Bei den Helldivern

Zu Besuch bei der „Helldiver Rettungseinheit“ – Abwurf aus einem Raumschiff inklusive
Von John Brubacker

Als sich die Heckklappe senkt, bricht die Hölle los. Wind tost herein in den Laderaum der Valkyrie, es wird schlagartig kalt. Über das Funkgerät höre ich nur noch schwach ein paar Kommandos, dann stürzen wir auch schon hinein in eben diese Hölle. Wie hatte Commander Mando zuvor gesagt? Ich solle probieren, mein Frühstück bei mir zu behalten. Ein netter Ratschlag – ich versuche zunächst mal nur, bei Bewusstsein zu bleiben. Ich schlage mit dem Helm hart an die Kopfstütze des Beifahrersitzes und nehme aus zugekniffenen Augen gerade noch wahr, wie unser Schiff über uns rasend schnell kleiner wird. Wir fallen aus rund 800 Metern Höhe in einem Tumbril Cyclone dem Planeten Microtech entgegen – das also ist ein „Helldive“…

Eine Stunde zuvor.

„Es ist schön, Sie wiederzusehen.“ Commander Mando von den „Helldivern“ wartet bereits auf dem Dach des Aspire Grand-Hotels in New Babbage. Wir hatten uns ein paar Monate zuvor bereits kennen gelernt, als seine Organisation die Sicherung eines Microtech-Managers übernahm, während dieser sich die zerstörte Raumstation Spacehub Gundo angesehen hatte (s. Artikel „Heiße Chips“).  Auch bei der „Verse 24“-Sendung war mir Commander Mando wieder über den Weg gelaufen, hatte sich für Paul Le Salle als künftigen Imperator eingesetzt und für die Ausweitung von privaten Sicherheitsfirmen im Verse plädiert. Danach hatte ich den Commander angeschrieben, ob sich „Off the Record“ nicht einmal aus nächster Nähe ansehen dürfte, wie so ein Einsatz eigentlich genau abläuft und wie ein modernes privates Sicherheitsunternehmen arbeitet. Wie nah das sein wird, ist mir auf dem Dach des Hotels freilich noch nicht klar.

„Wir werden sofort abgeholt.“ Commander Mando drückt mir ein Funkgerät in die Hand. „Damit können Sie heute alles mithören.“ Ich nicke und verbinde das Gerät mit meinem Mobiglas. Fortan kann ich direkt im Helm verfolgen, was und worüber die anderen „Helldiver“ sprechen. „Wir sind davon unabhängig, können also frei miteinander reden.“ Ich nicke erneut. Die „Helldiver“, so hatte auf dem Einladungsschreiben gestanden, sind eine Rettungseinheit „die dort hingeht, wo andere aufgeben“. Gegründet im Jahr 2712 nach einem Angriff der Vanduul auf  das Orion-System, operieren sie unabhängig von den Entscheidungen und politischen Interessen der UEE. Vor allem ein Wort habe bei ihnen einen besonderen Stellenwert – das der „Verantwortung“.  

Ein Dröhnen erfüllt die Luft und am Himmel erscheint schließlich eine Valkyrie – das heutige Operationsschiff. „Bitte folgen Sie mir, wir wollen uns hier nicht zu lange aufhalten.“ Ich sehe, wie sich zwei weitere „Helldiver“ links und rechts der Heckklappe positionieren, während wir schnellen Schrittes in das Schiff laufen. Kaum sind wir an Bord, hebt die Valkyrie auch schon wieder ab. „Wir treffen uns nahe des Raumhafens mit einer weiteren Valkyrie, nehmen jeweils zwei Tumbrils auf und  fliegen dann ins Operationsgebiet.“ Commander Mando, selbst Einsatzleiter mit langjähriger Erfahrung und zudem Ausbilder bei den „Helldivern“, kümmert sich heute ausschließlich um mich, den Reporter. „Alles Wichtige hören Sie über Funk. Wir wollen während des Einsatzes aber nur so wenig wie möglich stören. Und keine Angst: So bekommen Sie dennoch den besten Eindruck.“

Tatsächlich wirkt es fast so, als würde man aus der Cockpitscheibe schauen – jede Kommunikation und jedes Kommando, das ich nun über Funk verfolge, ist knapp und präzise, wird sauber beendet – Höhe, Flugzeit, Ankunftszeit – wer mit wem spricht und warum. Fast meint man, die Abläufe sehen zu können. „Wie viele sind heute im Einsatz?“ Commander Mando beendet eine kurze Absprache mit einem seiner Kollegen, dann sagt er: „Heute sind wir zwölf.“ Ich staune: Um zwölf Personen effektiv miteinander sprechen zu lassen, ist sicher eine gehörige Portion Disziplin, eine schnelle Auffassungsgabe und vor allem jede Menge Koordination nötig.

Das Verladen der Fahrzeuge geht ebenso schnell vonstatten wie die Landung auf dem Dach. Die Fahrzeuge sind im Handumdrehen verstaut, dann geht es auch schon weiter. Nachdem wir wieder Platz genommen haben, frage ich Commander Mando, wie oft sie eigentlich trainieren – und zu meinem Erstaunen sagt er: „Mehrfach pro Woche.“ Nur durch fortwährendes Üben der immer gleichen Abläufe stelle sich irgendwann schließlich die Routine und das nötige Selbstvertrauen in das eigene Können ein, das in kritischen Situationen den entscheidenden Unterschied mache. 

