Liebe bis in Ewigkeit

„Ich denke oft, dass die Liebe eine Quantenverschränkung zweier Seelen ist. Liebe reicht immer über die Grenzen von Raum und Zeit und unendliche Distanz hinaus.“

Deodatta V. Shenai-Khatkhate

 

Eine Kurzgeschichte aus „Die Zitronenfalter“

Von Chhris

Es ist dunkel, nachts, außerhalb der Stadt hier in den Wäldern. Nur ein ganz sanfter Lichtschimmer ist wahrnehmbar, verursacht vom klaren Sternenhimmel über Microtech. Im Bett der Prospector, mit ihrem Lieblingsschal, den ich an meine Wange halte, lausche ich dem Wind, der draußen mal stärker, mal schwächer durch die Nadelbäume weht. Die Klimaanlage surrt leise. Sonst ist es absolut still.  Der Schal duftet noch immer nach Evey. Schon seit fünf Jahren, seit sie ihn zuletzt trug. Hoffentlich wird ihr Duft niemals vergehen, so wie ihr Atem vergangen ist. Er ist alles, was mir von ihr geblieben ist. Nur mit ihrem Duft kann ich die Augen schließen, Schlaf finden. Dann fühle ich Evey bei mir. Spüre ihre Nähe, ihre Wärme, ihre Sinnlichkeit, ihre Liebe.

„Wer ist denn Evey?“, hatte Twitch mich einmal neugierig gefragt. Die Erinnerung an dieses Gespräch schmerzt mich. Aber Twitch fühlte mit und gab mir Trost. Als gute Freundin, über all die Jahre, in denen ich mich fast mutterseelenallein schon hier in Stanton aufhalte. Sie ist der einzige Mensch, dem ich mich bis jetzt geöffnet habe. „Die Liebe meines Lebens. Das ist Evey.“ So lautete damals meine Antwort. Denn das war sie, das ist sie, damals wie heute. Sie wird es immer sein. „Und wie habt Ihr Euch kennen gelernt?“, wollte sie wissen. „Du willst eine Liebesgeschichte hören?“ „Ja, erzähl‘ sie mir.“ „Also gut.“

Ich beginne mich zu erinnern. An jedes Detail. Denn keines unserer Geschichte würde ich je vergessen.

Es begann im Sommer 2938 in New Corvo, der Hauptstadt von Aremis – meinem Heimatplaneten im Vega-System. Ich war in der Ausbildung bei der UEE Navy. In meinem Jahrgang war auch Evey. Schon als ich sie das erste Mal an der Akademie sah, bin ich buchstäblich umgefallen und war verloren. Sie war mit Abstand das hübscheste Mädchen, dem ich jemals begegnet war. Ihr zauberhaftes Lächeln und ihre strahlend grünen Augen hauten mich sofort aus den Socken. Und wie elegant und weiblich sie sich bewegte! Kurzum: Sie sah einfach umwerfend aus. Ich war von der ersten Sekunde beeindruckt und fasziniert von ihr, mit einem Wort: Sie war etwas ganz Besonderes.

Ich konnte mein Glück daher kaum fassen, als mir unsere Ausbilderin mitteilte, dass ich das erste Flugtraining im Simulator ausgerechnet gemeinsam mit ihr fliegen sollte. Was war das für ein Tag! Alle Übungen sauber geflogen, alle Tests bestanden und am Ende schießt Evey auch noch ihren ersten Vanduul ab. Während eines riskanten Flugmanövers mit mir ist sie damals total cool geblieben. Nicht nur, dass wir uns sofort verstanden, wir sind uns den Tag über auch richtig nahe gekommen. Unsere Ausbilderin hatte das wohl bemerkt und entschied abends nach dem Training, dass Evey und ich als Zweierstaffel zusammen bleiben und von da an stets gemeinsam fliegen würden.

