der Cutlass Black ENOK im Nebel  gegen einen Asteroiden geflogen habe. Ärger, Wut und Scham mischen sich in mir. Es war ein dämlicher, lebensgefährlicher Fehler. Steven schaut auf sein Mobi.

“Tja, das wird noch ein wenig dauern. Du warst echt gründlich, aber in drei Wochen sollte sie wieder fliegen. Allerdings solltest du Garnsky ein paar Monate aus dem Weg gehen.”

Trocken. Keine Ironie, kein süffisantes Lächeln, kein Vorwurf. Steven wie er leibt und lebt.

“Okay, dann zu deiner geliebten Petition…”

Kora reißt sich merklich zusammen und es tut mir leid, sie so abgekanzelt zu haben. In Ellis hatte sie eine schlagkräftige Sicherheitstruppe aufgestellt, doch kaum jemand machte den Wechsel nach Stanton mit. Dennoch folgte sie mir, ohne auch nur die Option zu erwägen, Nordlicht den Rücken zu kehren. Sie fährt fort: “Auch wenn es mir nicht gefällt, aber ich denke du hast recht: Crusader kann die Petition nicht mit offenen Sanktionen beantworten. Deine Mail an die PR ist zwar ein unnötiger Seitenhieb, wird aber ohne Konsequenzen bleiben. Crusader wird die Initiative komplett ignorieren. Wie der Rest der Branche auch.”

Ich nicke.

“Und dennoch will ich sie einreichen. Sie ist mein Beitrag, ein Angebot für Frieden und Sicherheit. Nicht jeder Funke kann ein Feuer entfachen. Aber ich werde nicht tatenlos in der Kälte sitzen und auf einen Blitz hoffen. Die A2 privat zu verkaufen ist Irrsinn, dass muss doch jeder einsehen. Ich fordere ja kein Ende der privaten Sicherheitsfirmen, noch nicht mal echte Abrüstung, auch wenn ich das befürworten würde, sondern nur den Verkauf solcher Zerstörungsmaschinen stärker zu beschränken. Alle beteuern, für Sicherheit und Frieden zu brennen und braten sich doch ihr fettes Festmahl auf dem Feuer des Krieges.”

Das war doch ein wenig zu pathetisch und ein peinliches Schweigen hängt über unserer Runde.

“Verbrenn’ du dir nur nicht die Finger an deinen Metaphern, wenn du mit dem Funken des Friedens über den Vulkan deiner Empörung pilgerst, um den Scheiterhaufen der Erneuerung zu entzünden”, murmelt Laurin leise, doch gut vernehmbar.

Einen Moment bleibt es still. Dann prusten wir los. Alle zusammen. Ein lautes, gemeinsames, befreiendes Lachen. Es tut gut.

Ich bin stolz auf mein Team und freue mich, es an meiner Seite zu wissen. Wir werden es schaffen. Zusammen. Ich schaue nach draußen und kann sie wieder sehen, kann sie spüren: Diese Schönheit, diese Faszination. Das ist er – mein Funke, der noch nicht verloschen ist.

MICROTECH

Für viele ist Microtech nur eine eisige Kugel, auf der ein Techkonzern das allgegenwärtige Mobiglas entwickelt. Schroffe Gebirge. Endlose gefrorene Ozeane, dazwischen ein paar sturmumwehte Nadelbäume, bedeckt mit Schnee und Eis. Es wirkt, als wäre der Planet schon immer so gewesen. Doch dabei ist es gerade einmal einhundert Jahre her, seit der offiziellen Entdeckung und dem missglückten Terraforming, das dem Planeten sein heutiges, eisiges Gesicht gab. Doch dieses Gesicht ist weit mehr als nur schwarz, grau und endloses weiß.

Meine Origin 400i fliegt schon eine ganze Weile über waldiges Gebiet. Grün und orange-braune Farbtöne mischen sich zu einem Mosaik, das sich – durchzogen von blumenbestandenen Plateaus und felsigen Bergen – bis zum Horizont erstreckt. Eine idyllisch milde, beinahe warm anmutende Landschaft zieht unter mir vorüber. Ruhig schießt die 400i dahin und erreicht bald wieder ein schneebedecktes Gebirge. Ich blicke auf die Navigationsanzeige. Nur noch wenige Kilometer. Ich reduziere die Geschwindigkeit und suche die Landschaft ab. Dort vorne ist es. Ein klaffendes Loch in der weißen Ebene. Hoffentlich findet sich in der Nähe der Höhle eine gute Landemöglichkeit. Nach einigen Überflügen entscheide ich mich für eine Lichtung. Die schlanke Origin bockt leicht im Wind. Schneeböen nehmen mir kurz vor dem Aufsetzen fast komplett die Sicht. Ein leichter Ruck, dann fahre ich die Triebwerke herunter.

