Auf Messers Schneide

Das letzte Qualifikationsrennen für den Murray Cup ist meist das entscheidende. Nur wer bereit ist, seine Grenzen zu überschreiten, kann siegreich sein.
Von Friedrich Winters

Das „7th Pit Lane“ kauerte am Ende eines Boulevards am Rande von New Horizon. Überschattet von glitzernden Wolkenkratzern und schwebenden Plattformen fiel die dunkelblaue Leuchtschrift auf dem unscheinbaren Gebäude kaum auf. Auch im Inneren gab es auf den ersten Blick wenig Bemerkenswertes. Das „7th Pit Lane“ versprühte weder das extravagante Flair der zahllosen Bars in den Luxusvierteln noch verfügte es über den atemberaubenden Ausblick der schwebenden Cafés am New Horizon Raceway.

Lediglich ein halbes Dutzend Tische folgten dem Verlauf einer L-förmigen Bar. In dämmrigem Licht luden etwas abgewetzte, aber gemütliche Ledersessel und blankes Metall zum Verweilen ein. Statt Bildschirmen und Hologrammen empfingen den Besucher Plakate von Rennschiffen und einige Schrottteile hingen von Wänden und Decke. Es roch nach Treibstoff, Leder und Kaffee. Alles wirkte alt, war aber tadellos geputzt. Ganz egal, ob man die Geschichten glaubte, warum Lennard, der Besitzer und nach eigenen Angaben einer der fünf talentiertesten Racer des 30. Jahrhunderts, nie ein Murray Cup-Rennen gewonnen oder auch nur beendet hatte – es ließ sich nicht leugnen, dass die Kneipe das gewisse Etwas hatte. Seit Jahrzehnten zog es die Racer hierher.

Es war früher Morgen und soeben polierte Lennard hinter dem Tresen die „Rikkord Pipes“ seiner selbstgebauten Zapfmaschine. Jene Schläuche, die, wie er steif und fest behauptete, einst das Triebwerk von Ian Rikkords zweitem Rennschiff mit Treibstoff speisten, und nun die Gläser der Gäste füllten. Nur ein einzelner Gast saß an der Bar. In wenigen Stunden aber würde sich das Lokal füllen. Heute war „Murray Cup“-Tag und dazu noch das letzte Rennen vor der alles entscheidenden Finalrunde.

Der Gast wirkte etwas hager und schlaksig. Sein Gesicht war blass und eingerahmt von einem schwarzen kurzen Bart. Unter strubbeligen Haaren stachen zwei verschiedenfarbige Augen heraus. Eines war grün, das andere blau. Der Mann trug einen blau-silbernen Racing-Overall und trommelte nervös auf seinen Helm, der neben ihm auf dem Tresen lag. Gabriel „Husky“ Winters war darauf zu lesen. Husky starrte seit Minuten auf das Leaderboard an der Wand. Auf einer Tafel hinter Lennard waren in fein säuberlicher Handschrift 25 Namen aufgelistet. Die ersten zwanzig in schwarzer Schrift zeigen die momentan für die Murray Cup-Finalrunde qualifizierten Racer. Dahinter folgten fünf Namen in Rot. Diese Racer, auf Platz 21 bis 25, waren nah dran an der Qualifikation – aber eben nur das.

Lennard folgte Husky’s Blick und trat an die Tafel. Der Barkeeper tippte auf die 21.

„Hier, es fehlt dir nur ein Platz zur Finalrunde. Wenn du Sarah -“ er tippte auf Sarah de Lere an Position 20, „um mindestens zwei Plätze schlägst, dann hast du genug Punkte, überholst sie und bist qualifiziert. Allerdings startet sie heute von der Poleposition, du von der fünf.“

Lennard trat zu Husky und dozierte munter weiter. 

„Sie ist derzeit echt in überragender Form. Das ist das letzte Wertungsrennen vor der Finalrunde. Total ärgerlich, dass du es wahrscheinlich so knapp verpasst. Wollt ihr es nächste Saison noch mal versuchen? Ich meine dein Großvater könnte doch -“

Husky schüttelte energisch den Kopf.