Und als wäre das alles noch nicht genug für einen Glückstag gewesen, nahm Evey schließlich auch noch die Einladung zu meinen Eltern nach Hause an. Ich hatte nämlich ein schlechtes Gewissen gehabt, wegen des riskanten Flugmanövers, in das ich sie zuvor gebracht hatte – und um es damit wieder gut zu machen.  Am liebsten hätte ich sie sofort an Ort und Stelle geküsst. Ein Kuss, bei dem man sofort spürt, was der andere für einen empfindet. Ich hatte mich an diesem Tag total in sie verliebt. Ihre Augen verrieten mir, dass sie nicht anders empfand. Doch ich traute mich nicht. Stattdessen umarmte ich sie so herzlich wie ich nur konnte. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Wie gut es sich anfühlte, sie zu halten. Ihren Duft einzuatmen, über dem auch nach einem anstrengenden Ausbildungstag noch immer der Hauch Ihres Lieblingsparfüms lag.

Ich drücke ihren Schal fester an meine Wange und atme Evey‘s Duft daran tief ein, die Augen geschlossen.

Ein paar Tage später sind wir dann am Wochenende zu meinen Eltern aufs Land geflogen. Auf dem Weg hatte ich für Evey eine Überraschung vorbereitet, die Freelancer meiner Eltern geliehen und sie am Waldrand vor der Stadt auf dort vorhandenen Blumenwiesen abgestellt. Wir erreichten den Ort bequem zu Fuß, nachdem uns ein Shuttle in der Nähe abgesetzt hatte. Doch was dann geschah, damit hatte Evey nicht gerechnet. Als sie sich der Freelancer neugierig näherte, stiegen plötzlich Abertausende kleiner Zitronenfalter von der Wiese auf. Die Luft um uns herum war voll von diesen zierlichen kleinen Schmetterlingen – so voll, dass sich der noch bläuliche Abendhimmel über uns alsbald in ein flirrendes und flatterndes Gelb verwandelte und mit dem nahenden Sonnenuntergang der Vega verschmolz.

Evey stand zuerst nur mit offenem Mund da. Als sie immer wieder ihre Hand ausstreckte, setzte sich sogleich stets ein Dutzend Zitronenfalter darauf. Sie war wie verzaubert vom Anblick um sie herum. „Chhris, Chhris, …“, rief sie immer wieder und sprang alsbald ausgelassen auf den Blumenwiesen umher. „Das ist so wunderschön. So etwas habe noch nie gesehen!“ Ich lächelte und war sehr glücklich, Evey so zu erleben. Ich hatte sie in eine kleine Märchenwelt entführt.

Dann schließlich kam sie auf mich zugelaufen und umarmte mich, noch ganz außer Atem. „Hast Du das für mich gemacht?“, fragte sie und sah mich mit ihren strahlend grünen Augen an. Ich lächelte und nickte. „Wie? Nein warte…“ Und dann küsste sie mich. Unsere Lippen berührten sich zuerst ganz sanft, dann stetig mehr und kräftiger. Wir küssten uns schließlich so innig, wie ich noch niemals zuvor ein Mädchen geküsst hatte. Wir schmiegten uns dabei immer fester aneinander, unsere Hände glitten unsere Körper entlang und unser Verlangen wurde so stark, dass wir uns irgendwann nicht mehr beherrschen konnten…

Als ich mich besann und langsam begann, die Welt um uns herum wieder wahrzunehmen, bemerkte ich, dass wir inzwischen auf der Wiese lagen. Arm in Arm, ganz dicht beisammen. Über uns waren inzwischen auch die Zitronenfalter zur Ruhe gekommen. Einige schwirrten noch in der Luft umher, doch die meisten hatten sich inzwischen wieder auf die Blumen und Gräser der Wiese gesetzt. Wir schauten uns tief in die Augen, sahen uns einfach nur an, strahlend vor Glück und gestanden uns schließlich im Untergang der Vega ineinander verliebt zu sein. Dann machten wir uns auf den Weg zu meinen Eltern.

Mir kommt in den Sinn, dass Evey nie danach gefragt hat, wie das mit den Schmetterlingen eigentlich wirklich funktioniert hatte. Ich glaube, sie wollte die Magie dieses Momentes nicht entzaubert wissen. Ich hab‘ ihr deshalb auch nie erzählt, dass ich den Eingang der Freelancer mit den Blütenstoffen derjenigen Pflanzen, die die Zitronenfalter auf der Farm meiner Eltern bestäuben, vorher eingesprüht hatte.

