Atemlose Experimente

Wo beginnt die Atmosphäre? Ein Wissenschaftler wagt sich ohne Helm in große Höhen.

Von Siruck

Die „Ursus“ stand aufgetankt und gewartet im Hangar und war bereit für die bevorstehende Expedition. Ich lief langsam um das Schiff herum, inspizierte noch einmal alles. Die Ladefläche hatte ich ein wenig umbauen und anpassen lassen. Es war nun schon einige Zeit her, dass ich die Nomad von Hersteller Consolidated Outland auf der International Aerospace Expo auf Microtech das erste Mal unter die Lupe genommen hatte. Sofort hatte ich damals das Forschungspotential des Schiffes erkannt – es war wie gemacht für meine Zwecke. Es ist ein Schiff, das eine Plattform am Heck besitzt, die einerseits unter Schwerkraft steht, gleichzeitig aber nicht vor der Umgebung abschirmt. Anders gesagt: Man kann draußen stehen, während das Schiff durchs All oder eine Atmosphäre gleitet. Es war einfach perfekt für meine geplanten Forschungen. Noch auf der Messe hatte ich das Schiff bestellt.

Meine Gedanken kreisten um die Messreihen, die ich nach dem Abflug anstellen würde – würde funktionieren, was ich vorhatte? Welche Resultate würde ich sehen? Wann würde es für mich gefährlich, ja lebensgefährlich werden? Die Frage, die im Raum stand: Bis zu welcher Höhe über dem Mond Calliope konnte ich ohne Druckanzug noch atmen? Sicher, es war eine für Außenstehende vielleicht seltsam anmutende Frage. Mir aber ging das nicht mehr aus dem Kopf. Messdaten, die ich unlängst zufälligerweise über Calliope aufgenommen hatte, hatten gezeigt, dass sich die Atmosphäre des Mondes gerade in letzter Zeit stark verändert hatte. Waren es Folgen eines illegalen Terraforming-Experiments, das dort stattfand? Mit womöglich ähnlich schrecklichen Auswirkungen wie auf Microtech selbst, auf dem das misslungene Terraforming den ganzen Planeten in einen Eisschrank verwandelt hatte?

Ich bin Forscher und Mitglied bei der Scientific Union, einer Organisation, die sich ganz der Wissenschaft verschrieben hat. Unabhängig vom Empire, vom Millitär und von Wirtschaftsunternehmen überprüfen, kartieren, untersuchen wir auf eigene Rechnung und nach eigenen Maßgaben. Welchen Daten kann man schließlich trauen, wenn nicht denen, die man selbst erhoben hat? Also planten wir bei der SCIUN den entsprechenden Feldversuch unter größter Geheimhaltung.

Die erste Messung

Wir trafen uns auf Port Tressler, der großen Raumstation über Microtech, Dreh- und Angelpunkt des interstellaren Transportes von und auf den Planeten. Als Pilot hatte Alaska zugesagt, ein erfahrener Forschungsflieger mit der nötigen Geduld und dem Feingefühl für die geforderten und notwendigen Flugmanöver. Mit dabei ebenfalls: Pyxzso für den eventuell notwendigen medizinischen Support. Im Gegensatz zur letzten Messreihe ging es dieses Mal schließlich um ein gesundheitlich potenziell gefährliches Experiment, bei dem ich unter Umständen sofort dringend Hilfe benötigen würde. Pyxzso gehörter zwar nicht der SCIUN an, aber wir arbeiteten schon länger zusammen. Er stellte die Aufträge nie weiter in Frage und es war eine sehr unkomplizierte Zusammenarbeit.

Nach einer kurzen Missionsbesprechung in der Lobby der Raumstation legten wir unsere Druckanzüge an, schlossen alle Siegel und testeten die Systeme. Während Alaska die „Ursus“ für den Start vorbereitete, holte ich die Starterlaubnis ein. Das Schiff erwachte zum Leben und wir starteten in Richtung Calliope. Der Mond, so hatte sich bei meiner ersten Messung gezeigt, besitzt mittlerweile eine fast reine Sauerstoffatmosphäre mit leichten Spuren von Wasser.

Nach kurzem Sprung traten wir in die Atmosphäre ein und landeten auf der Oberfläche. Pyxzso und ich verließen das Innere des Schiffes und bestiegen die Forschungsplattform am Heck. Langsam hob sich die abgesenkte Plattform mit uns als Passagieren. Ich bereitete die Apparaturen und Datenrekorder vor. Pyxzso checkte unterdessen die medizinische Notversorgung und den Vorrat sowie den Zustand der Oxy-Pens. Es war alles klar. Ich gab dem Piloten grünes Licht zum Start des Experimentes und das Schiff wurde vom Dröhnen, der zum Leben erwachten Hovertriebwerke durchzogen als Alaska diese aktivierte. Es gewann nach und nach an Höhe. Die kühle schroffe Schönheit von Calliope ergriff mich wie jedes Mal, wenn ich den Mond besuchte.