„…die Entscheidung steht. Da kann auch mein Großvater nichts machen. Er hat das Ganze aufgebaut und unterstützt, aber letztlich sind die Absprachen mit den Sponsoren klar. Wenn wir es diese Saison nicht schaffen, an der Finalrunde teilzunehmen, gibt es für das Racing-Team von Nordlicht Aviation keine nächste Saison. Aber noch haben wir dieses eine Rennen und diese eine Chance.“

Lennard winkte ab.

„Tut mir echt leid, Husky. Ich will dich ja nicht entmutigen, aber ich kenne Sarah. Die wird sich heute keine Blöße geben. Glaub’ mir, sie kennt deine Ideallinie wahrscheinlich besser als du selbst und wenn es auch schnellere Piloten gibt, so kenne ich doch kaum jemanden, der so gut blockt wie sie. Du hast ein klasse Team aus Technikern und Mechanikern und du fliegst gut, wenn du freie Bahn hast. Aber dir fehlt einfach noch ein bisschen, um Sarah zu schlagen. Hätte sie nicht Anfang der Saison soviel Pech gehabt wäre sie sicher in den Top 10.“

„Schön für sie“, schnaubte Husky.

„Na, na. Nicht beleidigt sein. Du bist heute schon wieder so negativ und nervös. So angespannt. Darum klappt es auch noch nicht. Du musst an dich glauben. Deine Zeit kommt schon noch…na ja, zumindest wäre sie gekommen, wenn du dabei bleiben würdest…äh…geblieben wärst.“

Lennard legte Husky eine Hand auf die Schulter. Wie dem auch sei Kleiner, du-“

„Ich bin nicht dein Kleiner!“, herrschte Husky den Barkeeper an und schüttelte seine Hand ab. In diesem Moment schwang die Tür auf und ein stämmiger Mann marschierte herein.

„Alles bereit, Kleiner.“

Der Neuankömmling, Victor Garnsky, Chefmechaniker in Husky’s Racing-Team, ließ sich auf einen Stuhl neben Husky fallen und knallte ein Datenpad auf den Tisch. Ohne Lennard und Husky weiter zu beachten, zog er eine ölverschmierte Thermoskanne aus seinem Overall, goss sich ein und trank einige Schlucke. Anschließend stellte er die schmutzige Kanne auf den bis dahin makellosen Tresen, lehnte sich zurück und musterte Husky mit seinen graublauen Augen. Nach einem weiteren Schluck fuhr er fort.

„Die Flake ist perfekt konfiguriert und bereit, jedes andere Schiff im Feld zu schlagen. Es gibt nur ein Problem.“

Er machte eine kurze Pause und sah Husky mit ausdruckslosem Gesicht an.

„Den Piloten. Dich.“

Lennard hörte wortlos zu und verzog keine Miene, aber Husky sah in seinen Augen, dass er sich königlich amüsierte. Husky schluckte seinen aufkeimenden Ärger hinunter, nahm das Datenpad und überflog die Werte und Graphen.

„Pass auf Vic, ich weiß nicht, ob es nicht besser wäre, wenn wir-“

„Nein! Weißt du nicht!“, fiel ihm der Mechaniker brutal ins Wort. „…ich weiß, dass es genau so am besten ist. Wag’ es bloß nicht, an den Einstellungen herumzupfuschen. Und mach ja keinen Kratzer in mein Schiff. Und verdammt noch mal keine Krümel im Cockpit.“

Garnsky lehnte sich vor und patschte mit seinen ölverschmierten Pranken unsanft auf Huskys Overall, wo er ein paar Hinterlassenschaften des Frühstücks erspäht hatte. Husky ließ sich von seinem Hocker rutschen und wich ein paar Schritte zurück. Er zupfte seine Overall zurecht und musterte den cholerischen Mechaniker mit hochgezogener Brauen. Victor Garnsky mochte ein Genie in der Werkstatt sein, aber zwischenmenschlich war er eine Katastrophe. Husky steckte das Pad ein.

„Bis bald“, murmelte er und ging zum Ausgang.