Meine Eltern schlossen sie sogleich ins Herz und auch meine Geschwister verstanden sich vom ersten Moment an super mit ihr. Auch umgekehrt war es so. Evey’s Eltern lebten in unserer Nachbarstadt Estilia und  mochten mich ebenso sehr, wie ich sie. Gleiches galt für ihre ältere Schwester. Über unsere gemeinsame Zeit hinweg, haben wir unsere Eltern immer wieder besucht. Wir waren zu einer großen Familie geworden. Und Evey und ich haben viele Zukunftspläne geschmiedet.

Sie wollte auf jeden Fall noch länger in der UEE bleiben und ging später, nach unserer zweijährigen Pilotenausbildung bei der Navy, als Captain zu den Marines, während ich meine Pflicht beim Militär erfüllt sah, sobald die Ausbildung abgeschlossen wäre. Statt dort weiter zu machen, wollte ich studieren, um später einmal gemeinsam mit Evey und meinen jüngeren Geschwistern die Farm meiner Eltern zu übernehmen. Wir hatten große Pläne und viele Ideen. Meine Eltern hätten mir aber niemals das nötige Studium bezahlen können. Die Farm warf dazu einfach nicht genug ab und an einen Ausbau war schon gar nicht zu denken. Es musste Geld also her. Sogar ziemlich viel Geld. Und es war Evey, die genau die richtige Idee hierzu hatte.

Eines Abends saßen wir in der Bay von New Corvo am Strand, lauschten den Wellen und beobachteten im Untergang der Vega die planetaren Ringe, die Aremis umgeben und einen seiner Monde, als dieser unser Blickfeld durchquerte. In Gedanken war ich schon wieder dabei, Evey einmal mehr zu verführen, als sie plötzlich meinte „Chhris, das Geld ist da oben … da oben in den Ringen.“ Ich zuckte zusammen, als hätte ich einen Schlag von einer Plasmaleitung bekommen. Das war’s. Evey lag im wahrsten Sinne des Wortes goldrichtig und so war die Idee geboren, das Studium nicht nur mit Rohstoffabbau in den Ringen von Aremis zu finanzieren, sondern damit Miller Hydroponics, dem Betrieb meiner Eltern, auch gleich einen neuen Geschäftszweig zu geben. Wir blieben an diesem Abend noch lange am Strand, die ganze Nacht hindurch bis zum frühen Morgen. Es war die schönste Nacht, die ich mit Evey je verbracht habe.

Damit fehlte uns eigentlich nur noch ein passendes Schiff, um unseren Plan auch in die Tat umzusetzen. Schließlich würden wir bald ausgebildete Navy-Piloten sein und ich hatte zusätzlich den zivilen Pilotenschein aus der Zeit vor der Navy. Ein bisschen was angespart hatte ich auch, aus der Zeit noch, als ich als Jugendlicher in den Mobishops von New Corvo gearbeitet hatte – um die private Akademie zum Erreichen der Äquivalenz besuchen zu können, ohne die an ein Studium ja gar nicht zu denken war. Und auch die Navy bezahlte uns gut, so dass wir beide etwas an die Seite legen konnten. Für eine neue Prospector oder gar was Größeres hätte es allerdings bei weitem nicht gereicht.

Doch dann, schon wenige Tage später, spielte uns das Glück erneut in die Karten. Evey und ich waren jede freie Minute bei der Navy zusammen. Wir saßen Mittags in der Kantine, als sie aufgeregt davon berichtete, soeben gehört zu haben, dass die Navy am Jump Point zum Oberon-System eine Prospector besatzungslos und driftend aufgefunden und aufgrund der damit verbundenen Gefahr für andere zu unserem Stützpunkt in New Corvo geschleppt hatte. Wie in solchen Fällen sonst üblich, wollte man sie anschließend wohl zunächst verschrotten, habe sich nach der einer Inspektion aber für eine Versteigerung entschieden, da sich vielleicht noch ein paar tausend Credits Materialwert erzielen ließen. Auch die große UEE war eben auf jeden Cent angewiesen. Das war unsere Chance! Sie konnten und wollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen!

Am darauf folgenden Samstag war es dann soweit. Zur Vorabbesichtigung kamen nur wenige Interessierte, die meisten drehten schon beim Blick aus der Ferne gleich wieder um, was natürlich gut für uns war – je weniger Interessenten umso kleiner der Preis. Wir schauten uns die alte Prospector genau an. Sie war augenscheinlich angegriffen worden, bis ein Brand im Innern das Ende des Kampfes bedeutet haben musste.

