Agent wider Willen

Auf der Suche nach einem besseren Leben gerät ein einfacher Freelancer und Schmuggler immer tiefer in einen Strudel aus Korruption und Verrat.
Von Zero Sense

Es riecht nach frisch gemachtem Kaffee. Die Tasse steht dampfend vor mir. Im Hintergrund brummt die Lüftung der Mercury Star Runner. Ich sitze am Schreibtisch, im Wohnbereich meines Raumschiffs “White Rabbit”, um meine nächste Aktion vorzubereiten. Wo bin ich da nur hineingeraten? 

Viel war passiert, seit ich meinen Heimatplaneten Ashana im Nul System vor vielen Jahren verlassen hatte, einen Wüstenplaneten, außerhalb des UEE Gebietes. Bevölkert von Kriminellen und Menschen, die sich vom UEE nicht vorschreiben lassen wollten, wie sie zu leben hatten. Menschen, denen vielleicht auch deshalb jeglicher Fortschritt und Wohlstand verwehrt blieb. Es waren Menschen, die sich aber auch zu helfen wussten und aus dem Wrack der abgestürzten Olympus eine ganze Stadt mit einem pulsierenden Schwarzmarkt gemacht hatten. An eben diesem Ort war ich aufgewachsen. Dieser Ort hat mein Leben geprägt.

Schon als kleiner Junge träumte ich von den Sternen. Fremde Welten wollte ich entdecken, doch außer Sand und Schrottteilen gab es auf Ashana nichts zu erforschen. Ich wollte fort – fort in ein besseres Leben. Mit Botengängen für die Gängsterlords sparte ich mir daher zunächst ein wenig Geld zusammen für einen Flug in einem Frachter nach Levski.

Levski – das war eine alte Bergbaustation außerhalb des UEE Gebietes. Ein Schmelztiegel von Anti-UEE-Aktivisten, Gesetzlosen und UEE-Flüchtlingen. Ich bekam einen Job im Wartungsteam und lernte Kylo kennen. Kylo schmuggelte Drogen vom Stanton-System nach Levski. Ich nutzte meine Zugänge als Wartungstechniker, um die Drogen in die Station zu bringen. Es lief gut und ich hatte mich einigermaßen eingerichtet in meinem neuen Leben – bis Kylo plötzlich ermordet wurde. Fortan wollte ich herausfinden, wer das getan hatte und ob ich selbst in Gefahr war. Wer mit Drogen handelt, weckt schließlich auch Begehrlichkeiten. Mit einer Cutlass Black, die zuvor meinem Freund gehört hatte, begab ich mich auf seine Spuren…

… noch immer umgibt mich der Duft des Kaffees. Melancholisch denke ich an Kylo. Ich stütze mich mit den Ellbogen auf dem Schreibtisch ab und blicke hinüber zur Schlafkoje. Die Bettdecke liegt zerknüllt und chaotisch auf dem Bett … ja, genauso chaotisch war mein Start im Stanton-System. Die vier Planeten von Stanton sind im Besitz von Megakonzernen. Es gilt zwar grundsätzlich das UEE-Recht, aber die vier Planeten besitzen zusätzlich eigene lokale Gesetze, die von privaten Sicherheitskräften der Konzerne durchgesetzt werden. Das schnelle wirtschaftliche Wachstum hat auch seine Schattenseiten. Ausbeutung, Kriminalität und Gier sind an der Tagesordnung.

Mit Gelegenheitsjobs stolperte ich anfangs etwas tapsig durch das Stanton-System. Es dauerte nicht lange bis ich auf GrimHex stieß, die verlassene Bergbaustation im Asteroidengürtel des Crusader-Mondes Yela – Rückzugsort für Piraten und Gesetzlose. Irgendwie fühlte es sich für mich ein wenig an, „wie nach Hause zu kommen“. Ich bekam Schmuggel-Jobs und dubiose Aufträge, auch vom Mining-Konzern Shubin Interstellar. Mit jedem Auftrag blickte ich immer tiefer in den Kaninchenbau der dunklen Seite von Stanton.  

Bald schon verstand ich: Es tobte ein Drogenkrieg im Stanton-System. Und Shubin war darin genauso verwickelt wie Kylo. Er hatte der Macht von Shubin aber irgendwann wohl nichts entgegensetzen können und wurde eines der Opfer dieses Krieges. Meine eigenen Versuche, mit Drogen zu handeln, waren indes nicht sonderlich erfolgreich. Dafür lief es mit dem Schmuggeln aller möglichen Dinge gut. Ich besorgte, was die Menschen in Stanton benötigten, selbst wenn das UEE und die Konzerne den Menschen diese Dinge verwehrten. Ich bewegte mich am Rande der Legalität, blieb unter dem Radar und schlüpfe so gut es ging immer wieder durch die Maschen der mächtigen Konzerne.