„Viel Glück, Kleiner“, rief ihm Lennard nach. „Übrigens, mir war noch aufgefallen, dass du in der Abstiegskurve vor dem Zieltunnel…“

Die Tür des „7th Pit Lane“ schloss sich hinter Husky und verschluckte die ungebetenen Ratschläge des Barkeepers. Husky seufzte, legte den Kopf in den Nacken und blinzelte in den Sonnenaufgang. Seine Wut über Garnsky und Lennard verflog und die Nervosität wegen des bevorstehenden Rennens kehrte zurück. Eine leichte Übelkeit stieg in ihm auf.

Zwischen den schwebenden Gebäuden links von ihm konnte er ein Tor der Rennstrecke ausmachen. „Tor drei“, dachte er und hatte sofort die zugehörige Perspektive aus dem Cockpit vor seinem geistigen Auge. Husky kannte die Strecke im Schlaf. Schon als Kind hatte er Tage im Simulator verbracht und mit seinem kleinen Bruder den Murray-Cup nachgespielt. Stunden über Stunden hatte er die vergangenen Monate auf dem Rennkurs trainiert. Nächtelang hatte er  mit den Technikern des Racing-Teams an den Einstellungen der Flake getüftelt. Hatte sämtliche Qualifikationsrennen absolviert und dabei auch ein paar gute Wertungsrennen abgeliefert. Aber nun neigte sich die Saison eben dem Ende zu – und doch hatte es Husky nicht geschafft, eine Top-20-Platzierung zu erreichen. Nun gab es nur noch ein letztes Rennen. Sollte es dabei bleiben? In der ersten Saison waren sie es nicht einmal unter die Top 100 gekommen. Diese Saison war es besser gelaufen. Alle hatten fieberhaft für das große Ziel gearbeitet. Und nun? Platz 21. Knapp daneben war eben auch vorbei. Projekt gescheitert. Husky ballte die Fäuste und blickte zurück zur Bar. Hatte er alle enttäuscht? Er würde noch einmal sein Bestes geben, das war klar. Aber würde es auch reichen? Mit schnellen Schritten und eingezogenem Kopf machte er sich auf den Weg zum nahe gelegenen Hangar.

*****

Alles vibrierte. Der Tunnel war erfüllt mit Schwingungen. Ein Dutzend hochgezüchtete Rennschiffe hing fast bewegungslos in dem Starttunnel. Fast wie Blätter auf einer ruhigen Wasseroberfläche wippten sie kaum merklich auf und ab. Ordentlich gestaffelt in zwei Längsreihen mit zusätzlicher Höhenabstufung. Beinahe hätte es friedlich gewirkt, wäre da nicht der infernalische Lärm gewesen. Wummernd, dröhnend, kreischend und knisternd zugleich ließen die Rennmaschinen keinen Zweifel daran, welch brachiale Kraft sie zu entfesseln bereit waren.

Husky hasste den Start. Die ersten Sekunden eines Rennens waren stets die mit Abstand gefährlichsten. Sein Mund war trocken. Wieder und wieder passte er seinen Griff am Schubhebel und Steuerknüppel an. Spürte, wie er sich verkrampfte und rutschte im Pilotensitz der “Flake” hin und her. Sein Blick huschte zum x-ten Mal über die MFDs. Alles OK. Die Einstellungen waren genauestens abgestimmt und hundertfach erprobt.

 Noch eine Minute bis zum Start.

Die Startaufstellung entsprach dem Murray-Cup-Standard. Zwei Längsreihen im Tunnel. Links die ungeraden Startnummern, rechts die geraden. Und jede Reihe immer abwechselnd hoch und tief gestaffelt. Husky war an Position fünf. Das hieß, dritte Stelle in der linken Startreihe, erhöhte Position wie die M50 von Sarah de Lere in der Pole-Position. Zwischen Ihnen, soweit unten, dass er sie über seinem Instrumentenbrett kaum sehen konnte, schwebte eine Omega. Sie wurde von einem Banu geflogen, dessen Namen er weder aussprechen noch sich merken konnte. Aus den Augenwinkeln sah er die rechte Startreihe. M50, 350R und eine Arrow.

 Noch 30 Sekunden.

Er würde sich zunächst einfach hinter Sarah’s M50 klemmen. Vielleicht gab sie sich doch irgendwann eine Blöße. Draußen vor dem Tunnel kreuzte eine 890Jump zwischen den glitzernden Fassaden von New Horizon. Das Flaggschiff seines Großvaters, die Nordlicht Eins? Husky blinzelte. In der Ferne schimmerte das Meer. Husky schloss die Augen und atmete zweimal tief durch. Dann schloss er den Griff fester um die Flugkontrollen.