Schließlich wurde die Prospector zum Startgebot aufgerufen. 125.000 Credits sollte sie kosten, also nur etwa fünf Prozent ihres einstigen Neuwerts. Niemand meldete sich. Dann zwinkerte Evey mich an und hob den Arm. Ich weiß noch, dass die anderen Auktionsbesucher um uns herum sie verwundert anstarrten. Was wollte diese junge bildhübsche Frau mit einer Prospector? Und weil es keine Mitbieter gab, fiel dann auch ziemlich schnell der Hammer. Wir waren überglücklich und fielen uns in die Arme.

Die Reparatur der alten Prospector verlief in den folgenden Wochen viel besser als erwartet. Die Techniker in Dumpers Depot konnten nicht nur Schiffswracks auseinanderschweißen, sie konnten auch gebrauchte Teile und Komponenten wieder zu einem funktionsfähigen Schiff zusammensetzen. Und das für einen wirklich überschaubaren Preis. So haben wir haben am Ende für knapp zweihunderttausend Credits eine voll funktionsfähige Prospector bekommen. Und ich konnte alles selbst bezahlen, so dass am Ende nichts zu Lasten von Evey ging.

„Welchen Namen sollen wir ihr geben, Chhris?“ Evey schaute mich neugierig an bevor wir bei Dumper’s losflogen. „Ich liebe Dich so sehr, Evey“ antwortete ich „Sie soll Deinen Namen tragen, wenn Du einverstanden bist.“ Sie strahlte mit ihren leuchtenden grünen Augen, erfüllt von Zuversicht. „Los, wir machen uns zuerst auf den Weg zur Farm. Du fliegst!“ Und obwohl Evey zu diesem Zeitpunkt noch keine Fluglizenz besaß, ließ sie sich die Chance, den ersten Flug unserer Prospector zu übernehmen, nicht entgehen. Fast routiniert steuerte sie das Schiff bis zur Farm meiner Eltern. Dort gab es eine große Feier. Kurzum: Das Leben hätte nicht schöner, spannender und voller guter Aussichten sein können. Wir alle waren rundherum glücklich und ich dachte zum allerersten Mal daran, dass ich mit Evey eine eigene Familie gründen wollte.

Nach der Militärzeit schrieb ich mich 2940 an der Uni New Corvo wie geplant für den Studiengang Astrobiotechnologie mit den Nebenfächern Astrochemie und -geologie ein, während Evey vorhatte, bei der UEE zu bleiben. Sie meinte, dass uns ein festes Einkommen während meines Studiums nicht schaden könnte. Und hatte damit natürlich wie immer Recht.

Zusätzlich brachten uns die nahezu täglichen Ausflüge mit der „Evey“ in die planetaren Ringe von Aremis, die ich morgens meistens allein vor der Uni, abends oft mit Evey gemeinsam erledigte, sehr gute Einnahmen. Wir bauten zwar oft nur mittelwertige Materialien ab, um sie dann bei den lokalen Händlern in Aremis zu verkaufen, dennoch fragten wir uns, weshalb Bergbau bei uns im System so wenig Beachtung fand. Das lag wohl vor allem daran, dass Vega zu diesem Zeitpunkt insgesamt relativ industrieschwach war, was wohl wiederum mit der übermächtigen Präsenz und Bedeutung des Militärs dort zu tun hatte.

Evey war eine Meisterin des Abbaus von Asteroiden. Sie führte den Mininglaser unglaublich präzise, beinahe wie ein chirurgisches Instrument, um sorgfältig auch den noch so kleinsten wertbringenden Bestandteil herauszulösen und anschließend mit einem zufriedenen Grinsen in die Frachtcontainer zu befördern. Ich konnte ihr dabei stundenlang zusehen wie sie mit ihren wunderschönen Händen die Steuerungen bediente, dabei kerzengerade aufgerichtet im Pilotensitz saß. Selbst von der Seite waren ihre großen Augen und das unvergleichliche Strahlen darin zu sehen.  Und wenn sie dann zwischendurch einmal mit der Hand durch ihre langen schwarzen Haare fuhr oder den Kopf in den Nacken warf, war es stets um mich geschehen.  