Ich greife nach der Kaffeetasse auf dem Schreibtisch und nehme einen Schluck. Mittlerweile ist er kalt und schmeckt sauer. Während ich einen neuen koche, grübele ich, wie eigentlich der Kontakt mit den Aktivisten zustande gekommen war. Ich stehe vor dem Kaffeeautomaten und drücke auf den Knopf. Es dampft und zischt, als das schwarze Getränk in die Tasse fließt – genauso wie ein Felsen dampft und zischt, wenn er mit einem Bergbaulaser bearbeitet wird. Grinsend nehme ich einen Schluck.

Ich erinnere mich daran, wie ich eine alte Prospector gekauft hatte und unter Schwierigkeiten in den Bergbau eingestiegen war. Das Problem im Stanton-System war nämlich, dass man abgebaute Erze nur an die Konzerne verkaufen konnte, ein Export war nicht möglich. Die freien Völker waren damit abhängig von den Großkonzernen und deren Preisgestaltung. Es gab schlichtweg keinen freien und fairen Handel. Anfangs fügte ich mich diesen Umständen, suchte irgendwann aber einen Weg um die Erze, an den Großkonzernen vorbei, an die freien Völker zu verkaufen. Und diese Möglichkeit fand ich auf Port Olisar, der alten Raumstation im Orbit des Gasplaneten Crusader. Die dort ansässigen Aktivisten organisierten den heimlichen Export der Erze aus dem Stanton-System heraus. Das war der Anfang meiner Zusammenarbeit mit dem Aktivisten-Netzwerk.  

Irgendwann änderten die Großkonzerne ihre Strategie und erlaubten den Export von Erzen über Port Olisar. Doch die Aktivisten und freien Völker – und auch ich – trauten dem Frieden nicht. Die Situation war verworren, es gab Indizien, dass die Konzerne etwas vorhatten, um die Erze wieder exklusiv für sich zu sichern. Es machte sogar das Gerücht die Runde, dass die Zerstörung von Port Olisar bevorstünde und es schien so, dass dafür die Piratengruppe „Xeno Threat“ aus dem benachbarten Pyro-System beauftragt werden sollte. Kurzum: Es zeichnete sich immer stärker ein großes Komplott im Stanton-System ab. Ich begann für die Aktivisten Informationen zu sammeln. Offiziell betrieb ich Bergbau und war als Freelancer tätig. Inoffiziell beschaffte und schmuggelte ich Daten und Waren.

Während der Bergung von Daten für die Aktivisten auf der zerstörten Raumstation Spacehub Gundo über dem Mond Daymar stolperte ich schließlich über John Brubacker, Chefredakteur der unabhängigen Redaktion “Off the Record” aus ArcCorp. Er ermittelte in irgendeiner anderen Sache rund um die Station. Schließlich lernte ich auch Chhris Miller kennen, den ehemaligen Entwicklungsleiter beim Konzern Microtech. Er war ebenfalls einem Skandal auf der Spur. Sein Chef verkaufte offenbar illegal waffenfähige Computerchips an kriminelle Organisationen. Kurzum: Ich rutschte immer tiefer in einen Sumpf aus Verrat, Korruption und Verschwörung. Bald hatte ich es zu tun mit illegalen Aktivitäten, Auftragsmorden und Drogenhandel durch Shubin Interstellar, dem Verkauf von waffenfähigen Chips bei Microtech, einem Hackerangriff auf das Aktivistennetzwerk, die Zerstörung einer ganzen Raumstation, Bedrohungen durch Xeno Threat und schließlich – ich traue mich kaum, es zu aufschreiben – Killersatelliten….

… ich vergesse ganz, meinen frisch gekochten Kaffee zu trinken. Ich stelle meinen Blick scharf und merke erst jetzt, dass ich unterbewusst versucht hatte, auf dem Schachbrett der Mercury Star Runner  die Situationen und die Zusammenhänge nachzustellen. Wer war der König in diesem Spiel, wer die Bauern? Ich lade mir eine visuelle Darstellung der Ereignisse und Zusammenhänge auf den Bildschirm der Star Runner. Es ist ein zutiefst verworrenes und kompliziertes Netz. Ich lehne mich zurück und denke an meine Anfänge im Stanton-System zurück.

Ich war nur auf der Suche nach einem besseren, friedlichen Leben gewesen, doch jetzt  bin ich in etwas hineingerutscht, das mich zum Agenten gemacht hat – zum Agent wider Willen, zum Kämpfer für die Wahrheit. Dabei kämpfte ich nicht gerne, ich agierte lieber unter dem Radar. Heimlich Informationen zu besorgen, statt zur Waffe zu greifen war mein bevorzugter Weg.

Und genau das mache ich jetzt. Meine nächste Aktion ist der Hack eines Kommunikationssatelliten im Orbit des Planeten Hurston, um Gespräche von Hurston Dynamics abzuhören. Doch vorher brauche ich noch einen starken Kaffee. Einen verdammt starken Kaffee.

Die detaillierten Erlebnisse von Zero Sense sind in seinem Blog „Am Rande der Legalität“ nachzulesen.