Calliope war einfach wunderschön und gleichzeitig lebensfeindlich. Ich blickte wieder und wieder auf meine Messinstrumente: Bei einem Luftdruck von 0,5 atm und einer Überprüfung des Sauerstoffgehalts passte ich die Atemluft meines Druckanzuges an die Atmosphäre an und senkte den Luftdruck auf eben diesen Wert. Ich bestätigte alle Systemwarnungen. Mit einem Klacken öffnete ich das Drucksiegel des Helms und der Anzug gab dem Helm frei… ich stand im Freien und atmete die kalte Luft von Calliope zum ersten Mal direkt ein. Sie schmeckte frisch, erinnerte mich aber gleichzeitig eher an die Luft aus einem Labor mit Spezialatmosphäre als an eine „natürliche“ Atmosphäre. Es roch buchstäblich nach…nichts und es war unglaublich kalt.

Ich setzte mir den für das folgende Experiment modifizierten Helm für die Vermessung auf. Dieser war nicht druckdicht, aber mit Verstärkern ausgerüstet, die den Biomonitor des Mobiglases unterstützten und die Daten zusätzlich an den Datenrekorder weiterleitete. So ausgestattet ging es Schritt für Schritt weiter nach oben bis der Biomonitor schließlich Alarm schlug. Das Blut rauschte mir bereits in den Ohren, sie schmerzten und ich versuchte den Druck auszugleichen. Pyxzso beobachtete unterdessen aufmerksam die medizinischen und technischen Geräte, bereit einzugreifen, sollte ich das Bewusstsein verlieren oder sonst wie Hilfe benötigen. Alaska steigerte und senke langsam nach unseren Angaben die Höhe, bis wir schließlich den Punkt ausmachen konnten, an dem der Außendruck der Sauerstoffatmosphäre nicht mehr reichte, um mich ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen.

Mir wurde schnell übel und schließlich schwarz vor Augen, außerdem roch es mittlerweile nach Ozon, ein Geruch, der die Übelkeit noch verstärkte. Ich musste mich setzen und nachdem wir die genaue Höhe ermittelt hatten, senkte Alaska die Höhe der „Ursus“ und Pyxzso setzte mir den druckdichten Helm wieder auf. Das Klicken des Drucksiegels beruhigte meine Nerven. Schließlich war der Helm eingerastet und hatte sich mit den Systemen des Anzuges verbunden. Der Anzug baute den Normaldruck wieder auf und die extra angeschlossenen medizinischen Geräte verabreichten mir Medikamente zur Kreislaufstabilisierung.

Pyxzso überwachte die Vorgänge und blickte mich dabei unablässig an, während Alaska die Atmosphäre verließ. Der erste Teil der Vermessung war erfolgreich abgeschlossen, die Daten geplottet und ein Backup automatisch in die Schiffssysteme der „Ursus“ übertragen. Alaska berechnete den Sprung zurück nach Mictrotech. Dann sprangen wir auch schon vom kalten schönen Calliope zurück in Sicherheit.

Die zweite Messung

Es war nicht mein erster Sprung im „Freien“ – und doch ist es immer wieder etwas Besonderes, in den Nachlauf eines Quantum-Tunnels zu blicken. Ich erinnerte mich an diverse Quamtum-Travel-Experimente, die ich mit der „Ursus“ schon durchgeführt hatte, während ich auf der Heckplattform des Schiffes stand und zurückschaute. Noch während ich in den Erinnerungen schwelgte, tauchten wir in den Orbitalbereich von Mictrotech ein und mein Pilot Alaska setzte den beantragten Kurs fort, der uns tief in die Atmosphäre des Planeten bringen sollte. Unser Kurs war während unserer Experimente extra für den weiteren Schiffsverkehr gesperrt worden. Ich hatte von Microtech den Auftrag erhalten Luftproben aus großer Höhe zu sammeln. Sie sind sehr an solchen Daten ihres Planeten interessiert und daher war es leicht die Genehmigung für die kurzzeitige Luftraumsperrung zu erhalten. Die Luftproben konnte die Ursus automatisch entnehmen. Der Sammer war programmiert würde bei Erreichen der angefragten Höhe automatisch eine Probe in einen Probenbehälter versiegeln. Ich studierte die Zusammensetzung der Atmosphäre. Das Terraforming machte seinem Namen, was die Zusammensetzung der Atmosphäre betrifft, alle Ehre – die Werte lasen sich wie idealisierten Daten aus der Erdatmosphäre. Sie bestanden aus 78,1 Prozent Stickstoff, 20,9 Prozent Sauerstoff 0,95 Prozent Argon und 0,04 Prozent Kohlendioxid. Der Rest waren geringe Spuren weiterer Gase.