So vergingen die glücklichsten sieben Jahre meines Lebens wie im Flug. Bis Herbst 2945. Evey bereitete gerade ihren Ausstieg bei der UEE vor und ich hatte das Studium erfolgreich beendet. Wir waren dabei den Betrieb meiner Eltern zusammen mit meinen Geschwistern zu übernehmen. Ich machte daheim die Prospector startklar. Es war mittags – an jenem Tag, dessen Datum wohl jeder im Verse kennt. Es war der fünfte Oktober.

Evey versah wie üblich ihren Dienst am Stützpunkt und ich wollte die tägliche Routine schneller als sonst erledigen und die eigentlich abendliche Miningtour schon am Mittag fliegen. Denn ich hatte vor, einen besonders schönen freien Abend mit Evey zu verbringen und wollte sie in die Bay von New Corvo entführen, dorthin, wo nach der Navy alles für uns angefangen hatte. Der Wetterbericht versprach eine klare Nacht. Und im Anblick der Monde und Ringe unseres Planeten wollte ich ihr endlich  einen Heiratsantrag machen.

Ich stand an der Prospector. Plötzlich hörte ich von New Corvo herüber Sirenengeheul. Im selben Moment schrillte ein Alarm auf meinem Mobi. Ein No-flight-emergency-Advice kam herein, in leuchtend orange-roten Farben pulsierte die Nachricht auf dem Holodisplay. Ich stand so, dass ich durch das Display den Stadtrand von New Corvo sehen konnte. Dort waren Flammen zu sehen und Rauch stieg über der Stadt auf. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass brennende Teile vom Himmel fielen und dabei Rauchfahnen hinter sich her zogen. Was war das? Ein Asteroideneinschlag? Ein Unfall auf der Orbitalstation?

Dann sah ich Laserfeuer am Himmel und erkannte die Silhouetten. Ich traute meinen Augen nicht, denn die kannte ich nur zu gut. Es waren Scythes und Glaives. Die Vanduul! Ich rannte zurück zur Farm, wo mein Bruder und meine älteste Schwestern standen und in den Himmel starrten. „Zurück!“, rief ich. „Holt die anderen und dann runter in die Kellerräume! Verbarrikadiert Euch! Los! Los!“ Sie folgten und der nächste Gedanke war, so schnell wie möglich zum Stützpunkt zu kommen. Evey war dort, aber davon abgesehen konnte die Navy jetzt jeden ausgebildeten Kampfpiloten brauchen, ganz gleich ob aktiv im Dienst oder nicht. Ich versuchte sie über Mobi zu erreichen, doch Evey antwortete nicht.

Also startete ich die Systeme der Prospector und noch bevor die Schilde auch nur annähernd auf Leistung waren, raste ich bereits im Tiefflug auf die Stadt zu. Mehrere Staffeln meiner alten Einheit waren bereits aufgestiegen. Über der Stadt tobte der Luftkampf. Wo immer ich eines der Vanduulschiffe vor die Nase bekam, feuerte ich mit allem drauf, was die kleinen Geschütze der „Evey“ hergaben. Hier und da erwischte mich Streufeuer, aber das machte der „Evey“ nichts aus.

Halsbrecherisch setzte ich neben einem Hangar am Stützpunkt auf.  Als mir einer der 2nd Lieutenants beim Aussteigen abwinkend entgegen lief rief ich ihm zu: „Miller, Captain, zur Einsatzleitung.“ Er ließ mich durch. Dort angekommen war ich nicht der einzige, der helfen wollte. Die Einsatzleitung sagte jedoch, dass alle verfügbaren Maschinen bereits in der Luft waren.

Es sah danach aus, dass die UEE dem Luftangriff standhielt und zusätzlich war die zweite Raumflotte unter Bishop’s Kommando bereits über Aremis eingetroffen. Dann erfuhr ich, dass die Marines in der Stadt im Einsatz waren, um den Angriff auch vom Boden aus abzuwehren. Gerüchte machten die Runde, dass abgeschossene Vanduul den Absturz eines ihrer Schiffe überlebt hatten und in der Stadt für Angst und Schrecken sorgten.  Mir schnürte sich der Magen zu. Evey! Ich rannte los…

… ich weiß nicht, wo ich wieder zu mir gekommen bin. Ein paar Menschen standen um mich herum, als ich aus dem Schutt gezogen wurde, begraben von den Trümmern eines Gebäudes. Mir fehlte jede Erinnerung daran. Meinem Gefühl nach mussten einige Stunden vergangen sein. Tatsächlich war ein ganzer Tag vergangen. Der Angriff lag fast 24 Stunden zurück.