Zwei Stunden später stehe ich am Abgrund. Gähnend schwarze Leere breitet sich unter mir aus. Es ist abstoßend und anziehend zugleich. Sie lässt mich zurückschrecken und fängt doch meinen Blick ein. Fesselt ihn, ohne ihr Geheimnis zu offenbaren. Haltlos irrt der Lichtkegel meiner Helmlampe durch das Nichts. Mein Gehirn versucht die Schwärze mit etwas Sinnvollem zu füllen, wühlt dabei in den verstaubtesten Ecken meines Unterbewusstseins und wirbelt dabei sinnlose Schreckgespinste auf. Unbehagen windet sich durch meinen Körper und ich spüre, wie sich meine Nackenhaare aufstellen.

Verdammt, ich bin einfach zu müde. Es ist doch nur eine Höhle. Ein großer, aber begrenzter Raum. Steine, Luft und Schatten. Es ist erstaunlich: Im All gibt es so viel Nichts, darin nur ein paar leuchtende Pünktchen. Dort aber sieht sich mein Kopf selten genötigt, etwas dazu zu fantasieren.

Ein Blatt verirrt sich in das Sinkhole und tanzt an dem Felssims vorbei, auf dem ich stehe. Langsam trudelt es in die Tiefe. Ich versuche es im Blick zu behalten, doch ich verliere es noch lange bevor es den Boden erreicht. Merkwürdig, der nächste Laubbaum muss über 20 Kilometer entfernt sein. Manche Dinge gehen seltsame Wege. Ich lasse den Blick umherschweifen. Das mulmige Gefühl verschwindet langsam, aber ich fühle mich immer noch winzig. Die Ausmaße der Höhle sind einfach gigantisch. Unmöglich, hier hinab zu steigen. Unmöglich hinaufzuklettern – unmöglich, Rick?

Rick Targoli. Viel habe ich mich mit seinem Schicksal beschäftigt. In zwei Wochen lädt Nordlicht Aviation zum ersten Cruise im Stanton-System ein und er wird Targoli gewidmet sein und dem „Bergkönig“, dem er verfiel. Eine atemberaubende Kulisse, gleichzeitig eine düstere Geschichte: Ein junger Mann stürzt in eine Höhle. Allein. Verschollen. Verloren. Doch während er dort im Inneren des Berges gefangen sitzt, entdeckt er dessen Schätze. Er wächst über sich hinaus, kann sich retten. Doch auch wenn er der Höhle entkommt, ist er dem Fluch der Gier verfallen. In dem Versuch, den Schatz für sich zu behalten, schlägt er eine sichere Rettung aus und stirbt am Ende doch. Es klingt wie aus einer griechischen Tragödie und ist doch heutige Realität. Unsere Welt hat sich geändert. Aber wir selbst? Ich stelle mir vor, wie Rick Targoli dort unten in der Dunkelheit sitzt, wie er auf Rettung gehofft hat und sich dann immer weiter in den Berg und zu dessen Schätzen zurückzieht. Wie er mit einem Felsen redet, der wie eine Königsbüste anmutet, wie er langsam den Verstand verliert.

Es ist ein mahnendes Schicksal, doch ist es zu tragisch für eine Besichtigungstour? Ich schiebe den Gedanken fort, lenke mich mit praktischen, konkreten Fragen ab. Was gibt es noch vorzubereiten? Welche Tour bieten wir danach an? GrimHex war eine Option. Aber nach dem Gespräch mit Kjeld Stormanson, dem Kommandanten einer dort ansässigen Sicherheitsfirma, scheint es doch keine so gute Idee zu sein. Das Outlaw-Flair, die Rennen, die Geschichte der Station – daraus ließe sich bestimmt einiges machen, aber Stormanson hat Koras Bedenken bestätigt, dass von den Bewohnern von GrimHex keine überbordende Begeisterung über Reisegruppen zu erwarten wäre. Aber ist es ein Wunder? Ninetails, GrimNecks und Hacker, BDTs oder wie sich diese Techies nennen – es sind alles Menschen, die anderswo kaum willkommen sind. Da kann man wohl im Gegenzug auch keine Gastfreundschaft erwarten. Immerhin scheint Stormansons Truppe TYR ein viel versprechender Partner für onBoard-Security für Nordlicht werden zu können.