Wie beim ersten Experiment über Calliope flogen wir wieder auf eine Höhe mit 0,5 atm und ich setzte mir wieder den Spezialhelm auf. Die kühle Luft von Microtech erfasste mich und es verschlug mir fast den Atem. Es roch frisch – aber nach Leben und nicht so steril wie auf Calliope und im Gegensatz zu einigen anderen Planeten des Stanton-Systems roch es hier auch sauber und unverbraucht. Ich hoffte bei den Gedanken an Hurston, dass der Megakonzern Microtech nicht die gleichen Fehler begehen würde. Das schief gelaufene Terraforming hatte Microtech ja fast komplett in eine Eiswelt verwandelt. Dafür war es zum größten Teil naturbelassen. Nur die großen Gebiete um die beiden Pole waren direkte Zeugen dafür, wie hart der Eingriff durch das Terraforming gewesen war. Dort sieht es auch jetzt noch eher nach einer kargen Mondlandschaft aus.

Erneut stiegen wir auf größere Höhen auf und der abnehmende Luftdruck ließ mir wieder das Blut in den Ohren rauschen. Dieses Mal roch es noch nicht nach Ozon als der Biomonitor Alarm anschlug. Die Atmosphärenwerte im Anzug sahen auf Microtech auch anders aus als auf Calliope – aber die genaue Analyse sollte erst später erfolgen.

Dieses Mal überwältigte mich die körperliche Auswirkung der erdähnlichen, aber sehr dünnen Atmosphäre. Pyxzso verabreichte mir einen Oxy-Pen und setzte mir den Druckhelm wieder auf. Zusätzlich verabreichte er mir über den Anzug wieder ein kreislaufstärkendes Mittel. Ich hatte schon vorher geahnt, dass ich dieses Experiment einige Tage lang körperlich würde „bezahlen“ müssen, aber das Krankenhaus auf Microtech ist ja ein recht angenehmer Ort. Nachdem die Aufzeichnung der technischen Daten abgeschlossen war, landeten wir kurz auf Microtech, um den Rückflug im Schiff gemeinsam verbringen zu können und dabei die Annehmlichkeiten der kleinen aber gut eingerichteten Nomad nutzen zu können.

Ich erklomm die Leiter ins Schiffsinnere der „Ursus“, packte meinen Anzug in den Spind und legte mich in die Koje. Pyxzso machte mir in der Bordküche einen Tee, während Alaska Kontakt mit der Anflugkontrolle von New Babbage aufnahm, um einen direkten Rückflugvektor zu erhalten. Nur kurze Zeit später landete er auch schon direkt auf einem Dach-Pad des Krankenhauses, in dem ich die nächsten Tage verbringen sollte. Alaska und Pyxzso flogen unterdessen die „Ursus“ wieder nach Port Tressler, um dort das Schiff an eine Wartungscrew zu übergeben. Außerdem wurde der Administration von Port Tressler die angeforderte Luftprobe übergeben, um den Auftrag abzuschließen.  Die Daten der Messung wurden wiederum automatisiert auf die Server der SCIUN übertragen.

Ein paar Tage später brütete ich über der Auswertung der Daten.  Zu meiner Überraschung zeigten sie eine Anomalie, die große Diskussionen hervorrufen könnte. Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen, weshalb die unterschiedliche Zusammensetzung der Atmosphäre keinen Einfluss auf den minimalen Druck hatte. Dieser schien recht genau und unabhängig von der Zusammensetzung der Atmospähre bei 0,15ATM zu liegen, was auf Calliope einer Höhe von circa 4.470 Meter +-10 Meter und auf Microtech 21.412 Meter +-1 Meter entsprach.

Anders gesagt: Der fast reine Sauerstoffgehalt von Calliope hatte keinen Einfluss auf den, laut Biomonitor, physiologisch zulässigen Minimaldruck und zusätzlich war der zulässige Minimaldruck auf beiden Himmelskörpern auch noch sehr gering. Die Fragen, die daraus resultierten: War so ein geringer Druck wirklich unbedenklich und der Minimaldruck wirklich von der Zusammensetzung unabhängig? Hatte Microtech vielleicht sogar einen Produktionsfehler in seinem Biomonitoren?