Ich versuchte sofort, Evey über Mobi zu erreichen. Aber an meinem Ärmel hing nur noch ein Stückchen vom Armband. Dann erst spürte ich den Schmerz. Meine linke Hand war von Trümmern zerquetscht und abgetrennt worden. Und mit ihr mein Mobiglas. Von beidem fehlte jede Spur. Man wollte mich ins St. Aerik’s Hospital bringen. Ich wusste, das mit der Hand ließe sich richten. Viel schlimmer aber war der Verlust von Evey’s Signatur auf dem Mobi, ohne die ich keinen Kontakt zu ihr aufnehmen konnte. Auf dem Weg zum Krankenhaus erzählte mir einer der Rettungssanitäter, dass die Vanduul schon tags zuvor abgewehrt worden waren, Aremis jedoch schwer getroffen war. Große Teile der Stadt lagen in Schutt und Asche. Estilia aber war noch viel schlimmer dran und vollständig zerstört worden. Mein Gott, Evey’s Familie! Und sie selbst! Ich hoffte, dass sie sich wenigstens nicht allzu große Sorgen machte, weil ich ebenfalls nicht zu erreichen war. Dann verlor ich erneut das Bewusstsein.

Tage später erwachte ich im St Aerik’s. Ich versuchte aufzustehen und entfernte einige der Kabel, die mich mit den medizinischen Geräten verbanden. Mein Kopf schmerzte höllisch. Sofort kam eine Schwester ins Zimmer und hielt mich zurück. Man hatte mich zuvor ins Koma versetzen müssen, erklärte sie, um einige komplexe Eingriffe am Kopf vorzunehmen. Anscheinend hatte ich doch mehr abbekommen. Sie sagte, dass alles gut verlaufen sei und ich noch Ruhe bräuchte. Außerdem sei ich nun  stolzer Besitzer einer bionischen Hand. Ich hob die Hände – erstaunlich, es war kein Unterschied zu sehen. Und noch besser, auch nicht zu spüren. Alles fühlte sich genauso an wie immer.

Ich musste ihr versprechen vernünftig zu sein, wenn gleich ich in großer Sorge und Ungewissheit über Evey und unsere Familien am liebsten sofort das Krankenhaus verlassen hätte. Es beunruhigte mich sehr, niemanden von ihnen an meinem Bett zu sehen. Hätten sie gewusst, dass ich hier liege, wären Evey und meine Familie nie von meiner Seite gewichen.

Ich bat die Schwester, sich zu erkundigen, ob noch mehr Millers und vor allem eine Evey Ghora im Krankenhaus bekannt waren. Es dauerte eine Zeit bis sie schließlich zurück kam und mir mitteilte, dass niemand von meiner Familie hier gewesen sei, eine Evey Ghora allerdings schon. Ihr Gesichtsausdruck bedeutete, dass etwas Schlimmes geschehen war. Evey sei noch während des Angriffs mit sehr schweren Verletzungen behandelt worden. Es sei ihr dann zunächst besser gegangen, doch in der Nacht habe sich ihr Zustand unerwartet verschlechtert. Am Morgen darauf sei sie dann verstorben.

Es fühlte sich an, als ob sich unzählige glühende Eisen in meinen Körper bohrten. Ich riss den Mund auf, wollte schreien, doch ich konnte nicht. In meinen Augen brannten Tränen. Schließlich setzte mein Herz aus. Es war dieser Nachricht nicht gewachsen. Dann war da nur noch diese Dunkelheit, der ich dachte, niemals wieder entkommen zu können. Aber irgendwann sah ich Evey im Dunkeln. In der Ferne. Sie rief mir zu – dass sie lebt, dass sie mich liebt. Dass sie nicht an meinen Tod glaubt und dass sie mich suchen würde. Dann wachte ich auf. Und wusste was ich zu tun hatte.

Wieder laufen Tränen meine Wangen herunter. Aber sie brennen nicht mehr. Draußen ist es windstill. Die Klimaanlage surrt leise vor sich hin. „Ich liebe Dich, Evey, und ich werde Dich finden.“

 

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