Die Abenddämmerung bricht herein und ich mache mich an den Aufstieg zurück zu meinem Schiff. Er zieht sich und es ist schon recht dunkel, als ich endlich meine 400i erreiche. Ich gehe an Bord, dusche und esse. Ich blicke auf den Terminplan. In sechs Stunden treffe ich mich auf Port Tressler mit John Brubacker und Nick Cartago, um die letzten Details des Scenic Cruise auszuarbeiten. Zeit für ein bisschen Schlaf, doch ich komme kaum zur Ruhe. Tausend Dinge schwirren mir durch den Kopf, während ich in einen unruhigen, traumreichen Schlummer sinke. Immer wieder die Höhle. Targoli. Die Dunkelheit. Der Bergkönig. Ich schrecke hoch. Wie muss das sein, eingesperrt zwischen Reichtum und Tod? An Schlaf ist nicht mehr zu denken, ich stehe auf und blicke aus dem Fenster. Draußen ist die Nacht kalt, aber klar. Ein leichter Schimmer zeigt sich im Osten. Bald wird die Sonne aufgehen.

Ich ziehe mich warm an und gehe ein Stück bis zum nächsten Höhenrücken. Dort setze ich mich hin. Hinter mir liegt die Höhle. Der Abgrund. Ich drehe mich nicht um. Vor mir erhebt sich die Sonne. Ich sehe die schneebedeckte Ebene. Ich spüre Stantons Strahlen im Gesicht. Kalte Luft füllt meine Lungen. Es riecht nach Schnee. Lange bleibe ich sitzen. Es ist wunderschön. Ich lebe.

ZWEI WOCHEN SPÄTER

Der große Tag ist da. Den Linienverkehr in Stanton hat Nordlicht schon seit Monaten aufgenommen. Aber heute gibt es den ersten Scenic Cruise. Unter dem Motto “The Untold Stories – das Geheimnis des Bergkönigs” werde ich die Gäste auf Rick Targolis Spuren führen und sie dabei zu den Wundern und Geheimnissen Microtechs leiten. Die „Nordlicht Eins“, eine 890 Jump von Origin Jumpworks, das Flaggschiff von „Nordlicht Aviation“,  liegt bereit an Docking Port 02 in Port Tressler. Die Helldiver gehen an Bord. Dann folgen die Gäste, eine gemischte Truppe aus regionalen Wirtschaftsgrößen und Privatpersonen, die sich etwas gönnen wollen.

Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass wir im Zeitplan liegen. Erlaubnis zum Abdocken erteilt. Die Backborddüsen zünden und wir sind frei. Majestätisch schiebt sich die 890Jump unter dem Sternenzelt vorwärts. Über das Intercom verfolge ich die Ausführungen Nick Cartagos zu Port Tressler und Microtech. Ein Glücksfall, der Mann. Er macht seine Sache hervorragend und ich konzentriere mich ganz auf das Fliegen. Das Radar zeigt den Geleitschutz der Helldiver in Position. Für unsere Sicherheit ist  gesorgt.

Im Sitz links neben mir ist Vasco Piccard. Er ist damit beschäftigt ein paar Anpassungen des Energiesystems vorzunehmen. Der Vertragstechniker für diesen Flug arbeitet sonst für die Yellowhands, einen lokalen Sicherheitsdienst aus Hurston. Arjun, der eigentlich Dienst gehabt hätte, steckt mit einem Triebwerksschaden in Crusader fest. Der Cruise verläuft wie geplant. Unter sternenklarem Himmel besuchen wir den Emergency Shelter und ich erzähle Targolis Geschichte.

Dann geht es weiter. Während unter uns die Weiten der Calhoun Ebene im Dunkeln vorüberziehen, bewirten Brubacker und Cartago die Gäste in der Bar. Wir passieren die drei Schwestern, eine kleine Bergkette, die nach frühen Minern auf dem Planeten benannt ist, und erreichen die Tundra vor einem weiteren Gebirgsmassiv. Vor uns braut sich ein Blizzard zusammen. Die Sicht wird schlechter, macht die Sichtnavigation beinahe unmöglich. Schon oft bin ich die Route geflogen, dennoch  habe ich nun Mühe, mich zu orientieren. Endlich erfasst das Licht der mächtigen Scheinwerfer des Schiffes die Landezone und ich bin erleichtert, als ich die Triebwerke nach einer ruhigen Landung herunterfahre.