 Drei. Zwei. Eins.

Augenblicklich riss er den Schubhebel nach vorn und wurde wie von einer riesigen Faust schlagartig in seinen Sitz gepresst. Die Omega verschwand aus seinem Blickfeld. Gleichzeitig wurden Sarahs Haupttriebwerke vor ihm rasend schnell größer. Offenbar war sie nicht so gut weggekommen wie er. Seine Schilde flackerten auf, als ionisierte Partikel auf sie trafen. Instinktiv drückte Husky die M50 nach unten, tauchte unter der Racerin durch. Er war nun auf mittlerer Höhe im Tunnel und raste auf den Ausgang zu. Die aberwitzige Beschleunigung ließ die Welt um ihn verschwimmen. Unbewusst hielt er die Luft an und rechnete jeden Augenblick mit einer Kollision. Die Omega war außer Sicht. Die 350R rechts neben ihm fiel auch zurück. Dann schoss die Flake aus dem Starttunnel und passierte den ersten Ring. Husky war an zweiter Position. Es hatte einen Traumstart hingelegt! Husky nahm die Verfolgung des einzigen noch vor ihm liegenden Racers auf. Es war Joe Cats in einer blau-weißen M50. Sie schwangen sich in einer leichten Linkskurve hinauf zu Ring zwei. Dann ging es beinahe im Formationsflug rechts herum und abwärts zu Ring drei.

Husky blickte schnell über seine Schulter. Das Verfolgerfeld wurde von einer Arrow angeführt. Eng behakt vorn Sarahs M50. Dahinter flogen eine 350R und eine Razor. Mehr war nicht zu sehen. Es war kaum zu glauben: Husky flog in diesem Moment zwei Plätze vor Sarah. Würde sich die Arrow vor ihr halten können, bliebe das auch so. Doch das war ein Wunschtraum, wie Husky wusste.

Nach Ring drei zog Husky seine M50 hart nach oben und gab vollen Schub. Seine Glieder fühlten sich an als wären sie aus Blei. Ihm wurde schwarz vor Augen, beinahe verlor er das Bewusstsein. Er flog an seiner und der Belastungsgrenze seines Racers. Dennoch gelang es Cats vor ihm seinen Vorsprung Tor für Tor auszubauen. Husky versuchte, alle Verfolger aus seinem Bewusstsein zu verdrängen und konzentrierte sich auf Cats. Beide flogen nun ihre Ideallinie. Kurz hintereinander rasten sie durch einen Ring, drifteten dann ein wenig auseinander, wenn jeder seine eigene tausendfach erprobte Route flog, um sich am nächsten Ring wieder zu treffen. Manchmal ähnelte sich ihre Route und sie flogen beinahe in Formation. Dann wieder wählten sie die Linie so unterschiedlich, dass Husky Cats zwischen den glitzernden Plattformen fast aus den Augen verlor. Doch spätestens am nächsten Ring war er wieder da. Wieder vor ihm und meist wieder mit ein paar Metern mehr Vorsprung. Husky biss sich auf die Lippe.

Husky jagte durch den Zieltunnel und begann die zweite Runde. Beschleunigen, rollen, Gegenschub, durch das Tor driften, ausrichten, beschleunigen. Es war der immer wiederkehrende Ablauf einer in unermüdlicher Übung einstudierten flüssigen Choreographie, die Husky nun in einer beinahe meditativen Routine abspulte. Trotz der enormen Konzentration und körperlichen Belastung spürte er ein Gefühl von Vertrautheit und Ruhe. Er entspannte sich ein wenig. Die Flake rollte auf die Seite und schoss steil empor zu Tor zwölf.

Cats hatte bereits einen deutlichen Vorsprung, doch plötzlich zeichnete sich vor beiden eine Rauchspur ab. Husky erkannte, dass es sich um eine beschädigte Mustang handelte, die offenbar weit zurücklag und nun kurz vor ihnen in den Tunnel schlingerte, um ihre erste Runde zu beenden. Cats und die Mustang verschwanden im Tunnel. Husky sah, wie Cats seine M50 auf die Seite rollte und versuchte, sich rechts zwischen Tunnelwand und Mustang durchzuschieben. Doch die Mustang schlingerte an die Tunnelwand und zwang ihn zu einer harten Bremsung, um nicht zerquetscht zu werden.