Bis zum Einsatzort dauert es gut 20 Minuten, wir haben Zeit – und unterwegs versuche ich ein wenig, ihn aus der Reserve zu locken: „Sie schrieben auf Ihrer Einladung, dass private Sicherheitsfirmen eine Gratwanderung an der Grenze zur Legalität betreiben. Was meinen Sie denn genau damit?“ Er zögert kurz, antwortet dann, dass ihm durchaus bewusst sei, dass die „Helldiver“ manchmal auch in einer Grauzone operieren würden. Meine Frage, ob die „Helldiver“ zum Beispiel auch einen gesuchten Drogendealer retten würden, umschifft er ein wenig, antwortet dann: „Wir sind keine Richter. Zunächst einmal erfüllen wir unseren Auftrag.“ Gerade im Stanton-System, das aufgrund der Verkäufe der Planeten an Megacorps mit einer Vielzahl verschiedener Gerichtsbarkeiten konfrontiert sei, sei das ohnehin ein schwieriges Thema. Da es aber auch eine interne Vorauswahl der Aufträge gebe, versuche das Unternehmen gar nicht erst in eine derartige Zwickmühle zu geraten.

Ich lasse es dabei bewenden, auch wenn man über das Thema Söldnertum natürlich noch lange kontrovers diskutieren könnte – schließlich sind auch die „Helldiver“ am Ende Söldner, weil sie für ihre angenommenen Aufträge entlohnt werden. Söldner sind per defintionem gegen Bezahlung angeworbene, zumeist zeitlich befristete dienende und durch Vertrag gebundene Soldaten. Gleichwohl setzt ja die Advocacy selbst auf private Sicherheitsunternehmen, weil sie den vielfältigen Herausforderungen im Verse mit staatlichen Kräften selbst kaum noch Herr wird. Doch wie dem auch sei: Wir hören über Funk nun das Kommando „Achtung, Konturenflug“. Ich spüre, wie es sich im Magen hebt und senkt, offenbar nähern sich die beiden Valkyries nun in Bodennähe ihrem Ziel. Dann lautet der Befehl auch schon: „Fertig machen für den Helldive!“

„…wenn Sie bitte folgen würden.“ Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet – doch als ich schließlich auf den Beifahrersitz eines Tumbril Cyclone gebeten werde, ist es mir schlagartig klar. Sekunden später öffnet sich auch schon die Heckklappe des Schiffes und wir fallen direkt vom Himmel….bis zum harten Aufschlag in Microtechs Tundra. Ich schaue mich um, brauche einen Moment, um mich zu orientieren. Es ist kaum zu glauben, dass wir das überlebt haben. Commander Mando, der in einem weiteren Fahrzeug abgesprungen war, funkt mich an. „Geht’s Ihnen gut? Frühstück noch drin?“ Ich strecke mich einmal durch. „Teilweise.“

Die Valkyries fliegen in der wunderschönen Abenddämmerung des Planeten eine weite Kurve, wir übernehmen am Boden ab sofort die Aufklärung. Ohne große Pause geht es weiter – wie beim Militär gilt offenbar auch hier: Immer in Bewegung bleiben. Mein Fahrer steuert direkt das zwölf Kilometer entfernte Ziel an – einen verlassenen Bunker, in dem geübt werden soll, wie man darin taktisch gegen Feinde vorgeht. „Es gilt zu lernen, sowohl koordiniert zusammenzuarbeiten als auch eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen“, erklärt Commander Mando unterwegs. „Jeder Helldiver soll auch autark operieren können. Wie fördern und fordern daher auch ein hohes Maß an Flexibilität.“ Jedes Mitglied durchlaufe dabei zunächst eine Grundlagenausbildung. Dabei gelte stets die Prämisse der „Helldiver“: „Schnelligkeit geht vor Schutz geht vor Ausdauer.“

Schließlich erreichen die vier Fahrzeuge den Bunker. Mit den Geschützen der vier Tumbrils sind die bodenstationierten Abwehrtürme schnell Geschichte, die Valkyries rücken nach, dann geht es in den Bunker hinein. Was nun folgt, erinnert fast ein wenig an Ballett: Ständig drehen sich die „Helldiver“ um die eigene Körperachse, sichern sich immer wieder nach allen Seiten ab, prüfen sowohl nach vorn als auch nach hintern unablässig, ob es gegebenenfalls Feindkontakt gibt. Auch wenn es diesmal nur eine Trockenübung ist, so agieren die „Helldiver“ doch so, als wären sie unter Feindbeschuss. „Überschlagene Sicherung“ heißt das im Fachjargon.

Dann gibt der heutige Einsatzleiter das Kommando, das Training zu beenden. Bevor es jedoch nach Port Tresslar zum Debriefing geht, folgt erneuter Beschuss – und zwar der des eigenen Materials: ein Tumbril Cylone, der nicht mehr mitgenommen werden soll, wird mit der Bordkanone einer Valkyrie zerstört. „Für uns sind das Einmalfahrzeuge. Wir lassen sie aber nicht einfach zurück, damit sie nicht ein möglicher Feind nutzen kann“, erläutert Commander Mando. Auf Port Tresslar beendet das Debriefing schließlich den heutigen Trainingseinsatz. Sowohl Commander Mando als auch der Einsatzleiter sind zufrieden, auch wenn es natürlich immer etwas zu verbessern gibt – aber das wird dann hinter verschlossenen Türen besprochen.  

 Fakten zu den Helldivern

  • Insgesamt gibt es aktuell knapp 30 „Helldiver“ 
  • Stützpunkt ist Everest Harbour über Planet Hurston

Das Portfolio der „Helldiver“

  • Bergen von Piloten
  • Befreien von Geiseln
  • Evakuierung vom Verbündeten
  • Sabotage als Taktik

Infos unter www.helldiver.org

Es war ein schöner Roleplay-Abend. Danke für die Mühe, die Ihr Euch gegeben habt und die tolle Einladung.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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