Die „Nordlicht Eins“ passt nicht in die Höhle, die wir besichtigen wollen und wir müssen in eine Valküre der Helldiver umsteigen. Alle ziehen sich ihre Raumanzüge an, dann laufen wir geduckt durch den Schneesturm zu unserem martialischen Höhlentaxi.

Es fröstelt mich und ich bin froh, als wir einsteigen können. Verstohlen mustere ich die Gäste. Muten wir meinen Kunden zu viel Abenteuer und Unannehmlichkeiten zu? Doch meine Sorge scheint unbegründet. Die Stimmung in der Reisegruppe ist gut. Der Flug zur Höhle ist zunächst ein wenig turbulent, doch als sich die Heckklappe der Valküre öffnet, ist es wieder ruhig. Nur gedämpft dringt der Lärm des Sturmes die fast 300 Meter zu uns in den Höhlenschlund hinab. Mit Bedacht arbeiten wir uns durch die Höhle. Ich habe versucht für die Reisegruppe einen spektakulären, aber sicheren Weg zu finden, doch bleibt er steinig und unwegsam. Schwungvoll klettere ich über einen Geröllbrocken an der Seite des Ganges und schlage dabei mit dem Helm an einen herabhängenden Vorsprung. Es gibt ein unschönes Knirschen. Ist mein Helm beschädigt? Egal, wir sind auf Microtech. Hier ist die Atmosphäre ungefährlich. Die Höhle birgt viele Bodenschätze, aber auch ein paar Pflanzen und einige der größten bekannten Glühwürmchenpopulationen in Stanton.

Unbeirrt führe ich die Reisegruppe zu meinem persönlichen Highlight, dem Bergkönig. Erhaben thront er in dem Gewölbe. Sein weißes Haar wallt den Nacken herunter. Ich stelle mir vor, wie Targoli ihn gesehen haben muss, ihm in seinen Gedanken Leben einhauchte. Wie er zu ihm sprach. Der Bergkönig bewegt sich. Nein, die ganze Höhle gerät plötzlich in Bewegung. Verschwimmt. Was ist das für ein Geruch? Der Boden kommt auf mich zu – Dunkelheit, Stimmen, Aufregung, Licht, Schemen.

Ich erwache auf der Krankenstation der „Nordlicht Eins“. Neben mir steht ein Sanitäter der Helldiver.

“Was ist passiert?”

“Ihr Helm war undicht. Es waren giftige Dämpfe in der Höhle.”

“Hmm. Und die Gäste?”

“Sind noch mit Cartago und Brubacker in der Höhle. Ein Abbruch stand im Raum, aber dann wurde entschieden, mit der Höhlentour fortzufahren. Es geht allen gut und sie haben die Tour wie geplant fortgesetzt. Sie waren bewusstlos, darum haben wir Sie versorgt und hierher gebracht.”

Ich nicke erleichtert. “OK. Vielen Dank. Ich geh dann wieder auf die Brücke.”

Der Helldiver sieht mich zweifelnd an.

“Sind sie sicher, Sir?”

“Absolut.”

Langsam richte ich mich von der Liege auf. Ich versuche aufzustehen. Es klappt, wenn auch etwas unsicher. Verdammt – was für eine Blamage. Der erste Cruise und gleich landet der Chef mit undichtem Anzug auf der Krankenstation. Egal, Hauptsache, die Höhlenführung konnte fortgesetzt werden. Ich öffne mein Mobi und schalte auf das Helmfeed von Cartago, dem Reiseführer. Gerade nähert sich die Reisegruppe der Valküre, um die Höhle wieder zu verlassen. Soweit so gut.

Ich glätte meine Uniform und laufe durch die leeren, blitzsauberen Flure der 890Jump, nehme den Aufzug hoch in die Bar. Alles ist ordentlich und bereit, die Gäste auf dem Rückflug angemessen zu versorgen. Ich schüttele die letzte Benommenheit ab. Gleich kommen die Gäste an Bord. Es ist Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen.