Nur Sekundenbruchteile später war Husky heran. Über der Mustang war Platz. Er konnte es schaffen. Er rollte die Flake kopfüber an die Tunneldecke, während Cats unter ihm nach links verlagerte. Die Rauchschwaden wurden dichter. Die Mustang schrammte gegen die Wand. Ihre Schilde flackerten auf, Funken sprühten. Über dem Qualm sah Husky einen kleinen Streifen blauen Himmels vor sich. Immer noch im Rückenflug schoss die Flake mit vollem Nachbrenner über der Mustang vorbei und aus dem Tunnel. Auch Cats hatte die Mustang mittlerweile überrundet und folgte Husky durch Tor eins. 

Husky lag nun in Führung! Doch noch war keine Zeit für Hochgefühle. Husky flog zu schnell und abseits seiner einstudierten Ideallinie, musste immer weiter nachkorrigieren. Seine Manövrierdüsen überhitzten. Im Cockpit blitzten rote Warnmeldungen auf. Husky übersteuerte nach innen, um die  Haupttriebwerke besser einsetzen zu können, die Steuerdüsen so zu entlasten und den Racer zurück auf Kurs zu bringen. Schon schoss Cats wieder an ihm vorbei durch Tor zwei und driftete nun um einen fliegenden Gebäudekomplex hinab zu Tor drei. Sarah und drei weitere Schiffe rasten ebenfalls heran. Dahinter folgte das Hauptfeld aus mehr als einem Dutzend Schiffen. Die Führung war dahin, das war Husky klar – doch um jeden Preis wollte er dem Chaos des Hauptfeldes entgehen. Er riss sein Schiff bereits im Tor herum, um abwärts vor dem Komplex abzukürzen. Sarahs M50, schoss hinter ihm vorbei, gefolgt von einer 350R und verschwand hinter dem nächsten Gebäude.

„Komm schon, komm schon.“ 

Husky flüsterte die Worte fast beschwörend. Seine Hand krampfte sich um die Flugkontrollen. Er jagte hinab und betete, dass es ihm durch die Abkürzung gelingen würde, sich trotz seines Geschwindigkeitsverlustes  an Tor drei wieder vor Sarah und den Verfolgern einzureihen. Momente später kam das Tor in Sicht. Cats schoss weit vor ihm hindurch, während Husky wieder in die Strecke einscherte. Er sah das Verfolgerfeld hinter dem Gebäude auftauchen und auf ihn zu jagen. Die Flake drifte durch das Tor und Husky zündete die Nachbrenner. Während er wieder an Fahrt gewann, schob Sarah sich langsam heran. Die 350R tauchte nach oben weg und verschwand erneut im Labyrinth der fliegenden Gebäude. Husky war wieder auf Kurs und flog nunmehr gleichauf mit Sarah, doch sie blockierte seine Ideallinie. Er wich seitlich aus und fiel hinter sie zurück. Cats war unterdessen auf und davon. Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich die 350R zwischen den Gebäuden auf und schoss vor Ihnen durch den nächsten Ring. Platz vier also und hinter Sarah – und das in der letzten Runde.

 

„Verfluchter Mist.“

Dennoch versuchte Husky, sich nicht von seiner Frustration zu sehr ablenken zu lassen. Es hatte so gut angefangen. Das konnte jetzt nicht wahr sein. Plötzlich vibrierte das Steuer seiner Flake, die Schilde flackerten auf. Fast hätte er ein zu überrundendes Schiff gerammt. Er flog eine Fassrolle, überholte und schoss durch das nächste Tor.