Mir wurde schnell klar, dass ich, um diese Fragen zu klären, unabhängige Experten benötigen würde. Ich brauchte die Expertise eines Chemikers und eines Biologen. Bevor Microtech über einen möglichen Fehler in Ihrem Biomonitor informiert werden konnte, musste ich sicher gehen, dass die Daten wirklich korrekt waren.

Datenanalyse

Ich stand kurz vor der Entlassung aus dem Krankenhaus von New Babbage. Ich durchstöberte das Spectrum. Ich sah, dass Chhris Miller in der Stadt und Gabriel Winters für ein anstehendes Rennen im Stantonsystem unterwegs waren. Ich kontaktierte beide, um ein gemeinsames Treffen auf Microtech zu organisieren. Mit Chhris Miller hatte ich mich schon häufiger wissenschaftlich ausgetauscht, Gabriel hatte ich durch eine offene Diskussionsrunde vor kurzem kennengelernt. Getroffen hatten wir uns bisher noch nicht, ich hoffte, dass sich das nun ändern würde.

Nach einigen Gesprächen schafften wir es einen gemeinsamen Termin zu finden und auch die finanziellen Aspekte zu klären. Ich finanzierte meine Forschung zum großen Teil über Search & Rescue- Missionen aber auch mit dem Abbau und dem Verkauf von Mineralien. Wir wollten uns auf Port Tressler treffen. Die Station hatte ihren Orbit etwa 120 KIlometer über New Babbage. Ich traf mich mit Miller in in der Stadt und wir nahmen die Bahn zum Spaceport. Schon in der Bahn begannen wir die Ergebnisse der letzten Messreiche zu besprechen. Die Sonne ging gerade hinter dem Spaceport auf und ergoß ihre gelben Strahlen in das Tal in dem New Babbage liegt. Der Spaceport selbst ist ein Imposanter Koloss, der halb in den Berg gebaut wurde.

Leider hatten wir nicht viel Zeit. Der Shuttleflug nach Port Tressler sollte bald starten und das Boarding hatte bereits begonnen. Wir nahmen im Shuttle Platz. Ich fragte mich ab und zu, wenn ich so einen Flug unternham, wie das wohl auf die Menschen im 20. und 21. Jahrhundert, dem Beginn der Raumfahrt, gewirkt haben musste. Ich hatte einiges über diese Zeit gelesen. So normal wie es früher war in einen Zug zu steigen um zu einer anderen Stadt zu fahren, so selbstverständlich stieg man heute in ein Shuttle ein und flog in eine andere Stadt. . . . eine Stadt im Orbit. . .So sehr ich es auch versuchte, ich konnte mir nicht vorstellen, wie das auf die Menschen früher gewirkt hätte. Viel Zeit darüber zu sinnieren, hatte ich jedoch nicht. Der Flug dauerte nicht lang und Miller und ich kamen auch schnell wieder ins Gespräch nach dem alle Passagiere ihre Plätze eingenommen hatten.

So schnell New Babbage und der Spaceport kleiner wurden, so schnell wurde Port Tressler größer. Es war noch gar nicht so lange her da startete hier die Expedition die mir zwischenzeitlich den Atem geraubt hatte. Ich wusste die „Ursus“ war sicher in einem Hangar der Station geparkt, bereit für die nächste Expedition. Ich hatte auch schon eine weitere geplant, für diese würde ich aber ein anderes Schiff benötigen. Es war ein Experiment das vor allem dem Schiff selbst alles abverlangen würde. Noch während ich darüber nachdachte flog das Shuttle in einen Hangar ein und setzte zur Landung an. Gabriel wartete schon im Besucherbereich. Nach einer kurzen Begrüßung nahmen wir den Lift in einen Meeting Room.

Es war nur ein kleiner Raum, aber wir waren ja nur zu Dritt und außerdem hatte er eine gute Aussicht auf Microtech. Das Fenster war leicht versetzt, so dass wir die nördliche Hemisphäre sahen. Das wunderschöne Weiß-Blau und auch noch etwas Braun und Grün aus dem äquatorialen Bereich ließen Microtech unglaublich zart und edel wirken…fast wie eine Mischung aus Diamanten und blau-grünem Saphir. Die Rückstrahlung des Planeten erleuchtete den Raum zusätzlich in ein weiß-gelbes Licht. Ich präsentierte Chhris Miler und Gabriel Winters die Messergebnisse und die gemeinsamen Arbeiten an den Daten begannen…