Auf der Brücke breitet sich vor mir ein weißes Winterparadies unter strahlend blauem Himmel aus. Von dem Blizzard keine Spur mehr. Nur einige Tannen hüllen sich weiterhin in einen dicken weißen Schneemantel, eingefroren in sturmgebeugter Position. Der nächste Sturm kommt bestimmt. Neben der „Nordlicht Eins“ setzt bereits die Valküre der Helldiver auf, eng geschützt von einer brandneuen Redeemer. Der Fahrstuhl bringt die Gäste wohlbehalten an Bord und die Kabinencrew meldet Abflugbereitschaft. Summend erwachen unsere Triebwerke und wirbeln Pulverschnee auf. Ich erhöhe den Schub. Einen kurzen Moment noch halten die Landestützen den Kontakt mit Microtech, ehe sich 45.000 Tonnen sanft in die Luft erheben. Die Sicht ist brillant. Backbord am Horizont erahne ich Shubin Mining Facility SMO 18. Wir fliegen wieder an den Rand der Calhoun Ebene, die nun im Licht Stantons erstrahlt. Neben uns ragen erneut die drei Schwestern auf. Ich überfliege einen,  bei der Zählung und Namensgebung sehr stiefmütterlich behandelten, kleineren Nebengipfel und ziehe die 890Jump hoch in den kalten, klaren Winterhimmel.

Als das Blau langsam dunkler wird und erste Sterne erkennbar werden, fährt der Quantumantrieb hoch. Sekunden später katapultiert er uns in den Luftraum über New Babbage. Die „Nordlicht Eins“ geht sanft in den Sinkflug. Der Spaceport wandert nach Steuerbord aus, während die Wolkenkratzer vor und um uns empor wachsen, als wir uns der Stadt nähern. Wie ein Wald aus monolithischen Kristallsäulen ziehen die Gebäude schließlich vorüber – New Babbage das Juwel von Microtech? Ich korrigiere den Kurs und sinke noch etwas weiter.

“Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Kapitän, bitte begeben sie sich auf die obere Lobby und genießen Sie den umfassenden Ausblick auf die Firmenzentrale von Microtech.”

Ich zögere kurz. Soll ich es wirklich tun? Ich muss grinsen. Dann habe ich mich entschieden: Wir werden bei Microtech jetzt einige Bürohengste durchschütteln. Das Hotel „Aspire Grand“ liegt  genau auf unserem Kollisionskurs. Ich ignoriere die Warnung des IFCS. Die Öffnung in dem Hochhaus, zuerst  scheinbar ein Nadelöhr, weitet sich bei der Annäherung. Majestätisch gleitet die „Nordlicht Eins“ durch das gigantische Bauwerk. Genau in der Öffnung zünde ich den Nachbrenner. Grollend beschleunigt die Megayacht und lässt den fast zwei Kilometer hohen Gebäudekoloss hinter sich zurück. Zur rechten Seite brennt über dem Tobin Expo Center ein Feuerwerk für die aktuell laufende Intergalactic Aersopace Expo. Es ist ein gelungener Abschluss für die Tour.

“New Babbage Control, hier 890jump Nordlicht Eins, fünf Klicks northwest Bravo Bravo Golf at 800 climbing 1500, request landing.”

“Nordlicht Eins, Contact, cleared visual, via TRAKS Hangar 19 BBG.”

“Cleared Visual Via TRAKS Hangar 19 at BBG, Nordlicht Eins.”

Die Landestützen fahren aus.

“Nordlicht Eins, Cleared to Land. After Shutdown immediately report to Flight Control Office.”

“Cleared to Land, Nordlicht Eins. WILCO.”

Das ging schnell. Da hatte jemand aus dem Aspire Grand wohl einen guten Draht zur Flugaufsicht. Der Ärger könnte etwas teuer werden, aber ich hatte auch nicht erwartet, dass es unbemerkt bleibt wenn eine 200 Meter lange Yacht nur wenige Meter neben der Chefetage des Megakonzerns vorbeifliegt. Als ich die leuchtenden Augen der Gäste beim Aussteigen sehe, weiß ich: Das war es wert. Manchmal muss man sich auch etwas Spaß gönnen – wenn man ihn sich leisten kann.

“Meine Damen und Herren, wir haben den New Babbage Spaceport erreicht. Wir bitten Sie nun, das Schiff über den rückwärtigen Personenfahrstuhl zu verlassen. Vergessen Sie beim Aussteigen nicht Ihr Handgepäck. Wir hoffen, Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt bei uns an Bord. Das Team von Nordlicht Aviation und Radio Infinity bedankt sich herzlich und würde sich freuen, sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen. “

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