„Konzentriere Dich!“

Sarahs M50 schien nicht mehr ganz optimal zu laufen, denn immer wieder konnte er sich beim Beschleunigen seitlich fast an ihr vorbeischieben. Doch sie blieb eisern und präzise auf seiner Ideallinie und ließ ihn keinen Rhythmus finden. So tanzte die Flake um sie herum, musste sich dennoch immer wieder hinter ihr einreihen. Frustriert registrierte Husky, dass die zweitplatzierte 350R sich zunehmend von Ihnen  absetzte und ihn nun noch eine neongelbe Razor von hinten bedrängte und versuchte zu überholen. Wer war dieser Kerl? Ohne Rücksicht auf Verluste  beharkte dieser Verrückte ihn von hinten und Husky hatte Mühe, eine Kollision zu vermeiden und seine Position zu behaupten. Tor acht, Tor neun, flackernde Schilde, Kollisionswarnung auf dem HUD. Tor zehn. Ihm lief die Zeit davon… 

Husky blickte erneut über die Schulter. Nach seinem letzten erfolglosen Überholversuch hatte der gelbe Flitzer etwas übersteuert und war nun etwas zurückgefallen, was  Husky mehr Raum gab. Sie waren nun im Anflug auf Tor elf. Erneut schob er sich neben Sarah. Diesmal gelang es ihm, die Innenbahn zu besetzen und neben ihr zu bleiben und sie schossen dicht an dicht durch das Tor. Er riss sein Schiff hart nach oben und gab vollen Schub. Sie fiel neben ihm zurück. Er fokussierte sich ganz auf die Strecke vor ihm. Tor zwölf! Das Ziel rückte näher. Tor 13, abwärts zu Tor 14! Hinter ihm Sarah und die Razor. Vor ihm schossen Feuerwerksraketen in die Luft.  Cats hatte gewonnen. Husky jagte dem Ziel entgegen.

Jetzt bloß keinen Fehler mehr machen. Nur noch wenige hundert Meter – dann hätte er es geschafft. Er würde seine kurze Murray-Cup-Karriere mit einem respektablen dritten Platz als 21ter der Saison abschließen. Vielleicht würde ihn ja doch ein anderes Team nehmen. Direkt hinter der 350R tauchte die Flake in den Zieltunnel und flog in dritter Position liegend über die Ziellinie. Geschafft. Als er aus dem Zieltunnel schoss, zog er senkrecht nach oben. Er war Dritter. Gut, aber eben nur einen Platz vor Sarah. Husky blickte über die Schulter zurück und sah unter sich die neongelbe Razor aus dem Tunnel schießen. Dahinter flog Sarahs M50. Dahinter! Keuchend ließ er die Luft entweichen, die er unwillkürlich angehalten hatte. Sarah war doch nur Fünfte geworden. Dieser Verrückte in der Razor musste sie noch im Zieltunnel überholt haben.

Wie im Trance steuerte Husky das Schiff zur Wartungsplattform. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Hätte er besser kein Überholmanöver im Tunnel versuchen sollen? Hätte er dann sogar Erster werden können? Zweiter? Dritter? Egal! Er war Dritter. Sarah war Fünfte. Und das hieß, er war qualifiziert für die Finalrunde des Murray Cup! Das Fahrwerk setzte auf, instinktiv fuhr er die Systeme herunter und er schwang sich aus dem Cockpit. Benebelt schaute er sich um.

Schließlich fiel sein Blick auf das Grinsen von Victor Garnsky, seinem Chefmechaniker. „Habe ich es nicht gesagt. Sie kann es! Mein Zauberflöckchen kann es! Sie ist eine Finalistin. Selbst mit einem Paddel wie dir am Steuer.“ Husky lehnte sich an sein Rennschiff, riss den Helm vom Kopf und wischte sich den Schweiß aus den Augen. Garnsky stürmte an ihm vorbei, erklomm die Leiter und legte Hand und Wange an das Rennschiff und drückte einen Kuss auf den schimmernden Lack. Dann sprang er herab und umarmte Husky. „Finale, hey ho!“, grölte er. Noch nie hatte Husky den genialen, aber sonst eher griesgrämigen Mann so glücklich und ausgelassen erlebt. Aus den graublauen Augen sprühten ungetrübte, beinahe kindliche Begeisterung und Stolz. Husky grinste. Alles fiel von ihm ab, einfach alles. Der Selbstzweifel, die Unsicherheit, der Druck. Die ewig nagende, unterschwellige Angst, vielleicht doch nicht gut genug zu sein. Er war bereit. Bereit für das große Finale.

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